{"id":10993,"date":"2009-03-01T21:00:00","date_gmt":"2009-03-01T20:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/das-normale-leben\/"},"modified":"2021-08-24T21:52:01","modified_gmt":"2021-08-24T19:52:01","slug":"das-normale-leben","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/185-vorgaenge\/publikation\/das-normale-leben\/","title":{"rendered":"Das normale Leben"},"content":{"rendered":"<p>SED-Herrschaft und Alltagswirklichkeit in der DDR,<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 185, Heft 1\/2009, S. 31-39<\/p>\n<p>Man konnte gl\u00fccklich leben in der DDR, meinen die einen, und verweisen auf Vollbesch\u00e4ftigung, Kinderkrippen, Kollegialit\u00e4t am Arbeitsplatz und das harmonische Miteinander der Menschen. Die anderen erinnern an Mauer und Stacheldraht, den Stasi-Knast, Unfreiheit, Verfolgung und Bevormundung. Im Kern geht es immer wieder darum, ob denn alles schlecht war, oder ob die DDR auch gute Seiten hatte.<\/p>\n<p>Auch die wissenschaftliche Debatte steht auf keinem sehr viel h\u00f6herem Niveau. Es hat sich in den letzten Jahren eine verfehlte Polarisierung zwischen einer politikgeschichtlich orientierten Herrschafts- und Repressionsgeschichte und einer sozialhistorisch orientierten Alltagshistorie entwickelt. Die Vertreter der beiden Richtungen werfen einander Verharmlosung bzw. D\u00e4monisierung vor und oft genug sp\u00fcrt man dahinter parteipolitische Pr\u00e4ferenzen und die Konkurrenz der Institutionen. Doch nirgendwo war der Zusammenhang st\u00e4rker pr\u00e4sent als in der DDR selbst. Dieses dialektische Wechselverh\u00e4ltnis entsprach der marxistischen Theorie vom Primat der \u00f6konomischen Basis. Der Zusammenhang wurde in den DDR-Medien st\u00e4ndig hergestellt &#8211; wenn auch ausschlie\u00dflich im positiven Sinne. Und er wurde von den Menschen verinnerlicht &#8211; wenn auch oft im negativen Sinne. Mit anderen Worten: die Partei war an allem Schuld. Der Staat, seine Symbole und Repr\u00e4sentanten, seine Ideologie und sein Machtanspruch waren allgegenw\u00e4rtig. Sie durchdrangen alle Sph\u00e4ren des Lebens, auch das Privatleben der Menschen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"wo-ein-genosse-ist-da-ist-die-partei\">Wo ein Genosse ist, da ist die Partei <\/span><\/h2>\n<p>Diese <i>Allgegenwart und Allzust\u00e4ndigkeit <\/i>der Staatsmacht war das <i>erste pr\u00e4gende Grundelement <\/i>des Alltagslebens im SED-Staat. Die Einheit von Staat und Partei war nahezu vollkommen und auch durch den Artikel 1 der Verfassung abgesichert. Es blieb aber nicht bei der staatsrechtlichen Theorie. &#8222;Wo ein Genosse ist, da ist die Partei&#8220; lautete ein viel zitiertes Schlagwort. Und die Genossen waren \u00fcberall. Bereits die Kader der mittleren Verwaltungsebene waren in der Regel Mitglieder der SED. \u00dcber die Besetzung dieser Posten entschied die zust\u00e4ndige Abteilung im ZK der SED bzw. die regionalen Bezirks- und Kreisleitungen. Daf\u00fcr in Frage kamen ausschlie\u00dflich die Nomenklaturkader der SED. Gelegentlich wurde eine Ausnahme gemacht, zudem gab es hier und da ein Mitglied einer der Blockparteien, die nach einem Vereilungsschl\u00fcssel mit Posten versorgt wurden. Die Parteileitungen waren in allen Betrieben, Beh\u00f6rden und Bildungseinrichtungen die eigentlichen Machtzentren. In Gremien jeder Art, von den Gewerkschafts- und FDJ-Leitungen bis hin zu den Elternvertretungen an Schulen und Kinderg\u00e4rten wurde streng darauf geachtet, dass die SED mehrheitlich vertreten war. Die SED-Strukturen waren der Knochenbau der Gesellschaft. Ihre Macht ruhte auf drei einander bedingenden S\u00e4ulen: auf Gewalt, Ideologie und der Privilegierung der Nutznie\u00dfer. Gewalt war vor allem die Androhung von Gewalt. Dazu diente ein umfassendes System der \u00dcberwachung und Repression. Das Prinzip der Nutznie\u00dferschaft der Systemtr\u00e4ger war komplement\u00e4r erg\u00e4nzt durch die Bestrafung der Widerwilligen. Ein ausgefeilter Mechanismus sorgte f\u00fcr die F\u00f6rderung bzw. Einschr\u00e4nkung von Bildungschancen und beruflichen Aufstiegsm\u00f6glichkeiten. Hinzu kam die Ideologie, ohne die das System nicht funktioniert h\u00e4tte. Dabei war es relativ nebens\u00e4chlich, ob die Ideologie glaubw\u00fcrdig war. Hier galt der Grundsatz, <i>credo quia absurdum est<\/i>. Je absurder das Glaubensbekenntnis war, desto gr\u00f6\u00dfer war auch die erforderliche Glaubensst\u00e4rke.