{"id":10954,"date":"2009-12-01T17:00:00","date_gmt":"2009-12-01T16:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/lerninseln-in-einem-meer-der-bildungsarmut\/"},"modified":"2009-12-01T12:00:00","modified_gmt":"2009-12-01T11:00:00","slug":"lerninseln-in-einem-meer-der-bildungsarmut","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/188-vorgaenge\/publikation\/lerninseln-in-einem-meer-der-bildungsarmut\/","title":{"rendered":"Lerninseln in einem Meer der Bildungsarmut"},"content":{"rendered":"<p>Gute Schulen bestimmen ihr Konzept, ihr Personal und ihr Budget selbst,<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 188, Heft 4\/2009, S. 116-122<\/p>\n<p>Der Junge versucht, Regeln zu erkl\u00e4ren. Er schaut zerknirscht in eine Kamera, die ihn filmt. Er w\u00fcrde es einsehen, sagt er, man m\u00fcsse das ja akzeptieren, dass es Regeln g\u00e4be. Die einzuhalten sind. Er str\u00e4ubt sich innerlich. Aber er kann nicht anders. Er schaut hin\u00fcber, neben die Fernsehkamera, wo seine Betreuerin steht und aufpasst. Damit hier kein Bl\u00f6dsinn erz\u00e4hlt wird \u00fcber das Elitegymnasium St. Afra in Mei\u00dfen. Der Junge hat einen Intelligenzquotienten von minimal 130. Sonst h\u00e4tte man ihn am s\u00e4chsischen Landesgymnasium Hochbegabtenf\u00f6rderung nicht angenommen.<\/p>\n<p>Willkommen im 19. Jahrhundert. An diesem Internat f\u00fcr superhelle K\u00f6pfe m\u00fcssen die Kinder ernsthaft um 7 Uhr fr\u00fchst\u00fccken, um 7 Uhr 25 ins Fr\u00fchkonzil, danach erwartet sie ein Intensivlehrplan mit Doppelstunden, der bis in den Abend hinein reicht. Der Lehrplan von St. Afra ist wie eine Kopie der b\u00fcrokratischen Schule des vorindustriellen und des Industriezeitalters. Nur noch schneller, dichter, intensiver. Der Staat \u00fcbernahm vor etwa 150 Jahren die Schule. Das war notwendig, weil die Untertanen &#8222;bisgen lesen und schreiben lernen&#8220; mussten, wie es der Alte Fritz schon fr\u00fcher programmatisch ausgedr\u00fcckt hatte. Der Staat organisierte Schule effektiv wie eine preu\u00dfische Verwaltung: Mit Vorschriften, nach Befehl und Gehorsam, strenger Hierarchie. Regeln hei\u00dft das Zauberwort, Organisation. St. Afra eben.<\/p>\n<p>Was hat das mit dem neuen Lernen, mit guter Schule zu tun? Nichts. Dennoch feiert es ein viel beklatschtes Weiter so. Die Schulleiterin des St. Afra Gymnasiums Ulrike Ostermaier stellt ihre Schule in D\u00fcsseldorf beim Kongress der Privatschulen vor. Und die Zuh\u00f6rer erstarren in Ehrfurcht vor dieser gewiss hochinteressanten, aber steinalten Schule. Von Freiarbeit und Lernb\u00fcros, von Forscherwerkst\u00e4tten und gro\u00dfen Projekten, kurz von individuellem Lernen &#8211; keine Spur in St. Afra. Die Privatschulgemeinde ist dennoch entz\u00fcckt. &#8222;Es ist interessant zu sehen, dass hochbegabte Kinder Regeln nicht einfach schlucken, sondern wie es ihnen arbeitet&#8220;, kichert die Moderatorin des Podiums.