{"id":10989,"date":"2009-03-01T23:50:00","date_gmt":"2009-03-01T22:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/editorial-22\/"},"modified":"2009-03-01T12:00:00","modified_gmt":"2009-03-01T11:00:00","slug":"editorial-22","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/185-vorgaenge\/publikation\/editorial-22\/","title":{"rendered":"Editorial"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 185, Heft 1\/2009, S. 1-3<\/p>\n<p>Auch im zwanzigsten Jahr der Deutschen Einheit mangelt es nicht an Vorschl\u00e4gen, wie diese sich noch intensiver gestalten lie\u00dfe. Sei es eine neue Verfassung, wie sie der SPD-Vorsitzende Franz M\u00fcntefering j\u00fcngst ins Spiel brachte, sei es eine Kombination der Nationalhymnen der beiden fr\u00fcheren Teile Deutschlands, wie sie der Journalist Heribert Prantl anregte. &#8222;Auferstanden aus Ruinen, bl\u00fche Deutsches Vaterland&#8220;. Auch der Vorschlag des Leipziger Pfarrers F\u00fchrer, den Terminus &#8222;Bundesrepublik&#8220; f\u00fcr Deutschland nicht mehr zu verwenden, und das angestrebte Denkmal zur deutschen Einheit d\u00fcrften in diese Galerie von wohlmeinenden Initiativen passen, denen eines gemein ist: Sie antworten auf ein Bed\u00fcrfnis, das aktuell nicht mehr artikuliert wird, und sind ges\u00e4ttigt vom schlechten Gewissen, das wenigstens symbolisch festschreiben will, was materiell nicht erreicht wurde.<\/p>\n<p>Zugleich fangen Politiker wie der Mecklenburg-Vorpommersche Ministerpr\u00e4sident Erwin Sellering (SPD) an, am Unrechtscharakter der Diktatur in der DDR zu zweifeln, ein Zweifel, den man bislang lediglich unter Altkadern der Partei &#8222;Die Linke&#8220; beheimatet wusste. Auch diese \u00c4u\u00dferungen &#8211; immerhin von einem gestandenen Verwaltungsjuristen, der es besser wissen m\u00fcsste, formuliert &#8211; zeugen von einer fortbestehenden Verunsicherung dar\u00fcber, welchen Wein man der Bev\u00f6lkerung der ehemaligen DDR \u00fcber ihr Land einschenken darf, ohne dass er ihr wieder hochkommt. Glaubt man den Umfragen, so hat sich bei ihr ein leicht verkl\u00e4render R\u00fcckblick auf die fr\u00fcheren Verh\u00e4ltnisse breit gemacht, der sich aus dem Verdruss an den bestehenden speist. Er ist schon deshalb \u00e4rgerlich, weil er das Grandioseste, was dieses Volk hervorgebracht hat, die friedliche Revolution von 1989, in einem schalen Licht erscheinen l\u00e4sst. In den posthumen Weichzeichnungen schmilzt sie zur Wende oder, schlimmer noch, zur westdeutschen Landnahme mit basisdemokratischer Ouvert\u00fcre. Und die B\u00fcrger im Westen scheinen die ganzen Feiern zum Jahrestag eher f\u00fcr eine innere Angelegenheit der fr\u00fcheren Bewohner der DDR zu halten.<\/p>\n<p>Nun ist es nicht unerheblich, welches (Selbst-)Verst\u00e4ndnis ein Volk von seinen Epochebr\u00fcchen entwickelt. Denn in der Ansicht \u00fcber die Vergangenheit spiegelt sich die Anerkennung der Gegenwart. In der von F\u00fchrer gemiedenen BRD hat es vierzig Jahre gedauert, bis aus der &#8222;Stunde Null&#8220; der Besatzung der Tag der Befreiung wurde. Wenn man also nicht mit der Chuzpe eines Hans-Ulrich Wehler die DDR zu einer Fu\u00dfnote der Geschichte erkl\u00e4ren und deren Ende folgerichtig zu einer Marginalie degradieren und sich auf diese Weise dem Problem der gesellschaftlichen Selbstdeutung entziehen will, ist es durchaus sinnvoll, den zwanzigsten Jahrestag von 1989 zu einer Auseinandersetzung dar\u00fcber zu nutzen, welchen Charakter die damaligen Ereignisse hatten und welchen Wirkung sie entfalteten. Dem will sich die vorliegende Ausgabe der <i>vorg\u00e4nge <\/i>widmen.<\/p>\n<p><i>Ilko-Sascha Kowalczuk <\/i>verteidigt den Begriff der friedlichen Revolution als die einzig angemessene Klassifizierung der Ereignisse des Herbstes 1989.<\/p>\n<p><i>Erhart Neubert<\/i> untersucht, welche Erkenntnisgewinne sich aus totalitarismustheoretischer Perspektive \u00fcber die DDR gewinnen lassen, ohne dass man gleich zur Gleichsetzung mit dem NS-Regime gelangen muss.