{"id":10899,"date":"2016-12-21T17:00:00","date_gmt":"2016-12-21T16:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/rechtsextremismus-rechtspopulismus-neonazismus-1\/"},"modified":"2021-08-30T15:42:19","modified_gmt":"2021-08-30T13:42:19","slug":"rechtsextremismus-rechtspopulismus-neonazismus-1","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/216\/publikation\/rechtsextremismus-rechtspopulismus-neonazismus-1\/","title":{"rendered":"Rechtsextremismus, Rechtspopulismus, Neonazismus"},"content":{"rendered":"<p>Zur Bezeichnungspraxis empirisch gelegentlich komplexer Ph&auml;nomene. In: vorg&auml;nge Nr. 216 (4\/2016), S. 29-37<\/p>\n<p><i>Rechtspopulismus, Rechtsextremismus, Neue Rechte, Radikale Rechte &#8211; und wo steht die AfD? Die Abgrenzung und Einordnung ist nicht einfach. Fabian Virchow gelingt dies unter Auswertung der Literatur und der empirischen Befunde. Er schlie&szlig;t nicht aus, dass sich die AfD in absehbarer Zeit zu einer Partei entwickelt, in der die extreme Rechte zentrale Schl&uuml;sselpositionen besetzt und das politische Profil dominiert. <\/i><\/p>\n<p>Mitte September 2016 teilte Kai Griffke als Chefredakteur der Tagesschau mit, dass in der Berichterstattung &uuml;ber die Alternative f&uuml;r Deutschland (AfD) in Zukunft nicht mehr generell die Bezeichnung &#8250;rechtspopulistisch&#8249; verwendet w&uuml;rde, um die Partei politisch einzuordnen. Sprecher*innen anderer &ouml;ffentlich-rechtlicher Sendeanstalten best&auml;tigten diese Entscheidung, wiesen zugleich jedoch ebenfalls darauf hin, dass dies keineswegs bedeute, diese Charakterisierung gar nicht mehr verwenden zu wollen. [1] Bereits Ende 2015 &#8211; einige Monate vor den Landtagswahlen in Baden-W&uuml;rttemberg und Rheinland-Pfalz &#8211; hatte der S&uuml;dwestrundfunk (SWR) eine &auml;hnliche Entscheidung getroffen, die von Vertreter*innen demokratischer Parteien insbesondere angesichts der fortgesetzten Entwicklung der AfD nach rechts scharf kritisiert wurde (Neuerer 2015). Seitens der AfD wurden diese Ver&auml;nderungen in der Bezeichnungspraxis hingegen wohlwollend kommentiert, da man sich durch sie als demokratisch geadelt sah (Petry 2016).<\/p>\n<p>Die Diskussion, welche Begrifflichkeit die AfD angemessen charakterisiert, begleitet die Partei seit ihrer Gr&uuml;ndung und ber&uuml;cksichtigt in der Regel programmatische Dokumente, &Auml;u&szlig;erungen und Aktivit&auml;ten von AfD-Funktionstr&auml;ger*innen sowie die politische Herkunft ihres Personals (Berbuir 2015; Anan 2016; Ceyhan 2016). Die Partei selbst nutzt unterschiedliche Selbstcharakterisierungen. Die Bezeichnungspraxis hinsichtlich der AfD, aber auch bez&uuml;glich anderer politischer Organisationen rechts der CDU\/CSU, ist zudem r&uuml;ckgebunden an die theoretischen Ans&auml;tze und Konzeptualisierungen der jeweiligen Forschenden. In den folgenden Abschnitten werden handlungsf&auml;hige politische Organisationen und Netzwerke rechts von CDU\/CSU vorgestellt und hinsichtlich der sie gegenstandsangemessen bezeichnenden Begrifflichkeiten diskutiert. [2]<\/p>\n<h5><span id=\"ist-die-afd-eine-partei-des-rechtspopulismus\">Ist die AfD eine Partei des Rechts&shy;po&shy;pu&shy;lis&shy;mus?