{"id":10885,"date":"2017-05-04T15:44:00","date_gmt":"2017-05-04T13:44:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/der-einfluss-der-tuerkisch-islamischen-ditib-auf-die-auswahl-der-religionslehrer-innen-1\/"},"modified":"2021-08-30T15:42:23","modified_gmt":"2021-08-30T13:42:23","slug":"der-einfluss-der-tuerkisch-islamischen-ditib-auf-die-auswahl-der-religionslehrer-innen-1","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/217-vorgaenge\/publikation\/der-einfluss-der-tuerkisch-islamischen-ditib-auf-die-auswahl-der-religionslehrer-innen-1\/","title":{"rendered":"Der Einfluss der t\u00fcrkisch-islamischen DITIB auf die Auswahl der Religionslehrer_innen"},"content":{"rendered":"<p>In: vorg&auml;nge Nr. 217 (Heft 1\/2017), S. 55-61<\/p>\n<p><i>Dieser Beitrag untersucht am Beispiel Niedersachsens und der T&uuml;rkisch-Islamischen Union der Anstalt f&uuml;r Religion (Diyanet Isleri T&uuml;rk Islam Birligi, DITIB) den Einfluss islamischer Verb&auml;nde auf die Auswahl von Religionslehrer_innen in Niedersachsen. Der Einfluss dieser Organisation auf die Auswahl von Lehrkr&auml;ften und die Erteilung der Lehrerlaubnis werden im Vergleich zu den Kirchen analysiert, auch im Hinblick auf das Abh&auml;ngigkeitsverh&auml;ltnis dieses Verbandes zur T&uuml;rkei.<\/i><\/p>\n<h5><span id=\"1-die-rolle-der-ditib-in-deutschland\">1. Die Rolle der DITIB in Deutschland<\/span><\/h5>\n<p>Die Abk&uuml;rzung DITIB steht f&uuml;r T&uuml;rkisch-Islamische Union der Anstalt f&uuml;r Religion e.&nbsp;V. (1) Sie hat ihren zentralen Sitz in K&ouml;ln und ist dem Ministerpr&auml;sidenten der T&uuml;rkei unterstellt. Die DITIB verf&uuml;gt in Deutschland &uuml;ber 896 Moscheen (Stand 2014), davon 80 in Niedersachsen. Sie ist damit der gr&ouml;&szlig;te muslimische Dachverband in Deutschland.<\/p>\n<p>Die DITIB verfolgt in Deutschland nicht zuletzt politische Ziele, die von der Regierung der T&uuml;rkei vorgegeben werden. Ihre Imame werden in der T&uuml;rkei ausgebildet, erst danach nach Deutschland entsandt. Somit unterliegt die DITIB einer gewissen Konjunktur, da sie immer nur so ideologisch gem&auml;&szlig;igt sein kann, wie es die t&uuml;rkische Regierung ihr vorschreibt. Die gegenw&auml;rtige Regierung der T&uuml;rkei verfolgt das Ziel, eine &#8222;religi&ouml;se Generation der Jugend&#8220; zu erziehen. (2) Hierbei will die Regierung durch ihre in Deutschland eingesetzten Imame, konsularische Vertretungen in den einzelnen Bundesl&auml;ndern und Auslandslehrer Einfluss auf das Leben der t&uuml;rkischst&auml;mmigen Muslime in Europa nehmen. So belegen bestimmte Print- und Onlinemedien, dass die DITIB in Deutschland im Sinne der Regierung der T&uuml;rkei handelt. Nicht zuletzt die Imame der DITIB nehmen in ihrer Freitagspredigt zu politischen Themen regelm&auml;&szlig;ig Stellung: Vor allem tritt die DITIB als bildungspolitischer Akteur in alten Bundesl&auml;ndern auf. Sie erstellt in Zusammenarbeit mit den Kultusministerien Lehrpl&auml;ne, verteilt ihre Lehrmaterialien, &uuml;berpr&uuml;ft die von den Bundesl&auml;ndern finanzierten Islamlehrer_innen und wirkt vor allem an der Erteilung der Lehrerlaubnis (&#8222;Bevollm&auml;chtigung&#8220;) mit. Sie schlie&szlig;t neuerdings mit den Bundesl&auml;ndern &#8222;Staatsvertr&auml;ge&#8220; (3) &uuml;ber diese Zusammenarbeit. Auch in Niedersachsen steht ein solcher Vertrag kurz vor seiner Unterzeichnung. (4) Mit der Schlie&szlig;ung des Vertrags w&auml;re das Land Niedersachsen verpflichtet, die DITIB finanziell zu unterst&uuml;tzen (Art. 8) und daf&uuml;r Sorge zu tragen, dass der Verband in Aufsichtsgremien des Rundfunks vertreten wird (Art. 10). Damit sollen die DITIB und ihre Partnerorganisation mit den Kirchen gleichgestellt werden. Diese Gleichstellung ist angesichts der inhaltlichen Positionen der DITIB nicht unproblematisch. So versuchte die DITIB, die Anerkennung des V&ouml;lkermords an Armeniern durch den Bundestag zu verhindern. Sie stellte eine Sammlung von Koranspr&uuml;chen ins Netz, in der Juden exzessiv negativ charakterisiert wurden. (5) An Islamlehrer_innen verteilt sie Lehrmaterialien, die den islamischen M&auml;rtyrergedanken propagieren. (6) Sie verbreitet damit genau die Agitation des amtierenden Staatspr&auml;sidenten und seiner Anh&auml;nger, die nicht selten f&uuml;r den M&auml;rtyrertod im Islam werben. (7) Auch in Comics, die an Islamlehrer_innen verteilt werden, verherrlicht die DITIB den M&auml;rtyrertod. (8) Zus&auml;tzlich betreibt die DITIB eine Art geheimdienst&auml;hnliche T&auml;tigkeit in Deutschland. So sind die Imame der DITIB seit 1994 verpflichtet, alle vier Monate einen Bericht &uuml;ber das Innenleben der t&uuml;rkischen Gemeinden in Deutschland zu schreiben. Sie sind angewiesen, Informationen &uuml;ber Kritiker des derzeitigen t&uuml;rkischen Staatspr&auml;sidenten sowie Personenfotos &uuml;ber &#8222;Landesverr&auml;ter&#8220; zu liefern. (9) Die DITIB versucht nicht nur durch ihre Imame, sondern mit regelm&auml;&szlig;igen Veranstaltungen und Lehrmaterialien auf die Islamlehrer_innen Einfluss zu nehmen, die wohl gegen&uuml;ber der Organisation in einer Art Loyalit&auml;tsverh&auml;ltnis stehen.<\/p>\n<h5><span id=\"2-islamunterricht-in-niedersachsen-und-der-beirat\">2. Islam&shy;un&shy;ter&shy;richt in Nieder&shy;sachsen und der Beirat <\/span><\/h5>\n<p>Niedersachsen f&uuml;hrte im Jahr 2003 den Islamunterricht ein. Anf&auml;nglich fand der Islamunterricht nur an sieben Schulen statt. Seine Einf&uuml;hrung wurde mit der fehlenden Integration muslimischer Kinder begr&uuml;ndet. Aus diesem Schulversuch wurde inzwischen ein ordentliches Unterrichtsfach an Schulen.<\/p>\n<p>Zu Beginn wurden einige Islamverb&auml;nde &uuml;ber den Schulversuch nur pro forma informiert. Inzwischen besteht Niedersachsen darauf, dass Lehrkr&auml;fte, welche &#8222;Unterricht Islamischer Religion&#8220; erteilen wollen, eine Lehrerlaubnis (Bevollm&auml;chtigung) ben&ouml;tigen. Hierzu wurde ein Beirat eingesetzt. Dieser setzt sich aus Vertreter_ innen von zwei wichtigen muslimischen Verb&auml;nden zusammen, der DITIB und der Schura Niedersachsen. Nicht alle muslimischen Verb&auml;nde sind eingebunden. In der Schura Niedersachsen ist u.a. die Organisation Milli G&ouml;r&uuml;s vertreten, die bis 2014 vom Verfassungsschutz beobachtet wurde; eine Organisation, die ideologisch der Muslimbruderschaft nahe steht und sich an einem radikalen Verst&auml;ndnis des Islam orientiert.