{"id":11028,"date":"2008-09-01T17:00:00","date_gmt":"2008-09-01T15:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/auf-allen-stuehlen\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:21","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:21","slug":"auf-allen-stuehlen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/183-vorgaenge\/publikation\/auf-allen-stuehlen\/","title":{"rendered":"Auf allen St\u00fchlen"},"content":{"rendered":"<p>Sozialisations-und Integrationsprozesse von Jugendlichen mit Migrationshintergrund *,<\/p>\n<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 183, Heft 3\/2008, S. 78-88<\/p>\n<p>Das Thema Sozialisation und Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund wird in &ouml;ffentlichen Diskursen noch &uuml;berwiegend vom Paradigma des Kulturkonflikts und von der Modernit&auml;ts-Traditionalit&auml;tshypothese aus interpretiert sowie mit der Annahme patriarchalisch-autorit&auml;rer Strukturen in Migrantenfamilien erkl&auml;rt. Dass diese Perspektive nicht folgenlos bleibt, sondern sich konkret auf die Bildung der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund auswirkt, zeigt die Studie von Gomolla\/Radtke (2002) &uuml;ber die institutionelle Diskriminierung in der Schule. In den Bildungsdebatten stehen zudem ausschlie&szlig;lich die Misserfolge und Defizite entweder der Migrantenkulturen oder der Aufnahmegesellschaft im Vordergrund. Studien, die nach den Bildungserfolgreichen, den kompetenten Migrantenfamilien und -jugendlichen, ihren Ressourcen und Leistungen aber auch Restriktionen suchen, sind noch selten. Dies vermittelt dann h&auml;ufig auch den Eindruck, als gebe es sie nicht. Letztlich haben wir es hier mit einer hartn&auml;ckigen Reduktion der Migration auf einen Prozess des Verlustes, der Misserfolge und vielf&auml;ltiger Unterdr&uuml;ckung zu tun, die das Potenzial, das durch die Migrationserfahrung gegeben ist, fast vollst&auml;ndig ignoriert.<\/p>\n<p>Fallbeispiele aus dem Bereich Jugend- und Familienhilfe zeigen, dass in Beratungssituationen (z. B. bei famili&auml;ren Erziehungskonflikten) mit ausl&auml;ndischem bzw. zugewandertem Klientel nach wie vor mit dem Traditions-Modernit&auml;tsansatz und der Kulturkonfliktthese gearbeitet wird. Andere Erkl&auml;rungsfaktoren wie &Uuml;berschuldung, Tod eines Elternteils, Armut etc. werden h&auml;ufig als nachrangig betrachtet oder sogar ganz aus der Beratung ausgegrenzt. Dahinter steht die schlichte Erwartung, dass sich famili&auml;re Krisen vermeiden bzw. aufl&ouml;sen lassen, je mehr die Migrantenfamilie die westlich-modernen Strukturen und Orientierungen &uuml;bernimmt (vgl. z. B. Kiss-Suranyi 2001). Familien und Jugendliche sehen sich dadurch dem Vorurteil und sogar dem Vorwurf ausgesetzt, eine doppeldeutige Haltung einzunehmen und ein &#8222;Leben zwischen zwei Welten&#8220; zu f&uuml;hren. Empirische Erkenntnisse &uuml;ber Integrationsprozesse und deren Auswirkungen auf Familien und Jugendliche liegen zwar bereits vor (vgl. HerwartzEmden\/Westphal 2000), doch haben sie noch zu wenig Eingang in die &ouml;ffentlichen Debatten und in die Praxiszusammenh&auml;nge von Sozialarbeit, Schule etc. gefunden, wie auch der 6. Familienbericht der Bundesregierung kritisiert (vgl. BMFSFJ 2000).[1]<\/p>\n<p>Durch die fortw&auml;hrende Annahme der Kulturkonfliktthese besteht neben dem einseitigen Interpretationsmuster und der daraus resultierenden mittlerweile jahrzehntelangen Festschreibung der Defizitthese auch eine weitere Gefahr: es werden einerseits die Unterschiede verdeckt, die sowohl zwischen als auch innerhalb von Migrationsgruppen existieren, und andererseits die Gemeinsamkeiten und &Uuml;bereinstimmungen verschleiert, die zwischen einheimischen Familien und denjenigen mit Migrationshintergrund herrschen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"i-heterogenitaet-der-migrationsfamilie\">I. Hetero&shy;ge&shy;nit&auml;t der Migra&shy;ti&shy;ons&shy;fa&shy;milie <\/span><\/h2>\n<p>Migranten- bzw. Einwandererfamilien in Deutschland insgesamt zu beschreiben, ist kaum zu leisten: durch (Gast-)Arbeitsmigration, Familiennachzug, Aussiedlerzuwanderung, Asylbewerber und B&uuml;rgerkriegsfl&uuml;chtlinge, Heiratsmigrationen, Arbeitsmigrationen aus Osteuropa, Asien, Afrika sind diese sowohl sprachlich, kulturell, sozio&ouml;konomisch als auch rechtlich eine &auml;u&szlig;erst heterogene Gruppe. Daraus ergeben sich unterschiedliche Migrationserfahrungen, teilweise sogar innerhalb der Familie. Zunehmend kommt es vor, dass selbst Elternteile von Kindern der dritten Generation unterschiedlichen Migrationsgenerationen angeh&ouml;ren: der Vater, in Deutschland geboren und aufgewachsen, der zweiten; die Mutter, im Rahmen von Heiratsmigration aus dem Herkunftsland zugewandert, der ersten Generation. Innerhalb von Aussiedlerfamilien gibt es Deutsche und Ausl&auml;nder. Nur nach Herkunft zu differenzieren ist &auml;u&szlig;erst problematisch. In den Herkunftsl&auml;ndern der Migranten existiert ein Nebeneinander und Miteinander unterschiedlichster Familienformen. Ethnische Zugeh&ouml;rigkeit, geographische Herkunft, &ouml;konomische Situation sowie Migrationsmotivation und -geschichte etc. unterscheiden die Familien vielf&auml;ltig.