{"id":10847,"date":"2017-11-10T10:53:00","date_gmt":"2017-11-10T09:53:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/soziale-menschenrechte-keine-rechte-zweiter-klasse-1\/"},"modified":"2021-08-30T15:42:32","modified_gmt":"2021-08-30T13:42:32","slug":"soziale-menschenrechte-keine-rechte-zweiter-klasse-1","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/219\/publikation\/soziale-menschenrechte-keine-rechte-zweiter-klasse-1\/","title":{"rendered":"Soziale Menschenrechte \u0096 keine Rechte zweiter Klasse!"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg&auml;nge Nr. 219 (2\/2017), S. 23<\/p>\n<p><i>Der Internationale Pakt &uuml;ber wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (UN-Sozialpakt) beinhaltet eine ganze Bandbreite sozialer Rechtsanspr&uuml;che, beispielsweise das Recht auf Arbeit, das Recht auf soziale Sicherheit, das Recht auf Gesundheit oder das Recht auf Bildung.[1] All diese Rechte wurden bereits 1976 f&uuml;r Deutschland mit der Ratifikation des Paktes verbindlich.[2] Der folgende Beitrag von Claudia Mahler beleuchtet die Gleichwertigkeit wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Rechte mit den b&uuml;rgerlichen und politischen Rechten. Dar&uuml;ber hinaus stellt er die Pr&uuml;fverfahren dar, mit denen die Umsetzung der Rechte in Deutschland kontrolliert wird, und geht auf die unmittelbare Anwendbarkeit und Justiziabilit&auml;t der Rechte des UN-Sozialpaktes ein.[3]<\/i><\/p>\n<h5><span id=\"1-einfuehrung\">1. Einf&uuml;hrung<\/span><\/h5>\n<p>Im Jahre 1948[4] wurde die Allgemeine Erkl&auml;rung der Menschenrechte (AEMR) beschlossen, um ein Bekenntnis gegen die Gr&auml;ueltaten nach dem Zweiten Weltkrieg zu manifestieren. Die Allgemeine Erkl&auml;rung enth&auml;lt sowohl wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte als auch b&uuml;rgerliche und politische Rechte. Die Vereinigung aller Menschenrechte in diesem Dokument manifestiert die Gleichwertigkeit und Unteilbarkeit der Menschenrechte. Aufgrund der sehr unterschiedlichen politischen Positionen w&auml;hrend des Kalten Krieges konnte sich die Staatengemeinschaft nicht auf einen einheitlichen verbindlichen Vertrag einigen.<\/p>\n<p>Im Jahre 1966 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen sowohl den UN-Sozialpakt, der von den sozialistischen Staaten favorisiert wurde, als auch den Internationalen Pakt &uuml;ber b&uuml;rgerliche und politische Rechte (UN-Zivilpakt), der von den Staaten des Westens vorangetrieben wurde. In Deutschland gelten beide Pakte seit 1976.<\/p>\n<p>Die Einhaltung der Verpflichtungen aus den beiden Pakten wird durch ein sogenanntes Staatenberichtsverfahren &uuml;berpr&uuml;ft. Am Ende des Berichtszyklus stehen Empfehlungen (Abschlie&szlig;ende Bemerkungen\/Concluding Observations), die der pr&uuml;fende Ausschuss dem Vertragsstaat als &#8222;Hausaufgaben&#8220; mit auf den Weg gibt, wie die Umsetzung der Rechte aus dem Pakt bis zum n&auml;chsten Staatenbericht verbessert werden kann.<\/p>\n<p>Dennoch zeigt sich bereits bei der Entstehung der beiden Pakte, dass es bedeutende Unterschiede geben soll. Beispielsweise war f&uuml;r den UN-Zivilpakt bereits von Anfang an ein Fakultativprotokoll (Zusatzprotokoll) ausgehandelt worden. Durch die Ratifikation dieses Fakultativprotokolls haben die Staaten ein Individualbeschwerdeverfahren f&uuml;r b&uuml;rgerliche und politische Rechte zugelassen. Das hei&szlig;t der\/die Einzelne kann sich nach der Ersch&ouml;pfung des nationalen Rechtswegs an ein Gremium bei den Vereinten Nationen wenden und sich beschweren, dass seine\/ihre Menschenrechte durch den Vertragsstaat verletzt worden sind. F&uuml;r den UN-Sozialpakt gab es zun&auml;chst kein Fakultativprotokoll, was zu einem Ungleichgewicht zwischen den beiden Pakten gef&uuml;hrt hat.