{"id":11030,"date":"2008-09-01T15:00:00","date_gmt":"2008-09-01T13:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/angst-essen-seele-auf\/"},"modified":"2021-08-24T21:51:55","modified_gmt":"2021-08-24T19:51:55","slug":"angst-essen-seele-auf","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/183-vorgaenge\/publikation\/angst-essen-seele-auf\/","title":{"rendered":"Angst essen Seele auf"},"content":{"rendered":"<p>Wie Kinder mit elterlichen Beziehungsproblemen, Erwartungen und \u00c4ngsten \u00fcberfrachtet werden;<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 183, Heft 3\/2008, S. 104-110<\/p>\n<p>Die moderne Kleinfamilie findet in der sozialen Welt wenig Schutz. Das bindet sie emotional enger aneinander, als es in den vorausgegangenen Jahrhunderten der Fall war. Keine moralische soziale Norm st\u00fctzt sie, kaum ein Verwandtschaftsverbund, der in Krisen einspringt, kaum verl\u00e4ssliche soziale Gemeinschaften, die f\u00fcr alle Familienmitglieder in gleicher Weise bindend sind und den famili\u00e4ren Zusammenhalt festigen. Familiennachmittage am Sonntag sind in aller Regel &#8222;einsame&#8220; Veranstaltungen, die Kleinfamilie bleibt unter sich. Viele Kinder haben an den Wochenenden M\u00fche, sich mit einem Freund zu verabreden, die Familie wird von Mama oder Papa abgeschirmt. Kaum ein Zusammenspiel von famili\u00e4ren &#8222;Innen&#8220; und sozialem &#8222;Au\u00dfen&#8220;, auf diese Weise bleibt das &#8222;Au\u00dfen&#8220; &#8211; Familien der Freunde, der Berufskollegen, sogar der Verwandtschaft &#8211; immer ein wenig fremd, ja, es wird zunehmend als eine potentielle Bedrohung empfunden, der gegen\u00fcber eine Familie sich zusammenschlie\u00dft. Zugleich flie\u00dfen die medialen Botschaften, die Perfektionsbilder und Gl\u00fccksversprechungen, die \u00fcber digitale Medien oder TV transportiert werden, nahezu uneingeschr\u00e4nkt in den famili\u00e4ren &#8222;Innenraum&#8220;.<\/p>\n<p>Moderne Familien sind Bindungsgemeinschaften, Gef\u00fchlsgemeinschaften. Sie sind eng aufeinander bezogen, sozial relativ isoliert, zugleich von einem vielf\u00e4ltig vermittelten (und f\u00fcr den je Einzelnen kaum durchschaubaren) &#8222;gesellschaftlichem Ganzen&#8220; abh\u00e4ngig. Diese Bindungsgemeinschaft auf engem Raum ist vielf\u00e4ltig st\u00f6rbar &#8211; vgl. dazu II &#8211; eine der fortw\u00e4hrenden und fortw\u00e4hrend verdr\u00e4ngten Bedrohungen kommt von einer anonymisierten und wenig durchschaubaren Au\u00dfenwelt und ihren Abh\u00e4ngigkeiten auf die Familien zu. Je enger das emotionale Feld der Familie, desto intensiver werden solche \u00e4u\u00dferen Faktoren empfunden und gef\u00fcrchtet.<\/p>\n<p><b>I. <\/b><\/p>\n<p>Stichwort Bindungsgemeinschaft. Vor dem Hintergrund einer radikal individualisierenden gesellschaftlichen Kultur sind emotionale Bindungen st\u00f6rungsanf\u00e4lliger denn je. Frau und Mann sind aufgewachsen in einer egozentrierten Bed\u00fcrfnis-Kultur. Erf\u00fcllt der &#8222;Partner&#8220; meine jeweiligen Bed\u00fcrftigkeiten nicht, dann gibt es im Rahmen dieser egozentrierten Ordnungen eigentlich \u00fcberhaupt keinen Grund, dass ich mit ihm zusammenbleibe. Solche selbstbezogenen Gef\u00fchle sind kaum mit einer soziale &#8222;Einrichtung&#8220; zu verbinden. Zumal Familie auch gegenl\u00e4ufige Bed\u00fcrftigkeiten in sich tr\u00e4gt. Dauer und Stabilit\u00e4t versprechen sich junge Eheleute von ihrer gemeinsamen Leben. Weil dieses Versprechen aber eine so unfertige seelische Basis bei beiden Eheleuten hat, auseinander