<\/p>\n<p>Daneben gelten die Aspekte der Individualisierung und Pluralisierung auch f&uuml;r Familien mit Migrationshintergrund[2]. H&ouml;here Scheidungsraten, allein lebende Frauen, ver&auml;nderte Familienplanung, Erwerbst&auml;tigkeit von Frauen und gewandelte Erziehungsziele und -einstellungen sind nur einige Merkmale hierf&uuml;r und zeigen gleichzeitig gemeinsame Strukturen mit Familien und Jugendlichen <i>ohne <\/i>Migrationshintergrund auf. Auch eine aktuelle Studie zu den Lebenswelten von Migrantenfamilien stellt fest: &#8222;Man kann also nicht von der Herkunftskultur auf das Milieu schlie&szlig;en. Und man kann auch nicht vom Milieu auf die Herkunftskultur schlie&szlig;en. Faktoren wie ethnische Zugeh&ouml;rigkeit, Religion und Zuwanderungsgeschichte beeinflussen die Alltagskultur, sind letzten Endes aber nicht milieupr&auml;gend und identit&auml;tsstiftend.&#8220; (Sinusstudie 2007, S. 2)<\/p>\n<p>Folglich hei&szlig;t es Abschied zu nehmen von der These, dass Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund im Kontext zweier Welten &#8211; einerseits Herkunftskultur und andererseits deutsche Schule, Gesellschaft und Kultur &#8211; stehen. Herkunfts- und Aufnahmekontext stehen nicht im Gegensatz, sondern werden im Migrations- und Integrationsprozess zu etwas Neuem verbunden. Mit dem Konzept der Transnationalit&auml;t bzw. -kulturalit&auml;t wird in der Forschung zunehmend dieser Lebenswirklichkeit Rechnung getragen (vgl. Datta 2005). Migrantenfamilien und deren Jugendliche lassen sich immer weniger eindeutig auf ein Land, eine Kultur oder eine Sprache festlegen.<\/p>\n<p>So zeigt sich f&uuml;r Bildungslaufbahnen, dass sie zwischen den Kontexten verlaufen k&ouml;nnen, in beiden oder mehreren Kontexten verwertbar sind (Geburt und Aufwachsen in Deutschland, Abitur, Studium der Germanistik in der T&uuml;rkei, Religions- und T&uuml;rkischlehrerin in Deutschland, etc.). Jugendliche mit Migrationshintergrund zeigen eine zunehmend mobile Bildungsorientierung, in der sie familien-(bzw. herkunfts) sprachliche Kompetenzen und kulturelle Erfahrungen als Wettbewerbsvorteil nutzen wollen (vgl. F&uuml;rstenau 2004). Eine R&uuml;ckkehr-(wie auch Pendler- oder Weiterwanderungs)perspektive ist dann keineswegs mehr nur ein Festhalten an der Herkunftskultur, sondern eine ad&auml;quate Strategie, sich im europ&auml;ischen bzw. internationalen Kontext souver&auml;n zu bewegen. Damit stehen Bildungs-und Beratungseinrichtungen zunehmend vor der Aufgabe, nationalit&auml;ten- bzw. herkunfts&uuml;bergreifende interkulturelle Kompetenzen entwickeln zu <i>m&uuml;ssen <\/i>(vgl. Pavkovic 1999). Das hei&szlig;t dann aber auch, dass nicht nur die kulturelle Dimension einzubeziehen ist, sondern auch die psychologischen, sozialen und gesellschaftlichen Dimensionen von Sozialisations- und Integrationsprozessen zu ber&uuml;cksichtigen sind.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ii-komplexitaet-der-integrationsprozesse\">II. Komplexit&auml;t der Integra&shy;ti&shy;ons&shy;pro&shy;zesse <\/span><\/h2>\n<p>Der Einwanderungsprozess f&uuml;rFamilien und die sich anbahnenden Ver&auml;nderungen, auch in den Identit&auml;tskonstruktionen der Mitglieder, verlaufen sehr komplex und k&ouml;nnen in einem solch eindimensionalen Bezugsrahmen meist nicht erkl&auml;rt werden (vgl. Herwartz-Emden 2000). Befragt man Aussiedler &#8211; Jugendliche wie Eltern -, zeigt sich in deren Selbstbeschreibungen, dass sie sich nicht als zwischen zwei Kulturen oder Gesellschaften Stehende begreifen, sondern sich als im Prozess des Reflektierens und Neudefinierens inmitten verschiedener Kontexte beschreiben (vgl. HerwartzEmden\/Westphal 2000). Damit stellen Integration und Sozialisation keine einseitigen Anpassungsprozesse an die Umwelt dar, sondern sind produktive Realit&auml;tsverarbeitung, die sich insbesondere in den adoleszenten Entwicklungsprozessen der Jugendlichen zeigen (vgl. King\/Koller 2006). Jugendliche mit Migrationshintergrund m&uuml;ssen sich zu verschiedenen kulturellen, gesellschaftlichen Kontexten aktiv und gestaltend verhalten. Wie sie das tun bzw. wie sie damit umgehen, diese ausbalancieren und vereinbaren, mit- und umgestalten, ist zum einen von den individuellen Voraussetzungen[3] und Ressourcen wie Bildungshintergrund, Sprachkompetenz und Einreisealter abh&auml;ngig. Zum anderen liegt der jeweilige Ausgang von Integration aber auch in der Bereitschaft der Aufnahmegesellschaft bzw. ihrer Mitglieder, Teilhabechancen (wie z. B. im Bildungssystem, auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt) zu gew&auml;hrleisten und Kontakte sowie Partizipation (im &ouml;ffentlichen und kulturellen Leben) &uuml;berhaupt zuzulassen bzw. zu f&ouml;rdern.