{"id":10999,"date":"2009-03-01T16:30:00","date_gmt":"2009-03-01T15:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/fehlanzeige\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:30","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:30","slug":"fehlanzeige","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/185-vorgaenge\/publikation\/fehlanzeige\/","title":{"rendered":"Fehlanzeige?"},"content":{"rendered":"<p>Jugendliche und ihr Bild von der DDR,<\/p>\n<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 185, Heft !\/2009, S. 87-92<\/p>\n<p>&#8222;Fehlanzeige&#8220;: Mit unsch&ouml;ner Regelm&auml;&szlig;igkeit wird die Sorge laut, das Wissen nachwachsender Generationen &uuml;ber die DDR und das SED-Regime zeige fundamentale Defizite. Ideologie, Herrschaftsstruktur und politische Praxis des SED-Staates seien nur unzureichend bekannt, ja, Verkl&auml;rung und Besch&ouml;nigungen pr&auml;gten die landl&auml;ufigen Vorstellungen j&uuml;ngerer Menschen. Daran wird gleichsam zwangsl&auml;ufig die Frage angekn&uuml;pft, wer die Verantwortung f&uuml;r diese Bildungsmisere trage. Die Schule? Die Familie? Die Gesellschaft? Die Politik? Die Medien?<\/p>\n<p>Im Fokus dieser Debatten steht zumeist der schulische Unterricht. Neben mehreren Werkstattberichten, die in den neunziger Jahren unter der Leitung von Bodo von Borries erarbeitet worden sind, und verschiedenen Ausschnitts-Analysen wie dem j&uuml;ngst in<i> Geschichte in Wissenschaft und Unterricht <\/i>publizierten Beitrag von Heike M&auml;tzing &#8222;Die Stasi in aktuellen Geschichtsschulb&uuml;chern&#8220;[1], sind es vor allem zwei Studien, die in die aktuelle Diskussion eingeflossen sind: die 2006 erschienene Analyse &#8222;DDR-Geschichte im Unterricht&#8220; von Ulrich Arnswald und insbesondere die so genannte Schroeder-Studie von 2008, die sich unter dem Titel &#8222;Soziales Paradies oder Stasi-Staat?&#8220; mit dem DDR-Bild heutiger Sch&uuml;ler befasst.[2] Sowohl die Untersuchungen selbst als auch die Auseinandersetzungen um ihre Ergebnisse machten und machen deutlich, in welch erhitztem Stadium der Betrachtung und Deutung wir uns noch befinden und wie wirkungsm&auml;chtig die Neigung zu kurzsichtigem Schlagabtausch, vielleicht auch zum Anspruch auf Meinungshoheit ist. Man m&ouml;chte fast meinen, so fern die DDR vielen jungen Menschen ist, so distanzschwach ist das Thema manchmal f&uuml;r uns &Auml;ltere.<\/p>\n<p>Doch l&ouml;sen wir uns von dieser Arena und umrei&szlig;en das unstrittige Grundszenario. In der Tat gibt es Wissensdefizite bei Sch&uuml;lern, es gibt L&uuml;cken in der Lehrerausbildung, unzureichende Schulb&uuml;cher und verbesserungsbed&uuml;rftige Curricula. Immerhin: Die Initiativen, diese M&auml;ngel zu beseitigen, mehren sich. Die Lehrpl&auml;ne in den verschiedenen Bundesl&auml;ndern werden allm&auml;hlich angepasst, Veranstaltungen wie die bundesweite Bildungskonferenz &#8222;Meine, Deine, Unsere Geschichte? Friedliche Revolution und Deutsche Einheit in der schulischen und au&szlig;erschulischen Bildung&#8220;, die im Herbst 2008 von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, der Bundeszentrale f&uuml;r politische Bildung und der Bundesbeauftragten f&uuml;r die Stasi-Unterlagen (BStU) realisiert wurde, haben wichtige inhaltliche und politische Impulse gesetzt. Auch Beratungsangebote f&uuml;r Schulbuchanbieter &#8211; so beispielsweise ein Fachworkshop des Brandenburgischen Bildungsministeriums, der BStU und namhafter Schulbuchverlage im November 2007 &#8211; zeitigen erste Erfolge. Einschl&auml;gige Fortbildungsangebote f&uuml;r Lehrer vermitteln kompaktes Wissen und methodisch-didaktische Hinweise, Handreichungen wie &#8222;Feindliche Jugend? Verfolgung und Disziplinierung Jugendlicher durch das Ministerium f&uuml;r Staatssicherheit&#8220;, 2006 von Christoph Hamann und Axel Janowitz herausgegeben, oder das in diesem Jahr erscheinende Handbuch &#8222;Lernfeld DDR-Geschichte&#8220; von Heidi Behrens, Paul Ciupke und Norbert Reichling geben fundierte Orientierung und Arbeitshilfen.