{"id":10997,"date":"2009-03-01T18:10:00","date_gmt":"2009-03-01T17:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/blick-zurueck-nicht-nur-im-zorn\/"},"modified":"2021-08-24T21:52:05","modified_gmt":"2021-08-24T19:52:05","slug":"blick-zurueck-nicht-nur-im-zorn","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/185-vorgaenge\/publikation\/blick-zurueck-nicht-nur-im-zorn\/","title":{"rendered":"Blick zur\u00fcck, nicht nur im Zorn"},"content":{"rendered":"<p>Vom Umgang mit dem Erbe der DDR,<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 185, Heft 1\/2009, S. 69-76<\/p>\n<p>In diesen Monaten wird mit einer Flut von Publikationen, Veranstaltungen und Ausstellungen an die Geschichte und das Ende der DDR erinnert. Die Intensit\u00e4t mit der beim Jubil\u00e4um 2009 gestritten und polemisiert wird, zeigt, wie kurz zwanzig Jahre sein k\u00f6nnen. Akteure und Zeitzeugen sind zum gro\u00dfen Teil noch pr\u00e4sent, die Erinnerungen noch sehr frisch, Wahrnehmungen und Urteile mehr als kontrovers.<\/p>\n<p>Die Stimmen, welche der Gr\u00fcndung und Existenz der DDR eine historische Legitimit\u00e4t unterstellen, an der &#8222;Legende vom Guten Anfang&#8220; festhalten und die Gr\u00fcnde f\u00fcr das Scheitern des &#8222;sozialistischen Experiments&#8220; dem aggressiven Gegner zuschreiben, sind immer noch sehr zahlreich. Zu ihnen geh\u00f6ren ehemalige Verantwortungstr\u00e4ger und SED-Funktion\u00e4re, MfS-Gr\u00f6\u00dfen, aber auch zahlreiche DDR-Intellektuelle, \u00e4ltere und j\u00fcngere Nostalgiker ganz verschiedenen Zuschnitts.<\/p>\n<p>Ihnen stehen unvers\u00f6hnlich Positionen gegen\u00fcber, die auf Mauer, Schie\u00dfbefehl und Stacheldraht verweisen und in der DDR ein einziges gro\u00dfes Gef\u00e4ngnis sehen. Ein System, auf den Spitzen sowjetischer Bajonette errichtet und von deren Panzern gesch\u00fctzt. So wichtig es ist, den zweiten deutschen Staat als Diktatur und Unrechtssystem wahrzunehmen, das Ausma\u00df vierzigj\u00e4hriger Verfolgung und Unterdr\u00fcckung zu erfassen; mit einer einseitigen Fixierung darauf wird die Mobilisierungs- und Bindungskraft des kommunistischen Experiments und seiner pseudoreligi\u00f6sen Heilslehre, werden die Motive der Anh\u00e4nger und Verf\u00fchrten nicht erfasst. Der Unterdr\u00fcckungsst\u00e4rke des Systems entsprach eine hohe gesellschaftliche Pr\u00e4gungskraft, die weit \u00fcber das Ende der DDR als Staat hinausreicht.<\/p>\n<p>Biographische Zeugnisse individueller Entwicklungen, Br\u00fcche und Entscheidungen von Menschen, deren Leben auf unterschiedliche Weise mit der DDR verbunden war, k\u00f6nnen hier zu einer Differenzierung verhelfen, die weder Verharmlosung noch D\u00e4monisierung zul\u00e4sst. Im Streit der Zeithistoriker um das Primat von System- oder Alltagsgeschichte, gibt eine ausschlie\u00dfende Gegen\u00fcberstellung nur wenig Sinn. Gerade im Alltagsleben der DDR, in den so genannten Nischen, war der Charakter des Systems tausendfach pr\u00e4sent. Eine materialreiche, realistische Alltagsgeschichte der DDR l\u00e4sst keiner Spielart der Verharmlosung Raum.