{"id":10842,"date":"2007-03-28T16:00:00","date_gmt":"2007-03-28T14:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/amerikas-gegenwart-ist-unsere-zukunft\/"},"modified":"2021-08-30T15:39:56","modified_gmt":"2021-08-30T13:39:56","slug":"amerikas-gegenwart-ist-unsere-zukunft","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2007\/publikation\/amerikas-gegenwart-ist-unsere-zukunft\/","title":{"rendered":"Amerikas Gegenwart ist unsere Zukunft"},"content":{"rendered":"<p>Rechtsstaat versus Guant&aacute;namo<\/p>\n<p>Grundrechte-Report 2007, Seiten 160 &#8211; 165<\/p>\n<p>Was interessiert uns in Deutschland Guant&aacute;namo? Man k&ouml;nnte zun&auml;chst frei nach Immanuel Kant antworten, dass zumindest manche Rechtsverletzungen an einem Platz der Erde an allen<br \/>gef&uuml;hlt werden. Dem Kampf um das Recht im Falle Guant&aacute;namo vor US-amerikanischen Gerichten kommt aber auch f&uuml;r den vergleichsweise jungen und mitunter fragilen bundesdeutschen Rechtsstaat gro&szlig;e Bedeutung zu. Nicht zuletzt die Enth&uuml;llungen in den europ&auml;ischen CIA-Entf&uuml;hrungsfallen (siehe u.a. der deutsche Fall el Masri, Artikel von Rosemarie Will in diesem Report) lassen die (nunmehr) verbal ablehnende deutsche und europ&auml;ische Haltung zu Guant&aacute;namo als Fassade erscheinen. In der harten Realit&auml;t wird zu US-amerikanischen Methoden bestenfalls geschwiegen, oft kooperiert, und einige der Methoden werden kopiert (siehe die europ&auml;ischen Terrorismuslisten, in: Wolfgang Kaleck, Grundrechte-Report 2006, S. 168 ff.). Deswegen sind die Auseinandersetzungen um die vornehmlich von den USA benutzten Methoden im Antiterrorismus-Kampf schon lange keine inneramerikanischen Auseinandersetzungen mehr. US-amerikanische sowie englische und deutsche Anw&auml;lte verteidigen Seite an Seite die Rechte ihrer dort inhaftierten Mandanten. Internationale Menschenrechtsorganisationen bek&auml;mpfen daher politisch und juristisch das f&uuml;r den &raquo;Krieg gegen den Terror&laquo; exemplarische Ph&auml;nomen Guant&aacute;namo. Denn wer zu Guant&aacute;namo schweigt, wer nicht gegen die Instrumentalisierung des Rechtes k&auml;mpft, braucht sich &uuml;ber die st&auml;ndigen Zumutungen bundesdeutscher Minister und Regierungsoffizieller wie die Forderung nach einer Abschussfreiheit f&uuml;r entf&uuml;hrte Flugzeuge oder nach Nutzungsm&ouml;glichkeiten erfolterter Informationen nicht zu wundern.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"schlappe-fuer-bush\">Schlappe f&uuml;r Bush<\/span><\/h2>\n<p>&Uuml;ber vier Jahre nach Einrichtung des Gefangenenlagers Guant&aacute;namo auf Kuba gab der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten von Amerika in seinem Urteil vom 29. Juni 2006 im Fall Hamdan gegen Rumsfeld den Kl&auml;gern Recht und erkl&auml;rte die f&uuml;r die Gefangenen zust&auml;ndigen Milit&auml;rkommissionen f&uuml;r rechtswidrig (<a href=\"http:\/\/www.supreinecourtus.gov\/opinions\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.supreinecourtus.gov\/opinions\/<\/a> 05pdf\/05-184.pdf). Es war bereits die dritte herbe Schlappe, die die Bush-Regierung vor dem Obersten Gerichtshof der USA in Sachen Guant&aacute;namo einstecken musste, ohne dass eine grunds&auml;tzliche Korrektur rechtsstaatswidriger Praktiken zu erkennen w&auml;re.<\/p>\n<p>Nach dem 11. September 2001 hatte die Bush-Administration in brachialer Art und Weise nationale und internationale rechtsstaatliche Standards gegen Terrorismusverd&auml;chtige au&szlig;er Kraft und damit weltweit neue Ma&szlig;st&auml;be gesetzt. Der Pr&auml;sident der USA lie&szlig; sich von seinen Kronjuristen unbeschrankte Befugnisse zuschreiben. So ordnete Bush am 13. November 2001 an, dass die Verd&auml;chtigen von terroristischen Attentaten zu verhaften und dabei Nicht-US-B&uuml;rger nicht von ordentlichen Gerichten, sondern von eigens geschaffenen Milit&auml;rkommissionen abgeurteilt werden sollten. Diese Milit&auml;rkommissionen sollten aus Angeh&ouml;rigen der US-Streitkr&auml;fte bestehen und ihre Entscheidungen lediglich durch den Pr&auml;sidenten, nicht durch ordentliche Gerichte &uuml;berpr&uuml;ft werden. Hamdan, der einger&auml;umt haben soll, der pers&ouml;nliche Chauffeur und Leibw&auml;chter