(10)<\/p>\n<p>Der Beirat wurde ins Leben gerufen, weil das Land einen Ansprechpartner ben&ouml;tigte. Somit wurden gleich am Anfang Tatsachen geschaffen, ohne sich eines legitimen Ansprechpartners zu vergewissern. Aus rechtlicher Sicht soll der an &ouml;ffentlichen Schulen angebotene Religionsunterricht in &Uuml;bereinstimmung mit den Grunds&auml;tzen der Religionsgemeinschaft erfolgen (Art.&nbsp;7 Abs.&nbsp;3 S.&nbsp;2 GG). Dazu muss der Ansprechpartner legitim sein und auf Dauer (sog. Bestandsdauer) (11) mitwirken k&ouml;nnen. Hieran fehlt es, wenn der Ansprechpartner (Beirat (12)) vom Land nur provisorisch ins Leben gerufen wurde. Dies gilt erst recht, wenn die Gefahr besteht, dass der Ansprechpartner eine Ideologie verfolgt, die bef&uuml;rchten l&auml;sst, dass die in Art. 79 Abs. 3 GG niedergelegten Fundamentalnormen (insbesondere die Bindung an die Menschen- und B&uuml;rgerrechte) nicht hinreichend beachtet werden. Somit stellt sich auch die Frage, ob das Land mit Ansprechpartnern zusammenarbeiten darf, die diese Verfassungsprinzipien umgehen.<\/p>\n<h5><span id=\"3-einfluss-der-islamischen-verbaende-am-beispiel-der-ditib\">3. Einfluss der islamischen Verb&auml;nde am Beispiel der DITIB <\/span><\/h5>\n<p>Niedersachsen hat mit der Gr&uuml;ndung des Beirats zwei Verb&auml;nden ein Mitspracherecht bei inhaltlichen Fragen des Faches (u.a. Erstellung der Lehrpl&auml;ne, Zulassung von Lehrmaterialien) und bei der Zulassung von Lehrkr&auml;ften an Schulen einger&auml;umt. Der Einfluss der DITIB und der Schura Niedersachsen auf die Lehrer_innenauswahl ist nicht unerheblich. (13) Er l&auml;sst sich am besten am Beispiel der Lehrbefugnis f&uuml;r die Religionslehrkr&auml;fte (Idschza) und deren Praxis verdeutlichen. (14) So wirkt die DITIB im Beirat bei der Erteilung der Lehrerlaubnis mit. Durch die Befugnis zur Erteilung der Lehrerlaubnis (&sect;&nbsp;2 Abs. 3 Idschaza-Ordnung) ist sichergestellt, dass sich die Lehrer_innen an islamische Vorschriften halten. Wer sich z.B. nicht nach islamischen Vorschriften richtet, riskiert den Verlust der Lehrerlaubnis (&sect;&nbsp;7 Idschaza-Ordnung Niedersachsen). So wurden bei f&uuml;nf Lehrerinnen die Lehrerlaubnisse befristet (Stand 2014). Faktisch erhalten nur diejenigen die Lehrerlaubnis, die den Islam streng auslegen. Bevorzugt werden Lehrerinnen mit Kopftuch, w&auml;hrend s&auml;kular eingestellten die Lehrerlaubnis verweigert bzw. befristet wird. Gegen die Ablehnung (&sect;&nbsp;6 Abs.&nbsp;2) oder die nachtr&auml;gliche Entziehung der Lehrerlaubnis (&sect;&nbsp;7) gibt es keinen Rechtsschutz. Diese &#8222;Rechtslage&#8220; ist nicht unproblematisch. Selbst die islamischen L&auml;nder kennen keine Lehrerlaubnis (Idschaza) f&uuml;r Schulen. Gleichwohl ist nach der nieders&auml;chsischen Idschaza-Ordnung die Lehrerlaubnis vorgeschrieben. Jede Lehrkraft muss den Unterricht in &Uuml;bereinstimmung mit den Lehren des Islam und glaubw&uuml;rdig erteilen. Er\/sie muss in der pers&ouml;nlichen Lebensweise die Grunds&auml;tze islamischer Lebensf&uuml;hrung, die ethisch-moralischen Werte ber&uuml;cksichtigen (&sect;&nbsp;2 Abs.