{"id":10879,"date":"2017-05-04T19:00:00","date_gmt":"2017-05-04T17:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/editorial-52\/"},"modified":"2021-08-30T15:42:21","modified_gmt":"2021-08-30T13:42:21","slug":"editorial-52","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/217-vorgaenge\/publikation\/editorial-52\/","title":{"rendered":"Editorial"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 217 (Heft 1\/2017), S. 1-4<\/p>\n<p>&#8222;<i>Der Islam geh&ouml;rt zu Deutschland.<\/i>&#8220; Dieser Satz des damaligen Bundespr&auml;sidenten Christian Wulff erregte 2010 die Gem&uuml;ter. Dabei war weder die Formulierung neu, noch konnte seine Aussage angesichts von sch&auml;tzungsweise 3,6 bis 4,7 Millionen muslimischer Mitb&uuml;rger_innen in Deutschland (1) wirklich &uuml;berraschen. Aus dem Mund eines deutschen Bundespr&auml;sidenten reichte die Aussage dennoch f&uuml;r eine Provokation; Wulf selbst behauptete sp&auml;ter gar, es sei diese These gewesen, die das Ende seiner Amtszeit einl&auml;utete. Man mag &uuml;ber eine Konnotation dieser Aussage streiten: inwiefern der Islam eine geschichtlich und kulturell pr&auml;gende Wirkung f&uuml;r Deutschland hatte. F&uuml;r die religionspolitische Gegenwart Deutschlands l&auml;sst sich das Ob nicht mehr ernsthaft in Frage stellen &#8211; offen bleibt nur: Wie geh&ouml;rt der Islam heute zu Deutschland?<\/p>\n<p>Zun&auml;chst einmal geht es dabei um die Frage, wie weit der Islam heute mit anderen Religionen und Weltanschauungen in Deutschland &#8211; allen voran dem Christentum &#8211; formal gleichgestellt ist. Wie andere Grundrechte auch ist Religionsfreiheit keine Sch&ouml;nwetter-Veranstaltung: sie gilt nicht nur f&uuml;r jene Religionen, die in unserer Kultur verankert sind, quasi &#8218;dazu geh&ouml;ren&#8216;. So wie die Meinungsfreiheit nicht nur f&uuml;r harmlose oder sympathische Auffassungen gilt, so wie sich die rechtsstaatlichen Garantien der Unschuldsvermutung oder der Menschenw&uuml;rde gerade im Umgang mit abscheulichen Verbrechern bew&auml;hren m&uuml;ssen &#8211; genau so misst sich auch der Grad der Religionsfreiheit am Umgang mit jenen Religionen, deren &auml;u&szlig;ere Zeichen oder innere &Uuml;berzeugungen uns fremd, verst&ouml;rend oder gef&auml;hrlich vorkommen m&ouml;gen. Die kulturelle und rechtliche Integration des Islam in unsere Gesellschaft ist daher nicht nur eine Frage seiner Gleichbehandlung mit anderen Religionen und Weltanschauungen, sie stellt auch den grunds&auml;tzlichen Umgang mit dem Religi&ouml;sen, seinem Stellenwert in der Gesellschaft erneut zur Disposition. Sind wir bereit, alle jene Zugest&auml;ndnisse und Sonderrechte, die wir mehrheitlich den beiden Kirchen zugestehen, auch islamischen Gemeinschaften zu gew&auml;hren? Was w&uuml;rde passieren, wenn islamische Arbeitgeber in Deutschland die gleichen Sonderrechte f&uuml;r sich reklamieren wie Diakonie und Caritas, wenn islamische Krankenhausbetreiber bestimmte medizinische Behandlungen aus religi&ouml;sen Gr&uuml;nden ablehnen? Diesen &#8211; hypothetischen &#8211; Fragen geht die vorliegende Ausgabe der vorg&auml;nge nach, indem sie den Umgang mit den hier lebenden Muslimen als Bew&auml;hrungsprobe f&uuml;r das deutsche Religionsverfassungsrecht begreift.