{"id":10990,"date":"2009-03-01T23:00:00","date_gmt":"2009-03-01T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-revolution-von-1989\/"},"modified":"2009-03-01T12:00:00","modified_gmt":"2009-03-01T11:00:00","slug":"die-revolution-von-1989","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/185-vorgaenge\/publikation\/die-revolution-von-1989\/","title":{"rendered":"Die Revolution von 1989."},"content":{"rendered":"<p>Warum es vielen so schwer f\u00e4llt, von ihr zu sprechen*,<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 185, Heft 1\/2009, S. 4-13<\/p>\n<p>In der DDR herrschte jahrelang gesellschaftlicher Stillstand und ab Herbst 1989 brachen sich die Ereignisse nur noch auf der \u00dcberholspur ihre Bahn &#8211; so haben es viele Menschen damals wahrgenommen. Dabei hatten sich seit Jahren die Probleme angeh\u00e4uft und fast jedem war klar, so kann es nicht weitergehen. Der Vereinigungsprozess t\u00fcrmte dann neue Probleme auf, die niemand vorhersah und vorhersehen konnte. Aber: Die oft als &#8222;Kosten der Einheit&#8220; apostrophierten Milliarden und sozialen Entwicklungen sind keine &#8222;Kosten der Einheit&#8220;, sondern Folge der kommunistischen Diktatur. R\u00fcckw\u00e4rts gewandte Propheten gibt es viele, zuverl\u00e4ssige Zukunftsprognosen dagegen wenige. Deutschland, Europa und die Welt haben sich seither kr\u00e4ftig ver\u00e4ndert, nicht zuletzt wegen der europ\u00e4ischen Revolution von 1989\/90.[1] Diese Ver\u00e4nderungen f\u00fchrten dazu, dass die Ereignisse umstritten blieben. Seit 1989 wird mit &#8222;1989&#8220; Geschichtspolitik betrieben.[2] Das war unausweichlich. Aber das ist auch nicht neu. Ganz im Gegenteil, historische Selbstvergewisserung geh\u00f6rte schon immer zur Politik dazu. Allein die kunstvolle Erfindung &#8222;objektiver&#8220; Geschichtserkenntnisse, &#8222;objektiver&#8220; Geschichtsdarstellungen erkl\u00e4rt die verbreitete Abneigung, hinzunehmen, dass historische Betrachtungen nicht nur gegenwarts- und standortgebunden, sondern auch gegenwarts- und zukunftsorientiert sind. Der Umgang mit &#8222;1989&#8220; ist daf\u00fcr zwar nur ein Beispiel, aber ein besonders einpr\u00e4gsames. Stellten die Ereignisse wirklich eine Revolution dar? Und warum existiert ein so gro\u00dfer Widerwillen gegen diese Einsch\u00e4tzung in Deutschland?<\/p>\n<p>Der ersten Frage kann man sich auf zwei Wegen n\u00e4hern. Einerseits befragt man zeitgen\u00f6ssische Dokumente von 1989\/90. Dann wird man feststellen, dass die Bezeichnung &#8222;Revolution&#8220; f\u00fcr die Vorg\u00e4nge fast selbstverst\u00e4ndlich war. Sie konkurrierte zwar stets mit &#8222;Umbruch&#8220;, &#8222;Wende&#8220;, &#8222;Zusammenbruch&#8220;, &#8222;Erosion&#8220;, &#8222;Scheitern&#8220;, &#8222;Implosion&#8220; oder &#8222;Untergang&#8220;, aber 1989\/90 schlossen sich diese Begriffe noch nicht gegenseitig aus. Das erscheint logisch, weil Revolutionen die anderen Prozesse, die diese Begriffe umschreiben, mit einschlie\u00dfen. Von einer Revolution sprachen die Menschen aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden und mit sehr unterschiedlichen Erwartungen, aber dass es sich um eine solche handelte, war 1989\/90 weithin unumstritten. Selbst jene Kommunisten, die damals von &#8222;Konterrevolution&#8220; sprachen, best\u00e4tigten damit den Revolutionscharakter der Ereignisse. Die Selbsteinsch\u00e4tzung von Akteuren und Zeitzeugen ist bei einer Charakterisierung historischer Ereignisse allerdings nur von sehr untergeordneter Bedeutung.<\/p>\n<p>Deshalb muss man andererseits versuchen, einen systematischen Weg einzuschlagen. Das Problematische des Revolutionsbegriffs beginnt bereits bei dem Umstand, dass er keine hinreichend akzeptierte Definition kennt. Ralf Dahrendorfs Feststellung von 1961, dass es &#8222;an einer historisch einigerma\u00dfen bew\u00e4hrten, soziologisch durchdachten Theorie&#8220;[3] von Revolutionen und an einem stichhaltigen Begriff ermangele, ist immer noch g\u00fcltig. Unabh\u00e4ngig von diesem Umstand lassen sich Bedingungen und Erscheinungsformen feststellen, die eine Revolution charakterisieren. So bedeutet eine politische Revolution &#8222;eine grundlegende Umgestaltung der politischen Institutionen mit einem Austausch der Eliten (&#8230;) Die statt eines allm\u00e4hlichen \u00dcbergangs vergleichsweise abrupte Ver\u00e4nderung kann friedlich oder gewaltsam erfolgen. Zum Erfolg ist ab einem bestimmten Stadium eine breite Bev\u00f6lkerungskoalition n\u00f6tig.