{"id":11017,"date":"2008-12-31T13:00:00","date_gmt":"2008-12-31T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/nach-haider\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:27","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:27","slug":"nach-haider","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/184-vorgaenge\/publikation\/nach-haider\/","title":{"rendered":"Nach Haider"},"content":{"rendered":"<p>Zur Bedeutung der charismatischen Person im Rechtspopulismus<\/p>\n<p>aus Vorg&auml;nge 184 ( Heft 4\/2008), S. 127-137<\/p>\n<h5><span id=\"1-einleitung\">1. Einleitung<\/span><\/h5>\n<p>In den westeurop&auml;ischen Parteiendemokratien steht das &#8222;Wie&#8221; der politischen F&uuml;hrung auf dem Pr&uuml;fstand. Immer wieder macht, gerade auch im &ouml;ffentlichen Sprachgebrauch, das Wort &#8222;Charisma&#8221; mit Blick auf die politische F&uuml;hrung die Runde, wird beinahe inflation&auml;r gebraucht. F&uuml;r den vielfach vereinnahmten Max Weber, der bis heute das Konzept wie kein Zweiter pr&auml;gte, ist mit charismatischer Herrschaft &#8222;eine au&szlig;erallt&auml;glich [..,] geltende Qualit&auml;t einer Pers&ouml;nlichkeit&#8221; gemeint, &#8222;um derentwillen sie als mit &uuml;bernat&uuml;rlichen oder &uuml;bermenschlichen oder spezifisch au&szlig;erallt&auml;glichen, nicht jedem anderen zug&auml;nglichen Kr&auml;ften [begabt] oder als gottgesandt oder als vorbildlich oder deshalb als ,F&uuml;hrer&#8216; gewertet wird&#8220;[1]. Heutzutage fehlt diese mystische Komponente; der Begriff wird mit freiwilliger Gefolgschaft, Begeisterung, Motivation und selbstauf-<br \/>opferndes Engagement umschrieben.<\/p>\n<p>Charisma ist allerdings nicht ein allein auf Regierungschefs bezogener Stile,[2] der in den letzten Jahren zum Beispiel einem Tony Blair, Gerhard Schr&ouml;der[3], Nicolas Sarkozy oder dem neuen US-Pr&auml;sidenten Barack Obama zugeschrieben wurde bzw. wird. Viel-mehr bezieht er sich auch auf die F&uuml;hrer neuartiger, in erster Linie rechtspopulistischer &#8222;Anti-Partei-Parteien&#8220;[4], die seit den 1980er Jahren mit einer Anti-Establishment-Haltungund tabubrecherischen Protestthemen immer wieder Wahlerfolge auf nationaler Ebene erzielen, so in Frankreich, &Ouml;sterreich, Italien, den Niederlanden, Belgien, der Schweiz und Skandinavien. Der rapide Aufschwung dieser. Au&szlig;enseiterparteien war und ist den individuellen F&auml;higkeiten einer charismatischen F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeit vom Schlage eines J&ouml;rg Haider, Jean-Marie Le Pen, Silvio Berlusconi, Umberto Bossi, Pim Fortuyn, Carl Hagen, Pia Kj&auml;rsgaard oder Christoph Blocher geschuldet.<\/p>\n<p>Wegbereiter dieser Entwicklung war der &Ouml;sterreicher J&ouml;rg Hader, der von 1986 an die politische Kultur des Alpenlandes ma&szlig;geblich pr&auml;gte. Zudem scheint es so, dass er als &#8222;Prototyp&#8220;[5] die Erfolgsformel des europ&auml;ischen Rechtspopulismus buchstabierte [6] In der Nacht zum 11. Oktober 2008 kam er, der Logik dieser Formel folgend, bei einer Autofahrt, mit &uuml;berh&ouml;hter Geschwindigkeit und 1,8 Promille-Alkohol im Blut ums Leben. Auff&auml;llig in den offiziellen Stellungnahmen zu seinem Tod war, dass ihm selbst seine einstigen politischen Gegner bis hin zum Noch-Kanzler der sozialdemokratischen SP&Ouml;, Alfred Gusenbauer, ein au&szlig;ergew&ouml;hnliches Talent bescheinigten. Konsens bestand darin, dass Haider die &ouml;sterreichische Politik der letzten zwei Jahrzehnte wie kein Zweiter pr&auml;gte. Rund 25.000 Leute nahmen an den Trauerfeierlichkeiten teil, ein Staatsbegr&auml;bnis mit beinahe religi&ouml;ser Verehrung.<\/p>\n<p>Kurz vor seinem Tod konnte der K&auml;rntner Landeshauptmann (in Deutschland Ministerpr&auml;sident) nach einem abermaligen Comeback in die Bundespolitik mit seiner eigentlich schon abgeschriebenen Partei, dem B&uuml;ndnis Zukunft &Ouml;sterreich (BZ&Ouml;), bei der Nationalratswahl am 28. September fast allein aufgrund seines Charismas 10,7 Prozent der Stimmen erzielen. Seine ehemalige Partei, die Freiheitliche Partei &Ouml;sterreich, erreichte gar 17,5 Prozent. Die beiden offen fremdenfeindlichen Rechtsau&szlig;enformationen konnten damit zusammen fast stimmenst&auml;rkste Partei werden. Aus diesem aktuellen Anlass m&ouml;chte der folgende Beitrag den &#8222;personalisierten Erfolg&#8221; des J&ouml;rg Haider nachzeichnen. Der Autor vertritt dabei die These, dass die Kategorie des Charismas zentral f&uuml;r die Erkl&auml;rung des Rechtspopulismus ist. Vielfach wird dessen Einfluss aber bestritten[7], was allerdings f&uuml;r den &ouml;sterreichischen Fall nicht zutrifft. Es stellt sich die Frage, ob Populismus ohne charismatischen Anf&uuml;hrer &uuml;berhaupt m&ouml;glich ist bzw. eine Zukunft haben kann. Weniger soll es um detaillierte Beschreibungen gehen; vielmehr stehen verallgemeinere Betrachtungen des &#8222;alpinen Rechtspopulismus&#8220;[8] im Vordergrund.