<\/p>\n<p>Erst am 10. Dezember 2008 verabschiedete die UN-Generalversammlung nach intensiven Verhandlungen eine Resolution f&uuml;r ein Fakultativprotokoll zum UN-Sozialpakt.[5] Spanien ratifizierte als erster europ&auml;ischer Staat dieses Fakultativprotokoll.[6] Die zum In-Kraft-Treten erforderliche zehnte Ratifikation wurde von Uruguay am 5. Februar 2013 hinterlegt,[7] wodurch das Protokoll am 5. Mai 2013 in Kraft trat. Das hat die Justiziabilit&auml;t f&uuml;r wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte deutliche verbessert.[8] Deutschland hat sich auf UN-Ebene stark f&uuml;r das Fakultativprotokoll eingesetzt, es trotzdem noch immer nicht ratifiziert.[9]<\/p>\n<h5><span id=\"2-das-staatenberichtsverfahren\">2. Das Staaten&shy;be&shy;richts&shy;ver&shy;fahren<\/span><\/h5>\n<p>Nach Artikel 18 des UN-Sozialpaktes m&uuml;ssen die Vertragsstaaten &#8211; also auch Deutschland &#8211; alle vier Jahre einen umfassenden sogenannten periodischen Bericht (Periodical report) zum Stand der Umsetzung des UN-Sozialpakts in ihrem Land vorlegen. In Deutschland hat das Bundesministerium f&uuml;r Arbeit und Soziales daf&uuml;r die Federf&uuml;hrung. Der derzeit aktuelle 6. Staatenbericht der Bundesrepublik Deutschland wurde im Februar 2017 in Genf beim zust&auml;ndigen Ausschuss eingereicht. Die n&auml;chste Station im Staatenberichtsverfahren ist das Zusammenstellen von wichtigen Fragen zur Erg&auml;nzung oder Klarstellung des Staatenberichts, der von Deutschland vorgelegt worden ist.<\/p>\n<p>Der Bericht der Bundesregierung wird zun&auml;chst von einer vorbereitenden Arbeitsgruppe des Ausschusses ausgewertet. Auf dieser Grundlage stellt der Ausschuss dann in einem n&auml;chsten Schritt die sogenannte List of Issues and Questions zusammen. Diese enth&auml;lt R&uuml;ckfragen zum Bericht an Deutschland. Der List of Issues kommt eine besondere Bedeutung zu, denn damit kann die Darstellung der Regierung kritisch hinterfragt und k&ouml;nnen gezielt weitere Erkl&auml;rung zu bestimmten Punkten eingefordert werden. Auch Nichtregierungsorganisationen k&ouml;nnen dem Ausschuss zu diesem Zeitpunkt Themenvorschl&auml;ge f&uuml;r die List of Issues liefern. Die Fragen der zivilgesellschaftlichen Akteure mussten bis Mitte August 2017 in englischer oder franz&ouml;sischer Sprache beim Ausschuss-Sekretariat eingegangen sein.[10] Durch die Fragen der zivilgesellschaftlichen Akteure k&ouml;nnen auch neue Themen angesprochen werden, wie beispielsweise Armut in Deutschland, oder die Verbindung zwischen den Sustainable Development Goals (SDGs, Nachhaltigkeitsziele) und sozialpolitischen Ma&szlig;nahmen bzw. Indikatoren in Deutschland.<\/p>\n<p>Die erg&auml;nzenden Fragen an Deutschland wurden auf der Sitzung der Vorbereitungsgruppe des UN Ausschusses zur &Uuml;berpr&uuml;fung der Umsetzung des UN Sozialpaktes im Oktober 2017 ausgearbeitet. Dabei wurden auch die Eingaben aus der Zivilgesellschaft ber&uuml;cksichtigt. Mit diesen Fragen will der Ausschuss kl&auml;rende Antworten auf L&uuml;cken oder Unklarheiten im Staatenbericht erhalten.