{"id":11022,"date":"2008-09-01T22:00:00","date_gmt":"2008-09-01T20:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-familie-im-spannungsfeld-von-rechten-und-pflichten\/"},"modified":"2021-08-24T21:51:46","modified_gmt":"2021-08-24T19:51:46","slug":"die-familie-im-spannungsfeld-von-rechten-und-pflichten","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/183-vorgaenge\/publikation\/die-familie-im-spannungsfeld-von-rechten-und-pflichten\/","title":{"rendered":"Die Familie im Spannungsfeld von Rechten und Pflichten"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 183, Heft 3\/2008, S. 16-22<\/p>\n<p>&#8222;Wie viel Mutter braucht Ihr Kind?&#8220; titelte &#8222;Der Spiegel&#8220; vor einigen Monaten und rollte dabei die Frage nach dem Familienideal anhand der Gegen\u00fcberstellung von Krippe versus Kinderzimmer neu auf. Das Thema Familie steht seit einiger Zeit auf der politischen Agenda und regt zahlreiche, kontroverse, ja auch ideologische Debatten an. Letztere fokussieren die Reichweite liberaler Erziehung, die Qualit\u00e4t der Familienerziehung, das Versagen von Eltern auf Grund mangelnder Erziehungskompetenz, die Forderung nach Werten und Wertewandel in der Erziehung und nicht zuletzt die Rolle der Mutter. Politisch geht es um Aushandlungsprozesse, in denen Rechte und Pflichten von Eltern und Staat, also die Frage nach Verantwortung f\u00fcr das Aufwachsen, verhandelt werden.<\/p>\n<p>Und vor dem Hintergrund des demographischen Arguments ist auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schon lange kein privates Thema mehr. Bund und L\u00e4nder wollen die Kleinkindbetreuung au\u00dferhalb der Familie ausbauen und bis zum Jahr 2013 soll jede Familie einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz haben. Die Vereinbarkeitsthematik, die Frage nach sozialer Mobilit\u00e4t und die Bedeutung der Familie f\u00fcr Bildungskarrieren der Kinder sind Eckpunkte der derzeitigen Familiendebatte, auf die im Folgenden n\u00e4her eingegangen werden soll. Dabei zeigen sich sowohl historisch als auch auf der Basis empirischer Daten kontinuierlich wirkende Belastungsfaktoren f\u00fcr Familien, insbesondere wenn sie einen prek\u00e4ren sozialen Hintergrund haben.<\/p>\n<p>Die Familie ist auch im Wohlfahrtsstaat f\u00fcr soziale Risiken besonders anf\u00e4llig. Nicht nur aus der Familiendynamik an und f\u00fcr sich und auch nicht aus einzelnen gesellschaftlich bedingten Risiken allein resultiert ihre Schw\u00e4che. Die Gef\u00e4hrdung von Familien besteht in der Anh\u00e4ufung riskanter Bedingungen, die auf die Gestaltung des Familienlebens sowie auf die Entscheidungs- und Handlungsfreiheit ihrer Mitglieder erheblichen Einfluss aus\u00fcben. Nicht zuletzt die historische Forschung zeigt die Kontinuit\u00e4t von Problemlagen sowie deren Auswirkungen auf Kinder. Diese bemerkenswerte Best\u00e4ndigkeit famili\u00e4rer Belastungsfaktoren korrespondiert insbesondere in Krisensituationen mit einem Schuld zuweisenden politischen Zugriff auf Familien. Das hei\u00dft, strukturelle Defizite werden in der politischen Argumentation h\u00e4ufig \u00fcbergangen und die Kritik auf die inneren Prozesse der Familie gelenkt. So geraten dann beispielsweise die Erziehungsleistungen, die Haushaltsf\u00fchrung, die Gattenliebe in den Blick, wohingegen die sozialen Rahmenbedingungen des Familienlebens wie die Arbeitsverh\u00e4ltnisse der Eltern, das Verh\u00e4ltnis von Schule und Familie, das famili\u00e4re Zeitbudget, die materielle Situation, die Wohnung und das Wohnumfeld als gegeben hingenommen werden.