<\/p>\n<h5><span id=\"ii-die-rolle-der-charismatischen-fuehrungspersoenlichkeit\">II. Die Rolle der charis&shy;ma&shy;ti&shy;schen F&uuml;hrungs&shy;per&shy;s&ouml;n&shy;lich&shy;keit<\/span><\/h5>\n<p>Die populistische Realit&auml;tskonstruktion[9] kommt einem auf die charismatische F&uuml;hrungsfigur konzentrierten, fragmentierten Geschehen gleich. Der Populist bietet an, die &#8211; angeblichen &#8211; Verkrustungen des politischen Tagesgesch&auml;fts aufzubrechen, die Alltagsthemen, Sorgen und N&ouml;te der &#8222;schweigenden Mehrheit&#8221; zu artikulieren und die Koordinationssysteme des politischen Diskurses wieder zurechtzur&uuml;cken, die aus Sicht des selbsternannten Erneuerers aus den Fugen geraten sind. Dem populistischen Parteif&uuml;hrer kommt die Tendenz zugute, dass sich die europ&auml;ischen Regierungssysteme zu-nehmend &#8222;pr&auml;sidentialisieren&#8221;, Spitzenkandidaten in Wahlk&auml;mpfen den direkten Kontakt mit dem W&auml;hler suchen, selbst an Parteien und Parlamenten vorbei. Der entscheidende Unterschied ist aber, dass Populismus eine Methode der politischen Kommunikation zu einer Art &#8222;Demokratieersatz&#8221; stilisiert. Populisten beanspruchen ein so genanntes &#8222;Interpretationsmonopol&#8221; des Volkswillens.[10]<\/p>\n<p>Der populistische Agitator, der als selbsternannter parteipolitischer Interessenvertreter des &#8222;kleinen Mannes und\/ oder des nationalen Interesses&#8221; auftritt, handelt gem&auml;&szlig; einer so genannten &#8222;umgekehrten Psychoanalyse&#8221;[11]: Er n&auml;hert sich seinem Publikum mit genau der gegenteiligen Intention, mit welcher der Analytiker auf die zu therapierende Person zugeht. Der Populist greift die individuellen Verunsicherungen, die neurotischen &Auml;ngste auf und verst&auml;rkt sie gezielt mit dem Zweck, den Patienten nicht m&uuml;ndig werden zu lassen, um eine feste Bindung zu erzeugen.[12]<\/p>\n<p>Ein charismatischer Anf&uuml;hrer im Sinne von Max Weber ergreift &#8222;die ihm angemessene Aufgabe und verlangt Gehorsam und Gefolgschaft kraft seiner (urspr&uuml;nglich im religi&ouml;sen Sinne verstandenen) Sendung. Ob er sie findet, entscheidet der Erfolg. Erkennen diejenigen, an die er sich gesandt f&uuml;hlt, seine Sendung nicht an, so bricht sein Anspruch zusammen. Erkennen sie ihn an, so ist er ihr Herr, solange er sich durch &#8222;Bew&auml;hrung&#8221; die Anerkennung zu erhalten wei&szlig;.[13] F&uuml;r den franz&ouml;sischen Sozialpsychologen Alexandre Dorna &uuml;bt ein charismatischer Anf&uuml;hrer folgende Wirkungen aus:[14]<\/p>\n<ul>\n<li>Inspiration: Der Anf&uuml;hrer treibt seine Gefolgschaft an, f&uuml;r den Erfolg des Ganzen &uuml;ber sich hinauszugehen. Er agiert wie ein Mentor, dessen Hilfe man f&uuml;r die eigene Entwicklung braucht.<\/li>\n<li>Motivation: Der Anf&uuml;hrer spornt auf unterschiedlichste Weise dazu an, eine<br \/>durch ihn forcierte Ver&auml;nderung der Werte zu bef&uuml;rworten und gutzuhei&szlig;en.<\/li>\n<li>Identifikation: Der Anf&uuml;hrer repr&auml;sentiert die Menschwerdung eines gemeinschaftlichen Vorhabens.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das politische Denken des Leaders changiert gleichwohl zwischen Wunschdenken und Selbst&uuml;bersch&auml;tzung. Eine fortw&auml;hrende &Uuml;berblendung von Anspruch und Realit&auml;t, Schein und Substanz tritt ein. Ger&auml;t er selber ins Kreuzfeuer der Kritik, kann das die Handlungsf&auml;higkeit der Partei, die auf ihn angewiesen ist, l&auml;hmen. Wenn ihr Anf&uuml;hrer durch elektorale Misserfolge nicht mehr unantastbar ist, kommen interne Querelen und Zerw&uuml;rfnisse der tendenziell instabilen Partei leicht zum Vorschein. Aufstieg und j&auml;her Fall der populistischen Heilsbringer liegen eng zusammen. Die eigene Partei kann durchaus die Gefolgschaft verweigern, sich &uuml;ber den rigiden F&uuml;hrungsstil mokieren und sich bei Misserfolg emanzipieren.<\/p>\n<h5><span id=\"iii-aufstieg-dank-charisma-und-tabubruch\">III. Aufstieg dank Charisma und Tabubruch<\/span><\/h5>\n<p>1986 war das Jahr, in dem der junge, ehrgeizige J&ouml;rg Haider den Vorsitz der altrechten, deutschnationalen FP&Ouml; &#8222;putschartig&#8221; &uuml;bernahm und ihren beispiellosen Aufstieg einleitete. Bereits in jungen Jahren praktizierte er die &#8222;cham&auml;leonhafte Verwandlung&#8221;, wie seine Biographin Christa Z&ouml;chling plastisch beschreibt: &#8222;Wie der Jungendfunktion&auml;r &uuml;bers Land fuhr, packte er regelm&auml;&szlig;ig mehrere Garderobenvariationen in seinen Mini und schl&uuml;pfte im Stra&szlig;engraben vor jeder Veranstaltung in das jeweils passende Kost&uuml;m: Trachtenjanker f&uuml;r die Dorfwirtsh&auml;user, Jeans f&uuml;r die Disko, Anzug und Schlips f&uuml;r das Seminar.