{"id":11053,"date":"2008-03-01T22:00:00","date_gmt":"2008-03-01T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/der-feind-in-mir\/"},"modified":"2008-03-01T12:00:00","modified_gmt":"2008-03-01T11:00:00","slug":"der-feind-in-mir","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/181-vorgaenge\/publikation\/der-feind-in-mir\/","title":{"rendered":"Der Feind in mir"},"content":{"rendered":"<p>Die Wiederkehr von Auschwitz &#8211; der Mythos der RAF,<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 181, Heft 1\/2008, S. 23-29<\/p>\n<p>Seinen ersten gro\u00dfen Auftritt hatte Andreas Baader 1958. Es ging um die Liquidation eines Volksfeindes. Der blutjunge Mann f\u00fchlte sich dem politischen Auftrag verpflichtet, sp\u00fcrte aber Skrupel und einen seltsamen Widerwillen: Das Zielobjekt erinnerte ihn irgendwie an seinen Vater. Seine Lage verbesserte sich nicht, als es per Zufall zu einem fl\u00fcchtigen Kontakt zwischen ihnen kam. Andreas, damals f\u00fchrte er den Namen Maciek, gab ihm im Hotel, das beide bewohnten, Feuer. Maciek geh\u00f6rte zur nationalistischen Fraktion des polnischen Widerstands, die verhindern wollte, dass die Kommunisten die moralische Autorit\u00e4t der Widerstandsbewegung gegen die Deutschen monopolisierten und f\u00fcr die Eroberung der Macht im neuen Staat missbrauchten.<\/p>\n<p>Als Asche und Diamant 1958 in die westlichen Kinos kam, war das Echo gro\u00df. Mit Andrzej Wajdas Film verwandelte sich Jerzy Andrzejewskis Roman \u00fcber das Chaos der polnischen Nachkriegssituation in ein existenzialistisches Szenario. Das kam an, denn damals war alles irgendwie existenzialistisch. F\u00fcr die nun adoleszente Generation der Kriegsgeborenen sprangen die Identifikationsfiguren mitunter direkt von der Leinwand in ihr Leben. Das sich in Deutschland vor der bizarren Kulisse von Neubauten in Tr\u00fcmmerlandschaften abspielte. Was war eigentlich Phantasie, was Realit\u00e4t?<\/p>\n<p>Kaum ein Jahr sp\u00e4ter jedenfalls findet sich Andreas als kleiner Gauner und Anarch in Paris wieder. Diesmal hei\u00dft er Michel, tritt ebenso in Schwarzwei\u00df auf wie Maciek, aber ohne jeden politischen Auftrag. Er m\u00f6chte einfach nur durchkommen, ohne allzu viel Arbeit, mit m\u00f6glichst viel Spa\u00df. Er ist wei\u00df Gott kein Intellektueller, gl\u00e4nzt aber mit philosophisch-fatalistischen Spr\u00fcchen \u00fcber die Hierarchie von Liebe, Leben und Tod. Am Ende wird er, genauso wie sein polnisches Pendant, \u00fcberraschend zum Opfer: Au\u00dfer Atem rennt er mit einer Kugel im Bauch, wie im Jahr zuvor Maciek, noch entsetzlich weit, bevor er in der Gosse verreckt. Michel stirbt unter Jean Luc Godards Regie mit einem letzten Luftkuss an seine Liebste, die ihn verraten hat und nun verwirrt seinem Sterben zuschaut, Wajdas Maciek dagegen einsam in der gekr\u00fcmmten Haltung eines Embryos auf einer M\u00fcllhalde. In beiden F\u00e4llen erscheint der Tod kontingent und doch schicksalhaft vorgezeichnet.<\/p>\n<p>So war das halt bei Typen ihres Schlages. Sie trugen den Tod in sich. &#8222;Er war ein dunkler Typ, sah aus wie ein Franzose oder Ire, und er wirkte irgendwie romantisch. Eine Zeitlang hat er uns vorgespielt, Krebs oder Tuberkulose zu haben. Er lief in M\u00fcnchen herum, mit dem Gesicht eines Mannes, der wusste, dass er sterben muss, aber das Beste daraus machen will. Er tat immer so, als w\u00fcrde er Blut in sein Taschentuch husten, aber das Tuch blieb wei\u00df.