<\/p>\n<p>Nicht zu untersch&auml;tzen ist auch das &ouml;ffentliche Signal, das von den gemeinsamen Erkl&auml;rungen der Bundesbeauftragten f&uuml;r die Stasi-Unterlagen und ostdeutscher Kultusminister zur F&ouml;rderung der Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte ausgeht (die erste Erkl&auml;rung wurde 2002 mit Brandenburg unterzeichnet, es folgten Sachsen-Anhalt 2003 und Sachsen 2006, weitere sind in Vorbereitung bzw. kurz vor dem Abschluss). Hervorzuheben &#8222;sind&#8220; auch der Appell der Kultusministerkonferenz 2008, die Behandlung der DDR-Geschichte im schulischen Unterricht zu intensivieren und die Lehrpl&auml;ne wie auch Unterrichtsmaterialien dem aktuellen Kenntnisstand anzupassen, sowie ihr Aufruf, in den Schulen Projektwochen zur Thematik &#8222;DDR und SED-Diktatur&#8220; durchzuf&uuml;hren, und das begleitende Online-Angebot der Bundesstiftung Aufarbeitung und der Robert-Bosch-Stiftung <a href=\"http:\/\/www.deinegeschichte.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.DeineGeschichte.de<\/a>, ein interaktives Bildungsportal zur deutsch-deutschen Geschichte f&uuml;r Sch&uuml;ler[3] und Lehrkr&auml;fte.<\/p>\n<p>All dies bedeutet nat&uuml;rlich nicht, dass im schulischen Umfeld weder Anlass zur Sorge noch Handlungsbedarf existiere. Doch sollten wir eine Dramatisierung vermeiden, die nur zu leicht in die Sackgasse kurzatmiger Dispute f&uuml;hrt. Viel ergiebiger und interessanter ist hingegen die Frage: Wie k&ouml;nnen wir -&uuml;ber die skizzierte Verbesserung des schulischen Umfelds hinaus -jungen Menschen die Geschichte der DDR nahe bringen, wie k&ouml;nnen wir junge Menschen zu einer eigenst&auml;ndigen kritischen Auseinandersetzung mit Fragen von Diktatur, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie anregen? Welche Initiativen sind von uns gefordert? Denn bei aller Schieflage im Bildungsalltag: Wir treffen bei jungen Menschen nicht nur auf Wissensl&uuml;cken, sondern auch auf reges Interesse, auf Wissensneugier und Offenheit. Diese gilt es anzusprechen und ad&auml;quat zu beantworten.<\/p>\n<p>Die Ann&auml;herung an Geschichte ben&ouml;tigt eine Br&uuml;cke, die die Distanz zwischen Vergangenheit und Gegenwart &uuml;berwinden hilft, einen Ankn&uuml;pfungspunkt, &uuml;ber den sich das Fremde erschlie&szlig;en l&auml;sst. Es ist das Einzelschicksal, die konkrete individuelle und doch auch exemplarische Biografie, die diesen Zugang erm&ouml;glicht. Jugendliche, die selbst keine pers&ouml;nlichen DDR-Erfahrungen haben, deren Bild sich aus spezifischen famili&auml;ren Erinnerungen oder aus medial vermittelten Darstellungen zusammensetzt, k&ouml;nnen &uuml;ber die Besch&auml;ftigung mit Jugendbiografien aus der DDR-Zeit den Blick f&uuml;r die Herrschaftsmechanismen der Diktatur sch&auml;rfen lernen, ein reflektiertes Verst&auml;ndnis f&uuml;r die Zw&auml;nge und Verf&uuml;hrungen der Diktatur entwickeln, aber auch f&uuml;r Handlungsspielr&auml;ume und Entscheidungsoptionen sensibilisiert werden.