<\/p>\n<p>Schlie&szlig;lich wird der Staatenbericht bei einer Sitzung des Ausschusses in Genf ausf&uuml;hrlich gepr&uuml;ft. Dies wird f&uuml;r Deutschland im September bzw. Oktober 2018 soweit sein. Das kann an einem Tag aber auch an zwei halben Tagen geschehen. Dazu stellt der Ausschuss Fragen an eine Delegation der Bundesregierung. Nach diesem kritischen Dialog mit Frage- und Antwortm&ouml;glichkeiten zieht sich der Ausschuss zu Beratungen zur&uuml;ck und entwirft im Anschluss seine Empfehlungen an den Vertragsstaat.<\/p>\n<p>Wenn das &Uuml;berpr&uuml;fungsverfahren beendet ist, spricht der Ausschuss die sogenannten Abschlie&szlig;enden Bemerkungen (Concluding Observations) aus. Positive Entwicklungen in der Umsetzung des UN-Sozialpaktes werden ebenso dargestellt wie Problembereiche, und auf dieser Grundlage Empfehlungen f&uuml;r Ma&szlig;nahmen gegeben, die der Staat ergreifen sollte, zum Beispiel die &Auml;nderung von Gesetzen, politische Ma&szlig;nahmen oder Programme. Dabei hebt der Ausschuss einzelne Empfehlungen hervor, die er f&uuml;r besonders wichtig h&auml;lt. Zu den anderen Empfehlungen wird ein Bericht des Staates im folgenden Staatenbericht nach vier Jahren erwartet. NGOs k&ouml;nnen die Empfehlungen f&uuml;r ihre Arbeit nutzen. <br \/>Abschlie&szlig;ende Bemerkungen sind f&uuml;r die Bundesregierung nicht rechtsverbindlich, aber geben Handlungsanweisungen f&uuml;r die bessere Umsetzung des UN-Sozialpakts. Der Ausschuss verdeutlicht damit seine Ansicht zu den Zielen der Konvention, zu den in ihr festgelegten Rechten und Pflichten sowie zur Zul&auml;ssigkeit oder Unzul&auml;ssigkeit bestimmter Handlungen. Dies kann von der Zivilgesellschaft und dem Parlament als Grundlage menschenrechtspolitischer Arbeit genutzt werden, um gegebenenfalls die Umsetzung konkreter Empfehlungen voranzutreiben.<\/p>\n<h5><span id=\"3-wirtschaftliche-soziale-und-kulturelle-rechte-in-der-deutschen-rechtsordnung\">3. Wirtschaft&shy;liche, soziale und kulturelle Rechte in der deutschen Rechts&shy;ord&shy;nung<\/span><\/h5>\n<p>Im Jahr 1976 ist der UN-Sozialpakt&nbsp; f&uuml;r die Bundesrepublik Deutschland in Kraft getreten. Die materiell-rechtlichen Bestimmungen des Paktes betreffen die Bereiche Arbeitsleben (Art. 6-8), soziale Sicherheit (Art. 9), Schutz der Familie (Art. 10), angemessener Lebensstandard (Art. 11), Gesundheitsschutz (Art. 12) sowie Bildung (Art. 13 und 14) und Kultur (Art. 15). Der UN-Sozialpakt wurde von Deutschland ratifiziert und ist dadurch gem&auml;&szlig; Art. 59 Abs. 2 GG verbindlicher Bestandteil der deutschen Rechtsordnung im Range einfachen Bundesrechts&nbsp; geworden. Gem&auml;&szlig; Art. 20 Abs. 3 GG sind die Normen des UN-Sozialpaktes als einfaches Bundesrecht von allen staatlichen Organen des Bundes und der L&auml;nder zu beachten. Die in Deutschland in Kraft getretenen menschenrechtlichen Vertr&auml;ge m&uuml;ssen bei der Rechtsanwendung ber&uuml;cksichtigt werden. Dies gilt auch f&uuml;r den UN-Sozialpakt. Verletzungen von unmittelbar anwendbaren oder unmittelbar wirksamen Rechten aus dem Pakt k&ouml;nnen vor innerstaatlichen Gerichten geltend gemacht werden.<\/p>\n<p>Aufgrund der V&ouml;lkerrechtsfreundlichkeit des Grundgesetzes ist eine v&ouml;lkerrechtskonforme und menschenrechtsfreundliche Auslegung sowohl des einfachen Rechts als auch des Grundgesetzes geboten. Dies gilt f&uuml;r Menschenrechtsvertr&auml;ge der Vereinten Nationen ebenso wie f&uuml;r die Europ&auml;ische Menschenrechtskonvention.