{"id":10884,"date":"2017-05-04T16:05:00","date_gmt":"2017-05-04T14:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/islamische-religionslehrer-an-deutschen-hochschulen-erwartungen-und-herausforderungen-1\/"},"modified":"2021-08-30T15:42:23","modified_gmt":"2021-08-30T13:42:23","slug":"islamische-religionslehrer-an-deutschen-hochschulen-erwartungen-und-herausforderungen-1","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/217-vorgaenge\/publikation\/islamische-religionslehrer-an-deutschen-hochschulen-erwartungen-und-herausforderungen-1\/","title":{"rendered":"Islamische Religionslehre(r) an deutschen Hochschulen: Erwartungen und Herausforderungen"},"content":{"rendered":"<p>In: vorg&auml;nge Nr. 217 (Heft 1\/2017), S. 47-53<\/p>\n<p><i>Islamische Religionslehre hat sich in den letzten Jahren zu einem Studienfach entwickelt, das an einer Reihe von Hochschulen in Deutschland belegt werden kann. Dort werden insbesondere Religionslehrer_innen f&uuml;r den Schulunterricht ausgebildet. Der Autor analysiert diese Entwicklung und diskutiert dabei einige Fragen.<\/i><\/p>\n<p>Die aktuellen &ouml;ffentlichen Islam-Debatten, nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europ&auml;ischen L&auml;ndern, sind gezeichnet von der Kopftuch-, Burka- und Burkini-Verbotspolemik, der Aufregung &uuml;ber die ausl&auml;ndische Einflussnahme auf bzw. die Finanzierung von islamischen Organisationen und dem extremistisch-islamistischen Terror &#8211; der bis auf wenige Einzelt&auml;ter_innen meist von politischen Terrororganisationen und Netzwerken ausgeht. Derartige extremistische islamistische Gruppierungen sind global aktiv und pr&auml;gen die &ouml;ffentliche Wahrnehmung des Islams (El Abdaoui und Kramer, 2017: 2). Sowohl die Politik als auch gesellschaftliche Partner, insbesondere Vertretungsinstitutionen muslimischer Mitb&uuml;rger_innen, sehen sich aufgefordert, Strategien und L&ouml;sungsmodelle f&uuml;r den Umgang mit einer solchen Situation zu entwickeln.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang stellt sich u.a. die Frage, in welchem Kontext, unter welchen Bedingungen, nach welchem Verst&auml;ndnis und in welchen Strukturen der Islam als Diskurs vermittelt wird. Es wird erwartet, dass das hinterfragte Islamverst&auml;ndnis mit dem Grundgesetz konform geht. Mit dieser Frage des Islamverst&auml;ndnisses und der Vermittlung bzw. Entwicklung des islamischen Diskurses ist die Debatte &uuml;ber den islamischen Religionsunterricht in Deutschland verkn&uuml;pft. Bei einer Tagung der Deutschen Islam Konferenz (DIK) zum Thema &#8222;Islamischer Religionsunterricht: Perspektiven und Herausforderungen&#8220; brachte Bundesinnenminister Thomas de Maizi&egrave;re in seiner Rede ein gewisses Unbehagen in Bezug auf dieses Thema zum Ausdruck:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\"><i>&#8222;Wir bewegen uns jedoch auf einem schmalen Grat, denn auf der einen Seite m&ouml;chten wir den islamischen Religionsunterricht endlich &#8222;raus aus den Hinterh&ouml;fen&#8220; und rein in die staatlichen Schulen bringen. Auf der anderen Seite m&uuml;ssen wir auch darauf achten, dass wir unser bew&auml;hrtes Religionsverfassungsrecht nicht verw&auml;ssern.&#8220; (De Maizi&egrave;re 2011: 17)<\/i>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><i>&#8222;Bereits im Jahr 2001 hatten sich die Regierungschefs von Bund und L&auml;ndern f&uuml;r die Einf&uuml;hrung von islamischem Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach in deutscher Sprache ausgesprochen&#8220; (De Maizi&egrave;re 2011: 15).