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"verdraengen-und-vergessen\">Verdr&auml;ngen und Vergessen <\/span><\/h2>\n<p>Wer nach verkl\u00e4render Memoirenliteratur in Sachen DDR sucht, ist bei der &#8222;edition ost&#8220; gut aufgehoben. Seit den neunziger Jahren sind dort zahlreiche Gr\u00f6\u00dfen der obersten F\u00fchrungsebenen der SED, Politb\u00fcro und Zentralkomitee mit ihren Erinnerungen pr\u00e4sent. Weitere Funktionstr\u00e4ger der Partei, MfS-Gener\u00e4le, Staatsfunktion\u00e4re und &#8222;Kulturschaffende&#8220; gesellen sich ihnen hinzu. In der Buchhandlung am Sitz der Linkspartei und weiteren ausgew\u00e4hlten Standorten, vor allem in Ostberlin, f\u00fcllen sie ganze Regale. Dort gab auch Egon Krenz, Politb\u00fcromitglied und letzter Staatsratsvorsitzender der DDR seine &#8222;Gef\u00e4ngnisnotizen&#8220; heraus. Krenz galt 1989\/90 als hundertprozentige Altlast, so dass er selbst f\u00fcr den Traditionsteil, der zur PDS mutierten SED nicht mehr in Frage kam. Sein Selbstbild als Garant des friedlichen \u00dcbergangs und neuer Mann der ersten Stunde h\u00e4lt keiner historischen \u00dcberpr\u00fcfung stand, was seine Anh\u00e4nger nicht daran hinderte bei Auftritten und Lesungen aus vorangegangenen B\u00fcchern von ihm, die S\u00e4le zu f\u00fcllen. Sie nahmen auch seine 2009 erschienenen Gef\u00e4ngnisnotizen, eine einzige Anklage gegen den Rechtsstaat und die &#8222;Klassenjustiz&#8220;, mit ungebrochener Begeisterung auf. Ein Rechtsstaat und eine &#8222;Klassenjustiz, die ihn ausgesprochen milde behandelt hatten.<\/p>\n<p>Kann man Krenz noch einer Gruppe von Ewiggestrigen und Geschichtsverleugnern zuordnen, die selbst in den Kreisen ehemaliger SED-Genossen hoch umstritten ist, so gelang es Hans Modrow als Ehrenvorsitzendem der Linkspartei zu einer wahren Integrationsfigur zu werden. Er verschaffte sich noch in den letzten Monaten der DDR einen Ruf als Reformer, der mit pers\u00f6nlicher Integrit\u00e4t f\u00fcr die Erneuerung der Partei und des Staatsapparates eintrat. Ganz im Gegensatz zu dieser Aura und von der \u00d6ffentlichkeit weitgehend unbemerkt, betrieb er als letzter Ministerpr\u00e4sident der DDR die erfolgreiche Rettung und Transformation von Finanzen, Kadern und Logistik f\u00fcr die im Eilverfahren zur Partei des Demokratischen Sozialismus mutierende SED. Im Rahmen der Aktion &#8222;S\u00fcndenbock&#8220; wurde dem Ministerium f\u00fcr Staatsicherheit unter Erich Mielke die Hauptverantwortung f\u00fcr DDR-Verbrechen und DDR-Unrecht zugeschoben. Intern entschuldigte sich Modrow bei den &#8222;Tschekisten&#8220; f\u00fcr dieses Man\u00f6ver, dass er mit der notwendigen Rettung der Partei begr\u00fcndete. Die F\u00fchrungsrolle der SED trat hinter dem Repressionscharakter des MfS als &#8222;Schwert und Schild&#8220; der Partei zur\u00fcck. In der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung, den Auseinandersetzungen dazu und den damit verbundenen Schuldzuweisungen, wirkt diese Verkehrung bis heute nach. Modrow trug in den mehreren B\u00e4nden seiner Erinnerungen und R\u00fcckblicke wenig dazu bei, eine Reihe offener Fragen um die letzten Monate der DDR und seine eigene Rolle in der SED zu kl\u00e4ren. Ebenso harrt seine Doppelrolle am Runden Tisch, noch der Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Hans Modrow, Lothar Bisky und Gregor Gysi &#8211; auch die beiden Letzteren sind in B\u00fcchern, Artikeln und zahlreichen Auftritten in Sachen DDR Geschichte pr\u00e4sent &#8211; stehen f\u00fcr verschiedene Facetten einer