<\/p>\n<p>Ein Mensch, der vor &uuml;ber 40 Jahren versuchte, aus der DDR zu fliehen, und an der Berliner Mauer erschossen wurde: Sein Alter von 18 Jahren holt das vermeintlich weit zur&uuml;ckliegende Geschehen nah in die Gegenwart des jungen Betrachters, und &uuml;ber die Er&ouml;rterung der Fluchtmotive gelangen wir rasch in die Analyse des politischen Systems der DDR, lernen wir die unterschiedlichen Lebensr&auml;ume und Lebensoptionen in Diktatur und Demokratie kennen.<\/p>\n<p>Oder nehmen wir ein anderes, j&uuml;ngeres Beispiel: die Relegation von Sch&uuml;lern der Ostberliner Carl-von-Ossietzky-Schule im Fr&uuml;hherbst 1988.[4] Diese Sch&uuml;ler hatten sich auf Postern und Transparenten offen gegen Milit&auml;rparaden in der DDR ausgesprochen und vor nationalistischen und rechtsextremistischen Tendenzen gewarnt. In einem systematischen Zusammenspiel von Schule, FDJ, Elternrat, Partei und Staatssicherheitsdienst wurden die Sch&uuml;ler daraufhin unter Druck gesetzt, gen&ouml;tigt, als &#8222;R&auml;delsf&uuml;hrer&#8220; kriminalisiert. Am 30. September 1988 schlie&szlig;lich verk&uuml;ndete die Schulleitung die Relegierung der Sch&uuml;ler. Doch die massive Einsch&uuml;chterungspolitik blieb nicht folgenlos, sie rief trotz Gegenlenken des Staates unerwartet zahlreiche Solidarit&auml;tsbekundungen mit den betroffenen Sch&uuml;lern hervor. Es sind diese Zeichen von Zivilcourage, Freiheitsbewusstsein und Identit&auml;tsbildung, die diesen Sch&uuml;ler-Fall auch heute noch so aktuell und aufschlussreich machen, und es ist zugleich die Kontrolle, die Disziplinierung und Verfolgung von Jugendlichen im SED-Staat, &uuml;ber die wir vieles erfahren. Und &uuml;ber die Verzahnung der verschiedenen Organisationen und Institutionen im Herrschaftsapparat der SED, die eine gr&ouml;&szlig;tm&ouml;gliche &Uuml;berwachung und Steuerung des Lebensalltags in der DDR gew&auml;hrleisten sollte.<\/p>\n<p>Eindrucksvolle Einblicke er&ouml;ffnet in diesem Kontext auch die Website <a href=\"http:\/\/www.jugendopposition.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.jugendopposition.de<\/a>: ein Online-Angebot der Bundeszentrale f&uuml;r politische Bildung und der Robert-Havemann-Gesellschaft, das detaillierte Informationen und eine reichhaltige Materialauswahl zu Personen und Ereignissen aus dem Kontext Jugendopposition in der DDR bereitstellt, teils erg&auml;nzt durch Interviews mit Zeitzeugen. Auch diese Plattform hebt die vermeintliche Ungreifbarkeit der Vergangenheit auf, indem sie thematische Br&uuml;cken baut, Geschichte nah heranholt und zur selbst&auml;ndigen, selbstreflexiven Betrachtung auffordert.<\/p>\n<p>Diese wenigen Beispiele lassen bereits erkennen, dass es hoffnungsvolle, ausbauf&auml;hige thematische und methodische Ans&auml;tze f&uuml;r eine produktive und erfolgreiche Vermittlung der DDR-Geschichte im schulischen bzw. unterrichtsbegleitenden Bereich gibt. Doch so wichtig die Bef&auml;higung durch guten Schulunterricht ist: Eine ausschlie&szlig;liche Konzentration auf die Schule verkennt, dass wir vor einer gesamtgesellschaftlichen Herausforderung stehen. Denn das famili&auml;re Umfeld, der private Raum, die Medien, gesellschaftliche Diskussionen oder &Auml;u&szlig;erungen von Politikern beeinflussen die Sozialisation in entscheidendem Ma&szlig;e.