<\/i><\/p>\n<\/blockquote>\n<h5><span id=\"empfehlungen-des-wissenschaftsrats\">Empfeh&shy;lungen des Wissen&shy;schafts&shy;rats<\/span><\/h5>\n<p>2010 hatte der Wissenschaftsrat (WR), das zentrale Beratungsgremium f&uuml;r den Bund und die L&auml;nder in Hochschul- und Wissenschaftsfragen, in seinen Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen auf die diversen damals bereits vorhandenen Modelle f&uuml;r die Ausbildung bzw. Zusatzqualifikation von Studierenden und Lehrer_innen f&uuml;r islamische Religion bzw. islamische Theologie hingewiesen. &#8222;An verschiedenen Orten in Deutschland wurden in den vergangenen Jahren einzelne Professuren fu?r Islamische Religionslehre eingerichtet. Vielfach erfolgte die Einrichtung im Kontext von Schulversuchen zur Einf&uuml;hrung islamischen bekenntnisgebundenen Religionsunterrichts.&#8220; (WR 2010: 39-40). Schlussfolgernd empfahl der Wissenschaftsrat explizit, islamische Studien bzw. Theologie an deutschen Hochschulen und Universit&auml;ten einzurichten, um vor allem qualifizierte Lehrer f&uuml;r den islamischen Religionsunterricht an deutschen Schulen und islamische Religionsgelehrte auszubilden.<\/p>\n<p>Es ist nicht zu &uuml;bersehen, dass die Etablierung der Studieng&auml;nge f&uuml;r islamische theologische Studien an deutschen Hochschulen und Universit&auml;ten nicht blo&szlig; aus reinem wissenschaftstheoretischen Interesse erfolgte, sondern vielmehr an akute gesellschaftspolitische Forderungen gebunden ist. In &ouml;ffentlichen Debatten in Deutschland werden viele Probleme, die muslimischen Mitb&uuml;rger_innen zugeschrieben werden, haupts&auml;chlich als islamisch-religi&ouml;ses Ph&auml;nomen behandelt. Dadurch werden komplexe Sachverhalte in Gesellschaft und Kultur unter den Begriff des Islam subsumiert (WR 2010: 74; vgl. dazu das Interview mit Spielhaus in diesem Heft).<\/p>\n<p>Auf wissenschaftlicher Ebene, aber auch in der &ouml;ffentlichen Debatte, wurden &#8222;Islam&#8220; und &#8222;Muslime&#8220; bisher &uuml;berwiegend als Kultur- und Gesellschaftsph&auml;nomene, als stummes Subjekt und passiver Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung betrachtet. Ich sehe daher in der Etablierung der Studienf&auml;cher f&uuml;r islamische Religionslehre bzw. Theologie und Religionsp&auml;dagogik an deutschen Hochschulen und Universit&auml;ten, die haupts&auml;chlich von muslimischen Akademiker_innen und Wissenschaftler_innen gef&uuml;hrt werden, einen wichtigen emanzipatorischen Schritt. Sie tr&auml;gt zu einer aktiven wissenschaftlichen Beteiligung und einer st&auml;rkeren gesellschaftlichen Pr&auml;senz der Muslime in Deutschland bei. Die gesellschaftliche Relevanz dieser hochschulpolitischen bzw. bildungspolitischen Entscheidung basiert u.a. auf dem Sch&uuml;lerpotenzial f&uuml;r islamischen und alevitischen Religionsunterricht. Nach der Studie &#8222;Muslimisches Leben in Deutschland&#8220; (MLD), einer bundesweit repr&auml;sentativen des Bundesamtes f&uuml;r Migration und Fl&uuml;chtlinge, die 2008 im Auftrag der DIK durchgef&uuml;hrt wurde, w&uuml;rden etwa 650.000 Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler im Alter von 6 bis 17 Jahren an einem regul&auml;ren islamischen oder alevitischen Religionsunterricht teilnehmen, wenn es ein solches Angebot an &ouml;ffentlichen Schulen in Deutschland g&auml;be (Stichs und Kappe: 2011). Diese Zahl der potenziellen muslimischen Sch&uuml;ler_innen d&uuml;rfte sich in den letzten Jahren weiter erh&ouml;ht haben (Schenk 2016). Bei der Einf&uuml;hrung eines regul&auml;ren islamischen Religionsunterrichts sind auf staatlicher Seite die L&auml;nder &#8211; in der Regel die Kultusministerien oder nachgeordnete, beauftragte Beh&ouml;rden &#8211; Kooperationspartner der Religionsgemeinschaften, denn der Religionsunterricht unterliegt der staatlichen Schulaufsicht. Sie achtet vor allem auf die