<\/p>\n<p>Wir schreiben das Jahr 2009. Drau\u00dfen twittert und bloggt es. Die Industrie entdeckt den Begriff Schwarmintelligenz. Sie l\u00e4sst den neuen Cinquecento auf einer kollaborativen Plattform im Internet von 250.000 Kunden vor-designen. Die Vordenker der Industrie und Gesellschaft des 21. Jahrhunderts predigen, dass Begriffe wie Flei\u00df, Disziplin und Regeln abgewirtschaft haben. Wer sein Produkt heute vermarkten will, braucht Einzigartigkeit &#8211; und Teams. Wissen muss geteilt werden. Die kreative Klasse \u00fcbernimmt die Macht. Wenn die Besucher des Privatschulkongresses vor die T\u00fcr des Seminarraums treten, gehen sie durch einen Wald an Smart Boards. Das sind intelligente kreidelose Tafeln, auf denen man schreiben, surfen, mindmappen, Filme laufen lassen kann &#8211; und alles drahtlos auf den Tablet-PC des Sch\u00fclers sendet oder von dort gesendet bekommt. Technologisch ist das 21. Jahrhundert l\u00e4ngst da. Aber didaktisch stehen wir noch mit beiden Beinen im 19. Jahrhundert. So ist Schule heute. Immer noch.<\/p>\n<p>Alles, was sich ge\u00e4ndert hat, um Einw\u00e4nden vorzubeugen, ist, dass es keinen Rohrstock mehr gibt, die B\u00e4nke nicht mehr festgeschraubt sind und der Lehrer nicht mehr auf einem Podest steht. Ansonsten ist Schule in Deutschland ein Industriemuseum. Sie steht unter Denkmalschutz. Wenn man Schule \u00e4ndern will, muss man an der Kultusministerkonferenz, dem Philologenverband und 180.000 Hamburger Volksbegehrern vorbei. Gar nicht so einfach. Wer sich bei einem Abendessen wagen w\u00fcrde, einen Opel Kadett als ein modernes Auto zu bezeichnen, bek\u00e4me keinen Hauptgang mehr. Wer einen Commodore 64 einen Computer nennt, wird mit I-Phones beworfen. Wer einen Holzofen den letzten Schrei nennt, wird auf das Ceranfeld eines Induktionsherdes gesetzt oder im Mega-Eisschrank schockgek\u00fchlt. Wer aber bei dem gleichen Abendessen sagt: &#8222;Ach was, Freiarbeit, Wochenplan und Lernb\u00fcro, dieses neumodische Zeugs! Frontalunterricht hat uns allen nicht geschadet. Wir sind alle irgendwie durchgekommen!&#8220; Wer das sagt, bekommt offenen Applaus und eine Flasche teuren Rotweins als Belohnung. Wir leben didaktisch im 19. Jahrhundert &#8211; und alle finden es super.<\/p>\n<p>Alle? Nein, es gibt ein paar Inseln des modernen Lernens, die ganz wunderlich und faszinierend sind. Wo die Menschen ins Staunen kommen. Selbst die FAZ am Sonntag j\u00fcngst, als sie die Berliner Humboldt-Gemeinschaftsschule besuchte und v\u00f6llig verdattert feststellte: Das B\u00fcrgertum rennt dieser Gesamtschule die Bude ein. Einer Gesamtschule! Noch vor kurzem und heute noch in manchen Gegenden denkt man sich: Igitt igitt. In der KMK liegt noch ein Beschluss aus dem Jahre 1983, der echte Gesamtschulen kategorisch verbietet. Aber die Eltern kennen den gl\u00fccklicherweise nicht. Es gibt die ersten, die wollen, dass ihre Kinder selbst\u00e4ndig, individuell lernen. Die kleinen Forscher aus den Kinderg\u00e4rten sind in der Schule angekommen. Man sagt nun nicht mehr \u00fcberall, &#8222;in der Schule beginnt der Ernst des Lebens.&#8220; Man treibt ihnen die Neugier nicht mehr mit Stundenpl\u00e4nen, Lehrpl\u00e4nen, Buchwissen, Frontalbeladungen und solchen Dingen aus. Sondern man l\u00e4sst sie &#8211; kreativ sein und etwas ganz und gar Unheimliches erleben: Spa\u00df am Lernen.<\/p>\n<p>Es sind sch\u00e4tzungsweise 200 von 34.000 Schulen, die das schon richtig gut k\u00f6nnen. Es sind die Lerninseln des 21. Jahrhunderts. Sechs Promille der deutschen Schulen k\u00f6nnen neues Lernen. Seine Grundregeln hei\u00dfen: Das Kind steht im Mittelpunkt, wirklich im Mittelpunkt mit seinen Interessen und auch mit seinen Problemen. Kein Kind bleibt zur\u00fcck und sei es auch langsamer. Und: Das Prinzip Gotthilf Fischer &#8222;Einer-an-alle&#8220; hat ausgedient. Hier gilt, wie es in den Web-Communities hei\u00dft, das Prinzip &#8222;Alle-an-alle&#8220;. <br \/>In den neuen Schulen geht es in etwa so: Alle mit allen, mal allein, mal im Team. Man muss sich diese Schulen ansehen, sonst glaubt man es nicht.