{"id":10995,"date":"2009-03-01T19:30:00","date_gmt":"2009-03-01T18:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-verdraengte-erbschaft-des-herbstes-1989\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:28","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:28","slug":"die-verdraengte-erbschaft-des-herbstes-1989","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/185-vorgaenge\/publikation\/die-verdraengte-erbschaft-des-herbstes-1989\/","title":{"rendered":"Die verdr\u00e4ngte Erbschaft des Herbstes 1989"},"content":{"rendered":"<p>Blick zur&uuml;ck mit und ohne J&uuml;rgen Habermas,<\/p>\n<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 185, Heft 1\/2009, S. 48-58<\/p>\n<p>Das Jahr 2009 ist ein vergangenheitspolitisches Schaltjahr. Vor 20 Jahren im Herbst 1989 ereignete sich der Beginn des Untergangs der Deutschen Demokratischen Republik, die vor 60 Jahren gegr&uuml;ndet wurde. Ebenfalls vor 60 Jahren wurde am 23. Mai in der Bundesrepublik das Grundgesetz verk&uuml;ndet. In 2009 wird es nunmehr als eine gesamtdeutsche &#8222;demokratische Erfolgsgeschichte&#8220; gefeiert, auf die man stolz zur&uuml;ckblickt angesichts der gescheiterten ersten republikanischen Verfassung, die vor 90 Jahren in Kraft trat und in einer Republik ohne Demokraten auf wenig Verteidigung gegen die Nationalsozialisten stie&szlig;, die wiederum vor 70 Jahren mit dem &Uuml;berfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg begannen und die Welt in eine Katastrophe st&uuml;rzten.<\/p>\n<p>Alle diese Daten bilden ein zeitgeschichtliches Kontinuum, in dem alles miteinander zusammenh&auml;ngt und f&uuml;r die Bewertung der Vorg&auml;nge im Herbst 1989 von Relevanz ist. Doch mit welchen Begriffen soll man zur&uuml;ckschauen?<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"juergen-habermas-philosoph-der-bonner-republik\">J&uuml;rgen Habermas &ndash; Philosoph der Bonner Republik <\/span><\/h2>\n<p>Es ist der Sozialphilosoph J&uuml;rgen Habermas, der wie kein Zweiter in unserer Republik &uuml;ber Jahrzehnte bundesrepublikanischer Geschichte die politischen Entwicklungen nicht nur reflexiv begleitet, sondern auch die entsprechenden Stichworte geliefert hat, die sich zu pr&auml;genden, hegemonialen und die Wirklichkeit wahrnehmenden Begriffen ausgebildet haben.<\/p>\n<p>Habermas&#8216; Begriffe besitzen allerdings eine bundesrepublikanische Schlagseite. Den schon in der Nachkriegszeit elaborierten Begriffen wie &#8222;posttraditionale Identit&auml;t&#8220;, &#8222;abstrakter Verfassungspatriotismus&#8220;, &#8222;postnationale Konstellation&#8220; oder &#8222;neue Un&uuml;bersichtlichkeit&#8220; haftet zwar keineswegs der Geruch des Provinziellen an; sie sind kosmopolitisch, international anschlussf&auml;hig, inspirierend und tonangebend. Und trotzdem klebt an ihnen das Herkunftsigel der Bonner Republik. Das ergab sich gleichsam zwangsl&auml;ufig und war bis zur deutschen Einheit folgerichtig, jedenfalls nicht weiter verwunderlich angesichts einer bipolaren Weltordnung, in der das geteilte Deutschland Frontstaat zwischen den milit&auml;rischen Bl&ouml;cken war und sich die Bundesrepublik mit Konrad Adenauer f&uuml;r den Westen entschieden hatte.[1] Heinrich-August Winkler ordnet Habermas und seinesgleichen aus der Retrospektive einer &#8222;Adenauerschen Linken&#8220;[2] zu, die den Geist der Restauration der 1950er Jahre zwar bek&auml;mpfte, allerdings Adenauers Option f&uuml;r den Westen &#8211; der &#8222;Eind&auml;mmung durch Einbindung&#8220; &#8211; und der Schaffung europ&auml;ischer Strukturen den Vorzug vor einer voreiligen Wiedervereinigung gaben, die aus tendenziell[3] nationalistischen Gr&uuml;nden wiederum Kurt Schumacher favorisierte. Habermas klassifizierte die Westorientierung der Bundesrepublik als eine der gr&ouml;&szlig;ten Leistungen der Nachkriegszeit. &#8222;Dass sich die Deutschen diesseits von Elbe und Werra zum westlichen Europa rechnen, ist [jedenfalls] erst in den Jahrzehnten seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges selbstverst&auml;ndlich geworden&#8220;, sagte er im Mai 1987 in Kopenhagen in seiner Dankesrede zur Entgegennahme des Sonning-Preises.[4]<\/p>\n<p>Die historische Bedeutung der Westorientierung l&auml;sst sich mit Helmuth Plessners <i>Die versp&auml;tete Nation <\/i>erschlie&szlig;en. Dort f&uuml;hrt Plessner aus, wie der &#8222;b&uuml;rgerliche Geist&#8220; in Deutschland zu einer antiwestlichen Haltung gelangte, die schlie&szlig;lich in die Katastrophe f&uuml;hrte.[5] F&uuml;r die Nachkriegszeit macht Habermas eine &#8222;posttraditionale Identit&auml;t&#8220; gelten, zumal sich in der deutschen Geschichte auch vor Auschwitz keine positiven Ankn&uuml;pfungspunkte f&uuml;r eine nationale Identit&auml;t mehr finden lassen, sich die Bundesrepublik aufgrund eingeschr&auml;nkter Souver&auml;nit&auml;t bis 1989\/90 in einer postnationalen Konstellation befand.