{"id":10976,"date":"2009-06-01T21:00:00","date_gmt":"2009-06-01T19:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-vermeidbare-krise\/"},"modified":"2021-08-24T21:52:35","modified_gmt":"2021-08-24T19:52:35","slug":"die-vermeidbare-krise","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/186-vorgaenge\/publikation\/die-vermeidbare-krise\/","title":{"rendered":"Die vermeidbare Krise"},"content":{"rendered":"<p>Bereits vor siebzig Jahren lieferte John M. Keynes die Instrumente zu ihrer Diagnose und Bek\u00e4mpfung,<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 186, Heft 2\/2009, S. 28-37<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Krise im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts l\u00e4sst sich allenfalls mit der Gro\u00dfen Depression der 1930er Jahre vergleichen. Die beiden augenf\u00e4lligsten Unterschiede &#8211; staatliche Expansionsma\u00dfnahmen heute, Krisen versch\u00e4rfende Ausgabenk\u00fcrzungen nach 1929, und das gegen\u00fcber damals inzwischen vielfach h\u00f6here Produktions- und Produktivit\u00e4tsniveau der reichen Volkswirtschaften &#8211; begr\u00fcnden zwar die verhalten optimistische Erwartung, dass die aktuelle Weltrezession gebremst verl\u00e4uft, dank des Staatsinterventionismus die Umkehr zu einem Aufschwung rascher erreicht wird und die sozial\u00f6konomischen Krisenfolgen verteilungspolitisch gemildert werden. Doch die heutige Krise entwickelte sich \u00fcber einen sehr viel l\u00e4ngeren Zeitraum als die Gro\u00dfe Depression nach 1929, und die seit etwa drei Jahrzehnten zu beobachtende globale Divergenz zwischen finanzkapitalistischen Transaktionen und realwirtschaftlicher Aktivit\u00e4t f\u00fchrte zu strukturellen Verwerfungen, deren Ausma\u00df keine Parallele in der Wirtschaftskrise der Zwischenkriegszeit findet. Vor allem spielten in den 1930er Jahren die heutigen Langzeitprobleme, wie Umweltzerst\u00f6rung, Klimawandel, Ressourcenersch\u00f6pfung, kurz: die Gesamtheit der \u00f6kologischen Gef\u00e4hrdungen, noch keine Rolle, so dass die Krisenpolitik auf solche &#8222;Nebenbedingungen&#8220; keine R\u00fccksicht zu nehmen brauchte.<\/p>\n<p>Die Krise nach 1929 wurde &#8222;nur&#8220; von einem B\u00f6rsencrash ausgel\u00f6st und eskalierte zur Weltwirtschaftskrise erst aufgrund falscher bzw. zu lange hinausgeschobener krisenpolitischer Gegenma\u00dfnahmen der Regierungen. Heute erleben wir eine &#8222;Doppelkrise&#8220; von Finanzsektor und Realwirtschaft. Die Verschuldung privater Haushalte, von Unternehmen und Staaten wurde \u00fcber Jahrzehnte hinweg auf ein unhaltbares Niveau getrieben. Weltweit wurden industrielle \u00dcberkapazit\u00e4ten aufgebaut &#8211; nicht nur in der Kfz- Branche, deren auf das Jahr bezogener globaler Angebots\u00fcberhang schon in den vergangenen Jahren 20 Millionen Produktionseinheiten aufwies. Die Immobilienm\u00e4rkte vieler L\u00e4nder brechen unter einem riesigen, mittels Krediten finanzierten \u00dcberangebot zusammen. Die Globalisierung, die eine weltweite Verflechtung von Produktionsketten und einem entsprechenden Anstieg des Handelsvolumens herbeif\u00fchrte, erschwert nationale Wirtschaftspolitik, aber die der Situation angemessene globale Abstimmung einzelstaatlicher Nachfrageprogramme ist bisher nicht zustande gekommen. Daher wird sich der realwirtschaftliche Abschwung l\u00e4nger fortsetzen &#8211; mindestens bis 2011 -, als die zweckoptimistische Rhetorik der Machthaber verk\u00fcndet, und mit der noch unsicheren Bew\u00e4ltigung der Finanzkrise &#8211; im Kern ist es eine Bankenkrise &#8211; werden die realwirtschaftlichen Probleme keinesfalls &#8222;automatisch&#8220; gel\u00f6st sein.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"der-lange-vorlauf-zur-grossen-krise\">Der lange Vorlauf zur gro&szlig;en Krise <\/span><\/h2>\n<p>Die Vorgeschichte der aktuellen Krise reicht bis Ende der 1960er Jahre zur\u00fcck, als es infolge der durch den Vietnam-Krieg bedingten Leistungsbilanzdefizite der USA zu einer Dollar-Krise kam, die schlie\u00dflich 1973 zum Ende der 1944 in Bretton Woods vereinbarten festen Wechselkurse f\u00fchrte. Der Verfall der US-W\u00e4hrung wirkte als Katalysator f\u00fcr den Beschluss der OPEC, den \u00d6lpreis 1973 massiv zu erh\u00f6hen. Dieser Schock stie\u00df die entwickelten kapitalistischen L\u00e4nder von ihrem bis dahin steilen Wachstumspfad, auf den sie bis heute nicht mehr zur\u00fcck gefunden haben. Das Wirtschaftswachstum blieb von da an dauerhaft so schwach, dass es nicht mehr ausreichte, um das Besch\u00e4ftigungsniveau auch nur zu stabilisieren. Es verwundert schon, dass in der \u00f6ffentlichen Diskussion \u00fcber die aktuelle Krise kaum Bezug auf die anhaltende Besch\u00e4ftigungskrise der vergangenen drei Jahrzehnte genommen wird, als h\u00e4tte jene mit dieser \u00fcberhaupt nichts zu tun. Dieses Defizit an historischem Verst\u00e4ndnis f\u00fcr sozial\u00f6konomische Entwicklungen begr\u00fcndet nicht zuletzt erhebliche Zweifel an der Probleml\u00f6sungsf\u00e4higkeit der neueren Wirtschaftswissenschaft und somit auch an ihrer politischen Beratungskompetenz in der gegenw\u00e4rtigen Krise.