gemeinsamen Grundhaltung. Es werden &#8222;Demokratiedefizite&#8220; und mannigfache Vers\u00e4umnisse in vierzig Jahren DDR-Existenz bedauert, sogar einzelne Verbrechen werden eingestanden. Festgehalten wird jedoch wird am &#8222;guten Kern&#8220; des ganzen Unternehmens: die Errichtung einer Gesellschaftsordnung, die mit Einparteienherrschaft und zentral gelenkter Kommandowirtschaft auf anderen Fundamenten ruhte, als die kapitalistische Bundesrepublik und ihre westlichen Verb\u00fcndeten. \u00dcber die gesamte Zeit der Blockkonfrontation hinweg wurde dem DDR-B\u00fcrger ein Bild der Bundesrepublik vermittelt, dass mit dem sozialstaatlich gez\u00fcgelten &#8222;Rheinischen Kapitalismus&#8220;, mit praktizierter Demokratie und Rechtsstaatlichkeit nichts zu tun hatte, sondern dem klassischen Ausbeuterstaat im Marxschen Sinne entsprach.<\/p>\n<p>Wie willk\u00fcrlich und instrumentell das F\u00fchrungspersonal der Partei auf dem historischen Parkett agiert, zeigt sich bei Jubil\u00e4en, die weit hinter die Geburtsstunde der DDR zur\u00fcckgehen. So beschworen Gregor Gysi, Petra Pau und Peter Sodann zum Jubil\u00e4um der Weimarer Verfassung den guten Anfang einer gef\u00e4hrdeten Demokratie. Die gleiche Partei pflegt an den Gr\u00e4bern von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht den Mythos der tapferen Spartakisten. Man kann Rosa Luxemburg als Revolution\u00e4rin w\u00fcrdigen und den Mord an ihr und Karl Liebknecht verurteilen. Zwischen dem Spartakusaufstand und einer KPD, die unter Th\u00e4lmann die Weimarer Demokratie bek\u00e4mpfte, die zu ihrem Untergang beitrug auf der einen Seite und den Verteidigern der Republik auf der anderen, wird man sich dann doch entscheiden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Das Festhalten am Gegenentwurf und die halbherzige Kritik des eigenen untergegangenen Systems haben Folgen. Beim angestrebten n\u00e4chsten Anlauf f\u00fcr grunds\u00e4tzliche Alternativen, werden nicht die Fundamente des alten Versuches in Frage gestellt, sondern h\u00f6chstens die Umst\u00e4nde des zur\u00fcckliegenden Scheiterns ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p>Die Auseinandersetzung mit den sozialen Folgen eines entfesselten Kapitalismus, die aufgekl\u00e4rte Konservative wie Heiner Geisler und Norbert Bl\u00fcm, die zahlreiche Sozialdemokraten und Liberale bereits lange vor der gegenw\u00e4rtigen Krise vornahmen, ist mehr als notwendig und verlangt die Entwicklung von Alternativen und Gegenpositionen. Ein systemfixierter Antikapitalismus, der Demokratie und Marktwirtschaft grunds\u00e4tzlich in Frage stellt und sich aus der Rumpelkammer staatssozialistischer Gro\u00dfentw\u00fcrfe bedient, geh\u00f6rt nicht dazu. Die fehlende, halbherzig-relativierende Auseinandersetzung mit der DDR, die Verteidigung ihrer Fundamente und Errungenschaften, bereitet den Boden f\u00fcr neue untaugliche Utopien.