&nbsp;1 Buchstabe c). Islamlehrer_innen m&uuml;ssen den aktiven Nachweis der Teilnahme am Gemeindeleben erbringen (Buchstabe b). Vor allem m&uuml;ssen alle Lehrkr&auml;fte ein Empfehlungsschreiben einer Moschee einreichen, die entweder von Schura Niedersachsen oder von DITIB vertreten wird (&sect;&nbsp;2 Abs. 1 Buchstabe e i.V.m. &sect;&nbsp;3). Empfehlungsschreiben anderer Moscheen lehnt der Beirat ab.<\/p>\n<p>Im Vergleich stellt sich die Frage, wie die Kirchen ihre Lehrbefugnisse praktizieren. Anders als die islamischen Verb&auml;nde ist nicht bekannt, ob die Kirchen ihre Lehrerlaubnisse &uuml;berhaupt befristen d&uuml;rfen. In der Praxis gelten die Lehrerlaubnisse als erteilt, wenn die Lehramtsanw&auml;rter ihre Studien abgeschlossen haben. Hingegen vertritt der Beirat die Meinung, er orientiere sich an den katholischen bzw. evangelischen Vorschriften. (15) Er verkennt oder &uuml;bersieht, dass die evangelischen Kirchen in Niedersachsen kein besonderes Zulassungsverfahren kennen. Vielmehr gilt die Vokatio mit der abgeschlossenen Lehrerausbildung als erteilt. Anschlie&szlig;end m&uuml;ssen die Bewerber_innen nur noch pro forma an einer zweieinhalbt&auml;gigen Veranstaltung teilnehmen. Demnach ist die Lehrerlaubnis faktisch an die Pr&uuml;fer im Studium und in der Lehrerausbildung delegiert. Nur bei &#8222;schwerwiegenden Verst&ouml;&szlig;en&#8220; gegen die (unterschiedlichen) Lehrmeinungen schreitet die Kirche ein. Eher orientiert sich die islamische Idschaza-Ordnung an der katholischen Kirche. So verlangt das Bistum Osnabr&uuml;ck von Religionslehrer_innen auch im Privatleben die Ber&uuml;cksichtigung kirchlicher Normen. Paare m&uuml;ssen in einer g&uuml;ltigen Ehe leben, und Eltern m&uuml;ssen ihre Kinder katholisch erziehen. Wie bei der islamischen Idschaza ben&ouml;tigen auch katholische Religionslehrer_innen Empfehlungsschreiben &uuml;ber eine &#8222;aktive Teilnahme am Leben der Kirche&#8220;(16).<\/p>\n<h5><span id=\"4-die-lehrpraxis-unter-dem-einfluss-der-ditib\">4. Die Lehrpraxis unter dem Einfluss der DITIB<\/span><\/h5>\n<p>Ca. 40 Islamlehrer_innen erteilten in Niedersachsen &uuml;berwiegend herkunftssprachlichen Unterricht an Grundschulen. Die meisten stammen aus der T&uuml;rkei, einige wenige sind in Tunesien, &Auml;gypten, Aserbaidschan und in Syrien geboren bzw. dort ausgebildet. Abweichende Meinungen, kritisches Hinterfragen des Koran, zeitgem&auml;&szlig;e Auslegung der islamischen Quellen (Koran, Hadithe) werden zumeist nicht toleriert. Au&szlig;erdem hat der Beirat, in dem die DITIB federf&uuml;hrend vertreten ist, den Lehrer_innen untersagt, die Verse des Koran zeitgem&auml;&szlig; auszulegen. Sie sind angewiesen, bei Auslegungsfragen des Koran und der Sunna des Propheten Imame der DITIP bzw. von Mitgliedsorganisationen des Schura einzuschalten. Auseinandersetzungen &uuml;ber Texte und Lehrmaterialien finden nicht statt. Nicht wenige der Islamlehrer_innen sind entweder Mitglied der t&uuml;rkischen DITIB oder stehen ihr nahe. Durch die von der DITIB an Islamlehrer_innen verteilten Lehrmaterialien findet der zuvor genannte M&auml;rtyrergedanke und die Jihad-Lehre Eingang in den islamischen Religionsunterricht. Nicht selten werden Lehrmaterialien an die Sch&uuml;ler_innen verteilt, in denen die kuffars als die &#8222;Gottlosen&#8220; oder wertlose Menschen beschimpft werden.