treibende Ich-Befindlichkeiten fortw\u00e4hrend ausgleichen muss, eben deshalb leisten junge Paare ihre Eheversprechen gern im Zusammenhang mit aufwendigen Inszenierungen, zu denen nicht zuletzt der Gang in die Kirche z\u00e4hlt. Was Gott gef\u00fcgt hat, soll der Mensch nicht trennen sagt der Pfarrer, aber die jungen Brautleute k\u00f6nnen sich unter der mystisch-christlichen &#8222;Einheit der Leiber und der Seelen&#8220; wenig vorstellen, und ich habe oft den Verdacht, dass der Pfarrer auch nicht genau wei\u00df, wovon die Rede ist.<\/p>\n<p>Die emotionale Formulierung f\u00fcr Stabilit\u00e4t hei\u00dft Treue. Sie scheint bei jungen Menschen wieder ein hoher Wert zu werden &#8211; aber lebbar ist sie in einer medial stimulierten, hoch individualisierten Kultur kaum. &#8222;Ich werde dich immer lieben&#8220; war seit je ein gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig \u00fcberhitzter Satz und entsprach nie der psychischen Realit\u00e4t, aber solche seelischen Unsicherheiten wurden f\u00fcr viele Generationen von sozialer Moral und Kontrolle und einer gewissensgebundenen Verinnerlichung dieser Normen gest\u00fctzt. Heute gelten Normen, die keinen individualisierenden Charakter haben, nur wenig. Mit ihrer Hilfe werden Bed\u00fcrftigkeiten ausgedr\u00fcckt, die tats\u00e4chlich eine Sehnsucht nach Bindung und Sicherheit &#8211; am besten &#8222;bis der Tod uns scheidet&#8220; &#8211; erkennen lassen, aber wenig seelische Voraussetzungen daf\u00fcr, sie auch zu leben. &#8222;Du liebst mich nicht mehr&#8220;, hei\u00dft zunehmend: du erf\u00fcllst meine Bed\u00fcrfnisse nicht. Und was Bed\u00fcrfnisse sind, lernen Frau und Mann in eindringlicher und \u00e4u\u00dferst wechselhafter Weise tagt\u00e4glich aus Medien mit intensiven Gl\u00fccksversprechungen.<\/p>\n<p>Die medial-digitale Kultur in globalem Zuschnitt hat eine Bed\u00fcrfniswelt erschaffen, in der sich das egozentrierte &#8222;Selbst&#8220; eines jungen modernen Menschen in vielf\u00e4ltiger, teils widerspr\u00fcchlicher Weise spiegelt, und alles nennt er &#8222;Ich&#8220; und jedes Gl\u00fccksversprechen, von den digitalen Frauenbildern in der &#8222;Brigitte&#8220; bis zu den ebenfalls digitalen Porno-Bildern auf zahllosen Webseiten, ist dazu geeignet, als &#8222;mein Bed\u00fcrfnis&#8220; anerkannt zu werden. Solche zerrissene Bed\u00fcrftigkeit in einem Selbst, das zunehmend Z\u00fcge einer Biographie mit selbstreflexivem Zugang verliert, und sich gleichsam als eine Art &#8222;Egoismus fast ohne Ego&#8220; darstellt, ist als Grundlage einer Bindungs- und Gef\u00fchlsgemeinschaft denkbar ungeeignet. Schon angesichts solcher groben Skizzierungen der psychosozialen Verfassung moderner Familien wundert es, dass \u00fcberhaupt so viele Beziehungen stabil bleiben oder mindestens aufrechterhalten werden.<\/p>\n<p>Diese Zerrissenheit wird als Not empfunden, auf die es zwei typische Reaktionen gibt, die eine ist das oft genannte &#8222;Cocooning&#8220;, das Ineinander-Glucken, dessen k\u00fcnstlich selbstbehauptender Charakter allerdings in Paartherapien h\u00e4ufig dann erkennbar wird, wenn sich nach Jahren innigen und die Welt ausgrenzenden Zusammenseins bei relativ leichten St\u00f6rungen eine kaum mehr \u00fcberwindbare Distanz zwischen Mann und Frau zeigt, eine abrupte, oft b\u00f6se Aggressivit\u00e4t, die in ihrer unvers\u00f6hnlichen Dynamik auf die Vielzahl verdr\u00e4ngter und abgespaltener Kr\u00e4nkungen verweist. Ein weniger in wechselseitig verdichtete Best\u00e4tigungsszenarien eingebundene