<\/p>\n<p>In der F\u00fclle der Publikationen, die sich als Ratgeber und Rezepte zum Umgang mit der unabsehbar tiefen Finanz- und Wirtschafts- und Politikkrise verstehen, fallen eine Reihe von Titeln auf, die unverhohlen Anleihen an das Gestrige machen. Sahra Wagenknecht ist es sich und ihrer Kommunistischen Plattform schuldig, in &#8222;Finanzcrash und Weltwirtschaft&#8220; den Untergang der alten Welt zu beschw\u00f6ren und Umrisse des Neuen zu sehen, welche fatal an bekannte Erl\u00f6sungsbotschaften erinnern. Zahlreiche ergraute PDS-Altvordere sind mit \u00e4hnlichen T\u00f6nen zu vernehmen, Franziska Drohsel, die Vorsitzende der Jungsozialisten fragt mit vollem Recht danach, was heute links sein kann. Wie verh\u00e4lt sie sich dann aber zu der Partei DIE LINKEN an, welche den Begriff okkupiert und ein politisches Projekt verk\u00f6rpert, das nicht nur in Sachen Vergangenheitsverdr\u00e4ngung ein zutiefst restauratives und reaktion\u00e4res Projekt ist?<\/p>\n<p>Wie vertr\u00e4gt sich der von Drohsel und zahlreichen anderen kritischen Sozialdemokraten vertretene Anspruch auf ein neues Verh\u00e4ltnis von Freiheit, Emanzipation und sozialer Gerechtigkeit, mit diesem Gegen\u00fcber? Kann er gegenw\u00e4rtig oder in naher Zukunft zum Verb\u00fcndeten werden oder bleibt er ein politischer Gegner, mit dem man normal umgehen und sich auseinandersetzen sollte, ohne Ann\u00e4herungsszenarien zu verfallen?<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"okkupationsregime-und-satrapenstaat\">Okkupa&shy;ti&shy;ons&shy;re&shy;gime und Satra&shy;pen&shy;staat <\/span><\/h2>\n<p>Das Urteil des Sozialhistorikers Hans Ulrich Wehler \u00fcber die DDR ist so eindeutig wie niederschmetternd. Im 5. Band seiner Gesellschaftsgeschichte Deutschlands, der die Zeit von 1949 &#8211; 1990 umfasst, widmet er dem zweiten deutschen Nachkriegsstaat nur minimalen Raum. Gemessen am Erfolgsmodell der demokratischen Bundesrepublik existiert f\u00fcr ihn die DDR nur als Negativfolie, als ein von sowjetischer Seite aufgezwungenes Okkupationsregime, als Satrapenstaat. Ihr Ende hinterl\u00e4sst naturgem\u00e4\u00df wenig Spuren, so wie f\u00fcr ihn die deutsche Geschichte von 1945 &#8211; 1989 durch die Bundesrepublik gepr\u00e4gt wurde, wird es auch die Folgegeschichte danach.<\/p>\n<p>Wehlers Ein- und Herunterstufung der DDR l\u00f6ste eine heftige \u00f6ffentliche Debatte aus, in der so unterschiedliche Stimmen, wie der ostdeutsche Intellektuelle Jens Reich und die aus der DDR stammende Schriftstellerin Monika Maron zu Wort kamen. Jens Reich beklagte die H\u00e4rte der historischen Urteile, f\u00fchlte sich dadurch pers\u00f6nlich gekr\u00e4nkt und unternahm den problematischen Versuch, der sp\u00e4ten DDR Nischenqualit\u00e4ten abzugewinnen, die sie nur im Binnenhorizont friedfertiger Intellektuellenkreise haben konnte. Monika Maron hingegen, die mit ihrer Biographie und ihren literarischen Texten f\u00fcr kein Milligramm DDR-Nostalgie zur Verf\u00fcgung steht, griff Wehler auf einer anderen Ebene an. Vierzig Jahre DDR-Realgeschichte h\u00e4tten eine F\u00fclle von k\u00fcnstlerischer Kreativit\u00e4t, kultureller Eigendynamik und gesellschaftlicher Eigenst\u00e4ndigkeit hervorgebracht, die nicht in \u00dcbereinstimmung und Deckungsgleichheit mit dem Charakter des aufgezwungenen Systems standen. Sie widersprachen ihm, standen quer dazu, suchten und schufen sich begrenzte Freir\u00e4ume, die immer wieder eingeengt und zerst\u00f6rt wurden. Dennoch waren sie dauerhafter Bestandteil der DDR-Realit\u00e4t, pr\u00e4gten Biographien und kulturelle Identit\u00e4ten, die auch in die Bundesrepublik und deren Geschichte hineinwirkten. Nicht um eine R\u00fccknahme oder Einschr\u00e4nkung der harten Urteile \u00fcber das DDR-System ginge es, die seien v\u00f6llig berechtigt, sondern um die Blindheit gegen\u00fcber einer eigenen Gesellschaftsgeschichte der DDR, mit all ihren Schatten- aber auch Lichtseiten. Monika Maron und anderen Kritikern ist hier zuzustimmen. Das reale Gewicht der DDR-Seite im deutsch-deutschen Beziehungsgeflecht kann so nicht sichtbar werden. Sie zur blo\u00dfen Fu\u00dfnote der Geschichte zu erkl\u00e4ren, ist nicht nur arrogant, sondern realit\u00e4tsfremd.