{"id":11000,"date":"2009-03-01T16:00:00","date_gmt":"2009-03-01T15:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/vom-homo-oeconomicus-zum-homo-cooperativus\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:30","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:30","slug":"vom-homo-oeconomicus-zum-homo-cooperativus","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/185-vorgaenge\/publikation\/vom-homo-oeconomicus-zum-homo-cooperativus\/","title":{"rendered":"Vom Homo oeconomicus zum Homo cooperativus"},"content":{"rendered":"<p>Zur Notwendigkeit einer Transformation der traditionellen &Ouml;konomie<\/p>\n<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 185, Heft 1\/2009, S. 93-105<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"i-positionen-zur-nachhaltigkeit\">I. Positionen zur Nachhal&shy;tig&shy;keit <\/span><\/h2>\n<p><i>Starke statt schwache Nachhaltigkeit:<\/i> Die nachhaltige\/&ouml;kologische &Ouml;konomie bekennt sich zu einer Position der starken Nachhaltigkeit. (Kopfm&uuml;ller 2003: 22, Bartmann 2001: 62). Hierf&uuml;r schlagen wir folgende Definition vor:<i> &#8222;Eine nachhaltige Entwicklung strebt f&uuml;r alle heute <\/i>lebenden <i>Menschen und <\/i>k&uuml;nftigen <i>Generationen ausreichend hohe <\/i>&ouml;kologische, &ouml;konomische <i>und <\/i>sozial-kulturelle <i>Standards in den Grenzen der nat&uuml;rlichen Tragf&auml;higkeit an. Sie will somit das intra- und intergenerative Gerechtigkeitsprinzip durchsetzen&#8220; <\/i>(Rogall 2000: 100; vgl. a. Abgeordnetenhaus von Berlin 2006\/06: 12).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ii-position-zur-nachhaltigkeit-und-zur-traditionellen-oekonomie\">II. Position zur Nachhal&shy;tig&shy;keit und zur tradi&shy;ti&shy;o&shy;nellen &Ouml;konomie <\/span><\/h2>\n<p><i>Abgrenzung von der traditionellen &Ouml;konomie bei Aufnahme einzelner Aspekte:<\/i> Die nachhaltige\/&ouml;kologische &Ouml;konomie erkennt bestimmte Erkenntnisse der traditionellen Umwelt&ouml;konomie an, z.B. die sozial-&ouml;konomischen Faktoren der &Uuml;bernutzung der nat&uuml;rlichen Ressourcen und die daraus abgeleitete Diskussion um die Notwendigkeit politisch-rechtlicher Instrumente. Da die Umwelt&ouml;konomen aber den Markt als alleiniges Verteilungsinstrument erhalten wollen und auch nicht bereit sind auf andere Dogmen zu verzichten (Diskontierung, Monetarisierung der Umweltkosten, Konsumentensouver&auml;nit&auml;t), bleibt ihr Beitrag f&uuml;r eine nachhaltige &Ouml;konomie insgesamt bescheiden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iii-reform-der-traditionelle-oekonomie\">III. Reform der tradi&shy;ti&shy;o&shy;nelle &Ouml;konomie <\/span><\/h2>\n<p><i>Eine Weiterentwicklung der traditionellen &Ouml;konomie und &ouml;kologischen &Ouml;konomie zur nachhaltigen &Ouml;konomie ist notwendig:<\/i> Die nachhaltige\/&ouml;kologische &Ouml;konomie grenzt sich von einer Reihe Aussagen der traditionellen &Ouml;konomie ab und sieht die Zeit gekommen, dass Lehrgeb&auml;ude unter Heranziehung der Erkenntnisse anderer Disziplinen (z. B. der Gehirn-, Verhaltens-, Klimaforschung) neu zu errichten bzw. grundlegend zu reformieren (hier aus Platzgr&uuml;nden nur als &Uuml;bersicht).