{"id":10887,"date":"2017-05-04T15:05:00","date_gmt":"2017-05-04T13:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/religionsfreiheitsgesetze-des-bundes-und-der-laender\/"},"modified":"2021-08-30T15:42:24","modified_gmt":"2021-08-30T13:42:24","slug":"religionsfreiheitsgesetze-des-bundes-und-der-laender","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/217-vorgaenge\/publikation\/religionsfreiheitsgesetze-des-bundes-und-der-laender\/","title":{"rendered":"Religionsfreiheitsgesetze des Bundes und der L\u00e4nder"},"content":{"rendered":"<p>Vorschlag einer gesetzlichen L&ouml;sung f&uuml;r mehr Rechtsklarheit und Gleichberechtigung zwischen den Religionen. In: vorg&auml;nge Nr. 217 (Heft 1\/2017), S. 79-86<\/p>\n<p><i>In Deutschland wird die Kooperation zwischen Staat und Religionsgemeinschaften h&auml;ufig durch Staatsvertr&auml;ge und Konkordate geregelt. Dieses Regelungsmodell wird immer wieder kritisiert, weil die Vertr&auml;ge weitgehend intransparent sind, allein zwischen Regierung und Religionsgemeinschaft ausgehandelt werden, w&auml;hrend &Ouml;ffentlichkeit und Parlamente weitgehend au&szlig;en vor bleiben. Als eine Alternative bietet sich das &ouml;sterreichische Islamgesetz an. Andreas Neumann skizziert, warum dies eine schlechte Alternative w&auml;re und wie allgemeine, f&uuml;r alle Religionsgemeinschaften gleicherma&szlig;en geltende Religionsfreiheitsgesetze aussehen k&ouml;nnten.<br \/><\/i><\/p>\n<h5><span id=\"1-einfuehrung\">1. Einf&uuml;hrung<\/span><\/h5>\n<p>Alle Jahre wieder wird p&uuml;nktlich zu Wahlen oder zu christlichen Feiertagen &uuml;ber ein Islamgesetz f&uuml;r Deutschland am &ouml;sterreichischen Beispiel debattiert. In aller Regel erheben sich dann die Stimmen der Gerechten, die ein solches Gesetz f&uuml;r &uuml;berfl&uuml;ssig halten. Gerade arrivierte Islamwissenschaftlerinnen und Islamwissenschaftler neigen zur eher unkreativen Antwort, im Grundgesetz und den vielen anderen Gesetzen sei doch schon alles geregelt. Dies trifft aber nicht zu, wie nicht zuletzt die mannigfaltige Rechtsprechung belegt.<\/p>\n<p>Im folgenden Beitrag vertrete ich die schon vor etwa zehn Jahren entwickelte These: Einerseits kommt ein Islamgesetz f&uuml;r die Bundesrepublik Deutschland nicht in Betracht. Andererseits sind bekenntnisneutrale Religionsfreiheitsgesetze auf Bundes- und Landesebene zu schaffen.<\/p>\n<p>Die Religionsfreiheitsgesetze k&ouml;nnten mittelfristig die existierenden Vertr&auml;ge mit religi&ouml;sen Verb&auml;nden, die Kirchenvertr&auml;ge sowie Konkordate und konkordat&auml;ren Einzelvereinbarungen ersetzen. Die Ungleichbehandlung von Religionsgemeinschaften k&ouml;nnte beendet und die weitere S&auml;kularisierung gef&ouml;rdert werden. Zweck der Religionsfreiheitsgesetze ist nicht zuletzt die Information aller Mitb&uuml;rgerinnen und Mitb&uuml;rger einschlie&szlig;lich der Zuwanderer &uuml;ber die Grenzen der grundrechtlich gew&auml;hrleisteten Religionsfreiheit.