{"id":10943,"date":"2009-12-01T23:56:00","date_gmt":"2009-12-01T22:56:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/editorial-13\/"},"modified":"2009-12-01T12:00:00","modified_gmt":"2009-12-01T11:00:00","slug":"editorial-13","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/188-vorgaenge\/publikation\/editorial-13\/","title":{"rendered":"Editorial"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 188, Heft 4\/2009, S. 1-3<\/p>\n<p>In den fr\u00fchen neunziger Jahren, als das allgemeine Bildungsniveau noch w\u00f6chentlich beim Kreuzwortr\u00e4tsel ermittelt wurde und Pisa nichts mehr war als eine mittelitalienische Stadt mit vier Buchstaben, irritierte Heiner M\u00fcller die Nation mit der Erkenntnis, dass zehn Deutsche d\u00fcmmer seien als f\u00fcnf. Man kann in diesen Worten des Dramatikers eine geradezu hellseherische Vorwegnahme dessen erblicken, was Jahre sp\u00e4ter die PISA- und Folgestudien \u00fcber den Wissensstand der Deutschen offenbaren sollten.<\/p>\n<p>Seitdem bilden Bildungspolitiker \u00fcber die Gr\u00fcnde unsere Meinung. Durch sie wissen wir, dass sechzehn Bundesl\u00e4nder d\u00fcmmer sind als das ganze Land und drei Schulglieder d\u00fcmmer machen als eins und dass, wer daraus Konsequenzen ziehen will, dumm dasteht. Arme Eltern sind dumm oder andersherum gesagt, dumme Eltern sind arm, auf jeden Fall haben dumme Eltern meist dumme Kinder und die sind immer arm dran.<\/p>\n<p>So kurzsichtig der offizielle Blick auf die Ursachen, so kurzatmig waren die darauf aufbauenden Reformen. Von Pisa nach Bologna ist es kein weiter Weg, gepflastert mit Reduktion und Selektion, Standardisierung, Modulen und Pr\u00fcfungen. Geschwindigkeit ist ein zentraler Baustein der neuen Bildungsprozesse. Vorbei die Zeit der abschweifenden Gr\u00fcndlichkeit humboldtschen Vorbilds. Der Bildungsb\u00fcrger wurde zum Humankapital geschrumpft. Als solches wird er zur Ressource, auf der unsere Zukunft ruht, und genie\u00dft darob hohes Ansehen in der Politik. Die Bundeskanzlerin ruft die Bildungsrepublik aus, doch man fragt sich, welch republikanischer Geist aus dieser Bildung \u00fcberhaupt erwachsen kann. Die Kanzlerin st\u00fcrmt von Bildungsgipfel zu Bildungsgipfel und l\u00e4sst die M\u00fchen der mittellosen Ebene von den L\u00e4ndern durchmessen. In kaum einem anderen Bereich wurden im letzten Jahrzehnt so viele Ver\u00e4nderungen angemahnt, ins Werk gesetzt, verworfen und wieder ver\u00e4ndert, fallen Anforderung, Anspruch und Alltag so weit auseinander wie im Bildungssektor. Genug Grund, diese Ausgabe der <i>vorg\u00e4nge <\/i>der ungebildeten Republik zu widmen.<\/p>\n<p><i>Michael Th. Greven<\/i> unterzieht das demokratische Potenzial der Bildung einer kritischen Pr\u00fcfung. Die Erziehung zum m\u00fcndigen B\u00fcrger, welche die unterschiedlichen sozialen Voraussetzung der Bildung ausgleichen will, unterschl\u00e4gt in guter Absicht, dass das System der Bildung selbst auf Differenz angelegt ist und die normative Gleichheit der Staatsb\u00fcrger sich an der real elit\u00e4ren Struktur politischer Repr\u00e4sentanz reibt.<\/p>\n<p>F\u00fcr <i>Katrin Toens <\/i>leidet der Bologna-Prozess unter einem eklatanten Demokratiedefizit. Die Hochschulbildung hat nicht nur als Grundlage demokratischer Selbstbestimmung und Partizipation, sondern auch als Gegenstand demokratischer Willensbildungsprozesse ausgedient. Die aktuelle Hochschulreform falle hinter die Demokratisierungs- bestrebungen der sechziger und siebziger Jahre zur\u00fcck.<\/p>\n<p><i>Richard M\u00fcnch <\/i>erkennt in der Hochschule bolognese einen ausufernden Kontrollapparat, der die Freiheit von Forschung und Lehre zur Farce macht und jegliche Kreativit\u00e4t erstickt. Dabei zeigt ihm das Beispiel USA, dass sich ein starkes Universit\u00e4tsmanagement durchaus mit der freien Entfaltung von Forschung und Lehre verbinden l\u00e4sst.<\/p>\n<p><i>Albert Scherr <\/i>und <i>Uwe H. Bittlingmayer <\/i>sehen es als generell unzureichend und irref\u00fchrend an, sich allein am Ziel der Herstellung von Chancengleichheit durch eine begabungsgerechte Bildung zu orientieren. An ihre Stelle m\u00fcsse eine an der Bef\u00e4higungsgerechtigkeit orientierte herkunftsunabh\u00e4ngige Bildung treten, die nicht nur die formellen, sondern die faktischen M\u00f6glichkeiten sozialer Gruppen in den Blick nimmt, dasjenige Leben zu f\u00fchren, das sie mit guten Gr\u00fcnden anstreben.