<\/p>\n<p>Weitere Aufschl&uuml;sse &uuml;ber die Anerkennung der Justiziabilit&auml;t[11] der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte kann auch die Ratifikation und die innerstaatliche Anwendbarkeit der UN-Behindertenrechtekonvention (UN-BRK) geben. In ihr sind sowohl b&uuml;rgerliche und politische als auch wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte vereint. Alle Rechte der UN-BRK k&ouml;nnen mittels Individualbeschwerdeverfahren geltend gemacht werden. Dies gilt ebenso f&uuml;r die UN-Kinderrechtskonvention und die UN-Frauenrechtskonvention. Deutschland hat im Zusammenhang mit diesen Menschenrechtkonventionen das Individualbeschwerderecht vollumf&auml;nglich anerkannt. Daraus kann man ableiten, dass Deutschland die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte, die in diesen Konventionen verb&uuml;rgt sind, f&uuml;r justiziabel h&auml;lt. Bez&uuml;glich der UN-BRK gibt es auch schon einige Beispiele aus der nationalen Rechtsprechung, die zeigen, dass menschenrechtliche Normen geeignet sind, die nationalen Rechtspositionen von Interessengruppen zu st&auml;rken.<\/p>\n<p>4. Justiziabilit&auml;t und unmittelbare Anwendbarkeit der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte<\/p>\n<p>Es gibt viele Definitionen zur Justiziabilit&auml;t;[12] die nachfolgende enth&auml;lt viele Aspekte, die auch andere Definitionen umfassen.<br \/>Der Expertenausschuss zur &Uuml;berpr&uuml;fung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte hat sich in einigen seiner Allgemeinen Bemerkungen, in denen er den Sozialpakt autoritativ auslegt, sehr ausf&uuml;hrlich zur Frage der Justiziabilit&auml;t und der unmittelbaren Anwendbarkeit der Paktrechte ge&auml;u&szlig;ert. Er zeigt hier sehr deutlich auf, dass die Normen direkt zur Anwendung kommen k&ouml;nnen.[13] Jeder Staat muss zumindest den Kerngehalt jedes Rechtes unmittelbar umsetzen. Diese Verpflichtung wird auch nicht durch den &#8222;Ressourcenvorbehalt&#8220; gem&auml;&szlig; Art. 2 Abs. 1, wonach der Staat &#8222;unter Aussch&ouml;pfung aller seiner M&ouml;glichkeiten&#8220; die Paktrechte umzusetzen hat, ausgesetzt.[14] Eine Norm aus einem innerstaatlich geltenden v&ouml;lkerrechtlichen Vertrag ist unmittelbar anwendbar, wenn aus ihr Rechtsfolgen f&uuml;r konkrete Einzelf&auml;lle abgleitet werden k&ouml;nnen. Dies liegt dann vor, wenn die inhaltliche Bestimmtheit der Norm zur Rechtsanwendung ausreichend ist.[15]<\/p>\n<p>Von der Frage der unmittelbaren Anwendbarkeit zu unterscheiden ist die Frage, ob eine Norm unmittelbare Wirkung, ein subjektives Recht, entfaltet.[16] Zweifel bez&uuml;glich der unmittelbaren Wirkung sind durch die Einf&uuml;hrung eines Individualbeschwerdeverfahrens durch das Fakultativprotokoll zum Sozialpakt endg&uuml;ltig ausger&auml;umt. Durch das subjektive Recht kann sich der\/die Einzelne vor jedem nationalen Gericht unmittelbar auf das Recht berufen, unter der Voraussetzung, dass dieses unmittelbar anwendbar ist. Die Auffassung, der UN-Sozialpakt beinhalte ausschlie&szlig;lich Programms&auml;tze, gilt auf der internationalen Ebene als &uuml;berwunden, da die Normen g&auml;nzlich oder in Teilen direkt anwendbar sind.[17] Hierf&uuml;r gibt es neben dem Fakultativprotokoll, das eine internationale Beschwerdeinstanz eingef&uuml;hrt hat, auch schon deutliche Hinweise aus der Rechtsprechung anderer Staaten[18] sowie aus Deutschland[19].