[6] Habermas entfaltet eine &#8222;Dialektik der Normalisierung&#8220;[7], nach der erst wieder Traditionen geschaffen werden m&uuml;ssen, auf die man sich in der Zukunft positiv wird berufen k&ouml;nnen.[8] Im Zentrum dieser kollektiven Identit&auml;tskonstruktion[9] soll ein nichtnationalistischer Verfassungspatriotismus liberaler Pr&auml;gung stehen (demokratischer Verfassungsstaat), &#8222;der sich nicht mehr auf das konkrete Ganze einer Nation, sondern auf abstrakte Verfahren und Prinzipien bezieht&#8220;[10].<\/p>\n<p>Gegen den leidenschaftslosen, abstrakten Verfassungspatriotismus und gegen die n&uuml;chterne rationalistische kollektive Identit&auml;tskonstruktion, die radikal mit der deutschen Tradition brechen m&ouml;chte, entbrannte 1986 der Historikerstreit,[11] der sich bis zum Vorabend der deutschen Einheit hinzog.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"normalisiertes-deutschland-vereintes-europa\">Norma&shy;li&shy;siertes Deutschland, vereintes Europa? <\/span><\/h2>\n<p>Seit dem Herbst 1989 ver&auml;nderte sich die Gesamtkonstellation. Die in der Bonner Republik von Habermas elaborierten Begrifflichkeiten nahmen nunmehr eine Einseitigkeit an, auf Grund welcher die Bedeutung der fortschrittlichen Impulse seitens der ostdeutschen B&uuml;rgerrechtsbewegung nur schwer wahrgenommen werden konnten. Schon vor der &#8222;Wende&#8220; von 1989 hatte Habermas postnationale Konstellation und posttraditionale Identit&auml;t nicht mehr nur auf Westdeutschland bezogen, sondern als allgemeine Tendenz f&uuml;r die fortgeschrittenen westlichen Industriestaaten in Anschlag gebracht.[12] Habermas war wie viele westdeutsche Intellektuelle auf die M&ouml;glichkeit einer Wiedervereinigung nicht gerade vorbereitet und dieser gegen&uuml;ber skeptisch eingestellt. Nach der deutschen Einheit interessiert er sich nunmehr f&uuml;r die nach vorne gerichteten Prozesse, wenn er etwa sagt: &#8222;Kohls historischer Verdienst war die Verklammerung der nationalen Wiedervereinigung mit der Einigung Europas&#8220;[13]. In der Berliner Republik seit Mitte der 1990er Jahre wird dann die Europ&auml;ische Union f&uuml;r Habermas zum Dreh- und Angelprojekt einer ersten realen postnationalen Demokratie auf h&ouml;herer Integrationsebene. Er kritisiert zwar vehement ein offenkundig gewordenes Demokratiedefizit der Europ&auml;ischen Union, weil man sich der historischen Wurzeln der europ&auml;ischen Integration nicht mehr erinnere.[14] Im Juni 2001 hielt Habermas in mehreren europ&auml;ischen Hauptst&auml;dten eine Rede &uuml;ber die Notwendigkeit einer europ&auml;ischen Verfassung.[15] Demnach bestehe eine bemerkenswerte Diskrepanz zwischen den einstigen Euphorien und Visionen der Europ&auml;er unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg und den Konzepten jener, die heute die politische Einigung Europas zu vollstrecken haben.[16] Die Gr&uuml;ndungsv&auml;ter h&auml;tten eher ein politisches Europa nach Vorbild der USA im Blick gehabt. Die Ideologie des Nationalismus sollte f&uuml;r immer ge&auml;chtet sein, und dessen Bezugsgr&ouml;&szlig;e: der Nationalstaat, sollte durch eine h&ouml;here Integrationsebene aufgel&ouml;st werden. Mittlerweile aber werde die europ&auml;ische Integration beinahe ausnahmslos vorangetrieben durch die &ouml;konomischen Interessen. Der Wille zu neuen Integrationsebenen und sinnstiftenden, kollektiven Identit&auml;ten, so Habermas, entstehe aber vor allem als Reflex auf gesellschaftliche Krisensituationen.[17] Das sei auch der Grund, weshalb die Gr&uuml;ndungsv&auml;ter eines politischen Europas unmittelbar nach dem Krieg weitaus verst&auml;ndiger in der Bereitschaft f&uuml;r postnationale Konstellationen gewesen waren als heute: Der zivilisatorische Zusammenbruch in der ersten H&auml;lfte des letzten Jahrhunderts sei heute weitgehend &#8222;sachlich&#8220; verarbeitet. Alles dr&auml;nge nach &#8222;Normalit&auml;t&#8220;[18]. In Europa herrsche keine Angst mehr vor einem chauvinistischen Deutschland.[19]<\/p>\n<p>Allerdings unterl&auml;sst es Habermas, zur Verst&auml;rkung seiner Kritik sich positiv auf den Herbst 1989, d.h. auf die emanzipativen Impulse der ostdeutschen B&uuml;rgerbewegung dieser Zeit zu beziehen. Insofern scheint diese Phase f&uuml;r Habermas eine Marginalie gewesen zu sein. Ostdeutschen Intellektuellen hat Habermas durchaus etwas zu sagen, aber sie m&uuml;ssen sich dessen Gedankenwelt &uuml;ber den Umweg der Verinnerlichung und Rekonstruktion der bundesrepublikanischen Geschichte zuvor aneignen, um zu verstehen, wie und warum Habermas sich politisch positioniert. Das gilt nicht nur f&uuml;r die Begriffe, die in der Nachkriegszeit entstanden sind, sondern auch f&uuml;r weiter reichende Begriffe und Argumentationen, die sich auf &#8222;postnationale Konstellation&#8220;, &#8222;posttraditionale Identit&auml;t&#8220;, &#8222;nachholende Revolution&#8220;, &#8222;Normalit&auml;t&#8220; und &#8222;Berliner Republik&#8220; beziehen oder konsequenzlogisch darauf hinauslaufen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"philosoph-der-berliner-republik\">Philosoph der