von Osama Bin Laden gewesen zu sein, hatte einen langen Instanzenweg durchschritten, bis die Entscheidung des Supreme Court erging. Der Supreme Court entschied, dass die vom Pr&auml;sidenten eingerichteten Milit&auml;rkommissionen zumindest dem Kriegsrecht hatten entsprechen m&uuml;ssen oder eine Kongresserm&auml;chtigung h&auml;tte ergehen m&uuml;ssen, die nach der Auffassung des Gerichtes nicht vorlag. Das Gericht stellte ferner fest, dass bestimmte rechtsstaatliche Mindeststandards durch die Milit&auml;rkommissionen nicht gew&auml;hrleistet seien, so u. a. das Recht des Angeklagten, die gegen ihn vorliegenden Beweise einzusehen, das Unmittelbarkeitsprinzip und Rechtsschutzm&ouml;glichkeiten.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"gesetzgeberische-taschenspielertricks\">Gesetz&shy;ge&shy;be&shy;ri&shy;sche Taschen&shy;spie&shy;ler&shy;tricks<\/span><\/h2>\n<p>Wer nun glaubte, dass die USA nach der Supreme Court-Entscheidung und nach Jahren der Kritik von zun&auml;chst wenigen und dann immer mehr B&uuml;rgerrechtlern, sp&auml;ter weltweiter &ouml;ffentlicher Kritik, erheblichen juristischen Niederlagen vor US-amerikanischen Gerichten und Protest von zahlreichen UN-Stellen auf den Pfad der Rechtsstaatlichkeit zur&uuml;ck f&auml;nden, sah sich get&auml;uscht. Wie schon im Falle der bundesdeutschen und der britischen Regierung, die sich &uuml;ber deutliche h&ouml;chste<br \/>Gerichtsentscheidungen hinwegsetzten, reagierte die Bush-Administration schnell und legte einen neuen Gesetzesentwurf &uuml;ber den sogenannten Military Commission Act (MCA) von 2006 vor, der noch vor den Kongress- und Senatswahlen vom Kongress verabschiedet wurde und am 17. November 2006 in Kraft trat. Das Gesetz legt fest, dass die Genfer Konventionen weiterhin nicht anwendbar sein sollen. Der in den Konventionen und anderen Menschenrechtspakten nicht gel&auml;ufige Begriff des ungesetzlichen Kombattanten soll Ausgangspunkt der neuen gesetzlichen Regelung bleiben. Das Recht auf Haftpr&uuml;fung (habeas corpus) wird den Gefangenen nach wie vor verweigert, obwohl das Prinzip Bestandteil der US-amerikanischen Verfassung (dort Artikel 1 Absatz 9) ist und es der Regierung verboten ist, au&szlig;er in Zeiten der Invasion und der Rebellion dieses Prinzip aufzuheben. Nicht-US-B&uuml;rgern auf Guant&aacute;namo soll dieses Prinzip jedoch weiterhin vorenthalten werden. Rechtsstaatliche Standards wie das Auskunftsverweigerungsrecht, der Zugang zu Beweisen und die Verwertung bestimmter Beweise werden nach wie vor nicht gestattet.<\/p>\n<p>Trauriger H&ouml;hepunkt des MCA ist die nachtr&auml;gliche Selbstamnestierung, welche die Bush-Administration im MCA gegen alle nationalen und internationalen Verbote von Amnestien im Falle von Kriegsverbrechen durchsetzte. Durch einen Taschenspielertrick versuchte die Bush-Administration, vor allem die Strafverfolgung gegen zivile Vorgesetzte und Verantwortliche f&uuml;r Folter und Kriegsverbrechen zu vermeiden. Es wurde ein bereits bestehendes Gesetz, der sogenannte War Crimes Act (WCA) von 1996, r&uuml;ckwirkend modifiziert, sodass urspr&uuml;ngliche Gesetzesverst&ouml;&szlig;e, die nach dem zur Tatzeit geltenden WCA geahndet werden m&uuml;ssen, nunmehr nicht mehr geahndet werden k&ouml;nnen. Der MCA definiert den Begriff Kriegsverbrechen, der bisher durch V&ouml;lkergewohnheitsrecht ziemlich genau bestimmt ist, neu. Folter soll nur noch in einer von der Bush-Administration entwickelten, engen Auslegung Kriegsverbrechen darstellen, obwohl bereits vom UN-Anti-Folterausschuss im Mai 2006 ger&uuml;gt wurde, dass die Definition, die von den Bush-Kronjuristen in Umlauf gebracht wurde, nicht im Einklang mit dem V&ouml;lkerrecht steht. Nach dieser engen Auslegung<br \/>l&auml;ge Folter nur dann vor, wenn es sich uni ein &raquo;vors&auml;tzliches Zuf&uuml;gen von schweren k&ouml;rperlichen und seelischen Schmerzen&laquo; handelt. Damit werden missbrauchsbehaftete Befragungstechniken, wie sie nach dem 11. September 2001 praktiziert wurden, etwa Unterk&uuml;hlung, Schlafentzug sowie das &raquo;WaterBoarding&laquo;, grunds&auml;tzlich nicht mehr als Folter bewertet. Grausame und unmenschliche Behandlung, ebenfalls fr&uuml;her unter Strafe gestellt, sollen nur noch dann