<\/span><\/h5>\n<p>Sp&auml;testens im Anschluss an den AfD-Parteitag in Essen am 4. Juli 2015 und der an der Absetzung des Parteivorsitzenden Bernd Lucke ablesbaren Entwicklung nach rechts findet sich in wissenschaftlichen Studien zur Partei regelm&auml;&szlig;ig die Bezeichnung &#8250;rechtspopulistisch&#8249; (vgl. etwa Bebnowski 2015; Decker 2016; H&auml;usler 2015, 2016; H&auml;usler\/Roeser 2016; Lewandowsky 2015, 2016). Hinsichtlich einer solchen Charakterisierung steht weniger ein spezifischer, als populistisch im Sinne von emotionalisierend, personalisierend und vereinfachend verstandener Politik- und Kommunikationsstil im Vordergrund (Merkle 2016), sondern &#8211; entsprechend des Populismus als &#8250;d&uuml;nne Ideologie&#8249; &#8211; ein &#8222;Deutungsschema, das die Welt moralistisch als Dualismus von gutem Volk und korrupten Eliten wahrnimmt&#8220; (Priester 2016: 547) und im Falle des Rechtspopulismus zus&auml;tzlich mit einer nativistisch grundierten Gegen&uuml;berstellung arbeitet, mittels derer die Anspr&uuml;che der &#8250;Anderen&#8249; bzw. der &#8250;Fremden&#8249; auf politische und soziale Teilhabe zugunsten des als ethnisch homogen verstandenen &#8250;Volkes&#8249; abgewiesen werden. Diese auf Identit&auml;tsstiftung zielende nationalistische Programmatik greift vielfach produktivistische Denkfiguren (Berlet\/Lyons 2000) auf und kann so gegen all diejenigen in Stellung gebracht werden, die als unproduktiv charakterisiert werden &#8211; seien es die &#8250;faulen Griechen&#8249; (Bickes et al. 2012), gesellschaftlich marginalisierte Gruppen wie etwa Wohnungslose oder Sinti und Roma, k&uuml;rzlich Zugewanderte &#8211; oder in antisemitischer Aufladung &#8211; das Judentum (Waldbauer 2007; Foxman 2010; Holz\/Weyand 2014).<\/p>\n<p>Die Tragf&auml;higkeit des Begriffs &#8250;Rechtspopulismus&#8249; ist mit Blick auf das komplexe und dynamische Kr&auml;fteverh&auml;ltnis zwischen v&ouml;lkisch-nationalistischen, neoliberalen, extrem rechten und nationalkonservativen Netzwerken und Akteur*innen in der AfD jedoch nicht unumstritten. Korsch (2014) pl&auml;diert mit Blick auf die Fr&uuml;hphase der Partei f&uuml;r eine Charakterisierung als marktradikal und neokonservativ, um spezifische programmatische Orientierungen der AfD wie etwa Forderungen nach Erhalt bzw. St&auml;rkung heteronormativer Familienkonzepte w&uuml;rdigen zu k&ouml;nnen. Friedrich (2015) konstatiert eine Verschiebung und Erweiterung der von der AfD aufgerufenen Themen, in deren Zuge die urspr&uuml;nglich national-neoliberale Orientierung in den Landtagswahlk&auml;mpfen in Brandenburg, Th&uuml;ringen und Sachsen durch einen nationalistisch aufgeladenen Kriminalpopulismus (Butterwegge 2013) erweitert wurde. Plehwe und Schl&ouml;gl (2014) zeichnen die genealogische Einbindung wichtiger Akteur*innen der AfD in neoliberal-europakritische Netzwerke auf internationaler Ebene nach, durch die ein Verst&auml;ndnis dieser Partei als rechtsliberal und rechtsreligi&ouml;s erst verst&auml;ndlich werde (Plehwe 2016).<br \/>W&auml;hrend die zur Charakterisierung der AfD verwendeten Begrifflichkeiten nicht zuletzt aufgrund der Ver&auml;nderung der Partei selbst, aber auch der unterschiedlichen theoretischen Brillen der Analysierenden variierten, wird die Partei doch gemeinhin als politisches Projekt rechts der CDU\/CSU betrachtet. Dies ist insofern auch nicht verwunderlich, stammt doch ein hoher Prozentsatz der Funktionstr&auml;ger*innen entweder aus den Unionsparteien, denen zumindest die CDU als &#8250;sozialdemokratisiert&#8249; gilt, sowie aus einer Vielzahl an nationalkonservativen, rechtspopulistischen und extrem rechten Parteien, Zirkeln, Netzwerken und Vereinigungen. Dabei ist nicht auszuschlie&szlig;en, dass sich die AfD &#8211; vergleichbar mit der Partei Die Republikaner in den 1980er Jahren &#8211; in absehbarer Zeit zu einer Partei entwickelt, in der die extreme Rechte zentrale Schl&uuml;sselpositionen besetzt und das politische Profil dominiert. Die Wirkm&auml;chtigkeit der von Peter Dudek und Hans-Gerd Jaschke beschriebenen &#8250;rechtsextremen Stammkultur&#8249; (Dudek\/Jaschke 1984) sowie deren Strategief&auml;higkeit sollten jedenfalls nicht untersch&auml;tzt werden.