&#8220;[1] So erinnert sich ein Mitsch\u00fcler von Andreas Baader. Wei\u00df, die Farbe der Unschuld.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Andreas-Maciek-Michel eingebildetes Blut in bl\u00fctenwei\u00dfe T\u00fccher spuckte, Motorr\u00e4der stahl und sich in der Schwabinger Szene herumpr\u00fcgelte, erschien in Hamburg ein Text, der die existenzialistisch verspielte Jugend an die politische Bedeutung der Farbe Braun erinnerte: &#8222;Von Heusinger bis Foertsch, von Oberl\u00e4nder bis Globke, von Heyde\/Sawade bis Eichmann hat sich erwiesen, dass im Deutschland von 1961 nicht ungeachtet (&#8230;) von Auschwitz und Buchenwald gelebt werden kann.&#8220; Jeder, insbesondere aber die Jugend habe dar\u00fcber zu wachen, dass sich das Nazimonster nicht wieder erhebe. Es gelte Widerstand zu leisten. &#8222;Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus kann nicht durch antifaschistische Sandkastenspiele nachgeholt werden, weder f\u00fcr die nachgewachsene Generation noch f\u00fcr die \u00c4lteren. (&#8230;) Wie wir unsere Eltern nach Hitler fragen, so werden wir eines Tages nach Herrn Strau\u00df gefragt werden.&#8220;[2]<\/p>\n<p>Die eigene Generation wird sich, so insinuiert Ulrike Meinhofs Text, nicht herausreden k\u00f6nnen wie die der Eltern. Er tr\u00e4gt den Titel &#8222;Hitler in euch&#8220;. Bei der schmalen Schicht antifaschistischer (damals hatte der Begriff seine Unschuld noch nicht vollst\u00e4ndig verloren) Deutscher, die seinerzeit versuchten, die Erinnerung an die NS-Vergangenheit wach zu halten, waren solche Wendungen, die den Nationalsozialismus noch als Gegenwart sahen, \u00fcblich. Die Radikalsten vermuteten ihn sogar als eine Art Gift in sich selber. Aber Meinhofs Text hei\u00dft nicht &#8222;Hitler in uns&#8220;. Er ist in seiner anklagenden Warnung nicht selbstreflexiv, sondern markiert eine Grenzziehung, die die Welt, generationen\u00fcbergreifend, in Wir und Ihr aufteilt. Die Analogie von Hitler und Strau\u00df &#8211; eine Assoziationsfigur, die die westdeutsche Linke fast ein Vierteljahrhundert zusammenhielt &#8211; war damals noch neu, und man muss schon historisch altklug sein, um heute die Verzeichnung zu kritisieren, aus dem caudillohaftkorrupten Bayern einen neuen Hitler zu machen. Man brauchte damals b\u00fchnenf\u00e4higes Personal, um in der seltsam abstrakten Nachkriegsrepublik das Lehrst\u00fcck von der Wiederkehr der braunen Gefahr eindringlich zu inszenieren. Denn letztendlich war es, trotz der ruhig im Lande lebenden NS-Verbrecher, eine Republik ohne zurechenbare Gesichter. Eichmann stand nicht in Berlin, sondern in Jerusalem vor Gericht. &#8222;Mag sein, dass manchem der Ma\u00dfstab verloren ging angesichts der Millionen, um deretwillen Eichmann verurteilt wurde&#8220;, schreibt Meinhof in einer &#8222;Auf Anhieb: Mord&#8220; \u00fcbertitelten Kolumne, die den Skandal kommentiert, dass ein Nazirichter zum Bundesanwalt bestallt worden war. &#8222;Aber den Betroffenen ist es gleichg\u00fcltig, ob er einer unter Millionen oder nur einer unter drei Dutzend ist.&#8220;[3] Es wirkt divinatorisch. Tats\u00e4chlich, mit Auschwitz war der Ma\u00dfstab verloren gegangen: Niemand, kein Einzelner, keine Gesellschaft, vertr\u00e4gt so viel gewaltsamen Tod.