{"id":10949,"date":"2009-12-01T20:30:00","date_gmt":"2009-12-01T19:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/zwischen-leistungsdruck-anpassung-und-protest\/"},"modified":"2021-08-24T21:53:15","modified_gmt":"2021-08-24T19:53:15","slug":"zwischen-leistungsdruck-anpassung-und-protest","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/188-vorgaenge\/publikation\/zwischen-leistungsdruck-anpassung-und-protest\/","title":{"rendered":"Zwischen Leistungsdruck, Anpassung und Protest"},"content":{"rendered":"<p>Was Studierende bewegt;<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 188, Heft 4\/2009, S. 63-72<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"i-leistungs-und-erfolgsdruck-der-studierenden\">I. Leistungs- und Erfolgs&shy;druck der Studie&shy;renden<\/span><\/h2>\n<p>Die Studierenden wollen ein gutes Examen erreichen, davon reden sie nicht dauernd und lauthals, aber das ist es, was sie innerlich vielleicht am meisten besch\u00e4ftigt und bewegt. Und zwar so gut wie alle Studierenden: denn 96 Prozent best\u00e4tigen: &#8222;Mir ist es wichtig, ein gutes Examen zu erreichen&#8220;, zwei Drittel (65 Prozent) sogar in starkem Ma\u00dfe &#8211; und zwar mit steigender Tendenz. Dies ist eine spezifische, nicht unbedingt angenehme Form der Bewegung und des Bewegt werdens: Die gegenw\u00e4rtigen Studierenden haben mehr Druck, sie f\u00fchlen aber auch mehr Druck und setzen sich selbst mehr unter Druck.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"i1-die-studierenden-haben-mehr-druck\">I.1. Die Studie&shy;renden haben mehr Druck <\/span><\/h2>\n<p>Der Leistungs- und Erfolgsdruck entsteht im Fachstudium, er erh\u00f6ht sich durch zus\u00e4tzliche Anforderungen und wird durch manche Nebenverpflichtungen verst\u00e4rkt. Die fachlichen Anforderungen und ihre Gestaltung &#8211; das l\u00e4sst sich als der Normaldruck in einem Studium bezeichnen, das auf Bew\u00e4hrung angelegt ist, und den jeder kennt und hinnimmt. Solcher Druck wird nur unn\u00f6tig h\u00e4rter, wenn er unklar oder \u00fcbertrieben ist. Hinzukommen eine Reihe weiterer Anforderungen, die den Druck f\u00fcr viele Studierende erh\u00f6hen, als da sind: ein umfassendes Praktikum abzuleisten, eine Auslandsstudienphase einzuschieben, zus\u00e4tzliche Qualifikationen zu erwerben &#8211; und alle diese T\u00e4tigkeiten erscheinen unverzichtbar, um f\u00fcr die Zukunft ger\u00fcstet zu sein.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem m\u00fcssen viele Studierende einer Erwerbsarbeit nebenher im Semester nachgehen, weil es f\u00fcr die Studienfinanzierung unumg\u00e4nglich ist. Oder sie m\u00fcssen famili\u00e4ren Verpflichtungen nachkommen, sei es, weil sie selbst ein Kind haben oder weil sie sich um Eltern k\u00fcmmern. Der Druck hat sich noch mehr erh\u00f6ht und verdichtet, man k\u00f6nnte meinen, f\u00fcr viele explosiv. Es scheint kaum m\u00f6glich, allen Anforderungen gerecht zu werden, Abstriche sind eingewoben. Ein solches Spektrum an Anforderungen f\u00fchrt zu Unsicherheit und Ratlosigkeit, es n\u00e4hrt zudem ein schlechtes Gewissen, weil nicht allem entsprochen werden kann. Die Studierenden erleben sich unter solchen Bedingungen prim\u00e4r defizit\u00e4r.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"i2-die-studierenden-fuehlen-noch-mehr-druck\">I.2. Die Studie&shy;renden f&uuml;hlen (noch) mehr Druck <\/span><\/h2>\n<p>Zwei Komponenten f\u00fchren dazu, dass der vorhandene Druck verst\u00e4rkt von den Studierenden empfunden wird: Es sind zum einen die aktuellen Sorgen, die verlangten Listungen erbringen zu k\u00f6nnen, und zum anderen die Bef\u00fcrchtungen um den zuk\u00fcnftigen Arbeitsplatz.