[1]<\/p>\n<p>Der tiefe Wachstumseinbruch der 1970er Jahre provozierte einen Paradigmenwechsel der herrschenden Wirtschaftslehre in der akademischen \u00d6konomik und der Wirtschaftspolitik der Mehrzahl der industrialisierten L\u00e4nder des Westkapitalismus. Der gem\u00e4\u00dfigte besch\u00e4ftigungspolitische Staatsinterventionismus der ersten Nachkriegsjahrzehnte, der sich am traditionellen Verst\u00e4ndnis der Keynesschen Theorie orientiert hatte, wurde vom Neoliberalismus verdr\u00e4ngt. Die neue Botschaft der von staatlichen Regulierungen &#8222;befreiten&#8220; M\u00e4rkte klang verhei\u00dfungsvoll: \u00dcberwindung der Wachstumsschw\u00e4che und R\u00fcckkehr zur Vollbesch\u00e4ftigung. Die Versprechungen wurden nicht eingel\u00f6st, und der Neoliberalismus zeugte die gegenw\u00e4rtige globale Wirtschaftskrise, deren politischen Folgen noch nicht absehbar sind.[2]<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund der schleichenden Zerst\u00f6rung des Wohlfahrtsstaates w\u00e4hrend der vergangenen drei\u00dfig Jahre und den wiederkehrenden &#8222;kleinen&#8220; Krisen des Finanzsektors und der Realwirtschaft &#8211; von der Mexiko-Krise 1982 bis zur Krise der New Economy Ende der 1990er Jahre &#8211; l\u00e4sst sich r\u00fcckblickend feststellen, dass die reichen kapitalistischen Sozial\u00f6konomien bereits einen erheblichen Zerr\u00fcttungsprozess erlebten. Die gro\u00dfe Krise, die seit dem September 2008 virulent geworden ist, kam also weder so urpl\u00f6tzlich, wie es der Mehrheit der politischen Klasse und der breiten \u00d6ffentlichkeit bisher erscheint, noch handelt es sich um eine blo\u00dfe Finanz- bzw. Bankenkrise, sondern synchron treten zwei Krisen auf &#8211; die Finanzkrise und die Krise der Realwirtschaft. Es versteht sich, dass sie sich gegenseitig verst\u00e4rken &#8211; eben zu der gro\u00dfen Krise. Die in Europa und insbesondere Deutschland vorherrschende Deutung, es handele sich bei den realwirtschaftlichen Problemen &#8222;nur&#8220; um die Folge der Finanzkrise, muss als Fehldiagnose verworfen werden. Zutreffend ist hingegen, dass die Finanzkrise letztlich von den durch den dauerhaften Wachstumsr\u00fcckgang seit den 1970er Jahren ausgel\u00f6sten wirtschaftspolitischen Fehlhandlungen und das dadurch erst erm\u00f6glichte Ausufern finanzkapitalistischer Spekulationspraktiken verursacht worden ist.<\/p>\n<p><b>Die Erblast des Neoliberalismus: <br \/>Fehlerhafte Krisendiagnose und unzul\u00e4ngliche Therapie <\/b><\/p>\n<p>Die inzwischen fast l\u00e4cherlich erscheinenden allerersten &#8222;Erkl\u00e4rungen&#8220; zur Krise wollten glauben machen, es handele sich um ein Art Betriebsunfall, der von gierigen Zockern verursacht wurde. Mittlerweile wird der Kreis der vermeintlich Schuldigen etwas weiter gezogen, aber nach wie vor bestehen erhebliche Aversionen gegen eine radikale Analyse der eigentlichen, langfristigen Krisenursachen. Die vom Neoliberalismus vereinnahmte Hochschul\u00f6konomik tut sich verst\u00e4ndlicherweise schwer, ihre Mitschuld an den Fehlentwicklungen einzugestehen[3], und deshalb k\u00f6nnen von dieser Seite weder eine unvoreingenommene Ursachenerkl\u00e4rung noch zukunftssichere Reformentw\u00fcrfe erwartet werden.