(17) In einem dem Verfasser vorliegenden Manuskript hei&szlig;t es z.B.: &#8222;zwischen den G&ouml;tzendienern und uns herrscht Feindschaft, bis ihr euch dem einzigen Gott zuwendet &#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Medial auftretende Mitglieder der DITIP legen nicht selten eine &#8222;Doppelmoral&#8220; an den Tag. Sie treten gegen&uuml;ber der &#8222;&Ouml;ffentlichkeit&#8220; anders auf als im Umgang mit Islam- und T&uuml;rkischlehrer_innen. Religionsfreiheit, wie sie im Grundgesetz garantiert ist, lassen sie nicht f&uuml;r alle Muslime (z.B. Frauen) gelten. Ihr &#8222;Menschenbild&#8220; gleicht dem der AKP(18), die den M&auml;rtyrertod verherrlicht.(19) So teilt die DITIB-Gemeinde Garbsen (Niedersachsen) Menschen in Gl&auml;ubige (Muslime), Schriftbesitzer (geduldete Christen, Juden) und Ungl&auml;ubige (Atheisten) ein.(20) Wenn gewisse Mitglieder der DITIB von &#8222;Gerechtigkeit&#8220; reden, dann meinen sie wohl kaum den im Grundgesetz geltenden Grundsatz der Gleichberechtigung aller Menschen, sondern die Gerechtigkeit nach dem Koran. Diese Gerechtigkeit kennt keine Gleichbehandlung zwischen Mann und Frau. Kritische, liberal eingestellte Muslime sowie Religions- und Geisteswissenschaftler_innen werden so gut wie nicht zur Kenntnis genommen oder meistens ausgegrenzt. Diese Haltung ist pluralistisch als auch integrationspolitisch kaum f&ouml;rderlich.<\/p>\n<h5><span id=\"5-schlussfolgerungen\">5. Schluss&shy;fol&shy;ge&shy;rungen <\/span><\/h5>\n<p>Viele Bundesl&auml;nder, darunter vor allem Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, erkennen de facto die DITIB als Vertreter der in Deutschland lebenden Muslime an, obwohl sie kaum mehr als 10&nbsp;% der t&uuml;rkischen Muslime vertritt.(21) Vor dem Hintergrund ihrer Abh&auml;ngigkeit von der Regierung der T&uuml;rkei und ihrer inhaltlichen Positionen ist die Anerkennung als Ansprechpartner des Landes nicht unproblematisch.(22) Gleichwohl ist die DITIB einer der zwei Verb&auml;nde, die im Beirat vertreten sind. Es sieht so aus als ob die L&auml;nder auf die DITIB nicht wirklich verzichten k&ouml;nnen bzw. wollen. Wie dargelegt ist die DITIB mit der T&uuml;rkei organisatorisch verflochten. Es sind wohl vor allem sicherheitspolitische Gr&uuml;nde, die das Land Niedersachsen und seine Organe veranlasst haben, die DITIB als Ansprechpartner auszuw&auml;hlen. Das Land macht sich insofern zum &#8222;religi&ouml;sen Schiedsrichter&#8220; und pr&auml;feriert innerhalb des Islam bestimmte Str&ouml;mungen.(23)<\/p>\n<p>Vieles spricht daf&uuml;r, dass der vom Land Niedersachsen gegr&uuml;ndete Beirat verfassungswidrig ist und das Land mit der Einsetzung dieses Gremiums seine Neutralit&auml;tspflicht verletzt hat.