<\/p>\n<p>&Uuml;ber Kinder und Jugendliche hat man lange Zeit angenommen, dass sie sich wesentlich schneller und einfacher integrieren w&uuml;rden als Erwachsene, auch auf Grund der Tatsache, dass sie die Sprache leichter erlernen und insgesamt &uuml;ber Schule, Freunde etc. eher sozial integriert seien. Die nun in den letzten Jahren gewachsenen Integrationsprobleme z. B. von Aussiedlerkindern und -jugendlichen werden meist damit erkl&auml;rt, dass sie eine &#8222;mitgenommene&#8220; oder &#8222;zwangsausgesiedelte&#8220; Generation seien, der kein Mitspracherecht bei der Ausreise einger&auml;umt wurde. Die Annahme der Unfreiwilligkeit der Ausreise mit ihren dramatischen Konsequenzen f&uuml;r Kinder und Jugendliche zeigt sich empirisch als nicht haltbar. Es ergibt sich im Gegenteil ein vielschichtigeres Bild hinsichtlich der Mitwirkung der Jugendlichen bei der Ausreiseentscheidung (vgl. Dietz\/Roll 1998). Demnach tr&auml;gt die Mehrheit der Jugendlichen die Ausreiseentscheidung mit, indem sie gemeinschaftlich mit der Familie entschieden oder den Ausreiseentschluss begr&uuml;&szlig;ten. Nur wenige Jugendlichen haben das Gef&uuml;hl, keinen wesentlichen Einfluss auf die Ausreiseentscheidung gehabt zu haben oder nicht gefragt worden zu sein. Empirisch belegt ist allerdings, dass die Freiwilligkeit, die Akzeptanz und eine bejahende Einstellung zur Ausreise positive Auswirkungen auf die Befindlichkeit der Kinder und Jugendlichen haben (vgl. Schmitt-Rodermund u. a. 1996; Meister 1997). Auch positive Vorstellungen &uuml;ber das Leben in Deutschland, das Vorhandensein bereits ausgesiedelter Freunde und Familienmitglieder, klar umrissene Zukunftserwartungen, vor allem in Hinblick auf Berufsm&ouml;glichkeiten und die Verbesserung der materiellen Situation, beg&uuml;nstigen die Bereitschaft der Kinder und Jugendlichen, sich auf die neuen Verh&auml;ltnisse einzulassen und die auf sie zukommenden Schwierigkeiten als zeitlich befristet zu sehen.<\/p>\n<p>Die Komplexit&auml;t und Prozesshaftigkeit von Sozialisation und Integration bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund kann ferner am Beispiel der Religion aufgezeigt werden. Der religi&ouml;se Einfluss z. B. des Islams ist in Bezug auf das famili&auml;re Interaktionsgeschehen und die Positionsbestimmungen von Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund differenziert zu betrachten. Tats&auml;chlich orientieren sich nur wenige Familien in allen Bereichen ihres Lebens am Islam und stellen einen Bezug zwischen ihrem Erziehungsverhalten und islamisch bestimmten Normen her (vgl. Riesner 1990). Auch hinsichtlich des Ehrkonzeptes und der den M&auml;dchen auferlegten Einschr&auml;nkungen und Grenzen zeigt sich eine erhebliche Spannbreite des Elternverhaltens. Die Einschr&auml;nkungen haben aber jeweils unterschiedliche Auswirkungen f&uuml;r M&auml;dchen: von Akzeptanz und Bef&uuml;rwortung der elterlichen Einschr&auml;nkungen (bzw. werden diese nicht als Einschr&auml;nkung empfunden) bis hin zur famili&auml;ren Krise oder Abbruch der Beziehung zu den Eltern. Viele erweitern ihre Spielr&auml;ume gerade in Konfrontation mit ihren Eltern, sie setzen dabei auf eine Strategie der sanften und stetigen Durchsetzung mit Hilfe von F&uuml;rsprechern (z. B. der eigene Bruder), Begleitung (z. B. durch die Mutter), &Uuml;berredungsk&uuml;nsten, Ausreden, Verharmlosungen, Verschweigen oder Verheimlichen.<\/p>\n<p>Ein wichtiger Faktor f&uuml;r das jeweilige famili&auml;re Geschehen ist der Grad der Kontrolle durch die ethnische Gemeinde. Es ist nicht selten so, dass die Eltern spezifische Freizeitinteressen (z. B. Sport) der M&auml;dchen unterst&uuml;tzen w&uuml;rden, es ihnen jedoch gleichzeitig wichtig ist, ein bestimmtes Bild vor der eigenethnischen Gruppe bzw. Community aufrecht zu erhalten (Westphal 2004). Wie eine eigene neuere Studie zu erfolgreichen Bildungs- und Berufsbiographien von Migrantinnen (Westphal\/Behrensen 2008) zeigt, &uuml;berzeugen T&ouml;chter, die aus Familien mit traditionellen geschlechtsspezifischen Erwartungen stammen, ihre Eltern bzw. V&auml;ter allm&auml;hlich von der Wichtigkeit eines h&ouml;heren oder l&auml;ngeren Bildungsweges. Die T&ouml;chter entwickeln Handlungsstrategien, durch die es ihnen gelingt, in der Familie eine pragmatische Akzeptanz eines eigenst&auml;ndigen Bildungs- und Berufswegs zu erreichen. Sie zeigen ein Bildungs- und Berufsmuster unter weiblichen Vorzeichen. Sie kn&uuml;pfen in ihren Ausbildungs- und Berufsentscheidungen explizit an weibliche Berufe an, verhalten sich der Familie und ihren Aufgaben in dieser gegen&uuml;ber loyal und unterst&uuml;tzend, nehmen fortw&auml;hrend schulische und\/oder berufliche Weiterbildungen wahr und erwerben sich so schrittweise die elterliche Akzeptanz ihrer auf Dauer angelegten qualifizierten Berufsarbeit.