Qualifikation der Lehrkr&auml;fte sowie die Einhaltung p&auml;dagogischer und wissenschaftlicher Standards (DIK 2008). Der Wissenschaftsrat hebt in seiner o.g. Empfehlung hervor, dass die Etablierung der Studienf&auml;cher f&uuml;r islamische Studien bzw. islamische Theologie und Religionsp&auml;dagogik<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\"><i>&#8222;die Voraussetzung daf&uuml;r [bildet], dass der religionsp&auml;dagogischen Ausbildung k&uuml;nftiger islamischer Religionslehrer und -lehrerinnen eine methodisch fundierte Reflexion religi&ouml;ser Schriften, Deutungs- und Normativit&auml;tsanspru?chen sowie Praktiken zugrunde liegt, die wissenschaftlichen Anspr&uuml;chen gen&uuml;gt [&#8230;]. Akademisch fundierte Islamische Studien bilden nicht allein die Voraussetzung f&uuml;r eine qualifizierte Religionsp&auml;dagogik, sondern sie er&ouml;ffnen auch die M&ouml;glichkeit einer wissenschaftlich fundierten Ausbildung von Religionsgelehrten in den wissenschaftsgepr&auml;gten Gesellschaften Europas. Eine solche Fundierung kann dazu beitragen, islamische Normen und Wertvorstellungen &#8211; parallel zu den Positionen und Perspektiven anderer Religionen &#8211; in angemessener Weise in die akademischen, aber auch in die &ouml;ffentlichen Debatten einzubringen.&#8220; (WR 2010: 75f.) <\/i><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Dieser Kontext der Diskussionen &uuml;ber die Etablierung islamischer Studien bzw. Theologie und Religionsp&auml;dagogik zeigt, welche wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Motivationen und Erwartungen dieser Entscheidung zugrunde liegen.<\/p>\n<h5><span id=\"antworten-auf-religioese-pluralisierung-und-herausforderungen-an-die-islamische-theologie\">Antworten auf religi&ouml;se Plura&shy;li&shy;sie&shy;rung und Heraus&shy;for&shy;de&shy;rungen an die islamische Theologie<\/span><\/h5>\n<p>Das Bundesministerium f&uuml;r Bildung und Forschung (BMBF) best&auml;tigt diese Feststellung und unterstreicht die Verkn&uuml;pfung zwischen kulturgesellschaftlichem Wandel und wissenschaftlichen Forderungen. Die Etablierung der islamischen Theologie und Religionsp&auml;dagogik ist eine institutionelle Reaktion und langfristige Antwort des Wissenschaftssystems auf die wachsende religi&ouml;se Pluralisierung in Deutschland. Im Wintersemester 2016\/17 sind rund 2.000 Studierende in Bachelor-, Master- oder Lehramts-Studieng&auml;ngen eingeschrieben. Dass die meisten von ihnen nach Angaben des BMBF ins schulische Lehramt streben, zeigt, wie gro&szlig; das Interesse bei den jungen Muslimen ist, an diesem Prozess mitzuwirken (BMBF 2017). Der Aufbau von Studieng&auml;ngen f&uuml;r islamische Theologie und Religionsp&auml;dagogik an Hochschulen stellt ein Novum dar, nicht nur f&uuml;r Deutschland, sondern auch f&uuml;r die islamische Theologie. Es ist eine unvergleichbare neue Herausforderung f&uuml;r die islamische Theologie, sich in einem qualitativ neuen wissenschaftlichen und kulturgesellschaftlichen Kontext zu entwickeln. Die islamische Theologie ist aufgefordert, sich als Teil eines religi&ouml;s-pluralistischen Kontextes zu verstehen. Hier ist eine islamische Theologie der Inklusion statt der Exklusion zu begr&uuml;nden. Die Pluralit&auml;t sollte m.E. erst innerislamisch verankert und koh&auml;rent begr&uuml;ndbar sein, um diese dann nach au&szlig;en ohne Widerspruch vermitteln und praktisch leben zu k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Den Islam in seiner theologischen und diskursiven Heterogenit&auml;t umfassend zu verstehen, kann dazu beitragen, konfessionalistisch gepr&auml;gte Takfir-Diskurse und -Praktiken zu entsch&auml;rfen, bei denen Muslime allein aufgrund unterschiedlicher theologischen