<\/p>\n<h5><span id=\"2-zum-islamgesetz-in-oesterreich\">2. Zum Islamgesetz in &Ouml;sterreich<\/span><\/h5>\n<p>Mit dem Islamgesetz (1) wurde 1912 in &Ouml;sterreich-Ungarn zun&auml;chst die hanafitische Schariaschule anerkannt. (2) Seitdem wurde das Islamgesetz immer wieder reformiert. Regelm&auml;&szlig;ig gab es Diskussionen dar&uuml;ber, ob in der Bundesrepublik Deutschland ein vergleichbares Gesetz einzuf&uuml;hren sei.<\/p>\n<p>2015 trat in &Ouml;sterreich das neu gefasste Islamgesetz in Kraft. (3) Es regelt die Belange der &bdquo;Islamischen Religionsgesellschaften in &Ouml;sterreich&ldquo;, insbesondere der bereits anerkannten und best&auml;tigten &bdquo;Islamischen Glaubensgemeinschaft in &Ouml;sterreich&ldquo; (Abschnitt 3) sowie der &bdquo;Islamischen Alevitischen Glaubensgemeinschaft in &Ouml;sterreich&ldquo; (Abschnitt 4).<\/p>\n<p>Nach &sect; 31 Absatz 3 des Islamgesetzes sind alle Vereine, deren Zweck in der Verbreitung der Religionslehre einer islamischen Religionsgesellschaft besteht, mit Bescheid des Bundesinnenministers aufzul&ouml;sen, wenn der Vereinszweck nicht den Erfordernissen des Islamgesetzes gen&uuml;gt. Damit wird nicht nur der Vorrang staatlichen Rechts vor dem islamischen Recht statuiert, sondern dem Islam in &Ouml;sterreich regelrecht ein Korsett verpasst.<\/p>\n<p>&sect; 6 des aktuellen Islamgesetzes mit dem Titel &bdquo;Verfassungen islamischer Religionsgesellschaften&ldquo; lautet:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&bdquo;<i>(1) Eine im Rahmen der inneren Angelegenheiten erstellte Verfassung einer islamischen Religionsgesellschaft hat, um die Wirkung f&uuml;r den staatlichen Bereich sicherzustellen, folgende Angaben in der Amtssprache zu enthalten:<br \/>1. Name und Kurzbezeichnung, wobei die Religionsgesellschaft klar erkennbar und eine Verwechslung mit anderen Kirchen oder Religionsgesellschaften, Vereinen, Einrichtungen oder anderen Rechtsformen ausgeschlossen sein muss;<br \/>2. Sitz der Religionsgesellschaft;<br \/>3. Erwerb und Verlust der Mitgliedschaft;<br \/>4. Rechte und Pflichten der Mitglieder;<br \/>5. Darstellung der Lehre, einschlie&szlig;lich eines Textes der wesentlichen Glaubensquellen (Koran), die sich von bestehenden gesetzlich anerkannten Religionsgesellschaften, Bekenntnisgemeinschaften oder Religionsgesellschaften unterscheiden m&uuml;ssen;<br \/>6. innere Organisation, wobei zumindest Kultusgemeinden vorzusehen sind;<br \/>7. angemessene Ber&uuml;cksichtigung aller innerhalb der Religionsgesellschaft bestehenden Traditionen;<br \/>8. Art der Bestellung, Dauer der Funktionsperiode und Abberufung der Organe;<br \/>9. Art der Besorgung des Religionsunterrichts und die Aufsicht &uuml;ber diesen;<br \/>10. Aufbringung der Mittel, deren Verwaltung und die Rechnungslegung;<br \/>11. Schlichtung von Streitigkeiten innerhalb der Religionsgesellschaft;<br \/>12. Erzeugung und &Auml;nderung der Verfassung.<\/i>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><i>(2) Die Aufbringung der Mittel f&uuml;r die gew&ouml;hnliche T&auml;tigkeit zur Befriedigung der religi&ouml;sen Bed&uuml;rfnisse ihrer Mitglieder hat durch die Religionsgesellschaft, die Kultusgemeinden bzw. ihre Mitglieder im Inland zu erfolgen.