{"id":10961,"date":"2009-09-01T21:00:00","date_gmt":"2009-09-01T19:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/schwache-mitte-beharrliches-establishment\/"},"modified":"2021-08-24T21:52:50","modified_gmt":"2021-08-24T19:52:50","slug":"schwache-mitte-beharrliches-establishment","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/187-vorgaenge\/publikation\/schwache-mitte-beharrliches-establishment\/","title":{"rendered":"Schwache Mitte, beharrliches Establishment"},"content":{"rendered":"<p>Der Wandel der Sozialstruktur in Ostdeutschland in den letzten f\u00fcnfzig Jahren<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 187, Heft 3\/2009, S. 37-44<\/p>\n<p>Die DDR ging nicht nur \u00f6konomisch und ideologisch einen ganz anderen Weg als die Bundesrepublik Deutschland. Sie bildete auch eine ganz andere soziale Struktur heraus. Bis heute unterscheiden sich beide deutsche Teilgesellschaften in Ost und West in ihren sozialen Formationen und Schichtungen sowie den damit einhergehenden Orientierungen. Anders als in der Bundesrepublik, wird in der Gr\u00fcndungsphase der DDR nicht versucht, die soziale Ordnung der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft wiederherzustellen. Die alten Eliten (wie Unternehmer, Bankiers, Richter, hohe Beamte und Offiziere, auch viele Wissenschaftler) werden, soweit sie nicht in den neuen Staatsapparat \u00fcbernommen werden (wie etwa zahlreiche Mitglieder der Polizei- und Geheimdienste des NS-Regimes) entmachtet, entlassen und enteignet, der Entnazifizierung unterzogen und vertrieben. Au\u00dferdem gehen bis zum Bau der Mauer 1961 rund zwei Millionen DDR-B\u00fcrger, vorwiegend gut situierter Herkunft, in den Westen.<\/p>\n<p>Die soziale Deklassierung und das Abwandern der alten Eliten f\u00fchren im Ergebnis zu einer starken Ausd\u00fcnnung der Oberschicht. In den 1950er und 1960er Jahren werden in der DDR in einer gewaltigen Bildungsanstrengung neue Lehrer, neue Techniker und Wirtschaftsfachleute sowie ein neues F\u00fchrungskorps in \u00f6ffentlicher Verwaltung und Sicherheit und von politischen Funktion\u00e4ren herangebildet. Zumindest anfangs kommen diese sozialistischen Bildungsaufsteiger in der Mehrheit aus den Reihen der Facharbeiterinnen und Facharbeiter. Diese fr\u00fche \u00d6ffnung der Bildungsschleusen und der massenhafte Aufstieg aus der Arbeiterschaft in verantwortliche Positionen verschaffen der DDR im oberen sozialen Raum loyale, Staats- und Parteitreue soziale Lebenswelten: Das sozialistische Establishment entsteht.<\/p>\n<p>Es setzt sich aus drei Gruppen zusammen. Zum einen sind das die Verwalter der Macht (das <i>statusorientierte Milieu<\/i>), also Partei- und Staatsfunktion\u00e4re, die vor allem sozialistisches Recht, Marxismus-Leninismus oder politische \u00d6konomie studierten. Zum anderen sind das die Leiter der sozialistischen Industrie und Landwirtschaft (das <i>technokratische Milieu<\/i>), die vornehmlich technische F\u00e4cher, Agrarwissenschaft oder \u00d6konomie studierten. Zum dritten schlie\u00dflich hat der Staat der DDR gro\u00dfen Bedarf an der Vermittlung von Kultur und Bildung, also an Hochschullehrern, Medizinern und Kulturschaffenden (das <i>humanistische Milieu<\/i>). Hier finden Menschen Aufstiegsm\u00f6glichkeiten, die P\u00e4dagogik, Naturwissenschaften oder Kunst- und Kultur studierten.<\/p>\n<p>Das sozialistische Establishment ist eine wesentliche sozialstrukturelle Besonderheit der DDR. Diese breite sozialistische Oberschicht f\u00fchlt sich ihrem Staat f\u00fcr den pers\u00f6nlich erlebten sozialen Aufstieg verpflichtet und bleibt dies bis zum Untergang des Sozialismus.