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-marx-und-engels-ist-unbesiegbar-weil-sie-wahr-ist\">Die Marx und Engels ist unbesiegbar weil sie wahr ist <\/span><\/h2>\n<p>&#8222;Die Lehre von Marx ist allm\u00e4chtig, weil sie wahr ist&#8220;, kann man in W. I. Lenins kleiner Schrift &#8222;Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus&#8220; lesen.[1] Die hermetische Logik dieses Zirkelschlusses war das <i>zweite Grundelement <\/i>der Alltagswirklichkeit in der DDR. Die Theorie legitimierte die politische Praxis und die diktatorische Praxis bewahrte die Theorie vor den absehbar verheerenden Folgen einer freien Diskussion. Es ging bei der marxistisch-leninistischen Lehre also keineswegs um Gedankenspiele sondern um die politische Macht. Das gro\u00dfe Gef\u00e4ngnis der totalit\u00e4ren Macht war aus Worten und Begriffen gemauert. Die Indoktrination begann mit Kinderb\u00fcchern \u00fcber das Leben und Wirken der Klassiker und Revolutionsf\u00fchrer und setzte sich im Fach Staatsb\u00fcrgerkunde und in den FDJ-Studienjahren fort. Sie dienten nicht allein der Wissensvermittlung, sondern sollten die marxistisch-leninistische Weltanschauung zum unverlierbaren Bestandteil der sozialistischen Pers\u00f6nlichkeit machen. An den Hoch- und Fachschulen wiederholte jeder Student im Rahmen der obligatorischen Marxismus-Leninismus-Ausbildung die gesamte Materie noch einmal. Jedes Studienjahr begann Anfang September mit einer &#8222;Roten Woche&#8220;, die ausschlie\u00dflich aus Polit-Seminaren, ML-Schulungen und FDJ-Versammlungen bestand. Im Verlauf des Semesters gab es mit einer Vorlesung und einem Seminar pro Woche regelm\u00e4\u00dfig &#8222;Rotlichtbestrahlung&#8220;. In allen Veranstaltungen kontrollierten die zust\u00e4ndigen Dozenten und FDJ-Funktion\u00e4re streng die Anwesenheit und werteten unentschuldigtes Fernbleiben nicht nur als Studienbummelei, sondern auch als mangelnde &#8222;politisch-ideologisch Reife&#8220; oder gar als &#8222;antisozialistische Haltung&#8220;. Zum Abschluss des &#8222;gesellschaftswissenschaftlichen Grundstudiums&#8220; musste jeder Student eine schriftliche Arbeit einreichen und eine m\u00fcndliche Pr\u00fcfung ablegen, deren Bewertung f\u00fcr den weiteren beruflichen Werdegang nicht unwesentlich war. Hinzu kamen das monatliche &#8222;aktuell-politische Seminar&#8220; sowie f\u00fcr SED-Mitglieder die Parteilehrjahre und f\u00fcr alle anderen die FDJ-Schulungen. Auch das &#8222;Abzeichen f\u00fcr gutes Wissen&#8220;, das die meisten schon als Obersch\u00fcler oder Soldaten der NVA erworben hatten, musste vor einer Pr\u00fcfungskommission der FDJ best\u00e4tigt werden. Bis 1976 zeigte es einen von Eichenlaub umgebenen kleinen Kopf von Marx vor einer blauen Fahne mit dem FDJ-Emblem, danach ersetzten ihn die ineinander geschobenen b\u00e4rtigen Profile aller drei Klassiker Marx, Engels und Lenin. Das j\u00e4hrlich mehrere hunderttausend Mal verliehene Abzeichen gab es in den Stufen Gold, Silber und Bronze, und besonders eifrigen FDJler hefteten es an die linke Brusttasche ihres Blauhemdes.<\/p>\n<p>Seltsamerweise hat die ideologische Dauerberieselung nach dem Zusammenbruch des SED-Systems nur geringe Spuren bei der DDR-Bev\u00f6lkerung hinterlassen. Andere ehemalige Symbolgestalten wie das Sandm\u00e4nnchen, der Kobold Pittiplatsch oder die Ente Schnatterinchen aus dem Kinderfernsehen haben das Bewusstsein weit nachhaltiger beeinflusst als die revolution\u00e4re Theorie. Die Menschen sch\u00fcttelten sich kurz wie Hunde, die ins Wasser gefallen sind, und hatten all die ihnen m\u00fchevoll eingeh\u00e4mmerten Theorien vergessen. Selbst verbissene Nostalgiker rekurrieren seit 1989 viel st\u00e4rker auf angebliche oder tats\u00e4chliche soziale Errungenschaften der DDR als auf die zentralen Thesen von Marx, Engels und Lenin. Auch die verschwommene Kapitalismus-Kritik der Linken orientiert sich eher an &#8222;allgemein menschlichen&#8220; Aspekten als an den m\u00fchsam zu lesenden Schriften der b\u00e4rtigen Propheten des Kommunismus.