<\/i>&ldquo;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Neben dem umstrittenen Verbot der Auslandsfinanzierung in Absatz 2 enth&auml;lt &sect;&nbsp;6 Islamgesetz und parallel dazu die Vorschrift zu den Kultusgemeinden in &sect; 8 Islamgesetz ein weitgehendes Transparenzgebot.<\/p>\n<p>Nach &sect; 7 Islamgesetz geh&ouml;ren zu den Aufgaben der islamischen Religionsgemeinschaft unter anderem die Vertretung der Interessen ihrer Mitglieder als religionsgesellschaftliche Oberbeh&ouml;rde. Die Religionsgemeinschaften werden verpflichtet, folgende Akte an den Bundeskanzler vorzulegen:<\/p>\n<ul>\n<li>die Verfassung der Religionsgesellschaft, <\/li>\n<li>die Statuten der Kultusgemeinden, deren jeweilige &Auml;nderungen sowie <\/li>\n<li>die &Auml;nderungen in der Zusammensetzung ihrer Organe.<\/li>\n<\/ul>\n<h5><span id=\"3-keine-uebertragbarkeit-auf-die-bundesrepublik-deutschland\">3. Keine &Uuml;bertrag&shy;bar&shy;keit auf die Bundes&shy;re&shy;pu&shy;blik Deutschland<\/span><\/h5>\n<p>Ein solches Korsett f&uuml;r den Islam kommt zumindest f&uuml;r die Bundesrepublik Deutschland meiner Ansicht nach nicht in Betracht. Es stellte eine Diskriminierung islamischer Religionsgemeinschaften dar, w&uuml;rde den Vorrang der Kirchen zementieren und w&auml;re kontraproduktiv im Hinblick auf die w&uuml;nschenswerte Vielseitigkeit und die n&ouml;tige Diversit&auml;t. Ein Islamgesetz nach &ouml;sterreichischem Vorbild &uuml;bt einen Konformit&auml;tsdruck aus, der nirgends auf der Welt w&uuml;nschenswert ist. Diversit&auml;t wird verstanden als M&ouml;glichkeit vielseitiger individueller Sonderentwicklungen. Diversit&auml;t ist eine Ressource, die eine Gesellschaft kulturell, aber auch wirtschaftlich braucht. Diversit&auml;t erm&ouml;glicht Flexibilit&auml;t und Anpassung an die rasanten Ver&auml;nderungen und sichert so die &Uuml;berlebensf&auml;higkeit einer Gesellschaft. In den Religionen steckt jeweils wertvolles Erfahrungswissen. Staatlicher Einfluss hierauf wirkt kontraproduktiv.<\/p>\n<p>Ein Sondergesetz f&uuml;r den Islam ist in Deutschland im Hinblick auch auf die m&ouml;gliche Alternative allgemeiner gesetzlicher Regelungen nicht erforderlich und wegen Artikel 3 Grundgesetz und des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes rechtlich gar nicht m&ouml;glich. Abgesehen davon w&auml;re es auch politisch nicht durchsetzbar, wie die regelm&auml;&szlig;igen Debatten immer wieder zeigen.<\/p>\n<p>Zu ber&uuml;cksichtigen ist neben dem Verwaltungs- und Verfassungsrecht auch das Europa- und V&ouml;lkerrecht. Ein deutsches Islamgesetz k&ouml;nnte gegen die Europ&auml;ische Menschenrechtskonvention (V&ouml;lkerrecht) oder auf europ&auml;ischer Ebene gegen die Grundrechtecharta und Artikel 17 des Vertrags &uuml;ber die Arbeitsweise der Europ&auml;ischen Union und hierzu ergangene Richtlinien versto&szlig;en. Ob das &ouml;sterreichische Islamgesetz gegen V&ouml;lker- und Europarecht verst&ouml;&szlig;t, sei einmal dahingestellt. Die Pr&uuml;fung dieser Frage kann an dieser Stelle nicht vorgenommen werden.