Paarbeziehung h\u00e4tte an jeder einzelnen dieser Frustrationen, die im Verlauf einer Beziehung unvermeidlich sind, nicht scheitern m\u00fcssen &#8211; der suggestiv selbstbehauptende Charakter, von \u00c4ngsten durchzogen, macht eine der Vernunft zug\u00e4ngliche Aufarbeitung der Gef\u00fchle oft unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Hier zeigt sich ein Dilemma der Familie, in der zum einen die flie\u00dfenden Au\u00dfenbindungen kaum mehr gelingen &#8211; oft nur \u00fcber eine Weiterf\u00fchrung der jeweiligen beruflichen Einbindungen, in denen aber immer einer der beiden &#8222;au\u00dfen vor bleibt&#8220; &#8211; und zum anderen ein auf Bed\u00fcrfnisbefriedigung in einem nichtaufschiebbaren Sinn gepoltes Selbst, das jede Frustration als Bedrohung seiner Integrit\u00e4t erlebt und insofern kaum in der Lage ist, Kr\u00e4nkungen auszugleichen oder zu &#8222;bearbeiten&#8220;, zum dritten die ganz auf solche instabile Gef\u00fchlsbindungen angelegte soziale Struktur &#8211; das ist das seelische Dilemma moderner Kleinfamilien.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ii\">II. <\/span><\/h2>\n<p>Kinder sind das einzig m\u00f6gliche &#8222;Dritte&#8220;, das \u00fcber Mann-Ego und Frau-Ego hinausreicht. Kinder r\u00fccken damit in einer historisch wohl einzigartigen Weise in das Zentrum der modernen Familie. Die Kinder sind Best\u00e4tigung einer Gemeinsamkeit, die ansonsten in ihrer inneren Dynamik h\u00f6chst fragil ist. Damit unterliegt die Beziehung zum Kind der Gefahr der &#8222;Idealisierung&#8220;, die wiederum von der Realit\u00e4t abgegrenzt, vor einer \u00e4u\u00dferen Welt fortw\u00e4hrend gesch\u00fctzt werden muss. So entsteht ein typisches Mutter-Vater-Kind Verh\u00e4ltnis, indem beide Eltern eifers\u00fcchtig auf die &#8222;Einzigartigkeit&#8220;, die Besonderheit ihres Kindes im Vergleich und in Rivalit\u00e4t zu allen anderen Kindern achten, die kleinen Begabungen oder vermeintlichen Talente eines Kindes auf Biegen und Brechen f\u00f6rdern, insgesamt das &#8222;Dritte&#8220; hochnarzisstisch besetzen, mit der ganzen unbewussten Dynamik des Ausgleichs zahlloser kleiner allt\u00e4glicher Beschr\u00e4nkungen. Das Kind muss, schlicht gesagt, ein ganz tolles Kind sein.<\/p>\n<p>Kinder lernen zunehmend zu rivalisieren, bevor sie sich ganz als ein soziales Wesen erlebt haben. Sie werden in vorgeschriebene Lernmuster gedr\u00e4ngt, bevor sie ihren eigenen Charakter von Selbst- und Welterfahrung im komplexen Zusammenfluss erfahren konnten. Kinder stehen unter einem Best\u00e4tigungszwang, der ihre seelische Entwicklung im Kleinkindalter auf traumatische Weise st\u00f6ren w\u00fcrde, wenn sie die narzisstisch gepr\u00e4gten Idealisierungen der Eltern nicht fr\u00fch verinnerlichen w\u00fcrden. Damit haben wir, ohne dies an dieser Stelle en detail ausf\u00fchren zu wollen, eine der wichtigsten Ursachen f\u00fcr eine ganze Reihe von weitgehenden seelischen und kommunikativen Pr\u00e4gungen und deren Folgen, die gegenw\u00e4rtig die hoch problematisierten Ver\u00e4nderungen moderner Kinder im Vergleich zu fr\u00fcheren Generationen pr\u00e4gen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iii\">III. <\/span><\/h2>\n<p>Beispiel: Neben mir im Restaurant eine Familie, junge Eltern, das Kind ist ca. ein Jahr alt und hockt vergn\u00fcgt quietschend auf seinem hohen Kinderstuhl. Die Eltern sind um das Kleine bem\u00fcht, eigentlich ein sch\u00f6nes Bild. Beide beugen sich immer wieder zu ihm her\u00fcber, Mama zupft hier und da ein L\u00e4tzchen oder