<\/p>\n<p>Autonomiebestrebungen der Jugendlichen mit Migrationshintergrund verlaufen nicht gegen die Familie, sondern in Interaktion mit den Eltern und Geschwistern. Ein Individuum zu werden und gleichzeitig eine Beziehung zu den Eltern bzw. zur Herkunftsfamilie zu haben, muss bei Jugendlichen kein Gegensatz sein, sondern repr&auml;sentiert die beiden Seiten eines einzigen Entwicklungsprozesses. Dementsprechend ist das &#8222;Wie&#8220; der Interaktion mit den Eltern sowie die gesamte Orientierung der Eltern in dieser Lebensphase ausschlaggebend f&uuml;r Entwicklungsverl&auml;ufe. Andererseits nehmen die Jugendlichen in dieser Phase die Erwartungen an die Eltern mit Blick auf materielle und emotionale Unterst&uuml;tzung zur&uuml;ck &#8211; sie werden von den Erwartungen an den Freundeskreis bzw. die Clique &uuml;berlagert. Die ausgepr&auml;gte Orientierung der Jugendlichen an ihrer Alters- und Freundschaftsgruppe verweist auf die hohe Bedeutung dieser Bezugspersonen. Alle Schwierigkeiten werden besprochen und bew&auml;ltigt; hier werden wesentliche Praktiken und Orientierungen gemeinsam diskutiert, ausprobiert und verhandelt und somit versucht, diese in einen individuellen oder kollektiven handlungsleitenden Bezugsrahmen zu bringen. Oft entwickeln die Jugendlichen in ihrer Clique &#8211; meist in bewusster Abgrenzung und Entgegensetzung zu einheimischen Jugendlichen &#8211; einen neuen, jugendkulturellen Lebensstil. Mit diesem treten sie in Konkurrenz zu anderen, vornehmlich zu den einheimischen Jugendlichen und ihren Jugendkulturen bzw. ihren Stilen. Diese von ausgesiedelten Jugendlichen selbst berichtete und reflektierte Praxis ist ein Beispiel f&uuml;r die interkulturelle Kompetenz der Jugendlichen und f&uuml;r ihre F&auml;higkeit, ihre sprachliche und soziale Diversit&auml;t produktiv in eigene Konzepte umzusetzen. Andererseits entsteht auch ein negativer Begleiteffekt: Bei der Bew&auml;ltigung der allt&auml;glich zu leistenden Anforderungen, dem Umgang mit Stigmatisierung und Ausgrenzung gewinnen stabile und damit auch &#8222;traditionelle&#8220; Orientierungen an Bedeutung. Diese von au&szlig;en erlebten Stigmatisierungen k&ouml;nnen im Zusammenspiel mit dem Empfinden, geringe Spielr&auml;ume zu haben, eine Au&szlig;enseitermentalit&auml;t bef&ouml;rdern &#8211; wobei diese Haltung vorwiegend von m&auml;nnlichen Jugendlichen in die Gruppen getragen wird (vgl. Herwartz-Emden\/ Westphal 2002; Sauter 2000).<\/p>\n<p>Viele Jugendliche mit Migrationshintergrund erleben im Alltag einen Rechtfertigungszwang, sich entweder dem Herkunfts-oder Aufnahmekontext begr&uuml;ndet zuordnen zu m&uuml;ssen, was sie f&uuml;r sich ablehnen und im Grunde genommen auch nicht leisten k&ouml;nnen. Ihre Entwicklungsprozesse und Lebensentw&uuml;rfe werden innerhalb mehrerer Kulturen und Kontexte gestaltet: Sie bewegen sich nicht zwischen den St&uuml;hlen, sondern sitzen auf einem <i>dritten Stuhl <\/i>(Badawia 2002) bzw. auf <i>allen St&uuml;hlen <\/i>(Otaykmaz 1995). Der <i>dritte Stuhl <\/i>verweist dar&uuml;ber hinaus auf kulturelle Neukonstruktionen im Sinne von <i>Ich bin beides und trotzdem beiden gegen&uuml;ber doch anders.<\/i> Bildungserfolgreiche wissen dabei um die Extraleistungen st&auml;ndige Selbstaktualisierung und Selbstvergewisserung in und mit den verschiedenen Kulturwelten, die sie allt&auml;glich erbringen (vgl. Badawia 2002).<\/p>\n<p>Typisch sind deutliche Abgrenzungen sowohl vom &#8222;Ausl&auml;nderstatus der Gastarbeitergeneration&#8220; als auch von der Mehrheitsgesellschaft in Deutschland. Gerade diese Abl&ouml;sungen, die eine Art Selbstbefreiung der jungen Generation aus der historisch etablierten Kategorie &#8222;Ausl&auml;nder&#8220; darstellt, scheint eine der zentralen Prozessaspekte der Konstruktion eines eigenen kulturell-reflektierten Wertesystems, einer modern-transkulturellen Identit&auml;t, eines &#8222;dritten Stuhls&#8220; zu sein. Die verweigerte Normalit&auml;t bzw. der nicht zugesprochene Subjektstatus stellt ein zentrales Moment f&uuml;r die Abgrenzung von der deutschen Mehrheitsgesellschaft dar. Ihre Lebensentw&uuml;rfe und Interkulturalit&auml;t (z. B. Mehrsprachigkeit) werden als Identit&auml;tsvarianten eher abgewertet und als Dauerkrise stigmatisiert. Damit werden jedoch die in ihrem Entwicklungsprozess enthaltenen sozial-kreativen und flexiblen Anteile nicht als Ressourcen wahrgenommen und anerkannt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iii-migrations-und-geschlechtsspezifische-aspekte-der-sozialisation\">III. Migra&shy;ti&shy;ons&shy;-und geschlechts&shy;s&shy;pe&shy;zi&shy;fi&shy;sche Aspekte der Sozia&shy;li&shy;sa&shy;tion <\/span><\/h2>\n<p>In Bezug auf die Lebensphase Adoleszenz ist es wichtig, die geschlechtsspezifischen Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz mit den Herausforderungen und Schwierigkeiten, welche sich durch die Migration ergeben, in Zusammenhang zu bringen. Die Aufgaben der Adoleszenz sind f&uuml;r Einheimische und f&uuml;r Jugendliche mit Migrationshintergrund geschlechtsspezifisch variiert. Sie stellen sich f&uuml;r Jungen und M&auml;dchen unterschiedlich dar, so dass sich grunds&auml;tzlich verschiedene Entwicklungsverl&auml;ufe ergeben. Zu der Frage, wie Integrationsbem&uuml;hungen auf Seiten der Jugendlichen mit der Konstituierung der Geschlechtsidentit&auml;t zusammenwirken, liegen bis dato keine Untersuchungen vor. Dennoch kann davon ausgegangen werden, dass sich die Erfahrungen von kultureller Differenz an die geschlechtsspezifischen Entwicklungsaufgaben anlagern oder diese z. T. &uuml;berlagern &#8211; denn Diskriminierung wegen fremdartigem Aussehen, Hautfarbe, Sprachgebrauch u. &auml;. geh&ouml;ren zum Alltagserleben. M&auml;dchen reagieren auf solche Diskriminierungserfahrungen h&auml;ufig mit dem Verlust des Selbstwertgef&uuml;hls, w&auml;hrend Jungen nach Reaktionsweisen suchen, die mehr auf der Ebene der nach au&szlig;en gerichteten Aktivit&auml;t &#8211; wie aggressives oder gewaltf&ouml;rmiges Verhalten &#8211; liegen (vgl. Herwartz-Emden\/Steber 2004).