<\/p>\n<p>In Europa und insbesondere in Deutschland wird die gegenw\u00e4rtige Krise als Finanzkrise mit realwirtschaftlichen Folgen wahrgenommen, so dass die politisch brisante Schuldfrage nach wie vor allein an den Finanzsektor und personalisiert an die Banker gerichtet wird. In den USA wird der &#8222;Doppelcharakter&#8220;, d. h. das synchrone Auftreten von zwei Krisen, inzwischen klarer gesehen[4], und auch US-Regierung und amerikanische Zentralbank reagieren angemessener auf diese Konstellation als die europ\u00e4ischen Regierungen und die Europ\u00e4ische Zentralbank. Es ist zwar zu erwarten, dass mit Fortschreiten der Krise auch Europa zur besseren Einsicht gelangt, aber bis dahin verstreicht kostbare Zeit, in der die notwendigen Ma\u00dfnahmen f\u00fcr die <i>Realwirtschaft <\/i>unterbleiben. Die vermeintlichen Hilfen, die die Bundesregierung f\u00fcr die Realwirtschaft auf den Weg gebracht hatte &#8211; verz\u00f6gert und wegen unzul\u00e4nglicher Krisendiagnose keineswegs problemgerecht &#8211; waren selbst im April\/Mai 2009, also mehr als ein halbes Jahr nach dem offenen Ausbruch der Krise, bei den Adressaten noch nicht &#8222;angekommen&#8220;[5]. Den nur scheinbar plausiblen Entschuldigungen f\u00fcr solche Verz\u00f6gerungen, dass Konjunkturprogramme eine Vorbereitungs- und Anlaufzeit ben\u00f6tigen, dass man\/frau von dem Krisenausbruch \u00fcberrascht wurde, muss entgegen gehalten werden, dass bereits lange vor dem September 2008 offenkundig geworden war, dass die Wirtschaft auf eine Rezession zusteuerte, dass die US-amerikanische Hypothekenkrise vorhersehbar weiter eskalierte, und dass sich selbst in der neoliberal eingestellten Wirtschaftspresse sp\u00e4testens seit Fr\u00fchjahr 2008 mehr und mehr Alarmmeldungen fanden.<\/p>\n<p>Das 1967 (!) geschaffene &#8222;Gesetz zur F\u00f6rderung der Stabilit\u00e4t und des Wachstums der Wirtschaft&#8220; (Stabilit\u00e4tsgesetz) sieht eine mittelfristige Finanzplanung vor, in deren Rahmen auch &#8222;Schubladenprogramme&#8220; f\u00fcr \u00f6ffentliche Investitionen konzipiert werden sollen, die im Fall einer Rezession eine schnelle Steigerung der staatlichen Nachfrage gestatten. Das keynesianisch inspirierte Stabilit\u00e4tsgesetz verschwand jedoch wie der sprichw\u00f6rtliche &#8222;tote Hund&#8220; aus Augen und Sinn der Politik. Einflussreiche Entscheidungstr\u00e4ger der Geld- und der Finanzpolitik malten die Lage noch im Sp\u00e4tsommer 2008 in freundlichen Farben. So meinte beispielsweise der Pr\u00e4sident der Deutschen Bundesbank noch Mitte August 2008, f\u00fcr Konjunkturprogramme g\u00e4be es \u00fcberhaupt keinen Anlass, auch nur dar\u00fcber zu reden.[6]<\/p>\n<p>Wie bereits bemerkt, reichen die Ursachen der realwirtschaftlichen Krise in die 1970er Jahre zur\u00fcck. Die seitdem chronische Wachstumsschw\u00e4che der hoch entwickelten kapitalistischen L\u00e4nder wurde partiell durch die explosionsartige Zunahme der Verschuldung von Unternehmen, privaten und \u00f6ffentlichen Haushalten verschleiert, d.h. aufgrund der immensen Kreditaufnahme konnte f\u00fcr die erstaunlich lange Zeit von drei Jahrzehnten die Wachstumsabschw\u00e4chung teilweise latent gehalten werden, aber eben nur teilweise. Die unkontrollierte Schuldenexpansion wirkte auf den wachstumsschwach gewordenen Kapitalismus wie ein Dopingmittel auf einen gealterten Leistungssportler: Er kehrt zwar nicht auf sein fr\u00fcheres Niveau zur\u00fcck, aber die Aufputschmittel bleiben auch nicht ganz wirkungslos. Die Risiken und Nebenwirkungen sind jedoch erheblich. Am Ende der tempor\u00e4ren Pseudoverj\u00fcngung steht der Kollaps &#8211; die gro\u00dfe Krise.<\/p>\n<p>Jetzt ist die Schuldenpyramide unter ihrem eigenen Gewicht zusammengebrochen. Das zeigt sich als Finanzkrise. Zu erwarten, dass allein mit den Milliardenhilfen f\u00fcr den Finanzsektor auch die realwirtschaftliche Krise (wieder) beendet werden k\u00f6nnte, ist illusorisch. Die triviale Tatsache, dass auf einem begrenzten Planeten kein endloses Wachstum m\u00f6glich ist, sowie die Erkenntnis, dass Wachstum den reichen \u00d6konomien l\u00e4ngst keine echten Wohlstandszunahmen mehr beschert[7], sind unbequeme Botschaften f\u00fcr die Wachstumsgl\u00e4ubigen, aber Wunsch und Wirklichkeit waren schon immer verschiedene Dinge.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-vergangenheit-holte-die-zukunft-ein\">Die Vergan&shy;gen&shy;heit holte die Zukunft ein <\/span><\/h2>\n<p>Vor 32 Jahren, also im Jahr 1977, war in dieser Zeitschrift ein Aufsatz unter dem Titel erschienen &#8222;Wieder zehn Jahre Massenarbeitslosigkeit?