<\/p>\n<p>XXXXXX Grafik<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iv-bausteine-einer-nachhaltigen-oekonomie-und-kontroversen\">IV. Bausteine einer nachhal&shy;tigen &Ouml;konomie und Kontro&shy;versen <\/span><\/h2>\n<p><i>Zehn Kernaussagen einer nachhaltigen\/&ouml;kologischen &Ouml;konomie:<\/i> Seit den 1970er Jahren sind zahlreiche Schulen und Forschungsans&auml;tze entstanden, die sich mit den Bedingungen einer nachhaltigen Entwicklung besch&auml;ftigen (sustainable science). Besonders wichtig sind: (1) Die <i>neoklassische Umwelt&ouml;konomie<\/i>, (2) die <i>&ouml;kologische &Ouml;konomie<\/i>, (3) die <i>neue Umwelt&ouml;konomie <\/i>als Unterschule der &ouml;kologischen &Ouml;konomie (1990er Jahre, heute mit der Formulierung von Vorschl&auml;gen f&uuml;r eine nachhaltige &Ouml;konomie besch&auml;ftigt), (4) der <i>Greifswalder Ansatz <\/i>(Ott; D&ouml;ring 2004), (5) das <i>integrierte Nachhaltigkeitskonzept der Helmholtz-Gesellschaft <\/i>(Kopfm&uuml;ller u. a. 2001, Kopfm&uuml;ller 2006), (6) die <i>industrial ecology <\/i>(1990er Jahre, Isenmann; Hauff 2007). Diese Schulen haben wichtige Beitr&auml;ge f&uuml;r die sustainable science geliefert, die von der nachhaltigen &Ouml;konomie aufgenommen werden.<\/p>\n<p>Wie in anderen Wirtschaftsschulen existieren auch zwischen den &Ouml;konomen der nachhaltigen\/&ouml;kologischen &Ouml;konomie <i>Kontroversen <\/i>&uuml;ber verschiedene Fragestellungen, z. B. wie ein Nachhaltigkeitsparadigma aussehen m&uuml;sste, dass das heutige Wachstumsparadigma ersetzen kann. Vertreter der traditionellen &Ouml;konomie sehen ein stetiges wirtschaftliches Wachstum als das wichtigste wirtschaftspolitische Ziel an. Dass eine dauerhafte exponentielle Steigerung des BIP (z. B. &uuml;ber 1.000 Jahre) nicht m&ouml;glich ist, wird verdr&auml;ngt, die Folgen f&uuml;r die &Uuml;bernutzung der nat&uuml;rlichen Lebensgrundlagen werden verharmlost. Vertreter der nachhaltigen\/&ouml;kologische &Ouml;konomie sehen dieses <i>Wachstumsparadigma <\/i>als nicht zukunftsf&auml;hig an (BUND u.a. 2008)). Aus ihrer Sicht muss es durch ein <i>Nachhaltigkeitsparadigma <\/i>ersetzt werden, das den scale, die absolute Nutzung der nat&uuml;rlichen Ressourcen (den Stoffdurchsatz) kontinuierlich senkt (Hinterberger 1996: 40).<\/p>\n<p>Das soll durch die <i>drei Strategiepfade der nachhaltigen &Ouml;konomie <\/i>(Effizienz, Konsistenz, Suffizienz) erreicht werden. Hierbei herrscht Einigkeit dar&uuml;ber, dass die Realisierung einzelner Effizienzma&szlig;nahmen nicht zu einer nachhaltigen Entwicklung f&uuml;hren kann, es vielmehr um eine 3. Industrielle Revolution geht, die den Verbrauch der nat&uuml;rlichen Ressourcen in den Industriestaaten innerhalb der n&auml;chsten 40 Jahre um 80 bis 90 Prozent vermindert. Das bedeutet aber nicht weniger als die Neuerfindung (fast) aller Produkte und Anlagen nach den Kriterien und Managementregeln der Nachhaltigkeit.<\/p>\n<p><i>Umstritten <\/i>ist die Hierarchie dieser Pfade: W&auml;hrend ein Teil sich f&uuml;r eine <i>Steadystate &Ouml;konomie <\/i>(mit eingefrorenem BIP) ausspricht und die Suffizienz in den Mittelpunkt stellt, h&auml;lt die zweite Gruppe eine <i>technisch orientierte Strategie <\/i>(Effizienz und Konsistenz) f&uuml;r ausreichend. Die dritte Gruppe strebt ein <i>selektives Wachstum <\/i>(mit Schrumpfungsprozessen in ausgew&auml;hlten Sektoren) an. Hierbei soll durch die konsequente Umsetzung der Strategiepfade eine absolute Abkoppelung, d.h. eine stetige absolute Minderung des Ressourcenverbrauchs erreicht werden (im Unterschied zum relativen Verbrauch, der den Verbrauch pro BIP misst). Dieser Strategieansatz wird durch die <i>Nachhaltigkeitsformel <\/i>verdeutlicht (.Ressourcenproduktivit&auml;t &gt; . BIP, d.h. die Steigerung der Ressourcenproduktivit&auml;t muss immer &#8211; Jahr f&uuml;r Jahr &#8211; gr&ouml;&szlig;er als die Steigerung des BIP sein).