<\/p>\n<p>Und hier lassen sich au&szlig;erordentlich irritierende Beobachtungen machen. Mit erstaunlicher Bedenkenlosigkeit werden die Bem&uuml;hungen um eine kritische Sicht auf die DDR allzu oft konterkariert durch verkl&auml;rende oder segmentierende Familienerinnerungen, durch vermeintlich kurzweilige Shows zur DDR-Zeit (deren Hoch-Zeiten wir gl&uuml;cklicherweise &uuml;berstanden zu haben scheinen), in denen die FDJ-Uniform zur unpolitischen Skurrilit&auml;t verblasst, durch das Verbreiten von &#8222;Souvenirs&#8220; wie Grenzer Uniformen oder Teebecher mit dem Staatsemblem der DDR, neuestens auch durch &#8222;Gedenkm&uuml;nzen zum 60. Geburtstag der DDR&#8220;. Besonders schwerwiegend aber scheinen &Auml;u&szlig;erungen im politischen Raum, die im Kampf um W&auml;hlerstimmen eine frappierende Nachsichtigkeit gegen&uuml;ber der DDR und dem SED-Regime offenbaren. Ist der Unrechtscharakter dieses Staates tats&auml;chlich so wenig evident, dass er anstandslos marginalisiert werden kann? Dass der weiche Blick auf die DDR als Wahlkampfinstrument politisch salonf&auml;hig ist? Oder ist der Abstand zum historischen Geschehen noch zu gering, sind sich Geschichte und Gegenwartspolitik noch zu nah?<\/p>\n<p>Woran es letztlich auch liegen mag, zu konstatieren bleibt: M&ouml;gen wir in der Beurteilung der NS-Herrschaft inzwischen zu einem gesellschaftlichen common sense gelangt sein, so zeigt die Diskussion um die DDR-Geschichte &#8211; deren Vergleichbarkeit bzw. Unvergleichbarkeit mit der NS-Zeit hier gar nicht thematisiert werden soll &#8211; deutliche Wertungsschwankungen. Dass das nationalsozialistische Deutschland eine verbrecherische Diktatur war, wird (zumindest &ouml;ffentlich) kein Politiker ernsthaft zu leugnen und auch nicht durch den Hinweis auf Autobahnbau oder Vollbesch&auml;ftigung zu entkr&auml;ften versuchen. Im Falle der DDR hingegen wird unter Verweis darauf, es gebe nicht <i>die <\/i>DDR, sondern eine Vielzahl an &uuml;berlieferten Narrativen oder &#8222;empirischen Realit&auml;ten&#8220;, eine &uuml;bergreifende historisch-politische Einordnung verweigert. Und es wird &#8211; und dies keineswegs von Au&szlig;enseitern oder den &uuml;blichen Ewiggestrigen &#8211; dar&uuml;ber debattiert, ob die DDR denn als Unrechtsstaat bezeichnet werden d&uuml;rfe und ob wir nicht vielmehr auch die &#8222;guten Seiten&#8220; der DDR sehen m&uuml;ssten, als da w&auml;ren: die Gleichberechtigung der Frau, die Kinderkrippen, die Arbeitsplatzsicherheit usw. Wie ausgeblendet wirken da die politische Verfolgung, die Ausgrenzung und Unterdr&uuml;ckung Andersdenkender, die systematische Kriminalisierung Oppositioneller, der allt&auml;gliche Versto&szlig; gegen die Menschenrechte durch Sicherheitsorgane und Justiz, die Todesopfer an der Berliner Mauer und der innerdeutschen Grenze, die Zerst&ouml;rung der Umwelt. Wie weit erstreckt sich da der Abstand zur kritischen Beurteilung anderer Diktatursysteme.<\/p>\n<p>Hochkonjunktur hat dabei im laufenden Wahljahr, in dem sich zugleich die Friedliche Revolution und der Mauerfall zum zwanzigsten Male j&auml;hren, die unmittelbare Bindung der DDR-Geschichte an den Wert der Biografien ihrer ehemaligen B&uuml;rger. Die historisch zutreffende Beurteilung der DDR als Diktatur wird in diesem Argumentationsmuster mit einer Deklassierung ihrer Bev&ouml;lkerung und einer Negierung ihrer pers&ouml;nlichen Erlebnisse und Erinnerungen gleichgesetzt: eine Zwangssymbiose von Regime und Volk im Nachhinein.