<\/p>\n<p>Familie ist im nationalen Wohlfahrtsstaat grunds\u00e4tzlich auch ein Objekt politischer Interessen und Familienpolitik im hohen Ma\u00dfe von der jeweiligen Arbeitsmarktpolitik abh\u00e4ngig. Zu den familienpolitisch problematischen Annahmen geh\u00f6ren die Annahme der Vollst\u00e4ndigkeit der Familie ebenso wie die hierarchische Arbeitsteilung, das Mutterbild, die Verknappung von Zeit, das \u00f6ffentliche Misstrauen gegen\u00fcber den Erziehungsleistungen der Familie sowie Selektion und Segregation. Ihre Bedeutung f\u00fcr die Familie als Institution und Lebensform sowie f\u00fcr die einzelnen Generationen und Mitglieder zeigt sich bis in die Gegenwart. Dies hat beispielsweise die UNICEF-Studie &#8222;Child poverty in perspective: An overview of child well-being in rich countries&#8220;(UNICEF 2006) \u00fcber die Bedingungen des Aufwachsens von Kindern eindrucksvoll belegt. Folgende Dimensionen als Kategorien f\u00fcr das Wohlbefinden von Kindern wurden untersucht: materielle Lage, Gesundheit und Sicherheit, Bildung, Beziehung zu Eltern und Freunden, Risiken im Alltag und subjektives Wohlbefinden von Kindern.<\/p>\n<p>Diese Dimensionen bildeten auch den Ausgangspunkt f\u00fcr die deutsche Teilstudie, die Hans Bertram durchgef\u00fchrt hat. Bertram betont ebenfalls die Kontinuit\u00e4t der Probleme des Aufwachsens in Deutschland. Eine wirksame L\u00f6sung der sattsam bekannten Schwierigkeiten werde u.a. dadurch verhindert, dass man an deutlich \u00fcberkommenen Familienbildern und Rollenvorstellungen festhalte (Bertram 2006). Insbesondere kritisiert Bertram das Beharren auf dem Mutterbild der Industriegesellschaft, mit dem sich heutige junge Frauen und M\u00fcttern als Ma\u00dfstab f\u00fcr ihr Handeln konfrontiert sehen. Aus dieser Perspektive werde der berufst\u00e4tigen Mutter h\u00e4ufig vorgeworfen, sie k\u00fcmmere sich nicht ausreichend um ihre Kinder (Bertram 2006, S.3). Bertram schl\u00e4gt angesichts der erfolgreicheren Politik in anderen L\u00e4ndern, insbesondere in den demokratischen Wohlfahrtsstaaten (Esping-Anderson 1990) einen integrativen Policy Mix vor, welcher neben Beziehungen innerhalb der Familie auch eine verl\u00e4ssliche Umwelt f\u00fcr Kinder sicherstellt, indem nicht nur Familien auf eine neue \u00f6konomische Basis gestellt, sondern gleichzeitig durch ein angemessenes Verh\u00e4ltnis von Zeit-, Geld-, und Infrastrukturpolitik Fragmentierungen bisheriger Unterst\u00fctzungsleistungen \u00fcberwunden werden (Bertram 2006, S.11ff).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"familie-und-vereinbarkeit\">Familie und Verein&shy;bar&shy;keit <\/span><\/h2>\n<p>2005 wurden im siebten Familienbericht der deutschen Bundesregierung W\u00fcnsche zur Vereinbarkeit aufgelistet: Neben flexibler, verl\u00e4sslicher und qualit\u00e4tsvoller Kinderbetreuung z\u00e4hlen dazu ein gr\u00f6\u00dferes Engagement der V\u00e4ter, die Verminderung beruflicher Nachteile f\u00fcr M\u00fctter, eine familienfreundliche Arbeitswelt und mehr Teilzeitangebote (BMFSFJ 2005). Der enge zeitliche und finanzielle Spielraum bei der derzeitigen Ausgestaltung von Teilzeit- und Vollzeitstellen macht deutlich, wie sehr der individuelle Wunsch nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf strickten und von Einzelnen kaum beeinflussbaren Reglements unterworfen ist. Der quantitative Ausbau und die qualitative Verbesserung der au\u00dferfamili\u00e4ren Kinderbetreuung werden mittlerweile als zentraler Beitrag zur Herbeif\u00fchrung von Vereinbarkeit gesehen. Zu