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"v-die-persoenliche-ebene-ethische-grundlagen\">V. Die pers&ouml;nliche Ebene &ndash; ethische Grundlagen <\/span><\/h2>\n<p>Eine nachhaltige\/&ouml;kologische &Ouml;konomie beruht auf ethischen Prinzipien und damit auf der Forderung nach pers&ouml;nlicher Verantwortung und Handlung: Als zentrale Prinzipien werden anerkannt: intra- und intergenerative Gerechtigkeit (Bartmann 1996: 210; Hampicke 1999: 167) sowie Verantwortung (Kopfm&uuml;ller 2003: 22). Damit geht es dieser Schule nicht alleine um Optimierungs- und Effizienzziele (wie der neoklassischen Umwelt&ouml;konomie), sondern auch um Gerechtigkeit (Verteilungsfragen) und Erhaltung. F&uuml;r alle heute und k&uuml;nftig lebenden Menschen soll das Recht auf Befriedigung ihrer Grundbed&uuml;rfnisse und fairen Zugang zu den nat&uuml;rlichen Ressourcen sowie den Erhalt der nat&uuml;rlichen Lebensgrundlagen durchgesetzt werden (Kopfm&uuml;ller 2003: 25). In der Konsequenz bedeutet die Anerkennung dieser Grundwerte aber auch, dass nur die Produkte und Konsumstile als nachhaltig bezeichnet werden k&ouml;nnen, die auf alle Menschen &uuml;bertragen nicht zur &Uuml;berschreitung der Grenzen der nat&uuml;rlichen Tragf&auml;higkeit f&uuml;hren (zur Diskussion moderater &Ouml;ko- bzw. Biozentrismus versus aufgekl&auml;rter Anthropozentrismus, vgl. Lerch 2001: 100; WBGU 1999: 31; Rogall 2008: 154). Als ebenfalls wichtig wird das Prinzip der partizipativen Demokratie angesehen, aus dem sich die Notwendigkeit eines stetigen gesellschaftlichen Diskurs- und Partizipationsprozess in allen Bereichen ergibt, und somit die Menschen auf die dramatischen &Auml;nderungen in diesem Jahrhundert vorbereitet. Hierdurch tritt zu der zentralen Rolle der Politik, als unverzichtbare rahmensetzende Instanz die pers&ouml;nliche Verantwortung jedes Einzelnen.<\/p>\n<p>Die enormen Umweltbelastungen &#8222;normaler&#8220; Konsumg&uuml;ter zeigen die Unverzichtbarkeit langfristiger <i>Suffizienzstrategien<\/i>. Daher m&ouml;chten schon heute viele Menschen (nicht die Mehrheit) ethisch verantwortbar leben, einen eigenst&auml;ndigen Beitrag f&uuml;r eine nachhaltige Entwicklung leisten. Das kann ein erfolgreicher Ansatz werden, wenn ein Imagewechsel der Produkte gelingt, ein energieeffizientes kleines Fahrzeug &#8222;hipp&#8220; wird, weil der Fahrer es offensichtlich nicht n&ouml;tig hat, seinen beruflichen Erfolg zur Schau zu stellen und weil er moderne Technik statt &#8222;Dinosauriertechnik&#8220; einsetzen will. Die Frage &#8222;rechnet sich das?&#8220; m&uuml;sste f&uuml;r andere Produkte gestellt werden als heute: Bekanntlich &#8222;rechnet&#8220; sich eine &#8222;Luxus-Limousine&#8220; oder ein Sportwagen nie, w&auml;hrend eine Solaranlage eine &#8222;<i>Emotionalrendite<\/i>&#8220; verschafft. Auf einen derartigen Imagewechsel darf man sich aber nicht verlassen, deshalb fordert die nachhaltige &Ouml;konomie auch &ouml;kologische Leitplanen (vgl. VII.).