<\/p>\n<p>Die Waldhofschule in Templin (Brandenburg) zum Beispiel ist eine inklusive Schule seit dem Jahr 2002. Vorher war es eine Schule f\u00fcr geistig Behinderte, ein GB-Schule. Heute kann sie zeigen, dass man tats\u00e4chlich so genannte Behinderte mit &#8222;normalen&#8220; Sch\u00fclern gemeinsam lernen lassen kann. In der Waldhofschule gilt das Prinzip individuelles Lernen, ohne diese Form geht hier gar nichts mehr. Denn dort lernt Jessie, die Trisomie 21 hat, zusammen mit Sarah, die ohne M\u00fche in St. Afra einen Platz bekommen w\u00fcrde. Jessie und Sarah lernen nicht immer sklavisch zusammen in einem Raum. Aber sie und alle Zwischenstufen zwischen den Polen hochbegabt und tiefbegabt (Andreas Steinh\u00f6fel) geh\u00f6ren selbstverst\u00e4ndlich zu einer Lerngruppe. Die Zeiten sind vorbei, da man an der Waldhofschule am Schulhaus vorbeilief, um einen Blick von den Irren zu erhaschen. Heute steht man im Klassenzimmer und fragt sich: Wer oder was ist hier eigentlich behindert? Manche der Kids &#8211; oder meine Vorstellung vom Lernen?<\/p>\n<p>Oder das Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach (Baden-W\u00fcrttemberg). Die Schule hat ein Kunstst\u00fcck fertig gebracht. Marbach ist das erste und bislang einzige Gymnasium, das beim Deutschen Schulpreis der Bosch-Stiftung aufs Treppchen durfte. In Marbach gibt es 2.000 Sch\u00fcler, aber nur noch 0,7 Prozent Sitzenbleiber. Dieses Gymnasium hat ernsthaft das Motto: Jeder kommt ans Ziel &#8211; und nicht etwa den Leitspruch, der bislang noch \u00fcber jeder Penne h\u00e4ngt: &#8222;Wer hier nicht mitkommt, wird abgeschult.&#8220; Das Schiller-Gymnasium ist didaktisch sicher noch keine Vorzeigeschule. Aber sein Rektor G\u00fcnter Offermann hat ein Netz an so genannten Unterst\u00fctzungssystemen ausgeworfen, durch das praktisch kein Sch\u00fcler mehr hindurchrutschen kann. Es gibt Diagnose- und Therapielehrer, die sich fr\u00fchzeitig um Sch\u00fcler k\u00fcmmern, bei denen Probleme auftreten. Die Schule organisierte Nachhilfe von Sch\u00fclern durch Sch\u00fcler (\u00fcbrigens auch f\u00fcr die Sch\u00fcler der nebenan gelegenen Haupt- und Sonderschule). Wenn es dennoch brenzlig wird, bittet Rektor Offermann den Sch\u00fcler und seine Eltern ins Privatissime, allerdings nicht, um die Rote Karte zu z\u00fccken, sondern um deutlich zu machen: &#8222;Hier macht sich der Chef h\u00f6chstpers\u00f6nlich Sorgen.&#8220; Das Prunkst\u00fcck in der Schillerstadt Marbach ist freilich die Sommerschule. So hei\u00dft ein Intensivkurs f\u00fcr die akut gef\u00e4hrdeten Sch\u00fcler &#8211; am Anfang oder Ende der Sommerferien. Diese gezielte Nachhilfe findet nur in den Risikof\u00e4chern statt. Gegeben wird sie von Sch\u00fclern, nachdem ein Lehrer einen Lehrplan ausget\u00fcftelt hat. Die Sommerschule kostet 165 Euro, die jungen Nachhilfelehrer verdienen n\u00e4mlich etwas dabei. Wer nach den Sommerferien den Test besteht, darf vorr\u00fccken.<\/p>\n<p>Oder die Schule, die es eigentlich gar nicht geben kann: Die Grundschule an der Kleinen Kielstra\u00dfe in Dortmund (NRW). 