<\/p>\n<p>Der reine Zeitaufwand f\u00fcr das Studium oder das Niveau der fachlichen Anforderungen sind es offenbar weniger, die zum Mehr an gef\u00fchltem Druck unter den Studierenden f\u00fchren, sondern vielmehr die Art der Leistungserbringung, die ihnen abgefordert wird. Das umfasst die Permanenz der Leistungsaufrechnung mit eingebauter Folgsamkeitsverpflichtung (Pr\u00e4senzpflicht in den Veranstaltungen und Sanktionen bei Fehlen oder Verzug); hinzu kommt die engere Folge der Pr\u00fcfungsabl\u00e4ufe (Tests, Klausuren etc.) bei viel Intransparenz und unklaren, wenig hilfreichen Leistungsr\u00fcckmeldungen. Die versprochene Flexibilit\u00e4t in der Studienanlage ist ausgeblieben und die Steuerung des Studiums ist den Studierenden weithin aus der Hand genommen. Beides f\u00fchrt dazu, dass vorhandener &#8222;Druck&#8220; st\u00e4rker empfunden wird, weil man sich ihm ausgeliefert f\u00fchlt. Die Sorgen um den sp\u00e4teren Arbeitsplatz und der fast st\u00e4ndige Blick auf die Entwicklung der Berufsaussichten erh\u00f6hen ebenfalls das Druckempfinden. Die Studierenden meinen, m\u00f6glichst viel mit guten Resultaten bereits im Studium vorweisen zu m\u00fcssen, um die sp\u00e4teren Anstellungschancen zu verbessern, obwohl die oftmals unklar bleiben &#8211; was wiederum die studentische Unruhe, alles f\u00fcr den Erfolg und gute Noten getan zu haben, steigert. Es ist in der Tat gelungen, die sp\u00e4tere Berufst\u00e4tigkeit f\u00fcr einen Gro\u00dfteil der Studierenden als Druckmittel aufzubauen und den nebul\u00f6sen Arbeitsmarkt als Drohkulisse herzurichten. Dies ist durch den Fokus auf die zu erreichende Besch\u00e4ftigungsbef\u00e4higung mit dem Bachelor-Studium noch verst\u00e4rkt worden, eine Perspektive, welche die Studierenden weithin \u00fcbernommen haben.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"i3-die-studierenden-machen-sich-selbst-mehr-druck\">I.3. Die Studie&shy;renden machen sich selbst mehr Druck <\/span><\/h2>\n<p>Mehr Studierende stellen an sich h\u00f6here Anspr\u00fcche hinsichtlich der Effizienz ihres Studiums, d.h. sie wollen eine k\u00fcrzere Dauer, nehmen sich eine h\u00f6here Intensit\u00e4t vor und streben einen sehr guten Erfolg an. Die Intention, das Studium m\u00f6glichst rasch abzuschlie\u00dfen, war in den 80er Jahren (damals unter den westdeutschen Studierende erhoben) f\u00fcr nicht mehr als 24 Prozent ganz wichtig, heute f\u00fcr 42 Prozent insgesamt. F\u00fcr Bachelor-Studierende ist die eigene Studieneffizienz noch wichtiger. Auch die Arbeitsintensit\u00e4t hat zugenommen: ein sehr starkes Pensum meinen 36 Prozent zu absolvieren, fr\u00fcher gaben dies 28 Prozent an.<\/p>\n<p>An den Hochschulen hat sich das Leistungsklima im letzten Jahrzehnt wesentlich ver\u00e4ndert: Der Druck resultiert aus den strikteren Studienbedingungen, aber die Studierenden, besonders im Bachelor-Studium, produzieren ihn auch selbst. Dabei ist die Steigerung von Ehrgeiz und Erfolgsorientierung recht eindeutig mit den Chancen f\u00fcr eine sp\u00e4tere Einstellung und der zugeschriebenen Wichtigkeit der (Besch\u00e4ftigungsbef\u00e4higung) verkn\u00fcpft: Je enger diese Verkn\u00fcpfung gezurrt wird, desto h\u00f6her werden Druck und Sorgen unter den Studierenden. Dies haben bereits fr\u00fcher die Beispiele der Juristen und Lehramtskandidaten gelehrt, und dies wird durch die schubartige Verbreitung von Hetze, Ungen\u00fcgen und Stress unter den Bachelor-Studierenden, zumindest von ihnen so gef\u00fchlt und empfunden, best\u00e4tigt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ii-was-ist-den-studierenden-wichtig-und-wertvoll\">II. Was ist den Studie&shy;renden wichtig und wertvoll <\/span><\/h2>\n<p>Aber Leistung und Arbeit sind nicht das gesamte Leben. Was ist den Studierenden wichtig, in welchen Lebensbereichen bewegen sie sich gern? Im Vordergrund steht f\u00fcr die Studierenden mehr und mehr die Familie, der Freundeskreis und eine Partnerschaft, es ist nicht der \u00f6ffentliche Raum oder das politische Parkett. Diese haben stark an Attraktivit\u00e4t eingeb\u00fc\u00dft und werden als Feld der Bet\u00e4tigung kaum noch aufgesucht.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ii1-steigende-bedeutung-von-herkunft-und-familie\">II.1. Steigende Bedeutung von Herkunft und Familie <\/span><\/h2>\n<p>Die Herkunftsfamilie hat stark an Wertsch\u00e4tzung gewonnen und eine beachtliche Wiederbelebung ihrer Bedeutung erfahren. Vater, Mutter und Geschwister, die Freunde und Freundinnen bilden den Mittelpunkt. Die Bewegung der Studierenden sieht aus wie ein R\u00fcckzug aus dem \u00f6ffentlichen Leben in einen privaten Schon- und Vergn\u00fcgungsraum. Ein Gutteil Verlangen nach Sicherheit und Anerkennung mag damit verbunden sein.