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"vi-transdisziplinaerer-ansatz\">VI. Trans&shy;dis&shy;zi&shy;pli&shy;n&auml;rer Ansatz <\/span><\/h2>\n<p><i>Transdisziplin&auml;rer Ansatz statt Primat der &Ouml;konomie:<\/i> Die nachhaltige &Ouml;konomie will die rein &ouml;konomische Betrachtungsweise durch einen transdisziplin&auml;ren Ansatz ersetzen. Hierzu ist eine enge Kooperation mit den Politik- und Rechtswissenschaften (Instrumentendiskussion) sowie mit den Natur- und Ingenieurwissenschaften (nachhaltige Produkt- und Anlagengestaltung) unerl&auml;sslich (vgl. 8.). Einen weiteren Schwerpunkt stellt die Akteursanalyse dar, die zu dem Ergebnis kommt, dass viele Branchen nach wie vor einer Kurzfristorientierung unterliegen und sie daher eine nachhaltige Umgestaltung der Industriegesellschaft verhindern wollen. Im Zuge der weiteren Versch&auml;rfung der Ressourcen- und Klimakrise bestehen aber erhebliche Potentiale f&uuml;r erfolgreiche B&uuml;ndnisse zwischen den nachhaltigkeitsorientierten Teilen der Wirtschaft, der Politik und der B&uuml;rgergesellschaft.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"vii-politisch-rechtliche-instrumente\">VII. Politisch-recht&shy;liche Instrumente <\/span><\/h2>\n<p><i>Notwendigkeit der &Auml;nderung der Rahmenbedingungen mittels politisch-rechtlicher Instrumente:<\/i> Die meisten Vertreter der nachhaltigen &Ouml;konomie akzeptieren, dass die sozial-&ouml;konomischen Faktoren quasi zwangsl&auml;ufig zu einer &Uuml;bernutzung der nat&uuml;rlichen Ressourcen f&uuml;hren. So ist die &Ouml;kobilanz (der Ressourcenverbrauch) von B&uuml;rgern mit einem h&ouml;heren Einkommen, die sich f&uuml;r umweltbewusst halten, aufgrund ihrer Flugreisen, gr&ouml;&szlig;eren Wohnungen und Autos erheblich schlechter als die von B&uuml;rgern mit niedrigem Einkommen, denen die Umwelt nach eigenen Angaben unwichtig ist (Kulke1993, Bodenstein u.a. 1998). Nachhaltige &Ouml;konomen schlussfolgern daraus, dass die H&ouml;he des Einkommens f&uuml;r den Umweltverbrauch der Mehrheit eine wichtigere Rolle spielt als der Bewusstseinsstand und der Staat daher mit Hilfe von politisch-rechtlichen Instrumenten eingreifen muss, um das Marktversagen auszugleichen (Holstein 2003: 107). Derartige &ouml;kologische Leitplanken werden somit als eine Art notwendige Bedingung angesehen, ohne die es keine nachhaltige Entwicklung geben kann.<\/p>\n<p>Im Mittelpunkt steht hierbei ein Instrumentenmix, insbes. mit umwelt&ouml;konomischen (&Ouml;kologisierung des Finanzsystems, Bonus-Malus-Regelungen und Naturnutzungsrechten) und ordnungsrechtlichen Instrumenten mit Stufenpl&auml;nen (Nutzungspflichten, Standards und Grenzwerte). Die neoklassische Forderung nach einer Errechnung eines (&ouml;konomisch) optimalen Naturnutzungspunktes wird aber aus ethischen Gr&uuml;nden und wegen der Monetarisierungsprobleme abgelehnt (Rogall 2008: 76). Allerdings verwenden Vertreter der nachhaltigen\/&ouml;kologischen &Ouml;konomie die Methode der Monetarisierung aus taktischen Gr&uuml;nden, um in der &ouml;ffentlichen Diskussion die Gr&ouml;&szlig;enordnung der Umweltkosten (z. B. einer unzureichenden Klimaschutzpolitik) zu verdeutlichen. Es darf aber dar&uuml;ber nicht vergessen werden, dass es eigentlich darum geht, die Grenzen der nat&uuml;rlichen Tragf&auml;higkeit zu ermitteln und sie einzuhalten, d.h. den Verbrauch der nat&uuml;rlichen Ressourcen (den scale) auf ein dauerhaft aufrechterhaltbares Ma&szlig; zu senken.