91 Prozent Zuwandererkinder, sozialer Brennpunkt. Diese Schule hat so viele herausragende Momente, dass man gar nicht fertig wird, wollte man sie alle aufz\u00e4hlen: Sie bietet ihren Kindern ein eng gekn\u00fcpftes Netz an Sicherheiten &#8211; von der Fr\u00fchdiagnose, den neuen Kinderstuben \u00fcber spezielle F\u00f6rderungen bis hin zum Caf\u00e9 mit angeschlossenem Deutsch-Sprachlerntraining und Erziehungskursen f\u00fcr M\u00fctter. Zugleich haben die Kinder in der Kielstra\u00dfe die gro\u00dfe Freiheit des individuellen Lernens. Die Schule praktiziert jahrgangs\u00fcbergreifendes Lernen mit einem ausgekl\u00fcgelten Wochenplan, Freiarbeit und einer Lernwerkstatt, wo sich Kinder selbst Fragestellungen erarbeiten. &#8222;Wir k\u00f6nnen im 21. Jahrhundert keinen fertigen Wissensrucksack mehr f\u00fcr unsere Sch\u00fcler packen&#8220;, sagt Schulleiterin Gisela Schultebraucks-Burgkart. &#8222;Wir m\u00fcssen ihnen zeigen, wie sie sich Themen selbst erschlie\u00dfen k\u00f6nnen.&#8220; Das Paradebeispiel der Kielstra\u00dfe ist aber wohl die Teamarbeit. Die Lehrer dort arbeiten in einer Schule, in der &#8222;professionelle Zusammenarbeit&#8220; zum Leitbild geh\u00f6rt. Das hei\u00dft, dass die Lehrer den Unterricht stets im Team und arbeitsteilig vorbereiten. In der Schule gibt es zwei R\u00e4ume mit Unterrichtsmaterialien &#8222;Wenn die Lehrer nach Hause kommen, dann sind sie wirklich fertig mit der Schule&#8220;, berichtete die stellvertretende Schulleiterin Brigitte Thiel auf dem Grundschulkongress. Um sich das praktisch vorzustellen: Wenn das Jahrgangsteam einen Wochenplan f\u00fcr drei Schulwochen vorbereitet, kann es sein, dass 18 (!) Lehrerinnen kooperieren. Dabei wird der Rahmen festgelegt. Wie die einzelnen Lehrer das im Klassenzimmer machen, entscheiden sie selbst.<\/p>\n<p>Die Kielstra\u00dfe ist so gut, dass sie das Prinzip Einbahnstra\u00dfe bei Bildungsreisen aufgehoben hat: In Dortmund war inzwischen eine Delegation aus Finnland zu Gast, um zu sehen, wie man gute Schule macht. Das ist ein Symbol daf\u00fcr, dass die Trendumkehr nach dem PISA-Schock im Jahr 2001 geschafft ist &#8211; nicht durch das Weiter-so der alten Schule, sondern durch eine neue Schule.<\/p>\n<p>Die alte Schule hat einen riesigen Vorteil: Alle wissen, wie sie funktioniert. Eigene Erfahrung und die Feuerzangenbowle machen es m\u00f6glich. Schule, Lernen, das ist ein Lehrer, der vor seinen Sch\u00fclern steht. Die Weisheiten und den Gewissheiten der Welt werden, \u00fcberspitzt gesagt, frontal von vorne in die Kinder hineingeladen. Wer nicht schnell genug aufnimmt, wird in andere Verladestationen namens Realschule oder Hauptschule versetzt. Dort wird weniger, handlicher und langsamer verladen. Manche nennen das alte Lernen auch vornehm &#8222;fragend entwickelnden Unterricht&#8220; oder, noch feiner, sokratischen Dialog. Allerdings disputierte Sokrates mit einer Handvoll Sch\u00fclern. Ein Lehrer heute aber mit 25 bis 32 und mehr Kindern. Selbst konservative PISA-Forscher verhehlen daher nicht die Probleme des sokratischen Dialogs: er richtet sich in einer Klasse fast immer an den Durchschnittssch\u00fcler. Zwei Typen von Sch\u00fclern meiden diesen Dialog: Die langsameren &#8211; weil sie keine Lust haben, sich zu blamieren. Die schnelleren &#8211; weil sie die Fragen des Lehrers als unter ihrer W\u00fcrde empfinden.