{"id":10840,"date":"2007-03-28T16:20:00","date_gmt":"2007-03-28T14:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/neonazis-schutzlos-ausgeliefert-alternative-jugendliche-in-sachsen-anhalt\/"},"modified":"2021-08-24T21:49:59","modified_gmt":"2021-08-24T19:49:59","slug":"neonazis-schutzlos-ausgeliefert-alternative-jugendliche-in-sachsen-anhalt","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2007\/publikation\/neonazis-schutzlos-ausgeliefert-alternative-jugendliche-in-sachsen-anhalt\/","title":{"rendered":"Neonazis schutzlos ausgeliefert: Alternative Jugendliche in Sachsen-Anhalt"},"content":{"rendered":"<p>Grundrechte-Report 2007, Seiten 153 &#8211; 157<\/p>\n<p>Die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer rechten oder rassistischen Gewalttat zu werden, ist in Sachsen-Anhalt zehnmal so hoch wie in Hessen oder anderen alten Bundesl\u00e4ndern. Den Hauptbetroffenengruppen rechter Gewalt &#8211; nicht-rechte und alternative Jugendliche, Punks, Fl\u00fcchtlinge und Migranten\/innen &#8211; mangelt es nicht allein an Unterst\u00fctzung aus der gesellschaftlichen Mitte, sondern oft auch am elementaren Schutz durch die daf\u00fcr eigentlich zust\u00e4ndigen staatlichen Sicherheits- und Ermittlungsbeh\u00f6rden.<\/p>\n<p>Akut gef\u00e4hrdet sind alle diejenigen, die durch ihr \u00bbAnderssein\u00ab oder Aussehen nicht ins rechte Weltbild passen &#8211; insbesondere auch an Feiertagen wie dem sogenannten \u00bbHerrentag\u00ab, der in anderen Landstrichen Deutschlands eher als \u00bbHimmelfahrtstag\u00ab oder \u00bbVatertag\u00ab bekannt ist. Seit \u00fcber zehn Jahren kommt es immer wieder zu rassistisch motivierten Hetzjagden gegen Migranten\/innen und Fl\u00fcchtlinge zum \u00bbHerrentag\u00ab &#8211; sei es 1994 in Magdeburg oder im Jahr 2005 in Halberstadt am Bahnhof. Bei den wenigen soziokulturellen Zentren und Wohnprojekten von Punks und alternativen Jugendlichen herrscht zum \u00bbHerrentag\u00ab Mitte Mai grunds\u00e4tzlich erh\u00f6hte Wachsamkeit.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">Rechte Bedrohung ist Alltag in Oschers&shy;leben<\/h2>\n<p>So auch am 25. Mai 2006: In der 18000-Einwohner-Stadt Oschersleben bewegen sich nicht-rechte Jugendliche am \u00bbHerrentag\u00ab 2006 nach Einbruch der Dunkelheit nur in gr\u00f6\u00dferen Gruppen auf der Stra\u00dfe. Denn die Kreisstadt Oschersleben und der B\u00f6rdekreis \u00f6stlich der Landeshauptstadt Magdeburg geh\u00f6ren zu denjenigen Regionen in Sachsen-Anhalt, in denen die Dominanz einer rechten Alltagskultur seit mehreren Jahren einher geht mit einer Zunahme politisch rechts motivierter Gewalttaten. Die meisten alternativen Jugendlichen erinnern sich, dass nur ein Jahr zuvor &#8211; im Fr\u00fchjahr 2005 &#8211; ein Punk auf dem Nachhauseweg vom soziokulturellen Zentrum \u00bbAlge e.V.\u00ab im Oscherslebener Knochenpark v\u00f6llig \u00fcberraschend von mehreren Rechten brutal \u00fcberfallen wurde. Die Angreifer misshandelten ihr Opfer damals auch dann noch, als es bereits bewusstlos am Boden lag.