Auffassungen zu vom Islam abgefallenen Personen (Apostaten) erkl&auml;rt werden. Die verheerenden Konsequenzen solcher Diskurse k&ouml;nnen wir gegenw&auml;rtig global in verschiedenen islamischen Konfliktregionen beobachten, besonders am Beispiel der sunnitischen\/schiitischen oder der wahhabitischen (salafistischen) bzw. der innersunnitischen Gewaltkonflikte. Es w&auml;re sinnvoller, fr&uuml;h genug dagegen zu wirken und solchen konfessionalistisch-exklusivistischen Islamverst&auml;ndnissen den Boden zu entziehen, um der Gefahr einer Ausbreitung pr&auml;ventiv vorzubeugen.<\/p>\n<p>Die islamische Theologie an deutschen Hochschulen ist in diesem Sinne tats&auml;chlich ein Novum und eine positive Herausforderung. Sie bietet die Chance, sich von negativen Vorurteilen und Zwangsbindungen zu befreien, die kulturhistorisch, gesellschaftlich und politisch das Verst&auml;ndnis und die Wahrnehmungen vieler Muslime in den islamisch-traditionellen Gesellschaften pr&auml;gen. Die islamische Theologie ist in ihrer Diskursgeschichte auf schulischer Ebene sowie in ihren Fachdisziplinen vom historischen Kontext und seinen Ver&auml;nderungsprozessen stark gepr&auml;gt. Eine strukturelle Anpassung an den neuen europ&auml;ischen bzw. deutschen Kontext ist f&uuml;r die islamische Theologie in einer Kontinuit&auml;t und Koh&auml;renz mit der eigenen Tradition zu sehen. Den Gedanken der innerislamischen Pluralit&auml;t theologisch zu begr&uuml;nden, ist nicht nur als Maxime in unserem pluralistischen Kontext erforderlich, sondern kann auch f&uuml;r das Islamverst&auml;ndnis bzw. f&uuml;r die eigene Religiosit&auml;t selbstbefreiend und heilend wirken.<\/p>\n<p>Ein solches Islamverst&auml;ndnis zu entwickeln bzw. zu vermitteln, bedarf einer diskursiven Reflexionsfreiheit, die m.E. au&szlig;erhalb des akademischen Hochschulmilieus nicht vorzufinden ist. Islamische Religionsgruppen blicken meistens aufgrund ihrer Strukturen und Pr&auml;gungen nicht &uuml;ber ihre eigenen, engen theologische Grenzen hinaus. Einen Metadiskurs &uuml;ber islamische theologische Fragen auf interdisziplin&auml;rer und interschulischer Ebene zu f&uuml;hren, d&uuml;rfte aus methodischen und intellektuellen Gr&uuml;nden nur in einem wissenschaftlichen Kontext m&ouml;glich sein. Die diskursiven Rahmenbedingungen daf&uuml;r sind im deutschen wissenschaftlichen Kontext gew&auml;hrleistet. Die feste Verankerung der Freiheit der Wissenschaft, Forschung und Lehre im Grundgesetz (Art.&nbsp;5 Abs.&nbsp;3) ist f&uuml;r die islamische Theologie als wissenschaftlichem Diskurs ein Novum bzw. eine Chance, die anderswo nicht selbstverst&auml;ndlich ist. Dieses Privileg bzw. diese Chance ist f&uuml;r muslimische Theolog_innen nicht immer und &uuml;berall zu haben, und oft gar nicht in den traditionellen islamischen Gesellschaften.<\/p>\n<h5><span id=\"paedagogische-herausforderungen-fuer-islamische-studiengaenge\">P&auml;dago&shy;gi&shy;sche Heraus&shy;for&shy;de&shy;rungen f&uuml;r islamische Studien&shy;g&auml;nge<\/span><\/h5>\n<p>K&uuml;nftige Lehrer_innen f&uuml;r den islamischen Religionsunterricht sollten m.E. die wissenschaftstheologische und p&auml;dagogische Kompetenz f&uuml;r ein solches Islamverst&auml;ndnis vermittelt bekommen. Der Pluralit&auml;tsgedanke l&auml;sst sich in der Schule am besten den Sch&uuml;ler_innen vermitteln. F&uuml;r Kinder aus muslimischen Familien ist die Schule meist der Ort, an dem sie erste direkte Erfahrungen mit Kindern aus nicht-muslimischen Familien haben. Die Schule ist in dieser Hinsicht ein exemplarischer Ort, an dem sich Sch&uuml;ler_innen unterschiedlicher Herkunft mit unterschiedlicher famili&auml;rer und religi&ouml;ser Sozialisation begegnen. Die Schule ist folglich sowohl Ort des Konflikts als auch das Feld, in dem das Zusammenleben am besten einge&uuml;bt werden kann (Uslucan 2011: 30). Hier ist eine inklusive P&auml;dagogik, verkn&uuml;pft mit einem Islamverst&auml;ndnis bzw. einer islamischen Theologie der Inklusion, sinnvoll und nachvollziehbar umzusetzen und zu vermitteln.