einen Kragen zurecht, Papa kaspert mit einem Spielzeugauto auf dem Tisch herum und versucht das Interesse seines Kindes auf sich zu ziehen. Was befremdet trotzdem an diesem recht erbaulichen Bild? Ich brauche eine Weile, bis es mir auff\u00e4llt: die beiden schauen sich nie an. Nicht ein einziges Mal hat sich ihr Blick, eifrig zu dem Kind hingebeugt, bewusst ber\u00fchrt; war das Anschauen unvermeidlich, wirkten die Blicke beider eher gleichg\u00fcltig, ganz auf das Kind gepolt. Das Kleine im Mittelpunkt, bei jeder geringsten \u00c4u\u00dferung, dem kleinsten Strampeln oder M\u00e4keln wird es von einem der Eltern hochgenommen oder ihm wird Essbares in den Mund geschoben oder Papa kaspert. W\u00e4hrenddessen scheint es so, als seien der Mann f\u00fcr die Frau und die Frau f\u00fcr den Mann beinahe abwesend.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Kind ist diese \u00dcberfocussierung nicht gut: nicht eine Bewegung, nicht ein Ger\u00e4usch kann es unbeobachtet von sich geben, kann nicht sich selber und seinen vergn\u00fcgten und missmutigen Lauten nachlauschen, um mit sich und seinen \u00c4u\u00dferungen vertraut zu werden &#8211; viel zu schnell wird ihm die &#8222;Interpretation&#8220; seines Befindlichkeitssignals von Mama oder Papa abgenommen: durch eifriges Reagieren, meist von beiden gleichzeitig. Das Kleine verzieht das M\u00fcndchen, was will es damit bedeuten? Ein Fl\u00e4schchen wird beschwichtigend in den Mund geschoben, Papa macht laut &#8222;brumm&#8230;brumm&#8220;. Vermutlich wusste das einj\u00e4hrige Kind selber nicht, was es mit diesem oder jenem Laut, diesem oder jenem heftigen K\u00f6rpersignal oder mit seinen fuchtelnden kleinen H\u00e4nden zum Ausdruck bringen wollte. Kinder lernen aus ihren eigenen K\u00f6rpergesten und Sprachlauten sich selber zu entziffern, schon wissen die Eltern vor ihm Bescheid und reagieren &#8211; wenn es das Wort denn g\u00e4be &#8211; &#8222;\u00fcberfeinf\u00fchlig&#8220;. Immer in Hast, immer ausgleichend, beschwichtigend. Die Kanten seiner Emotionen, Tiefe und H\u00f6he seiner Freude und seines Missmutes lernt das Kind nur abgemildert kennen. Mama war schon vorher da. \u00dcberversorgt gluckst das Kleine, wird fahrig, irgendwann beginnt es zu weinen und die Eltern schauen einander an, ratlos, ein wenig hilfesuchend und einer gegen den anderen vorwurfsvoll (&#8222;Was hast du wieder falsch gemacht&#8220;).<\/p>\n<p>Der elterlichen F\u00fcrsorge ist die Angst davor anzumerken, dass die Bindung zum Kind und damit die Bindung der kleinen Gemeinschaft insgesamt, gest\u00f6rt und ver-st\u00f6rt sein k\u00f6nnte. Sie haben in ihrer famili\u00e4ren Gemeinsamkeit keinen anderen unbezweifelbaren Halt als das Kind. Es ist die Basis ihrer geringf\u00fcgigen Kontakte, ihrer schwachen wechselhaften Gef\u00fchle, Grundlage allen Kommunizierens und Sprechens. Offenbar werden noch sehr erwachsene W\u00fcnsche immer wieder auf das Kind &#8211; &#8222;ist ein Einkauf gut f\u00fcr das Kind, brauchen wir ein Auto, aber nur eines, das kindgerecht ist, sollten wir miteinander schlafen, solange das Kind im elterlichen Schlafzimmer ist&#8220; &#8211; projiziert, im Spiegel seines vermuteten Wohlergehens wird das gesamte Eheleben durchforscht und eingerichtet.