<\/p>\n<p>Das neue Lernen ist komplexer angeordnet. Es unterscheidet nicht mehr nach F\u00e4chern wie die Lehrplanschule, sondern nach Lernformaten. Das hei\u00dft, auf dem &#8222;Stundenplan&#8220; steht nicht mehr Mathe, Deutsch, Englisch und so weiter, sondern zum Beispiel Lernb\u00fcro, Lernwerkstatt, Projekt, Klassenstunde, Tutorengespr\u00e4ch oder Wahlpflicht. So hei\u00dfen die Lernformate an der Evangelischen Schule Berlin Zentrum. An der Max-Brauer-Schule hei\u00dfen manche Formate genauso, an der Bodenseeschule Friedrichshafen nennt man sie anders, an der Laborschule Bielefeld ebenfalls.<\/p>\n<p>Das neue Lernen hat viele feine Unterschiede zwischen den Schulen, aber es hat eine gro\u00dfe Gemeinsamkeit. Die Idee ist, dass den Kindern praktisch vom ersten Tag an die Gelegenheit zum selbst\u00e4ndigen Lernen gegeben wird. Die kleine Mathunita etwa, eine Erstkl\u00e4sslerin, sitzt in der Grundschule Kleine Kielstra\u00dfe vor einem Wimmelbild. Das ist ein Bild, auf dem ganz viel los ist, viele Sachen, Tiere, Personen gilt es zu entdecken. Die Erstkl\u00e4ssler wie Mathunita, die erst seit vier Wochen die Schule besuchen, sollen nun die Anlaute der Dinge aufschreiben. Immer nur den ersten Buchstaben. Die \u00e4lteren Kinder wie Janany hingegen schreiben schon das ganze Wort. Sie sind viel weiter &#8211; und das macht sie zu Vorbildern. Neugierig guckt die zarte Mahtunita zu ihrem Tischnachbarn hin\u00fcber und sieht sich an, wie er das Wort schreibt, von dem sie nur den ersten Buchstaben kennt. Sp\u00e4ter malt Mahtunita in dem Wimmelbild etwas aus. Janany, der neben ihr sitzt, ist das zu langweilig. Er hat auch gar keine Zeit, die Figuren und Dinge bunt auszumalen. Denn er muss seinen Wochenplan fertig machen. Das hei\u00dft, er hat ein Blatt mit S\u00e4tzen vor sich liegen und soll darin die Namenw\u00f6rter markieren. Namenw\u00f6rter, Tunw\u00f6rter und Begleiter, diesen Wortarten k\u00f6nnen die Kinder gar nicht entkommen. \u00dcberall begegnen sie ihnen, sie h\u00e4ngen an der Wand, sie tauchen im Wochenplan auf, sie sind als Montessori-Symbole kenntlich gemacht.<\/p>\n<p>Das ist die Grundidee: Gleiche Themenstellungen f\u00fcr verschiedene Sch\u00fcler &#8211; an denen die Kinder aber in unterschiedlicher Tiefensch\u00e4rfe arbeiten k\u00f6nnen. Am besten f\u00fcr sich selbst oder in kleinen Gruppen. Und obwohl die Kinder auch mal ganz unterschiedliche F\u00e4cher bearbeiten, wissen die Lehrer doch genau, wo sie stehen: Denn jedes Kind hat einen Wochenplan. Darauf ist eingetragen, m\u00f6glichst individuell, welche Aufgaben die Kinder bearbeiten sollen. Der Lehrer steht nicht mehr vor 30 Kindern, sondern er geht von Sch\u00fcler zu Sch\u00fcler. Er kommt sehr nah ran an die Sch\u00fcler, im Wortsinne. &#8222;Es geht darum, den Kindern das Selber-Lernen beizubringen&#8220;, sagt Lehrer Jan von der Gathen. Dazu gibt es t\u00e4glich ein bis drei Stunden Wochenplan. In anderen Schulen hei\u00dft diese Phase Freiarbeit. Wenn man sie fragt, wie seid ihr geworden, wie ihr seid, dann geben sie an der Dortmunder Grundschule an der Kleinen Kielstra\u00dfe ein lustige Antwort: Wir haben uns zusammen ins leere Schulhaus gesetzt, aus dem Fenster geguckt und gefragt: Welche Schule brauchen die Kinder aus diesem Viertel? Das war 1995. Das hei\u00dft in knapp 10 Jahren ist hier eine Schule v\u00f6llig neu entstanden. Mit einem neuen Team, zusammengestellt von der Schulleiterin Gisela Schultenbraucks-Burchardt.