&#8220;[15]Schrittweise schaffte es die FP&Ouml; unter seiner personalisierten, charismatischen Regie[16], zu den &#8222;gro&szlig;en&#8221; Volksparteien SP&Ouml; und &Ouml;VP, die in einer immer ungeliebteren Gro&szlig;er Koalition verharrten, aufzuschlie&szlig;en. Die Regierungsbeteiligung von Februar 2000 an &#8211; nach einem Nationalratsergebnis von 26,9 Prozent &#8211; war die Folge des Aufw&auml;rtstrends; die FP&Ouml; war am Zenit ihres Erfolges angelangt.<\/p>\n<p>J&ouml;rg Haider trat als &#8222;St&ouml;rer eines Burgfriedens der Etablierten&#8221;, als &#8222;Stachel im Fleisch der Konsensdemokratie&#8221; auf, die sie durch stillschweigend beschlossene &Uuml;bereink&uuml;nfte und Tabuisierungen zum schlecht gelittenen Eindringling machten. Populisten wie er wollen nach eigener Diktion diesen Konsens aufbrechen; kalkulierte Entgleisungen verbaler Natur geh&ouml;ren deshalb zum Tagesgesch&auml;ft ihrer Agitation: &#8222;Die bewusst inszenierte Verh&ouml;hnung und Verleumdung von Machttr&auml;gern und intellektueller Elite dient Populisten als Ausweis ihrer eigenen Volksn&auml;he,&#8220;&#8220; Haider selbst gab Aufschluss &uuml;ber seine Auffassung von Politik:<\/p>\n<ul>\n<li><u>Politik des Wir gegen &#8222;die-da-oben&#8221;: <\/u>In diesem Sinne schreibt J&ouml;rg Haider in seinem Buch Die Freiheit, die ich meine: &#8222;Daf&uuml;r haben wir [die FP&Ouml;] uns den Vorwurf des Populismus eingehandelt, und das empfinden wir durchaus als ehrenwert. In einer Demokratie muss das Volk geh&ouml;rt und ernst genommen werden! Befehlsausgaben aus dem Elfenbeinturm der herrschenden politischen Klasse, deren Verachtung f&uuml;r das gemeine Volk somit sichtbar wird, haben mit einem System der Freiheit nichts gemein. Gerade staatspolitische Verantwortung m&uuml;sste es aber gebieten, Sorgen und &Auml;ngste des Volkes ernst zu nehmen und durch politisches Handeln m&ouml;gliche Gefahren und Bedrohungen fr&uuml;hzeitig abzuwehren.&#8220;[18]<\/li>\n<li><u>Selbsternannter Anwalt der ,schweigenden Mehrheit&#8221;: <\/u>J&ouml;rg Haider illustrierte dieses Anliegen: &#8222;Die Ursache f&uuml;r den politischen Erfolg unserer Bewegung [liegt darin], dass wir entgegen der ver&ouml;ffentlichten Meinung des medialen und politischen Establishments die &ouml;ffentliche Meinung breiter Bev&ouml;lkerungsschichten artikulieren. Die schweigende Mehrheit, die die Last dieses Staates tr&auml;gt, hat ein Recht, geh&ouml;rt zu werden.&#8220;[19]<\/li>\n<li><u>Sch&uuml;ren von Vorurteilen gegen die &#8222;politische Klasse&#8221;: <\/u>&#8222;Die Modernisierung des Landes beginnt mit dem Macht- und Privilegienverzicht der herrschenden politischen Kaste [&#8230;]. In diesem Sinne haben wir uns als Tabu-Brecher in einer geschlossenen Gesellschaft bemerkbar gemacht. [2O]<\/li>\n<li><u>Emotionale Besetzung des &#8222;Ausl&auml;nderthemas&#8221;: <\/u>Immer wieder machte Haider das &#8222;Ausl&auml;nderthema&#8221; zum Mittelpunkt von Parteitaktik und Wahlkampfstrategie, zum Beispiel mit der immer wieder zu h&ouml;renden Aufrechnung &#8222;Ausl&auml;nderzahl versus Arbeitslosenanzahl&#8221; oder mit den st&auml;ndigen pauschalisierenden Verweisen auf Ausl&auml;nderkriminalit&auml;t.<\/li>\n<li><u>Sch&uuml;ren von Feindhildern:<\/u> So warnte J&ouml;rg Haider best&auml;ndig vor einer multikulturellen Gesellschaft. Haider zufolge integrierten sich die Einwanderer nicht in die Gesellschaft und Kultur, welche sie jetzt vorfinden. Vielmehr w&uuml;rden die Einwanderer von den Einheimischen erwarten, dass diese den neuen Gebr&auml;uchen Tribut zollen [21]<\/li>\n<li><u>EU als S&uuml;ndenbock und Symbol f&uuml;r B&uuml;rokratie und Machtf&uuml;lle:<\/u> &#8222;Die heutige EU kann alles: tief in das t&auml;gliche Leben jedes einzelnen eingreifen [&#8230;], aber Sicherheiten bietet sie nicht. [&#8230;] Die EU beginnt sich massiv in Lebensbereiche einzumischen, wo sie nichts verloren hat. Das ist ein Zeichen f&uuml;r die Entwicklung zu einem Verwaltungsmonster, das von den B&uuml;rgern nicht mehr beherrschbar wird. [&#8230;] Tonnen von Verordnungen, achtzig Prozent unserer Gesetzgebung wird von Beamten &#8211; nicht demokratisch gew&auml;hlten Vertretern &#8211; in Br&uuml;ssel fabriziert. Auspuffe werden geregelt, die Farben der Stra&szlig;enmalerei, Traktorsitze europ&auml;isch genormt, ebenso der Rasenm&auml;her [&#8230;]. Eine gemeinsame au&szlig;enpolitische Haltung gibt es hingegen in so gut wie keinem Fall.[22]<\/li>\n<hr class=\"clearer-white\"><!--\n\t\t\tList browsing box:\n\t\t--><\/ul>\n<li><u>Politik des &#8222;Wohlfahrtschauvinismus&#8221; mit gezieltem elektoralem Eindringen in das Segment der Arbeiterschaft:<\/u> Die FP&Ouml; gab sich als Anwalt der Arbeiter aus, propagierte einen Ausbau des Wohlfahrtsstaates. So schrieb J&ouml;rg Haider: &#8222;Der Skandal in unserem System ist: Die Faulen, die Nichtstuer, die Sozialschmarotzer und Tagtr&auml;umer sind sich der f&uuml;rsorglichen Hand des Sozialstaates sicher, w&auml;hrend der bildungswillige Aufsteiger, f&uuml;r den pers&ouml;nliche Leistung im Vordergrund steht, das Nachsehen hat.