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"der-gaertnerstaat\">Der G&auml;rtner&shy;s&shy;taat <\/span><\/h2>\n<p>Auf dem Vorsatzblatt des dickleibigen und reich illustrierten &#8222;Handbuch des Pionierleiters&#8220; von 1952 stand als Motto ein Wort Stalins: &#8222;Die Menschen muss man sorgsam und achtsam gro\u00dfziehen, so wie der G\u00e4rtner den von ihm gehegten Obstbaum gro\u00dfzieht&#8220;.<\/p>\n<p>Ein verr\u00e4terischer Satz, denkt man die g\u00e4rtnerische Metaphorik konsequent zu Ende. Ein guter G\u00e4rtner beschneidet die Zweige und stutzt die Hecken. Er j\u00e4tet das Unkraut und vertilgt die Sch\u00e4dlinge. Allein der G\u00e4rtner wei\u00df, was gut und schlecht ist f\u00fcr seine Sch\u00fctzlinge. Die Pfl\u00e4nzlein werden ungefragt gestutzt und beschnitten.<\/p>\n<p>Der Soziologe Zygmunt Baumann hat f\u00fcr den umfassenden Herrschaftsanspruch absolutistischer Systeme den Begriff des <i>G\u00e4rtnerstaates <\/i>gepr\u00e4gt.[2] Schon die Potentaten der Barockzeit liebten es, ihre G\u00e4rten in geometrische Strukturen zu bringen, so dass in der Natur wie im Staat alle Wege auf den Herrscher zuliefen und alle Gnade wie Sonnenstrahlen von ihm ausging. Doch Stalin hat die Verwandlung der Untertanen in Pfl\u00e4nzchen zur Vollendung getrieben. Er sah sich gern in der Rolle des Gro\u00dfen G\u00e4rtners. Er lie\u00df sich vor wogenden Getreidefeldern und bl\u00fchenden Obstb\u00e4umen malen und filmen. Und wie jeder G\u00e4rtner liebte er am meisten die zarten Setzlinge, die einst reiche Fr\u00fcchte tragen sollten.<\/p>\n<p>Die Kindheit spielt in der Metaphorik wie in der politischen Praxis der totalit\u00e4ren Systeme eine zentrale Rolle. Die F\u00fchrer der Arbeiterklasse lie\u00dfen sich mit bezopften M\u00e4dels und strammen blonden Jungs filmen und fotografieren. Auf den bunten Plakaten sah man die Kinder gl\u00fccklich lachen und hoffnungsfroh in die Zukunft schauen. In den Wochenschauen zogen die fr\u00f6hlichen Scharen singend durch die W\u00e4lder, packten beim Ernteeinsatz kr\u00e4ftig mit an und h\u00f6rten abends am Lagerfeuer mit gl\u00e4ubigen Augen vom heldenhaften Kampf der Revolution\u00e4re.<\/p>\n<p>Der sozialistische Kinderkult wurde aus unterschiedlichen Quellen gespeist. Die kommunistische Utopie zielte nicht allein auf radikale Ver\u00e4nderung der \u00f6konomischen und politischen Strukturen. Sie zielte auf den Neuen Menschen. Er sollte aufopferungsvoll, ehrlich, gesund und stark sein, die Heimat, die Partei und das Vaterland lieben. Dem Staat und seinem Erziehungssystem oblag es, diese Tugenden durchzusetzen. Die <i>allumfassende p\u00e4dagogische Anspruch <\/i>war das <i>dritte Grundelement <\/i>des Alltagslebens in der DDR. Auch dies blieb nicht graue Theorie, sondern griff tief in den Schulalltag ein.<\/p>\n<p>Am Montagmorgen begann die Woche mit dem Fahnenappell. Am Schultor standen Ordnungspioniere mit Armbinden und schrieben jeden auf, der zu sp\u00e4t kam. Er musste dann drau\u00dfen warten, bis der Appell vorbei war. Die anderen traten in Dreierreihen an. Vorne stand der Direktor und kommandierte: &#8222;Hisst Flagge!&#8220;. Zwei uniformierte Pioniere zogen die Staatsflagge der DDR am Mast hoch. Dann hielt der Direktor eine Rede, nahm Auszeichnungen vor und sprach Tadel aus. Die Getadelten mussten vortreten und sich vor der gesamten Schule zurechtweisen lassen. Dann wurde gesungen. &#8222;Fr\u00f6hlich sein und singen, stolz das rote Halstuch tragen&#8220;, obwohl gar nicht alle in der Pionierorganisation waren. Auch in die FDJ traten manche nicht ein. Dadurch sanken ihre Chancen auf einen der begehrten Pl\u00e4tze an der Erweiterten Oberschule betr\u00e4chtlich.