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber m\u00fcssen sich andere Teile der Bev\u00f6lkerung, d. h. die traditionellen Arbeitermilieus und insbesondere auch die kleinb\u00fcrgerlichen Lebenswelten, an die politischen Verh\u00e4ltnisse in der DDR ohne vergleichbare Pr\u00e4mien sozialen Aufstiegs anpassen. Das soziale Leben der DDR bleibt allerdings von diesen traditionellen proletarischen und kleinb\u00fcrgerlichen Lebenskulturen gepr\u00e4gt. Besonders die Arbeitermilieus werden in der DDR ideologisch hofiert und als Ausdruck eines fortschrittlichen Lebens- und Gesellschaftsentwurfs konserviert. Wolfgang Engler nennt die DDR deshalb auch eine &#8222;arbeiterliche&#8220; Gesellschaft&#8220;.[1]<\/p>\n<p>Schematisch lassen sich die sozialstrukturellen Verh\u00e4ltnisse in der fr\u00fchen DDR so abbilden:<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ddr-1960-hoehepunkt-der-bildungsrevolution\">DDR 1960 (H&ouml;hepunkt der Bildungs&shy;re&shy;vo&shy;lu&shy;tion)<\/span><\/h2>\n<p>XXXXXX Grafik<\/p>\n<p>Nach dem Ende der sozialistischen Bildungsrevolution in der Mitte der 1960er Jahre rekrutiert sich das sozialistische Establishment fast nur noch aus sich selbst heraus. In den sp\u00e4ten Jahren der DDR legt es sich wie eine Bleiplatte \u00fcber die traditionellen Lebenswelten. Weiterer massenhafter Aufstieg wird blockiert. Die soziale Mobilit\u00e4t der sozialistischen Gesellschaft geht in den 1970er und 1980er Jahren stark zur\u00fcck. Die hofierten traditionellen Arbeiterlebenswelten bestimmen den offiziellen Arbeitsrhythmus und die Lebenskultur im kleinen Deutschland.<\/p>\n<p>Dennoch entwickeln sich seit den 1970er Jahren auch in der DDR moderne Lebenswelten. Mit dem Wertewandel der siebziger Jahre, der Kulturalisierung der Lebensstile und vor dem Hintergrund der &#8222;Nischengesellschaft&#8220; (Gauss), bilden sich auch in der DDR neue Szenen und Milieus heraus, die wegen ihrer subkulturellen, autonomen und auch oppositionellen Intentionen nicht mehr staatstragende Sozialwelten darstellen. Zuerst sind hier die hedonistischen Arbeiter (das hedonistische Milieu) zu nennen. Diese modernisierten, freizeit- und konsumorientierten j\u00fcngeren Arbeiter sind ironischerweise die Ziehkinder der Honeckerschen Sozialpolitik und der F\u00f6rderung junger Arbeiterfamilien in der DDR. Meist besch\u00e4ftigt auf den Modernisierungsinseln der DDR-Industrie, haben sie von ihren traditionellen Eltern durchaus das Arbeitsethos und die Arbeitsdisziplin \u00fcbernommen, orientieren sich in ihren Lebensstilen aber zunehmend an den Konsum- und Freizeitkulturen der westlichen Welt. F\u00fcr sie bietet die DDR kaum Entfaltungsm\u00f6glichkeiten. Die Vertreter dieses Milieus stellen deshalb den Kern der Antragsteller auf Ausreise aus der DDR: Es sind dies vorwiegend m\u00e4nnliche, j\u00fcngere (im Schnitt 27 Jahre), gut ausgebildete Facharbeiter. Dieses Milieu wird bis in die Transformationsetappe hinein durch Ausreise stark dezimiert, kann sich aber durch die Rettung und Modernisierung industrieller Kerne in Ostdeutschland stabilisieren.<\/p>\n<p>Zu den neuen Milieus z\u00e4hlt auch das linksalternative Milieu. Es ist die Lebenswelt vieler Vertreter der B\u00fcrgerbewegungen der DDR. Meist unter dem Dach der Kirche versuchen hier junge Leute ein alternatives Establishment in der DDR zu etablieren, intellektuellen und lebensweltlichen Einfluss zu gewinnen und die erstarrten Sozialverh\u00e4ltnisse aufzubrechen. Auch die jugendlichen (Musik-)Szenen, die sich in den achtziger Jahren in der DDR zu eigenen Lebenswelten verdichten, beanspruchen Autonomie. Sie wollen unabh\u00e4ngig von staatlicher und politischer Bevormundung ihre Szenen und Musikkulturen etablieren und schaffen sich Nischen ganz neuer Art in der DDR. Nicht R\u00fcckzug und Abschottung, sondern Anschluss an die internationale Kulturszene stehen hier auf der Tagesordnung.