dieser familien-, bildungs- und sozialpolitischen Forderung gibt es keine Alternative, allerdings ist zu beachten, in welche Komplexit\u00e4t die Bem\u00fchungen um Vereinbarkeit dar\u00fcber hinaus eingebettet sind. Angesichts dessen schl\u00e4gt der Kindheitsforscher Michael-Sebastian Honig (2006) eine kritische Lesart der Debatte um Vereinbarkeit von Familie und Beruf als einer Erscheinungsform der vorherrschenden Familienrhetorik vor: &#8222;Die Vereinbarkeitsrhetorik will einen neuen Normalit\u00e4ts- und Gerechtigkeitsstandard durchsetzen. Der Ausdruck &#8222;Vereinbarkeit&#8220; impliziert, dass Familie und Beruf miteinander vereinbart werden <i>k\u00f6nnen<\/i>; er legt nahe zu glauben, es gehe lediglich darum, Hindernisse zu \u00fcberwinden, die im Prinzip \u00fcberwindbar w\u00e4ren. Der Wunsch nach Kindern wird dabei vorausgesetzt, ebenso der Wunsch nach Beruf <i>und <\/i>Familie.&#8220; (Ebd., S. 26, Herv. i. O.)<\/p>\n<p>Honig geht es um die Frage, welches der Normalit\u00e4tsstandard der Vereinbarkeitsrhetorik ist, und er entfaltet die These, dass sich die Vereinbarkeitsproblematik an den Grenzen der Individualisierung manifestiere. Diese These f\u00fchrt ihn zu einer interessanten Schlussfolgerung, n\u00e4mlich dazu, die Vereinbarkeitsdebatte ihres Funktionalismus zu entkleiden und stattdessen von der strukturellen Unvereinbarkeit bzw. Unvertr\u00e4glichkeit von Arbeit und F\u00fcrsorge auszugehen. Es sei gerade die Unvertr\u00e4glichkeit von work and care, mit der berufst\u00e4tige Eltern t\u00e4glich umgehen m\u00fcssten. Ein Zugang, der strukturellen Unvertr\u00e4glichkeit ein anderes Strukturelement entgegen zu setzen, k\u00f6nnte die entschiedene Qualit\u00e4tssicherung der betreuenden, erziehenden, ja bildenden Institutionen f\u00fcr Kinder sein.<\/p>\n<p>Die auf Grund verschiedener Ph\u00e4nomene ausgel\u00f6ste Krise des &#8222;Male-Breadwinner&#8220; Modells habe das strukturelle Defizit deutlich gemacht: Quantitativ fehlt es nicht nur in Deutschland an Betreuungsm\u00f6glichkeiten, die es den erwachsenen Familienmitgliedern gleicherma\u00dfen erm\u00f6glicht, ihren Erwerbsberuf auszu\u00fcben. Unzuverl\u00e4ssige und unzureichende Betreuungs- und Beschulungszeiten f\u00fcr junge Kinder daf\u00fcr verantwortlich zu machen, dass in vielen Familien insbesondere die M\u00fctter daran gehindert werden, berufst\u00e4tig zu sein und wenn sie es sind, dann allenfalls halbtags, was auch ihre Altersversorgung auf t\u00f6nerne F\u00fc\u00dfe stellt, ist mittlerweile Konsens. Neuere bildungspolitische Programme wie etwa die Einrichtung von Ganztagsschulen greifen eben dieses Defizit auf. Honig geht es in seinen Ausf\u00fchrungen jedoch um einen weiteren grundlegenden Aspekt und &#8211; wenn man so will &#8211; im eine radikale Fortf\u00fchrung der Vereinbarkeitsfrage: Es gehe nicht nur darum, die Erwerbsarbeit gleichzeitig zur Familie zu erm\u00f6glichen, sondern aus Eltern- und insbesondere aus Kindersicht auch darum, die Sorge um andere zu erm\u00f6glichen und sich mit dem Spannungsverh\u00e4ltnis von menschlicher Autonomie und Abh\u00e4ngigkeit zu befassen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"eltern-bildung-und-soziale-ungleichheit\">Eltern, Bildung und soziale Ungleich&shy;heit <\/span><\/h2>\n<p>Familie als Ort, an dem sich das Problem der Vereinbarkeit manifestiert, wird derzeit auch als Ort ungleicher Bildungschancen diskutiert. An empirischen Belegen \u00fcber die Bedeutung des Elternhauses f\u00fcr die Bildungskarrieren von Kindern fehlt es