<\/p>\n<p>Vertreter der nachhaltigen\/&ouml;kologischen &Ouml;konomie empfehlen daher die folgenden Ans&auml;tze: (1) den <i>Standard-Preis-Ansatz <\/i>bei dem Standards festgelegt und mit politisch-rechtlichen Instrumenten durchgesetzt werden (Baumol; Oates 1971: 42, im Deutschen vgl. Bartmann 1996: 141). (2) <i>die Theorie <\/i>der <i>meritorischen G&uuml;ter<\/i>, bei der Staat ebenfalls Standards politisch festlegt und durchsetzt (Musgrave 1975: 76; im Deutschen Bartmann 1996: 47 und 66, <a href=\"http:\/\/www.holger-rogall.de\/glossar.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.holger-rogall.de\/glossar.htm<\/a>).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"viii-operationalisierung-des-nachhaltigkeitsbegriffs\">VIII. Opera&shy;ti&shy;o&shy;na&shy;li&shy;sie&shy;rung des Nachhal&shy;tig&shy;keits&shy;be&shy;griffs <\/span><\/h2>\n<p><i>Notwendigkeit der Operationalisierung des Nachhaltigkeitsbegriffs und neuer Messsysteme:<\/i> Durch die Vielzahl an Interpretationen besteht die Gefahr, dass der Nachhaltigkeitsbegriff zum inhaltsleeren Allerweltsbegriff wird. Dese Entwicklung muss durch die Formulierung von Prinzipien, Managementregeln und neuen Messsystemen verhindert werden. Der Nachhaltigkeitsbegriff soll so wie der Begriff Demokratie zwar unterschiedliche Auspr&auml;gungen im Detail zulassen (z. B. in Gro&szlig;britannien und Deutschland), in der Substanz aber eindeutig bleiben. Hierzu werden neue Messsysteme in Form von Ziel- und Indikatorensystemen entwickelt und der Zielerreichungsgrad durch das Statistische Bundesamt &uuml;berwacht (vgl. Bundesregierung 2008\/11: 36).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ix-sozial-oekologische-marktwirtschaft-und-strategiefelder\">IX. Sozia&shy;l-&shy;&ouml;ko&shy;lo&shy;gi&shy;sche Markt&shy;wirt&shy;schaft und Strate&shy;gie&shy;felder <\/span><\/h2>\n<p><i>Sozial-&ouml;kologische Markt- oder Gemischtwirtschaft und Strategiefelder einer nachhaltigen &Ouml;konomie:<\/i> Vertreter der nachhaltigen\/&ouml;kologischen &Ouml;konomie konstatieren ein umfangreiches Marktversagen (z. B. Armut und Verteilungsungerechtigkeit, &Uuml;bernutzung der nat&uuml;rlichen Ressourcen, Unterausstattung mit meritorischen G&uuml;tern, Stabilit&auml;tsprobleme; Rogall 2006). Das Marktversagen kann nur dann auf ein akzeptables Ma&szlig; reduziert werden, wenn die Politik eingreift. Daher sprechen sie sich f&uuml;r eine <i>sozial-&ouml;kologische Markt- bzw. Gemischtwirtschaft<\/i> aus (Schiller 1965; Bartmann 1996: 10), die wir wie folgt definieren: &#8222;Unter einer sozial-&ouml;kologischen Marktwirtschaft wird ein Wirtschaftssystem verstanden, dass auf den ethischen Prinzipien des intra- und intergenerativen Gerechtigkeitsgrundsatzes und der Verantwortung beruht. Hierzu werden die M&auml;rkte nicht abgeschafft, aber sie erhalten mit Hilfe von politisch-rechtlichen Instrumenten einen Entwicklungsrahmen (z.B. &ouml;kologische Leitplanken, Sozial-, und Mitbestimmungsgesetze), der daf&uuml;r sorgt, dass die Folgen des Marktversagens ausgeglichen werden und die Volkswirtschaft sich nach den Zielen und Prinzipien einer nachhaltigen &Ouml;konomie umstrukturiert.