<\/p>\n<p>Die Adoleszenz l&auml;sst sich als Ein&uuml;bung in die Spielr&auml;ume und Zumutungen von Weiblichkeit bzw. M&auml;nnlichkeit interpretieren, wobei sich diese je nach gesellschaftlichem Hintergrund (Herkunfts- und Aufnahmekontext) unterschiedlich darstellen und sich z. T. widersprechen k&ouml;nnen. Die Befragung von weiblichen Aussiedlerjugendlichen ergab, dass sie sich mit Vorgaben an die Weiblichkeit, wie z. B. den rein k&ouml;rperbezogenen Idealen von Sch&ouml;nheit und Mode, Schlankheit und Gesundheit sowie Mutterschaft auseinandersetzen. Dennoch scheint f&uuml;r einige M&auml;dchen die Abwertung von Mutterschaft, wie sie im bundesdeutschen Kontext zum Tragen kommt, eine wenig vertraute Gr&ouml;&szlig;e zu sein (vgl. Herwartz-Emden\/Westphal 2002). Ebenso erfahren sie die Dimension der Vereinbarkeitsproblematik, die in Deutschland an die &#8222;private L&ouml;sung&#8220; durch die Frau gebunden und mit &#8222;typisch weiblichen&#8220; Berufsw&uuml;nschen verkn&uuml;pft ist, als Widerspruch zu den Geschlechterrollen aus ihrem Herkunftskontext. Daneben gibt es allerdings auch weibliche Aussiedlerjugendliche, die hinsichtlich der Zukunftsperspektiven eine Heirat nur unter der Bedingung erstrebenswert finden, auch den richtigen Mann gefunden zu haben. Sie k&ouml;nnen sich durchaus ein Leben als allein erziehende Mutter vorstellen. Diese M&auml;dchen, die sich &#8211; wie auch einige einheimische M&auml;dchen &#8211; noch nicht vorstellen konnten, &uuml;berhaupt Kinder zu bekommen und zu heiraten, thematisierten stark das Thema Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann und Unabh&auml;ngigkeit &#8211; und lehnten ausdr&uuml;cklich eine Abh&auml;ngigkeit vom Mann ab. Ebenso werden &#8222;alternative&#8220; Familienvorstellungen wie voreheliche oder nichteheliche Partnerschaften thematisiert (vgl. ebd.).<\/p>\n<p>Solche &#8222;alternativen&#8220; Familienvorstellungen werden jedoch von Migrantinnen t&uuml;rkischer Herkunft nicht bzw. kaum thematisiert. Dennoch finden auch hier Neukonstruktionen statt, die sowohl die geschlechtsspezifischen Zuschreibungen aus dem Herkunfts wie auch dem Aufnahmekontext verbinden. Neuere Untersuchungen machen deutlich, dass z. B. die Orientierung an Religiosit&auml;t und Selbstbestimmung bei den jungen Frauen und M&auml;nnern t&uuml;rkischer Herkunft durchaus keinen Widerspruch in den Identit&auml;ts- und Lebensentw&uuml;rfen darstellt (vgl. Karakasoglu 2003). Dieser Aspekt findet besonderen Ausdruck in Lebensbereichen, die kulturell segmentiert bleiben, wie z. B. im Bereich der Partnerwahl. Auch Migrantinnen der zweiten Generation heiraten bevorzugt in der Herkunftskultur, modifizieren aber durch ihre kritische Haltung und durch geschlechteregalit&auml;res Denken traditionelle Ehe- und Partnerschaftskonzepte (vgl. Herwartz-Emden\/Westphal 2002).<\/p>\n<p>Dieser Zusammenhang l&auml;sst sich derzeit eher bei den M&auml;dchen und jungen Frauen nachweisen, als bei den gleichaltrigen M&auml;nnern. Auch die von ihnen teilweise vollzogene Neo-Islamisierung zeigt sich eher als nicht desintegrativ. Oft sind es die bildungserfolgreichen jungen Frauen, die selbstbewusst religi&ouml;se Zeichen mit denen der Massenkultur kombinieren, wie auch Gl&auml;ubigkeit mit Modernit&auml;t (vgl. N&ouml;kel 2002). Ihre Neo-Islamisierung verstehen sie als selbstbewusstes Bekenntnis zur eigenen Identit&auml;t, und nicht als Ausdruck folgsamer bis hin zu fundamentalistischer Religiosit&auml;t. Ihre Islamisierung vollzieht sich auch nur zum Teil in den Strukturen der Moscheen, meist weichen sie von diesen Strukturen ab. Sie suchen durch ihre reflektierte Ausrichtung insbesondere die Befreiung von nicht origin&auml;r islamischen, aber qua Religion legitimierten Regulationen des weiblichen Verhaltens. Im Gegensatz hierzu zeigt sich insbesondere bei m&auml;nnlichen Jugendlichen der zweiten Migrationsgeneration ein Festhalten an traditionellen und zum Teil konflikthaften M&auml;nnlichkeitskonstruktionen (&#8222;ethnic revival&#8220;), die durch die verweigerte Anpassung an die Normalit&auml;t eine f&uuml;r sie besondere Bedeutsamkeit erh&auml;lt.