<\/p>\n<h5><span id=\"rechtspopulismus-und-rechtsextremismus\">Rechts&shy;po&shy;pu&shy;lismus und Rechts&shy;ex&shy;tre&shy;mismus<\/span><\/h5>\n<p>Der Begriff &#8250;Rechtsextremismus&#8249; wird in der Bundesrepublik Deutschland zum einen von den Nachrichtendiensten und Innenministerien genutzt, die ihn im Rahmen der Extremismustheorie als Teil einer Ordnungssystematik nutzen und dar&uuml;ber bestimmte politische Akteure als verfassungswidrig markieren. Unter Bezugnahme auf die Urteile des Bundesverfassungsgerichts zu den Verboten der Sozialistischen Reichspartei (1952) und der Kommunistischen Partei Deutschlands (1956) wird die Verfassungswidrigkeit insbesondere bei fehlender Achtung vor den im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechten, der Ablehnung von Volkssouver&auml;nit&auml;t und Gewaltenteilung, der Gesetzm&auml;&szlig;igkeit der Verwaltung und der Unabh&auml;ngigkeit der Gerichte sowie des Mehrparteienprinzips und des Rechts auf verfassungsm&auml;&szlig;ige Bildung und Aus&uuml;bung einer Opposition konstatiert. Die insbesondere von Uwe Backes und Eckard Jesse entwickelte normative Extremismus-Theorie arbeitet zentral mit der distinkten Gegen&uuml;berstellung von &#8250;Extremismus&#8249; und &#8250;Demokratie&#8249;, der zufolge den politischen Akteur*innen der demokratischen Mitte an den R&auml;ndern die Extreme als klar abgrenzbar und randst&auml;ndig gegen&uuml;berstehen. Dies ist empirisch jedoch &#8211; wie die sogenannten &#8250;Mitte&#8249;-Studien des Bielefelder Instituts f&uuml;r Interdisziplin&auml;re Konflikt- und Gewaltforschung sowie der Leipziger Studiengruppe um Elmar Br&auml;hler und Oliver Decker zeigen &#8211; hinsichtlich politischer Einstellungen nicht haltbar (St&ouml;ss 2010; Virchow 2016a). Der Extremismus-Theorie gelten politische Ph&auml;nomene als rechtsextremistisch, die sich unter Nichtanerkennung des Ethos fundamentaler Menschengleichheit gegen grundlegende Werte und Verfahrensregeln demokratischer Verfassungsstaaten richten (Backes 2006). Pfahl-Traughber versteht darunter &#8222;eine Sammelbezeichnung f&uuml;r antidemokratische Auffassungen und Bestrebungen mit traditionell politisch rechts einzuordnenden Ideologieelementen&#8220;, d.h. Nationalismus, Autoritarismus, Antipluralismus und Ideologie der Ungleichheit (1993: 18). Zugleich wird der Begriff &#8250;Rechtsextremismus&#8249; auch von Forschenden und Autor*innen verwandt, die sich der normativen Extremismus-Theorie nicht zuordnen (lassen). Jaschke versteht aus politikwissenschaftlicher Perspektive darunter in einer vielfach aufgegriffenen Definition &#8222;die Gesamtheit von Einstellungen, Verhaltensweisen und Aktionen, organisiert oder nicht, die von der rassisch oder ethnisch bedingten sozialen Ungleichheit der Menschen ausgehen, nach ethnischer Homogenit&auml;t von V&ouml;lkern verlangen und das Gleichheitsgebot der Menschenrechts-Deklaration ablehnen, die den Vorrang der Gemeinschaft vor dem Individuum