{"id":10957,"date":"2009-09-01T23:45:00","date_gmt":"2009-09-01T21:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/editorial-24\/"},"modified":"2009-09-01T12:00:00","modified_gmt":"2009-09-01T10:00:00","slug":"editorial-24","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/187-vorgaenge\/publikation\/editorial-24\/","title":{"rendered":"Editorial"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 187, Heft 3\/2009, S. 1-3<\/p>\n<p>Die Einheit kennt nur einen angemessenen Zustand, die Vollendung. Glaubt man der Pr\u00e4ambel des Grundgesetzes, so wurde dieser bereits am 3. Oktober 1990 erreicht. Denn dort steht geschrieben: &#8222;Die Deutschen in den L\u00e4ndern (sie werden aufgez\u00e4hlt) haben in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands vollendet.&#8220; Viele dieser Deutschen hat in den zwanzig Jahren danach allerdings ein gelinder Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Feststellung gepackt und mittlerweile wird die Vollendung von den verantwortlichen Politikern auf das Jahr 2019 terminiert. Auch dieses Datum bleibt vage und es machen sich Zweifel breit, ob dieser Zustand \u00fcberhaupt erreichbar ist. Woran wollte man ihn messen und vor allem, wem ist gedient, sollte er eintreten?<\/p>\n<p>Bei dem Versuch, diese Fragen zu beantworten, st\u00f6\u00dft man schnell auf die systemische Schieflage, die dem Streben nach Einheit innewohnt. So wie bereits ihre erste Vollendung lediglich aus der \u00dcbertragung des westdeutschen Grundgesetzes auf das Gebiet der vormaligen DDR bestand, so zielten alle nachfolgenden Einheits-Bekundungen auf die Angleichung eines Zustands Ost an sein Vorbild West. Kaum eine Differenz wird bis heute in Deutschland so minuti\u00f6s erforscht, wie die durch die ehemalige Zonengrenze markierte. Und bei kaum einer Differenz ist so klar, auf welcher Seite Bonus und auf welcher Malus zu finden ist. Diese normative Aufladung ist der Selbstanma\u00dfung einer Politik geschuldet, die noch immer vorgibt, einen Prozess steuern zu k\u00f6nnen, dessen Entgleiten sie nicht einzugestehen vermag. So wie im Gegenzug die Betroffenen nur allzu gerne und bisweilen auch allzu blau\u00e4ugig von dem juristischen Versprechen der Einheit auf eine faktische Gleichheit der Lebensverh\u00e4ltnisse schlie\u00dfen und in den bestehenden Unterschieden vornehmlich Vollzugsdefizite eben jener Politik sehen.<\/p>\n<p>Statt die Messlatte der Angleichung hoch zu halten, will die vorliegende Ausgabe der <i>vorg\u00e4nge <\/i>den Blick auf die wom\u00f6glich dauerhaften Eigenheiten der ostdeutschen L\u00e4nder sch\u00e4rfen. Dabei werden Differenzen nicht negiert, doch soll die Pfadabh\u00e4ngigkeit ihrer Entwicklung im Vordergrund stehen. Die Frage, der die Beitr\u00e4ge nachgehen, ist weniger die nach dem, was sein soll, als nach dem, was ist und sein wird. Weniger (An-)Klage als vielmehr Bestandsaufnahme einer Gesellschaft im zwanzigsten Jahr ihrer radikalen Selbstver\u00e4nderung.<\/p>\n<p>F\u00fcr <i>Michael Thomas<\/i> wiegen die erheblichen Herausforderungen, vor denen Deutschland insgesamt steht, schwerer als die innerdeutschen Unterschiede. Statt Letztere immer wieder zu messen, sollte eine gemeinsame Gestaltungsperspektive entwickelt werden, in welcher der Osten eine experimentelle Vorreiterrolle einnehmen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><i>Ilse Helbrecht <\/i>pl\u00e4diert f\u00fcr die Beibehaltung des Verfassungsgrundsatzes von der Gleichwertigkeit der Lebensverh\u00e4ltnisse, dessen Interpretation aber, ihrer Meinung nach, der Divergenz der Lebensr\u00e4ume mehr Rechnung tragen und sich auf die Festlegung von Mindeststandards beschr\u00e4nken sollte.<\/p>\n<p>F\u00fcr <i>Ulrich Busch <\/i>sind ein selbsttragendes Wachstum und eine Konvergenz mit der westdeutschen Wirtschaft Voraussetzungen f\u00fcr die Erf\u00fcllung des Verfassungssatzes von der Gleichwertigkeit der Lebensverh\u00e4ltnisse. Beides werde Ostdeutschland ohne F\u00f6rderung nicht erreichen.<\/p>\n<p><i>Michael Hofmann <\/i>zeichnet die Entwicklung der sozialen Milieus Ostdeutschlands in den letzten f\u00fcnfzig Jahren nach. Die Sozialstrukturen unterscheiden sich auch heute noch von den westdeutschen erheblich.