Berliner Republik? <\/span><\/h2>\n<p>Habermas wurde sp&auml;testens in der Gestalt annehmenden und viel gepriesenen Berliner Republik zu deren Sozialphilosophen gek&uuml;rt &#8211; wie einmal Hegel f&uuml;r Preu&szlig;en. Es handelt sich dabei zwar nicht um bornierte Ignoranz gegen&uuml;ber ostdeutschen Biographien, wenngleich es aber problematisch erscheint und Westzentrierung auch des vereinten Deutschlands widerspiegelt, wenn jemand auf den Thron <i>des <\/i>Republikphilosophen gehoben wird, der Ostdeutschen mit DDR-Sozialisation nur auf Umwegen begreiflich gemacht werden kann: Ihre &#8222;nachgeholte Revolution&#8220;[20]} setzte das vereinte Deutschland und die Europ&auml;er instand, die durch den Zweiten Weltkrieg hervorgerufenen Wunden auf der politischen Landkarte Europas zu schlie&szlig;en, d.h. die Teilung des Kontinents zu &uuml;berwinden.<\/p>\n<p>Das ist sicher ein Verdienst. Aber dass das Ganze unter kapitalistischen und neoliberalen Vorzeichen stattfand, ist sicher nicht mit der urspr&uuml;nglichen Absicht vieler ostdeutscher Intellektueller vereinbar gewesen. Man k&ouml;nnte mithin auf die Idee kommen, dass &#8222;Siegerphilosophie&#8220; so ausschaut, gleichsam eine Philosophie, die im &ouml;ffentlichen Gebrauch der Historie zu politisierten Zwecken instrumentalisiert wird. Einen Philosophen im vereinten Deutschland zu finden, der dem Anspruch gerecht w&uuml;rde, beiden parallel verlaufenen Geschichten nach 1945 bis 1989\/90 Geltung zu verschaffen, f&auml;llt indes au&szlig;erordentlich schwer. Wer, wenn nicht Habermas? Am einfachsten wird es sein, sich erst gar nicht auf die Suche zu begeben. Der Ikonisierung scheint auch Habermas selbst nicht gerecht zu werden. Wir ben&ouml;tigen in Wirklichkeit &uuml;berhaupt keinen Philosophen <i>der <\/i>Republik. Was wir ben&ouml;tigen ist eine Republik der Philosophen. Dem w&uuml;rde sicher auch Habermas zustimmen. Jedenfalls ist seine Diskursethik[21] die ad&auml;quate &#8222;moralisch-praktische Verfahrensrationalit&auml;t&#8220;[22] f&uuml;r den &ouml;ffentlichen Gebrauch der Vernunft in einer Republik mit lauter Philosophen. H&auml;tten wir eine solch lebendige und gebildete &Ouml;ffentlichkeit, so lie&szlig;en sich die &ouml;ffentlichen Diskurse nicht so ohne weiteres nach Herrschaftsinteressen ordnen,[23] und wichtige, aber f&uuml;r die herrschenden Eliten l&auml;stige emanzipatorische Impulse lie&szlig;en sich nicht so einfach von der Oberfl&auml;che verdr&auml;ngen. Zu solchen Impulsen z&auml;hlen auch die politischen Ideen der ostdeutschen B&uuml;rgerrechtsbewegung aus dem Herbst 1989, die am Runden Tisch in einem Verfassungsentwurf kulminierten. Es handelt sich hierbei um ein unterdr&uuml;cktes, vom vereinten Deutschland nicht angetretenes Erbe von 1989.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"der-verfassungsentwurf-des-runden-tisches\">Der Verfas&shy;sungs&shy;ent&shy;wurf des Runden Tisches <\/span><\/h2>\n<p>Der Verfassungsentwurf des Runden Tisches ist das eigentliche Verm&auml;chtnis aus dieser Zeit. Diese Erkenntnis wird nicht dadurch falsch, dass sie auch von Hans Modrow ge&auml;u&szlig;ert wurde. Der Verfassungsentwurf war nicht nur eine Weiterf&uuml;hrung des Grundgesetzes, sondern auch eine Konsequenz aus der eklatanten Differenz zwischen Norm und Wirklichkeit der DDR-Verfassung. Menschen-, B&uuml;rger- und Grundrechte wurden in dem Entwurf, an dem als Berater die Rechtswissenschaftler Ulrich K. Preu&szlig;, Bernhard Schlink und die derzeitige Bundesvorsitzende der Humanistischen Union Rosemarie Will beteiligt gewesen waren, entsprechend st&auml;rker gewichtet. Auf eine Notstandsgesetzgebung wurde mit Rekurs auf die Proteste der au&szlig;erparlamentarischen Opposition der 1960er Jahre in der Bundesrepublik ganz bewusst verzichtet. Im Gegensatz zum Grundgesetz, an dem der Verfassungsentwurf orientiert war, wurden auch soziale Grundrechte verfassungsrechtlich verankert: z.B. ein Recht auf Wohnung, Arbeit und Arbeitsf&ouml;rderung. Ferner wurde ein starkes Gewicht auf Elemente partizipatorischer Demokratie gelegt, die Gewerkschaften als Verfassungsgaranten mit einem politischen Mandat ausgestattet und die Mitwirkung von B&uuml;rgerbewegungen an der politischen Willensbildung hervorgehoben sowie die M&ouml;glichkeit von B&uuml;rgerentscheiden zu politischen Sachthemen vorgesehen.[24]<\/p>\n<p>Zu erinnern w&auml;re auch an den Kreis reformorientierter Intelligenz innerhalb der SED, deren geistiges Zentrum an der Humboldt-Universit&auml;t angesiedelt war. Dort gr&uuml;ndeten Wissenschaftler wie Dieter Segert und Dieter Klein ein &#8222;Institut f&uuml;r interdisziplin&auml;re Zivilisationsforschung&#8220;, zu dessen Umfeld auch Christa Wolf und Volker Braun z&auml;hlten. Die kritischen Intellektuellen innerhalb der SED kamen zu &auml;hnlichen &Uuml;berlegungen wie die Oppositionsgruppen gegen die SED, die unter dem Dach der evangelischen Kirche Schutz gefunden hatten, und bef&uuml;rworteten die Entwicklung einer Wirtschaftsdemokratie, die St&auml;rkere Einbindung in die europ&auml;ischen Strukturen, Abr&uuml;stung und Aufl&ouml;sung der konkurrierenden Milit&auml;rbl&ouml;cke.