&#8220;[4] Zu den Voraussetzungen von Revolutionen z\u00e4hlen: &#8222;(1) soziale: relativ hohe soziale Dynamik bei gleichzeitiger sozialer Ungleichheit hinsichtlich der Chancen, aufgrund von Leistungen in die privilegierten Schichten aufsteigen zu k\u00f6nnen (&#8230;); (2) politische: Nichtvorhandensein ausreichender M\u00f6glichkeiten und Instrumentarien zur Steuerung der aufkommenden Krisenerscheinungen; (3) \u00f6konomische: starre Monopolstellung einer d\u00fcnnen Oberschicht hinsichtlich der Verf\u00fcgungsm\u00f6glichkeit \u00fcber Grundeigentum und Produktionsmittel; Ausschluss der produktiven Klassen vom gerechten Anteil am Sozialprodukt (&#8230;)&#8220;[5] Diese Voraussetzungen konstituieren eine revolution\u00e4re Situation, die vom Legitimit\u00e4tsverlust der Herrschenden ebenso gekennzeichnet ist wie vom Vorhandensein potentieller Tr\u00e4gerschichten, einem sich entwickelndem Unrechtsbewusstsein in der Gesellschaft von der Situation, einer drastischen Verschlechterung der allgemeinen Lage und einer sichtbaren Unsicherheit der Herrschenden.<\/p>\n<p>Die konkreten Abl\u00e4ufe von Revolutionen unterscheiden sich erheblich voneinander.[6] Unruhen, Proteste, Demonstrationen und Streiks sto\u00dfen auf die Unf\u00e4higkeit der Herrschenden, der Krise zu begegnen. Diese weigern sich zudem, ihre Privilegien einzuschr\u00e4nken und die Partizipationsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Gesellschaft zu erweitern, was zur Eroberung und Zerst\u00f6rung von Regierungs- und Herrschaftsinstitutionen durch die Revolution\u00e4re f\u00fchrt. Wenn man sich die historische Entwicklung 1989\/90 vergegenw\u00e4rtigt, dann \u00e4hneln deren Voraussetzungen, Bedingungen und Abl\u00e4ufe diesen allgemeinsten Aussagen \u00fcber Revolutionen frappierend.<\/p>\n<p>Kurt Lenk fasste Revolutionsziele auf der Grundlage der vielschichtigen Revolutionsforschungen in vier Punkten zusammen: &#8222;(1) Aufl\u00f6sung der Klassen und politischen Kr\u00e4fte, die die F\u00fchrung bisher innehatten sowie gr\u00fcndlicher Wechsel in der Zusammensetzung der herrschenden Schichten durch systematischen Abbau der Privilegien der alten Oberschichten; (2) Aufhebung der \u00fcberkommenen Herrschafts- und Autorit\u00e4tsverh\u00e4ltnisse zu Gunsten der Unterprivilegierten; (3) totaler Umbau der politischen, \u00f6konomischen, kulturellen und sozialen Struktur; (4) Herstellung einer neuen Verfassungsordnung und eines neuen Rechtssystems zur Stabilisierung der erreichten revolution\u00e4ren Ziele.&#8220;[7]<\/p>\n<p>Werden diese Revolutionsziele mit den Forderungen und Ergebnissen von 1989\/90 verglichen, dann ergibt sich nicht nur eine deutliche Kongruenz, zugleich wird auch verst\u00e4ndlich, warum &#8222;1989&#8220; in der DDR weder einer besonderen geistesgeschichtlichen Vorarbeit noch einer speziellen intellektuellen F\u00fchrungsschicht bedurfte. Denn die &#8222;neuen Revolutionen&#8220;, wie sie 1989\/90 im kommunistischen Machtbereich stattfanden, ben\u00f6tigten weder einen &#8222;universalistischen Fortschrittsanspruch&#8220; noch eine &#8222;philosophische Fundierung&#8220;.[8] Sie erstrebten nicht etwas prinzipiell Neues &#8211; wie etwa Revolutionen im 19. Jahrhundert -, sondern wollten Offene Gesellschaften, wie sie in westlichen Demokratien zu existieren schienen. Hannah Arendt beobachtete 1956, die ungarische (gescheiterte) Revolution sei weder vorbereitet worden noch w\u00e4re jemand auf sie vorbereitet gewesen. Entscheidend bei Revolutionen sei der Wille zur Freiheit.[9] Deshalb ben\u00f6tigte &#8222;1989&#8220; zwar Mobilisierungseliten in Form von B\u00fcrgerbewegungen, aber keine charismatischen F\u00fchrungseliten. Einige Ziele der Revolution waren unumstritten, aber nicht die Wege und die staatliche Form. Denn selbst die Einheitsgegner bis in die SED\/PDS hinein orientierten sich in ihrer Suche nach &#8222;dritten Wegen&#8220; an den verfassungsrechtlichen, juristischen, kulturellen und politischen Strukturen der Bundesrepublik. Die gr\u00f6\u00dften Differenzen gab es bei eigentumsrechtlichen \u00dcberlegungen, nicht bei der sozialen Marktwirtschaft.