(24) Die Imame der DITIB kennen sich kaum mit dem Wertekanon der im Grundgesetz verankerten Grund- und Menschenrechte aus. Es ist die DITIB, die mit der Verteilung von Lehrmaterialien eine menschenrechtswidrige Ideologie betreibt. Wegen der dargelegten Weisungsgebundenheit kann niemand ausschlie&szlig;en, dass sie in Treue und Bindung zur T&uuml;rkei bestimmte Aspekte der islamischen Scharia propagiert und somit auch die Normen des Grundgesetzes umgeht. So steht der T&uuml;rkei durch die bevorstehende und durch die Machtverh&auml;ltnisse im Parlament angestrebte Verfassungs&auml;nderung die Aufhebung der f&uuml;r den Rechtsstaat und Demokratie essentiellen Gewaltenteilung bevor. Die Machtkonzentration in der Hand eines einzelnen Pr&auml;sidenten, der gleichheitswidrige Aspekte der Scharia propagiert, k&ouml;nnte zur Abschaffung demokratischer und rechtsstaatlicher Grunds&auml;tze f&uuml;hren.<\/p>\n<p>Die DITIB ist bisher keine K&ouml;rperschaften des &ouml;ffentlichen Rechts. Bereits jetzt hat sich durch die Macht der DITIB und weiterer Verb&auml;nde ein &#8222;konservativer Islam&#8220; in Deutschland etabliert, der nicht in der Lage ist, kritisch mit seiner Historie und den Quellen umzugehen.<\/p>\n<p><b>JELAL&nbsp;CARTAL<\/b><i>&nbsp;&nbsp; Dr. jur., Religions- und Politikwissenschaftler, arbeitet als Sachverst&auml;ndiger f&uuml;r Gerichte und Beh&ouml;rden.<\/i><\/p>\n<p><b>Anmerkungen:<\/b><\/p>\n<p>1 S. <a href=\"http:\/\/www.ditib.de\/index.php?lang=de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.ditib.de\/index.php?lang=de<\/a><\/p>\n<p>2 Ba bakan Erdogan, AK Parti Gen&ccedil;lik Kongresi&#8217;nde partililere hitap etti. In: s Sabah v. 29.4.2012, <a href=\"http:\/\/www.sabah.com.tr\/gundem\/2012\/04\/29\/basbakan-erdogan-konusuyor\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.sabah.com.tr\/gundem\/2012\/04\/29\/basbakan-erdogan-konusuyor<\/a>.<\/p>\n<p>3 In Hamburg etwa besteht ein Staatsvertrag zwischen der Freien Hansestadt und dem DITIB-Landesverband. Er regelt das Zusammenleben der Muslime und der anderen Religionsgruppen im Bundesland.<\/p>\n<p>4 M.E. sind Art. 8 Abs. 1 und Art. 18 dieses Vertrags mit dem Neutralit&auml;tsgrundsatz des Staates nicht vereinbar. Art. 18 dieses Vertrags legt nahe, dass das Land Niedersachsen mit diesem Vertrag einen sich genehmen Staatsislam schaffen will; s. Nieders&auml;chsisches Kultusministerium, Vertragsverhandlungen mit DITIB und SCHURA sowie der Alevitischen Gemeinde, in: <a href=\"http:\/\/www.mk.niedersachsen.de\/aktuelles\/vertragsverhandlungen-mit-ditib-und-schura-sowie-der-alevitischengemeinde-139428\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.mk.niedersachsen.de\/aktuelles\/vertragsverhandlungen-mit-ditib-und-schura-sowie-der-alevitischengemeinde-139428<\/a>. html (Stand vom 16.6.2016).<\/p>\n<p>5 Darin wurden Juden als Diebe, L&uuml;gner, Vertragsbrecher, Prophetenm&ouml;rder sowie geizig und arrogant charakterisiert, vgl. T&uuml;rkisch-Islamische Union der Anstalt f&uuml;r Religion, in: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/T%C3%BCrkisch-Islamische_Union_der_Anstalt_f%C3%BCr_Religion#cite_note-3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/T%C3%BCrkisch-Islamische_Union_der_Anstalt_f%C3%BCr_Religion#cite_note-3<\/a> (Stand vom 25.12.2016).