<\/p>\n<p>Aber wie ist das in den anderen Schulen? Wie hat sich die Templiner Waldhofschule entwickelt, wie die Wiesbadener Heinrich-von-Kleist-Schule, wie die Hamburger Max-Brauer-Schule, wie die Heinrich-von-Stephan-Schule in Berlin-Moabit, wie das Marbacher Gymnasium von G\u00fcnter Offermann? Es gibt auf den ersten Blick scheinbar keine Gemeinsamkeiten, weil alle Schulen so unterschiedlich sind. Sie sind in Regionen und sozialen Umst\u00e4nden zu Hause, die nicht vergleichbar sind. Die einen wehren sich dagegen, dass sie zu einer Ghetto-Schule werden. Bei den anderen dr\u00e4ngt ein progressives Kollegium. Und die Dritten bekommen einen neuen Rektor &#8211; der alles ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Sieht man aber genauer hin, l\u00e4sst sich ganz gut erkennen: Schulentwicklung birgt eine paar Paradoxien &#8211; und viele Gemeinsamkeiten: Gute Schulen entstehen oft nicht wegen, sondern trotz der Kultusb\u00fcrokratien. Ja, oft ist der Ansto\u00df f\u00fcr eine Entwicklung der Entschluss, eine Regel zu brechen. Man wird in keiner einzigen der Schulen noch einen 45-Minuten-Takt vorfinden. Aber der Regelbruch, die Grenzverletzung geht weit \u00fcber die engen Zeitfenster beim Lernen hinaus. Es werden die F\u00e4chergrenzen gesprengt, oft auch die Jahrgangsschranken niedergerissen. Es werden die Lehr- und Stundenpl\u00e4ne nicht \u00fcberwunden, aber doch untergeordnet. In den guten Schulen steht nicht der Stoff im Mittelpunkt, das Fach, sondern tats\u00e4chlich das Kind. &#8222;Wir unterrichten Kinder, nicht F\u00e4cher&#8220;, ist ein gefl\u00fcgeltes Wort in den Schulen. Das ist die wichtigste Gemeinsamkeit:<\/p>\n<p>Der Respekt vor dem Kind, und zwar in doppelter Hinsicht. Respekt vor der Kreativit\u00e4t des Kindes &#8211; und Respekt vor den Schwierigkeiten, die es nicht allein bew\u00e4ltigen kann. Es gibt keine Lehrerin, die das sch\u00f6ner zu sagen wei\u00df als die bayerische Lehrerin Sabine Czerny, die zu einer Schulrebellin wurde, weil sie etwas macht, das eigentlich selbstverst\u00e4ndlich sein sollte. &#8222;Alles, was ich tue, ist, Kindern Sicherheit zu geben. Das ist das Allerwichtigste. Sie trauen sich dann schnell selbst etwas zu, wollen mehr wissen und lernen viel leichter.&#8220; Czerny sagt: Jedes Kind ist neugierig und will etwas wissen; aber sie sagt auch, manche Kinder f\u00fchlen sich von innen heraus blockiert, andere werden durch ihre sozialen Umst\u00e4nde behindert. &#8222;Um das aufzufangen brauche ich Zeit. Zeit insbesondere auch um eine Beziehung zu jedem Kind aufzubauen, denn nur dann kann ich mit den Kindern erfolgreich arbeiten&#8220;, sagt Czerny. Das ist ein durchgehendes Prinzip guter Schulen: Dass sie Beziehungen m\u00f6glich machen. Gute Schulen sind keine Paukanstalten, sondern Lebensorte. Wer Regeln brechen will, braucht einen starken Mann beziehungsweise eine starke Frau an der Spitze. Das ist die faszinierendste Gemeinsamkeit aller guten Schulen: Sie werden von Pers\u00f6nlichkeiten geleitet. Wenn es in Deutschland das Klischee gibt (das inzwischen freilich von mancher empirischen Untersuchung best\u00e4tigt wird), dass Lehrer oftmals unsichere, klagende Personen sind, dann wird es in den guten Schulen eindrucksvoll widerlegt. Die Leiter dieser Schulen treten als Unikate auf, und ganz oft sind es Frauen. Und alle unterschreiben sie diesen Satz: &#8222;Es geht alles \u00fcber die Lehrer. Schulentwicklung ist zu 90 Prozent Personalentwicklung. Ein Schulleiter, der das nicht sieht und macht, der hat schon verloren&#8220;, sagt Erika Risse. &#8222;Wir m\u00fcssen also Lehrer ausw\u00e4hlen k\u00f6nnen. Aber wir m\u00fcssen auch gute Lehrer ausbilden, und das geschieht bislang nicht. Deswegen wollen wir da selber mitmischen, sobald es geht.