<\/p>\n<p>Gegen 22:30 Uhr am 25. Mai 2006 bemerkt eine Gruppe von circa zehn alternativen Jugendlichen im Innenstadtbereich von Oschersleben mehrere Neonazis. Aus Angst bleiben die Jugendlichen erst einmal stehen. Dann registrieren sie, dass die Neonazis direkt auf sie zu laufen und fl\u00fcchten ver\u00e4ngstigt in verschiedene Richtungen. Drei junge M\u00e4nner und zwei junge Frauen entscheiden sich daf\u00fcr, zu dem scheinbar naheliegendsten Fluchtpunkt zu rennen: dem \u00f6rtlichen Polizeirevier, das weithin sichtbar ausgeschildert ist. \u00bbAls wir dort ankamen, haben wir vergeblich an der Eingangst\u00fcr des Reviers gezogen und gedr\u00fcckt und immer wieder panisch geklingelt, aber nie-mand hat uns aufgemacht\u00ab, schildert einer der Jugendlichen die Situation. Stattdessen kommen zwei der Neonazis um die Ecke und gehen sofort auf zwei der alternativen jungen M\u00e4nner los. Die beiden M\u00e4dchen und der dritte junge Mann aus der alternativen Gruppe k\u00f6nnen weglaufen.<\/p>\n<p>Die Neonazis z\u00f6gern nicht lange. \u00bbSo, ihr Schei\u00df-Zecken\u00ab, ruft einer der Angreifer und schl\u00e4gt einem der alternativen Jugendlichen, der noch versucht hatte, beruhigend auf die Rechten einzureden, mit der Faust zweimal aufs Ohr. Der 18-J\u00e4hrige f\u00e4llt daraufhin mit dem Kopf gegen die Hauswand und geht zu Boden. W\u00e4hrenddessen schl\u00e4gt ein zweiter Rechter dem anderen 18-J\u00e4hrigen mit der Faust aufs linke Auge. In dem Moment kommt ein weiterer Neonazi dazu, br\u00fcllt \u00bbSchei\u00df-Zecke\u00ab, zieht den 18-J\u00e4hrigen an den Haaren zu Boden, schl\u00e4gt ihm ebenfalls mit der Faust aufs Auge und tritt dann weiter auf den am Boden Liegenden ein. Erst als ein weiterer Rechter -offensichtlich ortskundiger als die drei vorherigen Angreifer &#8211;\u00a0hinzu kommt und darauf hinweist, dass man sich direkt vor dem Polizeirevier befinde, lassen die Neonazis von ihren Opfern ab und entfernen sich vom Tatort.<\/p>\n<p>Aus Angst vor weiteren Neonazis verstecken sich die beiden Opfer erst einmal hinter einem Baucontainer beim Polizeirevier. Als sie kurz darauf sehen, dass ein Auto mit zwei Polizeibeamten beim Revier vorf\u00e4hrt, kommen die Jugendlichen aus ihrem Versteck. Aufgel\u00f6st berichten sie den Beamten, was ihnen passiert ist. Doch die Polizisten wiegeln ab; die T\u00fcr zum Revier sei doch offen gewesen, und \u00fcberhaupt sei das Revier nur mit einem Beamten besetzt gewesen. Der habe eben nicht direkt intervenieren k\u00f6nnen. Immerhin bringen sie die Jugendlichen nun zu einer ersten Aufnahme des Sachverhalts ins Revier. Derweil gehen andere Beamte einem Hinweis nach, dass sich die Angreifer in einem Hof direkt gegen\u00fcber vom Polizeirevier aufhalten w\u00fcrden &#8211; der ohnehin stadtbekannt ist als Treffpunkt f\u00fcr Neonazis aus Oschersleben und der nahen Landeshauptstadt Magdeburg.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">Polizei, dein Freund und Helfer?<\/h2>\n<p>W\u00e4hrend die beiden Verletzten noch von Polizisten vernommen werden, bemerken einige ihrer Freunde, die sich mittlerweile vor dem Polizeirevier eingefunden haben, wie sich um sie herum immer mehr Neonazis sammeln. Ein alternativer Jugendlicher geht deshalb extra ins Revier und erkl\u00e4rt den Beamten, er bef\u00fcrchte weitere Gewalt durch die Rechten. Doch die Polizisten wiegeln ab. Sie reagieren auch nicht, als der junge Mann ihnen erkl\u00e4rt, dass einer der Angreifer nur wenige Meter entfernt vor dem Revier stehe, er diesen identifizieren k\u00f6nne und man doch bitte dessen Personalien aufnehmen solle.