<\/p>\n<h5><span id=\"4-begriffliche-schaerfungen-zu-freiheit-religion-und-saekularisierung-sowie-zur-religionsfreiheit\">4. Begriff&shy;liche Sch&auml;rfungen zu Freiheit, Religion und S&auml;kula&shy;ri&shy;sie&shy;rung sowie zur Religi&shy;ons&shy;frei&shy;heit<\/span><\/h5>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"a-freiheit\">a) Freiheit<\/span><\/h2>\n<p>Freiheit war in der Antike nur individuelles Privileg der Gebildeten und der Oberschichten. Unfrei waren Sklaven und unterworfene V&ouml;lker. <br \/>Die individuelle Freiheit wird in der Neuzeit erg&auml;nzt durch die politische und die &ouml;konomische Freiheit. (4) Nach Immanuel Kant ist Freiheit bedingt durch die Vernunft und den kategorischen Imperativ. Jeder darf seine Gl&uuml;ckseligkeit auf seine Weise suchen, wenn er dabei die Freiheit Anderer nicht schm&auml;lert, ebensolches zu tun, und sein Handeln vor einem m&ouml;glichen allgemeinen Gesetz besteht.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"b-religion\">b) Religion<\/span><\/h2>\n<p>Religion kann definiert werden als ein wissenschaftlich nachvollziehbarer Zusammenhang von Glaubenss&auml;tzen, welche den Sinn des menschlichen Lebens, des Daseins, bestimmter Symbole und auch die Beziehungen der Menschen zueinander sowie zu guten und b&ouml;sen M&auml;chten betreffen. (5) Religion hat es seit Menschengedenken gegeben. Sie ist f&uuml;r viele nach wie vor ein unverzichtbarer Bestandteil eines erf&uuml;llten Lebens.<\/p>\n<p>Marcus Tullius Cicero schreibt in seinem Werk &uuml;ber die Existenz und das Wesen der G&ouml;tter (De natura deorum), schon die Vorfahren h&auml;tten den Aberglauben von der positiv besetzten Religion klar unterschieden.(6) Religion wurde als Beachtung und wiederholtes Durchgehen, als regelm&auml;&szlig;ige Aus&uuml;bung dessen verstanden, was zur G&ouml;tterverehrung geh&ouml;rte &#8211; also im Wesentlichen als eine Glaubenspraxis. Der Begriff religio, in dem das zentrale Wort legere (lesen, ausw&auml;hlen) stecke, habe einen positiven Sinn erhalten, so Cicero.<\/p>\n<p>In der Neuzeit hat sich insbesondere Jean-Jacques Rousseau in seinem Werk &uuml;ber den Gesellschaftsvertrag (<i>Du contrat social ou Principes du droit politique<\/i>) ma&szlig;geblich zur Religion ge&auml;u&szlig;ert und die Konzeption einer Zivilreligion entwickelt. Diese b&uuml;rgerliche Religion sollte einen gemeinschaftlichen Willen bef&ouml;rdern und Intoleranz ausschlie&szlig;en.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"c-saekularisierung\">c) S&auml;kula&shy;ri&shy;sie&shy;rung<\/span><\/h2>\n<p>S&auml;kularisierung ist die Befreiung des Individuums vom staatlichen Aufzwingen von Religion. Diese Definition der S&auml;kularisierung kann aus Platzgr&uuml;nden an dieser Stelle nicht n&auml;her erl&auml;utert und begr&uuml;ndet werden.