<\/p>\n<p>Etwas Bemerkenswertes geht mit dem R\u00fcckzug ins Private einher: die Studierenden betonen ihre individuellen Vorteile, halten weniger von Solidarit\u00e4t oder vom Eintreten f\u00fcr andere. Daf\u00fcr r\u00fcckt das eigene Fortkommen in den Vordergrund und die Bew\u00e4ltigung der gestellten oder als wichtig erachteten Anforderungen wird zur Leitlinie des Handelns. Das nimmt aber zu selten die Gestalt einer \u00fcberlegten Strategie an, etwa bei der Bew\u00e4ltigung des Studiums, sondern vermittelt eher den Eindruck des sich &#8222;Durchwurstelns&#8220; &#8211; was wiederum auch auf unklare und wechselnde Bedingungen zur\u00fcckzuf\u00fchren ist (Stichwort: &#8222;Versuchskaninchen&#8220;).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ii2-mehr-gratifikationserwartungen-und-sicherheitsstreben\">II.2. Mehr Grati&shy;fi&shy;ka&shy;ti&shy;ons&shy;er&shy;war&shy;tungen und Sicher&shy;heits&shy;s&shy;treben<\/span><\/h2>\n<p>Was bleibt den Studierenden an Wichtigkeiten und Engagement, fragt man unwillk\u00fcrlich? Setzen sie keine eigenen Priorit\u00e4ten, etwa im gegenw\u00e4rtigen Studium oder im Hinblick auf den zuk\u00fcnftigen Beruf: Wie gehen sie es an, welche Erwartungen und Motive bewegen sie?<\/p>\n<p>Die Studierenden erwarten an der Hochschule eine gute fachliche, wissenschaftliche Ausbildung, die zu einer qualifizierten, interessanten, angesehenen und selbst\u00e4ndigen Berufst\u00e4tigkeit f\u00fchrt, aber auch Allgemeinbildung f\u00f6rdert. Sie vertreten in gro\u00dfer Mehrheit eine traditionelle &#8222;autonome Aufgabenorientierung&#8220;, die sie sich zutrauen und der sie sich stellen wollen. In ihren Erwartungen spielt die Arbeitsplatzsicherheit eine zunehmend gr\u00f6\u00dfere Rolle, gleichsam die defensive Variante der materiellen Haltung, weniger zugenommen hat die Erwartung an ein h\u00f6heres Einkommen, die offensivere Variante materiell-extrinsischer Orientierung.<\/p>\n<p>Ein allgemeiner Trend, der \u00fcber die Fachdifferenzen hinausgeht, hat sich in den letzten Jahren verst\u00e4rkt. Die Ausrichtung an Gratifikationen hat in der Studentenschaft durchgehend zugenommen, als Fachwahlmotiv, als Erwartung an den Nutzen des Studiums wie bei den Werten f\u00fcr die Berufst\u00e4tigkeit. In einer Fachrichtung hat sie das \u00dcbergewicht erlangt: bei den \u00d6konomen, gefolgt von den Ingenieuren. Eine Sache um ihrer selbst willen anzupacken, das kommt den Studierenden seltener in den Sinn. Es sollte ein Anreiz vorhanden sein und etwas daf\u00fcr herausspringen, wenn man sich einsetzt &#8211; und seien es ECTS-Punkte oder andere Arten der Anerkennung und Gratifikation.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iii-wenig-politische-bewegung-oder-soziales-engagement\">III. Wenig politische Bewegung oder soziales Engagement <\/span><\/h2>\n<p><b>III.1. Einige Grundz\u00fcge der Entwicklung <\/b><\/p>\n<p>Was bewegt denn heute die Studierenden, oder sind sie gar &#8222;bewegungslos&#8220; geworden? Politik und \u00f6ffentliches Geschehen sind f\u00fcr die gegenw\u00e4rtige Studentengeneration viel weniger ein Movens als fr\u00fcher. Die Grundz\u00fcge der Entwicklung, die zu einer politisch distanzierten und ratlosen Studentengeneration gef\u00fchrt hat, lassen sich ziemlich genau nachzeichnen:<\/p>\n<ul>\n<li>Weniger politisches Interesse und geringere Beteiligung, auch im Hochschulbereich und bei der Fachschaftsarbeit, <\/li>\n<li>verbreitete Labilit\u00e4t in den demokratischen Einstellungen, vor allem bei den kontroversen, pluralistischen Facetten; weniger Standfestigkeit, <\/li>\n<li>weniger Meinungs- und Konzeptbildung, Abneigung gegen\u00fcber &#8222;theoretischen Auseinandersetzungen&#8220;, viel mehr Gleichg\u00fcltigkeit, auch extremen Positionen gegen\u00fcber, <\/li>\n<li>Wandel von sozial-\u00f6kologischen Zielen (Umweltbewahrung Abbau Atomkraft) zu konservativen Zielen (Bek\u00e4mpfung Kriminalit\u00e4t, Abwehr \u00dcberfremdung) oder liberalen Zielen (Technologief\u00f6rderung, Wettbewerb), <\/li>\n<li>weniger Neugier und Interesse an Innovationen, geringere Bereitschaft zum Erproben von Alternativen, sei es im Studium oder im Beruf. <\/li>\n<\/ul>\n<p>Viele Studierende nehmen vor allem ihr Fortkommen, wenn sie ehrgeiziger sind, oder ihr Durchkommen, wenn sie \u00e4ngstlicher sind, wichtig. Sie schauen weder \u00fcber