<\/p>\n<p>Die Mehrzahl der jungen Migrantinnen erweitert ihre Lebenskonzepte selbstbestimmt und kreativ. Dabei steht die in Migrantenfamilien anzutreffende starke Familienbindung der Autonomie- und Identit&auml;tsentwicklung von T&ouml;chtern nicht im Wege. Biografisch angelegte Studien zeigen (vgl. Apitsch 1996; Hummrich 2002), dass M&auml;dchen die famili&auml;re Bindung nutzen, um emotionale Handlungssicherheit zu erhalten. <br \/>Entfremdung und Distanznahme zu den Eltern bzw. zu einem Elternteil werden situativ herbeigef&uuml;hrt, um eigene Interessen durchzusetzen und sich gegen deren normative Vorstellungen zu behaupten. Offenbar wirkt sich dabei der famili&auml;re Widerspruch zwischen Reproduktion der Tradition (st&auml;rkere Kontrolle der T&ouml;chter) und Transformation der Lebensform durch das Migrationsprojekt (Bildungserwartung) produktiv auf die Reflexionsf&auml;higkeit und die selbst&auml;ndigen Handlungsentw&uuml;rfe der T&ouml;chter aus. Ihr Bildungserfolg wird durch, mit und gegen Familie und Schule erbracht (Hummrich 2002). Insgesamt scheinen junge Migrantinnen der zweiten (und dritten) Generation flexibler auf die Migrationsbedingungen und Anforderungen der deutschen Gesellschaft zu reagieren. Sie zeigen zumeist auch bessere und h&ouml;here Schulabschl&uuml;sse als die m&auml;nnlichen Altersgenossen.<\/p>\n<p>M&auml;dchen wie Jungen streben eine qualifizierte Schul- und Berufsausbildung an. Dennoch zeigt sich im Vergleich zu deutschen Jugendlichen ein enormes Bildungs- und Ausbildungsgef&auml;lle (vgl. Granato 2003). Dieses zeigt sich vor allem im Anteil ausl&auml;ndischer Jugendlicher an den unterschiedlichen Schulformen und -arten. Allerdings ist hier festzustellen, dass gut wie keine statistischen Daten und Informationen zur Sch&uuml;lergruppe mit Migrationshintergrund vorliegen. Die amtlichen Daten die vorliegen beziehen sich auf ausl&auml;ndische Kinder und verzerren die Situation stark. So weist bspw. eine l&auml;ndlich gelegene Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen ihren Ausl&auml;nderanteil amtlich mit 4,1 Prozent aus. Bei diesen 4,1 Prozent handelt es sich um 39 Sch&uuml;ler und Sch&uuml;lerinnen mit 14 unterschiedlichen nationalen und sprachlichen Herkunftskontexten. Der faktische Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund ist dort nicht erfasst, liegt jedoch sch&auml;tzungsweise im zweistelligen Bereich, da die Schule einen hohen Anteil von Kindern mit Aussiedlerhintergund und mit Einb&uuml;rgerung aufweist.<\/p>\n<p>Trotz einer insgesamt eher d&uuml;rftigen Datenlage (vgl. Diefenbach 2007), ist von einer Vielzahl von schulischen Benachteiligungen auszugehen. Gravierend ist, dass ausl&auml;ndische Sch&uuml;ler und Sch&uuml;lerinnen die Schule wesentlich h&auml;ufiger als einheimische ohne Abschluss verlassen, sie vorwiegend Hauptschulabschl&uuml;sse erwerben und nach wie vor deutlich seltener die h&ouml;heren Abschl&uuml;sse. Allerdings sind bzgl. der Schulformen und der Bildungsabschl&uuml;sse regionale Unterschiede ebenso zu ber&uuml;cksichtigen, wie Nationalit&auml;ten- und Geschlechterunterschiede (vgl. Herwartz-Emden 2005, Hunger\/Thr&auml;nhardt 2004). Junge Frauen mit Migrationshintergrund messen der beruflichen Ausbildung einen hohen Stellenwert bei: 84 Prozent der Schulabg&auml;ngerinnen ausl&auml;ndischer Nationalit&auml;t halten es f&uuml;r sehr wichtig, dass eine Frau einen Beruf erlernt und &uuml;ber ein eigenes Einkommen verf&uuml;gt (vgl. Granato 2004). Trotz verbesserter Bildungsabschl&uuml;sse hat sich der Anteil junger Frauen ausl&auml;ndischer Nationalit&auml;t an einer Ausbildung im dualen System seit Mitte der 1990er Jahre nicht erh&ouml;ht, sondern ist seither sogar r&uuml;ckl&auml;ufig. So m&uuml;nden junge Frauen mit Migrationshintergrund vielfach in den Warteschleifen der Berufvorbereitung &#8211; viele von ihnen (&uuml;ber 40 Prozent) bleiben sogar ohne Berufsabschluss (vgl. ebd.). Auff&auml;llig an der Ausbildungssituation ist vor allem, dass junge Frauen mit Migrationshintergrund sich auf nur wenige Berufe konzentrieren: Friseurin, Arzt- oder Zahnarzthelferin, Verk&auml;uferin oder Kauffrau im Einzelhandel &#8211; schlie&szlig;lich m&uuml;nden 51 Prozent der weiblichen Jugendlichen in nur vier Ausbildungsberufen. Kennzeichen der ihnen offenen Berufsfelder sind geringe &Uuml;bernahmechancen und Verdienstm&ouml;glichkeiten sowie schlechte Arbeitsbedingungen. Dass junge Migrantinnen in kaufm&auml;nnischen Berufen wie Industriekauffrau, Bank- und Versicherungskauffrau oder im &ouml;ffentlichen Dienst kaum anzutreffen sind, l&auml;sst sich aus dem o. g. schon fast ableiten.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iv-fazit\">IV. Fazit <\/span><\/h2>\n<p>Migration ist nicht allein als eine Situation anzusehen, die vorwiegend oder ausschlie&szlig;lich Krisenpotentiale enth&auml;lt, sondern sie ist selbst bereits ein Projekt zur &Uuml;berwindung von Krisen und zur Erlangung von Autonomie. Dabei ist zwischen einzelnen Migrationsfamilien zu differenzieren, da Herkunft, &ouml;konomische Lage, Bildungsniveau u. a. ebenfalls in den Integrations- und Sozialisationsprozess von Kindern und Jugendlichen einflie&szlig;en. Die Differenzen, die zwischen einzelnen Migrationsgruppen bestehen, d&uuml;rfen dabei ebenso wenig &uuml;bersehen werden wie die Differenzen, die innerhalb einer scheinbar &#8222;homogenen&#8220; Gruppe existieren. Au&szlig;erdem d&uuml;rfen die Gemeinsamkeiten nicht aus dem Blick geraten, die zwischen Jugendlichen <i>mit <\/i>und <i>ohne <\/i>Migrationhintergrund vorhanden sind, da diese z. B. einen Hinweis darauf geben, welche Problemlagen oder Lebensentw&uuml;rfe eher im Kontext der Migration und welche eher im Entwicklungs- und Sozialisationskontext, z. B. der Adoleszenz, zu interpretieren sind. Ebenso sollte die Aufmerksamkeit st&auml;rker auf die erfolgreichen Migrantenfamilien und deren Mitglieder gerichtet werden sowie auf ihre Kreativit&auml;t, Ressourcen und Eigeninitiative. Deren Integrationsprozesse verlaufen allerdings nicht einheitlich, sondern verschieden und nicht-linear von einer Migrationsgeneration zur n&auml;chsten. Sie sind vielschichtig, h&auml;ufig auch in sich widerspr&uuml;chlich und f&uuml;r jeden Bereich (geschlechts)spezifisch.