nicht. Eltern, die sich f\u00fcr die Erziehung und Bildung ihrer Kinder intensiv engagieren, die Lernerfolge begleiten, verst\u00e4ndnisvoll und zugewandt ihre Kinder \u00fcber Lernklippen zu helfen verstehen und die Pers\u00f6nlichkeit des Kindes wertsch\u00e4tzen, sind eine enorme St\u00fctze f\u00fcr den kindlichen Bildungsprozess. Diese Eltern sind es zumeist, die sich auch in den Kindertageseinrichtungen und Schulen ihrer Kinder engagieren und den Kontakt zu den Lehrkr\u00e4ften offensiv suchen und herstellen. Demgegen\u00fcber berichten Erzieherinnen und Lehrerinnen von den Schwierigkeiten, bildungsferne Eltern zu erreichen und f\u00fcr eine Vernetzung von Schule und Elternhaus zu gewinnen. Dies hat unterschiedliche Gr\u00fcnde, die genau zu analysieren sind, um m\u00f6glichst alle Eltern in das schulische Geschehen zu integrieren und damit insbesondere Kinder, die nicht aus dem schulisch aufgeschlossenen Mittelschichtumfeld stammen, bessere Chancen zu er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Im Interesse des Kindes gilt es demnach, in der Elternarbeit neue Wege zu erproben. Dies w\u00fcrde auch durch eine fl\u00e4chendeckende Ganztagsgrundschule nicht \u00fcberfl\u00fcssig werden, wobei wir bislang von dieser noch weit entfernt sind. F\u00fcr Grundschulkinder ist die Halbtagsschule mit offenen Nachmittagsangeboten noch die Regel, denn lediglich 13 Prozent der Kinder zwischen acht und elf Jahren besucht in Deutschland eine Ganztagsschule, die Mehrheit der Kinder isst mittags zu Hause und macht auch dort die Hausaufgaben (World Vision 2007). Mehr als 60 Prozent der befragten Kinder hat angegeben, dass sie regelm\u00e4\u00dfig von den Eltern, meist von den M\u00fcttern, bei den Hausaufgaben kontrolliert werden. Die Unterst\u00fctzung bei den Hausaufgaben ist jedoch wiederum von der sozialen Herkunft abh\u00e4ngig. Kinder aus sozial belasteten Familien erfahren diese F\u00f6rderung deutlich seltener. Eltern verf\u00fcgen in Abh\u00e4ngigkeit von ihrer eigenen Bildungsbiographie, ihres gesellschaftlichen Status und ihrer materiellen Ressourcen \u00fcber unterschiedliche M\u00f6glichkeiten und Kompetenzen, Erfahrungs- und Lerngelegenheiten ihrer Kinder zu gestalten.<\/p>\n<p>Welcher soziale Hintergrund f\u00fcr Kinder in Deutschland und ihre schulische und allgemeine Befindlichkeit ein Risiko darstellt, haben die Ergebnisse der World Vision Kinderstudie &#8222;Kinder in Deutschland 2007&#8220; gezeigt. Kinder aus den unteren sozialen Schichten, gepr\u00e4gt durch einen niedrigen Bildungsabschluss der Eltern und einen niedrigen sozio-\u00f6konomischen Status, Kinder von Alleinerziehenden, Kinder von Migranten und Kinder aus den neuen Bundesl\u00e4ndern haben schlechtere Startchancen. Das liegt auch daran, dass diese Gruppen deutlich h\u00e4ufiger von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen sind als andere (World Vision 2007). Diese knappe Skizzierung der Risikogruppen macht deutlich, dass man von einer heterogenen Elternschaft ausgehen und dementsprechend vielf\u00e4ltig das Angebot f\u00fcr Eltern gestalten muss, wenn man alle V\u00e4ter und M\u00fctter erreichen will. Eine aufschlussreiche Studie aus den USA zeigt ein Grundproblem des Zusammenwirkens von Eltern und Schule auf. Die Kindheitsforscherin Annette Lareau ist in ihrer ethnographischen Studie \u00fcber &#8222;Unequal childhoods. Class, race, and Family Life&#8220; (2003) den unterschiedlichen Erziehungsstilen von Eltern und deren Passung an Institutionen des Bildungs- und Gesundheitssystems wie Schule oder