den Tellerrand des Faches noch zeigen sie Engagement f\u00fcr \u00f6ffentliche Angelegenheiten oder gegen soziale Missst\u00e4nde. Wenn die eigenen Belange beeintr\u00e4chtigt scheinen, dann kann studentischer Protest aufflammen, durchaus auch in h\u00e4rterer Gangart. Allerdings sind sie damit noch weit davon entfernt, Gegenkonzepte zu entwickeln oder gar die Macht- oder Systemfrage zu stellen, um dar\u00fcber eine weit reichende &#8222;soziale Bewegung&#8220; aufzubauen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iii2-abnahme-der-umweltbewegung-und-gespaltene-solidaritaet\">III.2. Abnahme der Umwelt&shy;be&shy;we&shy;gung und gespaltene Solidarit&auml;t <\/span><\/h2>\n<p>Das Auslaufen der sozialen Bewegungen und der R\u00fcckgang der Solidarit\u00e4t seien jeweils an einem Beispiel skizziert: dem der Umweltbewegung zum einen, der Baf\u00f6G-Forderungen zum anderen. Das Auslaufen der Umweltbewegung hat Mitte der 90er Jahre eingesetzt. Was mit Natur und Umwelt geschieht, das bewegt weit weniger Studierende als noch vor 15 Jahren (1993): Damals hielten \u00fcber zwei Drittel (67 Prozent Uni, 73Prozent FH) das Thema f\u00fcr sehr wichtig, heute sind es nicht mehr als zwei F\u00fcnftel (Uni 40 Prozent, FH 42 Prozent). Der R\u00fcckgang ist in allen Fachrichtungen \u00e4hnlich; am wenigsten k\u00fcmmern solche Fragen \u00d6konomen und Juristen. Auch als politisches Ziel haben Umwelt-, Natur- und Tierschutz stark an Stellenwert verloren: Die Priorit\u00e4t des Umweltschutzes, etwa vor wirtschaftlichem Wachstum, ist von 90 Prozent feste Unterst\u00fctzung auf 76 Prozent zur\u00fcckgegangen.<\/p>\n<p>Geringe Solidarit\u00e4t zeigt sich bei der Frage nach einer Erh\u00f6hung der Baf\u00f6g-S\u00e4tze. Die Erh\u00f6hung der Baf\u00f6G-S\u00e4tze wird von einem Drittel stark gefordert, aber ein anderes Drittel ist sogar eher dagegen. Diese Anteile verschieben sich eklatant, wenn man die Studierenden danach unterscheidet, ob sie zur Studienfinanzierung auf Baf\u00f6G-Mittel angewiesen sind oder sie nicht ben\u00f6tigen, weil die Elternetats v\u00f6llig ausreichen. Auch ansonsten lassen sich die Studierenden durch die Lage anderer wenig bewegen, seien es Entwicklungsl\u00e4nder oder Studentinnen mit Kind. Wie es anderen geht, k\u00fcmmert die Mehrheit der Studierenden wenig, regt sie nicht auf oder bewegt sie. Finanzierungsprobleme des Studiums besch\u00e4ftigen einen Teil der Studierenden, aber nicht alle.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iv-ranking-der-belastungen-im-studium\">IV. Ranking der Belastungen im Studium <\/span><\/h2>\n<p>Was Studierende bewegt, umfasst ein weites Spektrum: Erfreuliches im privaten Bereich, \u00c4rger in der WG oder Stress mit der Pr\u00fcfung, Stolz auf einen gutes Klausurergebnis, auch Sorgen wegen der Zukunft. Wir fragen die Studierenden ausf\u00fchrlich nach Schwierigkeiten, Problemen und Belastungen. Weil Belastungen die Aufmerksamkeit besetzen, damit die Breite der m\u00f6glichen Bewegungen einschr\u00e4nken &#8211; in einen Tunnel f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Was steht bei den Studierenden an erster Stelle? Es sind die Belastungen durch bevorstehende Pr\u00fcfungen: 36 Prozent empfinden sie als sehr stark &#8211; echter Stress, weitere 53 Prozent empfinden sie teilweise. &#8211; Fragen wir genauer nach, best\u00e4tigen 32 Prozent der befragten Studierenden einen hohen Grad an Pr\u00fcfungsangst, und 20 Prozent erleben starke Pr\u00fcfungsnervosit\u00e4t bis hin zum Black-out. Sicherlich kann Pr\u00fcfungsstress gemindert oder erh\u00f6ht werden, je nachdem, wie die Pr\u00fcfungen angelegt sind und welche Folgen sie haben. Das belegt ein Blick auf die Verteilung nach Fachzugeh\u00f6rigkeit: Am h\u00f6chsten ist er in der Medizin, gefolgt von Jura, am geringsten in den F\u00e4chern der Geistes- und Kulturwissenschaften.