<\/p>\n<p><i>Kirsten Wiese<\/i> er&ouml;ffnet den Themenschwerpunkt mit einem &Uuml;berblick zu den religionsrechtlichen Streitfragen, die sich mit der Anerkennung des Islam in Deutschland stellen. Sie skizziert die Grundlagen des Religionsverfassungsrechts und benennt die Konfliktpunkte, an denen gegenw&auml;rtig um eine Gleichbehandlung islamischer Gemeinschaften mit den christlichen Kirchen bzw. um Anpassungen im Religionsrecht gestritten wird. W&auml;hrend diese Gleichbehandlung auf kollektiver Ebene, bei der Anerkennung islamischer Dachverb&auml;nde als Ansprechpartner f&uuml;r den Staat, langsam voranschreitet, ist das Bild bei der Gew&auml;hrleistung der individuellen Religionsaus&uuml;bung f&uuml;r Muslime zwiesp&auml;ltiger. Darauf weist <i>Riem Spielhaus<\/i> im Interview mit den vorg&auml;ngen hin. Einerseits pflegt die Bundesregierung mit der Deutschen Islam-Konferenz einen institutionalisierten Diskurs mit islamischen Verb&auml;nden, was deren Anerkennung und Bedeutung aufwertet &#8211; zugleich planen der Bund und mehrere L&auml;nder (Baden-W&uuml;rttemberg und Bayern) derzeit Gesetze, mit denen die Vollverschleierung im &ouml;ffentlichen Dienst, aber zum Teil auch im zivilen Leben verboten werden soll. Spielhaus beschreibt, wie sich das Selbstverst&auml;ndnis vieler Migrant_innen in den letzten Jahren ver&auml;ndert hat, indem sie zunehmend als Muslime wahrgenommen und angesprochen wurden. Sie pl&auml;diert f&uuml;r eine st&auml;rkere Akzeptanz islamischer Religionsaus&uuml;bung in der Gesellschaft und spricht sich daf&uuml;r aus, islamischen Verb&auml;nden analog den christlichen Anbietern &ouml;ffentliche Aufgaben etwa der Wohlfahrtspflege zu &uuml;bertragen, um sie st&auml;rker in gesellschaftliche Verantwortung zu bringen.<\/p>\n<p>Mit dem folgenden Beitrag von <i>Alex Flor<\/i> wechseln wir die Perspektive: Er berichtet von der Eskalation interreligi&ouml;ser Konflikte in Indonesien, die seit dem Ende der Suharto-Diktatur zu beobachten ist. Das Land galt lange Zeit als das Vorzeigebeispiel religi&ouml;ser Pluralit&auml;t und Beleg daf&uuml;r, dass Religionsfreiheit auch in muslimisch gepr&auml;gten Gesellschaften funktioniere. Diese Einsch&auml;tzung ist nach Flors Einsch&auml;tzung richtig und falsch zugleich. Angesichts der zunehmenden Verfolgung religi&ouml;ser und sexueller Minderheiten fragt er: &#8222;Wie lange wird die internationale Politik noch die indonesische Toleranz loben, bevor sie zur Kenntnis nimmt, welche Zeitbombe in der gr&ouml;&szlig;ten muslimischen Gesellschaft der Welt tickt?&#8220;<\/p>\n<p>Die n&auml;chsten drei Beitr&auml;ge widmen sich einzelnen Aspekten des islamischen Lebens in Deutschland: <i>Sabine Berghahn<\/i> fasst die Rechtsprechung und die &ouml;ffentliche Debatte um die Zulassung bzw. das Verbot von Kopft&uuml;chern zusammen. Ausf&uuml;hrlich geht die Autorin auf die beiden letzten Urteile des Europ&auml;ischen Gerichtshofs vom 14. M&auml;rz 2017 zu Kopftuchverboten in privatwirtschaftlichen Unternehmen in Belgien und Frankreich ein. Dem stellt sie die deutsche Rechtsprechung gegen&uuml;ber, die bisher stark vom &#8222;Kopftuch der Lehrerin&#8220; gepr&auml;gt war. Berghahn wagt einen vorsichtigen Ausblick, wie in Deutschland mit den j&uuml;ngsten Luxemburger Urteilen umgegangen werden kann und welche Auswirkungen diese Entscheidungen hierzulande haben k&ouml;nnten. <i><\/i><\/p>\n<p><i>Jameleddine Ben Abdeljelil<\/i> berichtet &uuml;ber die Ausbildung islamischer