[25]<\/p>\n<p>Der Verfassungsentwurf wurde im letzten Jahr der DDR in der Volkskammer nicht mehr behandelt. Das war eine verspielte Chance.[26] Stattdessen wurden in der Volkskammer &Uuml;bergangsregelungen f&uuml;r die bestehende Verfassung der DDR vereinbart, die den Anschluss an die Bundesrepublik, d.h. den Beitritt zum Grundgesetz regelten. Im vereinten Deutschland fand dann keine Verfassungsdebatte mehr statt. Dieter Klein hat k&uuml;rzlich auf einer Konferenz in Leipzig betont, dass die ostdeutsche B&uuml;rgerrechtsbewegung aufgrund ihrer Nicht-Verstricktheit in das SED-Regime moralisch legitimiert gewesen sei, einen solchen Verfassungsentwurf einzubringen. Es sei aber nur ein kurzes Zeitfenster gewesen, f&uuml;r einen demokratischen Sozialismus in der DDR einzustehen. Immerhin befand sich die DDR in der Phase ihrer Aufl&ouml;sung.<\/p>\n<p>Die Erfahrungen der ostdeutschen B&uuml;rgerbewegung k&ouml;nnten heute in den Zeiten der Kapital- und Finanzkrise wiederum fruchtbar gemacht werden. Im Herbst 1989 befinde sich, so Klein, gleichsam etwas Unabgegoltenes: Die Erfahrungen, in einer nicht mehr funktionierenden Gesellschaft mit untauglichen Machtstrukturen zu leben und dennoch zu glauben, man k&ouml;nne an den Grundnormen festhalten, haben ostdeutsche Intellektuelle aufgrund ihrer Erfahrungen im Herbst 1989 besser reflektiert als Westdeutsche. Wenn sich heute in gewisser Hinsicht dasselbe unter neoliberalen Vorzeichen wiederholt, machten jedenfalls Westdeutsche im Gegensatz zu Ostdeutschen diese konkrete Erfahrung zum ersten Mal. Erforderlich sei ein Bruch mit dem &#8222;Weiter so&#8220;, gleichsam mit Herrschaftsdiskursen, so dass es m&ouml;glich wird, ein Gesamtkonzept f&uuml;r eine gesellschaftliche Alternative (konkrete Utopie), zu entwickeln, in der ein humanes Leitbild verankert ist. Historische Ankn&uuml;pfungspunkte finden sich im Prager Fr&uuml;hling und in dem Arbeiterselbstverwaltungsmodell Jugoslawiens. Insbesondere ohne den Prager Fr&uuml;hling h&auml;tte es vermutlich keinen Herbst 1989 in der DDR gegeben.<\/p>\n<p>Das Erbe von 1989 ist demnach nicht marginal, wohl aber marginalisiert und verdr&auml;ngt worden. Jedoch nicht vergessen. Ansonsten m&uuml;sste Schweigen zu dieser Frage herrschen. Denn das Vergessen-K&ouml;nnen ist etwas Notwendiges, um sich auf das Wichtige konzentrieren zu k&ouml;nnen. Was unabgegolten ist, kann aber nicht vergessen werden; es spukt herum und dr&auml;ngt an die &ouml;ffentliche Oberfl&auml;che. &#8222;Noch das Vergessen steht unter dem Zwang des Nicht-Vergessen-K&ouml;nnens; das nennen wir Verdr&auml;ngung.&#8220;[27] Das sagte Habermas anl&auml;sslich der Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises 1985.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"erinnerungskultur-nachgeholte-oder-gescheiterte-revolution\">Erinne&shy;rungs&shy;kul&shy;tur: Nachgeholte oder geschei&shy;terte Revolution? <\/span><\/h2>\n<p>Die Erinnerungskultur hat sich darauf beschr&auml;nkt, den Verlauf einer allm&auml;hlichen &Uuml;bergabe der DDR von den Herbstdemonstrationen &uuml;ber den Fall der Mauer bis zum 2+4- Vertrag &uuml;ber die deutsche Wiedervereinigung zu rekonstruieren. Dabei werden die ostdeutschen Proteste, die das SED-Regime gest&uuml;rzt haben, als eine weitgehend unblutig verlaufene Revolution klassifiziert. Habermas bezeichnet die Umbr&uuml;che als eine &#8222;nachholende Revolution&#8220;. Selten wird sich l&auml;nger an der Bedeutung der semantischen Verschiebung der im Herbst 1989 in Leipzig, Dresden und anderswo skandierten Parole &#8222;Wir sind das Volk&#8220; in &#8222;Wir sind ein Volk&#8220; aufgehalten. Dabei markiert dieser semantische Umschlag das Scheitern einer revolution&auml;ren Demokratisierung des Realsozialismus seitens der ostdeutschen Intellektuellen. Zwar hat Habermas auf diesen Unterschied durchaus verwiesen.[28] Dass er aber den Schwerpunkt der Konnotation auf das Attribut &#8222;nachholende&#8220; Revolution gelegt hat, f&uuml;hrte zur Verallgemeinerung des historischen Augenblicks. Das wurde der Intention der ostdeutschen B&uuml;rgerrechtsbewegung nicht gerecht. Vom Gelingen oder Scheitern ihrer Intentionen hing weniger die Frage der Wiedervereinigung ab &#8211; oder einer normalisierten Nation, die ihre Versp&auml;tung aufgeholt habe -, sondern inwieweit das Projekt des real existierenden Sozialismus auf dem M&uuml;llhaufen der Geschichte landet.