<\/p>\n<h5><span id=\"5-wirtschaftliche-soziale-und-kulturelle-rechte-in-der-rechtsprechung\">5. Wirtschaft&shy;liche, soziale und kulturelle Rechte in der Recht&shy;spre&shy;chung<\/span><\/h5>\n<p>Bislang nehmen deutsche Gerichte ausgesprochen selten auf internationale wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte Bezug und &uuml;berpr&uuml;fen deren Anwendbarkeit auf den konkreten Fall. Geschieht dies doch einmal, wie etwa in Entscheidungen zu den Studiengeb&uuml;hren, scheint eine kritische Distanz gegen&uuml;ber den Gew&auml;hrleistungen des Paktes durch.[20] Aus den Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts zu &#8222;Hartz IV&#8220; und zum Asylbewerberleistungsgesetz, die nachfolgend kurz behandelt werden, ist jedoch eine positive Tendenz abzulesen.<\/p>\n<h5><span id=\"das-grundrecht-auf-gewaehrleistung-eines-menschenwuerdigen-existenzminimums\">Das Grundrecht auf Gew&auml;hr&shy;leis&shy;tung eines menschen&shy;w&uuml;r&shy;digen Existenz&shy;mi&shy;ni&shy;mums<\/span><\/h5>\n<p>In seiner Entscheidung vom 9. Februar 2010 (1 BvL 1\/09) hat das Bundesverfassungsgericht seine Rechtsprechung zum Grundrecht auf Gew&auml;hrleistung eines menschenw&uuml;rdigen Existenzminimums f&uuml;r alle in Deutschland lebenden Menschen fortentwickelt. Das eigenst&auml;ndige Recht gr&uuml;ndet sich auf Art. 1 Abs. 1 GG (Menschenw&uuml;rde) in Verbindung mit Art. 20 Abs. 1 GG (Sozialstaatsprinzip).[21] Es besteht damit grunds&auml;tzlich unabh&auml;ngig von der Staatsangeh&ouml;rigkeit oder dem Aufenthaltsstatus einer Person.[22] Aus dem Grundrecht leitet sich eine objektiv-rechtliche Verpflichtung des Staates verbunden mit einem subjektiv-rechtlichen Leistungsanspruch des hilfebed&uuml;rftigen Grundrechtstr&auml;gers ab.[23] Es sichert jedem Hilfebed&uuml;rftigen diejenigen materiellen Voraussetzungen zu, die f&uuml;r seine physische Existenz und f&uuml;r ein Mindestma&szlig; an Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben unerl&auml;sslich sind.[24] Den individuellen Anspruch auf Gew&auml;hrleistung eines menschenw&uuml;rdigen Existenzminimums besitzt jedes Mitglied einer Bedarfsgemeinschaft. Dies trifft auch auf Kinder zu.[25] Die Ausgestaltung der Norm muss auf die Deckung der existenznotwendigen Bedarfe jedes individuellen Grundrechtstr&auml;gers ausgerichtet sein. Die Bedarfsbemessung muss transparent und nachvollziehbar sein und die H&ouml;he der Bedarfe muss regelm&auml;&szlig;ig &uuml;berpr&uuml;ft werden. Diese Kriterien werden in ganz &auml;hnlicher Weise auch vom Sozialpaktausschuss zum Recht auf soziale Sicherheit herangezogen.<\/p>\n<p>Seine Rechtsprechung zum menschenw&uuml;rdigen Existenzminimum bekr&auml;ftigte das Bundesverfassungsgericht mit seiner Entscheidung vom 18. Juli 2012 zum AsylbLG (1 BvL 10\/10). In diesem Urteil wies es den Gesetzgeber explizit darauf hin, dass bei der Anpassung des Gesetzes an das Urteil auch die v&ouml;lkerrechtlichen Vorgaben beachtet werden m&uuml;ssen. In Randnummer 94 f&uuml;hrt es dazu aus: &#8222;Zu den Regeln &uuml;ber das Existenzminimum, die in Deutschland gelten, geh&ouml;ren auch der Internationale Pakt &uuml;ber wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte vom 19. Dezember 1966 (IPwskR, in Kraft getreten am 3. Januar 1976, UNTS Bd. 993, S. 3; BGBl. II 1976, S. 428), dem der Deutsche Bundestag mit Gesetz vom 23. November 1973 (BGBl. II S. 1569) zugestimmt hat. Der Pakt statuiert in Art. 9 ein Recht auf Soziale Sicherheit und in Art. 15 Abs. 1 Buchstabe a das Menschenrecht auf Teilhabe am kulturellen Leben.