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt war das der Punkt, an dem die Schulobrigkeit ihren Hebel ansetzte. Nur etwa zehn Prozent der Sch\u00fcler wurden zur Abiturstufe zugelassen. Hier wurde rigoros sortiert. Bedingung f\u00fcr die Zulassungen waren Bestnoten in allen F\u00e4chern, gesellschaftliche Aktivit\u00e4t, bei Jungen zudem die Bereitschaftserkl\u00e4rung, sp\u00e4ter als Unteroffizier oder Berufssoldat dienen zu wollen.<\/p>\n<p>Gerade der Unterricht an der EOS stand ganz im Zeichen der Erziehung zur allseitig gebildeten sozialistischen Pers\u00f6nlichkeit. In Geschichte und Deutsch war das kein Problem. Die Vorgaben f\u00fcr die Literaturinterpretationen lasen sich wie Dienstvorschriften zum Auseinandernehmen einer Handfeuerwaffe.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"sicherheit-und-freiheitsberaubung\">Sicherheit und Freiheits&shy;be&shy;rau&shy;bung <\/span><\/h2>\n<p>Die Mauer war seit dem 13. August 1961 die <i>vierte Grundtatsache <\/i>des Lebens in der DDR. Sie war kein Bauwerk, sondern ein Lebenszustand. Die DDR-B\u00fcrger lebten im Bewusstsein, ihren K\u00e4fig niemals verlassen zu k\u00f6nnen, wenigstens nicht bis zum Erreichen der ironisch so genannten &#8222;Reisem\u00fcndigkeit&#8220; mit sechzig bzw. f\u00fcnfundsechzig Jahren. Also richtete man sich ein. Der gro\u00dfen Mauer, die den Staat umgab, entsprachen viele kleine Mauern, die das Leben in der DDR reglementierten.<\/p>\n<p>Erst durch die Mauer wurde die Bundesrepublik einschlie\u00dflich West-Berlins zum Westen. F\u00fcr die Staatspropaganda zum Reich der alten und neuen Nazis, der Revanchisten und Imperialisten, zum allgegenw\u00e4rtigen Feind, der nichts anderes im Schilde f\u00fchrte, als die DDR zu unterwandern und aufzuweichen. F\u00fcr die Masse der B\u00fcrger zum Sehnsuchtsland, zur Projektionsfolie aller unerf\u00fcllten W\u00fcnsche, zum Fluchtziel und schlie\u00dflich zur neuen Autorit\u00e4t, an die man die Verantwortung abgab, kaum hatte man sie in einer siegreichen und friedlichen Volksbewegung errungen und schlie\u00dflich zur paternalistischen Adresse aller Frustrationen, die aus dem Einigungsprozess resultierten.<\/p>\n<p>Die DDR wollte so gerne eine Nation ein, ist es aber im Bewusstsein ihrer Bewohner niemals geworden. Als die Entspannungspolitik ihre ersten Erfolge zeitigte, wurde der Druck im Kessel nicht geringer, sondern gr\u00f6\u00dfer. Die Menschen stellten zunehmend Ausreiseantr\u00e4ge. Immer mehr B\u00fcrger erschienen bei der Abteilung Inneres beim Rat des Kreises bzw. in Berlin beim Rat des Stadtbezirks und erkl\u00e4rten, sie wollten ihre Heimat f\u00fcr immer verlassen. Oft beriefen sie sich auf internationale Vertr\u00e4ge, die auch die DDR unterschrieben hatte, nicht aber einzuhalten gedachte. Ein Ausreiseantrag war die radikalste Form der Verweigerung. Es war aber auch eine Kapitulation. Deswegen schwankten die DDR-Beh\u00f6rden zwischen der harten und weichen Linie. Seit 1984 wurden viele Antr\u00e4ge nach einiger Zeit bewilligt. Dennoch nahm die Zahl der Antragsteller nicht ab. Sie organisierten sich und machten die Kirche zum Podium ihres Anliegens. Die Oppositionsgruppen sahen das mit gespaltenen Gef\u00fchlen. Den Sprechch\u00f6ren &#8222;Wir wollen raus!&#8220; setzen sie nach den Leipziger Montagsgebeten den Ruf entgegen &#8222;Wir bleiben hier&#8220;. Das hie\u00df, sie wollten in der DDR etwas ver\u00e4ndern. Das war eine deutliche Kampfansage an das SED-Regime. Im Sommer 1989 spitzte sich die Lage dramatisch zu. Die dramatischen Bilder von Fl\u00fcchtlingen, die in Ungarn die Sperranlagen \u00fcberwanden und in der deutschen Botschaft in Prag die Z\u00e4une \u00fcberkletterten, f\u00fchrten der ganzen Welt vor Augen, dass die DDR am Ende war. Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, war dies das Todesurteil f\u00fcr den Staat, der nur noch durch die Mauer zusammen gehalten worden war.