&#8220;[8] Der darin artikulierte Pessimismus erwies sich als viel zu vorsichtig, wie die vergangenen Jahrzehnte bewiesen haben. Der Autor konnte sich in den siebziger Jahre doch noch nicht vorstellen, dass demokratische Regierungen und ihre W\u00e4hlerschaft es zulassen w\u00fcrden, dass sich ein langfristiger, \u00fcber mehrere Jahrzehnte geduldeter Trend steigender Arbeitslosigkeit herausbilden k\u00f6nnte. Inzwischen ist eine ganze Generation herangewachsen, die sozusagen vom S\u00e4uglingsalter an lernen musste, dass Massenarbeitslosigkeit zu einer Art Normalerscheinung in Deutschland und anderswo wurde. Gew\u00f6hnung und das ideologische Dauerfeuer, dass es nur eine einzige Option, n\u00e4mlich die der TINA-Formel g\u00e4be (TINA = &#8222;there is no alternative&#8220;, h\u00e4mmerte die britische Premierministerin Thatcher ihren Insulanern ein, und die Botschaft wurde weltweit geh\u00f6rt und aufgegriffen), l\u00e4hmten die Mehrheit, und die wenigen &#8222;Rebellen&#8220; wurden von den Massenmedien l\u00e4cherlich gemacht oder ganz ignoriert. Diese Tatsache berechtigt zur Skepsis bez\u00fcglich der weiteren Entwicklung. Wenn die Krise eine Trendwende bewirken, also die R\u00fcckkehr zur Vollbesch\u00e4ftigung wenigstens einleiten soll, dann w\u00fcrde das mehr als die derzeitigen Rettungsversuche zugunsten der fallierenden Banken und sonstigen Spekulanten erfordern.<\/p>\n<p>Dass der Staat jetzt eingreift, ist noch kein Beweis f\u00fcr einen Kurswechsel der politischen Klasse und der Shareholder-Value-Apologeten.[9] Die Reform-Mimikry der vergangenen Jahre bekommt einen neuen Anstrich. Das war es wohl schon. Um die Reformbeteuerungen und die Beschuldigungsrhetorik wahlpolitisch glaubw\u00fcrdig erscheinen zu lassen, wird das systemkonforme Rettungsgesch\u00e4ft als Abkehr von der Marktideologie und als Renaissance des Keynesianismus ausgegeben, womit der Symbolwert des Namens Keynes jedoch missbraucht wird: Die neoliberalistische \u00c4ra mag sich ihrem Ende zuneigen, aber dass der Neoliberalismus \u00fcberhaupt zeitweilig so starken Einfluss gewann, verdankt er denselben machtpolitischen Einfl\u00fcssen, die nach wie vor den Takt angeben. Nicht der Neoliberalismus hat den Kapitalismus instrumentalisiert, sondern umgekehrt bot sich der Neoliberalismus unter bestimmten historischen Umst\u00e4nden den Herrschenden als zweckvolle Abwehr des forcierten Ausbaus des sozialstaatlichen und besch\u00e4ftigungspolitischen Interventionismus an. Wenn der kapitalistischen Machtelite gegenw\u00e4rtig der R\u00fcckgriff auf den Staat, d. h. die Steuermilliarden, opportun erscheinen, so mag das als keynesianisch bezeichnet werden, aber das ist eher ein semantischer Rosst\u00e4uschertrick, um den Griff der Spekulationsbanken in die Staatskasse, als Gesinnungswandel und Reformbereitschaft zu legitimieren &#8211; \u00e4hnlich der TINA-Formel. Jedenfalls schreckte der Kapitalismus im Laufe seiner Geschichte nicht einmal vor der Kollaboration mit dem Faschismus zur\u00fcck, wenn sich die &#8222;Systemfrage&#8220; ernsthaft stellte.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"der-verzerrte-keynesianismus-und-was-keynes-tatsaechlich-ueber-wachstumsschwaeche-und-die-wiederkehr-der-krise-vorhergesagt-hat\">Der verzerrte &bdquo;Keyne&shy;si&shy;a&shy;nismus&ldquo; und was Keynes tats&auml;chlich &uuml;ber Wachs&shy;tums&shy;schw&auml;che und die Wiederkehr der Krise vorher&shy;ge&shy;sagt hat <\/span><\/h2>\n<p>Die neue Popularit\u00e4t f\u00fcr den lange Zeit ins Abseits gestellten &#8222;Jahrhundert\u00f6konomen&#8220; John Maynard Keynes (1883 &#8211; 1946) wird selbst von Hauspostillen des Neoliberalismus gepflegt. Doch was hierbei als <i>der <\/i>Keynesianismus vorgef\u00fchrt wird, ist eine kastrierte Version &#8211; sozusagen ein &#8222;Mainstream-Keynesianismus&#8220;, dem die Stacheln gezogen wurden. Dieser Mainstream-Keynesianismus reduziert sich auf die Meinung, Keynes habe f\u00fcr Krisen staatliche Ausgabensteigerungen empfohlen und f\u00fcr diesen Zweck auch eine (hohe) Staatsverschuldung gut gehei\u00dfen. Das ist nicht prinzipiell falsch, verwechselt aber die Keynessche Konjunktursteuerung, also Ma\u00dfnahmen f\u00fcr die Gl\u00e4ttung der seit 200 Jahren den Kapitalismus begleitenden zyklischen Aufw\u00e4rts- und Abw\u00e4rtsbewegungen der gesamtwirtschaftlichen Aktivit\u00e4t, mit Keynes\u00b4 Stagnationstheorie und den darauf bezogenen wirtschaftspolitischen Empfehlungen[10]. Stagnation bedeutet, dass das Wirtschaftswachstum dauerhaft, also die Konjunkturzyklen \u00fcbergreifend, so stark abf\u00e4llt, dass sich selbst in konjunkturellen Aufschwungsphasen keine Vollbesch\u00e4ftigung mehr einstellt. Exakt diese von Keynes lange im Voraus prognostizierte Konstellation erlebten wir seit den 1970er Jahren.