<\/p>\n<p>Drei Stufen k&ouml;nnen zur konkreten Erl&auml;uterung des heute in der Bundesrepublik Deutschland erreichten &ndash; noch nicht hinreichenden &ndash; Grads an S&auml;kularisierung unterschieden werden: I. Aufl&ouml;sung der Einheit von Reich und Kirche durch den Augsburger Religionsfrieden von 1555 und den Westf&auml;lischen Frieden von 1648, II. das Allgemeine Preu&szlig;ische Landrecht von 1794 und III. die Aufhebung der Staatskirche durch Artikel 137 der Weimarer Reichsverfassung.<\/p>\n<p>Aktuell ist staatliches Verwaltungsrecht f&uuml;r Kirchen und Religions- und Weltanschauungsgesellschaften mit K&ouml;rperschaftsstatus anwendbar. Wegen des den Kirchen zugesprochenen Selbstverwaltungsrechts wird davon der innerkirchliche und gegebenenfalls vom kirchlichen Recht geregelte Bereich (forum internum) ausgenommen. (7) &sect;&nbsp;2 Absatz&nbsp;1 Verwaltungsverfahrensgesetz nimmt zwar auch die &ouml;ffentlich-rechtliche Verwaltungst&auml;tigkeit vom Anwendungsbereich des Verwaltungsverfahrensgesetzes aus. (8) Anwendbar ist es derzeit aber auf die Aus&uuml;bung staatlich verliehener Hoheitsmacht durch kirchliche Stellen. Hierzu geh&ouml;ren unter anderem die Erhebung der Kirchensteuer, die Zulassung zu kirchlichen Kinderg&auml;rten, die Bestattung auf kirchlichen Friedh&ouml;fen, die Besoldung von kirchlichen Amtstr&auml;gern und der Kirchenaustritt.<\/p>\n<p>Zu hinterfragen ist vor dem Hintergrund der S&auml;kularisierung bereits die Verleihung staatlicher Macht an Kirchen und Religionsgemeinschaften &uuml;berhaupt. Auch f&uuml;r diese F&auml;lle sollte ein Religionsfreiheitsgesetz zumindest die passenderen Vorschriften bereitstellen, denn kirchliche und staatliche Macht sind wesensm&auml;&szlig;ig verschieden. Der Privatrechtsweg erscheint f&uuml;r diese F&auml;lle geeigneter als der Verwaltungsrechtsweg.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"d-religionsfreiheit\">d) Religi&shy;ons&shy;frei&shy;heit<\/span><\/h2>\n<p>Unter Religionsfreiheit wird das einheitliche, in den Abs&auml;tzen 1 und 2 des Artikels 4 Grundgesetz niedergelegte Grundrecht in Abgrenzung zur Gewissensfreiheit verstanden. Religionsfreiheit ist der Oberbegriff f&uuml;r die Glaubensfreiheit, die religi&ouml;se wie weltanschauliche Bekenntnisfreiheit, die Freiheit der Religionsaus&uuml;bung und auch die religi&ouml;se Vereinigungsfreiheit.<\/p>\n<p>Der Begriff der Religionsfreiheit umfasst daneben auch alle Formen der negativen Religionsfreiheit. Letztere besteht unter anderem gerade darin, keine Religion zu bekennen und von der Religionsaus&uuml;bung anderer nicht unzumutbar behelligt und damit gest&ouml;rt zu werden.<\/p>\n<p>Zu differenzieren ist zwischen der unmittelbaren Wirkung der Religionsfreiheit im &ouml;ffentlichen Recht und der mittelbaren Wirkung im Privatrecht. Die Grundrechte sind prim&auml;r Freiheitsrechte und Abwehrrechte gegen&uuml;ber Eingriffen des Staates und erst sekund&auml;r auch im Verh&auml;ltnis der Menschen untereinander zu ber&uuml;cksichtigen. Der Grundsatz der Privatautonomie erlaubt Vereinbarungen zun&auml;chst einmal unabh&auml;ngig davon, ob sie religi&ouml;s motiviert sind oder nicht.