<\/p>\n<p>Bildhaft kann man sich also die soziale Kernstruktur der sp\u00e4ten DDR als eine vom sozialistischen Establishment \u00fcberw\u00f6lbte traditionelle gesellschaftliche Schichtung vorstellen, an deren lebensweltlichen Rand modernisierte Milieus und Subkulturen von jungen Facharbeitern und alternativen Intellektuellen entstanden sind.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ddr-1989-ende-der-ddr\">DDR 1989 (Ende der DDR) <\/span><\/h2>\n<p>XXXXXXX Grafik<\/p>\n<p>Die Akteure der friedlichen Revolution von 1989\/90 kommen nun im Wesentlichen aus den blockierten, neuen sozialen Milieus, die sich in den letzten 20 Jahren der DDR herausgebildet haben. Das &#8222;hedonistische&#8220; &#8211; was meint: genussorientierte, nicht auf Askese ausgerichtete &#8211; Arbeitermilieu stellt den gr\u00f6\u00dften Anteil an Antragstellern auf Ausreise aus der DDR, und das linksalternative Milieu ist das Rekrutierungsmilieu der B\u00fcrgerrechtler. Aber auch in den traditionellen sozialen Lagen der Arbeiter und Angestellten wird in den 1980er Jahren mit dem sichtbaren Niedergang der Industrie und der St\u00e4dte das Arrangement mit dem System vielfach aufgek\u00fcndigt und selbst im sozialistischen Establishment melden sich jetzt Reformer.<\/p>\n<p>Die friedliche Revolution leitete in der DDR einen raschen sozialstrukturellen Wandel ein. In der ersten H\u00e4lfte der 1990er Jahre ist die soziale Mobilit\u00e4t in Ostdeutschland au\u00dferordentlich hoch. \u00dcber Jahre hinweg werden im Zw\u00f6lfmonatsschritt mehr als die H\u00e4lfte aller sozialen Positionen (Arbeitsstellen und Berufspositionen) gewechselt. F\u00fcr die gro\u00dfe Mehrheit bedeutet dies eher einen sozialen Abstieg, n\u00e4mlich den Verlust beruflicher Stellungen bzw. des Arbeitsplatzes. 1993 zum Beispiel stehen 23 Prozent Aufstiege 77 Prozent Abstiegen gegen\u00fcber.[2]<\/p>\n<p>Von den Abstiegen sind vor allem die traditionellen sozialen Formationen der Arbeiter und Angestellten betroffen. Die industrielle Basis des traditionellen Arbeitermilieus, des gr\u00f6\u00dften Sozialmilieus Ostdeutschlands, bricht ein. Zwar verf\u00fcgen Menschen in traditionellen Lebensverh\u00e4ltnissen \u00fcber betr\u00e4chtliche soziale Ressourcen und Netzwerke, um die strukturellen Abstiege zu verarbeiten, aber &#8222;Nachwuchs&#8220; gab es f\u00fcr Facharbeitermilieus nicht. Die in den Industriegebieten \u00fcblichen &#8222;Facharbeiterdynastien&#8220;, in denen \u00fcber Generationen hinweg zum Beispiel bestimmte Metallberufe an die Kinder weitergegeben werden, zerbrechen. Auf diese Weise schrumpfen die traditionellen Milieus im Verlauf der Transformation bis zum Jahr 2000 um die H\u00e4lfte.[3]<\/p>\n<p>Auch die historisch langlebigste und stabilste der deutschen Lebenswelten, das kleinb\u00fcrgerliche Milieu, schrumpft. Allerdings kommt es hier auch zu gegenl\u00e4ufigen Tendenzen einer Stabilisierung, weil sich nun ein selbst\u00e4ndiger ostdeutscher Mittelstand neu bildet. Ebenso aber w\u00e4chst ein Sozialmilieu, das in der Sozialforschung als &#8222;das traditionslose Arbeitermilieu&#8220; umschrieben wird. Gemeinsam mit dem hedonistischen Milieu bildet dieses eine immer gr\u00f6\u00dfer werdende Unterschicht, die heute fast ein Viertel der ostdeutschen Bev\u00f6lkerung umfasst. Diese ostdeutsche Unterschicht richtet sich st\u00e4rker auf moderne Jobmentalit\u00e4ten aus.<\/p>\n<p>Entgegen manchen politischen Erwartungen und \u00f6ffentlichen Selbstdarstellungen besteht das sozialistische Establishment hingegen im Transformationsprozess seine erste historische Bew\u00e4hrungsprobe bemerkenswert gut. In der Mehrheit finden die ihm Angeh\u00f6renden im modernen Dienstleistungssektor neue, gut bezahlte Anstellungen.