<\/p>\n<p>Am Abend des 2. Juni 1967 versammelte sich im Berliner SDS-Zentrum am Kurf\u00fcrstendamm eine Gruppe tief schockierter Demonstranten. Wenige Stunden vorher war der Student Benno Ohnesorg w\u00e4hrend einer Protestaktion gegen den Schah durch die Kugel aus einer Polizeipistole gestorben. Man diskutierte erregt die Lage. Ein Beitrag lautete: &#8222;Dieser faschistische Staat ist darauf aus, uns alle zu t\u00f6ten. Wir m\u00fcssen Widerstand organisieren. Gewalt kann nur mit Gewalt beantwortet werden. Dies ist die Generation von Auschwitz &#8211; mit denen kann man nicht argumentieren.&#8220; Die Sprecherin hie\u00df Gudrun Ensslin.[4]Sie formulierte damals, ob sie es wusste oder nicht, das Kernprogramm der RAF: Widerstand ist &#8211; in der Konfrontation mit den Verantwortlichen f\u00fcr Auschwitz &#8211; notwendigerweise gewaltsamer Widerstand. Politisches Handeln ist in diesem Programm Notwehr: Gegengewalt scheint die einzig verbliebene Chance der prospektiven Opfer.<\/p>\n<p>Andreas Baaders theatralische Inszenierung des eigenen Todes, Ulrike Meinhofs Angst vor der Wiederkehr der m\u00f6rderischen NS-Gewalt, Gudrun Ensslins Opferphantasie sind Variationen eines Generationsthemas. Das Phantasma, Opfer einer nicht enden wollenden, sich immer wieder erneuernden, gewaltt\u00e4tigen Geschichte zu sein, war in der politischen Generation nach Auschwitz eine zentrale untergr\u00fcndige Kollektivphantasie. Dass Baader, Meinhof und Ensslin sich als K\u00f6pfe einer Gruppe zusammenfanden, die unter dem wuchtigen Namen Rote Armee Fraktion eine wilde Mischung h\u00f6chst ungleichnamiger Erfahrungen, Phantasien und \u00c4ngste zusammenf\u00fchrte, ist letztlich kontingent &#8211; nicht dagegen sind es die Ingredienzien dieses Cocktails: sie bringen exemplarisch intellektuelle Kraftlinien der deutschen Nachkriegskultur zum Ausdruck. Die existenzialistische Spielfreude des narzisstischen Machos Baader geh\u00f6rte ebenso zu diesem Generationsrepertoire wie Meinhofs und Ensslins messerscharfe protestantische Ethik. Nur blieben diese unterschiedlichen Lebensphilosophien normalerweise durch den Abstand ihrer Ursprungsmilieus strikt voneinander getrennt. So gab es auch wenige Chancen, ihre heimlichen \u00c4hnlichkeiten wahrzunehmen. Zum Beispiel den enormen K\u00e4ltekern, der sowohl in der existenzialistischen Antimoral wie im protestantischen Gewissenspathos stecken konnte; und vor allem das beide unterirdisch bewegende Thema: der Tod, der nach Weltkrieg und v\u00f6lkischer Vernichtungspolitik eine neue Vorstellungsdimension gewonnen hatte. Eine Verbindung dieser beiden Positionen war der krasse Ausnahmefall, in der nerv\u00f6sen Republik der Jahre 1967 und 1968, in der pl\u00f6tzlich wieder &#8211; staatliche und au\u00dferstaatliche &#8211; Gewalt auf der Agenda stand, wirkte sie wie die Zusammenf\u00fchrung von kritischer Masse und Z\u00fcnder. Das Codewort f\u00fcr diese Synthese hie\u00df: Auschwitz.<\/p>\n<p>Das Geheimnis der RAF liegt in dieser Synthese. Denn solche wie Baader, Meinhof- und Ensslin gab es damals mehr als man denkt, wenn auch meist weniger grell in \u00dcberzeugung und Auftreten. Die beiden Frauen etwa waren so sehr vom protestantischen Geist durchdrungen, dass sie voreinander erschraken, als sie sich kennen lernten. Das war 1968, als Gudrun Ensslin zusammen mit Baader angeklagt war, in Frankfurt ein Kaufhaus angez\u00fcndet zu haben. &#8222;Wir taten es aus Protest gegen die Gleichg\u00fcltigkeit, mit der die Menschen dem V\u00f6lkermord in Vietnam zusehen&#8220;, sagte sie und \u00fcberlie\u00df es Baaders Verteidiger Horst Mahler, die Parallele zum Nationalsozialismus zu benennen. &#8222;Wir haben gelernt&#8220;, sagte sie, &#8222;dass Reden ohne Handeln unrecht ist.