<\/p>\n<p>Die Heterogenit&auml;t der islamischen theologischen Diskurse wird in der Praxis durch die charakteristische Diversit&auml;t der Studierendenschaft besonders akzentuiert. Die Diversit&auml;t der Studierenden spiegelt auch die kulturell-ethnische Vielfalt der muslimischen Welt mit ihren unterschiedlichen Ausrichtungen und verschiedenen Glaubenspraktiken wider. F&uuml;r die Lehre der islamischen Theologie kann diese ethnisch-religi&ouml;se Vielfalt, Transkulturalit&auml;t und Mehrsprachigkeit wichtige Impulse liefern.<\/p>\n<p>Ich verweise an dieser Stelle auf das Positionspapier &#8222;Islamische Theologie in Deutschland: Herausforderungen im Spannungsfeld divergierender Erwartungen&#8220; (Agai et al. 2014: 27-28), an dessen Entwicklung ich mitgewirkt habe. Die universit&auml;re Lehre soll den Studierenden M&ouml;glichkeiten er&ouml;ffnen, sich eigenst&auml;ndig, autonom und in einer wissenschaftlich begr&uuml;ndeten Weise mit ihrer Religion auseinanderzusetzen und eigene Entscheidungen und Pr&auml;ferenzen in Glaubensfragen zu treffen. Die Lehre soll auf eine wissenschaftlich fundierte und reflektierte Auseinandersetzung mit der Religion des Islams in ihren verschiedenen Auspr&auml;gungen ausgerichtet sein. Sie soll nicht darauf abzielen, ausschlie&szlig;lich bestimmte Lehrmeinungen oder die Vermittlung von Glaubensinhalten im Sinne einer Glaubensunterweisung oder religi&ouml;sen Erziehung zu vermitteln. Dies w&auml;re eine Bevormundung und eine Einmischung in den funktionalen Bereich der Religionsgemeinschaften. Die islamisch-theologischen Studien und die Religionsp&auml;dagogik als Hochschulf&auml;cher haben die M&uuml;ndigkeit und Eigenst&auml;ndigkeit von Studierenden als Individuen in einem reflexiven Umgang mit der Religiosit&auml;t bzw. mit der theologischen Diskurstradition zu f&ouml;rdern. Ich darf hier als islamischer Theologe selbstkritisch anmerken, dass die islamische theologische Tradition im Allgemeinen den Gehorsam f&ouml;rdert und die Kritik marginalisiert. Die M&uuml;ndigkeit spielt eine nur periphere Rolle. Hier bietet sich eine neue Chance f&uuml;r die islamische Theologie, an die aufkl&auml;rungsorientierten Ans&auml;tze in ihrer Tradition anzukn&uuml;pfen, um die Bef&auml;higung zur Kritik und M&uuml;ndigkeit statt entm&uuml;ndigte Gehorsamkeit zu f&ouml;rdern.<\/p>\n<p>Zum Schluss sei hervorgehoben, dass eine religionsp&auml;dagogische Ausbildung theologisch fundiertes Grundwissen und p&auml;dagogische Schl&uuml;sselkompetenzen gleicherma&szlig;en voraussetzt. Eine solche Haltung schlie&szlig;t auch Offenheit, Respekt und Vorurteilslosigkeit gegen&uuml;ber den Studierenden und ihren Glaubensvorstellungen ein. Die Studierenden wurden zum gr&ouml;&szlig;ten Teil im Moschee- und Familienumfeld religi&ouml;s sozialisiert, meistens unter Bezug auf eine einzige theologische Auslegung des Islam. Sie werden an der Universit&auml;t erstmalig sowohl mit anderen Glaubensans&auml;tzen als auch mit einem wissenschaftlichen Umgang mit dem Islam konfrontiert. Oft erheben sie die aus dem privaten Umfeld mitgebrachten Meinungen und &Uuml;berzeugungen zu einem normativen Ma&szlig;stab f&uuml;r die Qualit&auml;t der Lehre, manchmal auch zu einem Bewertungsma&szlig;stab f&uuml;r die religi&ouml;se Konformit&auml;t und die Akzeptanz der wissenschaftlichen Autorit&auml;t der Lehrenden.