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"liebe-sex-und-familie\">Liebe, Sex und Familie <\/span><\/h2>\n<p>Liebe ist die pers\u00f6nlichste Sache der Welt. Doch seltsamerweise waren gerade auf dem Gebiet von Ehe, Familie und Sexualverhalten die Unterschiede zwischen Ost und West sehr deutlich. Die Gesellschaft hat das Verhalten auf diesem Gebiet tief gepr\u00e4gt. Dies l\u00e4sst sich als der <i>f\u00fcnfte Aspekt <\/i>des Alltagslebens festhalten. Aus der Statistik und aus Umfragen ergibt sich: Jungen wie M\u00e4dchen machten ihre ersten Sexualerfahrungen fr\u00fcher. Es wurde fr\u00fcher geheiratet und die Kinder kamen fr\u00fcher. Der Schwangerschaftsabbruch war schon seit 1972 gesetzlich geregelt. Daf\u00fcr waren uneheliche Kinder und ohne Trauschein zusammen lebende Paare viel l\u00e4nger schon eine Normalit\u00e4t. Es gab mehr Seitenspr\u00fcnge und eine weit h\u00f6here Scheidungsrate. Durch die wirtschaftliche Selbst\u00e4ndigkeit der Frauen waren Anspr\u00fcche auf dauernde Versorgung in der Regel gegenstandslos. Das Scheidungsverfahren war juristisch viel einfacher.<\/p>\n<p>War die Diktatur das Reich der Sinnlichkeit? Tats\u00e4chlich war der Umgang mit Liebe und Sex in der DDR gelassener. Auch die verbreitete Neigung zur Freik\u00f6rperkultur ist ein Hinweis daf\u00fcr. Der Kern des Problems allerdings liegt im wirtschaftlichen und sozialen Bereich. 1989 waren rund 86 Prozent aller Frauen berufst\u00e4tig. Bei den j\u00fcngeren Frauen waren es sogar deutlich \u00fcber 90 Prozent. Man mag dies als Gleichberechtigung oder als doppelte Ausbeutung sehen. F\u00fcr viele Frauen begann nach Arbeitsschluss eine zweite Schicht: Kinder abholen, Schlange stehen, Beh\u00f6rdeng\u00e4nge, Haushalt. All dies wohlgemerkt in der Mangelwirtschaft und bei einem niedrigeren Niveau der Haushaltstechnik. Beispielsweise gab es aus Gr\u00fcnden der Energieersparnis grunds\u00e4tzlich keine Geschirrsp\u00fclmaschinen. Die anderen Ger\u00e4te waren oft alt und st\u00f6ranf\u00e4llig. Handwerker waren schwer zu bekommen. &#8222;Handwerkertermin&#8220; lautete deswegen oft die Begr\u00fcndung f\u00fcr Fehlzeiten und kein Chef konnte nein sagen. Auch wenn die Kinder krank waren &#8211; und Krippenkinder waren oft krank &#8211; blieb in der Regel die Frau zu Hause und verzichtete g\u00e4nzlich oder teilweise auf das Gehalt. Laut Statistik lag das Durchschnittseinkommen der Frauen wesentlich unter dem der M\u00e4nner.<\/p>\n<p>Trotzdem waren die Frauen im Prinzip v\u00f6llig ins Berufsleben integriert. Vom Staat wurde alles getan, um Frauen zu f\u00f6rdern. Die Wirtschaft brauchte ihre Arbeitskraft. Um die Zukunft des Sozialismus zu sichern, brauchte man aber auch Babys. Deswegen wurde in den siebziger Jahren ein umfangreiches Programm sozialpolitischer Ma\u00dfnahmen entwickelt. Entscheidend waren das Babyjahr und die zinslosen Kredite f\u00fcr junge Ehen. Um die Frauen im Arbeitsprozess zu halten, traf die SED-F\u00fchrung im Laufe der Zeit eine ganze Reihe sozialpolitischer Regelungen. Dazu geh\u00f6rte die ann\u00e4hernd hundertprozentige Versorgung mit Krippen-, Hort- und Kindergartenpl\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Die gezielte Bev\u00f6lkerungspolitik in der DDR blieb in der Tat nicht ohne Erfolge. Familien mit zwei bis drei Kindern waren die Regel. Wahrscheinlich hing es mit dem R\u00fcckzug ins &#8222;private Gl\u00fcck&#8220; zusammen oder auch mit der Tatsache, dass wirtschaftliche Erw\u00e4gungen &#8211; etwa die k\u00fcnftige Finanzierung der Ausbildung &#8211; bei der Entscheidung f\u00fcr mehrere Kinder kaum eine Rolle spielten. Manche materielle Verlockung, die heute dem Kinderwunsch entgegensteht, fehlte damals. So war der demographische Einbruch nach der Wende kein Ausdruck von Not und Elend, wohl aber eine Folge tiefer Verunsicherung.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"voll-beschaeftigt-halb-versorgt\">Voll besch&auml;ftigt, halb versorgt <\/span><\/h2>\n<p>Ein Punkt spielte dabei eine besondere Rolle, der hier als der <i>sechste Aspekt <\/i>des DDR-Alltags z\u00e4hlen mag: Die Vollbesch\u00e4ftigung bzw. die g\u00e4nzliche Abwesenheit von Arbeitslosigkeit. Selbst notorische Ver\u00e4chter des SED-Systems kamen und kommen hierbei in Erkl\u00e4rungsnot. Dabei liegen die Ursachen vollkommen klar zu Tage.