<\/p>\n<p>Das Selbstbewusstsein der Rechten ist an diesem Abend ohnehin grenzenlos. \u00bbIch schlag dir den Sch\u00e4del ein\u00ab, droht einer der Rechten vor dem Polizeirevier einer jungen Punkerin und h\u00e4lt dabei einen Plastikbeutel mit einem Schlagwerkzeug in der Hand. Auch die junge Frau wendet sich hilfesuchend an einen Polizeibeamten. Die Reaktion: Ihr wird ein Platzverweis erteilt. Als die beiden verletzten Jugendlichen nach ihrer Vernehmung das Polizeirevier verlassen wollen, warten noch immer etliche Rechte an einer nahe gelegenen Stra\u00dfenkreuzung. Erst nach l\u00e4ngerer Diskussion gelingt es den v\u00f6llig ver\u00e4ngstig-ten jungen M\u00e4nnern, Polizeibeamte davon zu \u00fcberzeugen, sie nach Hause zu bringen. \u00c4rzte stellen sp\u00e4ter fest, dass einem der 18-J\u00e4hrigen durch die Schl\u00e4ge ein Loch im Trommelfell zugef\u00fcgt wurde; der andere hat ein blutunterlaufenes blaues Auge.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Jugendlichen und ihre Freunde, die sich selbst als \u00bbnicht-rechts\u00ab oder \u00bbalternativ\u00ab bezeichnen, wich die Angst vor den T\u00e4tern schnell vor allem einem fassungslosen Staunen dar\u00fcber, dass sie keinerlei Hilfe von \u00bbihrem\u00ab Polizeirevier erhalten hatten. \u00bbWir wollten vor allem eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Verhalten der Polizisten\u00ab, sagt einer der Betroffenen. Doch im Polizeirevier Oschersleben wird jegliches Fehlverhalten geleugnet. Zugeh\u00f6rt wurde den alternativen Jugendlichen schlie\u00dflich in der Polizeidirektion Halberstadt, die auch die Dienstaufsicht \u00fcber das Polizeirevier in Oschersleben hat. Dort h\u00e4lt man die Aussagen der Jugendlichen f\u00fcr so glaubw\u00fcrdig, dass ein internes Dienstverfahren gegen die Beamten eingeleitet wurde.<\/p>\n<p>Neun Monate nach dem Angriff gibt es allerdings immer noch keine Anklage gegen die tatbeteiligten Neonazis. Dabei ist es in der Stadt ein offenes Geheimnis, dass am \u00bbHerrentag\u00ab Magdeburger Neonazis aus dem Umfeld der militanten Freien Kameradschaften mit den \u00bbKameraden\u00ab aus Oschersleben feierten. Und da niemand vor Ort den Rechten Grenzen setzt, ist das Selbstbewusstsein auch eher j\u00fcngerer Rechter aus dem Umfeld der organisierten Neonazis in Oschersleben seit dem Herrentagsangriff weiter gestiegen: In den Sommermonaten des Jahres 2006 sind es dann vor allem vietnamesische Migranten\/innen und deren L\u00e4den, die zu Zielen neonazistischer Angriffe wurden.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[772,822],"autoren":[1692],"publikationen":[1032],"class_list":["post-10840","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-20","tag-grr-artikel","autoren-heike-kleffner","publikationen-1032"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Neonazis schutzlos ausgeliefert: Alternative Jugendliche in Sachsen-Anhalt - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2007\/publikation\/neonazis-schutzlos-ausgeliefert-alternative-jugendliche-in-sachsen-anhalt\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Neonazis schutzlos ausgeliefert: Alternative Jugendliche in Sachsen-Anhalt - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Grundrechte-Report 2007, Seiten 153 &#8211; 157 Die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer rechten oder rassistischen Gewalttat zu werden, ist in Sachsen-Anhalt zehnmal so hoch wie in Hessen oder anderen alten Bundesl\u00e4ndern. 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