<\/p>\n<p>1989\/90 war in dieser Perspektive eine utopiefreie Revolution. Entscheidend war, dass trotz Seilschaften, MfS-Verstrickungen und vieler anderer Verwerfungen, die nach 1989 sichtbar wurden und den ostdeutschen Demokratisierungs- und gesamtdeutschen Einigungsprozess belasteten, das SED-System beseitigt wurde. Es brach nicht von allein zusammen. Dass es vieler Bedingungen f\u00fcr den Revolutionsausbruch bedurfte, ist in einer historischen Perspektive selbstverst\u00e4ndlich. Und dass sich die Revolution in einem Entwicklungsprozess selbst aufbaute, ist es ebenso.[10]<\/p>\n<p>Crane Brinton hat in seiner klassischen Studie \u00fcber den Verlauf von vier gro\u00dfen Revolutionen eine Regelm\u00e4\u00dfigkeit als &#8222;kristallklar&#8220; herausgestellt: &#8222;Alle vier Revolutionen begannen bei Menschen, die gegen gewisse Steuern waren, sich zum Protest gegen diese organisierten und schlie\u00dflich einen Punkt erreichten, wo sie f\u00fcr die Beseitigung der bestehenden Regierung agierten. Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass die Steuergegner eine radikale Revolution w\u00fcnschten oder voraussahen. Es bedeutet, dass der \u00dcbergang vom Reden \u00fcber notwendige Ver\u00e4nderungen (&#8230;) zu konkreten Aktionen unter dem Anreiz unpopul\u00e4rer Steuern erfolgte.&#8220;[11] &#8222;1989&#8220; als Massenbewegung begann genau nach diesem Schema. Die Revolution besa\u00df ihre Ausgangspunkte in vielen solcher Ungerechtigkeiten. &#8222;Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem g\u00e4nzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.&#8220;[12] Der Griff nach der Notbremse gl\u00fcckte 1989\/90. Dass dabei die Ereignisse typische Ungleichzeitigkeiten aufwiesen, steht als empirischer Befund einer Charakterisierung als Revolution nicht entgegen.<\/p>\n<p>Wenn sich nun zusammenfassen l\u00e4sst: die alte Ordnung war handlungsunf\u00e4hig, delegitimiert und moralisch kompromittiert; die von ihr vertretenen Werte und \u00dcberzeugungen zerschlissen; B\u00fcrger- und Massenbewegungen stellten sich ihr entgegen und forderten neue politische, gesellschaftliche, \u00f6konomische und kulturelle Strukturen; eine neue Ordnung wurde errichtet; innerhalb weniger Monate beseitigte die Bewegung alte Strukturen, Werte, Ideen, Kulturen und Herrschaftseliten, fast nichts war im \u00f6ffentlichen Raum mehr wie zuvor, was spricht dann gegen die Bezeichnung als Revolution? Eigentlich nichts. Au\u00dfer Otto Schilys Banane.<\/p>\n<p>Am Wahlabend des 18. M\u00e4rz 1990 dr\u00e4ngelte sich auch Otto Schily, Gr\u00fcndungsmitglied der Gr\u00fcnen und gerade SPD-Mitglied geworden, vor die Kameras. In unnachahmlicher Pose kommentierte das politische Cham\u00e4leon den Ausgang der demokratischen Wahlen. Befragt, wie er die Volkskammerwahlen einsch\u00e4tze, zauberte er aus seinem &#8222;Zwirn&#8220;, f\u00fcr den ein DDR-Durchschnittsverdiener sch\u00e4tzungsweise ein Jahresgehalt h\u00e4tte hinbl\u00e4ttern m\u00fcssen, eine Banane hervor und hielt sie grinsend vor die Kameras. Auf der DDR-Seite existierten \u00e4hnliche antidemokratische Verleumdungen des Wahlergebnisses. Stefan Heym war nur die Speerspitze all jener ostdeutschen Intellektuellen, die sich seit Jahr und Tag in den L\u00e4den des Westens bedienen konnten und nun all jene verunglimpften, die das auch endlich wollten.<\/p>\n<p>Die Einw\u00e4nde und Vorbehalte gegen die Verwendung des Revolutionsbegriffs umfassen mehrere Ebenen, wobei gerade die Vielschichtigkeit zeigt, dass die Ablehnung des Begriffs weder auf eine bestimmte politische Haltung noch eine spezielle wissenschaftliche Methode, weder auf die regionale Herkunft noch ein spezifisches Sozialisationsmuster hindeutet, sondern sich durch die gesamte Gesellschaft hindurch zieht.<\/p>\n<p>Schilys Banane symbolisiert, die Menschen h\u00e4tten nichts weiter gewollt, als an den Segnungen der westlichen Konsumwelt teilhaben zu wollen. Das ist richtig, aber nur wenn man zugleich betont, was sie nicht mehr haben wollten, n\u00e4mlich das politische, \u00f6konomische und gesellschaftliche System, das ihnen die &#8222;Banane&#8220; nicht bieten konnte. Schilys &#8222;Banane&#8220; unterdr\u00fcckt symbolisch, dass und wie die Menschen erzwangen, an &#8222;Bananen&#8220; ungehindert heranzukommen.<\/p>\n<p>Oft wird eingewandt, die Revolution sei nicht zu Ende gef\u00fchrt worden. Das alte System zerschellte zwar, das leugnet kaum jemand, aber die Revolution\u00e4re selbst wollten andere Ergebnisse als sie erreichten. Das ist ein sehr beliebtes Argument in Ost wie West. Dahinter steht eine Utopiesehnsucht, die allerdings verkennt, dass die absolute Mehrheit der Menschen nach der \u00dcberwindung des Systems, das von seinen Betreibern selbst als utopische Gesellschaft gepriesen wurde, keinen Sinn f\u00fcr neue Utopien hatte.