Arztpraxen nachgegangen. Sie arbeitet durch die intensive teilnehmende Beobachtung unterschiedlicher US-amerikanische Familien zwei markante Herangehensweise an Erziehung und F\u00fcrsorge f\u00fcr Kinder heraus. Mittelschichteltern organisieren Erziehung und Kindheit als &#8222;concerted cultivation&#8220;. Das hei\u00dft, sie folgen bestimmten Standards der Erziehung und dazu geh\u00f6ren die Bereitschaft, Kinder in Gespr\u00e4che und Entscheidungen einzubeziehen, elterliche Regeln oder Verbote zu begr\u00fcnden, die Interessen der Kinder zu f\u00f6rdern und sich aktiv an der Schule zu beteiligen sei es an Elternabenden, an Schulauff\u00fchrungen, bei schulischen Wohlt\u00e4tigkeitsveranstaltungen usw. Hier spielen insbesondere die M\u00fctter eine wichtige Rolle, denn sie sind es, die die Zeit f\u00fcr diese T\u00e4tigkeiten aufbringen.<\/p>\n<p>An diesen &#8222;Standards of proper Parenting&#8220; orientieren sich allerdings auch die Lehrerinnen und Lehrer, die meist selbst aus der Mittelschicht stammen. Diese Standards leiten insgesamt die dominanten Erwartungen, die in der Schule an Eltern auch unterschwellig herangetragen werden und das Geschehen zwischen p\u00e4dagogischen Professionellen und M\u00fcttern und V\u00e4tern beeinflussen. Lareau gelingt es in ihrer Studie, ebenso die Auffassungen von Arbeiterfamilien und armen Familien, die in den USA unter komplett anderen Bedingungen leben, zu rekonstruieren. In diesem Umfeld orientierten sich die Eltern an der Idee des nat\u00fcrlichen Aufwachsens (&#8222;natural groth&#8220;). Hier halten es Eltern f\u00fcr normal, ihre Kinder weitgehend sich selbst zu \u00fcberlassen und sie haben oft auch keine anderen M\u00f6glichkeiten, weil sie familienunfreundliche Arbeitszeiten sowie weite Wege haben und auf \u00f6ffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind. Das f\u00fchrt mit dazu, dass sie ihre Kinder in der Freizeit dem &#8222;nat\u00fcrlichen&#8220; Umfeld der Nachbarschaft oder den Verwandten \u00fcberlassen und selten die Gelegenheit haben, an \u00f6ffentlichen Veranstaltungen der Schule teilzunehmen. Aus Sicht der Kinder bringt das durchaus auch bestimmte Vorteile, weil sie selbst mehr Einfluss und Macht auf die Gestaltung ihrer Freizeit haben, als dies bei privilegierten Kindern der Fall ist.<\/p>\n<p>Lareau verweist darauf, dass M\u00fctter und V\u00e4ter, die der Idee des nat\u00fcrlichen Aufwachsens folgen, erstens eine klare Grenze zwischen Kindern und Erwachsenen ziehen, weshalb sie Kinder weniger selbstverst\u00e4ndlich in Gespr\u00e4che und Entscheidungen einbinden w\u00fcrden und Verbote oder Regeln nicht f\u00fcr begr\u00fcndungspflichtig hielten. Elterliche Verantwortung sehen sie in der F\u00fcrsorge, aber weniger in der sensiblen Beachtung der Gef\u00fchle, Gedanken und Leidenschaften ihrer Kinder. Lareau geht nicht von quasi naturw\u00fcchsigen Kulturen aus, sondern von den sozialen M\u00f6glichkeiten, die sich aus Arbeitsverh\u00e4ltnissen und dem Bildungshintergrund ergeben. Gerade Eltern, die selbst einen niedrigen Bildungsabschluss haben, verbinden oft negative Erlebnisse mit der Schule und haben entsprechende Hemmschwellen, sich in den Schulen ihrer Kinder aktiv zu engagieren.