<\/p>\n<p>Aufgrund des niedrigen technologischen Niveaus der DDR-Wirtschaft sowie der Republikflucht bis 1961 herrschte ein akuter Arbeitskr\u00e4ftemangel. Sie wurde durch die gewaltig aufgebl\u00e4hten bewaffneten Organe, also Stasi, Volkspolizei, Nationale Volksarmee, und die \u00fcberdimensionierten Apparate der Parteien und Massenorganisationen weiter verst\u00e4rkt. An den Schreibtischen der Macht lungerten bei aller Gleichberechtigung vor allem M\u00e4nner herum. Die bewaffneten Organe bestanden abgesehen vom Medizinischen Dienst sowie K\u00fcchen- und Reinigungskr\u00e4ften faktisch ausschlie\u00dflich aus M\u00e4nnern. Und wenn die Arbeitskr\u00e4fte \u00fcberall knapp waren, im Sicherheitsbereich herrschte kein Mangel. So kam es, dass in der DDR der Ruf &#8222;keine Leute, keine Leute&#8220; nahezu notorisch wurde. Es herrschte sogar eine gesetzm\u00e4\u00dfige Arbeitspflicht. Wer ohne st\u00e4ndige Besch\u00e4ftigung war, musste mir \u00c4rger rechnen.<\/p>\n<p>Die Arbeit, insbesondere schwere k\u00f6rperliche Arbeit, war mit einer fast religi\u00f6sen Aureole umgeben. Im Mutterland der Reformation gingen protestantischer Arbeitsethos, preu\u00dfische Pflichterf\u00fcllung und kommunistischer Mythologie ein festes Amalgam ein. Die Menschen definierten sich \u00fcber ihre Arbeit. Einen Job macht man f\u00fcr Geld und Erfolg, Arbeit war Sinnerf\u00fcllung. Nat\u00fcrlich war das oft Propagandafloskel. Es wurde viel dar\u00fcber gespottet, doch wenn am 1. Mai die Aktivisten belobigt, wenn zum Frauentag die aufopferungsvollen Kolleginnen ger\u00fchmt, und wenn zum Jahresende die Bestarbeiter auf dem Betriebshof ausgehangen wurden &#8211; schlich sich in die allgemein obwaltende Spottlust gegen\u00fcber den Floskeln der Festreden ein bisschen echter Stolz ein. Es gab in der DDR eine Menge Leute, die wenig mit dem Staat und dessen Ideologie am Hut hatten, dennoch aber alles f\u00fcr die Planerf\u00fcllung taten, sogar den Schlendrian und die Bummelei kritisierten. Denn dies war die \u00fcberall sichtbare Schattenseite des betrieblichen Lebens. Je niedriger die Qualifikation war, desto mehr wurden die Leute gebraucht. Ungelernte Hilfskr\u00e4fte, Transportarbeiter oder weibliche Reinigungskr\u00e4fte waren f\u00fcr jeden Kaderleiter Goldstaub. Kein Meister oder Abteilungsleiter durfte es wagen, den gesch\u00e4tzten Kollegen zu nahe zu treten, wenn es einige von ihnen mit dem Schichtbeginn nicht so genau genommen oder in sich w\u00e4hrend der Nachtschicht zu einem kleinen Schlummer zur\u00fcck gezogen hatten. Auch die Nutzung betrieblicher Fahrzeuge f\u00fcr private Zwecke, eine Fuhre nebenbei, gewisse Abzweigungen vom Volkseigentum und anderen Unsitten musste die Leitung stillschweigend akzeptieren. So entwickelte sich oft ein stilles \u00dcbereinkommen. Die Leitung dr\u00fcckte ein Auge zu und verlie\u00df sich darauf, dass die Kollegen es nicht \u00fcbertrieben.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"das-kollektiv\">Das Kollektiv <\/span><\/h2>\n<p>Sicherheit im Alltag bot vor allem das Kollektiv. Das ist der <i>siebente Aspekt <\/i>zur Erkl\u00e4rung des DDR-Alltags. Das Kollektiv war Schutzraum gegen die Obrigkeit, Notgemeinschaft und Geh\u00e4use der H\u00f6rigkeit. Sich vom Kollektiv zu l\u00f6sen, galt als gef\u00e4hrlicher Irrweg. Individualismus war fast schon Verbrechen. Das Kollektiv hatte immer Recht. Man sprach sogar von der Weisheit des Kollektivs.<\/p>\n<p>Dabei hatten das Klassenkollektiv, das FDJ-Kollektiv an der Universit\u00e4t, das Arbeitskollektiv im Betrieb, selbst die Hausgemeinschaft eine seltsame Doppelfunktion. Das Kollektiv war auf der einen Seite der Transmissionsriemen zur Durchsetzung der politischen Vorgaben der Partei, Instrument der Sozialkontrolle, ideologische Kontrollinstanz &#8211; aber es war auch eine Gemeinschaft zur Bew\u00e4ltigung der Alltagsprobleme.