&#8220;<\/p>\n<p>Das ist in etwa die Energie, die von den Schulleitern ausgeht, die selbstverst\u00e4ndlich mit stark nicht komplett portraitiert sind. Sie haben ein Konzept, sie sind charismatisch, sie formen ein Team. Aber sie sind eben auch stark, sonst w\u00e4ren die Zumutungen nicht auszuhalten. Als Barbara Riekmann von der Hamburger Max-Brauer-Schule einst wieder zwei neue Lehrer zugeteilt bekam, ohne Einfluss darauf nehmen zu k\u00f6nnen, tat sie Folgendes: &#8222;Ich habe mich sofort ins Auto gesetzt und bin zur Schulbeh\u00f6rde gefahren. Denen habe ich gesagt: &#8218;Ab sofort bekomme ich keinen Lehrer mehr, den ich mir nicht selber ausgesucht habe.'&#8220; Das gro\u00dfe Geheimnis guter Schulen ist ihre Entwicklung. Es gibt kein Rezept daf\u00fcr. Man kann in eine der Schulen gehen, alles aufschreiben, fotografieren und kopieren, was zu finden ist, man kann das alles mitnehmen &#8211; aber man kann allein daraus keine gute Schule machen. Gute Schulen lassen sich nicht klonen. Auf vertrackte Weise stehen sich die Schulentwicklung von oben und die von unten beinahe dialektisch gegen\u00fcber. &#8222;Lehrer sind ja manchmal schlimmer als Sch\u00fcler&#8220;, sagte ein angehender Rektor bei einer der Recherchen. &#8222;Wenn man etwas von ihnen will, dann machen sie es erst recht nicht.&#8220;<\/p>\n<p>Ministerien und Schulr\u00e4te k\u00f6nnen gute Schulen nicht z\u00fcchten. Sie k\u00f6nnen ihre Entwicklung allerdings positiv beeinflussen. Zu den wichtigen Faktoren geh\u00f6ren drei Freiheiten: Das Schulkonzept bestimmen zu k\u00f6nnen, sich das Personal aussuchen zu d\u00fcrfen und das Budget selbst zu verwalten. Die Frage ist, wie kann man diese Faktoren am idealsten arrangieren? Das gelingt nicht einfach so aus dem Handgelenk wie selbst Beispiele privater Schulgr\u00fcndungen zeigen. Auch solche geh\u00f6ren dazu, die ohne Geldsorgen arbeiten, wie etwa die Freie Schule Anne-Sophie in K\u00fcnzelsau. Hinter ihr steht ein Milliardenkonzern, die W\u00fcrth-Gruppe. Sie wird inspiriert und angetrieben von Bettina W\u00fcrth, die ein sehr freies Konzept f\u00fcr die Schule vertritt. Die Lehrer erhalten eine sehr gute Bezahlung, mehr als im Staatsdienst, was es auf dem Privatsektor &#8211; im Gegensatz zu vielen bestehenden Vorurteilen &#8211; kaum gibt. Es befindet sich mit Peter Fratton einer der konzeptionell \u00fcberzeugendsten Schulreformer an der Spitze &#8211; und dennoch flutscht es nicht wie von allein. Irgendwie m\u00fcssen sich die Lehrer unter dem \u00fcberw\u00f6lbenden Dach eines konzeptionellen Rahmens das operative Feinkonzept immer erst selbst aneignen. &#8222;Ich bin ganz unbedarft an diese Branche Schule herangegangen&#8220;, sagt Bettina W\u00fcrth. &#8222;In meiner Familie gibt es keine Lehrer. Ich dachte, wir entwerfen ein p\u00e4dagogisches Konzept, wir holen uns einen guten Schulleiter und Lehrer, die Spa\u00df haben &#8211; und dann geht es los. Aber das war nicht so. Es war verbl\u00fcffend f\u00fcr mich, dass unter den Lehrern oft kein Einigungsprozess m\u00f6glich war. Sie hatten die M\u00f6glichkeit, freie Schule zu machen &#8211; und sie nutzten sie gar nicht.