&#8220;[23]<\/li>\n<li><u>Anwendung professionalisierter Medienstrategie<\/u>: Populistische Parteien mit einem zentralisierten, zudem ganz auf den &#8222;Star&#8221; an der Spitze abgestellten Entscheidungsprozess entsprechen den Anforderungen der modernen Mediendemokratie in der Regel besser als traditionelle Parteien mit komplexeren Gremien und Entscheidungsstrukturen. Unter Haider wurde diese Politik nach Medienlogik perfektioniert; er profitierte selbst von negativer Berichterstattung. Eine solche best&auml;rkt die Klientel in der Annahme, das gesamte Establishment habe sich gegen die populistischen Newcomer verschworen.[24]<\/li>\n<h5><span id=\"iv-abstieg-dank-selbstueberschaetzung-und-emanzipation-seiner-partei\">IV. Abstieg dank Selbst&shy;&uuml;ber&shy;sch&auml;t&shy;zung und Emanzi&shy;pa&shy;tion seiner Partei<\/span><\/h5>\n<p>Die Regierungspolitik des Juniorpartners FP&Ouml; erwies sich schnell als schwierig, wurde sie doch von den auf einem Oppositionskurs beharrenden Hardlinern um J&ouml;rg Haider permanent desavouiert und schlie&szlig;lich torpediert. Das Dilemma der Partei: Haider zog sich mit der Regierungsbeteiligung zwar offiziell aus der Bundespartei zur&uuml;ck, legte inoffiziell aber die Rolle als m&auml;chtigste Person in der Partei niemals ab. Schnell begann der Erosionsprozess der Partei. Idealtypisch zeigt sich hier die Begrenztheit des charismatischen Anf&uuml;hrers, der sich durch Egozentrik und Egoismus oftmals selbst im Wege steht. Er h&auml;lt sich f&uuml;r unersetzlich und versucht, im Falle seines Abstiegs die Partei mit in den Strudel des Niedergangs zu rei&szlig;en. Der heimliche Parteichef Haider nutzte jede sich bietende M&ouml;glichkeit, von K&auml;rnten aus die Regierung zu br&uuml;skieren, beispielsweise durch einen nicht abgesprochenen Besuch beim irakischen Diktatur Saddam Hussein im Februar 2002. Diese sorgten auf nationaler und internationaler Ebene f&uuml;r gro&szlig;e Emp&ouml;rung. Der &Ouml;sterreicher, der mit guten Beziehungen zum Nahen Osten prahlte, wollte sich als Friedensstifter gerieren.[25]<\/p>\n<p>Schlie&szlig;lich kam es im Sommer 2002 zum &#8222;Putsch von Knittelfeld&#8221;. Damit entledigte sich Haider seiner Regierungsmannschaft, nachdem die FP&Ouml;-Ministern den Beschluss mitgetragen hatten, wegen gro&szlig;er Flutsch&auml;den die Steuersenkungen zu verschieben. Haider konnte kein Umdenken herbeizwingen und strebte einen Parteitag in Knittelfeld an, um seinen Willen durchzusetzen. Dort kam es zum Eklat; die FPOMinister traten geschlossen zur&uuml;ck. Nach dem grandiosen Absturz seiner Partei bei der von ihr ausgel&ouml;sten vorgezogenen Nationalratswahl von 2002 (von 26,9 auf 10,0 Prozent) k&uuml;ndigte Haider einmal mehr seine R&uuml;ckkehr als Parteivorsitzender an, ohne allerdings Taten folgen zu lassen. Wegen seiner Selbst-Bezeichnung als &#8222;einfaches Parteimitglied&#8221; und der Worte &#8222;Ich bin dann mal weg&#8221; f&uuml;hlten sich viele Beobachter an ein &#8222;Kasperltheater&#8221; erinnert.[26] Zwischenzeitlich schickte Haider sogar seine Schwester Ursula Haubner vor, nachdem die FP&Ouml; einen Vorsitzenden nach dem anderen verschliss. Haider selbst sprach von der Last der Aufgabe, der Opferrolle als &#8222;Sisyphos&#8221;. Seine eigentliche Verantwortung f&uuml;r den elektoralen Niedergang der Partei verschwieg er geflissentlich. Typischerweise scheitern rechtspopulistische Parteien an ihrer Regierungsbeteiligung.[27]<\/p>\n<p>Im Zuge eines erneuten Wahldesasters &#8212; ein Absturz der FP&Ouml; auf 3,3 Prozent bei den nieder&ouml;sterreichischen Gemeinderatswahl vom 6. M&auml;rz 2005 &#8212; schlug Haider eine Neujustierung der FP&Ouml; als l&auml;ssige, flotte und junge Partei&#8220; vor, die er &#8222;im Notfall&#8221; wie-der &uuml;bernehmen w&uuml;rde. Innerparteilich gab es aber Gegenwind, was Haider zutiefst in seiner Eitelkeit traf. Er sah sich nach den vorangegangenen Kollateralsch&auml;den mit einem neuen Herausforderer konfrontiert. Auf den f&uuml;r den 23. April anberaumten Partei-tag zeichnete sich eine Kampfkandidatur gegen den jungen Wiener FP&Ouml;-Obmann Heinz-Christian Strache ab. Strache galt lange als sein &#8222;Ziehsohn&#8221;, in seiner eloquenten und draufg&auml;ngerischen Art als der junge Haider, eine Art &#8222;Kopie&#8221;. Das Original wiederum fackelte nicht lange und entschied sich daf&uuml;r, einfach eine neue Partei mit dem sperrigen Namen B&uuml;ndnis Zukunft &Ouml;sterreichs ins Leben zu rufen. Strache wiederum wurde FP&Ouml;-Vorsitzender.