[13] Das \u00fcberlie\u00dfen sie nachwachsenden Generationen, sie sehnten sich nach einer historischen Erholungspause, um in ihrem Leben auch mal ohne Gesellschaftsexperimente mit grausamen Folgen entspannen zu k\u00f6nnen. Die Rede von der &#8222;abgebrochenen Revolution&#8220; beinhaltet im Kern die Bereitschaft f\u00fcr eine neue Diktatur und die Entt\u00e4uschung dar\u00fcber, dass die eigenen Ideen nicht zur Mehrheitsidee gerieten. Zugleich steckt in dieser Entt\u00e4uschung eine unverhohlene Arroganz. Das eigene politische Handeln wird aus den historischen Kontexten gerissen. Manch mutiger Akteur der neuen Bewegung, manch einfallsreicher Redner auf einer Demonstration, manch beherzter Besetzer einer Machtzentrale glaubt heute nicht nur, Erbverwalter der Revolution zu sein, sondern auch, dass er die Bedingungen f\u00fcr sein pers\u00f6nliches Engagement allein geschaffen habe. Die SED-F\u00fchrung war nicht am Ende, weil sich das oder jenes zutrug, weil dieses oder jenes gesagt wurde, die oder die Vereinigung gebildet wurde, sondern weil dies alles &#8211; wie im klassischen Revolutionsverlauf &#8211; zusammentraf mit einer breiten gesellschaftlichen Resonanz, einer gro\u00dfen gesellschaftlichen Handlungsbereitschaft &#8211; und sei es das Wagnis einer Flucht auf sich zu nehmen &#8211; und neuen Handlungsspielr\u00e4umen, die sich f\u00fcr die SED im gleichen Ma\u00dfe verringerten. Mit anderen Worten, zur Revolution geh\u00f6rt meist auch dazu, dass sie die M\u00e4nner und Frauen der ersten Handlungsphase wieder entl\u00e4sst.<\/p>\n<p>In Deutschland bestand eine besondere Situation, weil sich von Anfang an die Frage stellte, &#8222;Einheit durch Freiheit&#8220; oder &#8222;Freiheit durch Einheit&#8220;. Historisch scheint das erste geschehen zu sein, symbolisiert mit den ersten freien Wahlen vom 18. M\u00e4rz 1990. Man k\u00f6nnte aber ebenso behaupten, der Mauerfall am 9. November 1989 habe die zweite Alternative zum historischen Fakt erhoben. Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte. Der Mauerfall war keine eigenst\u00e4ndige Entscheidung der SED-F\u00fchrung, sondern eine gesellschaftlich erzwungene. Wer die lange Vorgeschichte des Mauerfalls ausblendet oder gering achtet, kommt schnell zu dem Schluss, &#8222;1989\/90&#8220; sei das Ergebnis von Regierungshandeln in Ost wie West. Hinzu kommt ein Umstand, der grotesk ist: den B\u00fcrgerbewegungen wird oft angelastet, was ihnen in dieser Einseitigkeit gar nicht angelastet werden kann, dass sie n\u00e4mlich gegen die deutsche Einheit gewesen seien. Es ging um das &#8222;wie&#8220;, nicht um das &#8222;ob&#8220;. Eines muss dabei betont werden: die gr\u00f6\u00dften Widerst\u00e4nde gegen die Einheit kamen vor dem 3. Oktober 1990 aus der Bundesrepublik, nicht aus der DDR! In dieser Phase war es ein historisches Gl\u00fcck, einen Mann wie Helmut Kohl zum Kanzler zu haben. Die Idee von der Einheit war in der alten bundesdeutschen Gesellschaft und bei vielen ihrer Meinungsf\u00fchrer vor 1989 mehrheitlich l\u00e4ngst verabschiedet worden.<\/p>\n<p>Auch &#8222;Revolutionsromantiker&#8220; st\u00f6ren sich oft an der Verwendung des Revolutionsbegriffes f\u00fcr &#8222;1989&#8220;. Revolutionen werden ganz oft Bedeutungen, Inhalte und Zuschreibungen zugeordnet, die viele f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich halten, es historisch aber nicht sind. Die ber\u00fchmteste lautet, ohne Blut, Rache und Opfer k\u00f6nne sich keine Revolution verwirklichen, weil dies bedeuten w\u00fcrde, dass die Machthaber zur Machtaufgabe bereit gewesen w\u00e4ren oder diese von sich aus abgegeben h\u00e4tten. Das Argument \u00fcbersieht jedoch die konkreten historischen Kontexte. Die Revolutionen gegen den Kommunismus sind daf\u00fcr ein gutes Beispiel. Wegen des extremen Zentralismus und des Kadavergehorsams in den kommunistischen Herrschaftsapparaten sowie der Eingebundenheit der nationalen Systeme in das Moskauer Imperium konnten diese ohne eine neue oder klare Befehlslage nur so weitermachen wie gewohnt und nicht offensiv reagieren. In der DDR ahnte das 1989 kaum jemand, weshalb das Credo &#8222;Keine Gewalt&#8220; &#8211; das eine Reaktion auf staatliche Gewalt darstellte &#8211; vor allem dem Selbstschutz der Demonstranten galt. Zur &#8222;Revolutionsromantik&#8220; geh\u00f6rt auch der Glaube, die erste