<\/p>\n<p>Diese Einsch&auml;tzung best&auml;tigen Kollegen der islamischen Theologie und Religionsp&auml;dagogik an den verschiedenen Standorten. So &auml;u&szlig;ert der islamische Religionsp&auml;dagoge Harry Harun Behr von der Goethe-Universit&auml;t in Frankfurt am Main seine Sorge dar&uuml;ber ganz offen:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\"><i>&#8222;&#8218;Viele meiner Studenten streben nach Glaubensvertiefung, nicht nach wissenschaftlichem Arbeiten.&#8216; [&#8230;] Was er oft erlebt: Fordert er seine Studenten auf, einen Essay zu schreiben, bekommt er zu h&ouml;ren, in der islamischen Tradition sei es doch verboten, sich &uuml;ber den Koran eine eigene Meinung zu bilden. &#8218;Wie wollen diese Studenten einmal unterrichten?&#8216;, fragt Behr. Der Unterricht solle ja nicht Glauben vermitteln, sondern zum Umgang mit Glaubensfragen bef&auml;higen.&#8220; (Schenk 2016)<\/i><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Diese Situation erfordert nicht nur eine intensive fachliche Betreuung, sondern auch eine stete Kommunikations- und Gespr&auml;chsbereitschaft auf Seiten der Lehrenden. Es gilt hier an die spezifischen Kompetenzen und Ressourcen der Studierenden anzukn&uuml;pfen, die durch Mehrsprachigkeit und interkulturelle Erfahrung gekennzeichnet sind. Ferner gilt es, didaktische und p&auml;dagogische Strategien zu entwickeln, mit denen den Studierenden die Prinzipien der Wissenschaftlichkeit und der grundgesetzlich garantierten Lehrautonomie sowie die Bedeutung dieser Prinzipien in ihrem Bezug zur theologischen Religionsforschung vermittelt werden k&ouml;nnen. Ebenso ist es von gro&szlig;er Bedeutung, den Erwartungen der Studierenden in Bezug auf die islamische Theologie und Religionsp&auml;dagogik im Vorfeld des Studiums informativ und transparent zu begegnen, und sie &uuml;ber die Berufsperspektiven f&uuml;r Absolvent_innen der islamischen Theologie und Religionsp&auml;dagogik aufzukl&auml;ren.<\/p>\n<p><b>JAMELEDDINE&nbsp;BEN&nbsp;ABDELJELIL<i>&nbsp;<\/i><\/b><i>&nbsp; 1968, Mag. Dr phil., Juniorprofessor und Leiter der Abteilung Islamische Theologie\/Religionsp&auml;dagogik an der P&auml;dagogischen Hochschule Ludwigsburg. Publikationen: Historizit&auml;t und Transzendenz im Islam (2017 &#8211; im Druck), Maq??id a&#353;-&#352;ar??a. Die Maximen des islamischen Rechts (2014), Die Moderne im interkulturellen Diskurs. Perspektiven aus dem arabischen, lateinamerikanischen und europ&auml;ischen Denken (Hrsg. gem. mit Hans Schelkshorn, 2012).<\/i><\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Agai, Bekim et al.: Statt eines Vorworts \/ In Lieu of a Preface. Islamische Theologie in Deutschland: Herausforderungen im Spannungsfeld divergierender Erwartungen, in: Frankfurter Zeitschrift f&uuml;r islamisch-theologische Studien Band 1: Kontexte, Methoden, Inhalte. Ausgabe 1|2014, S. 7-28, abrufbar unter <a href=\"https:\/\/www.uni-frankfurt.de\/58246066\/Positionspapier.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.uni-frankfurt.de\/58246066\/Positionspapier.pdf<\/a>.<\/p>\n<p>Bundesministerium f&uuml;r Bildung und Forschung (BMBF): Islamische Theologie, abrufbar unter <a href=\"https:\/\/www.bmbf.de\/de\/islamische-theologie-367.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.bmbf.de\/de\/islamische-theologie-367.html<\/a>.<\/p>\n<p>Deutsche Islam Konferenz (DIK): Islamischen Religionsunterricht einf&uuml;hren. Online-Beitrag v. 24.11.2008, abrufbar unter <a href=\"http:\/\/www.deutsche-islam-konferenz.de\/DIK\/DE\/DIK\/5ReligionsunterrichtSchule\/Religionsunterricht\/religionsunterricht-node.html;jsessionid=147427FCB149BA0CA107AB8055108E9B.1_cid368\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.deutsche-islam-konferenz.de\/DIK\/DE\/DIK\/5ReligionsunterrichtSchule\/Religionsunterricht\/religionsunterricht-node.html;jsessionid=147427FCB149BA0CA107AB8055108E9B.1_cid368<\/a><\/p>\n<p>Deutsche Islam Konferenz (Hrsg.), Islamischer Religionsunterricht in Deutschland. Perspektiven und Herausforderungen. Tagungsdokumentation N&uuml;rnberg 13.