<\/p>\n<p>Haider verkalkulierte sich mit der Trennung von seiner Partei. Denn Strache kopierte seine erfolgreiche Wahlkampfstrategie. Obwohl ein betr&auml;chtlicher, allerdings nicht der &uuml;berwiegende Teil zum BZ&Ouml; &uuml;berlief, re&uuml;ssierte Strache schon bei der Wiener Gemeinschaftswahl vom 23. Oktober 2005. Die FP&Ouml; konnte sich, entgegen der schlechten Umfragewerte in den Monaten zuvor, mit 14,8 Prozent der Stimmen behaupten und hielt den Verlust gegen&uuml;ber 2001 mit 5,3 Prozentpunkten in Grenzen. Verantwortlich f&uuml;r den Erfolg war offenkundig die aggressive Wahlkampagne unter dem Slogan &#8222;Wien darf nicht Istanbul werden!&#8221; Den antiislamischen Kurs setzte die Strache-FP&Ouml; bei der Nationalratswahl 2006 mit Spr&uuml;chen wie &#8222;Daham statt Islam!&#8221; fort. Die aggressive Wahlkampagne stellte mit dem Plakat &#8222;Wohlstand statt Einwanderung&#8221; oder &#8222;Sozialstaat statt Zuwanderung&#8221; die Themen &#8222;Ausl&auml;nder&#8221; und &#8222;Kriminalit&auml;t&#8221; in den Mittelpunkt, sie kn&uuml;pfte mit der Parole &#8222;soziale Leistung nur f&uuml;r die eigene Bev&ouml;lkerung&#8221; an der wohlfahrtschauvinistischen Erfolgsformel Haiders aus den 1990er Jahren an. Das Totengl&ouml;ckchen, das der FP&Ouml; gel&auml;utet wurde[28], erwies sich als verfr&uuml;ht. Sie kam auf 11,0 Prozent, womit sie das BZ&Ouml; klar &uuml;berrundete.<\/p>\n<p>Die Haider-Partei kam nur durch den &#8222;Haider-Faktor K&auml;rnten&#8221;, wo dieser nach wie vor als Landeshauptmannes popul&auml;r geblieben war, knapp mit 4,1, Prozent in das nationale Parlament. In acht der neun Bundesl&auml;nder erreichte die Partei lediglich Ergebnisse zwischen 1,7 und 3,3 Prozent. Es gelang ihr nicht, starke Parteistrukturen und eine stabile W&auml;hlerschaft aufzubauen. Haider selbst hielt sich im Wahlkampf zur&uuml;ck, auch weil er sah, dass ihn Strache mit fremdenfeindlichen Aussagen und dem antielit&auml;ren Gestus scheinbar &uuml;berfl&uuml;ssig machte.<\/p>\n<h5><span id=\"v-erneuter-hoehenflug-trotz-eines-charismatischen-nachfolgers\">V. Erneuter H&ouml;henflug trotz eines charis&shy;ma&shy;ti&shy;schen Nachfolgers<\/span><\/h5>\n<p>Das BZ&Ouml;, Haiders &#8222;Sch&ouml;pfung&#8221;, konnte auch in der Folgezeit au&szlig;erhalb K&auml;rntens keinerlei Erfolge verbuchen. V&ouml;llig &uuml;berraschend k&uuml;ndigte Haider im August 2008 an, als Spitzenkandidat des BZ&Ouml; in den Nationalratswahlkampf zu ziehen. Der Wahlkampf des<br \/>BZ&Ouml; war ganz auf die Person Haider abgestellt. Auf dem Wahlzettel stand &#8222;BZ&Ouml; &#8212; Lis-te J&ouml;rg Haider&#8221;. Zupass kam ihm die g&uuml;nstige Gelegenheitsstruktur, die vorgezogene Nationalratswahl auf Grund des Scheiterns der Gro&szlig;en Koalition. Mit dem Motto &#8222;Steige wieder in den Ring[29] nahm er seine alte Rolle als &#8222;K&auml;mpfer&#8221; gegen die rot-schwarze Regierung wieder auf.<\/p>\n<p>Haider griff zu einer bewusst ambivalenten Strategie. Einerseits gab er sich, auf sei-ne Funktion als K&auml;rntner Landeshauptmann verweisend, in den &ouml;ffentlichen Diskussionen und TV-Duellen mit den anderen Spitzenkandidaten betont staatsm&auml;nnisch, anderseits zielte er auf dumpfe Ressentiments, vor allem in Richtung Asylbewerber. In den TV-Duellen mit den anderen Parteispitzenkandidaten konnte er durchweg mit der alten Schlagfertigkeit und Rhetorik punkten, wie unabh&auml;ngige Beobachter konzedieren mussten. Nach wie vor hantierte er mit einer Politik der Ausgrenzung: &#8222;Wenn ein Asylant auf frischer Tat ertappt wird oder sogar ein Gest&auml;ndnis ablegt &#8212; warum soll man dann noch ein Verfahren abwarten? Wer straff&auml;llig geworden ist, hat das Land zu verlassen, Sonst m&uuml;sste man sagen, dass jeder Asylbewerber in &Ouml;sterreich eine elektronische Fu&szlig;fessel tragen muss, damit man jederzeit wei&szlig;, wo er ist, und er nicht untertauchen kann, wie das derzeit zigtausendfach passiert.&#8221; Auf die Gegenfrage &#8222;Ist das jetzt ein ernst gemeinter Vorschlag? Jeder Asylbewerber soll eine elektronische Fu&szlig;fessel bekommen? antwortete er: &#8222;Zumindest jeder kriminelle. Ich k&ouml;nnte es mir aber auch jeden Asylbewerber vorstellen. Wo liegt das Problem?[30]<\/p>\n<p>Das Wahlprogramm, auf Seite eins mit J&ouml;rg Haider in Denkerpose, blieb allgemein und pointiert gehalten, mit populistischen Forderungen wie nach &#8222;der Senkung von Sprit und Heiz&ouml;l, einer Entb&uuml;rokratisierung auf allen Ebenen, Arbeitsbeschaffungsma&szlig;nahmen, Mindestlohn, der Abschiebung ausl&auml;ndischer Straft&auml;ter, einem Bauverbot f&uuml;r Moscheen und Minarette sowie dem Verbot einer Ganzk&ouml;rperverschleierung,&#8220;[31] Damit wurden gezielt antiislamische Ressentiments gesch&uuml;rt. Die Forderung nach Mindestlohn sollte Stimmen in der Arbeiterschaft sichern, welche Haider einst in den 1990er Jahren gro&szlig;e Wahlanteile beschert hatte.