<\/p>\n<p>Fraglos deckt sich die individuelle R&uuml;ckschau oftmals nicht mit dem &uuml;bergreifenden Wertungsblick und setzt sich aus Momenten zusammen, die das umgebende politische System ausklammern. Das h&auml;usliche Gl&uuml;ck, das Zusammengeh&ouml;rigkeitsgef&uuml;hl im privaten Umkreis, die Suche nach der ideologiefreien Nische in der Freizeit, vielleicht auch das &Uuml;berlisten der Diktatur und ihrer Zumutungen im Alltag &#8211; daraus speist sich das Bild vieler Menschen, die selbst in der DDR gelebt haben oder die &uuml;ber Angeh&ouml;rige Erlebnisse und Einstellungen tradiert bekommen. Dieses eigene bzw. &uuml;berlieferte Geschichtsgef&uuml;hl entwickelt &#8211; nicht zuletzt in wirtschaftlich und sozial unsicheren Zeiten &#8211; eine hohe Beharrlichkeit, ja wird zur Richtschnur, die vor den Schwierigkeiten der Gegenwart Schutz bieten soll. Vor diesem Hintergrund wird der Hinweis auf die stete Pr&auml;senz von SED und Staatssicherheitsdienst und auf die systematischen Rechtsverletzungen im Alltag der DDR rasch als Angriff auf die eigene Biografie und die eigene Glaubw&uuml;rdigkeit wahrgenommen und beiseite geschoben.<\/p>\n<p>So verst&auml;ndlich solch ein Schutzmechanismus sein mag, so fatal wirken sich solche Verflechtungen auf die Meinungsbildung und Urteilskraft gerade auch junger Menschen aus, da ihnen die unerl&auml;ssliche F&auml;higkeit zu Differenzierung und Abstraktion nicht vermittelt wird. Wird diese Tendenz durch einschl&auml;gige Politiker-Losungen noch untermauert, dann wird das Selbstverst&auml;ndliche gleichsam offiziell negiert: dass Menschen auch in einer Diktatur Gl&uuml;ck und Zufriedenheit erleben k&ouml;nnen, dass die Diktatur damit aber kein bisschen weniger Diktatur ist.<\/p>\n<p>Gerade hier tritt eine schmerzliche L&uuml;cke in unserer Forschungs- und Vermittlungsarbeit zu Tage: die sachliche Analyse und Rezeption der Alltagsgeschichte der DDR. Das Thema Alltagsleben in der DDR hat in den letzten Jahren immer wieder zu teils heftigen Kontroversen gef&uuml;hrt. Alltagsgeschichte drohte zu einem politischen Kampfterminus verbogen zu werden. F&uuml;r die einen illustrierte sie die Tendenz zur Weichzeichnung der Diktatur, und f&uuml;r andere spiegelte sie in der Tat die Option, DDR als ein Album gl&uuml;cklicher Erinnerungsbilder zu pr&auml;sentieren. Dabei: Wo lassen sich der Zugriff und die Perfidie einer Diktatur deutlicher konturieren als in der konkreten allt&auml;glichen Lebens- und Erfahrungswelt der betroffenen Menschen? SED-Herrschaft spielte sich nicht im alltagsfernen Raum ab &#8211; genau dort, im Alltag, trachteten die Partei und ihr Staatssicherheitsdienst ihren Anspruch durchzusetzen. Sie pr&auml;gten, beschr&auml;nkten und beeinflussten den Alltag von Staat und Bev&ouml;lkerung, mag auch ihr Einwirken nicht immer direkt sichtbar oder sp&uuml;rbar gewesen sein. Dieses Spannungsfeld aus privatem Alltagserleben und politischem Zugriff auf die Alltagswirklichkeit bedarf dringend intensiver kritischer Beachtung &#8211; in der Forschung, in der Bildung, in Politik und Gesellschaft -, um Verzerrungen und Mythen, falscher Sanftheit und leichtfertigen Besch&ouml;nigungen entgegenzuwirken.<\/p>\n<p>Wege aus dem Dilemma zwischen Geschichtsgef&uuml;hl\/gef&uuml;hlter Erinnerung und Geschichtsanalyse gibt es. Die genannten jugendad&auml;quaten Themen und Arbeitsbeispiele schaffen hervorragende Zug&auml;nge, die sich durch Begegnungen mit Zeitzeugen und die Erkundung historischer Orte und Gedenkst&auml;tten ausgezeichnet vertiefen lassen. Diese Arbeit reduziert sich keineswegs auf die Behandlung von Diktatur als Machtapparat, sie schlie&szlig;t vielmehr die Empathie mit den Regime-Betroffenen ein, verdeutlicht Handlungsoptionen und l&auml;sst erkennen, wie wichtig die Teilhabe des Einzelnen, wie unerl&auml;sslich Zivilcourage und b&uuml;rgerschaftliche Initiative f&uuml;r die Wahrung unserer Grundrechte sind. Auch weitet sich der Blick auf die Geschichte wie von selbst, wenn wir die DDR