betonen, von der Unterordnung des B&uuml;rgers unter die Staatsr&auml;son ausgehen und die den Wertepluralismus einer liberalen Demokratie ablehnen und Demokratisierung r&uuml;ckg&auml;ngig machen wollen&#8220; (1994: 31). St&ouml;ss schl&auml;gt als Kurzformel zur inhaltlichen Charakterisierung die Bezeichnung &#8250;v&ouml;lkischer Nationalismus&#8249; vor und subsummiert unter &#8250;Rechtsextremismus&#8249; neben (neo)faschistischen, auch deutschnationale beziehungsweise nationalistisch-konservative Konzepte (St&ouml;ss 2010). Die Formulierung &#8250;extreme Rechte&#8249; nimmt den Kern der Definition Jaschkes auf, stellt jedoch durch die adjektivische Konkretisierung die Verbindung zu anderen Konzepten und Str&ouml;mungen der politischen Rechten her, die auf der Grundannahme basieren, dass soziale Hierarchien unausweichlich, nat&uuml;rlich oder erstrebenswert sind.<\/p>\n<p>Zu den Organisationen und politischen Akteur*innen, die als extrem rechts bzw. rechtsextrem charakterisiert werden, geh&ouml;ren neben der bereits 1964 gegr&uuml;ndeten Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) heute insbesondere die Partei Die Rechte und die Partei Der III. Weg. Die am 27. Mai 2012 in Hamburg gegr&uuml;ndete Partei Die Rechte hat mit ihren &uuml;ber 500 Mitgliedern ihren Aktionsschwerpunkt in Nordrhein-Westfalen, tritt aber zunehmend auch in anderen Bundesl&auml;ndern auf. Ihr Vertreter im Stadtrat von Dortmund begehrte im November 2014 zu wissen, wie viele Juden in der Stadt leben w&uuml;rden. An anderen Orten organisierte sie Aktionen gegen Gefl&uuml;chtete und Einwanderung. Ihr Gr&uuml;nder Christian Worch hatte die Partei unter Beteiligung ehemaliger F&uuml;hrungsmitglieder der DVU gegr&uuml;ndet; wichtige Positionen werden von Aktivist*innen inzwischen verbotener neonazistischer Vereinigungen besetzt. Insbesondere in S&uuml;ddeutschland ist die Partei Der III. Weg aktiv, die am 28. September 2013 in Heidelberg gegr&uuml;ndet wurde. Dem Parteivorsitzenden Klaus Armstroff (ex-NPD) stehen auch hier Kader verbotener Vereinigungen zur Seite. Die Partei erinnert in der Inszenierung ihrer Aufm&auml;rsche an die im Februar 1995 verbotene Freiheitliche Deutsche Arbeiter-Partei sowie die Fr&auml;nkische Aktionsfront (Verbot im Januar 2004). Daneben existiert eine Vielzahl an vor allem lokal oder regional aktiven neonazistischen Kameradschaften, die Flugblattverteilungen durchf&uuml;hren, Schulungsabende veranstalten und zu Demonstrationen mobilisieren. Zum Teil f&uuml;hren sie explizit die Bezeichnung &#8250;nationale Sozialisten&#8249; im Gruppennamen. F&uuml;r diese Str&ouml;mung der extremen Rechten hat sich die Bezeichnung &#8250;neonazistisch&#8249; durchgesetzt, da sich diese Gruppen regelm&auml;&szlig;ig positiv auf F&uuml;hrungspersonal, Symbolfiguren (z.B. Hitler, He&szlig;, Wessel) und Politik des Nationalsozialismus beziehen und diese\/s rehabilitieren m&ouml;chten. Der Neonazismus ist eine Teilmenge der extremen Rechten.<\/p>\n<p>Zwischen der extremen Rechten und dem Rechtspopulismus besteht ein weltanschauliches Nahverh&auml;ltnis. Der Rechtspopulismus teilt mit der extremen Rechten beispielsweise die Ablehnung sichtbaren muslimischen Lebens sowie die Ausgrenzung der muslimischen Kultur bis hin zur Forderung nach Massenabschiebungen. Argumentieren die einen vor allem rassistisch, so die anderen st&auml;rker kulturalistisch. Meist fehlt rechtspopulistischen Gruppen jedoch der aggressive Antisemitismus der neonazistischen Rechten. Zudem betreiben rechtspopulistische Akteur*innen seltener Fundamentalopposition; sie setzen st&auml;rker auf eine graduelle Ver&auml;nderung nach Ma&szlig;gabe v&ouml;lkisch-nationalistischer Imperative.