<\/p>\n<p>Den Eltern in solchen kollusiven Familien fehlt ein gutes St\u00fcck Autonomie. Zu viele Bed\u00fcrftigkeiten sind offenkundig aufgegeben worden &#8211; f\u00fcr das Kind! &#8211; und viel zu viele wurden nie gelebt, mindestens nicht ganz zu Ende erlebt. Niemals sind diese jungen Paare ganz angef\u00fcllt mir ihren erwachsenen Begierden und Befriedigungen, \u00fcberall wartet &#8211; und lauert! &#8211; das Kind, wie ein Menetekel. Alles wird vom Kind mit seiner lauten Pr\u00e4senz zur Seite ger\u00fcckt, und beide Elternteile haben ihm offenbar bereitwillig nachgegeben. Ja, das Kind ist unser Band, dann erst kommen die Gef\u00fchle, die wir zueinander haben oder mindestens hatten, vielleicht auch nur erhofften oder vom je anderen erwarteten. Das Kind erst integriert die Individualisierungsbestrebungen der Eltern, die sich mit dem Charakter einer Paarbeziehung und einer Familie stets reiben, in ein famili\u00e4res Ganzes. So wird das je Individuelle zur Seite geschoben, es gef\u00e4hrdet die fragile Gemeinschaft ja nur, irgendwann z\u00e4hlt zuerst das Kind, dann die Sorgen um das Kind, dann seine Zukunft. Ganz zuletzt erst sind der Vater als Mann und die Mutter als Frau gemeint.<\/p>\n<p>Nein, f\u00fcr das Kind ist das nicht gut. Kaum ist es gro\u00df genug, einen Kindergarten zu besuchen und in Kontakt mit anderen Kindern zu treten &#8211; ein gewaltiges Abenteuer, in dem sich das kleine Selbst ausweitet auf die Begegnung mit anderen, anderen Willen, anderen Eigenarten, insgesamt auf die Widerst\u00e4ndigkeit der realen Welt, die es in seiner Verw\u00f6hnung bislang nur \u00e4u\u00dferst gemildert zur Kenntnis genommen hat, indem die Begegnung und Ungewissheit der &#8222;Anderen&#8220;, ihrer Zuwendung und Abneigung, bedeutungsvoll werden &#8211; kurzum, kaum beginnt es sein soziales Leben, da dr\u00e4ngt sich das an seine kleine Existenz geh\u00e4ngte Selbst von Mama und Papa wieder auf. Ohne ihr Kind sind sie ja fast haltlos, weitgehend bindungsleer. Das Kind darf ihr um das Kleine kreisendes Selbst also auf keinen Fall entt\u00e4uschen! Die Lern- und F\u00f6rderp\u00e4dagogik, die heute schon das Kindergarten-Leben der Kleinsten durchzieht, tut ein Weiteres: W\u00e4chst mein Kind schnell genug heran, bewegt es sich feinmotorisch korrekt, nimmt seine Sprachentwicklung einen normalen Verlauf &#8211; solche Fragen dringen geradezu unvermittelt in das Selbstgef\u00fchl der Eltern ein. Welch eine Ersch\u00fctterung, wenn das Kind zur\u00fcckbleibt, die Norm nicht erf\u00fcllt, das Bindungsgef\u00fcge der Familie ist sogleich in Gefahr.<\/p>\n<p>Zum permanenten Rivalisieren der M\u00fctter mit anderen M\u00fcttern, der V\u00e4ter untereinander und schlie\u00dflich auch der Kinder untereinander ist es danach nur ein winziger Schritt: Schau nur, Margo schreibt schon das F, warum du erst das B, und warum so unbeholfen. Schau doch nur, der kleine Robert ist auch schon beim F, und er ist doch drei Monate j\u00fcnger als du! Die Kinder haben eine eigene Sozialit\u00e4t noch gar nicht entfaltet, ihr erwachendes Ich mit Sprache und Ber\u00fchrung, mit Zuneigung und Streit noch gar nicht erworben, da werden sie bereits um St\u00fctzung des schwachen Eltern-Selbst ersucht. Sie rivalisieren also, bem\u00fchen sich, und haben kaum eine Chance, ihre M\u00fchen der Entwicklung und ihren Eifer auf die Kinder-Gemeinsamkeiten zu beziehen. In dieser Rivalit\u00e4t werden sie seelisch so einsam wie Mama und Papa.