<\/p>\n<h5><span id=\"5-unzulaenglichkeit-des-deutschen-religionsrechts\">5. Unzul&auml;ng&shy;lich&shy;keit des deutschen Religi&shy;ons&shy;rechts <\/span><\/h5>\n<p>Die Aufhebung der Staatskirche durch Artikel 137 der Weimarer Reichsverfassung etablierte die Grunds&auml;tze des deutschen Religionsrechts: die Neutralit&auml;t, Nichtidentifikation, Parit&auml;t und Toleranz des Staates gegen&uuml;ber den Religionsgemeinschaften. Der Staat muss danach Zur&uuml;ckhaltung gegen&uuml;ber den Zielen und Inhalten der religi&ouml;sen Gemeinschaften &uuml;ben, den Glauben auch von Minderheiten sch&uuml;tzen und alle Religionsgemeinschaften gleich behandeln. In diesem Beitrag werden diese Grunds&auml;tze kurz als Gleichberechtigung zusammengefasst.<\/p>\n<p>Das Grundgesetz misst der Religionsfreiheit einen sehr hohen Rang bei. Dies zeigt sich darin, dass die Abs&auml;tze 1 und 2 des Artikels 4 Grundgesetz selbst keine Schranke enthalten. Die Religionsfreiheit ist aber keineswegs schrankenlos gew&auml;hrleistet. (9) Sie findet vielmehr ihre Grenzen in den Freiheiten anderer und in anderen kollidierenden Gemeinschaftsg&uuml;tern mit Verfassungsrang. Hierzu geh&ouml;ren zum Beispiel der Tierschutz oder der Schulfrieden.<\/p>\n<p>Zwar wurde die damit grunds&auml;tzlich immer n&ouml;tige Abw&auml;gung zwischen den infrage stehenden Rechtsg&uuml;tern in einigen einfachgesetzlichen Vorschriften abstrakt vorweggenommen. So enthalten &sect;&sect; 21, 157 Strafvollzugsgesetz, &sect; 1 Baugesetzbuch, &sect; 118 Betriebsverfassungsgesetz, &sect; 4a Tierschutzgesetz, das Vereinsrecht (staatliche Gr&uuml;ndungskontrolle) (10) sowie das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz bereits Regelungen, die durch grundlegende Richtungsentscheidungen Streit vermeiden helfen. Aber die Rechtspraxis in der Bundesrepublik Deutschland zeigt, dass die Konfliktfelder mit religi&ouml;sem Hintergrund zunehmend die Gerichte herausfordern.<\/p>\n<p>Immer wieder entstehen Streitigkeiten &uuml;ber religi&ouml;se Bekleidungsvorschriften und Gebetszeiten, ob aus verwaltungsrechtlicher oder aus arbeitsrechtlicher Perspektive (s. dazu die Beitr&auml;ge von Berghahn und Spielhaus in diesem Heft). (11) Der Grund daf&uuml;r ist oft das Fehlen pr&auml;ziser einschl&auml;giger Regelungen und gesetzlicher Grundlagen.<\/p>\n<p>Die Auswirkungen der Religionsfreiheit auf den Moscheebau und einen m&ouml;glichen Gebetsruf sind ebenso regelungsbed&uuml;rftig wie die Anerkennung religi&ouml;s bedingter Ausnahmen vom Tierschutz zum Beispiel f&uuml;r das Sch&auml;chten, religi&ouml;se Feiertage, das Sonder-Arbeitsrecht der Kirchen, Gebetszeiten, Sexualkunde- und Schwimmunterricht sowie religi&ouml;s bedingte Befreiungen hiervon, die Einrichtung und Unterhaltung theologischer Fakult&auml;ten an den deutschen Universit&auml;ten und die Ausbildung und Anerkennung des religi&ouml;sen Lehrpersonals. Zu denken ist ferner an die Beschneidung und die Genitalverst&uuml;mmelung.<\/p>\n<p>Zahlreiche ungekl&auml;rte Fragen stellen sich bei der Bestattung auf kirchlichen wie auf kommunalen Friedh&ouml;fen. Viele dieser Fragen wurden mit einzelnen Religionsgemeinschaften im Wege des Vertrags geregelt. So bestehen einige Vertr&auml;ge von L&auml;ndern mit islamischen Verb&auml;nden, etwa in Bremen und Hamburg, sowie Kirchenvertr&auml;ge mit den evangelischen Landeskirchen und Konkordate mit dem Heiligen Stuhl.