<\/p>\n<p>In der Wahlkampfagenda der beiden Rechtsau&szlig;enpolitiker gab es viele Gemeinsamkeiten, gerade durch den immigrationsfeindlichen Duktus und das Feindbild der Gro&szlig;en Koalition, der sie Pfr&uuml;ndewirtschaft unterstellten. Die Unterschiede des &#8222;Duells der Zwillinge[32] lagen im Detail. Haider sprach sich f&uuml;r einen EU-Beitritt der T&uuml;rkei aus, w&auml;hrend Strache diesen vehement ablehnte: &#8222;In unserem christlich-europ&auml;isch gepr&auml;gten Abendland hat der Islam keine Berechtigung.&#8220;[33] Auch die FP&Ouml; warb exponiert mit ihrem Spitzenkandidaten. Am Anfang des Wahlprogramms stand &#8222;&Ouml;sterreich zuerst&#8221;, im Anfangstext sozusagen als h&ouml;chste Priorit&auml;t: &#8222;Unbescholtene B&uuml;rger aus allen Staaten sind in &Ouml;sterreich gern gesehene G&auml;ste. Wir freuen uns &uuml;ber leistungsbereite Menschen, die in &Ouml;sterreich ihre F&auml;higkeiten einbringen und unsere Kultur und Lebensart sch&auml;tzen. Wer jedoch unser Sozialsystem missbraucht oder in &Ouml;sterreich straff&auml;llig wird, hat in seine Heimat zur&uuml;ckzukehren.&#8220;[34] Mit zusammengenommen fast 28 Prozent der Stimmen (17,5 Prozent f&uuml;r die FP&Ouml;, 10,7 f&uuml;r das BZ&Ouml;) repr&auml;sentiert das Rechtsau&szlig;enlager eine gewichtigen politischen Faktor; es bewegt sich wieder in der Gr&ouml;&szlig;enordnung von 1999, als die Haider-FP&Ouml; in Opposition am Zenit ihres Erfolgs angelangt war.<\/p>\n<p>Insgesamt sank in diesem Wahlkampf das Niveau des parteipolitischen Diskurses deutlich. Die Parteien der zerbrochenen Gro&szlig;en Koalition gaben sich gegenseitig die Schuld an der Ausl&ouml;sung der vorgezogenen Neuwahl. Besonders deutlich versuchte die konservative &Ouml;VP, sich der Konkurrenz von &#8222;rechtsau&szlig;en&#8221; zu erwehren. Ohne damit einen elektoralen Erfolg zu erzielen, den erstarkten Rechtsau&szlig;enkr&auml;ften gleichsam auf dem Leim gehend, warb die Regierungspartei in gro&szlig;en Plakaten mit dem rechtspopulistischen Spruch &#8222;Wir sch&uuml;tzen Opfer, nicht T&auml;ter. Volle H&auml;rte gegen Kindesmissbrauch!&#8221;. Gerade das Thema &#8222;law and order&#8221; als virulentes allgemeines soziales Thema sollte an &Auml;ngste der Bev&ouml;lkerung ankn&uuml;pfen.<\/p>\n<h5><span id=\"vi-fazit\">VI. Fazit<\/span><\/h5>\n<p>Verglichen mit anderen rechtspopulistischen Parteien verf&uuml;gt die FP&Ouml; &uuml;ber eine hohe organisatorische Institutionalisierung und hat eine feste Tradition innerhalb der eigenen nationalen politischen Kultur, die sich beispielsweise in einem hohen euroskeptischen Bev&ouml;lkerungsanteil, also Angst vor &#8222;Fremdbestimmung&#8221; und der Aufgabe der nationalen Tradition, manifestiert.[35] Die nationale Pfadabh&auml;ngigkeit bei der Beurteilung &uuml;ber die strukturelle Verankerung in Rechnung stellend, wirkte sich die langj&auml;hrige konsendemokratische Machtstruktur mit ihren unstrittigen Schattenseiten wie der &#8222;Pfr&uuml;ndewirtschaft&#8221; direkt auf die Entstehung einer dauerhaften &#8222;Anti-Establishment-Kraft&#8221; aus. Erschwerend wirkt sich die fehlende Aufarbeitung der faschistischen Vergangenheit aus, die, anders als in Deutschland, den breit inszenierten fremdenfeindlichen Diskurs in der Bev&ouml;lkerung anschlussf&auml;hig macht. Ein Haider, der massenwirksam auch mit NS-Anspielungen wie dem Lob einer &#8222;ordentlichen Besch&auml;ftigungspolitik&#8221; jonglierte, w&auml;re in Deutschland kaum vorstellbar. Der &ouml;sterreichische Rechtspopulismus wird nach dem Tode Haiders auch weiterhin eine Zukunft haben. Gerade die FP&Ouml; ist eine Partei in der Tradition eines Lagers, das die &ouml;sterreichische Variante der &#8222;NSDAP&#8221; hervorgebracht hat. Bis heute geh&ouml;ren zahlreiche Aktivisten schlagenden Verbindungen an.<\/p>\n<p>Durch Strache d&uuml;rfte die Rolle des charismatischen Anf&uuml;hrers im Rechtsau&szlig;enlager weiterhin ausgef&uuml;llt sein und f&uuml;r die Zukunft des Rechtspopulismus &ouml;sterreichischer Provenienz sorgen. In &Ouml;sterreich wird die FP&Ouml; unter Haiders einstigem Ziehsohn und sp&auml;terem Rivalen Heinz-Christian Strache die Volksparteien &Ouml;VP und SP&Ouml; weiter vor sich hertreiben, gerade weil jene wieder in das ungeliebte Korsett der Gro&szlig;en Koalition gezwungen werden. Strache wird mit der Opposition gegen &#8222;die-da-oben&#8221;, wie bereits Haider in den neunziger Jahren, Erfolg haben und mit fremdenfeindlichen Tiraden den Traditionsbezug zum &#8222;deutschnationalen Lager&#8221; weiter herstellen. Dieses Faktorenb&uuml;ndel d&uuml;rfte f&uuml;r die Erhaltung einer fremdenfeindlichen Kraft sorgen. &Auml;ngste vor einem Ansteigen der Kriminalit&auml;t und Themen wie die Ausl&auml;nderpolitik scheinen nach wie vorbreite Bev&ouml;lkerungsteile zu mobilisieren. Aufschlussreich sind zudem die feste Verankerung der FP&Ouml; im Arbeitermilieu auf Grund ihres Wohlfahrtschauvismmus und ihr Charakter einer &#8222;M&auml;nnerpartei&#8221;. F&uuml;r das BZ&Ouml; d&uuml;rfte, zumindest au&szlig;erhalb K&auml;rntens, der Verlust Haiders zu gro&szlig; sein, das wird bereits an der offen gezeigten &Uuml;berforderung nach Haiders Tod deutlich. Wie sich bereits bei der Liste Pim Fortuyn in den Nieder-landen oder der Schill-Partei in Hamburg zeigte, kann eine Partei ohne die medial attraktive Zugkraft ihres Parteivorsitzenden kaum an alte Erfolge ankn&uuml;pfen. Zu stark ist die Identit&auml;t des Parteivorsitzenden mit derjenigen der Partei verschmolzen, was eine mittelfristige &#8222;&Uuml;berf&uuml;hrung&#8221; in die FP&Ouml; wahrscheinlich macht. Fest steht in jedem Fall: Der Mythos &#8222;Haider&#8221;, seine &#8222;Politik der Ressentiments&#8220;[36], wird fortwirken. Zu stark hat dieser in den letzten zwei Jahrzehnten die politische Kultur des Landes gepr&auml;gt.