&#8220; (zur gesellschaftlichen Abkehr von rein wirtschaftsliberalen Positionen Niejahr; Schmidt 2007\/08: 3; Stiglitz 2006).<\/p>\n<p>Um die Transformation der heutigen Industriegesellschaft (von Helmut Schmidt Raubtierkapitalismus genannt) in eine nachhaltige Wirtschaft zu beschleunigen, werden zentrale Strategiefelder ausgew&auml;hlt in denen dieser Prozess forciert und exemplarisch vorangetrieben wird (nachhaltige Wirtschafts-, Energie, Mobilit&auml;ts-, Ressourcenschonungs- und Produktgestaltungspolitik). Diese Felder eigenen sich besonders gut, da sich hier exemplarisch zeigen l&auml;sst, dass eine nachhaltige Wirtschaft nicht Askese propagiert und Armut verfestigt, sondern im Zuge einer 3. Industriellen Revolution eine ausreichende G&uuml;terausstattung und hohe eine Lebensqualit&auml;t innerhalb der Grenzen der nat&uuml;rlichen Tragf&auml;higkeit erm&ouml;glicht. Hierbei werden auch die Chancen f&uuml;r die Besch&auml;ftigung und damit die Sozialpolitik gesehen, allerdings auch die Hemmnisse und noch zu l&ouml;senden Probleme benannt (z. B. ein vollst&auml;ndiger Umstieg vom fossilen und atomaren Zeitalter in das Solarzeitalter bis zur Mitte bzw. zum Ende des Jahrhunderts).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"x-anerkennung-der-globalen-verantwortung\">X. Anerkennung der globalen Verant&shy;wor&shy;tung <\/span><\/h2>\n<p><i>Globaler Ordnungsrahmen und Verantwortung der Industriestaaten statt Freihandel und Turbokapitalismus:<\/i> Vertreter der nachhaltigen\/&ouml;kologischen &Ouml;konomie sind sich &uuml;ber die folgenden Aussagen und Ziele einig: (1) Die ungerechten Austauschbeziehungen und Arbeitsteilungen zwischen Industrie- und Entwicklungsl&auml;ndern f&uuml;hren zu materiellem Wohlstand in den Industriel&auml;ndern und zu Armut in den Entwicklungsl&auml;ndern. (2) Eine nachhaltige Entwicklung ist aber ohne die Verwirklichung der intragenerativen Gerechtigkeit nicht m&ouml;glich. Hierbei tragen die Industriestaaten aufgrund der historischen Entwicklung und ihrer hohen Leistungsf&auml;higkeit eine besonders hohe Verantwortung (Prinzip der gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortung; Kopfm&uuml;ller 2003: 37). (3) Die Einf&uuml;hrung eines globalen <i>Ordnungsrahmens <\/i>wird als notwendig angesehen, mit einer Regulierung der Finanzm&auml;rkte, sozial-&ouml;kologischen Mindeststandards die kontrolliert und sanktioniert werden und Mechanismen f&uuml;r einem fairen Handelsaustausch bereitstellen (Costanza u. a. 2001: 197; Kopfm&uuml;ller 2003: 36). (4) Der heutige Pro-Kopf-Ressourcenverbrauch der Industriel&auml;nder kann nicht auf alle sieben &#8211; bis 2050 etwa 9,0 Milliarden Menschen &uuml;bertragen werden (DSW 2005\/03: 4). Vielmehr werden schon heute die Belastungsgrenzen als &uuml;berschritten angesehen. Vertreter der Nachhaltigen\/&Ouml;kologischen &Ouml;konomie fordern, dass der Verbrauch der nat&uuml;rlichen Ressourcen bis zum Jahr 2050 global um 50% gesenkt wird. Da die Entwicklungsl&auml;nder ihren geringen Pro-Kopf-Verbrauch nicht senken werden, sondern ihnen vielmehr eine gewisse Steigerung zusteht, m&uuml;ssen die Industriestaaten ihren Verbrauch bis 2050 um 80-90% senken. (5) Die Schwellenl&auml;nder (insbes. die &#8222;neuen Verbrauchsstaaten&#8220; wie China, Indien, Brasilien usw.) d&uuml;rfen