Phase der Revolution bestimme dar\u00fcber, was aus ihr werden solle und wer k\u00fcnftig die Geschicke des Landes zu bestimmen habe. Dahinter verbergen sich die Abwesenheit von Rechtsprinzipien und die Sehnsucht nach Anarchie und basisdemokratischen Strukturmodellen. Solche Erscheinungen hat es ja 1990 konkret gegeben, auch noch nach den Wahlen, umso bitterer war die Entt\u00e4uschung bei &#8222;Revolutionsromantikern&#8220;, als sp\u00e4ter nach der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit gefragt und auf dieser beharrt wurde. Zur &#8222;Revolutionsromantik&#8220; geh\u00f6rt ferner eine tiefe Skepsis gegen\u00fcber dem Staat, nicht allein gegen\u00fcber dem \u00fcberwundenen, sondern gegen\u00fcber jeglichem Staat (sofern man diesen nicht selbst in der Hand hat). Auch demokratische Aushandlungs- und Entscheidungsprozesse, die keinen basisdemokratischen R\u00e4temodellen entsprechen, lehnen &#8222;Revolutionsromantiker&#8220; meistens ab. Schlie\u00dflich geh\u00f6rt zur &#8222;Revolutionsromantik&#8220; der Glaube, eine Revolution l\u00f6se alle Probleme und schaffe keine neuen. &#8222;Revolutionsromantiker&#8220; verwechseln meist soziale Gerechtigkeit mit sozialer Gleichheit. Sie k\u00f6nnen nicht akzeptieren, dass es soziale Gleichheit in einer Offenen Gesellschaft nicht geben kann. V\u00f6llig verst\u00e4ndnislos stehen sie Theorien gegen\u00fcber, die soziale Ungleichheiten als gesellschaftliche Entwicklungsmotoren auffassen. Das hat zwar im Kern auch Marx so gesehen, nur leiten sie daraus mit ihm ab, das k\u00f6nnte in ihren Gesellschaftsmodellen aufgehoben werden und in soziale Gleichheit \u00fcberf\u00fchrt werden. Wenn sich dagegen soziale Ungleichheiten durch einen Umbruch sogar versch\u00e4rfen, so wie nach 1989, kann es sich in dieser Sicht nicht um eine Revolution gehandelt haben.<\/p>\n<p>Die Sehnsucht nach Arkadien beinhaltet allerdings nicht nur die soziale Komponente. Denn dahinter stehen auch gegen die individuelle und gesellschaftliche Freiheit gerichtete Annahmen. Der Revolutionsbegriff st\u00f6\u00dft daher bei all jenen auf Vorbehalte oder Ablehnung, die den Willen zur Freiheit f\u00fcr eine Revolution nicht als konstitutiv anerkennen, die das SED-Regime nicht als ein extrem unfreiheitliches ansehen und die nicht akzeptieren k\u00f6nnen, dass der Freiheitswille 1989 der entscheidende Schl\u00fcssel f\u00fcr die Herausbildung der B\u00fcrgerbewegungen, f\u00fcr die Massenflucht und f\u00fcr die Massendemonstrationen war. Zugleich wird der Revolutionsbegriff von jenen entwertet oder abgelehnt, die behaupten, die SED habe einen Beitrag geleistet, der \u00fcber reaktives Verhalten hinausging.<\/p>\n<p>In der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung und Darstellung der Ereignisse werden diese ganz\u00fcberwiegend als staatliches Handeln, zumal der Bundesregierung, gezeichnet. \u00dcberlagert werden die Ereignisse zudem von der Wiedervereinigung, \u00fcber deren Ausgestaltung, nicht jedoch \u00fcber das Tempo, in der Tat in Bonn entschieden wurde. Aber nicht nur das: seit Anfang der neunziger Jahre dominieren in der \u00d6ffentlichkeit Betrachtungsmuster, die nach Gutsherrenmanier befinden, dass die B\u00fcrgerrechtler zwar wirklich mutig waren, zum politischen Handeln sich aber leider unf\u00e4hig zeigten. In unz\u00e4hligen Publikationen und \u00f6ffentlichen Veranstaltungen werden die M\u00e4nner und Frauen der B\u00fcrgerbewegung als &#8222;mutig&#8220;, &#8222;moralisch sauber&#8220;, &#8222;menschlich angenehm&#8220; geschildert und gezeichnet, zugleich aber schwingt dabei immer eine Abwertung mit. Das h\u00e4ngt damit zusammen, dass nach 1990 in die Ost-Bundesl\u00e4nder nicht nur die politischen und wirtschaftlichen Strukturen und Rechtssysteme \u00fcberf\u00fchrt wurden, was gewollt war, sondern auch kulturelle Praktiken, die einen Anpassungsdruck in Ostdeutschland erzeugten, der bald Widerwillen und Ablehnung produzierte. So hat die bundesdeutsche etablierte Historiographie bis zum heutigen Tag die erste erfolgreiche deutsche Revolution nicht als ihr Thema entdeckt.[14] Auch sie trug so dazu bei, dass \u00fcber die DDR und die Revolution ein erschreckendes Unwissen grassiert. Denn wenn k\u00fcnftige Geschichtslehrer an den Universit\u00e4ten kaum M\u00f6glichkeiten haben, sich mit der DDR-Geschichte auseinander zu setzen, so schl\u00e4gt sich dies sp\u00e4ter auch in ihrem Beruf nieder.