<\/p>\n<p>&#8222;Little Giants&#8220; hei\u00dft die derzeit erfolgreichste Gr\u00fcndung von privaten Kinderg\u00e4rten, sie sind \u00fcberlaufen und ein erstklassiges Gesch\u00e4ft. Reihenweise werden Kleinkinder Therapeuten oder Psychiatern vorgestellt, um sie anhand einer Normtabelle kindlicher Entwicklungen \u00fcberpr\u00fcfen, ihre seelische Stabilit\u00e4t messen, ihre Begabungen gezielt auf F\u00f6rderung einstellen zu lassen. In privaten Kinderg\u00e4rten lernen Zweieinhalbj\u00e4hrige Chinesisch, sie sollen doch dem globalen Marktgeschehen gewachsen sein. Die neurobiologische Kaffeesatz-Leserei vom &#8222;Zeitfenstern&#8220;, die sich \u00f6ffnen und schlie\u00dfen, versetzen Eltern in Panik: was, wenn wir eines der Fenster vers\u00e4umen? Unsere Schuld w\u00e4re nicht mehr abzugleichen!<\/p>\n<p>So vergleichen sie ihre Kinder und die Kinder sich untereinander von Begabung und Lernfortschritt bis zur Kleidung, sogar ein Wettstreit um das am ges\u00fcndesten ern\u00e4hrte Kind ist in Kinderg\u00e4rten zu beobachten. Die Schw\u00e4chen des elterlichen Selbstbewusstseins schlagen manchmal unfassbare Kapriolen. Jeder Familientherapeut kann davon und von den unheilvollen Folgen berichten &#8211; von den fr\u00fchkindlichen \u00c4ngsten, die nie durch eine emotional verankerte, sondern viel zu fr\u00fch gef\u00f6rderte, weitgehend nur- instrumentalen Sprache bes\u00e4nftigt, nie durch ungelenkte K\u00f6rperkontakte, Raufereien und Sich-Vertragen, Niederlagen und Siege gemildert wurden. Sie brechen in Krisenzeiten auf, unbeschwichtigt, und Krisen ereilen moderne Kinder fast unvermeidlich, sp\u00e4testens, wenn sie in die Grundschule gehen und deren Leistungsparameter und ihren Selektionswahn be\u00e4ngstigend zu sp\u00fcren bekommen &#8211; ich schaffe die Gymnasialempfehlung nicht, vielleicht bin ich kein liebenswertes Kind, Mama ist verst\u00f6rt, Papa ist traurig, die beiden streiten, alles ist meine Schuld. Das sind ihre dr\u00e4ngenden \u00c4ngste und sie lernen und \u00fcben, pauken und strengen sich an und versagen unvermeidlich im n\u00e4chsten Test: jeder Familientherapeut kennt diese fatale Dynamik, die zu einem gro\u00dfen Anteil die zunehmende Unruhe und Depressionsneigungen der Grundsch\u00fcler erkl\u00e4rt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iv\">IV. <\/span><\/h2>\n<p>Abstiegs\u00e4ngste intensivieren diese im isolierten Charakter der modernen Kleinfamilien begr\u00fcndete Neigung zu Unsicherheit, Unruhe und Selbstentwertung, der Kinder ebenso wie der Eltern. Die moderne Familie ist angesichts ihrer Isolation in hohem Ma\u00dfe abh\u00e4ngig von \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcssen, denen der Schule und des &#8222;Ansehens&#8220; der Kinder, denen der medialen Botschaften, die alle weggedr\u00e4ngten und unm\u00f6glich gewordenen W\u00fcnsche in perfektionierter Bildgestalt in die Wohnzimmer tragen, und schlie\u00dflich vom globalen Wirken des Internet, das die Finanzm\u00e4rkte zusammenschlie\u00dft, ihre Dynamik explosiv steigert und diese widerspruchsreiche Dynamik mit dem Schicksal von Unternehmen verbindet und bis in das privaten Schicksal von Familien voran dr\u00e4ngt. Kaum mehr beziehen sich die Strategien auf den B\u00f6rsenm\u00e4rkten auf konkrete Produktionsbedingungen, reale Produktivkr\u00e4fte und ihre regionalen Umgebungen, sie bewegen sich &#8211; im digitalen Datenraum unendlich beschleunigt &#8211; in zuvor nie gekannter Verkn\u00fcpfung unter- und ineinander. &#8222;Geld heckt Geld&#8220;, prognostizierte schon Marx eine sp\u00e4te Entwicklung des Kapitalismus. Die Unw\u00e4gbarkeiten der Finanzm\u00e4rkte schlagen unmittelbar auf die beruflichen und sozialen Verh\u00e4ltnisse durch. Ob ein gut ausgebildeter Diplom-Ingenieur oder ein treu-flei\u00dfiger Arbeiter am n\u00e4chsten Tag noch seinen Arbeitsplatz, seinen Lebensstandard beh\u00e4lt oder verliert, entscheidet