<\/p>\n<h5><span id=\"neue-rechte-faschismus-und-radikale-rechte\">&rsaquo;Neue Rechte&lsaquo;, Faschismus und Radikale Rechte<\/span><\/h5>\n<p>Neben den genannten parteipolitisch auftretenden extrem rechten Parteien und Gruppierungen sind in j&uuml;ngerer Zeit auch extrem rechte Projekte wie das Institut f&uuml;r Staatspolitik einer breiteren &Ouml;ffentlichkeit bekannt (gemacht) geworden. Dieses zielt mit Seminaren, Publikationen und Aktionen auf die Vernetzung und Qualifizierung einer v&ouml;lkisch gesinnten Gegenelite in der Tradition von antidemokratischen und menschenrechtsfeindlichen Denkern des Jungkonservatismus beziehungsweise der Konservativen Revolution der Weimarer Republik und auf die metapolitische Besetzung und Umdeutung von Begriffen. Seitdem an vielen Orten Proteste gegen die Unterbringung von Gefl&uuml;chteten stattfinden, hat diese Str&ouml;mung sich st&auml;rker auch direkt an rassistischen Kampagnen beteiligt. Sie zielt darauf ab, solche Protestaktionen durch Regelverletzungen zu einer Ablehnung des demokratischen Systems zu radikalisieren. Ob der f&uuml;r dieses Spektrum vielfach genutzte Begriff &#8250;Neue Rechte&#8249;, in dem eine Abgrenzung zum historischen Faschismus mitschwingt, in diesem Kontext zur Erkl&auml;rung taugt (Langebach\/Raabe 2016), ist nicht zuletzt angesichts der Rolle der Jungkonservativen als Wegbereiter des Nationalsozialismus fraglich.<\/p>\n<p>Der Begriff &#8250;Faschismus&#8249; findet in der deutschsprachigen wissenschaftlichen Debatte vor allem f&uuml;r historische Erscheinungsformen Verwendung (Bauernk&auml;mper 2006; Schlemmer\/Woller 2014) sowie in der inzwischen eher randst&auml;ndigen marxistisch beeinflussten Forschung, die nicht nur nach den ideologischen Profilen, sondern auch nach gesellschaftlichen Randbedingungen und den in Programm und politischer Praxis jeweils erkennbar werdenden (Klassen)Interessen fragt. Die auch in Deutschland rezipierte Definition von Griffin, der Faschismus idealtypisch als politische Ideologie bezeichnet hat, deren mythischer Kern populistisch-nationalistisch ausgerichtet sei und eine nationale &#8250;Neugeburt&#8249; anstrebe (Griffin 1993), ist nicht unwidersprochen geblieben. Neben einer Unterbewertung der Dimensionen von Gewalt und Rassismus vernachl&auml;ssigt dieser prim&auml;r auf die Weltanschauung fokussierte Ansatz auch wichtige Merkmale wie den Korporatismus und die permanente Mobilisierung, die den Faschismus etwa von Milit&auml;rdiktaturen unterscheidet.<\/p>\n<p>Der in der internationalen Forschung vielfach verwendete Begriff der &#8250;radikalen Rechten&#8249; ist in Deutschland wenig verbreitet. Bis in die fr&uuml;hen 1970er Jahre wurde er von den Nachrichtendiensten zur Charakterisierung verfassungsfeindlicher Aktivit&auml;ten und Organisationen verwandt. Da jedoch radikale Kritik an gesellschaftlichen Strukturen und Zust&auml;nden nicht notwendig auch gegen die Grundlagen der Verfassung gerichtet sein m&uuml;ssen, wurde mit der Einf&uuml;hrung des Begriffs &#8250;Extremismus&#8249; eine Unterscheidungsm&ouml;glichkeit geschaffen. F&uuml;r die Beh&ouml;rden gelten seitdem Personen und Vereinigungen als rechtsradikal, die deutlich rechts von der politischen Mitte stehen, allerdings in Zielsetzung und Aktivit&auml;t im Rahmen der Verfassung verbleiben. Tats&auml;chlich findet diese Bezeichnung aber kaum Verwendung.