<\/p>\n<p>An zweiter Stelle der Belastungen folgen die Leistungsanforderungen im Fachstudium: f\u00fcr 24 Prozent der Studierenden sind sie stark, f\u00fcr weitere 60 Prozent teilweise belastend. Im Zeitverlauf sind wenige \u00c4nderungen des erlebten Leistungsdrucks zu verzeichnen. Die Bachelor-Studierenden berichten nicht \u00fcberproportional mehr von belastenden Leistungsanforderungen, wenn damit deren fachliches Niveau gemeint ist. Das verweist erneut darauf, dass &#8222;Leistungsanforderungen&#8220; keine eindimensionale Sache sind, sondern dass es neben ihrem Umfang und Niveau besonders die Art und Weise der Leistungserbringung ist, die zu Problemen f\u00fchrt. Sie wachsen an, wenn Studierende den Eindruck gewinnen, die Kontrolle \u00fcber ihre Leistungserbringungen zu verlieren; wenn sie meinen, durch ihren eigenen Leistungseinsatz das Ergebnis nicht steuern zu k\u00f6nnen, seien es die unmittelbaren Resultate oder die weiteren, damit verbundenen Folgen (etwa den \u00dcbergang in ein Masterstudium).<\/p>\n<p>Die dritte Stelle im Gewicht der Belastungen nehmen Orientierungsprobleme im Studium ein, an Universit\u00e4ten etwas mehr als an Fachhochschulen (Uni: 13 Prozent + 58 Prozent = 71 Prozent; FH: 9 Prozent + 55 Prozent = 64 Prozent). Am meisten Desorientierung herrscht unter den Studierenden der Sozialwissenschaften, am wenigsten bei den Studierenden der Medizin. Es h\u00e4ngt offenbar nicht nur an der Strukturierung des Studiums und der sozialen Einbindung, um Orientierung zu vermitteln. Wenn die Studienbedingungen einseitig ausfallen, d.h. starke Strukturierung ohne Einbindung (z. B. Medizin) oder viel Integration ohne gewisse Strukturierung (z. B. Geisteswissenschaften), k\u00f6nnen sie sogar nachteilig f\u00fcr den Studienablauf und Studienertrag sein.<\/p>\n<p>Auf dem vierten Platz der Belastungen ist die Anonymit\u00e4t an der Hochschule platziert. Damit eng im Zusammenhang steht die gro\u00dfe Zahl der Studierenden als eine Belastung. \u00dcberf\u00fcllung und Anonymit\u00e4t sind deutlich mehr ein Problem f\u00fcr Studierende an Universit\u00e4ten als an Fachhochschulen (an Universit\u00e4ten f\u00fcr 54 Prozent; an Fachhochschulen f\u00fcr 39 Prozent). Ebenso sind die Fachdifferenzen bei dem Problem der \u00dcberf\u00fcllung auff\u00e4llig: Sie sind drastisch h\u00f6her in den Geistes- und Sozialwissenschaften, damit auch im Lehramtsstudium, erfreulich gering in den Naturwissenschaften, gefolgt von den Ingenieurwissenschaften. St\u00e4rkere \u00dcberf\u00fcllung beeintr\u00e4chtigt nicht nur die Beratung und Betreuung der Studierenden, sondern vermindert dar\u00fcber hinaus die Studienqualit\u00e4t in den Lehrveranstaltungen erheblich.<\/p>\n<p>Die finanzielle Lage und die Frage der Studienfinanzierung belastet heute weit mehr Studierende als fr\u00fcher. Noch in den 80er Jahren machte sich (in Westdeutschland) etwas weniger als die H\u00e4lfte \u00fcberhaupt Sorgen um die Studienfinanzierung (48 Prozent). Der Anteil erh\u00f6hte sich in den 90er Jahren auf \u00fcber die H\u00e4lfte (bis 56 Prozent), er \u00fcberstieg dann zum neuen Jahrtausend die 60-Prozent-Marke und liegt nun bei 71 Prozent der Uni-Studierenden, an den Fachhochschulen sogar bei 78 Prozent. An den Universit\u00e4ten stellt nun f\u00fcr 19 Prozent, an den Fachhochschulen sogar f\u00fcr 37 Prozent die aktuelle Finanzsituation eine sehr starke Belastung dar, f\u00fchrt sozusagen zur Schlaflosigkeit. Finanzprobleme treiben viele Studierende in eine Erwerbsarbeit w\u00e4hrend des Semesters, oft in einem Umfang (ein Wochentag und mehr), der dem Studium nicht mehr gut tut. Der Wunsch nach Erh\u00f6hung der Baf\u00f6G-S\u00e4tze, als Voraussetzung f\u00fcr eine Verbesserung der Studiensituation, steht folglich bei den Studierenden an prominenter Stelle, ganz vordringlich an den Fachhochschulen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"v-bologna-prozess-und-bachelor-studium\">V. Bologna-Pro&shy;zess und Bache&shy;lor-&shy;Stu&shy;dium <\/span><\/h2>\n<p><b>V.1. Studierbarkeit und Studienerfolg <\/b><\/p>\n<p>Die Studierenden haben erhebliche Probleme mit der Studierbarkeit, die ihnen im Bachelor-Studium erleichtert werden sollte, aber nun erschwert erscheint. Das Bachelor-Studium sollte \u00fcberschaubarer, strukturierter, besser betreut, \u00fcber die Module besser studierbar, auch flexibler sein. So die verk\u00fcndete Intention. Die Mehrheit der Studierenden erf\u00e4hrt aber mehr Regularien, mehr Intransparenz und weniger Planbarkeit. Die Kriterien der &#8222;Effizienz&#8220;, ihnen selbst ja wichtig, k\u00f6nnen sie nicht einhalten &#8211; die Studienzeit wird