<\/p>\n<p>&Ouml;sterreich ist damit in einer besonderen, wenig verallgemeinerbaren Konstellation. An charismatischen Nachfolgern, welche f&auml;hig sind, die Gunst der Stunde f&uuml;r ihre antielit&auml;ren Parolen im Mantel ihrer auf sie ausgerichteten Parteien zu nutzen und aus dem europaweit verbreiteten Misstrauen gegen&uuml;ber der Probleml&ouml;sungskompetenz der etablierten Politik Kapital zu schlagen, wird es wohl angesichts der wachsenden Gelegenheiten auch in der europ&auml;ischen Politik nicht mangeln. Was vielfach nicht gesehen wird: Diese Formierungen entfalten eine indirekte Wirkung, die ihre Bedeutung verst&auml;rkt. So ist in den meisten westeurop&auml;ischen L&auml;ndern die staatliche Immigrationspolitik versch&auml;rft worden. Das hat sich mit der Z&auml;sur des 11. September 2001 zu tun, dient aber auch dazu, den Herausforderern von &#8222;rechtsau&szlig;en&#8221; Einhalt zu gew&auml;hren. Allgegenw&auml;rtig ist mittlerweile die Warnung vor der &#8222;Islamisierung Europas&#8221;, keine Rede mehr von der Vision einer &#8222;multikulturellen Gesellschaft&#8221;. Der populistisch gesch&uuml;rte Geist einer Neidpolitik kann wird in Zeiten neuer Unsicherheiten und aktueller Missst&auml;nde wie der Finanzmarktkrise weiter sein Unwesen treiben.<\/p>\n<p>[1] Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, T&uuml;bingen 1976,<br \/>5.140.<br \/>[2] So Henrik Gast: Wann und warum wirken Regierungschefs? Eine &Uuml;bertragung der Ergebnisse der<br \/>interdisziplin&auml;ren Charisma-Forschung mit arenenspezifischen Differenzierungen, in: Zeitschrift<br \/>f&uuml;r Politik, 55 (2008) 2, 5.147-174.<br \/>[3] Vgl. zu Blair und Schr&ouml;der Uwe Jun: Populismus als Regierungsstil in den westlichen Parteiende-<br \/>mokratien, in: Frank Decker (Hrsg.): Populismus. Gefahr f&uuml;r die Demokratie oder n&uuml;tzliches Kor-<br \/>rektiv?, Wiesbaden 2006, S. 233-254.<br \/>[4] Vgl. Cas Mudde: The Paradox of the Anti-Party-Party. Insights from the Extreme Right, in: Party<br \/>Politics, 2 (1996) 2, S. 265-276.<br \/>[5] Andreas Ross: F&uuml;rs Volk. Le Pen und Haider als europ&auml;ische Vorreiter, in: Claudia Cippitelli\/Axel<br \/>Schwarzenbeck (Hrsg.): Die neuen Verf&uuml;hrer? Rechtspopulismus und Rechtsextremismus in den<br \/>Medien, M&uuml;nchen 2004, S. 57-66, hier S. 58.<br \/>[6] Vgl. Paul Taggart: New Populist Parties in Western Europe, in: West European Politics, 18 (1995)<br \/>1, S. 34-31; Frank Decker: Der neue Rechtspopulismus, Opladen 2004.<br \/>[7] So am Beispiel der Niederlande Wouter van der Brug\/Anthony Mughan: Charisma, Leader Effects<br \/>and Support for Right-Wing Populist Parties, in: Party Politics, 13 (2007) 1, S. 29-5 1.<br \/>[8] So unter Einbeziehung der Schweiz Oliver Geden: Alpiner Rechtspopulismus, in: Frankfurter All-<br \/>gemeine Zeitung vom 19. August 2008, S. 8.<br \/>136&nbsp;vorg&auml;nge Heft 4\/2008, S. 127-137&nbsp;Florian Hartleb: Nach Haider&nbsp;137<br \/>[9] Vgl. zur Geschichte des Populismus Guy Hermet: Les populismes dans le monde, Paris, 2001; Karin Priester: Populismus. Historische und aktuelle Erscheinungsformen, Frankfurt\/M. 2007.<br \/>[10] Vgl. Roland Sturm, Das Urteil steht vor dem Argument. Rechtspopulisten beanspruchen das Mono-pol der Interpretation des Volkswillens, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23. Februar 2000.<br \/>[11] Der Literatursoziologe Leo L&ouml;wenthal pr&auml;gte diesen Begriff, der sich aus seinen psychoanalytischen Untersuchungen der rechtsextremistischen Agitatoren in der Zwischenkriegszeit entwickelt hatte.<br \/>[12] Vgl. Helmut Dubiel: Das Gespenst des Populismus, in: Ders. (Hrsg.): Populismus und Aufkl&auml;rung, Frankfurt\/M. 1986, S. 33-50, hier S. 42.<br \/>[13] Vgl. Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, T&uuml;bingen 1976, S. 179-188.<br \/>[14] Vgl. Alexandre Dorna: Le neopopulism et le charisme, in: Olivier Ihl\/Janine Chene\/Eric ViaU Ghislain Waterlot (Hrsg.): La tentation populiste au corur de l&#8217;Europe, Paris 2003, S. 95.<br \/>[15] Christa Z&ouml;chling: Haider. Eine Karriere, Wien 2000, S. 98.