sich unabh\u00e4ngig von seinem Flei\u00df, seiner Bildung, seiner Bindung an Arbeit und Unternehmen \u00fcber anonymisierte Vorg\u00e4nge auf den Finanzm\u00e4rkten. Die roten und schwarzen Zahlen der Firmenbilanz sagen nichts aus \u00fcber die Sicherheit des Arbeitsplatzes und dem damit verbundenen sozialen Standard der Familien. Eine nicht erwartete Strategie an den B\u00f6rsen, und innerhalb eines Jahres st\u00fcrzt eine Familie vom gehobenen Mittelstand in die Abh\u00e4ngigkeit staatlicher Unterst\u00fctzung, die die Drohung des weiteren Abstieges in sich tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Auch solche \u00c4ngste, denen durch das eigene Handeln nicht zu begegnen ist, pr\u00e4gen den famili\u00e4ren Innenraum. Zum einen verst\u00e4rken sie die Neigung, sich in das Familien-&#8222;Innen&#8220; zur\u00fcckzuziehen und alles soziale &#8222;Au\u00dfen&#8220; als prinzipiell feindlich anzusehen.<\/p>\n<p>Zugleich vermehren sie die skizzierten inneren Dynamiken einer Familie. Alles wird jetzt auf das Kind gesetzt, sogar die Absicherung gegen\u00fcber den Bedrohlichkeiten der Zukunft &#8211; auch deshalb werden die Kinder in unsinnige F\u00f6rderungen getrieben, in skurrile Bildungskonzepte gezw\u00e4ngt und von Mutter und Vater unaufh\u00f6rlich &#8222;motiviert&#8220;, bis das Kinderleben sich selber ganz fremd geworden ist. Das Kind vertritt auch hier die Beschwichtigung elterlicher \u00c4ngste, in ihm realisieren Eltern gleichsam symbolisch die Bew\u00e4ltigung anonymer sozialer Bedrohungen. Die Ordnungen des M\u00fctterlichen und des V\u00e4terlichen &#8211; &#8222;le nom du pere&#8220;, wie Lacan formulierte &#8211; tritt im Bewusstsein des Kindes zur\u00fcck. Sie versprechen keinerlei Gewissheit und kaum Geborgenheit, die Normvorstellungen der Eltern scheitern am instabilen Charakter der modernen Weltwirtschaft oder k\u00f6nnten jeden Tag daran scheitern. Die Eltern sind ratlos. Ihre Kinder atmen diese Bedeutungsarmut ein.<\/p>\n<p>Viele rei\u00dfen sich fr\u00fcher, als es ihrer seelischen Verfassung entspricht, vom famili\u00e4ren Milieu los, ihre Gleichaltrigen-Gemeinschaften sind aber gepr\u00e4gt von demselben Geist, an dem ihre Eltern scheiterten &#8211; vulg\u00e4re und perfekte Gl\u00fccksversprechen, individualisierte W\u00fcnsche, die in merkw\u00fcrdiger Umkehrung eine Vereinheitlichung quer \u00fcber dem Globus durchlaufen, Abh\u00e4ngigkeiten vielf\u00e4ltiger Art bei gleichzeitiger hoher Leistungserwartung und Erfolgserwartung &#8211; an dem viel zu viele junge Menschen schon in der fr\u00fchen Pubert\u00e4t scheitern. Auf diese paradoxe Weise vollziehen sie zuletzt doch &#8211; wie es Generationen vor ihnen auch schon taten &#8211; das Schicksal ihrer Eltern nach.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1916],"publikationen":[2819],"class_list":["post-11030","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-wolfgang-bergmann","publikationen-183-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Angst essen Seele auf - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/183-vorgaenge\/publikation\/angst-essen-seele-auf\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Angst essen Seele auf - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Wie Kinder mit elterlichen Beziehungsproblemen, Erwartungen und \u00c4ngsten \u00fcberfrachtet werden; aus: vorg\u00e4nge Nr. 183, Heft 3\/2008, S. 104-110 Die moderne Kleinfamilie findet in der sozialen Welt wenig Schutz. 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