l\u00e4nger, ECTS-Punkte sind nicht gesammelt und die \u00dcberlegung zum Studienabbruch nimmt zu. Dieser Widerspruch &#8211; ihren Interessen entgegen &#8211; bewegt die Studierenden, treibt manche von ihnen sogar zu Demos auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Ein anderes gewichtiges Problem ist die in Aussicht gestellte Besch\u00e4ftigungsbef\u00e4higung (Employability) geworden. Der Vorsatz h\u00f6rt sich ebenfalls gut an, im Studium mehr f\u00fcr die Berufsbef\u00e4higung zu tun, es st\u00e4rker anwendungsbezogen anzulegen, kurzum f\u00fcr den Bachelor &#8222;employability&#8220; herzustellen. Das erweist sich letztlich aber als eine Art Fallstrick, in den sich Hochschulen wie Studierende verfangen haben. Denn sie stehen vor einem un\u00fcbersichtlichen Anforderungskatalog und einem immensen Aufbau an Bedingungen, denen sie nachlaufen (m\u00fcssen). Sie sehen sich einem Zusatz nach dem anderen gegen\u00fcber: 1. Zusatz: Schl\u00fcsselqualifikationen erwerben, 2. Zusatz: Anwendungsbezug herstellen, 3. Zusatz: Praktika ableisten, 4. Zusatz: Marktgerechtigkeit beachten, 5. Zusatz: selbst dran schuld.<\/p>\n<p>Die Hochschulen und Lehrenden geben ihre eigene Verantwortlichkeit aus der Hand, weil sie die Bestimmungen dieses Anforderungskataloges zur &#8222;Besch\u00e4ftigungsbef\u00e4higung&#8220; anderen \u00fcberlassen &#8211; zumeist der sog. &#8222;Wirtschaft&#8220;. Die Studierenden sehen sich unklaren oder widerspr\u00fcchlichen Anforderungen gegen\u00fcber, seien es die fachlichen Kenntnisse, die Schl\u00fcsselqualifikationen oder die allgemeinen Kompetenzen. Diese Besch\u00e4ftigungsbef\u00e4higung mit dem Abschluss als &#8222;Bachelor&#8220;, wenn sie denn erl\u00e4utert wird, bezieht sich zudem auf Aufgaben und Status eines &#8222;mittleren Angestellten&#8220; in der Privatwirtschaft bzw. auf die &#8222;gehobene Laufbahn&#8220; im Staatsdienst. Sie bezieht sich nicht auf die Professionalit\u00e4t der &#8222;freien Berufe&#8220; oder auf den Einsatz im h\u00f6heren Dienst (belohnt mit dem Titel &#8222;Rat&#8220;), wovon die meisten Studierenden weiterhin ausgehen oder tr\u00e4umen. Diese Unklarheiten und Widerspr\u00fcche sind noch l\u00e4ngst nicht ausger\u00e4umt, wie der Streit zwischen den L\u00e4ndern um die Einstufung und Verantwortlichkeit des &#8222;Lehrers&#8220; belegt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"v2-grundprobleme-bei-der-gestaltung-des-bologna-prozesses\">V.2. Grund&shy;pro&shy;bleme bei der Gestaltung des Bologna-Pro&shy;zesses<\/span><\/h2>\n<p>Ein erstes Grundproblem im Verlauf des Bologna-Prozesses ist das Auseinanderfallen von Versprechen einerseits und Verwirklichung andererseits. Es sind nicht die hehren Bologna-Ziele, die von den Studierenden in Frage gestellt werden, daf\u00fcr sind ihnen Internationalit\u00e4t, Austausch, Mobilit\u00e4t, Fremdsprachen, gegenseitige Anerkennung, bessere Stoffgestaltung (Module), kontinuierliche Leistungsanerkennung viel zu wichtig und werden akzeptiert. Aber bei der Verwirklichung und Anwendung hapert es oft im Einzelnen, auch bei einigen wichtigen, grundlegenden Elementen der neuen Studienstruktur.<\/p>\n<p>Zu solchen Erschwernissen neben der Studierbarkeit z\u00e4hlen eine ganze Reihe von Folgeproblemen, die mit dem Bachelor-Studium, wie es in Deutschland bislang verwirklich wurde, verbunden sind:<\/p>\n<ul>\n<li>die starren und engen Zeithorizonte f\u00fcr das Bachelor-Studium, an den Universit\u00e4ten nahezu durchweg auf sechs Semester festgezurrt, an den Fachhochschulen immerhin \u00f6fters auf sieben Semester gedehnt, <\/li>\n<li>die eher erschwerten M\u00f6glichkeiten zum Auslandsstudium, wobei Modulaufbau und ECTS-Vergabe den Auslandsaufenthalt oft behindern statt ihn zu bef\u00f6rdern, <\/li>\n<li>der passive Status der Studierenden, die als blo\u00dfe &#8222;Kunden&#8220; aus der Mitgestaltung und Mitverantwortung entlassen werden, <\/li>\n<li>der versch\u00e4rfte Wettbewerb und unklare Selektionsverfahren, etwa beim \u00dcbergang zum Master, <\/li>\n<li>sowie mehr erlebte soziale Ungerechtigkeit bei vielen Studierenden, etwa bei der Studienfinanzierung oder der notwendigen Erwerbsarbeit neben dem Studium. <\/li>\n<\/ul>\n<p>Zugleich wird den Studierenden weithin vorenthalten, was sie im Studium begeistern oder motivieren k\u00f6nnte. Denn es wurde viel zu viel Wert auf das Festschreiben und Aushandeln von Strukturen und Quoten gelegt (etwa Studiendauer, Masterquote), aber die belebenden Prinzipien (the animating principles) und der Reiz von Wissenschaftlichkeit (the sense of science) blieben oft unbeachtet oder gingen verloren.