<\/p>\n<p><i>Wolfgang Meyer-Hesemann <\/i>diagnostiziert das Krankheitsbild des Bildungsf\u00f6deralismus. Der Patient hat nicht unwesentlich zur Verschlimmerung seines Zustandes beigetragen, seine Bereitschaft, f\u00fcr den Heilungsprozess etwas zu tun, ist gering, doch ganz aufgeben will ihn der Autor nicht.<\/p>\n<p><i>Tino Bargel<\/i> portr\u00e4tiert auf der Basis eines Surveys die heutige Generation der Studentinnen und Studenten. Sie stehen erheblich unter Leistungs- und Erfolgsdruck, haben Orientierungsschwierigkeiten und tendieren eher zum individuellen Durchboxen als zum solidarischen Helfen. Entsprechend gering ist ihr politisches Interesse ausgepr\u00e4gt.<\/p>\n<p><i>Ingo Richter <\/i>unterzieht das Bildungssystem einer verfassungsrechtlichen W\u00fcrdigung. Danach k\u00f6nnen das Recht auf das p\u00e4dagogische Existenzminimum, das Recht auf Kompensation herkunftsbedingter Nachteile, das Recht auf die Integration in das allgemeine deutsche Bildungswesen f\u00fcr Migranten und Behinderte und das Recht auf einen Platz in der vorschulischen Bildung und in der beruflichen Ausbildung als legitime (Rechts-)Anspr\u00fcche an eine Bildungsreform formuliert werden.<\/p>\n<p><i>Sibylle Volkholz <\/i>stellt fest, dass durch den PISA-Prozess durchaus beachtliche Reformen angesto\u00dfen worden sind, die allerdings noch besser evaluiert, koordiniert und anschlussf\u00e4higer gestaltet werden m\u00fcssen. So sollten sich Lerninhalte st\u00e4rker an den altersgem\u00e4\u00dfen Kompetenzen der Sch\u00fcler orientieren und die Lernprozesse mehr sozial eingebettet werden. Zugleich sollte die schulische Entwicklung durch hohe Leistungsanforderungen und ein lernfreudiges Umfeld gef\u00f6rdert werden.<\/p>\n<p><i>Joachim Lohmann <\/i>sieht das deutsche Bildungssystem im internationalen Vergleich vor allem in den Sekundarstufen I und II abgeh\u00e4ngt. Das Vertikalsystem sei ein Anachronismus, das duale System konserviere die Dichotomie von Berufs- und Allgemeinbildung. Solche Sonderwege haben im globalen Wettbewerb keine Zukunft.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>In ihre synoptische Betrachtung der Bildungssituation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund beziehen <i>Irina Schr\u00f6der-Ilina <\/i>und <i>Uwe Hunger <\/i>sowohl deren individuelle Situation, ihre kulturelle und soziale Einbettung wie auch ihre institutionelle Einordnung mit ein. Alle drei Ebenen wirken sich kumulativ auf den Schulerfolg aus. Von daher m\u00fcssen F\u00f6rderma\u00dfnahmen die drei Ebenen verzahnen.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p><i>Christian F\u00fcller <\/i>hat sich auf die Suche nach dem Erfolgsrezept guter Schulen gemacht. Sie alle eint, dass sie ihr Konzept selbst entwickelt haben und teilweise gegen die Verwaltung durchsetzen mussten, dass die an ihnen Lehrenden ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Engagement zeigen und sie ihr Personal und ihr Budget weitgehend selbst bestimmen.\u00a0<\/p>\n<p>In ihrem Essay geht <i>Jutta Roitsch<\/i> mit der Bildungspolitik der Bundesregierung, wie sie im Koalitionsvertrag ihren Niederschlag gefunden hat, ins Gericht. Den gro\u00dfenteils leeren Worten werden kaum Taten folgen, denn mit der F\u00f6rderalismusrefom hat der Bund seine Gestaltungsm\u00f6glichkeiten aus den H\u00e4nden gegeben. Was der Entwicklung der Bildungsrepublik f\u00f6rderlich w\u00e4re, bleibt ausgeklammert.\u00a0<\/p>\n<p>Dieter Wunders Rezension des neuen Buches von Ingo Richter schlie\u00dft diese Ausgabe der <i>vorg\u00e4nge <\/i>ab, zu der ich Ihnen wie immer eine anregende Lekt\u00fcre w\u00fcnsche.<\/p>\n<p>Ihr<\/p>\n<p>Dieter Rulff<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1636],"publikationen":[2823],"class_list":["post-10943","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-dieter-rulff","publikationen-188-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Editorial - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/188-vorgaenge\/publikation\/editorial-13\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Editorial - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr. 188, Heft 4\/2009, S. 1-3 In den fr\u00fchen neunziger Jahren, als das allgemeine Bildungsniveau noch w\u00f6chentlich beim Kreuzwortr\u00e4tsel ermittelt wurde und Pisa nichts mehr war als eine mittelitalienische Stadt mit vier Buchstaben, irritierte Heiner M\u00fcller die Nation mit der Erkenntnis, dass zehn Deutsche d\u00fcmmer seien als f\u00fcnf. 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