\/14.2.2011, abrufbar unter <a href=\"http:\/\/www.deutsche-islam-konferenz.de\/SharedDocs\/Anlagen\/DIK\/DE\/Downloads\/Sonstiges\/Dokumentation%20IRU-Tagung%202011.pdf?__blob=publicationFile\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.deutsche-islam-konferenz.de\/SharedDocs\/Anlagen\/DIK\/DE\/Downloads\/Sonstiges\/Dokumentation%20IRU-Tagung%202011.pdf?__blob=publicationFile<\/a>.<\/p>\n<p>El Abdaoui, Khalid und Kramer, Michael: Eine islamische Theologie europ&auml;ischer Pr&auml;gung als Integrationsinstrument im 21. Jahrhundert. Wien 2017, abrufbar unter: <a href=\"http:\/\/oegfe.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/OEGfE_Policy_Brief-2017.01.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/oegfe.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/OEGfE_Policy_Brief-2017.01.pdf<\/a><\/p>\n<p>Maizi&egrave;re, Thomas de: Islamischer Religionsunterricht in Deutschland: ein wertvoller Beitrag zur Integration, in: DIK (2011), S. 6-19<\/p>\n<p>Schenk, Arnfrid: Islamische Theologie: Mission erf&uuml;llt? Vor f&uuml;nf Jahren wurde an deutschen Unis das Fach Islamische Theologie eingef&uuml;hrt. Eine Bilanz. DIE ZEIT Nr. 7\/2016 v. 11.2.2016, abrufbar unter <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2016\/07\/islamische-theologie-universitaet-fach-studium-bilanz\/komplettansicht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.zeit.de\/2016\/07\/islamische-theologie-universitaet-fach-studium-bilanz\/komplettansicht<\/a>.<\/p>\n<p>Stichs, Anja\/Kappe, Susanne: Sch&uuml;lerpotenzial f&uuml;r islamischen und alevitischen Religionsunterricht. Onlinebeitrag v. 21.11.2011, abrufbar unter <a href=\"http:\/\/www.deutsche-islam-konferenz.de\/DIK\/DE\/DIK\/5ReligionsunterrichtSchule\/Schuelerpotenzial\/schuelerpotenzial-node.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.deutsche-islam-konferenz.de\/DIK\/DE\/DIK\/5ReligionsunterrichtSchule\/Schuelerpotenzial\/schuelerpotenzial-node.html<\/a><\/p>\n<p>Uslucan, Haci-Halil: Islamischer Religionsunterricht in Deutschland &#8211; Erwartungen und Vorbehalte, in: DIK (2011), S. 27-49.<\/p>\n<p>Wissenschaftsrat: Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen. Berlin 29.1.2010, abrufbar unter <a href=\"http:\/\/www.wissenschaftsrat.de\/download\/archiv\/9678-10.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.wissenschaftsrat.de\/download\/archiv\/9678-10.pdf<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[746,667],"autoren":[1833],"publikationen":[1094],"class_list":["post-10884","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-religion-schule","tag-vorgaenge-artikel","autoren-jameleddine-ben-abdeljelil","publikationen-217-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Islamische Religionslehre(r) an deutschen Hochschulen: Erwartungen und Herausforderungen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/217-vorgaenge\/publikation\/islamische-religionslehrer-an-deutschen-hochschulen-erwartungen-und-herausforderungen-1\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Islamische Religionslehre(r) an deutschen Hochschulen: Erwartungen und Herausforderungen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"In: vorg&auml;nge Nr. 217 (Heft 1\/2017), S. 47-53 Islamische Religionslehre hat sich in den letzten Jahren zu einem Studienfach entwickelt, das an einer Reihe von Hochschulen in Deutschland belegt werden kann. 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