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"v3-der-bachelor-ist-nicht-an-allem-schuld\">V.3. Der Bachelor ist nicht an allem Schuld<\/span><\/h2>\n<p>Vorsicht sollte aber walten, wenn Schwierigkeiten und M\u00e4ngel im Studium einfach auf den &#8222;Bachelor&#8220; als Ursache geschoben werden. In vielen Printmedien, von SPIEGEL \u00fcber FAZ und ZEIT bis hin zur S\u00fcddeutschen Zeitung ist es zum beliebten Spiel geworden, vieles von dem, was an den Hochschulen und dem Studium st\u00f6rt, belastet oder zuwider ist, all dies und noch mehr auf die neuen Studienstrukturen und die Anlage des Bachelor-Studiums zu schieben. Einige Gr\u00fcnde sprechen dagegen, dem Bologna-Prozess so viel Verantwortlichkeit zuzuschreiben. Die meisten problematischen Z\u00fcge waren bereits vor Einf\u00fchrung des Bachelors vorhanden, wie das Starren auf Effizienz, die Dominanz von Anwendung und die Priorit\u00e4t des Utilitarismus. Andere Bedingungen haben sich nicht ver\u00e4ndert wie der Zeithaushalt im Studium oder die M\u00f6glichkeiten zum \u00f6ffentlichen Engagement. Die studentische Zur\u00fcckhaltung hat nichts mit der Einf\u00fchrung des Bachelors zu tun, ebenso wenig ihre Ausrichtung an eigenen Interessen oder ihr geringeres soziales Engagement. Diese Haltungen hatten schon vorher in der Studentenschaft die Oberhand gewonnen und sich gleichsam verfestigt, als noch kaum Bologna- Studieng\u00e4nge eingerichtet waren.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich ist es oft die Kumulation von ung\u00fcnstigen Studienbedingungen, f\u00fcr die weder der Bachelor noch der Bologna-Prozess verantwortlich gemacht werden k\u00f6nnen. Dazu geh\u00f6ren die gestiegenen Probleme mit der Studienfinanzierung, die unklaren Auswahlverfahren der Hochschulen oder die anhaltende \u00dcberf\u00fcllung, vor allem an den Universit\u00e4ten. Bei all diesen schwerwiegenden Problemen ist Abhilfe n\u00f6tig, damit Standards der Studienqualit\u00e4t, Studieneffizienz und Fairness verwirklicht werden. Die Abhilfen m\u00fcssen von der \u00f6ffentlichen Hand, in den L\u00e4ndern wie im Bund, geleistet werden, unabh\u00e4ngig davon, wie das Bachelor-Studium im Hinblick auf Wissenschaftlichkeit und Studierbarkeit \u00fcberdacht oder wie der Bologna-Prozess im Hinblick auf Bildungsziele und soziale Gerechtigkeit neu fokussiert wird.<\/p>\n<p>Vielleicht entsteht ein gewisser Wandel, wenn zum einen die &#8222;Citizenship&#8220; als Bildungsziel das gleiche Gewicht wie die &#8222;Employability&#8220; erh\u00e4lt, wenn der Forschungsbezug wieder so wichtig wird wie der Anwendungsbezug und wenn der vorherrschende Utilitarismus wieder mehr Platz f\u00fcr Idealismus l\u00e4sst. Das Kommuniqu\u00e9 der Ministerkonferenz in Leuwen vom Mai 2009, die Positionen der Europ\u00e4ischen Assoziation der Universit\u00e4ten (EUA) sowie neuere Verlautbarungen der deutschen Hochschulrektoren-Konferenz (HRK) lassen die Bereitschaft erkennen, den bisherigen Bologna-Prozess zu \u00fcberdenken und die Weichen f\u00fcr das Bachelor-Studium neu zu stellen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"vi-wuensche-und-forderungen-der-studierenden\">VI. W&uuml;nsche und Forderungen der Studie&shy;renden <\/span><\/h2>\n<p>Was die Studenten bewegt, ist auch daran ablesbar, was sie sich zur Verbesserung der Studiensituation w\u00fcnschen und welche Forderungen sie an die Hochschulen stellen. Was halten sie f\u00fcr dringlich &#8211; und besteht dar\u00fcber unter ihnen Einvernehmen? Soll die Aufforderung an die Studierenden zu mehr Mitgestaltung ernst gemeint sein, dann verdienen ihre W\u00fcnsche und Forderungen mehr Beachtung.