{"id":11020,"date":"2008-09-01T23:30:00","date_gmt":"2008-09-01T21:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/editorial\/"},"modified":"2008-09-01T12:00:00","modified_gmt":"2008-09-01T10:00:00","slug":"editorial","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/183-vorgaenge\/publikation\/editorial\/","title":{"rendered":"Editorial"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr.183 (Heft 3\/2008), S. 1-3<\/p>\n<p>Der Gassenhauer der Studentenbewegung, dass das Private politisch sei, hat l\u00e4ngst alle provokativen Ankl\u00e4nge verloren. Sp\u00e4testens seit der demografische Wandel in den Grundwortschatz der politischen Klasse Eingang gefunden hat und die Geburtenrate mit der gleichen Aufmerksamkeit verfolgt wird wie die Arbeitslosenzahl und das Wirtschaftswachstum, seit mit Timss und Pisa der Kurswert des nachwachsenden`Humankapitals\u00b4vermessen und international verglichen wird, ist die Familie zu einem Gegenstand \u00f6ffentlicher Er\u00f6rterung und zu einem Zielgebiet politischer Intervention geworden.<\/p>\n<p>Die male breadwinner Familie hat sich zu einem Patchwork-Ensemble vielf\u00e4ltig kombinierbarer Nahbeziehungen gewandelt. Was ehedem durch tradierte Normen und Blutsbande geregelter Arkanbereich war, ist nun der f\u00fcrsorglichen Belagerung durch eine Unzahl von \u00c4mtern und Institutionen ausgeliefert. Das Privileg der Erziehung teilen sich Eltern schon seit L\u00e4ngerem mit der Schule und, so erforderlich, mit der Jugendf\u00fcrsorge. So sie alle versagen, bleibt die Strafjustiz. Im Gegenzug ist die Erwartung an die Eltern gestiegen, dass sie ihren Beitrag zum staatlichen Bildungsauftrag leisten. Eine Anforderung aus der bei vielen \u00dcberforderung erw\u00e4chst. Eine \u00dcberforderung zu der sich die Unsicherheit gesellt, nicht mehr sagen zu k\u00f6nnen, was denn das Richtige f \u00a7 das Kind sei. Die Antworten der Politik auf diese Frage wandeln sich, bisweilen widersprechen sie sich, sind \u00fcberlagert finanziellen Restriktionen und parteitaktischen Erw\u00e4gungen. Gleichwohl l\u00e4sst sich sagen, dass kaum ein politisches Feld in den letzten Jahren derma\u00dfen an Stellenwert gewonnen hat wie die Familienpolitik. Das alles ist Grund genug, diese Ausgabe der vorg\u00e4nge der \u00f6ffentlichen Familie zu widmen.<\/p>\n<p><i>Karin Jurczyk <\/i>bl\u00e4ttert die verschiedenen Facetten der &#132;Ver\u00f6ffentlichung&#147; von Familie auf. Dabei verschwindet das Private jedoch nicht, sondern es ver\u00e4ndert seine Struktur, wird teils kolonisiert, teils zur Verhandlungssache. Es bleibt jedoch der Kernbereich, der Ort der Subjektbildung, ein Optionsraum, der seinerseits aber nach einer neuen sozialen Einbettung verlangt.<\/p>\n<p><i>Sabine Andresen<\/i> hinterfragt das vielfach propagierte Ziel der &#132;Vereinbarkeit von Kindererziehung und Beruf&#147; auf die immanente Asymmetrie hin und analysiert die soziale Bedingtheit einer gelingenden familialen Erziehung, die eben nicht vollends durch eine \u00f6ffentliche ersetzt werden kann.<\/p>\n<p><i>Andreas Lange <\/i>und <i>Isabelle Krok <\/i>beschreiben die Defamilialisierung von Bildung und Erziehung vor dem Hintergrund eines neoliberalen Umbaus des Wohlfahrtsstaates und den damit einhergehenden neuen Formen des Aktivierens des B\u00fcrgers. Der Humankapitalmaximierung setzen sie das Konzept einer Komptenzf\u00f6rderung im weitesten Sinne entgegen, die die Heranwachsenden in ihrer gesamten Lebensf\u00fchrung betrachtet.<\/p>\n<p><i>Michael Opielka<\/i> legt anhand der Familienpolitik in Th\u00fcringen dar, wie der parteipolitisch aufgeladene Streit zwischen materieller F\u00f6rderung der Familie und Vergesellschaftung ihrer Funktion aufgel\u00f6st werden kann zu Gunsten eines Modells, das konservative Grundvorstellungen mit Elementen liberaler Marktsteuerung, der<br \/>sozialdemokratischen Idee staatlicher Versorgungsgarantie und der garantistischen Idee eines universalistischen Zugangs verbindet.