<\/p>\n<p>Wehlers Sicht auf die DDR-Geschichte n\u00e4hert sich zahlreichen weiteren Au\u00dfenblicken an, welche die Abstufungen zwischen Schwarz und Wei\u00df, T\u00e4tern und Opfern, welche die inneren und \u00e4u\u00dferen Entwicklungen von Biographien zugunsten summarischer Urteile vernachl\u00e4ssigen. Damit wird nicht nur der kollektive Aufschrei all derjenigen provoziert, die ihr eigenes Positivbild besch\u00e4digt sehen, sondern die M\u00f6glichkeit verschenkt, das Innenleben einer Diktatur in all seinen Abstufungen wahrzunehmen.<\/p>\n<p>Abrechnungsb\u00fccher, wie die j\u00fcngste Publikation des Historikers Hubertus Knabe, der &#8222;Honeckers Erben&#8220; auf der Spur ist, geraten in Gefahr, die ohnehin festgefahrenen Fronten in der Vergangenheitsdebatte weiter zu verh\u00e4rten. Knabe konzentriert sich auf das Fortwirken des Gestern in den politischen Zirkeln und Initiativen der Linkspartei, zeigt die Erfolge von deren Strategien und Unterwanderungstaktiken auf. Damit macht er sich zum Hassobjekt der Nostalgiker und Vergangenheitsbesch\u00f6niger aller Couleur, st\u00f6\u00dft aber auch bei zahlreichen anderen Beteiligten auf Befremden. Seine Befunde und Belege sind gr\u00f6\u00dftenteils stimmig und er argumentiert stringent, dennoch nimmt er sich mit dem Gestus der Unduldsamkeit und des kategorischen Urteils, viel von der erhofften Wirkung. In dem Anspruch &#8222;die Wahrheit \u00fcber die Linke&#8220; zu verk\u00fcnden, steckt die Gefahr der Verabsolutierung. Zwischen dem historisch hoffnungslos festgefahrenen Block der alten Genossen, den Strategen einer gelenkten Geschichtspolitik und den zahlreichen Mitgliedern und Anh\u00e4ngern, die noch in der eigenen Auseinandersetzung damit stehen und eigene Fragen formulieren, sollte in Urteil und Verhalten deutlich unterschieden werden. Nicht jeder Protest gegen soziale Ungerechtigkeit und nicht jeder Aufruf zu einer Erneuerung der politischen Kultur muss zur Verteidigung von DDR-Errungenschaften f\u00fchren und zur Relativierung von DDR-Unrecht beitragen. Mit der Benennung eigener Fragen und der Bereitschaft zur Diskussion, die Auseinandersetzung in die Reihen und Anh\u00e4nger der Linkspartei selbst hineinzutragen, d\u00fcrfte lohnender sein, als durch Generalangriffe die Reihen der Gegen\u00fcber erst recht zusammen zu schmieden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"system-und-gesellschaft\">System und Gesell&shy;schaft <\/span><\/h2>\n<p>Am Beispiel der DDR zeigt sich, welche Chancen biographische Ann\u00e4herungen haben k\u00f6nnen, das Verh\u00e4ltnis von individuellen Lebenssituationen und Gesellschaftsgeschichte genauer wahrzunehmen und auszuleuchten. Darstellungen, die nicht zur Rechtfertigung geraten, Br\u00fcche und Systemkonflikte aus dem famili\u00e4ren Kontext herausarbeiten, finden sich in j\u00fcngst