&#8220;<\/p>\n<h5><span id=\"6-zusammenfassende-bewertung-der-wirtschaftlichen-sozialen-und-kulturellen-rechte\">6. Zusam&shy;men&shy;fas&shy;sende Bewertung der wirtschaft&shy;li&shy;chen, sozialen und kulturellen Rechte<\/span><\/h5>\n<p>Wie die Beispiele aus der j&uuml;ngsten Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts gezeigt haben, hat der UN-Sozialpakt im Bereich des Sozialrechts Potential, das es zu nutzen gilt. Die deutsche Rechtsprechung zeigt sich inzwischen gegen&uuml;ber v&ouml;lkerrechtlichen Menschenrechtsnormen aus dem UN-Sozialpakt und anderen menschenrechtlichen Vertr&auml;gen deutlich aufgeschlossener, als noch vor einigen Jahren. Diesen Trend gilt es f&uuml;r nationale Verfahren einzusetzen, beispielsweise f&uuml;r F&auml;lle, die das SGB II betreffen. Jenseits der nationalen Anwendung gilt es, sich daf&uuml;r einzusetzen, dass das Fakultativprotokoll zum UN-Sozialpakt gezeichnet und ratifiziert wird. Hierbei geht es darum jenen Rechten eine st&auml;rkere G&uuml;ltigkeit (und Wirksamkeit) zu verleihen, die seit 1976 in Deutschland anerkannt sind und f&uuml;r diese Rechte einen internationalen Beschwerdeweg zu er&ouml;ffnen, der f&uuml;r b&uuml;rgerliche und politische Rechte seit langem anerkannt ist.<\/p>\n<p>Im Oktober 2018 wird Deutschland neue Empfehlungen des Sozialpaktausschusses erhalten. Es liegt auch an zivilgesellschaftlichen Akteuren, einen Dialog &uuml;ber die konkreten Ma&szlig;nahmen zur besseren Umsetzung dieser Empfehlungen einzufordern. Die aufgegebenen &#8222;Hausaufgaben&#8220; k&ouml;nnen durchaus zu zus&auml;tzlichen Argumenten und Anreizen f&uuml;r die nationalen Diskussionen f&uuml;hren, damit die sozialen Rechte endlich ihren angemessenen Stellenwert erhalten.<\/p>\n<p><b>DR. CLAUDIA MAHLER<\/b>&nbsp;&nbsp; <i>ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut f&uuml;r Menschenrechte zust&auml;ndig f&uuml;r die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte. Sie studierte Rechtswissenschaften in Innsbruck mit den Schwerpunkten V&ouml;lkerrecht und Europ&auml;isches Recht. 2000 promovierte sie an der Universit&auml;t Innsbruck, wo sie auch Strafrecht und Strafprozessrecht lehrte. Ab 2001 forschte sie am MenschenRechtsZentrum der Universit&auml;t Potsdam, war Lehrbeauftragte an der Humboldt Universit&auml;t und Beraterin bei den Vereinten Nationen; zahlreiche Ver&ouml;ffentlichungen zu sozialen Menschenrechten f&uuml;r verschiedene Betroffenengruppen. <\/i><\/p>\n<h5><span id=\"anmerkungen\">Anmerkungen:<\/span><\/h5>\n<p>1 &Auml;hnliche Rechte sind auch in der Sozialcharta des Europarates geregelt, die f&uuml;r Deutschland auch G&uuml;ltigkeit hat &#8211; BGBl. II 1965\/1264 und BGBl. II 1965\/1122. Ausf&uuml;hrlich hierzu Krennerich, Soziale Menschenrechte. Zwischen Recht und Politik, Schwalbach 2013.<\/p>\n<p>2 BGBl. II 1976\/428. Die DDR ratifizierte den UN-Sozialpakt &#8211; mit Vorbehalten &#8211; bereits am 8.11.1973.<\/p>\n<p>3 BGBl. II 1976\/428.<\/p>\n<p>4 UN &#8211; Generalversammlung, Resolution 217 A (III) vom 10. Dezember 1948.<\/p>\n<p>5 UN &#8211; Generalversammlung, Resolution 63\/117 vom 10. Dezember 2008.<\/p>\n<p>6 S. <a href=\"http:\/\/treaties.un.org\/Pages\/ViewDetails.aspx?chapter=4&amp;lang=en&amp;mtdsg_no=IV-3-a&amp;src=TREATY\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/treaties.un.org\/Pages\/ViewDetails.aspx?src=TREATY&amp;mtdsg_no=IV-3-a&amp;chapter=4&amp;lang=en<\/a><\/p>\n<p>7 Ebd.