<\/p>\n<p>Dass die Grenzen aufgrund der Verfasstheit des Gegenstandes empirisch nicht immer scharf zu fassen sind, schl&auml;gt sich auch in der Definition Minkenbergs nieder, der mit dem Begriff &#8250;radikale Rechte&#8249; arbeitet und darunter auch politische Akteur*innen fasst, die &#8222;die geltende demokratische Ordnung als solche nicht in Frage stellen, jedoch durch R&uuml;ckgriff auf den ultranationalistischen Mythos eine Radikalisierung nach rechts und damit eine Revision der Verfassungswirklichkeit bzw. einzelner Normen anstreben&#8220; (Minkenberg 1998: 34). Diese Begrifflichkeit mag auch auf aktuelle Mobilisierungen wie die PEGIDA zutreffen. Diese sind auch mit Bezeichnungen wie Emp&ouml;rungsbewegung oder Ressentimentbewegung belegt worden; das ist insofern relevant, weil damit eine bedeutsame Antriebskraft der kontinuierlichen Aktivierung markiert wird, wie es sie im Bereich der au&szlig;erparlamentarischen Rechten in der Bundesrepublik Deutschland noch nicht gegeben hat, greift aber zu kurz, wenn nicht zugleich auch die politische Ladung in Form nationalistischer und rassistischer Deutung gesellschaftlicher Vorg&auml;nge deutlich gemacht wird (Virchow 2016b).<\/p>\n<p><b>Fabian&nbsp;Virchow&nbsp;<\/b><i>&nbsp; Jg. 1960, Dr. rer. pol., Professor f&uuml;r Theorien der Gesellschaft und Theorien politischen Handelns an der Hochschule D&uuml;sseldorf, letzte Ver&ouml;ffentlichung als Mitherausgeber: Handbuch Rechtsextremismus (2016); arbeitet derzeit u.a. zur Wirkung von Verboten extrem rechter Vereinigungen.<\/i><\/p>\n<h5><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h5>\n<p>Anan, Deniz 2016: National, liberal, konservativ, populistisch? Die Programmatik der AfD, in: Mitteilungen des Instituts f&uuml;r Deutsches und Internationales Parteienrecht und Parteienforschung, Jg. 26, S. 61-71.<\/p>\n<p>Backes, Uwe 2006: Politische Extreme. Eine Wort- und Begriffsgeschichte von der Antike bis in die Gegenwart. G&ouml;ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht.<\/p>\n<p>Bebnowski, David 2015. Die Alternative f&uuml;r Deutschland: Aufstieg und gesellschaftliche Repr&auml;sentanz einer rechten populistischen Partei. Wiesbaden: Springer VS.<\/p>\n<p>Berbuir, Nicole\/Lewandowsky, Marcel\/Siri, Jasmin 2015: The AfD and Its Sympathisers: Finally a Right-Wing Populist Movement in Germany? in: German Politics, Jg. 24, H. 2, S.&nbsp;154-178.<\/p>\n<p>Berlet, Chip\/Lyons, Matthew N. 2000: Right-Wing Populism in America. Too Close For Comfort. New York\/London: The Guilford Press.<\/p>\n<p>Bickes, Hans\/Butulussi, Eleni\/Otten, Tina\/Schendel, Janina\/Sdroulia, Amalia\/Steinhof, Alexander 2012: Die Dynamik der Konstruktion von Differenz und Feindseligkeit am Beispiel der Finanzkrise Griechenlands: H&ouml;rt beim Geld die Freundschaft auf? M&uuml;nchen: Iudicium.<\/p>\n<p>Butterwegge, Christoph 2013: Sarrazynismus, Rechtspopulismus und Rassismus. Das neu-alte Sprechen &uuml;ber Migration und Integration, in: Roth, Hans-Joachim\/Terhart, Henrike\/Anastasopoulos, Charis (Hrsg.): Sprache und Sprechen im Kontext von Migration. Wiesbaden: Springer VS, S. 85-102.<\/p>\n<p>Ceyhan, Sara 2016: Konservativ oder doch schon rechtspopulistisch? Die politische Position der AfD-Parlamentskandidaten im Parteienvergleich, in: Zeitschrift f&uuml;r Politikwissenschaft, Jg. 26, H. 1, S. 49-76.