die Technik- und Strukturentwicklung der Industriestaaten nicht einfach nachahmen, sondern m&uuml;ssen von Anfang an ressourceneffiziente und nachhaltige Techniken einsetzen, dass geht nur durch Technologietransfer. (6) Alle Schwellen- und Entwicklungsl&auml;nder tragen Verantwortung f&uuml;r die weitere Bev&ouml;lkerungsentwicklung, da die Gesamtbelastung der nat&uuml;rlichen Lebensgrundlagen sich aus dem Pro-Kopf-Verbrauch mal der Bev&ouml;lkerungsanzahl ergibt (Costanza u. a. 2001: 109, 206). (7) Um diese Ziele zu erreichen m&uuml;ssen die internationalen Institutionen systematisch nach den Zielen der Nachhaltigen Entwicklung reformiert werden (dabei m&uuml;ssen die Schwellenl&auml;nder, z. B. nach dem G20 Gedanken, in die Entscheidungsprozesse integriert werden).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"xi-ausblick\">XI. Ausblick <\/span><\/h2>\n<p>Die globale Wirtschaftskrise hilft vielen Politikern und &Ouml;konomen zu erkennen, dass der Staat einen Ordnungsrahmen mit nachhaltigen (sozial-&ouml;kologischen) Leitplanken setzen muss um die globalen Probleme zu beherrschen. Damit besteht die Chance, dass die Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung k&uuml;nftig zu den Leitprinzipien der Politik werden (Bundesregierung 2008\/11: 11). Die notwendigen Instrumente zur Einleitung einer derartigen Entwicklung sind vorhanden, aber immer noch nicht konsequent genug eingef&uuml;hrt. Die nachhaltige\/&ouml;kologische &Ouml;konomie k&ouml;nnte bei dem Prozess zu einer nachhaltigen Entwicklung eine wichtige Rolle &uuml;bernehmen, wenn es ihr gelingt, ihre Differenzen zur&uuml;ckzustellen und die Kraft zu finden, neue praxisrelevante theoretische Alternativen zur traditionellen &Ouml;konomie zu formulieren sowie ihre Erkenntnisse verst&auml;rkt in die &ouml;ffentliche Diskussion zu transportieren. Das wird aber kein Selbstl&auml;ufer, vielmehr werden Positionen zunehmen, die in Zeiten von Finanz- und Wirtschaftskrisen den nachhaltigen Umbau verschieben wollen (z.B. Wulff, Seehofer, Glos). In dieser Situation gilt es Stand und Kurs zu halten. Statt auf das Wiedererstarken der Spekulanten und Neoliberalen zu warten, sollte jetzt gehandelt werden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur <\/span><\/h2>\n<p><i>Abgeordnetenhaus von Berlin<\/i> (2006\/06): Lokale Agenda 21 &#8211; Berlin zukunftsf&auml;hig gestalten, beschlossen vom Abgeordnetenhaus am 8. Juni 2006, Drs. 15\/5221.<\/p>\n<p><i>Bartmann, H.<\/i> (1996): Umwelt&ouml;konomie -&ouml;kologische &Ouml;konomie, Stuttgart.<\/p>\n<p><i>Bartmann, H.<\/i> (2001): Substituierbarkeit von Naturkapital, in: Held, M.; Nutzinger, H.: Nachhaltiges Naturkapital, Frankfurt a.M..<\/p>\n<p><i>Baumol, W.; Oates, W.<\/i> (1971): The Use of Standards and Prices for Protection of the Environment, in: Swedish Journal of Economics, Bd. 73.<\/p>\n<p><i>Bodenstein, G.; Elbers, H.; Spiller, A.; Zuhlsdorf, A.<\/i> (1998): Umweltsch&uuml;tzer als Zielgruppe des &ouml;kologischen Innovationsmarketings -Ergebnisse einer Befragung von BUND-Mitgliedern, Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der UNI Duisburg Nr. 246, Duisburg.<\/p>\n<p><i>BUND; Brot f&uuml;r die Welt<\/i> (2008, Hrsg.): Zukunftsf&auml;higes Deutschland in einer globalisierten Welt. Studie des Wuppertal Institutes f&uuml;r Klima, Umwelt, Energie, Frankfurt a.M.