<br \/>Regelungen zur m&ouml;glichen Beendigung dieser Vertr&auml;ge fehlen weitgehend. Dennoch d&uuml;rfte es m&ouml;glich sein, diesen Weg der vertraglichen Regelung durch die geeignetere gesetzliche L&ouml;sung auf Landes- und Bundesebene zu ersetzen. Der Weg &uuml;ber ein Bundesgesetz und entsprechende Landesgesetze wird der Sache gerechter, da Religionsgemeinschaften dem Staat nicht gleichgeordnet sind und die Regelungen des Verwaltungsvertrags nicht einschl&auml;gig sind.<\/p>\n<h5><span id=\"6-schlussplaedoyer\">6. Schluss&shy;pl&auml;&shy;doyer<\/span><\/h5>\n<p>Auch f&uuml;r alle anderen Religionsgemeinschaften gelten die durch Artikel 4, 7, 140 f. Grundgesetz in Verbindung mit Artikel 136 ff. der Weimarer Reichsverfassung und die praktische Konkordanz der grundrechtlichen Freiheiten anderer gezogenen Grenzen, zu denen es inzwischen eine F&uuml;lle verwaltungs- und verfassungsgerichtlicher Rechtsprechung gibt. (12) Vorstehend wurde gezeigt, dass die Religionsfreiheit besser im Wege eines Gesetzes gestaltet werden sollte. Ausgehend vom Schatz der zwischenzeitlich mit der Religionsfreiheit bundesdeutscher Auspr&auml;gung gemachten Erfahrungen und unter Ber&uuml;cksichtigung des V&ouml;lkerrechts, des Europarechts und der Rechtsprechung des Europ&auml;ischen Gerichtshofs f&uuml;r Menschenrechte, sollte zun&auml;chst ein Bundesgesetz geschaffen werden, das Religionsfreiheitsgesetz des Bundes. Dieses sollte entsprechende Landesgesetze nach sich ziehen. <br \/>Die Religionsfreiheitsgesetze des Bundes und der L&auml;nder sollten neben dem Regelungscharakter gleichzeitig auch informativen Charakter f&uuml;r alle Mitb&uuml;rgerinnen und Mitb&uuml;rger einschlie&szlig;lich der Zuwanderer dahingehend haben, wo die Grenzen der Religionsfreiheit in der Bundesrepublik Deutschland verlaufen. Pr&auml;zise gesetzliche Regelungen f&uuml;hren zu mehr Rechtsklarheit und weniger Auslegungsbedarf durch die Gerichte. Sie sollten dem Grundsatz der Gleichberechtigung und der S&auml;kularisierung verpflichtet sein.<\/p>\n<p><i><b>ANDREAS&nbsp;NEUMANN<\/b>&nbsp;&nbsp; Jahrgang 1975, Dr. phil., Rechtsanwalt, seit Anfang 2017 Partner der neu gegr&uuml;ndeten Kanzlei Port7 Rechtsanw&auml;lte am M&uuml;nsteraner Hafen, spezialisiert auf Bau- und Immobilienrecht. Letzte Ver&ouml;ffentlichungen u.a.: Widerstreitende Interessen bei der Anwaltstreuhand, NJW 2016, 1126 (zus. mit Lorenz K&auml;hler, Bremen); Mehr Transparenz bei Geodaten, baurecht 2017, 26 (zus. mit Andreas Neumann, Bonn); Zur Novelle der BauO NRW, baurecht 5\/2017 (zus. mit Petra Beckerhoff, M&uuml;nster\/im Erscheinen).<\/i><\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"anmerkungen\">Anmerkungen<\/span><\/h2>\n<p>1 Gesetz vom 16.07.1912 betreffend die Anerkennung der Anh&auml;nger des Islams nach hanefitischem Ritus als Religionsgesellschaft; Rohe, Das islamische Recht. Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl. M&uuml;nchen 2011, S. 8 mit Fn. 14 und weiterem Nachweis.<\/p>\n<p>2 Zu den islamischen Rechtsschulen siehe meine ausf&uuml;hrliche Einf&uuml;hrung in meinem Buch &bdquo;Rechtsgeschichte, Rechtsfindung und Rechtsfortbildung im Islam&ldquo;, Hamburg 2012, S. 40-54.<\/p>\n<p>3 Bundesgesetz &uuml;ber die &auml;u&szlig;eren Rechtsverh&auml;ltnisse islamischer Religionsgesellschaften &ndash; Islamgesetz 2015, BGBl. I Nr. 39\/2015, im Internet abrufbar unter <a href=\"https:\/\/www.ris.bka.gv.at\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.ris.bka.gv.at<\/a> (Gesetzesnummer 20009124, letzter Abruf 19.04.2017)<\/p>\n<p>4 Siehe den Artikel zum Liberalismus (Lib&eacute;ralisme) von Didier Deleule im Europ&auml;ischen Lexikon der Aufkl&auml;rung (Dictionnaire europ&eacute;en des Lumi&egrave;res), herausgegeben von Michel Delon (Hg.), 2. Aufl. Paris 2010, Presses Universitaires de France, S. 742 ff. (1. Aufl. 1997).<\/p>\n<p>5 Neumann, Rechtsgeschichte, Rechtsfindung und Rechtsfortbildung im Islam, Hamburg 2012, S. 1.<\/p>\n<p>6 Zur Weiterentwicklung in der Neuzeit siehe den Artikel zur Popul&auml;rreligion (Religion populaire) von Jean Qu&eacute;niart, in: Michel Delon (Hg.), Dictionnaire europ&eacute;en des Lumi&egrave;res, 2. Aufl. Paris 2010, Presses Universitaires de France, S. 1065 ff. (1. Aufl. 1997).<\/p>\n<p>7 Zum umstrittenen Begriff der innerkirchlichen Angelegenheiten siehe W.-R. Schenke, in: Kopp\/Schenke, Verwaltungsgerichtsordnung, 21. Aufl. 2015, &sect; 40 Rn. 38 ff.<\/p>\n<p>8 Kopp\/Ramsauer, Verwaltungsverfahrensgesetz, 16. Aufl. 2015, &sect; 2 Rn. 7 ff.<\/p>\n<p>9 Vgl. Classen, Religionsrecht, 2. Aufl. 2015, S. 73 ff.<\/p>\n<p>10 Palandt\/Ellenberger, B&uuml;rgerliches Gesetzbuch, 76. Aufl. 2017, Einf&uuml;hrung vor &sect; 21, Rn. 18.<\/p>\n<p>11 Siehe zur Ausstrahlung der Religionsfreiheit &uuml;ber &sect; 242 BGB in das Privatrecht Palandt\/Gr&uuml;neberg, B&uuml;rgerliches Gesetzbuch, 76. Aufl. 2017, &sect; 242 Rn. 9.<\/p>\n<p>12 Vgl. die in der Datenbank <a href=\"http:\/\/religaredatabase.cnrs.fr\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/religaredatabase.cnrs.fr\/<\/a> zusammengetragene und zusammengefasste Rechtsprechung.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[720,667],"autoren":[225],"publikationen":[1094],"class_list":["post-10887","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-religion-staatskirchenvertraege","tag-vorgaenge-artikel","autoren-andreas-neumann","publikationen-217-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Religionsfreiheitsgesetze des Bundes und der L\u00e4nder - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/217-vorgaenge\/publikation\/religionsfreiheitsgesetze-des-bundes-und-der-laender\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Religionsfreiheitsgesetze des Bundes und der L\u00e4nder - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Vorschlag einer gesetzlichen L&ouml;sung f&uuml;r mehr Rechtsklarheit und Gleichberechtigung zwischen den Religionen. 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