Religionslehrer an deutschen Hochschulen. Die Etablierung dieser Studieng&auml;nge war in den letzten Jahren von Innen- und Wissenschaftspolitikern vorangetrieben&nbsp; worden, um dem zunehmenden Bedarf an islamischen Religionslehrern wie islamischen Gelehrten gerecht zu werden. Dahinter steht jedoch auch ein gewisses Unbehagen, wenn nicht sogar Skepsis, gegen&uuml;ber dem bisherigen &#8222;Wildwuchs&#8220; islamischer Schulen und deren m&ouml;gliche Beeinflussung aus dem Ausland. Ben Abdeljelil stellt die interkulturellen und interreligi&ouml;sen Herausforderungen dar, mit denen die Lehramtsanw&auml;rter_innen konfrontiert werden.<\/p>\n<p>Die Bef&uuml;rchtungen, dass hier t&auml;tige Imame auch politische Interessen des Auslands bedienen k&ouml;nnten, sind nicht aus der Luft gegriffen. Erst k&uuml;rzlich tauchten Vorw&uuml;rfe gegen zahlreiche im Auftrag der DITIB t&auml;tige Imame auf, die Informationen &uuml;ber regierungskritische Gl&auml;ubige an t&uuml;rkische Sicherheitsbeh&ouml;rden weitergegeben haben sollen. Die Kritik von <i>Jelal Cartal<\/i> am Einfluss der t&uuml;rkisch-islamischen DITIB bezieht sich jedoch nicht nur auf diese &#8211; vorerst noch ungekl&auml;rten &#8211; Vorw&uuml;rfe, sondern auf den generellen Einfluss dieses Verbandes auf die Auswahl der islamischen Religionslehrer_innen in Niedersachsen. Dadurch, dass die angehenden Lehrer_innen die Empfehlung einer Verbandsmoschee ben&ouml;tigen und zudem der Verband &uuml;ber die Erteilung (bzw. den Entzug) der Lehrerlaubnis entscheidet, werde innerhalb der Lehrerschaft ein konservatives wie konformistisches Klima bef&ouml;rdert.<\/p>\n<p>Mit einer Perversion des Islam, dem gewaltbereiten Islamismus, besch&auml;ftigt sich der Beitrag von <i>Michaela Glaser<\/i> und <i>Carmen Figlestahler<\/i>. Die beiden Autorinnen, die am Deutschen Jugendinstitut in Halle t&auml;tig sind, berichten aus der p&auml;dagogischen Praxis der Distanzierung vom gewaltorientierten Islamismus. Es werden verschiedene Erkl&auml;rungsans&auml;tze f&uuml;r die Ursachen von Radikalisierungsprozessen vorgestellt, ebenso wie Ans&auml;tze der deradikalisierenden Jugendarbeit. Selbstkritisch sch&auml;tzen die Autorinnen jedoch ein, dass die bisherigen Angebote zu wenige Zielgruppen erreichen, weshalb sie eine st&auml;rkere Orientierung auf sozialraum- und lebensweltorientierte Zug&auml;nge zu den Jugendlichen vorschlagen.<\/p>\n<p>Den Themenschwerpunkt beschlie&szlig;en wir mit einem Beitrag von <i>Andreas Neumann<\/i>, der eine Alternative zum bisherigen Verfahren der Kooperation des Staates mit Religionsgemeinschaften vorschl&auml;gt: Nach seiner &Uuml;berzeugung w&auml;re ein Religionsfreiheitsgesetz des Bundes wesentlich transparenter, demokratischer und vor allem religionsneutraler als die bisherigen Einzelvertr&auml;ge, die die Bundesl&auml;nder mit den Kirchen, humanistischen und Islam-Verb&auml;nden sowie anderen Gemeinschaften abgeschlossen haben. Ein solches Gesetz w&uuml;rde allgemein, f&uuml;r alle Religionen gleicherma&szlig;en gelten und k&ouml;nnte den gegen die Vertr&auml;ge erhobenen Einwand entkr&auml;ften, dass es nur um die Sicherung spezifischer Privilegien f&uuml;r die jeweilige Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft gehe.