<br \/>[16] Vgl. zur Bedeutung von Haiders Charisma f&uuml;r den Aufstieg der FP&Ouml; bis hin zu einer vollends &#8222;cha-<br \/>rismatischen Partei&#8221; Ami Pedahzur Ami\/Avraham Brichta: The Institutionalization of Extreme<br \/>Right-Wing Charismatic Parties: A Paradox?, in: Party Politi cs, 8 (2002) 1, S. 31-49.<br \/>[17] Hans-Henning Scharsach: R&uuml;ckw&auml;rts nach rechts. Europas Populisten, Wien 2002, S. 213.<br \/>[18] J&ouml;rg Haider: Die Freiheit, die ich meine, Frankfurt\/M. 1994, S. 57.<br \/>[19] Ebd., S. 53.<br \/>[20] J&ouml;rg Haider: Befreite Zukunft jenseits von links und rechts. Menschliche Alternativen f&uuml;r eine Br&uuml;cke ins neue Jahrtausend, Wien 1997, 5.11.<br \/>[21] Vgl. J&ouml;rg Haider: Die Freiheit, die ich meine, Frankfurt\/M. 1994, S. 86-106.<br \/>[22] Ebd., S. 206f.<br \/>[23] Ebd., 5.181.<br \/>[24] Vgl. Thomas Macho: Politische Avatare. J&ouml;rg Haider und die Mediendemokratie, in: Gabrielle Hauch\/Thomas Hellmuth\/Paul Pasteur (Hrsg.): Populismus. Ideologie und Praxis in Frankreich und &Ouml;sterreich, Innsbruck u.a. 2002, 5.165-170.<br \/>[25] In seinem zu diesem Anlass erschienenen Buch Zu Gast bei Saddam. Im Reich des B&ouml;sen griff der in der Vergangenheit amerikafreundliche Haider vor allem die USA an. Er beteuerte zwar, er &#8222;habe keineswegs die Absicht, ein Buch zur F&ouml;rderung des Anti-Amerikanismus zu schreiben&#8221;, doch die Aussagen sprechen eindeutig dagegen: &#8222;Egal ob in Afghanistan oder im Irak: Amerika greift [&#8230;] in der Umsetzung reiner &ouml;konomischer Gier brutal auf die vorhandenen Energievorr&auml;te und will da-durch die totale Kontrolle &uuml;ber den Rohstoff Erd&ouml;l und Erdgas erzwingen.&#8221; Ferner habe &#8222;die gigantische Desinformationsmaschinerie der USA in der Vergangenheit nichts ausgelassen [.] um Saddam Hussein als zweiten Hitler zu positionieren.&#8221; (Zitate w&ouml;rtlich aus J&ouml;rg Haider: Zu Gast bei Saddam. Im &#8222;Reich des B&ouml;sen&#8221;, Wien 2003).<br \/>[26] So Charles E. Ritterband: K&auml;rntner Cham&auml;leon. J&ouml;rg Haiders Auf- und Abstieg in &Ouml;sterreich, in: Internationale Politik, 58 (2003) 4, S. 23-28, hier S. 28.<br \/>[27] Vgl. Reinhard Heinisch: Success in Opposition &#8212; Failure in Government: Explaining the Performance of Right-Wing Populist Parties in Public Office, in: West European Politics, 26 (2003) 3, S. 91-130.<br \/>[28] Vgl. u.a. Patrick Moreau: Autriche. Grandeur et decadence du FP&Ouml;, in: Pierre Blaise\/ders. (Hrsg.):<br \/>Extreme Droite et National-Populisme en Europe de 1&#8217;ouest, Bruxelles 2004, S. 59-125.<br \/>[29] So J&ouml;rg Haider: &#8222;Steige wieder in den Ring&#8221; (Interview), in: News vom 14. August 2008, S. 25.<br \/>[30] J&ouml;rg Haider: &#8222;Da bin ich gerne prinzipienlos&#8221; (Interview), in: Profil vom 25. August 2008, S. 22-<br \/>24, hier S. 23.<br \/>[31] Vgl. Deinetwegen &Ouml;sterreich. Das Wahlprogramm des BZ&Ouml; zur Nationalratswahl 2008, <a href=\"http:\/\/www.bzoe.at\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.bzoe.at<\/a> (abgerufen am 28. August 2008).<br \/>[32] So der Aufmacher des gr&ouml;&szlig;ten &ouml;sterreichischen Nachrichtenmagazins &#8222;Profil&#8221; vom 21. August 2008.<br \/>[33] Heinz-Christian Strache: &#8222;Ich freue mich, wenn Haider antritt&#8221; (Interview), in: Profil vom 11. August 2008, S. 20-22, hier S. 20. Vgl. dazu in eindeutigem Tenor FP&Ouml;: Wir und der Islam. Freiheitliche Positionen zur Religionsfreiheit, zur islamischen Welt und zur Problematik des Zuwanderungs-<br \/>Islam in Europa, Wien 2008.<br \/>[34] FP&Ouml;: &Ouml;sterreich hat das Wort. Wahlprogramm zur Nationalratwah12008, <a href=\"http:\/\/www.fpoe.at\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.fpoe.at<\/a> (abgerufen<br \/>am 28. August 2008).<br \/>[35]Kurt Richard Luther: Wahlstrategien und Wahlergebnisse des &ouml;sterreichischen Rechtspopulismus, 1986-2006, in: Fritz Plasser\/Peter A. Ulram: Wechselwahlen. Analysen zur Nationalratswahl 2006,<br \/>Wien 2007, S. 231-253, hier S. 252.<br \/>[36] Reinhard Heinisch: Austria: The Structure and Agency of Austrian Populism, in: Daniele Albertazzi\/Duncan McDonnell (Hrsg.): Twenty-First Century Populism, Houndmills\/Basingstoke 2008,<br \/>5. 67-83, hier S. 83.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1883],"publikationen":[1220],"class_list":["post-11017","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-florian-hartleb","publikationen-184-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Nach Haider - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/184-vorgaenge\/publikation\/nach-haider\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Nach Haider - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Zur Bedeutung der charismatischen Person im Rechtspopulismus aus Vorg&auml;nge 184 ( Heft 4\/2008), S. 127-137 1. 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