<\/p>\n<p>Die Vertreter des alten technokratischen Milieus sind bei der Abwicklung der DDR- Industrien und f\u00fcr die Neuordnung der Wirtschaft gefragte Akteure. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der in Ostdeutschland in dieser Zeit im Durchschnitt f\u00fcnfzigj\u00e4hrigen Existenzgr\u00fcnder kommt aus dem technokratischen Milieu. Hier h\u00e4ngen Abstiege vor allem mit politischer Ausgrenzung (etwa Stasi-Mitarbeit) oder mit dem Alter (Vorruhestand) zusammen. Ansonsten gibt es in diesem Milieu viele Aufstiege. Das technokratische Milieu geht durch diese Etablierung allm\u00e4hlich im Statusmilieu und im modernen b\u00fcrgerlichen Milieu auf. Im statusorientierten Milieu werden in der Anfangsphase der Transformation viele als &#8222;Wendeh\u00e4lse&#8220; abgestempelt, weil sie aus sozialistischen Staatsfunktionen massenhaft in kapitalistische Dienstleistungsfunktionen abwandern.<\/p>\n<p>In der DDR sa\u00dfen viele junge, anpassungsbereite und aufstiegsorientierte Menschen in den wenigen Schleusen, die diese erstarrte Gesellschaft f\u00fcr einen schnellen Aufstieg bereit stellte: im Bereich Marxismus-Leninismus, in politischen \u00c4mtern und Funktionen des DDR-Staates, in der Armee und bei der Staatssicherheit, im Leistungssport oder in einigen ingenieurtechnischen Bereichen. Nach der Wende geh\u00f6ren sie zu den ersten, die freigesetzt den neu entstehenden Arbeitsmarkt erobern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Trotz aller angebrachten politischen und moralischen Vorbehalte: Es sind diese alten Fachkader der DDR, welche die entsprechenden Voraussetzungen und Qualifikationen f\u00fcr den Aufbau neuer Verwaltungen, Banken und Versicherungen mitbringen. Die &#8222;good jobs&#8220; im neu auf- und ausgebauten Dienstleistungsbereich gehen deshalb in gro\u00dfer Zahl an die Vertreter des ehemaligen DDR-Establishments.<\/p>\n<p>Im sozialistischen Bildungsb\u00fcrgertum, dem so genannten humanistischen Milieu, treten wiederum die gr\u00f6\u00dften Anpassungsschwierigkeiten und -konflikte auf. Das r\u00fchrt zum Teil daher, dass diese Menschen ihren Bildungsaufstieg und ihre vormals privilegierte gesellschaftliche Stellung ideell und biographisch eng an das Ethos einer sozialistischen Gesellschaftsutopie gebunden sehen. Das milieuspezifische Dilemma l\u00e4sst sich so beschreiben: Einerseits verhilft nun die Transformation den bildungsbewussten Vertretern klassischer Bereiche der Medizin, Kunst oder Kultur zu einer sozialen Aufwertung. Die gegen\u00fcber den Arbeitern nun deutlich erh\u00f6hten Einkommen der Akademiker erlauben es den Vertretern dieses spezifisch ostdeutschen Bildungsmilieus, sich &#8222;nach unten&#8220; deutlicher abzugrenzen. Andererseits treten besonders im Hochschul- und Rechtsbereich westdeutsche Eliten als Konkurrenten um h\u00f6here berufliche Positionen auf. Hinzu kommt die Erfahrung, dass die sozialistische Gesellschaftsidee entwertet wird. Im humanistischen Milieu Ostdeutschlands bilden sich hinfort zwei Pole heraus: hier die in der Elitenkonkurrenz meist unterlegenen, beruflich nicht fest etablierten Intellektuellen, die an ihrem aufkl\u00e4rerischen und sozialistischen Ethos als Integrationsideologie festhalten. Sie bilden die &#8222;DDR-verwurzelte Fraktion des Milieus&#8220;[4]. Die Partei &#8222;Die Linke&#8220; stellt f\u00fcr diese Altbest\u00e4nde des sozialistischen Establishments eine Art &#8222;Milieupartei&#8220; dar. Im anderen, etablierteren Pol des Milieus, stabilisieren sich die Lebenswelten neu. Dort setzt sich die schon in der DDR in den achtziger Jahren sp\u00fcrbar gewordene &#8222;Verb\u00fcrgerlichung&#8220; verst\u00e4rkt fort.