<\/p>\n<p>Die Geschichte des real existierenden Sozialismus, insbesondere der DDR, ist zwar keine Erfolgsgeschichte. Aus ihr sind hinsichtlich des praktizierten Verh&auml;ltnisses zwischen Freiheit und Gleichheit nur Erfahrungen im Sinne negativ abzuleitender Konsequenzen fruchtbar zu machen. Aber marginal ist die DDR-Geschichte keineswegs. &Uuml;berhaupt k&ouml;nnen die parallel verlaufenen Geschichten der beiden deutschen Staaten, mutatis mutandis zwischen der westlichen und &ouml;stlichen Hemisph&auml;re, die durch den Eisernen Vorhang getrennt waren, nicht isoliert voneinander betrachtet werden. Da Deutschland geteilter Frontstaat in der bipolaren Weltordnung gewesen war, galt in der Bundesrepublik besonders, wie auch im &uuml;brigen Westeuropa in etwas abgeschw&auml;chtem Ma&szlig;e, dass die herrschenden Eliten in Politik und Wirtschaft zu einem Klassenkompromiss bereit waren, der den Erhalt und sogar den zeitweiligen Ausbau des Sozialstaats erm&ouml;glichte. Jedenfalls solange, wie ann&auml;hernd Vollbesch&auml;ftigung existierte und die Gewerkschaften von ihrem politischen Mandat seit 1952 nur noch punktuellen Gebrauch machten, statt dessen ihre Kompetenzen als Vertragsmacht gestalterisch zur Verbesserung der sozialen Absicherung der Lohnabh&auml;ngigen einsetzten.[29] Seit Mitte der 1980er Jahre allerdings waren in Westdeutschland die f&uuml;r die Gewerkschaften g&uuml;nstigen Kampfbedingungen der Vollbesch&auml;ftigung nicht mehr gegeben. Das Kapital verlor zunehmend die Bereitschaft, den Sozialstaat mitzufinanzieren.[30] Die Phase des stetigen und bis heute anhaltenden Sozialabbaus setzte ein und beschleunigte sich ab dem Zeitpunkt, als der Realsozialismus zusammenbrach. Mit der Aufl&ouml;sung des Realsozialismus hatten das westliche Sozialstaatsmodell und die Soziale Marktwirtschaft als Konkurrenzmodelle ihre ideologische Funktion verloren. Insofern bestand keine Notwendigkeit mehr, im Westen einen gut funktionierenden Sozialstaat sowie einen geb&auml;ndigten, Rheinischen Kapitalismus aufrechtzuerhalten. Die zu Neoliberalen gewandelten Eliten witterten die Chance, ihre eigenen Taschen zu f&uuml;llen.<\/p>\n<p>In der westdeutschen &Ouml;ffentlichkeit begann eine breite Debatte &uuml;ber das Scheitern des Sozialismus. Glasnost und Perestroika wurden als Eingest&auml;ndnis f&uuml;r seinen Bankrott interpretiert. Es griff eine weit gehende Paralysierung in der westdeutschen Linken um sich, die durch den Zusammenbruch der Sowjetunion ihren H&ouml;hepunkt erreichte und schlie&szlig;lich politisches Konvertitentum, die Abkehr von Marx und sozialistischen Leitideen hervorbrachte. Zum Pendant des &#8222;Wendehalses&#8220; im Osten fand Oskar Negt die treffende Bezeichnung des &#8222;politischen Konvertiten&#8220; im Westen. &#8222;Der Opportunismus ist die eigentliche Geisteskrankheit der Intellektuellen.&#8220;[31] Warum es dazu kam, ist trotz virulentem Antikommunismus[32] erkl&auml;rungsbed&uuml;rftig, denn im undogmatischen Teil der westdeutschen Linken hat es im Nachkriegsdeutschland nie einen Zweifel daran gegeben, dass der so genannte real existierende Sozialismus, eine marxistisch-leninistische Einparteienherrschaft, b&uuml;rokratischer Dogmatismus, sowie Verstaatlichung der Gesellschaft mit wirklichem Sozialismus nichts gemein hatte. Vorherrschend in der Wahrnehmung war das von Francis Fukuyama zu dieser Zeit postulierte Ende der Geschichte.[33] Zwar wurde vornehmlich in der links-liberalen &Ouml;ffentlichkeit verhaltene Kritik an einem vermeintlichen Sieg des Kapitalismus ge&uuml;bt, aber eine grundlegende Abkehr von der materialistischen Geschichtsauffassung und von ihrem Philosophen, Karl Marx, war auch darin zu vernehmen.[34]<\/p>\n<p>Statt als verl&auml;ngerter Arm der am demokratischen Sozialismus interessierten DDR-Opposition zu wirken, hat sich die westdeutsche Linke in den Monaten der osteurop&auml;ischen Losl&ouml;sung von den starren, stalinistischen Strukturen weitgehend von den Idealen des Sozialismus abgewandt und endg&uuml;ltigen Frieden mit der gez&auml;hmten kapitalistischen Variante: der sozialen Marktwirtschaft Frieden geschlossen, die aber im Untergang begriffen war.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"neoliberale-gegenrevolution\">Neoliberale Gegen&shy;re&shy;vo&shy;lu&shy;tion <\/span><\/h2>\n<p>Zwei Jahrzehnte nach den Umw&auml;lzungsprozessen in Osteuropa, die nachhaltig die gesamte Weltordnung ver&auml;ndert haben, l&auml;sst sich das Ganze im Weltma&szlig;stab viel besser als eine neoliberale Gegenrevolution interpretieren, die hinter das Jahr 1917 zur&uuml;ckgehen m&ouml;chte. Globalisierung und Neoliberalismus sind die entsprechenden ideologischen Schlagworte, die eine zunehmende Zentralisierung wirtschaftlicher Macht und ihrer Kapitalstrukturen begleiten. Mit dieser Zentralisierung ging eine Aush&ouml;hlung sozialer und demokratischer Partizipationsm&ouml;glichkeiten einher.<\/p>\n<p>Nach dem Untergang des Realsozialismus folgten also der Aufstieg des Marktradikalismus und die Krise des Sozialstaats. Was die Menschen suchten, als sie den Realsozialismus zu Fall brachten und im Sozialstaatsgedanken des Westens zu finden glaubten, war zu diesem Zeitpunkt mithin bereits im Verschwinden begriffen. In dem, was gemeinhin seitdem als Globalisierung bezeichnet wird, erkannte Habermas eine Gef&auml;hrdung f&uuml;r den Bestand des im nationalstaatlichen Rahmen konstituierten Rechts- und Sozialstaats.