&#8220; Woran mag das liegen? Bettina W\u00fcrth \u00fcberlegt eine Zeit. Dann sagt sie: &#8222;Es liegt nicht am Konzept und nicht an den Lehrern, sondern an dem staatlichen Schulsystem. Wir m\u00fcssen uns die Frage stellen: Was macht dieses System aus unseren Lehrern? Die Menschen, die in ein Unternehmen kommen, die sollen Spa\u00df haben, Kreativit\u00e4t, Freude am Ausprobieren. Aber da muss doch irgendwas passieren, dass diese Freude in der Schule oft nicht mehr da ist. Da muss ja irgendein Prozess ablaufen, den wir noch nicht verstehen.&#8220; Gisela Gravelaar aus M\u00fcnster und Gisela John aus Jena sind der \u00dcberzeugung. &#8222;Ich kann mit dem Begriff Privatschule \u00fcberhaupt nichts anfangen&#8220;, sagt Gravelaar. John sagt: &#8222;Politiker haben die Pflicht, das staatliche Schulsystem zu entwickeln. Vielfalt hei\u00dft nicht, Privatschulen zu haben.&#8220; Aber die Ablehnung geht nicht so weit, private Schulen abzulehnen. Beide Schulleiterinnen empfinden es als eine Zumutung, wenn sie Lehrer zugewiesen bekommen, die mit dem Konzept ihrer Schulen nichts anzufangen wissen. Das hei\u00dft, sie sind emphatisch gegen Privatschulen eingestellt &#8211; aber sie klagen mit umso mehr Nachdruck die Freiheitsrechte dieser Schulen ein. F\u00fcr sich, die staatliche Schule.<\/p>\n<p>Das deutsche Schulsystem leidet an drei Kardinalproblemen. Er herrscht erstens bittere Bildungsarmut, vor allem in den unteren Schulformen, wo bis zu 80 Prozent Schulverlierer gez\u00fcchtet werden; die Schulforscher nennen diese Schulen mit Verweis auf die ber\u00fchmte Lazarsfeld-Studie mittlerweile Marienthal-Schulen, Schulen der Hoffnungslosigkeit. Zweitens leiden wir unter einer ernst zu nehmenden p\u00e4dagogischen Armut. Vor allem in den h\u00f6heren Schulformen ist der Friss-oder-Geh-Lernstil des Gymnasiums weit verbreitet. Drittens stehen wir, bedingt durch den F\u00f6deralismus, vor einer Modernisierungsblockade. Schulentwicklung von oben scheint so gut wie nicht m\u00f6glich zu sein. Gute Schulen k\u00f6nnen ein Mittel sein, mit best practice-Modellen die depressive Bildungsdiskussion aufzubrechen. Der furiose Erfolg der Schulpreistr\u00e4gerschulen der Bosch-Stiftung hat das gezeigt. Will der Staat die Gelingensbedingungen f\u00fcr gute Schulen positiv beeinflussen, so hat er zwei M\u00f6glichkeiten. Die freien und Privatschulen, die oftmals Reforminseln sind, finanziell endlich gleichwertig ausstatten. Und den staatlichen Schulen gleichzeitig jene Personal- und Budgetfreiheiten geben, die sie sich so sehnlich w\u00fcnschen &#8211; um gute Schule machen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1853],"publikationen":[2823],"class_list":["post-10954","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-christian-fueller","publikationen-188-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Lerninseln in einem Meer der Bildungsarmut - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/188-vorgaenge\/publikation\/lerninseln-in-einem-meer-der-bildungsarmut\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Lerninseln in einem Meer der Bildungsarmut - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Gute Schulen bestimmen ihr Konzept, ihr Personal und ihr Budget selbst, aus: vorg\u00e4nge Nr. 188, Heft 4\/2009, S. 116-122 Der Junge versucht, Regeln zu erkl\u00e4ren. 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