erschienenen B\u00fcchern von Susanne Sch\u00e4dlich und Irina Liebmann. In &#8222;Immer wieder im Dezember: der Westen, die Stasi, der Onkel und ich&#8220; schildert die Tochter des Schriftstellers Hans Joachim Sch\u00e4dlich eine Geschichte intimen Verrates, zerrissener und zerst\u00f6rter Familienbeziehungen und der Schmerzen im Umgang mit der deutsch-deutschen Doppelrealit\u00e4t. Sch\u00e4dlich, der zu den DDR-Intellektuellen geh\u00f6rte, die sich gegen die Ausb\u00fcrgerung Wolf Biermanns stemmten, verlor anschlie\u00dfend die Existenzgrundlage und wurde mit der Familie in den Westen getrieben. Sein Bruder, der Historiker Karlheinz Sch\u00e4dlich, Susannes geliebter Onkel, war aus \u00dcberzeugung und Leidenschaft insgeheim f\u00fcr die Staatssicherheit t\u00e4tig, forschte Sch\u00e4dlich und dessen Familie im Westen weiter aus, verriet und manipulierte ihn nach Kr\u00e4ften. An dieser Situation und dem Unverm\u00f6gen, mit der deutsch-deutschen Zerrissenheit umzugehen, zerbrach die Familie. Nach Jahrzehnten gr\u00e4bt sich Susanne Sch\u00e4dlich in die &#8222;l\u00fcsterngemeine Prosa&#8220; der Stasi-Akten hinein, konfrontiert ihr Bild des Onkels mit der Realit\u00e4t, mit dessen Zynismus und geradezu exzentrischer Freude am Zerst\u00f6rungswerk. Eine Geschichte, an deren Ende weder Heilung noch Vers\u00f6hnung stehen k\u00f6nnen, h\u00f6chstens die Souver\u00e4nit\u00e4t des gewonnenen Abstandes und eine literarische Verarbeitung.<\/p>\n<p>Die Schriftstellerin Irina Liebmann, als Tochter Rudolf Herrnstadts in der DDR aufgewachsen, brauchte Jahrzehnte, bis sie sich der Gestalt ihres Vaters literarisch n\u00e4hern konnte. Der \u00fcberzeugte Kommunist und begabte Intellektuelle Herrnstadt spielte als Chefredakteur des Neuen Deutschland und Kandidat des Politb\u00fcros der SED eine entscheidende Rolle im politischen Leben der fr\u00fchen DDR. Als Gegner und Konkurrent Walter Ulbrichts setzte er sich 1953 f\u00fcr dessen Absetzung und einen offeneren deutschen Weg zum Sozialismus ein. Herrnstadt verlor die Auseinandersetzung gegen Ulbricht, der sich nach dem 17. Juni die R\u00fcckendeckung Moskaus sicherte, wurde, wie seine Verb\u00fcndeten als Fraktionsmacher verurteilt, aller \u00c4mter enthoben und in das Merseburger Archiv abgeschoben, wo er die Jahre bis zu seinem Tod 1962 verbrachte. Irina Liebmann nimmt sich der Person und Geschichte ihres Vaters in einer Form an, welche die Gattungsgrenzen sprengt. Romanhafte Elemente, Z\u00fcge eines historischen Sachbuches, dann doch fast die Gestalt eines Dramas bestimmen die Darstellung des Lebensweges, der Konflikte und der deprimierenden letzten Lebensjahre Herrnstadts. Die Tochter vermeidet jede Mythologisierung und Verkl\u00e4rung, tritt in den Dialog mit ihrem Vater in einer Weise ein, die den Realit\u00e4tsgehalt seiner bis zum Lebensende hochgehaltenen kommunistischen Utopie offen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>In noch einmal anderer Weise kann die f\u00fcnfb\u00e4ndige Edition der Tageb\u00fccher des Malers, Dramatikers, Regisseurs und Prosaschriftstellers Einar Schleef nicht nur die DDR-Realit\u00e4t nahe bringen. Die Tagebucheintragungen reichen von 1953 bis in die neunziger Jahre und spiegeln die Konflikte k\u00fcnstlerischer Existenz in der diktaturgepr\u00e4gten DDR