<\/p>\n<p>F\u00fcr die modernen, in der DDR wenig integrierten Sozialmilieus der hedonistischen Arbeiter und Subkulturen \u00f6ffnen sich in der Phase des Systemwechsels breite Entfaltungsspielr\u00e4ume. Die hedonistischen Arbeiter, meist besch\u00e4ftigt in den Industriekernen des Ostens, finden in der offenen Konsum- und Medienwelt neue Ufer. Sie verschmelzen mit den jugendlichen (Musik)Szenen und Jugendkulturen zum hedonistischen Milieu, das man in \u00e4hnlicher Auspr\u00e4gung inzwischen in jeder mitteleurop\u00e4ischen Gesellschaft antreffen kann. An diesem Pol des modernen sozialen Raumes gibt es inzwischen kaum mehr ostdeutsche Besonderheiten. Hier finden wir allerdings auch viele prek\u00e4re soziale Lagen.<\/p>\n<p>Im linksalternativen Milieu (der Lebenswelt vieler Vertreter der B\u00fcrgerbewegungen der DDR) erzeugen die neuen M\u00f6glichkeiten der Demokratie ein Auff\u00e4chern der Orientierungen und entsprechende Gegens\u00e4tze. Die Mehrheit etabliert sich und w\u00e4chst langsam aus dem einstmals staats-oppositionellen Milieu heraus und in eher technokratische oder liberal-b\u00fcrgerliche Lebensweisen und Lebensvorstellungen hinein. An ihrem vormals alternativen Lebensstil halten vergleichsweise Wenige fest.<\/p>\n<p>Schaut man nun insgesamt auf die sich im Ergebnis der Transformation herausgebildeten sozialen Strukturen in Ostdeutschland, so ergibt sich folgendes Bild:<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ostdeutschland-2000-nach-der-transformation\">Ostdeut&shy;sch&shy;land 2000 (nach der Trans&shy;for&shy;ma&shy;tion) <\/span><\/h2>\n<p>XXXXXX Grafik<\/p>\n<p>Der soziale Raum in Ostdeutschland zeigt eine deutliche horizontale Spaltung zwischen den traditionellen und den modernen Lebenswelten. In der sozialen Mitte des Ostens gibt es noch keinen integrierten Mainstream, der die Traditionalisten mit den Modernen verbindet. Auch das ehemalige sozialistische Establishment zerf\u00e4llt in zwei Lager, die an traditionellen Werten orientierten Bildungsb\u00fcrger und die liberal und effizienzorientierten Angeh\u00f6rigen des Statusmilieus. Zwar sind die traditionellen Lebenswelten von 58 auf 39 Prozent Anteil an der Bev\u00f6lkerung geschrumpft, doch stellen sie noch immer Sozialverh\u00e4ltnisse dar, die wenige Ber\u00fchrungen mit den modernen Milieus und Jugendkulturen haben und die vor allem durch die Bearbeitung von Abstiegsprozessen und Statusverlusten gepr\u00e4gt sind. Demgegen\u00fcber steht eine moderne Mitte, die in Ostdeutschland ein knappes Drittel der Bev\u00f6lkerung umfasst.<\/p>\n<p>Auch in Ostdeutschland kommt es zur Bildung neuer, vor allem hedonistisch-orientierter Milieus. Die neuen und jungen sozialen Gruppen setzen sich aus S\u00f6hnen und T\u00f6chtern der gesellschaftlichen Mitte zusammen. Zur \u00dcbernahme gemeinschaftsbezogener Pflichtnormen und zum Konsumaufschub sind sie nur bedingt bereit. Dies ist ein soziales Merkmal aller westlichen Gesellschaften.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"fazit\">Fazit <\/span><\/h2>\n<p>Nach der friedlichen Revolution ist die erstarrte DDR-Gesellschaft stark in Bewegung geraten. Das Hauptergebnis k\u00f6nnte man als eine rasche Modernisierung sozialer Strukturen in Ostdeutschland bezeichnen: die traditionellen Lebenswelten verkleinern sich, sie schmelzen auf die H\u00e4lfte ihre Gr\u00f6\u00dfe von 1989 zusammen. Eine moderne Mitte entsteht auch in Ostdeutschland, die gleichwohl noch schwach ist. Im oberen sozialen Raum k\u00f6nnen sich die Vertreter des ehemaligen sozialistischen Establishments im Wesentlichen halten. Die friedliche Revolution war eine politische Revolution, keine soziale Umw\u00e4lzung. Im Osten ist oben oben, Mitte Mitte und unten unten geblieben.