<\/p>\n<p><i>Gunnar Winkler <\/i>hat die ostdeutsche Bev\u00f6lkerung nach ihrer (Selbst-)Wahrnehmung befragt. Sein Fazit: Es gehe insgesamt darum, keine pauschale &#8222;Angleichung&#8220; zu erwarten, sondern differenziertere Strategien zu entwickeln, um Richtung, Zeitpunkt und Wege zur Herstellung gleichwertiger Lebensverh\u00e4ltnisse festzulegen bzw. um existente Unterschiede auch als &#8222;normal&#8220; anzuerkennen. Pauschal zu fordern, Ost muss werden wie West, sei kein Programm.<\/p>\n<p><i>Peter Alheit <\/i>ist einem Ph\u00e4nomen nachgegangen, das Ost &#8211; nicht nur von Westdeutschland unterscheidet, sondern auch von benachbarten Transformationsl\u00e4ndern. Es gibt eine erstaunliche Kontinuit\u00e4t in Einstellung und Habitus zwischen der Gro\u00dfeltern- und der Enkelgeneration.<\/p>\n<p>F\u00fcr <i>Christine Steiner <\/i>hat bei Jugendlichen die Absehbarkeit der beruflichen Integration insbesondere in den neuen L\u00e4ndern erkennbar abgenommen. Nach nunmehr 20 Jahren \u00e4hnlicher Problemlagen beim Ausbildungs- und Erwerbseinstieg mache die Bezeichnung &#8222;verlorene Generation&#8220; f\u00fcr die davon Betroffenen kaum noch Sinn. Sie sind in der neuen, flexiblen Arbeitswelt Angekommene.<\/p>\n<p><i>Michael Meyen <\/i>und <i>Olaf Jandura <\/i>f\u00fchren die unterschiedliche Mediennutzung der West- und Ostdeutschen darauf zur\u00fcck, dass Letztere ihre Biographie in ihnen nicht widergespiegelt sehen und ihre soziale Stellung anders einsch\u00e4tzen.<\/p>\n<p><i>Armin Pfahl-Traughber <\/i>hat bei der rechtsradikalen Szene in den letzten f\u00fcnfzehn Jahren eine Verschiebung nach Osten und eine gleichzeitige Radikalisierung beobachtet. Diese Entwicklung korrespondiert mit einer \u00fcber das W\u00e4hlerpotenzial hinausgehenden Akzeptanz entsprechender Einstellungen in der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p><i>Monika Wohlrab-Sahr, Uta Karstein<\/i> und <i>Thomas Schmidt<\/i>&#8211;<i>Lux <\/i>erkennen in der S\u00e4kularisierung Ostdeutschlands eine Tatsache, die sich nicht allein mit dem diktatorischen Charakter der DDR erkl\u00e4ren l\u00e4sst. Deren Vorgehen gegen die Kirche konnte vielmehr auf die aufkl\u00e4rerischen Tendenzen der Moderne und einen durch das Wort gepr\u00e4gten Protestantismus aufbauen.<\/p>\n<p>F\u00fcr <i>Oliver D`Antonio <\/i>ist die Politik in der Berliner Republik durch komplexere Rahmenbedingungen und Akteurskonstellationen bestimmt, sie ist weniger Aufbruch als bestenfalls gelingendes Management.<\/p>\n<p>In seinem Essay widerspricht <i>Christoph Egle <\/i>dem Eindruck, die Gro\u00dfe Koalition habe nur Politik des kleinsten Nenners betrieben. Sie habe einige grundlegende Reformen auf den Weg gebracht, falle aber in der Bilanz hinter der \u00c4ra Schr\u00f6der zur\u00fcck.<\/p>\n<p><i>Thomas Leif <\/i>geht den Gr\u00fcnden f\u00fcr das eklatante Legitimationsdefizit der Parteien nach und fordert, das Primat der Politik gegen\u00fcber der Wirtschaft wieder zur Geltung zu bringen, die B\u00fcrger st\u00e4rker an ihr zu beteiligen und eine Jugendquote einzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Eine Rezension der Biographie des NS-Ankl\u00e4gers Fritz Bauer von Stephan A. Glienke schlie\u00dft diese Ausgabe der <i>vorg\u00e4nge <\/i>ab, zu der ich Ihnen wie immer eine anregende Lekt\u00fcre w\u00fcnsche.<\/p>\n<p>Ihr<\/p>\n<p>Dieter Rulff<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1636],"publikationen":[2822],"class_list":["post-10957","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-dieter-rulff","publikationen-187-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Editorial - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/187-vorgaenge\/publikation\/editorial-24\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Editorial - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr. 187, Heft 3\/2009, S. 1-3 Die Einheit kennt nur einen angemessenen Zustand, die Vollendung. 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