[15] Alle entsprechenden aktuellen Erhebungen liefern best\u00fcrzende Resultate davon, was Jugendliche in Ost wie West heute \u00fcber die DDR und speziell \u00fcber &#8222;1989&#8220; wissen, besser: nicht wissen.[16] Die DDR-Revolution als Teil der deutschen und europ\u00e4ischen Erinnerungskultur gibt es bislang nur in Sonntagsreden.<\/p>\n<p>Es dominiert n\u00e4mlich bei der Betrachtung von &#8222;1989&#8220; noch immer die Annahme, mit Gorbatschow habe alles begonnen und ihm sei alles zu verdanken. Tats\u00e4chlich war Gorbatschows Macht\u00fcbernahme bereits das Ergebnis einer tiefen Krise einerseits und einer gesellschaftlichen Widerstandsbewegung andererseits, die ihren Beginn in Polen nahm. Die DDR kam erst sp\u00e4t dazu, weshalb das Entwicklungstempo ungleich h\u00f6her ausfiel als in Polen oder Ungarn. Deshalb fand dort, wie Timothy Garton Ash formulierte, auch eher eine Revolution statt, also eine Mischung aus Reform und Revolution.[17] In der DDR und CSSR hingegen brachen Revolutionen gerade deswegen aus, weil die Machthabenden erst zu verhandeln begannen, als es f\u00fcr sie zu sp\u00e4t war. Die DDR Revolution ist ohne den internationalen Zusammenhang nicht zu erkl\u00e4ren,[18] aber er schr\u00e4nkt auch wiederum, wie oft behauptet wird, die M\u00f6glichkeit, die Vorg\u00e4nge als Revolution zu bezeichnen, nicht ein. Gorbatschow geh\u00f6rt zu diesen internationalen Zusammenh\u00e4ngen, auch die besondere Rolle Moskaus als Garantiemacht und Vormund f\u00fcr die DDR. Wer die 1848er Revolutionen, die russische Februarrevolution und den bolschewistischen Putsch 1917 oder die deutsche Novemberrevolution von 1918 ohne die offenkundigen internationalen Zusammenh\u00e4nge erkl\u00e4ren wollte, w\u00fcrde auch nicht weit kommen.<\/p>\n<p>Nicht unausgesprochen darf bleiben, dass viele, die sich wortgewaltig und meinungsf\u00fchrerstark gegen die Verwendung des Revolutionsbegriffs aussprechen, von den historischen Vorg\u00e4ngen oft keine empirisch abgesicherten Kenntnisse haben. Das h\u00e4ngt nicht zuletzt damit zusammen, dass im Feld der Zeitgeschichte fast jeder zu wissen glaubt, was er (meist im Fernsehen) gesehen haben will. Das f\u00e4ngt schon bei der beliebten Behauptung an, die Charta 77 habe in der CSSR eine weitaus gr\u00f6\u00dfere, gesellschaftlich sichtbarere Rolle gespielt als die Opposition in der DDR. Die Charta 77 hatte viele Prominente, das stimmt, aber ihre gesellschaftliche Wirkung war vor 1989 nicht gr\u00f6\u00dfer oder kleiner als etwa die der IFM in der DDR. Die Einsch\u00e4tzung der Vorg\u00e4nge in der DDR leidet zudem daran, dass sie f\u00fcr 1989\/90 meist auf Ost-Berlin und Leipzig, auf das &#8222;Neue Forum&#8220; sowie wenige prominent gewordene K\u00f6pfe orientiert blieb. Zugleich wird zu wenig ber\u00fccksichtigt, dass auch die oppositionellen Bewegungen politisch taktierten. Deutlich wird dies etwa am Umgang mit dem Sozialismusbegriff. Das aber l\u00e4sst sich nicht aus Medienberichten oder ver\u00f6ffentlichten Erkl\u00e4rungen rekonstruieren. Deshalb f\u00e4llt es auch so leicht, den Mauerfall am 9. November nicht als ein Ziel der Revolution anzusehen, sondern zu behaupten, die &#8222;eigentlichen Revolution\u00e4re&#8220; w\u00e4ren zu Gunsten nationaler Zielstellungen verdr\u00e4ngt worden. Und deshalb ist es auch historisch nicht zutreffend, nur die Programme der bekannten B\u00fcrgerbewegungen zu den Revolutionszielen zu erkl\u00e4ren. Das Verwirrende an dieser Revolution war &#8211; die Vorg\u00e4nge in Plauen etwa stehen exemplarisch daf\u00fcr -, dass Freiheits- und Einheitsforderungen von Anfang an artikuliert wurden und sich sehr schnell regionale Unterschiede zeigten. Das war damals weder den handelnden Akteuren bewusst, noch fand es in der Medienberichterstattung seinen Niederschlag. Und selbst die Massenforderung nach Reisefreiheit l\u00e4sst sich interpretieren und fragen, ob es eine DDR mit offenen Grenzen h\u00e4tte geben k\u00f6nnen und ob den Menschen das nicht klar war. Historiker sind nicht an die Selbstdeutungen handelnder Akteure und schon gar nicht an die Berichte beobachtender Journalisten gebunden. Hinzu kommt schlie\u00dflich, dass \u00fcber den Charakter der Ereignisse ja nicht die Haltung zur deutschen Frage entscheidet, sondern die Frage nach dem weiteren Umgang mit dem SED-System. Und hier waren sich Fl\u00fcchtlinge, Demonstranten und B\u00fcrgerbewegungen einig.