<\/p>\n<p>F\u00fcr das soziale Klima, die Mentalit\u00e4ten des Ostens haben diese sozialen Wandlungsprozesse ebenfalls Auswirkungen. Denn bisher bestimmen die milieuspezifischen Abwehr- und Etablierungsk\u00e4mpfe des humanistischen Milieus den Diskurs \u00fcber Ostdeutschland. Das liegt nat\u00fcrlich daran, dass sich die harten sozialen Problemlagen der Gesellschaft in den traditionellen Milieus konzentrieren. Hier treffen wir auch verst\u00e4rkt Verteidigungsstrategien an, die auch im humanistischen Milieu genutzt werden: eine Kultivierung des Unmuts, des Klagens und des Distanzierens. Dem Statusmilieu hingegen gelingt es kaum, Meinungsf\u00fchrerschaft zu erlangen. \u00dcberhaupt konnte die schwache moderne Mitte noch nicht zur sozialen Kernstruktur Ostdeutschlands werden. Strukturell gesehen ist der Osten Deutschlands noch nicht in der modernen Mittelschichtgesellschaft angekommen und es deutet vieles darauf hin, dass der Osten diese &#8222;Mittelschichtphase&#8220; der Gesellschaftsstruktur nicht vollst\u00e4ndig ausbilden wird.<\/p>\n<p>Es gibt aber noch ein anderes bemerkenswertes Ergebnis des Strukturwandels: die Entstehung neuer, starker postmoderner Milieus und Lebenswelten in Ostdeutschland. Diese Lebenskulturen pflegen Strategien kulturellen Genie\u00dfens und beruflichen Durchwurstelns. Sie machen gewisserma\u00dfen aus der Krise eine Tugend. Hier entstehen Lebenserfahrungen und Patchwork Strategien, mit denen das \u00dcberleben und vor allem der Lebensgenuss unter schwierigen Sicherungs- und Etablierungsm\u00f6glichkeiten geprobt werden. Es ist zu erwarten, dass aus diesen Lebenswelten demn\u00e4chst auch einmal ganz neue ostdeutsche T\u00f6ne zu h\u00f6ren sein werden.<\/p>\n<p>[1] Wolfgang Engler (1999): Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, Berlin.<\/p>\n<p>[2] Die Zahlen stammen aus dem DFG-Projekt &#8222;Ostdeutschland: Soziallagen im Umbruch&#8220; von Frank Adler und Albrecht Kretzschmar. Siehe ihr Paper auf der Arbeitstagung der Gruppe Arbeitsmarkt\/Sozialstruktur in Bremen am 01.12.1994. Die Zahlen wurden durch die aktuelle Sozialberichterstattung erg\u00e4nzt. Vergleiche auch Thomas Buhlmann (1996): Sozialstruktureller Wandel. In: Zapf\/Habich (Hg.)(1996): Wohlfahrtsentwicklung im vereinten Deutschland. Berlin, S. 25-49.<\/p>\n<p>[3] Siehe dazu: Hofmann\/Rink (1993): Die Aufl\u00f6sung der ostdeutschen Arbeitermilieus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 26-27\/1993.<\/p>\n<p>[4] Siehe dazu die unter ma\u00dfgeblicher Beteiligung des Sinus-Institutes entstandene Studie &#8222;Out fit 4&#8220;, hrsg. vom Spiegel Verlag Rudolf Augstein GmbH, Hamburg 1998.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1858],"publikationen":[2822],"class_list":["post-10961","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-michael-hofmann","publikationen-187-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Schwache Mitte, beharrliches Establishment - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/187-vorgaenge\/publikation\/schwache-mitte-beharrliches-establishment\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Schwache Mitte, beharrliches Establishment - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Der Wandel der Sozialstruktur in Ostdeutschland in den letzten f\u00fcnfzig Jahren aus: vorg\u00e4nge Nr. 187, Heft 3\/2009, S. 37-44 Die DDR ging nicht nur \u00f6konomisch und ideologisch einen ganz anderen Weg als die Bundesrepublik Deutschland. 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