wider, sind Dokumente einer unausgesetzten Suche und inneren Auseinandersetzung. Schleef verweigert sich der polarisierenden Einordnung als Staatsk\u00fcnstler oder Widerstandsk\u00e4mpfer, wechselt in den siebziger Jahren die Orte seiner k\u00fcnstlerischen Produktionen nach Wien und in die Bundesrepublik bleibt der DDR dennoch zutiefst verbunden. Sp\u00e4te H\u00f6hepunkte sind die Inszenierungen der neunziger Jahre am Berliner Ensemble, die ihn erneut mit seinem Kollegen und k\u00fcnstlerischen Antipoden Heiner M\u00fcller zusammen bringen. M\u00fcller, dessen nachgelassene Notizen und Gespr\u00e4che jetzt im Rahmen einer Gesamtedition erscheinen, wurde als Staatsk\u00fcnstler hofiert und als Au\u00dfenseiter misstrauisch be\u00e4ugt, galt den Einen als gesinnungsloser Zyniker w\u00e4hrend Andere in ihm, den Verk\u00fcnder einer verschl\u00fcsselten historischen Botschaft sahen, welche die einfachen Glaubenss\u00e4tze der kommunistischen Heilslehre intellektuell \u00fcbersprang. M\u00fcller, der sich an der DDR rieb, die Blindheit der meisten ihrer Funktion\u00e4re verachtete, dennoch mit den Organen der Staates und dem MfS kooperierte und sich im Dienste der gro\u00dfen Sache sah, trat bei der Gro\u00dfdemonstration des 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz auf. Er trat dort f\u00fcr die M\u00f6glichkeit einer besseren DDR ein, einer DDR, deren letzte Stunden bereits zu schlagen begannen.<\/p>\n<p>Wenn es um die Arbeit von Zeithistorikern geht, hat sich der Prinzipienstreit zwischen den Verfechtern einer Systemsicht der DDR, welche die harten Fakten der Diktatur und des Unrechtsstaates reklamieren und den Vertretern einer weitaus entspannteren Sicht auf deren Alltagsleben weitestgehend erledigt. Jede intensive Beschreibung des Alltags und der gesellschaftlichen Realit\u00e4t in der fr\u00fchen, aber auch der sp\u00e4teren DDR kann mehr \u00fcber Systemzw\u00e4nge, Konformit\u00e4tsdruck und Anpassungsleistungen aussagen, als die alleinige Fixierung auf die Staatssicherheit und die anderen Teile des Repressionsapparates. Eine solche Beschreibung wird aber auch freilegen, wie sich Verweigerung und widerst\u00e4ndiges Verhalten im Alltag niederschlugen, wie viel Phantasie und Kreativit\u00e4t das Suchen eigener Lebensformen unter Zwang und Kontrolle freisetzte.<\/p>\n<p>Der Historiker Stefan Wolle, selbst in der DDR geboren und aufgewachsen, legte mit seiner Arbeit &#8222;Die heile Welt der Diktatur Alltag und Herrschaft in der DDR&#8220; bereits vor Jahren ein eindrucksvolles Portr\u00e4t der Honecker-\u00c4ra vor. Das Bild, welches dabei entstand, ist ungemein farbig und enth\u00e4lt viele Facetten. Witz und Humor durchziehen nahezu alle Lebensbereiche, privates Leben konnte durchaus angstfrei sein, nichts jedoch f\u00fcgt sich zum Genregem\u00e4lde eines entspannten Pantoffelstaates. Sein Kollege Ilko-Sascha Kowalczuk unternimmt zwanzig Jahre nach den Ereignissen des Revolutionsjahres 1989 den wichtigen Versuch, die Voraussetzungen und die gesellschaftliche Vorgeschichte der Massenproteste des Herbstes nachzuzeichnen. Sein Buch &#8222;Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR&#8220; umfasst 600 Seiten, die man am liebsten in einem Ruck durchlesen m\u00f6chte. Mehr als 300 Seiten sind dabei einem Zustandbild der DDR in den achtziger Jahren, also der sp\u00e4ten Honecker-\u00c4ra gewidmet. Ein buntes farbiges Panorama entsteht, was zugleich jedoch das Bild einer unheilbar kranken Gesellschaft ist. Die viel beschworenen sozialen Errungenschaften werden als politisch motiviertes, schlecht funktionierendes Zuteilungswesen beschrieben, deren Kosten das ohnehin ineffiziente System der Kommandowirtschaft in die Knie gehen lie\u00df.