<\/p>\n<p>Was steht an erster, zweiter und dritter Stelle der Wunschliste, wenn eine Fee den Studierenden drei W\u00fcnsche freigeben w\u00fcrde? Die Universit\u00e4tsstudenten, um mit ihnen zu beginnen, w\u00fcnschen sich drei Dinge als sehr dringlich: 1. Einen st\u00e4rkeren Praxisbezug des Studiums; 2. mehr Lehrveranstaltungen in kleinerem Kreis, 3. bessere Arbeitsmarktchancen (43 Prozent, 42 Prozent und 36 Prozent ganz wichtig). Und die FH-Studierenden w\u00fcnschen sich in erster Linie: 1. bessere Arbeitsmarktchancen, dann 2. die Erh\u00f6hung der Baf\u00f6g-S\u00e4tze, sowie 3. Br\u00fcckenkurse zur Aufarbeitung schulischer Wissensl\u00fccken (38 Prozent, 36 Prozent und 29 Prozent).<\/p>\n<p>Einvernehmen herrscht zwischen den Studierenden beider Hochschularten \u00fcber die notwendige Verbesserung der Arbeitsmarktchancen. Die Verbesserung der Arbeitsmarktchancen f\u00fcr Absolventen des Faches halten 80 Prozent f\u00fcr dringlich, darunter \u00fcber ein Drittel (36 Prozent) f\u00fcr sehr dringlich. Gedacht wird dabei aber nicht allein an die Ankurbelung der Wirtschaft und die Steigerung der Konjunktur mit mehr Stellenangeboten. Vielmehr ist darunter auch eine Leistung der Hochschulen zu verstehen: die Vorbereitung durch das Studium f\u00fcr den Arbeitsmarkt mittels Anwendungsbezug und Praktika und die Unterst\u00fctzung beim \u00dcbergang ins Berufsleben (Career Center).<\/p>\n<p>Drei Forderungen zur Hochschulentwicklung stehen f\u00fcr die Studierenden als sehr wichtig im Vordergrund, wiederum mit etwas unterschiedlicher Gewichtung an Universit\u00e4ten und Fachhochschulen.<\/p>\n<ul>\n<li>Praktikum als fester Bestandteil des Studiums (64 Prozent Uni; 73 Prozent FH), <\/li>\n<li>Ausstattung der Hochschulen mit mehr Stellen (60 Prozent Uni; 47 Prozent FH), <\/li>\n<li>mehr Kooperation zwischen Hochschulen und Wirtschaft (52 Prozent Uni; 63 Prozent FH). <\/li>\n<\/ul>\n<p>Auch die Internationalit\u00e4t der Hochschule und des Studiengangs sowie der studienbezogene Austausch, insbesondere das Auslandsstudium, haben f\u00fcr die Studierenden einen hohen Stellenwert. Solche Forderungen werden zum Teil von Bachelor-Studierenden noch etwas entschiedener unterst\u00fctzt, obwohl keine dieser Forderungen ein spezifisches Defizit der Bachelor-Studieng\u00e4nge aufgreift. Beachtlich bleibt die Akzeptanz der Leistungsanforderungen im Studium, trotz h\u00e4ufigen Drucks und mancher Belastungen: Die Studierenden reden der Verringerung der Anforderungen in fachlicher und au\u00dferfachlicher Hinsicht oder einem Absenken des Pr\u00fcfungsniveaus kaum das Wort, jedenfalls nicht grundlos oder aus Bequemlichkeit.<\/p>\n<p>Die W\u00fcnsche und Forderungen der Studierenden richten sich keineswegs allein oder vordringlich auf Ver\u00e4nderungen im Bachelor-Studium, so sehr ihnen dies auch aktuell auf den N\u00e4geln zu brennen scheint. Ihre W\u00fcnsche und Forderungen gehen deutlich dar\u00fcber hinaus und betreffen allgemeinere Elemente der Hochschulentwicklung und Studienbedingungen. Es handelt sich zum einen um den Komplex von Qualifikation und beruflichen Chancen, zum anderen um den Komplex der finanziellen Ausstattung der Hochschulen und zum dritten um die Finanzsituation der Studierenden. Diese Forderungen sind eingebettet in weiterreichende Fragen nach der Studienqualit\u00e4t und den Bildungszielen, nach dem Stellenwert eines Studiums und schlie\u00dflich nach der sozialen Gerechtigkeit im Hochschulzugang wie Studienverlauf. Insofern enth\u00e4lt die gegenw\u00e4rtige Situation der Studierenden ein gr\u00f6\u00dferes Potential f\u00fcr Protest und Rebellion. Wie sich dieses entwickelt ist freilich abh\u00e4ngig von der gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzung damit &#8211; eine wichtige, aber offene Frage.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1847],"publikationen":[2823],"class_list":["post-10949","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-tino-bargel","publikationen-188-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Zwischen Leistungsdruck, Anpassung und Protest - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/188-vorgaenge\/publikation\/zwischen-leistungsdruck-anpassung-und-protest\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Zwischen Leistungsdruck, Anpassung und Protest - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Was Studierende bewegt; aus: vorg\u00e4nge Nr. 188, Heft 4\/2009, S. 63-72 I. 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