<\/p>\n<p><i>Bernd Faulenbach <\/i>ordnet die friedliche Revolution in die Freiheitsbewegung Deutschlands ein und r\u00e4umt diesen Elementen einer positiven Erinnerungskultur einen eigenen Platz neben dem dominierenden &#8222;negativen Ged\u00e4chtnis&#8220; der Deutschen ein.<\/p>\n<p><i>Stefan Wolle <\/i>weist nach, dass die Gegen\u00fcberstellung des Unrechts-Charakters des DDR-Regimes und einer positiv konnotierten Alltagserfahrung sich angesichts der diktatorischen Durchsetzung dieses Alltags nicht aufrechterhalten l\u00e4sst.<\/p>\n<p><i>Lothar Probst<\/i> ist den Spuren nachgegangen, welche die B\u00fcrgerbewegung in der deutschen Gesellschaft hinterlassen hat &#8211; mit einem ern\u00fcchternden Ergebnis: Das hohe Lied der Zivilgesellschaft ist verstummt.<\/p>\n<p><i>Marcus Hawel<\/i> unterzieht J\u00fcrgen Habermas` Betrachtungen \u00fcber die nachholende Revolution einer kritischen Nachbetrachtung und erkennt in der aktuellen Finanzkrise eine Herausforderung, in der die damals entwickelten b\u00fcrgerrechtlichen Tugenden wieder, und diesmal gesamtdeutsch, gefragt sein k\u00f6nnten.<\/p>\n<p><i>Hans Misselwitz <\/i>setzt 1989 in Beziehung zu 1945 und vor allem zu 1968 und weitet den Blick auf die globale Bedeutung des Datums und die Ver\u00e4nderungen des politischen Denkens, die mit ihm einhergingen.<\/p>\n<p><i>Wolfgang Templin<\/i> unterwirft die verschiedenen Sichtweisen auf die DDR und die friedliche Revolution einer kritischen W\u00fcrdigung. Der Umgang mit dieser Geschichte gibt Aufschluss \u00fcber die normative Glaubw\u00fcrdigkeit der verschiedenen Autoren.<\/p>\n<p><i>Dieter Segert<\/i> w\u00fcrdigt den Beitrag der innerparteilichen Opposition in der SED zum Umbruch im Herbst 1989. Es ist die Geschichte eines versp\u00e4teten Aufbegehrens, das die Gelegenheit zur offensiven Kooperation mit der B\u00fcrgerbewegung verpasste.<\/p>\n<p><i>Gabriele Camphausen<\/i> macht beim Umgang von Jugendlichen mit der DDR Wissensdefizite der Sch\u00fcler, L\u00fccken in der Lehrerausbildung und unzureichende Schulb\u00fccher aus. Zugleich mehren sich aber die Anstrengungen, die M\u00e4ngel zu beseitigen.<\/p>\n<p>In seinem Essay entwirft <i>Holger Rogall <\/i>die Elemente einer neuen, nachhaltigen \u00d6konomie, die sich von ihrer Marktzentrierung l\u00f6st und den Markt in die gesellschaftliche Kooperation einbettet.<\/p>\n<p><i>Charles A. von Denkowski <\/i>antwortet auf Christian Raths Kritik der B\u00fcrgerrechtsbewegung aus dem letzten Heft der <i>vorg\u00e4nge<\/i>. Dessen Vorwurf des Alarmismus h\u00e4lt er entgegen, dass das harsche Urteil \u00fcber Sicherheitsma\u00dfnahmen des Staates in der Sache berechtigt ist und ein schriller Ton f\u00fcr die notwendige Aufmerksamkeit sorgt.<\/p>\n<p><i>Franz Eder<\/i> sieht im Einsatz von Bundestrojanern einen ermittlungstechnischen Vorteil gegen\u00fcber den herk\u00f6mmlichen Methoden, der jedoch von den Observierten leicht ausgehebelt werden kann.<\/p>\n<p><i>Eike Hennig<\/i> ist den W\u00e4hlerwanderungen bei den Wahlen in Hessen nachgegangen. Vor allem in den gro\u00dfen St\u00e4dten scheint sich die Zeit der Volksparteien dem Ende zu n\u00e4hern.<\/p>\n<p>Eine vom Redakteur verfasste Rezension der Biografie des Grundgesetzes von Christian Bommarius schlie\u00dft diese Ausgabe der <i>vorg\u00e4nge <\/i>ab, zu der ich Ihnen wie immer eine anregende Lekt\u00fcre w\u00fcnsche.<\/p>\n<p>Ihr<\/p>\n<p>Dieter Rulff<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1636],"publikationen":[2820],"class_list":["post-10989","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-dieter-rulff","publikationen-185-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Editorial - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/185-vorgaenge\/publikation\/editorial-22\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Editorial - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr. 185, Heft 1\/2009, S. 1-3 Auch im zwanzigsten Jahr der Deutschen Einheit mangelt es nicht an Vorschl\u00e4gen, wie diese sich noch intensiver gestalten lie\u00dfe. 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