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-eliminierung-der-langen-frist-in-der-gelaeufigen-keynes-rezeption\">Die Elimi&shy;nie&shy;rung der &bdquo;langen Frist&ldquo; in der gel&auml;ufigen Keynes-Re&shy;zep&shy;tion <\/span><\/h2>\n<p>Im Mai 1943 legte John Maynard Keynes im Auftrag der englischen Regierung eine kurze Analyse zur voraussichtlichen Besch\u00e4ftigungsentwicklung nach Kriegsende vor. In dieser theoretisch fundierten Vorausschau auf die langfristige Entwicklung der technisch-wirtschaftlich weit fortgeschrittenen kapitalistischen Volkswirtschaft fasste Keynes \u00dcberlegungen zusammen, die seit Ende der 1920er Jahre sein Denken bestimmt hatten und dann durch sein 1936 ver\u00f6ffentlichtes theoretisches Hauptwerk die &#8222;Allgemeine Theorie&#8220; weiter fundiert wurden. Keynes trennte in seinen Analysen zwischen kurzfristigen und langfristigen Entwicklungen und entsprechend unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Handlungsoptionen.[11] Die Keynes-Rezeption wurde aber in den Jahrzehnten nach Ende des Zweiten Weltkriegs weit weniger von der Lekt\u00fcre der Keynesschen Originalquellen bestimmt als durch die kurz nach Erscheinen der &#8222;Allgemeinen Theorie&#8220; von Keynes\u00b4 Landsmann John Richard Hicks auf einen Zeitschriftenaufsatz[12] quasi eingedampfte, vor allem aber um wichtige Aspekte der &#8222;Allgemeinen Theorie&#8220; verk\u00fcrzte Wiedergabe der Keynesschen Besch\u00e4ftigungstheorie. Von Entwicklungen in der langen Frist war in Hicks &#8222;shortstory&#8220; der &#8222;Allgemeinen Theorie&#8220; nicht mehr die kleinste Spur zu finden. Die Hicks\u00b4sche Keynes-Darstellung klammerte die in der &#8222;Allgemeinen Theorie&#8220; nachweisbare Langfristperspektive v\u00f6llig aus, und wegen des immensen Einflusses von Hicks auf die national\u00f6konomische Lehrbuchliteratur nach 1945 konnte sich dann &#8211; und zwar bis heute &#8211; das falsche Keynes-Verst\u00e4ndnis ausbreiten und festsetzen, Keynes habe nur die kurze Frist, gemeint ist der Konjunkturzyklus (5-7 Jahre), vor Augen gehabt und auch nur daf\u00fcr wirtschaftspolitische Empfehlungen zu bieten.<\/p>\n<p>Hicks hatte aber auch ganz anderes im Sinn, als Keynes\u00b4 Kapitalismusanalyse originalgetreu und in der gedanklichen Breite zu vermitteln. Vielmehr beabsichtigte er, die klassische (Gleichgewichts)Theorie und Keynes Kritik an dieser zu synthetisieren, was als &#8222;neoklassische Synthese&#8220; bekannt wurde &#8211; und von der Keynesianerin Joan Robinson als &#8222;Bastardkeynesianismus&#8220; kritisiert wurde. Keynes war nicht nur ein herausragender Wirtschaftswissenschaftler, sondern er verf\u00fcgte &#8211; wie Marx und Schumpeter &#8211; \u00fcber etwas, das &#8222;historische Intelligenz&#8220; genannt werden kann. Das hatte er bereits mit seiner scharfen Kritik an dem wegen seiner weltpolitischen Folgen verheerenden Versailler Vertrag bewiesen, und Keynes\u00b4 historische Intelligenz lie\u00df ihn auch die langfristig eintretende Stagnation lange im Voraus erkennen. Was f\u00fcr ein Drama, dass Keynes\u00b4 theoretisches Werk derart verst\u00fcmpert rezipiert worden ist![13]<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"keynes-langfristprognose-der-entwicklung-reicher-kapitalistischer-volkswirtschaften\">Keynes Langfrist&shy;pro&shy;gnose der Entwicklung reicher, kapita&shy;lis&shy;ti&shy;scher Volks&shy;wirt&shy;schaften <\/span><\/h2>\n<p>Trotz recht unterschiedlicher Str\u00f6mungen in der Keynes-Nachfolge besteht \u00dcbereinstimmung dar\u00fcber, dass Keynes Wachstum und Besch\u00e4ftigung hoch entwickelter Volkswirtschaften wesentlich von der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage bestimmt sieht, was angebotsseitige Aspekte ja nicht ausschlie\u00dft. Die Nachfrage ver\u00e4ndert sich mit steigendem Einkommen bzw. Anhebung des materiellen Lebensstandards strukturell, was trivial ist. Nicht trivial ist hingegen die Art der strukturellen Ver\u00e4nderung bei der Einkommensverwendung. Bei bestimmten G\u00fctergruppen &#8211; beispielsweise Nahrungsg\u00fctern &#8211; wird ein relatives S\u00e4ttigungsniveau erreicht, so dass dann absolut und relativ mehr vom Einkommen f\u00fcr andere, insbesondere auch neue Konsumg\u00fcter verwendet wird. Mit steigendem Einkommen nimmt jedoch auch die Sparf\u00e4higkeit zu, so dass ein wachsender Einkommensanteil f\u00fcr Vorsorge im weiten Sinn verwandt wird; es wird absolut, meist auch relativ mehr gespart. Ein Vierpersonenhaushalt mit einem monatlichen Nettoeinkommen von 3000 Euro wird davon vielleicht 5 Prozent sparen; steigt das Einkommen auf 5000 Euro netto, so sind es nicht mehr nur 5, sondern 7 oder gar 10 Prozent. Dieses Spar- bzw. Vorsorgeverhalten befriedigt selbstverst\u00e4ndlich auch ein gegenw\u00e4rtig akutes Bed\u00fcrfnis wie der Kauf von Konsumg\u00fctern, n\u00e4mlich das Bed\u00fcrfnis nach (Zukunfts-) Sicherheit. Deshalb ist auch gar kein Zinsanreiz notwendig, um zum Sparen zu motivieren, auch wenn jeder Sparer in der Regel lieber (h\u00f6here) Zinsen erh\u00e4lt, als leer auszugehen.