[35] Der Globale Kapitalismus depotenziere jedenfalls die sozialpolitische Gestaltungsmacht des Nationalstaats, der den politischen Herausforderungen mehr oder weniger machtlos gegen&uuml;berstehe. Sachzw&auml;nge und Imperative der Standortlogik, vor denen die Politik kapituliere, das hei&szlig;t, sie &uuml;bernehme das neoliberale Paradigma und wickle sich selbst ab, beherrschten unsere Parlamente, statt dass in ihnen wie anderswo &uuml;ber Formen nachgedacht werde, die dem demokratischen Prozess zutr&auml;glich sind und jenseits des Nationalstaats entstehen k&ouml;nnen. Die demokratische Selbststeuerung der Staatsb&uuml;rger war auf den Nationalstaat als Rahmen angewiesen. Wenn dieser nun sukzessive wegfalle, so Habermas, dann m&uuml;sse im postnationalen Bereich Ersatz geschaffen werden. Die Europ&auml;ische Union sei die erste postnationale Demokratie, wenn sie auch noch ein deutliches legitimatorisches Defizit aufweise und dringend eine Verfassung ben&ouml;tige, die das Defizit beseitigt. Ralf Dahrendorf sprach indes vom Ende des sozialdemokratischen Jahrhunderts und prognostizierte, das 21. Jahrhundert werde zum Autoritarismus zur&uuml;ckkehren.<\/p>\n<p>Die DDR scheiterte an dem Mangel an Demokratie. Das vereinte Deutschland und Europa &#8211; 20 Jahre nach dem Abriss der Mauer und des Eisernen Vorhangs &#8211; drohen indes an der sozialen Frage zu scheitern. Die eklatante Differenz zwischen Verfassungsnorm und Verfassungswirklichkeit wurde der DDR zum Verh&auml;ngnis, als die Menschen, durch Perestroika und Glasnost inspiriert, sich massenweise gegen den autorit&auml;ren stalinistischen Staat auflehnten. Das Gelingen der bundesrepublikanischen Demokratie ist dagegen nicht zuletzt auf die nachtr&auml;gliche Aneignung des Grundgesetzes, das 1949 durch keinen Volksentscheid legitimiert wurde, im Kampf gegen dessen Verunstaltung in den 1950er Jahren durch die Einf&uuml;hrung einer Wehrverfassung sowie der Notstandsgesetze von 1968 seitens der westdeutschen Bev&ouml;lkerung zur&uuml;ckzuf&uuml;hren.[36] Zunehmende Differenz zwischen Verfassungsnorm und Verfassungswirklichkeit, gleichsam die Aufk&uuml;ndigung des Klassenkompromisses, droht auch dem vereinten Deutschland zum Verh&auml;ngnis, d.h. zum Menetekel seines Scheiterns zu werden, zumal s&auml;mtliche Bem&uuml;hungen, 1990 eine neue gesamtdeutsche Verfassung auszuarbeiten, von den herrschenden Eliten abgew&uuml;rgt wurde.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"vom-provisorium-stillschweigend-zur-gesamtdeutschen-verfassung\">Vom Provisorium still&shy;schwei&shy;gend zur gesamt&shy;deut&shy;schen Verfassung <\/span><\/h2>\n<p>Das Grundgesetz wurde 1949 auf Dr&auml;ngen der Westalliierten als Provisorium verk&uuml;ndet, die Konstituierung eines einheitlichen Nationalstaates aus allen Besatzungszonen bestimmte weiterhin die politische Naherwartung. Man sah davon ab, es rechtlich durch einen Volksentscheid zu legitimieren, weil an einer solchen plebiszit&auml;ren Abstimmung ein Gro&szlig;teil der Deutschen, die au&szlig;erhalb des Hoheitsgebietes der Bundesrepublik lebten, nicht h&auml;tten teilnehmen k&ouml;nnen. Au&szlig;erdem war die nationalstaatliche Souver&auml;nit&auml;t der gerade gegr&uuml;ndeten Bundesrepublik durch die Hoheitsrechte der alliierten Besatzungsm&auml;chte eingeschr&auml;nkt. Aus diesen beiden Gr&uuml;nden wurde in Art. 146 GG bestimmt, dass das Grundgesetz &#8222;seine G&uuml;ltigkeit an dem Tage [verliere], an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist&#8220;. Allerdings sahen die Verfassungsv&auml;ter in Art. 23 GG eine weitere M&ouml;glichkeit vor: die des Beitretens anderer Teile Deutschlands, in denen das Grundgesetz dann in Kraft zu setzen sei. Diese Regelung war allerdings im Hinblick auf das Saarland hinzugef&uuml;gt worden, das politisch erst 1955 wieder in die Bundesrepublik eingegliedert wurde.<\/p>\n<p>Die Wiedervereinigung ist nicht als Neugr&uuml;ndung der Republik verstanden worden, sondern als Beitritt Ostdeutschlands zur Bundesrepublik. Dementsprechend hat es auch keine Debatte um eine neue Verfassung gegeben.[37] Die alte wurde einfach beibehalten. Dennoch ist das Provisorium, welches die Bonner Republik dargestellt hatte, mit der Erlangung nationalstaatlicher Souver&auml;nit&auml;t gleichsam aufgehoben worden. Das h&auml;tte in einem demokratischen Staat konsequenterweise eine &ouml;ffentliche Debatte hinsichtlich der Neuorientierung, der Implikationen und Konsequenzen der durch die Wiedervereinigung erlangten Nationalstaatssouver&auml;nit&auml;t zur Folge haben m&uuml;ssen, zumal nach Art. 146 GG eine verfassungspolitische Diskussion im Zuge der Wiedervereinigung <i>geboten <\/i>gewesen w&auml;re. Heute &#8211; 20 Jahre danach &#8211; l&auml;sst sich dieses undemokratische Vorgehen nicht mehr r&uuml;ckg&auml;ngig machen. Man hat sich damit abgefunden. Die Ignoranz gegen&uuml;ber den emanzipativen Impulsen hat allerdings der Linkspartei, in der der Unmut aus Ost- und Westdeutschland sich vereinigt hat, ihren Aufstieg beschert und zu einer &#8222;Normalisierung&#8220; der Parteienlandschaft beigetragen.