<\/p>\n<p>Insgesamt ergeben sich deshalb wiederum zwei Typen elterlichen Auftretens gegen\u00fcber Lehrkr\u00e4ften oder auch anderen &#8222;Autorit\u00e4tspersonen&#8220; wie beispielsweise Kinder\u00e4rzten, mit denen Kinder in Kontakt treten: In den Familien der Mittelschicht herrsche ein &#8222;sense of entitlement&#8220; vor, hingegen in denen der Unterschicht oder in armen Familien ein &#8222;sense of constraint&#8220;. Das hei\u00dft, Kinder und Eltern aus Mittelschichtfamilien organisieren ihren Umgang mit Institutionen und Professionellen im Sinne eines Anspruchs oder einer Berechtigung auf Unterst\u00fctzung und Gew\u00e4hrung ihres Anliegens. Dem gegen\u00fcber erfahren Unterschichtenfamilien das Schulsystem im hohen Ma\u00dfe als Zwang. Diese Einsch\u00e4tzung f\u00fchrt u.a. dazu, dass sich die Interaktionen zwischen Familien und Institutionen, in denen sich die Kinder aufhalten grundlegend unterscheiden. Eltern mit einem niedrigen Bildungsabschluss artikulieren viel seltener Probleme oder Anspr\u00fcche gegen\u00fcber Professionellen und Professionelle ihrerseits haben Erziehungsvorstellungen und Vorstellungen guter Elternschaft im Kopf, die den Standards der Mittelschicht entsprechen. Aus dieser Perspektive wird deutlich, dass Lehrerinnen und Lehrer in Schulen Elternarbeit mit heterogenen Elterngruppen als Herausforderung erleben und f\u00fcr eine erfolgreiche Einbindung von Eltern mehr Unterst\u00fctzung und Zeit ben\u00f6tigen, aber m\u00f6glicherweise auch st\u00e4rker darauf achten m\u00fcssen, nicht selbstverst\u00e4ndlich die der Mittelschicht entstammenden &#8222;Standards of proper parenting&#8220; normativ vorauszusetzen.<\/p>\n<p>Annette Lareau schafft ein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Mechanismen der Ungleichheit und wie sich diese \u00fcber die soziale Herkunft in das Familien- und Kinderleben einschreiben. Dabei h\u00e4lt sie drei Faktoren f\u00fcr zentral. Erstens zeigen sich an der Organisation des Alltags markante Unterschiede, die wir auch in deutschen Studien finden. Die Frage, wie viel Zeit Eltern mit ihren Kindern verbringen, ist aus Sicht der Kinder ganz entscheidend. Dabei hat die World Vision Studie gezeigt, dass diejenigen Kinder, die \u00fcber zu wenig Zeit der Eltern klagen, entweder mit arbeitslosen Eltern leben, zwei Vollzeit besch\u00e4ftigte Eltern haben oder Kinder von Alleinerziehenden sind. Aus diesem Befund kann man schlie\u00dfen, dass eine kontinuierliche Einbindung in das Erwerbsleben beider Elternteile eine Stabilit\u00e4t in den Familienalltag bringt, wenn Eltern ein gutes Betreuungssystem vorfinden und die Frage der Vereinbarkeit nicht allein aus Sicht der Verf\u00fcgbarkeit f\u00fcr die Erwerbsarbeit diskutiert wird. Die Situation von Alleinerziehenden ist besonders prek\u00e4r, weil sie bislang zu wenig Unterst\u00fctzung erfahren, um Erwerbst\u00e4tigkeit und Erziehung der Kinder zu organisieren. Hier sind auch die Schulen in der Pflicht, einen Beitrag zur Verbesserung der Situation der Kinder von Alleinerziehen zu leisten.<\/p>\n<p>Den zweiten Ungleichheitsfaktor, den Lareau darlegt, bezeichnet sie als &#8222;language use&#8220;. Dabei handelt es sich um die Art und Weise, wie in Familien mit Kindern gesprochen wird, wie Entscheidungen entstehen und Regeln begr\u00fcndet werden, ob ma\u00dfgeblich Sprache als Instrument der Disziplin verwendet wird, ob Kinder lernen, ihre Gef\u00fchle und Gedanken zu artikulieren und ob sie ermuntert werden, ihre Meinung zu \u00e4u\u00dfern und Anspr\u00fcche zu formulieren. Sprache konstituiert, so Lareau, die Beziehung zwischen Eltern und Kindern, Eltern und Professionellen, aber auch zwischen Kindern und Professionellen. Wiederum sei auf ein Ergebnis der World Vision Kinderstudie verwiesen: Bei der Frage, wer Wert auf ihre Meinung lege, schneiden bei den Acht- bis Elfj\u00e4hrigen die M\u00fctter besonders gut ab, aber auch diese Erfahrung scheint schichtabh\u00e4ngig zu sein, weil Kinder aus den unteren sozialen Schichten signifikant seltener angeben, dass ihre Auffassung wertgesch\u00e4tzt w\u00fcrde. Bertrams Ergebnisse aus der Unicef-Studie belegen, dass das Wohlbefinden von Kindern signifikant beeintr\u00e4chtigt ist, wenn es keine zufriedenstellende Kommunikation im Elternhaus gibt.