<\/p>\n<p><i>Anne Lenze<\/i> attestiert der aktuellen Familienpolitik, dass sie zwar viele Einzelma\u00dfnahmen beschlie\u00dft, aber an den entscheidenden, den strukturellen Benachteiligungen von Eltern mit Kind im Steuerrecht wie in den Systemen der sozialen Sicherung wenig ge\u00e4ndert hat. Kinderlose sind in allen Bereichen die Gewinner, w\u00e4hrend Elternschaft nicht selten in Armutsrisikozonen f\u00fchrt.<\/p>\n<p><i>Maria Lore Peschel-Gutzeit <\/i>zeichnet den in der langen Perspektive doch recht gro\u00dfen Wandel der Familie nach, wie er in der Rechtssprechung des Bundesverfassungsgerichts und der entsprechenden Gesetzgebung seit Gr\u00fcndung der Bundesrepublik zum Ausdruck kommt. F\u00fcr die Zukunft sieht sie in der Verankerung von Kindergrundrechten im GG eine ihr sympathische Perspektive.<\/p>\n<p><i>Christoph Butterwegge<\/i> erkennt in der wachsenden Kinderarmut einen Skandal, der zwar h\u00e4ufig mit den gewandelten famili\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen begr\u00fcndet wird, seine eigentlichen Ursachen aber in der Flexibilisierung und Prekariserung der Arbeitsverh\u00e4ltnisse<br \/>und dem Abbau des Sozialstaates hat.<\/p>\n<p><i>Manuela Westphal<\/i> weist nach, dass die Sozialisation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund sich nicht in ein Entweder-oder von Herkunfts- und deutscher Lebenskultur aufspalten l\u00e4sst, sondern in der Absorbtion und Abgrenzung von beidem ein eigenes Profil formt.<\/p>\n<p><i>Dirk Baier <\/i>und <i>Christian Pfeiffer <\/i>kommen bei der Auswertung der entsprechenden Kriminalstatistiken und Umfragen zu dem Ergebnis, dass nichtdeutsche Jungendliche vor allem im Bereich Gewaltverhalten h\u00e4ufiger kriminell sind als deutsche. Doch gibt es, entgegen der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung, eine leicht abnehmende Tendenz. Will man diese Tendenz verst\u00e4rken, muss vor allem der schulischen Integration mehr Gewicht<br \/>beigemessen werden.<\/p>\n<p><i>Wolfgang Bergmann<\/i> beschreibt die Folgen, wenn Eltern ihre Beziehungsprobleme, ihre psychischen Instabilit\u00e4ten, \u00c4ngste und Erwartungen auf ihr Kind projizieren.<\/p>\n<p>Im Essay analysiert <i>Christoph Egle <\/i>die strategischen Optionen der Gr\u00fcnen im F\u00fcnf-Parteien-System. Eine doppelte \u00d6ffnung nach links und rechts ist in seinen Augen die erfolgstr\u00e4chtigste Variante.<\/p>\n<p><i>Tamara Ehs<\/i> geht mit einer Integrationspolitik ins Gericht, die das Ma\u00df des Tolerablen an der H\u00f6he der Minarette misst, die man im deutschen Stadtbild f\u00fcr vertr\u00e4glich h\u00e4lt.<\/p>\n<p><i>Thilo Sarazzin <\/i>kommt bei seinen \u00dcberlegungen zum Staat, seiner historischen Entwicklung und seinen Aufgaben zu dem Schluss, dass das, was er tun kann, in Zukunft erheblich eingeschr\u00e4nkt sein wird, durch die Last der Schulden, die er bereits angeh\u00e4uft hat, und die gr\u00f6\u00dferen Belastungen, die eine alternde Gesellschaft ihm aufb\u00fcrdet.<\/p>\n<p>Rezensionen zweier B\u00fccher zum Ged\u00e4chtnis Europas von Peter Fischer und eines Buches \u00fcber die institutionelle Diskriminierung von Migranten von Kornelia Konczal runden diese Ausgabe der <i>vorg\u00e4nge <\/i>ab, zu der ich Ihnen wie immer eine anregende Lekt\u00fcre w\u00fcnsche.<\/p>\n<p><i>Ihr<br \/>Dieter Rulff<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1636],"publikationen":[2819],"class_list":["post-11020","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-dieter-rulff","publikationen-183-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Editorial - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/183-vorgaenge\/publikation\/editorial\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Editorial - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr.183 (Heft 3\/2008), S. 1-3 Der Gassenhauer der Studentenbewegung, dass das Private politisch sei, hat l\u00e4ngst alle provokativen Ankl\u00e4nge verloren. 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