<\/p>\n<p><i>Bundesregierung <\/i>(2008\/11): Fortschrittsbericht 2008, F&uuml;r ein nachhaltiges Deutschland, Brosch&uuml;re, Berlin.<\/p>\n<p><i>Costanza, R. u.a. <\/i>(2001): Einf&uuml;hrung in die &Ouml;kologische &Ouml;konomik, Stuttgart. Titel der Originalausgabe (1998): An Introduction to Ecological Economics, Boca Raton FL\/USA 1998.<\/p>\n<p><i>DWS &#8211; Deutsche Stiftung Weltbev&ouml;lkerung <\/i>(2005\/03): Wie viele Menschen werden in Zukunft auf der Erde leben?, Brosch&uuml;re, Hannover.<\/p>\n<p><i>Hampicke, U. <\/i>(1999): Das Problem der Verteilung in der Neoklassischen und &Ouml;kologischen &Ouml;konomie, in: Beckenbach u. a. (1999, Hrsg.): Jahrbuch &Ouml;kologische &Ouml;konomik, Band 1, Marburg.<\/p>\n<p><i>Held, M.; Nutzinger, H.<\/i> (2001, Hrsg.): Nachhaltiges Naturkapital, &Ouml;konomik und zukunftsf&auml;hige Entwicklung, Frankfurt a.M..<\/p>\n<p><i>Hinterberger, F., Luks, F., Stewen, M.<\/i> (1996): &Ouml;kologische Wirtschaftspolitik &#8211; Zwischen &Ouml;kodiktatur und Umweltkatastrophe, Berlin.<\/p>\n<p><i>Holstein, L.<\/i> (2003): Nachhaltigkeit und neoklassische &Ouml;konomik, Marburg<\/p>\n<p><i>Isenmann, R.; Hauff, M. v.<\/i> (2007): Industrial Ecology: Mit &Ouml;kologie zukunftsorientiert wirtschaften, M&uuml;nchen.<\/p>\n<p><i>Kopfm&uuml;ller, J.; u. a.<\/i> (2001, Hrsg.): Nachhaltige Entwicklungintegrativ betrachtet, Berlin.<\/p>\n<p><i>Kopfm&uuml;ller, J.<\/i> (2003, Hrsg.): Den globalen Wandel gestalten &#8211; Forschung und Politik f&uuml;r einen nachhaltigen globalen Wandel, Berlin.<\/p>\n<p><i>Kulke, U.<\/i> (1993): Sind wir im Umweltschutz nur Maulhelden?, in: Natur 3\/1993.<\/p>\n<p><i>Lerch, A. <\/i>(2001): Naturkapital und Nachhaltigkeit &#8211; normative Begr&uuml;ndungen unterschiedlicher Konzepte der nachhaltigen Entwicklung, in: Held, M.; Nutzinger, H. (2001, Hrsg.): Nachhaltiges Naturkapital, &Ouml;konomik und zukunftsf&auml;hige Entwicklung, Frankfurt a.M..<\/p>\n<p><i>Musgrave, R.; Musgrave P.; Kullmer, L. <\/i>(1975): Die &ouml;ffentlichen Finanzen in Theorie und Praxis, T&uuml;bingen.<\/p>\n<p><i>Niejahr, E.; Schmidt, T. <\/i>(2007\/08): Es war nicht alles schlecht, in Die Zeit Nr. 35: 3.<\/p>\n<p><i>Ott, K.; D&ouml;ring, R.<\/i> (2004): Theorie und Praxis starker Nachhaltigkeit, Marburg.<\/p>\n<p><i>Radke, V.<\/i> (1999): Nachhaltige Entwicklung, Heidelberg.<\/p>\n<p><i>Rogall, H.<\/i> (2000): Bausteine einer zukunftsf&auml;higen Umwelt- und Wirtschaftspolitik, Berlin.<\/p>\n<p><i>Rogall, H.<\/i> (2008): &Ouml;kologische &Ouml;konomie, Wiesbaden.<\/p>\n<p><i>Rogall, H.<\/i> (2009): Nachhaltige &Ouml;konomie, Marburg (erscheint am 1.10.2009).<\/p>\n<p><i>Schiller, K.<\/i> (1965): Wirtschaftspolitik, in: Handw&ouml;rterbuch der Sozialwissenschaft, Bd. 12, Stuttgart.<\/p>\n<p><i>Schmidt, H. <\/i>(2004\/50) Das Gesetz des Dschungels, in: Zeit Online: <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2003\/50\/Kapitalismus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.zeit.de\/2003\/50\/Kapitalismus<\/a>.<\/p>\n<p><i>Schmoldt, H. <\/i>(2008): zitiert aus Berliner Zeitung vom 18.11.2008: 5.<\/p>\n<p><i>SRU <\/i>(2008\/06) &#8211; Sachverst&auml;ndigenrat f&uuml;r Umweltfragen: Umweltgutachten 2008 &#8211; Umweltschutz im Zeichen des Klimawandels. Hausdruck. 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