<\/p>\n<p>Vielleicht h&auml;tte auch &#8211; das gilt es zu bedenken &#8211; eine Debatte um eine neue, gesamtdeutsche Verfassung auch in dem Desaster geendet, dass eine solche hinter den Errungenschaften des Grundgesetzes zur&uuml;ckgeblieben w&auml;re. Gleichzeitig sind aber auch Chancen vergeben worden, die sich in den Ideen des Verfassungsentwurfes des Runden Tisches andeuteten. Nach dem Wegfall der ideologisch verh&auml;rteten Konfrontation im Kalten Krieg aus Stalinismus und Antikommunismus, w&auml;re es jedenfalls durchaus vern&uuml;nftig gewesen, &uuml;ber eine neue Verfassung nachzudenken. Anzukn&uuml;pfen w&auml;re sowohl an die sozialistisch-demokratische Tradition der DDR-Opposition als auch an die Proteste der sp&auml;ten 1960er Jahre in der Bundesrepublik gewesen.<\/p>\n<p>Was nach der Ern&uuml;chterung einer abermals in Deutschland gescheiterten Revolution vom Tr&auml;umen &uuml;brig blieb, ist der Stoff, aus dem die Tr&auml;ume gemacht sind: das allt&auml;gliche Jammertal, das dessen Kritik provoziert und die sozialistische Utopie im Bewusstsein stets zur Wirklichkeit dr&auml;ngen l&auml;sst. Diese Utopie bleibt, wie Heiner M&uuml;ller vielleicht etwas zu chiliastisch prognostizierte, &#8222;ein Menschheitstraum, an dessen Erf&uuml;llung eine Generation nach der anderen arbeiten wird bis zum Untergang unserer Welt&#8220;.[38]<\/p>\n<p>[1] Vgl. Ludolf Herbst: Option f&uuml;r den Westen. Vom Marshallplan bis zum deutsch-franz&ouml;sischen Vertrag, 2. durchgesehene Aufl., 1996.<\/p>\n<p>[2] Heinrich August Winkler: Auf ewig in Hitlers Schatten? Anmerkungen zur deutschen Geschichte, M&uuml;nchen 2007, S. 127.<\/p>\n<p>[3] Entscheidend f&uuml;r Schumachers Position d&uuml;rfte auch gewesen sein, dass sich die Hochburgen der <br \/>SPD in Sachsen und Th&uuml;ringen befanden, w&auml;hrend Westdeutschland st&auml;rker katholisch gepr&auml;gt war.<\/p>\n<p>[4] Vgl. J&uuml;rgen Habermas: Geschichtsbewusstsein und posttraditionale Identit&auml;t. Die Westorientierung der Bundesrepublik, in ders.: Eine Art der Schadensabwicklung, Frankfurt am Main 1987, S. 161.<\/p>\n<p>[5] Vgl. Helmuth Plessner: Die versp&auml;tete Nation. &Uuml;ber die politische Verf&uuml;hrbarkeit b&uuml;rgerlichen Geistes, 6. Aufl., Frankfurt am Main 1998.<\/p>\n<p>[6] Vgl. Habermas: Die postnationale Konstellation. Politische Essays, Frankfurt am Main 1998.<\/p>\n<p>[7] Das Theorem habe ich an anderer Stelle ausf&uuml;hrlich aus verschiedenen Aufs&auml;tzen von Habermas zusammengetragen und kritisch reflektiert. Vgl. Marcus Hawel: Das Versprechen der Normalit&auml;t, in ders.: Die normalisierte Nation. Vergangenheitsbew&auml;ltigung und Au&szlig;enpolitik in Deutschland, Hannover 2007, S. 71-95.<\/p>\n<p>[8] Vgl. Habermas: Der Golf-Krieg als Katalysator einer neuen deutschen Normalit&auml;t?, in ders.: Vergangenheit als Zukunft, Z&uuml;rich 1990, S. 41f. Siehe auch Habermas: Grenzen des Neohistorismus, in ders.: Die nachholende Revolution, Frankfurt am Main 1990, S. 155: Wir k&ouml;nnen uns unsere Traditionen nicht aussuchen, aber wir k&ouml;nnen wissen, dass es an uns liegt, wie wir sie fortsetzen.<\/p>\n<p>[9] Vgl. Habermas: K&ouml;nnen komplexe Gesellschaften eine vern&uuml;nftige Identit&auml;t ausbilden?, in ders.: Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus, Frankfurt am Main 1976, S. 92-129.<\/p>\n<p>[10] Habermas: Geschichtsbewusstsein und posttraditionale Identit&auml;t, a.a.O., S. 173. Siehe auch Jens Hackes Aufsatz: Wir-Gef&uuml;hle. Repr&auml;sentationsformen kollektiver Identit&auml;t bei J&uuml;rgen Habermas, in: Mittelweg 36, 17. Jg., Nr. 6 vom Dezember 2008, S. 12-31. Hacke kritisiert Habermas&#8216; rationalistische, aus dem Geist der Aufkl&auml;rung hergeleitete kollektive, aber leidenschaftslose Identit&auml;tskonstruktion. Hacke hatte bereits umfassend die These von Habermas zur Fundamentalliberalisierung der Bundesrepublik, die durch die Proteste der sp&auml;ten 1960er Jahre angesto&szlig;en wurde, in Frage gestellt und die &#8222;Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik&#8220; aus dem Geist der Restauration abgeleitet. Vgl. Jens Hacke: Philosophie der B&uuml;rgerlichkeit. Die liberalkonservative Begr&uuml;ndung der Bundesrepublik, G&ouml;ttingen 2006; siehe dagegen Gregor Kritidis, der auf die Leistungen der linkssozialistischen Opposition in der &Auml;ra Adenauer fokussiert: Linkssozialistische Opposition in der &Auml;ra Adenauer. Ein Beitrag zur Fr&uuml;hgeschichte der Bundesrepublik, Hannover 2008.<\/p>\n<p>[11] Vgl. Historikerstreit. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung, M&uuml;nchen 1987; siehe auch Habermas: Keine Normalisierung der Vergangenheit, in ders.: Eine Art Schadensabwicklung, a.a.O., S. 11-17.<\/p>\n<p>[12] Vgl. z.B. Habermas: Geschichtsbewusstsein und posttraditionale Identit&auml;t, a.a.O., S. 170.