<\/p>\n<p>Doch der eigentliche N\u00e4hrboden der viel ger\u00fchmten Kollektivit\u00e4t und Menschlichkeit im Alltag war der allgemeine Mangel an Dienstleistungen und Waren aller Art.<\/p>\n<p>Aus Furcht vor einer politischen Destabilisierung hatte Erich Honecker der Wirtschaft feste Endverbraucherpreise verordnet. Das erwies sich als sicheres Mittel, die Wirtschaft zu ruinieren. Es entstand ein permanenter Geld\u00fcberhang, oder umgekehrt ausgedr\u00fcckt, ein Mangel an angebotenen Leistungen und Waren.<\/p>\n<p>In der DDR entstand eine Art Parallelgesellschaft, die von der herrschenden Partei notgedrungen geduldet wurde. Neben den Ware-Geld-Beziehungen entstand ein System von Leistungen und Gegenleistungen. Die Rolle des Geldes verschwand nicht g\u00e4nzlich, wichtig aber waren Tauschbeziehungen sowie die DM als Zweitw\u00e4hrung. Die Gesetze des Marktes, die man feierlich die Haupttreppe hinunter geworfen hatte, krochen durch die Hintert\u00fcrchen und Kellerfenster ins sozialistische Haus zur\u00fcck. Es entstanden Grauzonen der Halblegalit\u00e4t, der Schwarzarbeit und Korruption. Die Obrigkeit sah dies mit gespaltenen Gef\u00fchlen. Kurzfristig wurden die Menschen durch die Alltagssorgen von der Politik abgelenkt, es entstand sogar eine seltsame soziale Zwischenschicht, die es sich jenseits von Staat und Ideologie wohl ergehen lie\u00df. Die Partei sagte sich, besser die Menschen fliehen auf ihre Datschen als in den Westen.<\/p>\n<p>Alles war knapp und alles war \u00fcberreichlich vorhanden. Alle waren unzufrieden und alle &#8211; oder doch fast alle &#8211; passten sich an, k\u00fcmmerten sich um das N\u00e4chstliegende, versuchten durchzukommen, das Beste aus der Situation zu machen. Man hatte sich eingerichtet, kannte die Spielregeln. Der Staat und die Partei mit ihren Anspr\u00fcchen, ihren Parolen und ihrer Ideologie waren an solchen Sonntagnachmittagen unendlich weit fort. Wenn es \u00fcberhaupt Probleme gab, so waren es scheinbar allein Versorgungsprobleme.<\/p>\n<p>Lauter Spie\u00dfer, soweit das Auge reicht? Angepasste, geduckte Kleinb\u00fcrger, \u00e4ngstliche Untertanen, die es sich wohl ergehen lie\u00dfen in dem L\u00e4ndchen hinter dem Stacheldraht? Stie\u00df das totalit\u00e4re System am Gartenzaun an seine Grenze oder war der Maschendrahtzaun die Grenze des unsichtbaren Geh\u00e4uses der H\u00f6rigkeit? War das kleine Spie\u00dfergl\u00fcck die Gegenwelt zur SED-Diktatur oder deren Teil? War die DDR eine Gesellschaft der willigen Untertanen, die mit ihrem Staat einen heimlichen Gesellschaftsvertrag geschlossen hatten oder war der R\u00fcckzug ins Private eine Form des Widerstehens? War die verh\u00f6hnte und geschm\u00e4hte Kleinb\u00fcrgerlichkeit die eigentliche Lebens- und \u00dcberlebensform der Menschen im Sozialismus, die schlie\u00dflich \u00fcber alle Utopien und Ideologien triumphierte? Jedenfalls paralysierte der allgemeine Schlendrian das Zwangssystem. Der hohe moralische Anspruch der sozialistischen Ideologie wurde unterminiert. Die Herrschenden hatten den Glauben an sich selbst verloren.<\/p>\n<p>Der DDR-Sozialismus ist an sich selbst zugrunde gegangen. Er scheiterte nicht an seinen Unvollkommenheiten sondern an seiner Vollendung. Am Ende stand &#8211; physikalisch ausgedr\u00fcckt &#8211; der W\u00e4rmetod des DDR-Sozialismus.<\/p>\n<p>Die sieben Grundelemente des Lebens waren seine sieben Tods\u00fcnden. Die Entm\u00fcndigung der Menschen, auch der eigenen Anh\u00e4ngerschaft, durch die Allzust\u00e4ndigkeit der Partei f\u00fchrte zum Verlust von Verantwortung. Die Installierung eines machtgesch\u00fctzten Wahrheitsmonopols zerst\u00f6rte den Austausch von Informationen und Meinungen im \u00f6ffentlichen Raum, den die Gesellschaft braucht, wie der K\u00f6rper den Blutkreislauf. Der permanente Erziehungsanspruch des Staates hielt die Menschen im Status von Kleinkindern, denen alles vorgesetzt wird, so lange sie folgsam sind. Ein \u00dcbriges tat die Freiheitsberaubung durch die Mauer und die Stasi. Im Schutz der Mauer entwickelte sich eine Einheitsgesellschaft der Angestellten, die auch die Integration der Frauen in den Arbeitsprozess erwirkte. Dazu entwickelte sich eine Kollektivit\u00e4t, die teils Zwang, teils Notgemeinschaft, teils Fluchtburg war. Diese funktionierte durch die Mangelgesellschaft, die das System kurzfristig stabilisierte, langfristig aber paralysierte und seiner Abwehrkr\u00e4fte beraubte.