<\/p>\n<p>6 S. Asim Uysal\/M&uuml;rside Uysal, Geschichten aus dem Koran Nr. 1 (f&uuml;r Kinder ab 6 Jahre), Uysal Yayinevi Istanbul, S. 15; dies., Erste Religionskenntnisse f&uuml;r Kinder &#8211; 2. Die 32 Vorschriften des Islam in Erz&auml;hlungen, Uysal Yayinevi Istanbul, S. 27.<\/p>\n<p>7 Mehrere Minister erkl&auml;rten, ihr Ziel sei es, den Rang eines M&auml;rtyrers zu erreichen (Redetexte v. 21.8.2015, G&uuml;ncel v. 12.12.2016); Staatspr&auml;sident Erdogan erkl&auml;rte in einer Rede vom 4.1.2017 vor den versammelten Dorfvorstehern in Ankara, er werde, wenn n&ouml;tig, auch zum M&auml;rtyrer.<\/p>\n<p>8 Daraufhin musste das Land Nordrhein-Westfalen die Zusammenarbeit im Pr&auml;ventionsprogramm &#8222;Wegweiser&#8220; gegen den islamischen Extremismus beenden. Die Imame der DITIB werden gegenw&auml;rtig in Nordrhein-Westfalen vom Verfassungsschutz &uuml;berpr&uuml;ft.<br \/>9 Informativ und lesenswert: &#8222;T&uuml;rkisch-Islamische Union der Anstalt f&uuml;r Religion&#8220;, Eintrag in Wikipedia, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/T%C3%BCrkisch-Islamische_Union_der_Anstalt_f%C3%BCr_Religion\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/T%C3%BCrkisch-Islamische_Union_der_Anstalt_f%C3%BCr_Religion<\/a> (Stand vom 25.12.2016).<\/p>\n<p>10 Lesenswert hierzu: Gabi Schmidt und Edward von Roy, Zur geplanten Einf&uuml;hrung des bekennenden Islamischen Religionsunterrichts, in: <a href=\"https:\/\/schariagegner.wordpress.com\/2011\/12\/20\/nein-zum-gesetz-zur-einfuehrung-von-islamischem-religionsunterricht-als-ordentliches-lehrfach\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/schariagegner.wordpress.com\/2011\/12\/20\/nein-zum-gesetz-zur-einfuehrung-von-islamischem-religionsunterricht-als-ordentliches-lehrfach\/<\/a><\/p>\n<p>11 Vgl. dazu Stefan Muckel, &#8222;Handelt es sich bei dem DITIB-Landesverband Niedersachsen-Bremen e.V. und der SCHURA Niedersachsen &#8211; Landesverband der Muslime e.V. um Religionsgemeinschaften i.S. des Art. 7 Abs. 3 GG &#8230;&#8220;, Rechtsgutachten im Auftrag des Kultusministeriums des Landes Niedersachsen, K&ouml;ln 2015, S. 37; abrufbar unter: <a href=\"http:\/\/www.mk.niedersachsen.de\/aktuelles\/vertragsverhandlungen-mit-ditib-und-schura-sowie-der-alevitischen-gemeinde-139428.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.mk.niedersachsen.de\/aktuelles\/vertragsverhandlungen-mit-ditib-und-schura-sowie-der-alevitischen-gemeinde-139428.html<\/a>.<\/p>\n<p>12 S. Beirat f&uuml;r den Islamischen Religionsunterricht in Niedersachsen, Informationen zur Lehrerlaubnis f&uuml;r Lehrkr&auml;fte des Islamischen Religionsunterrichts an &ouml;ffentlichen und freien Schulen in Niedersachsen, in: <a href=\"http:\/\/beirat-iru-n.de\/idschaza\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/beirat-iru-n.de\/idschaza\/<\/a>.<\/p>\n<p>13 Die islamischen Verb&auml;nde haben einen Einfluss auch auf die Auswahl der Hochschullehrer in NRW, s. dazu: &#8222;Verb&auml;nde gegen Universit&auml;t&#8220;, Frankfurter Rundschau v. 25.3.2014.<\/p>\n<p>14 Rabeya M&uuml;ller, &Uuml;ber die Schwierigkeit, den Islam zu lehren. Islamischer Religionsunterricht in Deutschland, in: Fikrun wa Fann Juni 2014, unter <a href=\"http:\/\/www.goethe.de\/ges\/phi\/prj\/ffs\/the\/a101\/de13024773.