<\/p>\n<p>Dieser Eindruck wiederholt sich in der Schule: Insgesamt glaubt nur 23 Prozent der Befragten, ihre Klassenlehrerin\/ihr Klassenlehrer w\u00fcrde sich f\u00fcr ihre Meinung interessieren und auch hier haben sozial benachteiligte Kinder deutlich h\u00e4ufiger den Eindruck des Desinteresses. Drittens schlie\u00dflich w\u00fcrde soziale Ungleichheit auch durch die Unterschiede in den Interaktionen zwischen Familien und Institutionen mit bewirkt, was mit biographischen und sozialen Erfahrungen und Passungsverh\u00e4ltnissen zutun hat.<\/p>\n<p>Die Themen Vereinbarkeit von Berufs- und Sorgeanforderungen und die Realit\u00e4t sozialer Ungleichheit machen Familie zu demjenigen Ort, an dem sich derzeit die Aushandlungen von Verantwortungsbereichen, von Pflichten und Rechten manifestieren. Folgt man den empirischen Kindheits- und Jugendstudien so hat die Familie f\u00fcr die Heranwachsenden eine enorme Bedeutung auch weil Kinder und Jugendliche den Erziehungsstil ihrer Eltern h\u00e4ufig positiv einsch\u00e4tzen. F\u00fcr andere junge Menschen kann Familie eine &#8222;gierige Gemeinschaft&#8220; sein, wenn sie einzelnen Mitgliedern nicht erm\u00f6glicht, sich in unterschiedlichen Rollen innerhalb der komplexen Gesellschaft zu erleben.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur <\/span><\/h2>\n<p><i>BMFSFJ <\/i>2005: Siebter Familienbericht. Berlin.<\/p>\n<p><i>Bronfenbrenner, Urie <\/i>1976a: Wer k\u00fcmmert sich um unsere Kinder. Neufassung. In: Ders.: \u00d6kologische Sozialisationsforschung, S. 131-167.<\/p>\n<p><i>Esping-Anderson, G\u00f6sta<\/i> 1990: The three worlds of welfare capitalism. Cambridge. Glaubenskrieg ums Kind. In: Der Spiegel 9\/2008.<\/p>\n<p><i>Honig, Michael-Sebastian<\/i> 2006: An den Grenzen der Individualisierung. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als sozialp\u00e4dagogisches Thema. In: neue praxis. Zeitschrift f\u00fcr Sozialarbeit, Sozialp\u00e4dagogik und Sozialpolitik. Heft 1, S. 25 -36.<\/p>\n<p><i>Lareau, A.<\/i> 2003: Unequal Childhoods. Class, Race, and Family Life. Berkeley: University of California Press.<\/p>\n<p><i>World Vision Deutschland e.V. (Hrsg.): <\/i>Kinder in Deutschland 2007. 1. World Vision Kinderstudie. Frankfurt\/M.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1908],"publikationen":[2819],"class_list":["post-11022","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-sabine-andresen","publikationen-183-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Familie im Spannungsfeld von Rechten und Pflichten - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/183-vorgaenge\/publikation\/die-familie-im-spannungsfeld-von-rechten-und-pflichten\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Familie im Spannungsfeld von Rechten und Pflichten - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr. 183, Heft 3\/2008, S. 16-22 &#8222;Wie viel Mutter braucht Ihr Kind?&#8220; titelte &#8222;Der Spiegel&#8220; vor einigen Monaten und rollte dabei die Frage nach dem Familienideal anhand der Gegen\u00fcberstellung von Krippe versus Kinderzimmer neu auf. 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