<\/p>\n<p><b>*<\/b> Dieser Beitrag ist eine leicht &uuml;berarbeitete Version des Beitrages in: Anke Spies, Dietmar Tredop (Hg.) &#8222;Risikobiografien&#8220;. Benachteiligte Jugendliche zwischen Ausgrenzung und F&ouml;rderprojekten. Wiesbaden 2006, dar.<\/p>\n<p>[1] Mit einem Nationale Integrationsplan 2006 sind Ma&szlig;nahmen und Aktivit&auml;t hierzu entwickelt worden, dessen Ergebnisse in diesem Jahr 2008 zu erwarten sind.<\/p>\n<p>[2] Schepker u. a. (1997) finden in ihrer Studie &uuml;ber famili&auml;re Bew&auml;ltigungsformen der Migration diverse kompetente Familientypen (definiert als Familien ohne auff&auml;llige Kinder): die &#8222;hin&uuml;bergerettete&#8220; monokulturell-selbstbewusste Familie, die erfolgreiche, moderne Migrantensubkulturfamilie, die intellektuell weitsichtige Familie, die moderne Gro&szlig;stadtfamilie, die selbstbewusste Alleinerziehende, die familienzentriert koh&auml;sive Familie, stabil religi&ouml;se Familie und politische Familie.<\/p>\n<p>[3] Die Voraussetzungen werden gegenw&auml;rtig in neueren, qualitativ-rekonstruktiv angelegten Studien vor allem als biographische Vorerfahrungen und Subjektkonstruktionen analysiert (vgl. Badawia 2002; G&uuml;ltekin 2003; Hummrich 2002; Nohl 2001; Sauter 2000; Unger 2000).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur <\/span><\/h2>\n<p><i>Apitzsch, U. <\/i>1995: Frauen in der Migration. In: Zeitschrift f&uuml;r interkulturelle Frauenalltagsforschung, 1\/1995, S. 9-25.<\/p>\n<p><i>Badawia, T.<\/i> 2003: &#8222;Der Dritte Stuhl&#8220; Eine grounded-theory-Studie zum kreativen Umgang bildungserfolgreicher Immigrantenjugendlicher mit kultureller Differenz. Frankfurt a.M.<\/p>\n<p><i>Bundesministerium f&uuml;r Familie, Senioren, Frauen und Jugend <\/i>2000: Familien ausl&auml;ndischer Herkunft in Deutschland. Leistung, Belastung, Herausforderung, 6. Familienbericht. Berlin.<\/p>\n<p><i>Datta, A. <\/i>(Hg.) 2005: Transkulturalit&auml;t und Identit&auml;t. Bildungsprozesse zwischen Exklusion und Inklusion. Frankfurt a.M.<\/p>\n<p><i>Diefenbach, H.<\/i> 2007: Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien im deutschen Bildungssystem. Wiebaden.<\/p>\n<p><i>Dietz, B.\/Roll, H. <\/i>1998: Jugendliche Aussiedler &#8211; Portrait einer Zuwanderergeneration. Frankfurt a.M.\/New York.<\/p>\n<p><i>F&uuml;rstenau, S. <\/i>2004: Transnationale (Aus-)Bildungs-und Zukunftsorientierung. Ergebnisse einer Untersuchung unter zugewanderten Jugendlichen portugiesischer Herkunft. In: Zeitschrift f&uuml;r Erziehungswissenschaft, 1\/2004, S. 33-57.<\/p>\n<p><i>Gomolla, M.\/Radtke, F.-O.<\/i> 2002: Institutionelle Diskriminierung. Die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule. Opladen.<\/p>\n<p><i>Granato, M.<\/i> 2004: Feminisierung der Migration &#8211; Chancengleichheit f&uuml;r (junge) Frauen mit Migrationshintergrund in Ausbildung und Beruf. Kursexpertise f&uuml;r den Sachverst&auml;ndigenrat f&uuml;r Zuwanderung und Integration. Bonn.<\/p>\n<p><i>Dies <\/i>2003: Jugendliche mit Migrationshintergrund &#8211; auch in der beruflichen Bildung geringe Chancen? In: Auernheimer, G. (Hrsg.): Schieflagen im Bildungssystem: Die Benachteiligung der Migrantenkinder. Opladen. S.113-135.<\/p>\n<p><i>G&uuml;ltekin, N. <\/i>2003: Bildung, Autonomie, Tradition und Migration. Doppelperspektivit&auml;t biographischer Prozesse junger Frauen aus der T&uuml;rkei. Opladen.<\/p>\n<p><i>Herwartz-Emden, L. <\/i>2000: Einwanderfamilien. Geschlechterverh&auml;ltnisse, Erziehung und Akkulturation. IMIS-Schriften Band 9. Osnabr&uuml;ck.<\/p>\n<p><i>Herwartz-Emden, L.\/Steber, C. <\/i>2004: Migration, Ethnizit&auml;t und Geschlecht. In: Richter, U. (Hrsg.): Jugendsozialarbeit im Gender Mainstream. Gute Beispiele aus der Praxis. Wiesbaden. S. 137-151.<\/p>\n<p><i>Herwartz-Emden, L.<\/i> 2005: Migrant\/-innen im deutschen Bildungssystem. In: Bundesministerium f&uuml;r Bildung und Forschung (Hrsg.): Migrationshintergrund von Kindern und Jugendlichen: Wege zur Weiterentwicklung der amtlichen Statistik. Bonn\/Berlin. S. 7-24.<\/p>\n<p><i>Herwartz-Emden, L.\/Westphal, M. <\/i>2002: Integration junger Aussiedler: Entwicklungsbedingungen und Akkulturationsprozesse. In: Oltmer, J. (Hrsg.): Migrationsforschung und Interkulturelle Studien. IMIS-Schriften Band 11. Osnabr&uuml;ck. S. 229-259.<\/p>\n<p><i>Dies<\/i>.2000: Akkulturationsstrategien im Generationen-und Geschlechtervergleich bei eingewanderten Familien. Materialien zum 6. Familienbericht, Bd.1. Opladen. S. 229-271.