<\/p>\n<p>Das Problem f\u00fcr hoch entwickelte Volkswirtschaften, das sich mit der steigenden gesamtwirtschaftlichen Ersparnis stellt, liegt in der (produktiven) Verwendung der Spargelder. Werden sie in vollem Umfang in neue Fabriken, H\u00e4user, Stra\u00dfen usw. investiert, so kompensiert diese Investitionsg\u00fcternachfrage jenen durch die Sparentscheidungen entstehenden Nachfrageausfall. Da jedoch die Investoren nur investieren, wenn sie mit steigendem Absatz rechnen &#8211; warum sollte sonst eine zus\u00e4tzliche Anlage installiert werden -, vermindert die relative Abschw\u00e4chung der Konsumdynamik auch die Investitionsbereitschaft. Der relativen S\u00e4ttigung beim Konsum folgt sozusagen eine relative S\u00e4ttigung bei den Investitionen. F\u00fcr Keynes und viele andere \u00d6konomen ist S\u00e4ttigung an sich kein Problem, sondern zeugt im Gegenteil davon, dass jener erw\u00fcnschte Zustand erreicht oder zumindest in Reichweite gekommen ist, bei dem die Menschen das Gef\u00fchl haben, nun ist bez\u00fcglich Konsumstandard ein Niveau erreicht, das weiter ansteigen zu lassen, die Lebenszufriedenheit, dass Gl\u00fcck nicht mehr steigern wird; vielleicht tritt sogar das Gegenteil ein, weil ein Zuviel an Konsum auch zu viel wertvolle Lebenszeit f\u00fcr die Konsumaktivit\u00e4ten in Anspruch nimmt.<\/p>\n<p>Die vorstehenden \u00dcberlegungen sind bereits hinreichend, um Keynes Langfristprognose verst\u00e4ndlich zu machen. In der erw\u00e4hnten Stellungnahme von 1943 prognostizierte Keynes drei Entwicklungsetappen f\u00fcr die Zeit nach Kriegsende:<\/p>\n<p>Eine erste Phase des Nachholbedarfs bei Konsumenten und Investoren. Es besteht inflation\u00e4re \u00dcbernachfrage, und Produktion und Besch\u00e4ftigung steigen.<\/p>\n<p>In der zweiten Phase stabilisiert sich die Volkswirtschaft auf einem hohen Besch\u00e4ftigungsniveau, aber der Nachholbedarf ist gedeckt, und die Gefahr der Nachfrageinflation geschwunden.<\/p>\n<p>In der dritten Phase beginnt die Ersparnis (beim Vollbesch\u00e4ftigungseinkommen) die f\u00fcr Investitionen nachgefragte Kreditsumme zu \u00fcbersteigen, so dass sich eine gesamtwirtschaftliche Nachfragel\u00fccke \u00f6ffnet. Sie l\u00e4sst sich einerseits als Folge des Wohlstands bzw. der damit eintretenden relativen Konsums\u00e4ttigung bei den h\u00f6heren Einkommensschichten und des Kaufkraftmangels der weniger Beg\u00fcterten verstehen. Es liegt auf der Hand, dass mit der Umverteilung von unten nach oben, wie sie \u00fcber die vergangenen Jahrzehnte stattgefunden hat, der Nachfrageausfall noch erheblich vergr\u00f6\u00dfert worden ist. Die retardierende Konsumnachfrage wirkt sich auch auf die Investitionst\u00e4tigkeit aus, so dass Keynes f\u00fcr die dritte Phase eine relative S\u00e4ttigung der Investitionen (saturation of investment) vorhersah. Das gesamtwirtschaftliche Wachstum sinkt, und die Besch\u00e4ftigung f\u00e4llt unter das Vollbesch\u00e4ftigungsniveau, und zwar nicht nur vor\u00fcbergehend wie in den wiederkehrenden konjunkturellen Abschwungsphasen, sondern eben dauerhaft. Ob diese Konstellation als Stagnation, als Wachstumsschw\u00e4che, als Ersch\u00f6pfung der Wachstumsdynamik oder wie auch immer bezeichnet wird, ist irrelevant, aber die Bezeichnung Stagnation hat sich in der Fachliteratur weitgehend etabliert.<\/p>\n<p>Der theoriegeschichtlichen Bedeutung halber sei noch kurz erw\u00e4hnt, dass der franz\u00f6sische Sozialwissenschaftler Jean Fourasti\u00e9 unabh\u00e4ngig von Keynes kurz nach Kriegsende, 1949, sein zumindest in Fachkreisen nicht unbekanntes Werk &#8222;Die gro\u00dfe Hoffnung des 20. Jahrhunderts&#8220;[14] publizierte, in dem er ebenfalls &#8211; mit prinzipiell gleicher Argumentation wie Keynes &#8211; die k\u00fcnftige Stagnation als unvermeidlich herausstellte.