<\/p>\n<p>Als die eiserne Klammer des Zwangssystems fiel, wurden die einge\u00fcbten \u00dcberlebensstrategien der Mangelgesellschaft gegenstandslos. Die Mauer beengte das Leben nicht mehr, bot aber auch keinen Schutz mehr vor dem kalten Wind des Kapitalismus, der gerade in die Phase einer schrankenlosen Globalisierung getreten war. Die relative Gleichheit der sozialistischen Einheitsgesellschaft wich schnell einer neuen Ungleichheit zwischen den Verlierern und Gewinnern der Wende. Es waren vor allem die Schattenseiten der Marktwirtschaft mit denen die Bewohner der Neuen L\u00e4nder nun in Ber\u00fchrung kamen. Die politischen Parolen und Symbole der SED-Herrschaft wurden ersetzt durch eine aufdringliche Werbung. Die neue Gesellschaft sonderte einen betr\u00e4chtlichen Prozentsatz der erwerbsf\u00e4higen Bev\u00f6lkerung als nicht brauchbar aus. Menschen, deren Wert sich aus ihrer beruflichen T\u00e4tigkeit ergab, waren pl\u00f6tzlich nutzlos.<\/p>\n<p>Das Ende der DDR wurde begleitet von einem doppelten Glaubensverlust. Die Kirche hat trotz ihrer wichtigen Rolle w\u00e4hrend der Wende &#8211; die manche eine protestantische Revolution genannte hatten &#8211; ihre Funktion als H\u00fcterin sittlicher Werte allm\u00e4hlich verloren. Die DDR war wenigstens vom Anspruch her ein Staat der Sekund\u00e4rtugenden. Das Leben des Einzelnen war eingebunden in eine Art kollektiver Sinnerf\u00fcllung. Flei\u00dfige Arbeit im Betrieb und gesellschaftliche T\u00e4tigkeit im Wohnbezirk waren geehrt und geachtet. Die M\u00fchen des Alltags waren geadelt durch eine ideologisch gepr\u00e4gte Wertsch\u00e4tzung. Dieses Wertesystem brach 1989\/90 zusammen, ohne dass die traditionellen Werte der Zivilgesellschaft automatisch wieder ihren Platz einnahmen. Dieser Autorit\u00e4tsverlust f\u00fchrte zu einer diffusen Sehnsucht nach einer starken Hand, nach der Geborgenheit der Gruppe, nach einer ideologischen Sinnerf\u00fcllung jenseits jeglicher Kritik. Das macht Teile der Bev\u00f6lkerung anf\u00e4llig f\u00fcr die r\u00fcckw\u00e4rtsgewandte Utopie vom Arbeiter-und-Bauern-Paradies, das es niemals gegeben hat.<\/p>\n<p>Die b\u00fcrgerliche Gesellschaft betrat 1789 die B\u00fchne der Geschichte mit dem schmetternden Dreiklang: Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit. Die Freiheit hat zum zweihundertsten Jahrestag der Franz\u00f6sischen Revolution auch im Osten Deutschlands Einzug gehalten. Auch die Gleichheit ist wenigstens im rechtlichen Sinne verwirklicht. Was viele Menschen in der Gesellschaft vermissen ist die Br\u00fcderlichkeit. Ohne sie scheinen Freiheit und Gleichheit immer wieder gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p>[1] W.I. Lenin: Werke, Bd. 19, S. 3 ff., Berlin (DDR) 1977.<\/p>\n<p>[2] Zygmunt Baumann: Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust, Hamburg 1992, S. 128.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1888],"publikationen":[2820],"class_list":["post-10993","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-stefan-wolle","publikationen-185-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Das normale Leben - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/185-vorgaenge\/publikation\/das-normale-leben\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Das normale Leben - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"SED-Herrschaft und Alltagswirklichkeit in der DDR, aus: vorg\u00e4nge Nr. 185, Heft 1\/2009, S. 31-39 Man konnte gl\u00fccklich leben in der DDR, meinen die einen, und verweisen auf Vollbesch\u00e4ftigung, Kinderkrippen, Kollegialit\u00e4t am Arbeitsplatz und das harmonische Miteinander der Menschen. 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