<\/p>\n<p>Die Gem\u00fctlichkeit und W\u00e4rme des Kollektivlebens kontrastiert die Einordnungs- und Kontrollfunktion, welche die gleichen Arbeits- und Wohnkollektive in Form der Hausgemeinschaften innehatten. Raubbau an der \u00f6kologischen und \u00f6konomischen Substanz war nicht die Ausnahme sondern die Regel. Dem wachsenden Potential an Verweigerung und Aussteigertum, den Bem\u00fchungen um alternative Lebensentw\u00fcrfe, den Kreisen der Dissidenten und Oppositionellen stellt Kowalczuk eine Mehrheitsgesellschaft gegen\u00fcber, die sich bis kurz vor Toresschluss systemloyal verhielt und in weiten Teilen kollaborierte. Mit ver\u00e4nderten Methoden und diffizileren Strategien der Kontrolle und Repression, blieb die DDR bis zu ihrem Ende eine harte Diktatur, die mit ihren Untertanen weder f\u00fcrsorglich noch schonend umging. Als die Massenproteste des Herbstes 1989 eine revolution\u00e4re Qualit\u00e4t erreichten, gingen die Vertreter der Macht in die Knie, weil ihnen das eigene \u00dcberleben wichtiger war als der heroische Untergang. Kowalczuk h\u00e4lt zu Recht am Begriff der Revolution fest und warnt zugleich vor jeder Heroisierung und damit verbundenen Illusionen. Die DDR brach als System zusammen, hinterlie\u00df jedoch die Folgen jahrzehntelanger Sozialisation und Konditionierung, stabile Pr\u00e4gungen und Sozialisationsmuster, die auch an die Folgegeneration weitergegeben werden.<\/p>\n<p>Zwanzig Jahre nach 1989 sind die Probleme, welche der Umgang mit diesen Folgen aufwirft, noch lange nicht erledigt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur <\/span><\/h2>\n<p><i>Bender, Peter<\/i> (2007); Deutschlands Wiederkehr. Eine ungeteilte Nachkriegsgeschichte 1945-1989, Klett-Cotta.<\/p>\n<p><i>Drohsel, Franziska<\/i> (2009); Was ist heute links, Campus.<\/p>\n<p><i>H\u00f6pcke, Klaus <\/i>(2009); \u00dcber linke Heimatliebe, Edition Ost<\/p>\n<p><i>Kipping, Katja<\/i> (2009); Ausverkauf der Politik F\u00fcr einen demokratischen Aufbruch, Econ.<\/p>\n<p><i>Knabe, Hubertus <\/i>(2009); Honeckers Erben Die Wahrheit \u00fcber DIE LINKE, Propyl\u00e4en<\/p>\n<p><i>Kraus, Matthias <\/i>(2009); Die Partei hatte manchmal Recht, Dietz<\/p>\n<p><i>Kowalczuk, Ilko-Sascha<\/i> (2009); Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, C.H. Beck<\/p>\n<p><i>Krenz, Egon<\/i> (2009); Gef\u00e4ngnisnotizen, Edition-ost.<\/p>\n<p><i>Liebmann, Irina<\/i> (2008); W\u00e4re es sch\u00f6n?, es w\u00e4re sch\u00f6n! Mein Vater Rudolf Herrnstadt, Berlin-Verlag<\/p>\n<p><i>Mittenzwei, Werner <\/i>(2003); Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland 1945-2000, Aufbau-Verlag.<\/p>\n<p><i>M\u00fcller, Heiner <\/i>(2009); Gespr\u00e4che. Bd.1.-3., Suhrkamp.<\/p>\n<p><i>M\u00fcnkler, Herfried<\/i> (2009); Die Deutschen und ihre Mythen, Rowohlt.<\/p>\n<p><i>Neubert, Erhart<\/i> (2008); Unsere Revolution. 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