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-empirische-bestaetigung-der-langfristprognose-adelt-die-ihr-zugrunde-liegende-theorie\">Die empirische Best&auml;tigung der Langfrist&shy;pro&shy;gnose adelt die ihr zugrunde liegende Theorie <\/span><\/h2>\n<p>Im Gro\u00dfen und Ganzen wurde die Keynessche Prognose der langfristigen Nachkriegsentwicklung der reichen kapitalistischen L\u00e4nder von der historischen Entwicklung best\u00e4tigt, insbesondere durch die anhaltende Wachstumsabsenkung seit den 1970er Jahren. Keynes\u00b4 theoretisch fundierte Voraussage des unvermeidlichen Wechsels vom Vollbesch\u00e4ftigungswachstum zu dauerhaft schwachem Wachstum, also zum Stagnationstrend. Aus der Treffsicherheit der Keynesschen Langfristprognose kann &#8211; sozusagen wissenschaftstheoretisch legitimiert &#8211; auf die Realit\u00e4tst\u00fcchtigkeit der ihr zugrunde liegenden Theorie geschlossen werden. Keynes\u00b4 Theorie stellte der \u00d6konomik ein Fernglas zur Verf\u00fcgung, das es erlaubte, 1943 &#8211; mitten im Zweiten Weltkrieg &#8211; in die weitere Zukunft zu blicken und die dauerhafte Absenkung des Wirtschaftswachstums \u00fcber Jahrzehnte im Voraus recht genau zu erkennen. Hingegen waren die Politiker und die meisten \u00d6konomen auch noch w\u00e4hrend und nach dem Wachstumseinbruch der 1970er Jahre der Ansicht, es handele sich um eine vor\u00fcbergehende, konjunkturelle Rezession. Blo\u00dfe Mehrheitsmeinung ist meist ein unbrauchbares Wahrheitskriterium, und Mehrheitsideologie versetzt die Wahrheit ins Koma.<\/p>\n<p>Keynes wirtschaftspolitische Empfehlungen f\u00fcr die Stagnationsphase sind recht einfach, so einfach, dass jeder unvoreingenommene Laienverstand von allein darauf kommen k\u00f6nnte. Es sind im Wesentlichen drei Handlungsbereiche:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">1. Gleichm\u00e4\u00dfigere Einkommensverteilung, um den Massenkonsum auf ein vern\u00fcnftiges Niveau zu heben.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">2. Dauerhafte Ausweitung der \u00f6ffentlichen Investitionen und \u00f6ffentlichen Vorsorge- und Zukunftsleistungen &#8211; public utilities im weitesten Sinn &#8211; was auch eine dauerhafte Finanzierung erfordert, also h\u00f6here Staats- und Steuerquote.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">3. Die flexible Anpassung bzw. Absenkung der (Lebens-)Arbeitszeit an die steigende Arbeitsproduktivit\u00e4t. <\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Der anhaltende Wachstumsverlust seit jener Umbruchsphase in den 1970er Jahren wurde, wie erw\u00e4hnt und inzwischen allgemein bekannt, durch einen historisch beispiellosen Exzess weltweiter Verschuldung teilweise und f\u00fcr eine erstaunlich lange Zeit abgebremst. Die kreditfinanzierte Scheinbl\u00fcte verschleierte sozusagen die F\u00e4ulnis des Stamms. Die in der neoliberalistischen Marktmetaphysik befangenen Auguren der wirtschaftswissenschaftlichen Profession und die von ihren Ratschl\u00e4gen begeisterte politische Klasse t\u00e4uschten sich lange bzw. wurden lange get\u00e4uscht \u00fcber den unaufhaltsamen Fortgang der chronischen Krankheit. Es ist auch gegenw\u00e4rtig noch Skepsis geboten, ob die so lange gepflegte Wachstumsillusion nicht erneut die n\u00fcchterne Wahrheit \u00fcberlagern wird &#8211; mit der Konsequenz, dass nach einer inflatorischen Expansionsphase die n\u00e4chste Krise bereits hinter dem sichtbaren Horizont lauert.<\/p>\n<p>[1] Vgl. die scharfe Kritik an den wirtschaftstheoretischen und sozialethischen M\u00e4ngeln der w\u00e4hrend der vergangenen zwei bis drei Jahrzehnte tonangebenden Hochschul\u00f6konomik im &#8222;Dahlem Report&#8220; (98th Dahlem Workshop, 2008): David Colander\/Hans F\u00f6llmer \/Armin Haas \/Michael Goldberg \/Katarina Juselius \/Alan Kirman \/Thomas Lux\/Brigitte Sloth: The Financial Crisis and the Systemic Failure of Academic Economics (im Internet unter &#8222;Dahlem Report&#8220; zu finden); Karl Georg Zinn, Mindert die Enthistorisierung der National\u00f6konomie ihre Kompetenz zur Problemwahrnehmung und Probleml\u00f6sung?, in: derselbe: Die Keynessche Alternative, Hamburg 2008, S. 144-164.<\/p>\n<p>[2] Vgl. die Analysen zum Zusammenhang zwischen sozial\u00f6konomischer Deprivation und rechtsextremistischen Tendenzen in den von Wilhelm Heitmeyer herausgegebenen Forschungsberichten der Langzeitstudie &#8222;Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit&#8220; (GMF). Zuletzt: Wilhelm Heitmeyer, Hg. : Deutsche Zust\u00e4nde, Folge 7, Frankfurt\/M 2009. -Materielle Abstufung allein scheint eher zu resignativen Einstellungen zu f\u00fchren, aber die mit der Exklusion einher gehende Dem\u00fctigung, das Gef\u00fchl, seiner W\u00fcrde beraubt zu werden, enth\u00e4lt ein explosives Potential f\u00fcr politischen Extremismus, wie Zygmut Baumann im Kontext des Verlusts traditioneller Gemeinschaft dargelegt hat. Vgl. Zygmut Baumann: Gemeinschaften. Auf der Suche nach Sicherheit in einer bedrohlichen Welt, Frankfurt\/M 2009.