<\/p>\n<p>8 Ausf&uuml;hrlich Aichele (2009), Ein Meilenstein f&uuml;r die Unteilbarkeit: Das neue Fakultativprotokoll zum UN-Sozialpakt, Vereinte Nationen 57 (2), S. 72&#8211;78.<\/p>\n<p>9 Mahler, Deutsches Institut f&uuml;r Menschenrechte &#8211; aktuell: Das Fakultativprotokoll zum UN-Sozialpakt&#8211; Warum die Ratifikation durch Deutschland notwendig ist, Berlin 2011.<\/p>\n<p>10 Die Eingaben der zivilgesellschaftlichen Akteure zur List of Issues sind zu finden unter: <a href=\"http:\/\/tbinternet.ohchr.org\/_layouts\/treatybodyexternal\/SessionDetails1.aspx?Lang=en&amp;SessionID=1177\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/tbinternet.ohchr.org\/_layouts\/treatybodyexternal\/SessionDetails1.aspx?SessionID=1177&amp;Lang=en<\/a>.<\/p>\n<p>11 &#8222;Justiziabilit&auml;t ist die Eignung eines Rechts per se zur gerichtlichen oder quasi-gerichtlichen &Uuml;berpr&uuml;fung, geleitet von der M&ouml;glichkeit, innerhalb einer bestimmten Rechtsordnung ein Recht bzw. zumindest einige seiner Dimensionen einzuklagen, mit dem Ziel, in einem angemessenen Zeitraum eine Entscheidung erwirken zu k&ouml;nnen, die die Verletzung als solche feststellt, die Wiedergutmachung des entstandenen Schadens erm&ouml;glicht und Ma&szlig;nahmen anordnet, um der Wiederholung einer solchen Verletzung vorzubeugen.&#8220; (Su&aacute;rez Franco, Die Justiziabilit&auml;t wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Rechte, Frankfurt\/M. u.a. 2009, S. 50). Weitere Nachweise bei Schneider, Die Justiziabilit&auml;t der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte, Hrsg. v. Deutschen Institut f&uuml;r Menschenrechte, Berlin 2004; Scheinin, Economic and Social Rights as Legal Rights, in: Eide\/Krause\/Rosas (Ed.), Economic, social and cultural Rights, 2. Aufl. 2001, S. 29-54; Coomans (Ed.), Justicability of Economic and Social Rights: Experiences from Domestic Systems, Antwerpen 2006.<\/p>\n<p>12 Schneider 2004, a.a.O. (Anm. 11); Scheinin 2001, a.a.O. (Anm. 11); Coomans 2006, a.a.O. (Anm. 11).<\/p>\n<p>13 Die st&auml;rkste Auspr&auml;gung haben die Allgemeinen Bemerkungen Nr. 9 zum Recht auf soziale Sicherheit (Ziff. 10). Ausf&uuml;hrungen hierzu finden sich auch in UN-Fachausschuss f&uuml;r wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte: General Comment no. 4: The right to adequate housing, UN Dok. E\/1992\/23 v. 13.12.1991, Ziff. 8; UN-Fachausschuss f&uuml;r wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte: General Comment no. 11: Plans of action for primary education (art. 14), UN Dok. E\/C.12\/1999\/4 v. 10.5.1999, Ziff. 10; UN-Fachausschuss f&uuml;r wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte: General Comment no. 12: The right to adequate food (art. 11), UN Dok. E\/C.12\/1999\/5. v. 12.5.1999, Ziff. 16; UN-Fachausschuss f&uuml;r wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte: General Comment no. 13: The right to education (art. 13), UN Dok. E\/C.12\/1999\/10 v. 8.12.1999, Ziff. 31 und 43.<\/p>\n<p>14 Klee, Die progressive Verwirklichung wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Menschenrechte &#8211; eine Interpretation von Art. 2 Abs. 1 des Internationalen Paktes f&uuml;r wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, M&uuml;nchen 2000, S. 65; Sepulveda, The Nature of the Obligations under the International Covenant on Economic, Social and Cultural Rights., Antwerpen 2003.<\/p>\n<p>15 Schneider 2004, a.a.O. (Anm. 11), S. 39.