nicht als klinisch abgetrennten Ausschnitt behandeln und systemimmanent beurteilen, sondern als Teil der deutsch-deutschen Entwicklung vermitteln und die SED-Diktatur in den differenzierten Vergleich zu anderen Diktatursystemen setzen. Ebenso werden &uuml;ber die Sensibilisierung f&uuml;r das hohe Gut von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit die F&auml;higkeit zur (selbst)reflexiven Auseinandersetzung mit Diktaturgeschichte nachhaltig gef&ouml;rdert und die Trennlinien zwischen Diktatur und Demokratie erkennbar gemacht.<\/p>\n<p>Dabei m&uuml;ssen wir uns &#8211; dem inneren moralischen Impetus zum Trotz &#8211; vor Augen halten, dass wir nicht das Recht haben, junge Menschen mit unseren Wertungen zu &uuml;berw&auml;ltigen und ihre Bilder gewaltsam zu zerst&ouml;ren. Eine erfolgreiche Delegitimierung von Diktatur und eine nachhaltige Implementierung von demokratischem Denken lassen sich nicht oktroyieren. Wir m&uuml;ssen es aushalten, wenn Jugendliche sich dem Gespr&auml;ch verweigern, wenn sie auf ihren Meinungen beharren oder Widerspruch anmelden. Eine demokratische Diskussionskultur kann Ergebnisse nicht vorab festschreiben, sie ist per se zur Offenheit verpflichtet. Dezidiert und pr&auml;zise definiert sein aber muss unsere Ausgangsposition als Vermittler, unser eigener Wertekanon, der unseren Analysen und Schilderungen zugrunde liegt und der in seiner Bindung an die Menschenrechte nicht verhandelbar ist.<\/p>\n<p>Wir k&ouml;nnen nur auf das inhaltliche Gewicht und die Langlebigkeit unserer Argumente, auf die &Uuml;berzeugungskraft der freiheitlichen Idee und den Erfolg demokratischer Urteilsbildung setzen &#8211; und das ist nicht wenig. Wenn diese Bem&uuml;hungen und Wertestandards dann noch von Politik, Gesellschaft und Medien positiv und integer begleitet werden, d&uuml;rften wir k&uuml;nftig etwas weniger Sorgen um das kritische Geschichtsverst&auml;ndnis unserer Nachfahren haben.<\/p>\n<p>[1] Beispiel: GWU 1\/2009, S. 4-17.<\/p>\n<p>[2] Ulrich Arnswald, Ulrich Bongertmann, Ulrich M&auml;hlert (Hrsg.), DDR-Geschichte im Unterricht. Schulbuchanalyse &#8211; Sch&uuml;lerbefragung &#8211; Modellcurriculum, Berlin 2006. Monika Deutz-Schroeder, Klaus Schroeder, Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Sch&uuml;lern &#8211; ein Ost-West-Vergleich, Berlin-M&uuml;nchen 2008.<\/p>\n<p>[3] Der Lesbarkeit halber wird auf die geschlechtsspezifische Nennform verzichtet.<\/p>\n<p>[4] Siehe das Internetprojekt der BStU &#8222;Rausgeschmissen&#8220; mit inhaltlichen Erl&auml;uterungen und ausgew&auml;hlten Falldokumenten auf <a href=\"http:\/\/www.bstu.bund.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.bstu.bund.de<\/a>. Dort auch zu weiteren jugendthematischen Angeboten.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1894],"publikationen":[2820],"class_list":["post-10999","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-gabriele-camphausen","publikationen-185-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Fehlanzeige? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/185-vorgaenge\/publikation\/fehlanzeige\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Fehlanzeige? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Jugendliche und ihr Bild von der DDR, aus: vorg&auml;nge Nr. 185, Heft !\/2009, S. 87-92 &#8222;Fehlanzeige&#8220;: Mit unsch&ouml;ner Regelm&auml;&szlig;igkeit wird die Sorge laut, das Wissen nachwachsender Generationen &uuml;ber die DDR und das SED-Regime zeige fundamentale Defizite. 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