<\/p>\n<p><i>Dies<\/i>.1999: Frauen und M&auml;nner, M&uuml;tter und V&auml;ter. Empirische Ergebnisse zu Ver&auml;nderungen der Geschlechterverh&auml;ltnisse in Einwandererfamilien. In: Zeitschrift f&uuml;r P&auml;dagogik, 45\/1999, S. 885-902.<\/p>\n<p><i>Hunger,U. \/ Thr&auml;nhadt D. <\/i>2004: Migration und Bildungserfolg: Wo stehen wir?. In: IMIS Beitr&auml;ge 23\/2004: Migration &#8211; Integration &#8211; Bildung, S.179-189.<\/p>\n<p><i>Hummrich, M. <\/i>2002: Bildungserfolg und Migration. Biographien junger Frauen in der Einwanderungsgesellschaft. Opladen.<\/p>\n<p><i>King, V.\/ Koller, C. <\/i>(Hg.) 2006: Adoleszenz &#8211; Migration &#8211; Bildung. Wiesbaden 2006.<\/p>\n<p><i>Karakasoglu, Y. <\/i>2002: Geschlechteridentit&auml;ten (Gender) unter t&uuml;rkischen Migranten und Migrantinnen. In: Deutsch-T&uuml;rkischer Dialog der K&ouml;rberstiftung (Hrsg.): Geschlecht und Recht. Hamburg. S. 34-53.<\/p>\n<p><i>Kiss-Suranyi, I. E. <\/i>2001: Erziehungsprobleme traditionell-patriarchaler Migrantenfamilien in der sozialen Beratung. In: Sozialmagazin, 26\/2001, S. 12-18.<\/p>\n<p><i>Meister, D.<\/i> 1997: Zwischenwelten der Migration. Biographische &Uuml;berg&auml;nge jugendlicher Aussiedler aus Polen. Weinheim\/M&uuml;nchen.<\/p>\n<p><i>Nohl, A.-M.<\/i> 2001: Migration und Differenzerfahrung. Junge Einheimische und Migranten im rekonstruktiven Milieuvergleich. Opladen.<\/p>\n<p><i>N&ouml;kel, S. <\/i>2002: Die T&ouml;chter der Gastarbeiter und der Islam. Zur Soziologie alltagsweltlicher Anerkennungspolitiken. Eine Fallstudie. Bielefeld.<\/p>\n<p><i>Otaykmaz, B. &Ouml;.<\/i> 1995: Auf allen St&uuml;hlen: das Selbstverst&auml;ndnis junger t&uuml;rkischer Migrantinnen in Deutschland. K&ouml;ln.<\/p>\n<p><i>Pavkovic, G. <\/i>1999: Interkulturelle Kompetenz in der Erziehungsberatung. In: Zeitschrift f&uuml;r Migration und soziale Arbeit, 2\/1999, S. 23-29.<\/p>\n<p><i>Riesner, S. <\/i>1990: Junge t&uuml;rkische Frauen der zweiten Generation in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Analyse von Sozialisationsbedingungen und Lebensentw&uuml;rfen anhand lebensgeschichtlich orientierter Interviews. Frankfurt a. M.<\/p>\n<p><i>Sauter, S. <\/i>2000: Wir sind &#8222;Frankfurter T&uuml;rken&#8220;. Adoleszente Abl&ouml;sungsprozesse in der deutschen Einwanderungsgesellschaft. Frankfurt a. M.<\/p>\n<p><i>Schmitt-Rodermund, E.\/Silbereisen, R. K.\/Wiesner, M. <\/i>1996: Junge Aussiedler in Deutschland: Pr&auml;dikatoren emotionaler Befindlichkeit nach der Immigration. In: Zeitschrift f&uuml;r Entwicklungspsychologie und p&auml;dagogische Psychologie, 4\/1996, S. 35-76.<\/p>\n<p><i>Schepker, R. <\/i>u. a. 1997: Famili&auml;re Bew&auml;ltigungsstrategien und institutionelle Zug&auml;nge bei Erziehungsschwierigkeiten. Am Beispiel von migrierten Familien aus der T&uuml;rkei. In: Gogolin, I.: Tagungsband FABER (Folgen der Arbeitsmigration f&uuml;r Bildung und Erziehung, 20.-22. M&auml;rz. Gustav-Stresemann-Institut. Bonn. S. 344-343.<\/p>\n<p><i>Westphal, M.<\/i> 2005: Sozialisation und Akkulturation in Migrantenfamilien. In: Thole, W. u. a.: Soziale Arbeit im &ouml;ffentlichen Raum. Wiesbaden. (Tagungsbeitrag F&uuml;nfter Bundeskongress Soziale Arbeit). CD-Rom Kap. 4.3 Soziale Arbeit im privaten und &ouml;ffentlichen Raum.<\/p>\n<p><i>Westphal, M.<\/i> 2004: Integrationschancen f&uuml;r M&auml;dchen und Frauen mit Migrationserfahrung im und durch den Sport. In: Deutsche Jugend, 52\/2004, S. 480-485 (Teil I), 52\/2004, S.526-532 (Teil II).<\/p>\n<p><i>Westphal, M. <\/i>2004: Migration und Genderaspekte. In: Bundeszentrale f&uuml;r politische Bildung; <a href=\"http:\/\/www.bpw.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.bpw.de<\/a> Gender Bibliothek.<\/p>\n<p><i>Westphal, M.\/Behrensen, B. <\/i>2008: Wege zum beruflichen Erfolg bei Frauen mit Migrationshintergrund der ersten und zweiten Generation und Ursachen f&uuml;r die gelungene Positionierung im Erwerbsleben, Studie im Auftrag des Bundesamtes f&uuml;r Migration und Fl&uuml;chtlinge, N&uuml;rnberg (Manuskript).<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1913],"publikationen":[2819],"class_list":["post-11028","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-manuela-westphal","publikationen-183-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Auf allen St\u00fchlen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/183-vorgaenge\/publikation\/auf-allen-stuehlen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Auf allen St\u00fchlen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Sozialisations-und Integrationsprozesse von Jugendlichen mit Migrationshintergrund *, aus: vorg&auml;nge Nr. 183, Heft 3\/2008, S. 78-88 Das Thema Sozialisation und Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund wird in &ouml;ffentlichen Diskursen noch &uuml;berwiegend vom Paradigma des Kulturkonflikts und von der Modernit&auml;ts-Traditionalit&auml;tshypothese aus interpretiert sowie mit der Annahme patriarchalisch-autorit&auml;rer Strukturen in Migrantenfamilien erkl&auml;rt. 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