<\/p>\n<p>Decker, Frank 2016. Die &#8250;Alternative f&uuml;r Deutschland&#8249; aus der vergleichenden Sicht der Parteienforschung, in: H&auml;usler, Alexander (Hrsg.): Die Alternative f&uuml;r Deutschland. Programmatik, Entwicklung und politische Verortung. Wiesbaden: Springer VS, S.&nbsp;7-23.<\/p>\n<p>Dudek, Peter\/Jaschke, Hans-Gerd 1984: Entstehung und Entwicklung des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik: Zur Tradition einer besonderen politischen Kultur. Wiesbaden: Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften.<\/p>\n<p>Foxman, Abraham H. 2010: Jews &amp; Money: The Story of a Stereotype. New York: Palgrave Macmillan.<\/p>\n<p>Friedrich, Sebastian 2015: Der Aufstieg der AfD. Neokonservative Mobilmachung in Deutschland. Berlin: Bertz+Fischer.<\/p>\n<p>Griffin, Roger 1993. The Nature of Fascism. London: Routledge.<\/p>\n<p>H&auml;usler, Alexander 2016: Die AfD als rechtspopulistischer Profiteur der Fl&uuml;chtlingsdebatte, in: Decker, Oliver\/Kiess, Johannes\/Br&auml;hler, Elmar (Hrsg.): Die enthemmte Mitte: autorit&auml;re und rechtsextreme Einstellung in Deutschland. Die Leipziger &#8250;Mitte&#8249;-Studie 2016. Gie&szlig;en: Psychosozial-Verlag, S. 167-178.<\/p>\n<p>H&auml;usler, Alexander\/Roeser, Rainer 2016: Die &#8250;Alternative f&uuml;r Deutschland&#8249; &#8211; eine Antwort auf die rechtspopulistische L&uuml;cke? in: Braun, Stefan\/Geisler, Alexander\/Gerster, Martin (Hrsg.): Strategien der extremen Rechten: Hintergr&uuml;nde &#8211; Analysen &#8211; Antworten. Wiesbaden: Springer VS, S. 101-128.<\/p>\n<p>H&auml;usler, Alexander 2015: Zerfall oder Etablierung? Die Alternative f&uuml;r Deutschland (AfD) als Partei des Rechtspopulismus, in: Zeitschrift f&uuml;r Geschichtswissenschaft, Jg. 63, H.&nbsp;9, S. 741-758.<\/p>\n<p>Holz, Klaus\/Weyand, Jan 2014: Arbeit und Nation. Die Ethik nationaler Arbeit und ihre Feinde am Beispiel Hitlers. In: Voigt, Sebastian\/S&uuml;nker, Heinz (Hrsg.): Arbeiterbewegung &#8211; Nation &#8211; Globalisierung. Weilerswist: Velbr&uuml;ck, S. 202-228.<\/p>\n<p>Jaschke, Hans-Gerd 2001: Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Begriffe, Positionen, Praxisfelder. Opladen: Westdeutscher Verlag.<\/p>\n<p>Korsch, Felix 2014. Nationalkonservativ und marktradikal. Eine politische Einordnung der &#8250;Alternative f&uuml;r Deutschland&#8249;. Berlin: RLS.<\/p>\n<p>Langebach, Martin\/Raabe, Jan 2016. Die &#8250;Neue Rechte&#8249; in der Bundesrepublik Deutschland, in: Virchow, Fabian\/Langebach, Martin\/H&auml;usler, Alexander (Hrsg.): Handbuch Rechtsextremismus. Wiesbaden: Springer VS, S. 561-592.<\/p>\n<p>Lewandowsky, Marcel 2015: Eine rechtspopulistische Protestpartei? Die AfD in der &ouml;ffentlichen und politikwissenschaftlichen Debatte, in: Zeitschrift f&uuml;r Politikwissenschaft, Jg. 25, H. 1, S. 119-134.<\/p>\n<p>Lewandowsky, Marcel 2016. Rechtspopulismus in Deutschland. Eine empirische Eiordnung der Parteien zur Bundestagswahl 2013 unter besonderer Ber&uuml;cksichtigung der AfD, in: Politische Vierteljahresschrift, Jg. 57, H. 2, S. 247-275.<\/p>\n<p>Merkle, Susanne 2016: Populistische Elemente in der Kommunikation der Alternative f&uuml;r Deutschland. Eine qualitative Analyse von Wahlwerbung und Pressemitteilungen im Europawahlkampf 2014, in: Holtz-Bacha, Christina (Hrsg.): Europawahlkampf 2014. Wiesbaden: Springer VS, S. 129-152.