<\/p>\n<p>Es gibt auch einen unausgesprochenen &#8222;Revolutionsneid&#8220;. Man muss schon fragen, wie diejenigen in der Bundesrepublik, die jahrelang von einer Revolution tr\u00e4umten, reagierten als pl\u00f6tzlich vor ihrer Haust\u00fcr eine stattfand. Sie ignorier(t)en sie einfach oder verh\u00f6hn(t)en sie. Joseph Fischer dr\u00fcckte seine Gef\u00fchlslage einmal in einer Runde mit Mitgliedern des B\u00fcndnis 90 auf bezeichnende Weise aus. Er sagte sinngem\u00e4\u00df, wenn &#8222;wir&#8220; das gemacht h\u00e4tten, h\u00e4tten &#8222;wir&#8220; es aber richtig gemacht. &#8222;Revolutionsneid&#8220; speist sich auch aus der Angst, die eigene politische Biographie im Westen, die gepr\u00e4gt gewesen sei von Mut, Widerstand und politischer Weitsicht, w\u00fcrde durch 1989\/90 entwertet, weil Mut und Widerstand nun ganz andere Zuschreibungen erfuhren. Den Untergang der DDR als Revolution zu bezeichnen, m\u00fcsste zudem das Eingest\u00e4ndnis enthalten, die kommunistischen Diktaturen schon l\u00e4ngst nicht mehr als solche wahrgenommen zu haben. Denn nur wenn es sich um undemokratische, unfreie, diktatorische Staaten handelte, machte eine Revolution historischen Sinn. Deshalb ist es von der Ablehnung des Revolutionsbegriffs oft nur ein kurzer Schritt zur Verharmlosung des politischen Systems der DDR.<\/p>\n<p>Die eingangs beschriebene Selbstverst\u00e4ndlichkeit im Osten, die Ereignisse als Revolution zu bezeichnen, ging schlie\u00dflich schnell und nachhaltig verloren. Vor allem politisch handelnde Akteure aus den B\u00fcrgerbewegungen beharren auf dem Begriff, was man freilich auch als Versuch ansehen k\u00f6nnte, die eigene Leistung zu w\u00fcrdigen und der Entwertung durch andere entgegenzutreten. Revolutionen genie\u00dfen an sich in unserem Land einen guten Ruf, gerade weil es davon so wenige gab. Weil dies wiederum so ist, bezeichnen viele, die sich als Verlierer der Einheit ansehen, die Ereignisse nicht mehr so, weil sich ihre Hoffnungen und W\u00fcnsche, unabh\u00e4ngig davon, wie realistisch sie waren, nicht erf\u00fcllten. Nach einer &#8222;richtigen&#8220; Revolution h\u00e4tte es ihnen anders ergehen m\u00fcssen, meinen nicht wenige. Das trifft sich dann wiederum mit anderen Befindlichkeiten. Denn auch viele Intellektuelle und Meinungsf\u00fchrer der alten Bundesrepublik stehen Revolutionen nicht ablehnend gegen\u00fcber, ganz im Gegenteil. Sie k\u00f6nnten es sich nicht verzeihen, eine Revolution vor der eigenen Haust\u00fcr verschlafen zu haben. Deshalb ignorieren sie diese einfach weiter.<\/p>\n<p>Diese verschiedenen Vorbehalte gegen den Revolutionsbegriff greifen oft ineinander \u00fcber, manche schlie\u00dfen sich auch gegenseitig aus, was keinen Widerspruch darstellt. Denn die Abwehrhaltung hat viele Ursachen und wurzelt nicht nur in einer gesellschaftlichen Gruppe. In den Geschichtsb\u00fcchern stehen Revolutionen als markante Fixpunkte historischer Entwicklungen, die zugleich einen langsamen Neuanfang markieren. In der Kultur- und Alltagsgeschichte spiegeln sich historische Z\u00e4suren, wozu erfolgreiche Revolutionen geh\u00f6ren, dagegen meist erst mittel- oder langfristig. Das Leben der Menschen geht irgendwie weiter, pers\u00f6nlich bewahren sie mehr als sie aufgeben. Von Karl Marx stammt ein Bonmot, das im \u00fcbertragenden Sinne dieses Problem auf den Punkt bringt. Am 24. Januar 1852 schrieb er an seinen Freund Friedrich Engels: &#8222;Die H\u00e4morrhoiden haben mich diesmal mehr angegriffen als die franz\u00f6sische Revolution.&#8220;[19]<\/p>\n<p>Hoffentlich werden sich Forscher und Deuter nachfolgender Generationen wundern, wie schwer es sich die deutsche Gesellschaft und die Historiographie mit der Charakterisierung der Ereignisse 1989\/90 als Revolution machte. Revolutionen haben ihren Sinn in der Negation <i>und <\/i>im Wiederbeginn <i>und <\/i>in der Suche nach Neuem. Erfolgreiche Revolutionen setzen definitiv ein Ende. Dies aber hei\u00dft auch, dass wir unsere schmale Gegenwart nur \u00fcber unsere zu Geschichte gedeutete Vergangenheit begreifen k\u00f6nnen, ohne gleichzeitig Wissen \u00fcber die Zukunft zu besitzen. Fest steht nur, dass die Geschichte immer weitergehen wird, so wie sie auch nie aufgeh\u00f6rt hatte, weiterzugehen. Die vielen Endzeitstimmungen in der Geschichte erweisen sich in der R\u00fcckschau sogar als Motoren der Geschichtsentwicklung &#8211; ein Motor freilich, der den Betroffenen oft nicht nur nicht bewusst war, sondern der ihnen oftmals auch den Kopf abriss. Nicht nur unser Heute ist morgen vergangen. Auch unser Haus ver\u00e4ndert sich stetig, nicht immer merken wir das. Deshalb hilft der Au\u00dfenblick auf das Haus, um den Fortgang der Geschichte nachvollziehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>* <\/b>Der Text basiert auf: Ilko-Sascha Kowalczuk: Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR. M\u00fcnchen 2009, 602 S., insbes. dem Schlusskapitel.