<\/p>\n<p>Auch jenseits des Schwerpunkts bietet diese Ausgabe der vorg&auml;nge reichlich Lekt&uuml;restoff: <i>Wolfgang Ne&#353;kovic<\/i> spricht &uuml;ber das Versagen der Verfassungsschutz&auml;mter in der NSU-Mordserie. Sein Urteil ist deutlich: es herrsche weitgehend &#8222;H&uuml;hnerhofmentalit&auml;t und Narrenfreiheit&#8220; in den VS-Landes&auml;mtern, die personell und strukturell von ihren Aufgaben v&ouml;llig &uuml;berfordert seien. Ne&#353;kovic schl&auml;gt deshalb eine grundlegende Strukturreform, u.a. mit der Angliederung aller Landes&auml;mter an die Bundesbeh&ouml;rde vor.<\/p>\n<p><i>Dieter Deiseroth<\/i> befasst sich mit der zum Jahresanfang in Kraft getretenen &Auml;nderung des deutschen V&ouml;lkerstrafgesetzbuches, die einige Unklarheiten bez&uuml;glich des Verbotes eines Angriffskrieges beseitige &#8211; aber neue Schutzl&uuml;cken er&ouml;ffne und den friedenspolitischen Auftrag unserer Verfassung (Artikel 26 Absatz 1 Grundgesetz) unerf&uuml;llt lasse. <i>G&ouml;tz-Dietrich Opitz<\/i> greift die Inauguralrede von Donald J. Trump auf, in der jener ein neues Zeitalter f&uuml;r die Amerikaner versprochen hat. Opitz ordnet die Trumpsche Rhetorik und Politik in die Tradition zyklischer <i>creedal passion periods <\/i>ein, in denen eine religi&ouml;s aufgeladene Erneuerungsbewegung den politischen Wandel einleite. <i>Arata Takeda<\/i> schlie&szlig;lich befasst sich in seinem Essay mit dem antirassistischen Diskurs in Deutschland, der von einer starken Ausweitung des Rassismusbegriffs gepr&auml;gt sei. Er hinterfragt, ob diese Ausweitung sinnvoll und zielf&uuml;hrend ist, oder ob sie nicht der intendierten Kritik schade und man besser von einen Kulturalismus der Ausgrenzung sprechen sollte.<\/p>\n<p>Wir w&uuml;nschen allen Leserinnen und Lesern eine anregende Lekt&uuml;re.<\/p>\n<p><i>Sven L&uuml;ders<br \/>f&uuml;r die Redaktion der vorg&auml;nge<\/i><\/p>\n<p><b>Anmerkungen<\/b><\/p>\n<p>1 Die Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) sch&auml;tzt die Zahl der in Deutschland lebenden Muslime zum Jahresende 2015 auf 3,6 Millionen, wobei sie davon ausgeht, dass 1\/5 der &uuml;blicherweise von anderen Quellen als Muslime eingeordneten Menschen &#8222;Kulturmuslime&#8220; seien, die keine religi&ouml;se Bindung aufweisen und daher von fowid bei der Berechnung der Anteile der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften herausgerechnet werden. Die Sch&auml;tzung des Bundesamts f&uuml;r Migration und Fl&uuml;chtlinge (BAMF) bel&auml;uft sich zum gleichen Zeitpunkt auf 4,4 bis 4,7 Millionen Muslime hierzulande, s. <a href=\"https:\/\/fowid.de\/meldung\/religionszugehoerigkeiten-deutschland-2015\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/fowid.de\/meldung\/religionszugehoerigkeiten-deutschland-2015<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[139],"publikationen":[1094],"class_list":["post-10879","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-sven-lueders","publikationen-217-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Editorial - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/217-vorgaenge\/publikation\/editorial-52\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Editorial - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg&auml;nge Nr. 217 (Heft 1\/2017), S. 1-4 &#8222;Der Islam geh&ouml;rt zu Deutschland.&#8220; Dieser Satz des damaligen Bundespr&auml;sidenten Christian Wulff erregte 2010 die Gem&uuml;ter. 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