<\/p>\n<p>Minkenberg, Michael 1998: Die neue radikale Rechte im Vergleich. USA, Frankreich, Deutschland. Opladen\/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.<br \/>Neuerer, Dietmar 2015: AfD ist pl&ouml;tzlich nicht mehr rechtspopulistisch, abrufbar unter <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/deutschland\/swr-und-alternative-fuer-deutschland-afd-ist-ploetzlich-nicht-mehr-rechtspopulistisch\/12670452.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/deutschland\/swr-und-alternative-fuer-deutschland-afd-ist-ploetzlich-nicht-mehr-rechtspopulistisch\/12670452.html<\/a> [Aufruf: 26.10.2016].<\/p>\n<p>Petry, Frauke 2016: Tagesschau erkennt AfD als demokratisch legitimierte Partei an, abrufbar unter <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Dr.Frauke.Petry\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.facebook.com\/Dr.Frauke.Petry<\/a>. (Eintrag vom 18.10.2016 um 23:55 Uhr) [Aufruf: 26.10.2016].<\/p>\n<p>Pfahl-Traughber, Armin 1993: Rechtsextremismus. Eine kritische Bestandsaufnahme nach der Wiedervereinigung. Bonn: Bouvier.<\/p>\n<p>Plehwe, Dieter 2016: Alternative f&uuml;r Deutschland? Europ&auml;ische und transatlantische Dimnsionen des neuen Rechtsliberalismus, in: H&auml;usler, Alexander (Hrsg.): Die Alternative f&uuml;r Deutschland. Programmatik, Entwicklung und politische Verortung. Wiesbaden: Springer VS, S. 53-66.<\/p>\n<p>Plehwe, Dieter\/Schl&ouml;gl, Matthias 2014: Europ&auml;ische und zivilgesellschaftliche Hintergr&uuml;nde der euro(pa)skeptischen Partei Alternative f&uuml;r Deutschland (AfD). Discussion Paper SP III 2014-501r. Berlin: WZB.<\/p>\n<p>Priester, Karin 2016: Rechtspopulismus &#8211; ein umstrittenes theoretisches und politisches Problem, in: Virchow, Fabian\/Langebach, Martin\/H&auml;usler, Alexander (Hrsg.): Handbuch Rechtsextremismus. Wiesbaden: Springer VS, S. 533-560.<\/p>\n<p>St&ouml;ss, Richard 2010: Rechtsextremismus im Wandel. Berlin: FES.<\/p>\n<p>Virchow, Fabian 2016a: &#8250;Rechtsextremismus: Begriffe &#8211; Forschungsfelder &#8211; Kontroversen, in: Virchow, Fabian\/Langebach, Martin\/H&auml;usler, Alexander (Hrsg.): Handbuch Rechtsextremismus. Wiesbaden: Springer VS, S. 5-40.<\/p>\n<p>Virchow, Fabian 2016b: PEGIDA: Understanding the emergence and essence of nativist protest in Dresden, in: Journal of Intercultural Studies, Jg. 37, H. 6, S. 541-555.<\/p>\n<h5><span id=\"anmerkungen\">Anmerkungen<\/span><\/h5>\n<p>1 Vgl. <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article158897276\/Tagesschau-nennt-AfD-nicht-mehr-rechtspopulistisch.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article158897276\/Tagesschau-nennt-AfD-nicht-mehr-rechtspopulistisch.html<\/a> [Aufruf: 26.10.2016].<\/p>\n<p>2 Der Beitrag befasst sich insbesondere mit der deutschsprachigen Forschung und Diskussion.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1839],"publikationen":[1093],"class_list":["post-10899","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-fabian-virchow","publikationen-1093"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Rechtsextremismus, Rechtspopulismus, Neonazismus - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/216\/publikation\/rechtsextremismus-rechtspopulismus-neonazismus-1\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Rechtsextremismus, Rechtspopulismus, Neonazismus - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Zur Bezeichnungspraxis empirisch gelegentlich komplexer Ph&auml;nomene. 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