Straftaten darstellen, wenn sie ernsthafte und nicht vor&uuml;bergehende psychische und physische Schmerzen und Leiden verursachen. Nach internationalem Recht strafbare und zu verfolgende entw&uuml;rdigende und dem&uuml;tigende Handlungen gegen Gefangene sollen nunmehr nicht dem MCA unterliegen. Da die uniformierten Angeh&ouml;rigen der US-Streitkr&auml;fte ohnehin einem anderen Gesetz unterfallen, bezieht sich das modifizierte Gesetz vor allem auf zivile Mitarbeiter im US-Verteidigungsministerium, CIA-Angestelle und Angestellte privater Sicherheitsunternehmen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"buergerrechtler-kaempfen-weiter\">B&uuml;rger&shy;rechtler k&auml;mpfen weiter<\/span><\/h2>\n<p>Wie gewonnen, so zerronnen, k&ouml;nnte man angesichts dieser Abfolge von zu begr&uuml;&szlig;enden Urteilen durch den Obersten Gerichtshof und dem Erlass des Military Commissions Act kommentieren. Der neue MCA wird sicherlich erneut die Gerichte und wahrscheinlich nach mehreren Jahren auch wieder den Supreme Court besch&auml;ftigen. Auf der einen Seite sind die Bem&uuml;hungen von mittlerweile erheblichen Teilen der US-&Ouml;ffentlichkeit und vor allem der B&uuml;rgerrechtsanw&auml;lte und -organisationen, rechtsstaatliche Verh&auml;ltnisse f&uuml;r alle von den USA gefangen genommenen Menschen zu garantieren, erfreulich. Auf der anderen Seite bleibt das Faktum, dass vor allem in den Jahren 2001 bis 2003 sowohl in Afghanistan als auch in Guant&aacute;namo und sp&auml;ter im Irak massiv, systematisch und fl&auml;chendeckend Gefangene, die dem Schutz der Genfer Konvention unterliegen, gefoltert und grausam und unmenschlich behandelt wurden. An diesem Beispiel wird deutlich, dass V&ouml;lkervertrags- und sogar V&ouml;lkergewohnheitsrecht absolut unabdingbar und nicht &#8211; wie auch in Deutschland durchaus<br \/>&uuml;blich &#8211; als weiches Recht zu behandeln sind, will man nicht bei Zust&auml;nden wie auf Guant&aacute;namo und im Irak landen.<\/p>\n<p>Trotz aller Kritik besteht das Gefangenenlager auf Guant&aacute;namo nach wie vor. Die derzeitige Legitimation der Bush-Administration lautet, man m&uuml;sse nunmehr &#8211; nach vier Jahren! &#8211; die Milit&auml;rgerichtsverfahren gegen einen Teil der Gefangenen durchf&uuml;hren und k&ouml;nne den anderen Teil nicht in ihre Heimatl&auml;nder abschieben, da sie dort m&ouml;glicherweise gefoltert w&uuml;rden. Dies ist traurigerweise so richtig wie zynisch. Viele der Gefangenen sind bereits an den unmenschlichen Haftverh&auml;ltnissen zerbrochen. Es kam zu Selbstmorden und Selbstmordversuchen. US-Anw&auml;lte, die in langen und aufwendigen Prozeduren durchgesetzt hatten, die von ihnen vertretenen Mandanten zu besuchen, berichten von traumatisierten und schwer gesch&auml;digten Mandanten. Das Traurige ist, dass im Moment kaum Hoffnung auf eine &Auml;nderung f&uuml;r sie besteht.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt diese andauernden Zust&auml;nde und die andauernde Straflosigkeit in den USA hatten schlie&szlig;lich das Center for Constitutional Rights im November 2006 erneut dazu bewegt, in Deutschland Strafanzeige gegen die Verantwortlichen f&uuml;r die Durchsetzung des Folterprogramms, vor allem gegen den ehemaligen US-Verteidigungsminister Rumsfeld, zu erstatten (vgl. dazu <a href=\"http:\/\/www.rav.de\/rumsfeld2.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.rav.de\/rumsfeld2.html<\/a>).<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[772,822],"autoren":[286],"publikationen":[1032],"class_list":["post-10842","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gg-artikel-20","tag-grr-artikel","autoren-wolfgang-kaleck","publikationen-1032"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Amerikas Gegenwart ist unsere Zukunft - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/grundrechte-report\/2007\/publikation\/amerikas-gegenwart-ist-unsere-zukunft\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Amerikas Gegenwart ist unsere Zukunft - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Rechtsstaat versus Guant&aacute;namo Grundrechte-Report 2007, Seiten 160 &#8211; 165 Was interessiert uns in Deutschland Guant&aacute;namo? 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