<\/p>\n<p>[13] Habermas: Es gibt doch Alternativen!, in ders.: Zeit der &Uuml;berg&auml;nge, Frankfurt am Main 2001, S. 1124; S. 11.<\/p>\n<p>[14] Habermas: Braucht Europa eine Verfassung?, in ders.: Zeit der &Uuml;berg&auml;nge, a.a.O., S. 104-129.<\/p>\n<p>[15] J&uuml;rgen Habermas: Warum braucht Europa eine Verfassung? &#8211; Nur als politisches Gemeinwesen kann der Kontinent seine in Gefahr geratene Kultur und Lebensform verteidigen, in: Die Zeit, 27\/2001.<\/p>\n<p>[16] Siehe Joachim Perels: Die historischen Wurzeln der europ&auml;ischen Einigung und die gegenw&auml;rtige Konstituierung der Verfassung, in: Christiane Lemke, Jutta Joachim und Ines Katenhusen (Hg.): Konstitutionalisierung und Governance in der EU &#8211; Perspektiven einer Europ&auml;ischen Verfassung, M&uuml;nster 2006, S. 29-45.<\/p>\n<p>[17] Hinsichtlich dieser nicht ungef&auml;hrlichen Problematik, siehe: Helmut Heit (Hg.): Die Werte Europas. Verfassungspatriotismus und Wertegemeinschaft in der EU, M&uuml;nster 2004.<\/p>\n<p>[18] Vgl. Habermas: Die Normalit&auml;t einer Berliner Republik, Frankfurt am Main 1995.<\/p>\n<p>[19] Vgl. Marcus Hawel: Die normalisierte Nation, a.a.O.<\/p>\n<p>[20] Vgl. Habermas: Die nachholende Revolution, a.a.O.<\/p>\n<p>[21] Siehe Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns, 2 Bde., Frankfurt am Main 1985.<\/p>\n<p>[22] Habermas: Was Theorien leisten k&ouml;nnen &#8211; und was nicht, in ders.: Vergangenheit als Zukunft, a.a.O., S. 143.<\/p>\n<p>[23] Vgl. Michel Foucault: Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt am Main 1991.<\/p>\n<p>[24] Vgl. Verfassungsentwurf des Runden Tisches, dokumentiert im Internet unter: <a href=\"http:\/\/www.glasnost.de\/verfass\/9004verfass.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.glasnost.de\/verfass\/9004verfass.html<\/a>. Siehe auch: Der Zentrale Runde Tisch der DDR. Wortprotokoll und Dokumente, 5 Bde, hrsg. v. Uwe Thaysen, Wiesbaden 2000.<\/p>\n<p>[25] Vgl. Dieter Segert: Das 41. Jahr. Eine andere Geschichte der DDR, Wien 2008.<\/p>\n<p>[26] Vgl. Lotte Incesu: Verspielte Chance. Die Arbeit der gemeinsamen Verfassungskommission, in: Kritische Justiz 1990; siehe auch Wolfgang Templin: Der Verfassungsentwurf des Runden Tisches, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, 1990, Nr. 5-6.<\/p>\n<p>[27] Habermas: Keine Normalisierung der Vergangenheit, a.a.O., S. 11.<\/p>\n<p>[28] Vgl. Habermas: Die normativen Defizite der Vereinigung, in ders.: Vergangenheit als Zukunft, a.a.O., S. 45-73; vgl. ders.: Vergangenheit als Zukunft, ebd., S. 74-96.<\/p>\n<p>[29] Vgl. Oskar Negt: Wozu noch Gewerkschaften?, G&ouml;ttingen 2004, S. 60ff.<\/p>\n<p>[30] Vgl. Habermas: Die Krise des Wohlfahrtsstaates und die Ersch&ouml;pfung utopischer Energien, in ders.: Die Neue Un&uuml;bersichtlichkeit, Frankfurt am Main 1985, 141-163.<\/p>\n<p>[31] Oskar Negt: Achtundsechzig. Politische Intellektuelle und die Macht, G&ouml;ttingen 1995, S. 9.<\/p>\n<p>[32] Vgl. Jan Korte: Instrument Antikommunismus. Sonderfall Bundesrepublik, Berlin 2009, S. 112ff.<\/p>\n<p>[33] Vgl. Francis Fukuyama: Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?, M&uuml;nchen 1992.<\/p>\n<p>[34] Vgl. exemplarisch Marion Gr&auml;fin D&ouml;nhoff: Am Ende aller Geschichte? &#8211; Die Niederlage des Marxismus bedeutet nicht den Triumph des Kapitalismus, in: Die ZEIT vom 22.9.1989; siehe auch dies.: Zivilisiert den Kapitalismus. Grenzen der Freiheit, Stuttgart 1997.<\/p>\n<p>[35] Vgl. Habermas: Braucht Europa eine Verfassung?, a.a.O.<\/p>\n<p>[36] Vgl. Joachim Perels: Der Kampf gegen die Notstandsgesetzgebung als Aneignung der Verfassung, in: Opposition als Triebkraft der Demokratie. Bilanz und Perspektiven der zweiten Republik. J&uuml;rgen Seifert zum 70. Geburtstag, hrsg. v. Michael Buckmiller und Joachim Perels, Hannover 1998.<\/p>\n<p>[37] Vgl. J&uuml;rgen Seifert: Die gescheiterte Erneuerung des Grundgesetzes, in ders.: Politik zwischen Destruktion und Gestaltung. Studien zur Ver&auml;nderung von Politik, Hannover 1997, S. 121-128.<\/p>\n<p>[38] Heiner M&uuml;ller: Das Liebesleben der Hy&auml;nen. Vorwort, in: Thomas Grimm: Was von den Tr&auml;umen blieb. Eine Bilanz der sozialistischen Utopie, mit einem Vorwort von Heiner M&uuml;ller, Berlin 1993, S. 8.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1890],"publikationen":[2820],"class_list":["post-10995","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-marcus-hawel","publikationen-185-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die verdr\u00e4ngte Erbschaft des Herbstes 1989 - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/185-vorgaenge\/publikation\/die-verdraengte-erbschaft-des-herbstes-1989\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die verdr\u00e4ngte Erbschaft des Herbstes 1989 - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Blick zur&uuml;ck mit und ohne J&uuml;rgen Habermas, aus: vorg&auml;nge Nr. 185, Heft 1\/2009, S. 48-58 Das Jahr 2009 ist ein vergangenheitspolitisches Schaltjahr. 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