<\/p>\n<p>[1] Zur Bedeutung dieser Chiffre &#8222;1989&#8220; siehe: Ralf Dahrendorf: Der Wiederbeginn der Geschichte. Vom Fall der Mauer zum Krieg im Irak. M\u00fcnchen 2004; in Auseinandersetzung damit: Ilko-Sascha Kowalczuk: 1989 in Perspektive: Ralf Dahrendorfs Antiutopismus, in: Merkur 59(2005) 1, Nr. 669, S. 65-69.<\/p>\n<p>[2] Ilko-Sascha Kowalczuk: Qualmende Vergangenheit. Zur Debatte um die SED-Diktatur, in: Vorg\u00e4nge 45(2006) 4, Heft 176, S. 108-125.<\/p>\n<p>[3] Ralf Dahrendorf: \u00dcber einige Probleme der soziologischen Theorie der Revolution, in: Urs Jaeggi, Sven Papcke (Hrsg.): Revolution und Theorie I. Materialien zum b\u00fcrgerlichen Revolutionsverst\u00e4ndnis. Frankfurt\/M. 1974, S. 169.<\/p>\n<p>[4] Ulrich Wei\u00df: Revolutionen\/Revolutionstheorien, in: Dieter Nohlen, Rainer-Olaf Schultze, Suzanne S. Sch\u00fcttemeyer (Hrsg.): Lexikon der Politik. Band7: Politische Begriffe. M\u00fcnchen1998, S.563.<\/p>\n<p>[5] Kurt Lenk: Revolution, in: Wolfgang W. Mickel (Hrsg.): Handlexikon zur Politikwissenschaft. Bonn 1986, S. 446.<\/p>\n<p>[6] Charles Tilly: Die europ\u00e4ischen Revolutionen. M\u00fcnchen 1993.<\/p>\n<p>[7] Lenk: Revolution, S. 447.<\/p>\n<p>[8] Wei\u00df: Revolutionen\/Revolutionstheorien, S. 564.<\/p>\n<p>[9] Hannah Arendt: Die Ungarische Revolution und der totalit\u00e4re Imperialismus. M\u00fcnchen 1958, S. 11-12; Dies.: \u00dcber die Revolution. M\u00fcnchen 1974, S. 184.<\/p>\n<p>[10] Ausf\u00fchrlich dazu: Kowalczuk: Endspiel.<\/p>\n<p>[11] Crane Brinton: Die Revolution und ihre Gesetze. Frankfurt\/M. 1959, S. 118-119.<\/p>\n<p>[12] Walter Benjamin: \u00dcber den Begriff der Geschichte, in: Ders.: Allegorien kultureller Erfahrung. Ausgew\u00e4hlte Schriften 1920 &#8211; 1940. Leipzig 1984, S. 168.<\/p>\n<p>[13] Sehr lesenswert: Joachim Fest: Schweigende Wortf\u00fchrer. \u00dcberlegungen am Ende des Jahres 1989 (FAZ vom 30.12.1989), in: Ders.: Fremdheit und N\u00e4he. Von der Gegenwart des Gewesenen. Stuttgart 1996, S. 211-219.<\/p>\n<p>[14] Prononciert: Alexander Cammann: 1989 &#8211; die ignorierte Revolution, in: \u00c4sthetik &#038; Kommunikation, 34(2003) 122\/123, S. 123-129.<\/p>\n<p>[15] In mehreren Erhebungen ist das immer wieder nachgewiesen worden. Als Beispiel siehe etwa: Jens H\u00fcttmann, Ulrich M\u00e4hlert, Peer Pasternack (Hrsg.): DDR-Geschichte vermitteln. Ans\u00e4tze und Erfahrungen in Unterricht, Hochschullehre und politischer Bildung. Berlin 2004.<\/p>\n<p>[16] Auch dazu gibt es zahlreiche Erhebungen, siehe etwa: Ulrich Arnswald, Ulrich Bongertmann, Ulrich M\u00e4hlert (Hrsg.): DDR-Geschichte im Unterricht. Schulbuchanalyse-Sch\u00fclerbefragung-Modellcurriculum. Berlin 2006; Monika Deutz-Schroeder, Klaus Schroeder: Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Sch\u00fclern ein Ost-West-Vergleich. Stamsried 2008.<\/p>\n<p>[17] Timothy Garton Ash: Ein Jahrhundert wird abgew\u00e4hlt. Aus den Zentren Mitteleuropas. 1980 1990. M\u00fcnchen, Wien 1990.<\/p>\n<p>[18] Vgl. Gy\u00f6rgy Dalos: Der Vorhang geht auf. Das Ende der Diktaturen in Osteuropa. M\u00fcnchen 2009.<\/p>\n<p>[19] Karl Marx, Friedrich Engels: Werke. Bd. 28, Berlin 1970, S. 12.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1885],"publikationen":[2820],"class_list":["post-10990","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-ilko-sascha-kowalczuk","publikationen-185-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Revolution von 1989. - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/185-vorgaenge\/publikation\/die-revolution-von-1989\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Revolution von 1989. - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Warum es vielen so schwer f\u00e4llt, von ihr zu sprechen*, aus: vorg\u00e4nge Nr. 185, Heft 1\/2009, S. 4-13 In der DDR herrschte jahrelang gesellschaftlicher Stillstand und ab Herbst 1989 brachen sich die Ereignisse nur noch auf der \u00dcberholspur ihre Bahn &#8211; so haben es viele Menschen damals wahrgenommen. 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