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.goethe.de\/ges\/phi\/prj\/ffs\/the\/a101\/de13024773.htm<\/a>.<\/p>\n<p>15 Hermann Horstkotte, Lehrer von Gnaden des Dorfpastors, in: Zeit-Online v. 20.6.2012.<\/p>\n<p>16 Horstkotte 2012 (Anm. 15).<\/p>\n<p>17 S. &#8222;ABRAHAM&#8220;, in: Seminar f&uuml;r Islamlehrer Dezember 2003, S. 21\/23.<\/p>\n<p>18 Adalet ve Kalkinma Partisi: Partei der Gerechtigkeit und Entwicklung.<\/p>\n<p>19 Vgl. Horstkotte 2012 (Anm. 15).<\/p>\n<p>20 Garbsen Kocatepe Moschee e.V., Mitteilungszeitschrift Sayi 3\/2013, S. 72 f. (87).<\/p>\n<p>21 So w&uuml;nschen sich 76 Prozent der Muslime Religionsunterricht, aber nur knapp 25 Prozent f&uuml;hlen sich von den gro&szlig;en Dachverb&auml;nden vertreten; vgl. Mark Chal&icirc;l Bodenstein\/DIK-Redaktion, &#8222;Muslimische Verb&auml;nde: neue Zahlen, aber kein Ende der Diskussion&#8220;, Online-Beitrag v. 2.10.2009, in: <a href=\"http:\/\/www.deutsche-islam-konferenz.de\/DIK\/DE\/Magazin\/Gemeindeleben\/BekanntheitOrg\/bekanntheit-org-mld-node.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.deutsche-islam-konferenz.de\/DIK\/DE\/Magazin\/Gemeindeleben\/BekanntheitOrg\/bekanntheit-org-mld-node.html<\/a>.<\/p>\n<p>22 W&auml;re der missgl&uuml;ckte Umsturzversuch in der T&uuml;rkei am 15.7.2016 nicht erfolgt, h&auml;tte Niedersachsen l&auml;ngst diesen Vertrag unterzeichnet.<\/p>\n<p>23 Vgl. z.B. Hartmut Kre&szlig;, Islamischer Religionsunterricht zwischen Grundsatzproblemen und neuen Rechtsunsicherheiten, in: ZRP 1\/2010, S. 14.<\/p>\n<p>24 So auch J&ouml;rg-Uwe Hahn, zit. nach: &#8222;J&ouml;rg-Uwe Hahn: Islam-Unterricht in NRW verfassungswidrig&#8220;, Migazin v. 6.3.2012, in: <a href=\"http:\/\/www.migazin.de\/2012\/03\/06\/islam-unterricht-in-nrw-verfassungswidrig\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.migazin.de\/2012\/03\/06\/islam-unterricht-in-nrw-verfassungswidrig<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[746,667],"autoren":[1834],"publikationen":[1094],"class_list":["post-10885","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-religion-schule","tag-vorgaenge-artikel","autoren-jelal-cartal","publikationen-217-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der Einfluss der t\u00fcrkisch-islamischen DITIB auf die Auswahl der Religionslehrer_innen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/217-vorgaenge\/publikation\/der-einfluss-der-tuerkisch-islamischen-ditib-auf-die-auswahl-der-religionslehrer-innen-1\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der Einfluss der t\u00fcrkisch-islamischen DITIB auf die Auswahl der Religionslehrer_innen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"In: vorg&auml;nge Nr. 217 (Heft 1\/2017), S. 55-61 Dieser Beitrag untersucht am Beispiel Niedersachsens und der T&uuml;rkisch-Islamischen Union der Anstalt f&uuml;r Religion (Diyanet Isleri T&uuml;rk Islam Birligi, DITIB) den Einfluss islamischer Verb&auml;nde auf die Auswahl von Religionslehrer_innen in Niedersachsen. 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