<\/p>\n<p>[3] Vgl. Fu\u00dfnote 1; Beth Gardiner: Lehrst\u00e4tten f\u00fcr Finanzjongleure. Die Business Schools der Topuniversit\u00e4ten geraten in Misskredit. Kritiker meinen, sie h\u00e4tten falsche Inhalte gelehrt, in: Handelsblatt, Nr. 71, 14. April 2009, S. 26.<\/p>\n<p>[4] &#8222;The global economy is in a substantial recession as well &#8211; also deep and probably long, likely the worst in modern times. Along with the U.S. and global recessions, now arguably an <i>economic crisis <\/i>in breadth, abruptness, and the potential for even worse, there is a <i>financial crisis<\/i>.&#8220; Siehe Allen Sinai, Macroeconomic Policy. Challenge and Choices in a Time of Crisis, in: Challenge, Jg. 52, Nr. 2, M\u00e4rz-April 2009, S. 5.<\/p>\n<p>[5] Vgl. Sven Afh\u00fcppe\/Klaus Stratmann, Staatshilfe kommt nur tr\u00f6pfelnd an. Konjunkturprogramme des Bundes sind erst zu einem Bruchteil abgerufen worden. DIHK klagt \u00fcber b\u00fcrokratische H\u00fcrden, in: Handelsblatt, Nr. 70, 9.\/13. April 2009, S. 1.<\/p>\n<p>[6] Vgl. HB\/doh, Bundesbankchef Weber h\u00e4lt Rezessions\u00e4ngste f\u00fcr \u00fcberzogen. Weber: Kein Zeitpunkt, um \u00fcber Konjunkturprogramm zu reden &#8211; Ministerpr\u00e4sident R\u00fcttgers legt &#8222;Anti-Rezessionsprogramm&#8220; vor, in: Handelsblatt, Nr. 156, 13. August 2008, S. 4.<\/p>\n<p>[7] Vgl. die Untersuchungen der &#8222;Gl\u00fccks\u00f6konomie&#8220;. Einen informativen \u00dcberblick vermittelt Richard Layard: Die gl\u00fcckliche Gesellschaft. Kurswechsel f\u00fcr Politik und Wirtschaft, Frankfurt\/M-New York 2008.<\/p>\n<p>[8] Karl Georg Zinn, Wieder zehn Jahre Massenarbeitslosigkeit? Der langfristige Charakter der Krise und die Chancen einer humanen Wirtschaftspolitik, in: Vorg\u00e4nge, H 28, 4\/1977, S. 45-62.<\/p>\n<p>[9] Vgl. Sven Afh\u00fcppe\/Dorit Hess: Arbeitgeber warnen vor populistischer Politik. BDA-Pr\u00e4sidium beschlie\u00dft Sieben-Punkte-Plan &#8211; Auslandsinvestitionen brechen ein, in: Handelsblatt, Nr. 71, 14. April 2009, S. 3; Vera Gaserow: Arbeitgeber trommeln f\u00fcr Schwarz-Gelb. Bundesvereinigung legt zahlreiche Empfehlungen f\u00fcr den Bundeswahlkampf vor, in: Frankfurter Rundschau, Jg. 65, Nr. 86, 14. April 2009, S. 13.<\/p>\n<p>[10] Keynes widmete seine Aufmerksamkeit sp\u00e4testens seit 1930 wiederkehrend der langfristigen Entwicklung der fortgeschrittenen kapitalistischen Volkswirtschaften und gelangte dabei stets zu der Einsch\u00e4tzung, dass die Wachstumsraten aufgrund relativer S\u00e4ttigung (von Konsum bzw. Investition) unter Umst\u00e4nden bis zur v\u00f6lligen Stagnation absinken w\u00fcrden. Eine knappe, quasi alle einschl\u00e4gigen Vor\u00fcberlegungen zusammenfassende Langfristprognose lieferte Keynes 1943. Vgl. John Maynard Keynes, The long-term problem of full employment, in: derselbe, Collected Writings, Bd. 27, London-Basingstoke 1980, S. 320ff. (deutsch u.d. T. Das Langzeitproblem der Vollbesch\u00e4ftigung, in: Norbert Reuter, Wachstumseuphorie und Verteilungsrealit\u00e4t. Wirtschaftspolitische Leitbilder zwischen Gestern und Morgen, Mit Texten von John Maynard Keynes und Wassily W. Leontief, 2. A., Marburg 2007, S. 159-164.<\/p>\n<p>[11] Vgl. Norbert Reuter, \u00d6konomik der &#8222;Langen Frist&#8220;. Zur Evolution der Wachstumsgrundlagen in Industriegesellschaften, Marburg 2000.<\/p>\n<p>[12] John Richard Hicks: Mr. Keynes and the &#8222;Classics&#8220;. A Suggested Interpretation, in: Econometrica, Bd. 5, 1937, S. 147-159.<\/p>\n<p>[13] Vgl. hierzu Karl Georg Zinn, Rezeptionsl\u00fccke des Keynesianismus: Die Langfristperspektive der Keynesschen \u00d6konomik, in: Karl Georg Zinn, Die Keynessche Alternative, Hamburg 2008, S. 13-32.<\/p>\n<p>[14] Jean Fourasti\u00e9: Die gro\u00dfe Hoffnung des zwanzigsten Jahrhunderts, K\u00f6ln-Deutz 1954.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1874],"publikationen":[2821],"class_list":["post-10976","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-karl-georg-zinn","publikationen-186-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die vermeidbare Krise - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/186-vorgaenge\/publikation\/die-vermeidbare-krise\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die vermeidbare Krise - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Bereits vor siebzig Jahren lieferte John M. 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