<\/p>\n<p>16 Craven, The Domestic Application of the International Covenant on Economic, Social and Cultural Rights, Netherlands International Law Review 1993, Vol. XL, S. 378.<\/p>\n<p>17 Dazu Schneider 2004, a.a.O. (Anm. 11) m.w.N..<\/p>\n<p>18 Beispielsweise Entscheidung des Rum&auml;nischen Verfassungsgerichts zu Arbeitslosengeld, Entscheidung no 81, 19.05.1998, Zusammenfassung zu finden in: Centre on Housing Rights and Evictions Mahler: Soziale Menschenrechte &#8211; keine Rechte zweiter Klasse! vorg&auml;nge #219 (COHRE), 50 leading cases on economic, social and cultural rights: summaries, 2003, S. 58; Entscheidungen zu sozialer Sicherheit s. beispielsweise &#8222;Benefits case&#8220;, (1994) Ungarisches Verfassungsgericht, Entscheidung No. 43\/1995, zitiert nach und Zusammenfassung in: COHRE, a.a.O., S. 47; Lettisches Verfassungsgericht, No. 2000-08-0109 (2000), 13.03.2001, Volltext der Entscheidung: <a href=\"http:\/\/www.satv.tiesa.gov.lv\/upload\/2000-08-0109E.rtf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.satv.tiesa.gov.lv\/upload\/2000-08-0109E.rtf<\/a>, zusammengefasst in: COHRE, a.a.O., S. 56f.<\/p>\n<p>19 &#8222;Hartz IV&#8220;-Entscheidung: BVerfG, 1 BvL 1\/09 vom 09.02.2010 (=BVerfGE 125, S. 175-260); Entscheidung zum Asylbewerberleistungsgesetz: BVerfG, 1 BvL 10\/10, 1 BvL 2\/11 vom 18.07.2012 (=BVerfGE 132, S. 134-179).<\/p>\n<p>20 Das BVerwG geht in seinem Urteil vom 15.12.2010 nur knapp auf den Sozialpakt ein und f&uuml;hrt aus: &#8222;[Der] Landesgesetzgeber war nicht durch Art. 13 Abs. 2 Buchst. c des Internationalen Paktes vom 19. Dezember 1966 &uuml;ber wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (IPwskR) an der Einf&uuml;hrung allgemeiner Studiengeb&uuml;hren gehindert. Aus dieser Vorschrift k&ouml;nnten selbst im Fall ihrer unmittelbaren Anwendbarkeit keine Rechte hergeleitet werden, die nicht bereits auf der Ebene des nationalen Verfassungsrechts durch das &#8211; hier gewahrte &#8211; Recht auf Teilhabe an den staatlichen Ausbildungsressourcen gew&auml;hrleistet sind. Da der Landesgesetzgeber durch die Einf&uuml;hrung der allgemeinen Studiengeb&uuml;hren das System einer von finanziellen Ausgrenzungen freien Hochschulbildung nicht verlassen hat, scheidet auch ein Versto&szlig; gegen ein etwa aus Art. 2 Abs. 1 IPwskR ableitbares Verbot regressiver Ma&szlig;nahmen aus.&#8220; (BVerwG 6 C 10.09 vom 15.12.2010, Rdnr. 30)<\/p>\n<p>21 BVerfG 1 BvL 1\/09, a.a.O. (Anm. 19), Rdnr. 133.<\/p>\n<p>22 S. auch Hohm, Menschenw&uuml;rdiges Existenzminimum f&uuml;r Leistungsberechtigte nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, ZFSH SGB 5\/2010, S. 269-277 (271); Janda\/Wilksch, Das Asylbewerberleistungsgesetz nach dem &#8222;Regelsatzurteil&#8220; des BVerfG, SGb 10\/10, S. 565-574 (569).<\/p>\n<p>23 BVerfG 1 Bvl 1\/09, a.a.O. (Anm. 19), Rdnr. 134.<\/p>\n<p>24 Ebd., Rdnr. 135.<\/p>\n<p>25 Ebd., Rdnr. 159.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1818],"publikationen":[1205],"class_list":["post-10847","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-claudia-mahler","publikationen-1205"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Soziale Menschenrechte \u0096 keine Rechte zweiter Klasse! - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/219\/publikation\/soziale-menschenrechte-keine-rechte-zweiter-klasse-1\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Soziale Menschenrechte \u0096 keine Rechte zweiter Klasse! 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