&#8220; Es muss, berichten Augenzeugen, von einer beinahe \u00fcberirdischen \u00dcberzeugungskraft gewesen sein. Ihr Vater, ein evangelischer Pastor, sprach danach von der &#8222;ganz heiligen Selbstverwirklichung&#8220; seiner Tochter: &#8222;Das ist f\u00fcr mich das gr\u00f6\u00dfere Fanal als die Brandlegung selbst, dass ein Menschenkind, um zu seiner Selbstverwirklichung zu kommen, \u00fcber solche Taten hinweggeht.&#8220; Und ihre Mutter sp\u00fcrte, &#8222;dass sie mit ihrer Tat auch etwas Freies bewirkt hat, sogar in der Familie&#8220;. Selbst der Gerichtspsychiater fasste es in f\u00fcr seine Profession erstaunlich emphatische Worte: &#8222;Sie leidet unter dem Ungen\u00fcgen unserer Existenz. Sie wollte nicht mehr warten. Sie wollte in die Tat umsetzen, was sie letztlich im Pfarrhaus gelernt hatte. Sie wollte den N\u00e4chsten en gros umfassen &#8211; gegen seinen Willen.&#8220; Ihr Verteidiger formulierte das etwas anders: &#8222;Die Angeklagte ist nicht nur \u00dcberzeugungst\u00e4terin, sondern Gewissenst\u00e4terin.&#8220; Tats\u00e4chlich wurde sie das Gewissen der RAF, ihre M\u00fchewaltung reichte von der Kassenf\u00fchrung bis zur Aufstellung von Moralregeln f\u00fcr den revolution\u00e4ren Alltag. Woran beinahe wichtige politische Koalitionen gescheitert w\u00e4ren. &#8222;Was macht ihr denn&#8220;, fragte Gudrun Ensslin ihre Terrorkollegen von der &#8222;Bewegung 2. Juni&#8220;, &#8222;ihr rennt durch die Wohnungen, fickt kleine M\u00e4dchen, raucht Haschisch. Das macht Spa\u00df. Das darf es nicht. Dieser Job, den wir machen, der ist ernsthaft. Es darf keinen Spa\u00df machen.&#8220;[5] Es klingt nach Missionarsstellung und revolution\u00e4rer Pflichterf\u00fcllung. F\u00fcr die Ulrike Meinhof &#8211; bei Blanqui &#8211; die entscheidende Formulierung fand: &#8222;Es ist die Pflicht eines Revolution\u00e4rs, immer zu k\u00e4mpfen, trotzdem zu k\u00e4mpfen, bis in den Tod zu k\u00e4mpfen.&#8220; Womit wir wieder ein paar Jahre weiter und zur\u00fcck beim Tod w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Im Juni 1972 waren alle drei in Haft &#8211; 25 Monate nach der Initialaktion der &#8222;Roten Armee Fraktion&#8220;, der Befreiung Andreas Baaders aus der Haft. Als Ulrike Meinhof dem fliehenden Baader mit einem Sprung aus dem Fenster folgte, blieben am Ort der dilettantisch durchgef\u00fchrten Aktion ein Mann mit Lebersteckschuss und ihre Handtasche zur\u00fcck. In ihr fanden sich, wie die Beweisst\u00fccke eines &#8211; lange vor diesem Schritt in den Untergrund &#8211; gespaltenen Lebens, ein Revolver und ein Hypothekenbrief f\u00fcr ihr Grundst\u00fcck in Hamburg-Blankenese.<\/p>\n<p>Als Berufsrevolution\u00e4re waren die RAF-Gr\u00fcnder St\u00fcmper. Ihre zweij\u00e4hrige Aktionsphase diente faktisch nur der Selbstreproduktion, und die &#8222;Bomben ins Bewusstsein der Massen&#8220; hatten wenig mehr als die Isolation von vermeintlich Gleichgesinnten zur Folge. Politische Wirkung entfalteten sie erst in der Haftzeit: als sie sich endlich und endg\u00fcltig als Opfer f\u00fchlen konnten. In dieser Rolle fanden sie zu sich selbst &#8211; und die Best\u00e4tigung des Phantasmas, das sie erst in den Untergrund und schlie\u00dflich ins Gef\u00e4ngnis getrieben hatte: &#8222;Der politische begriff f\u00fcr den toten trakt, k\u00f6ln, (des K\u00f6lner Gef\u00e4ngnisses, in dem Meinhof sa\u00df, C.S.), sage ich ganz klar ist: das gas.&#8220; So Ulrike Meinhof in konsequenter Kleinschreibung. &#8222;meine auschwitzphantasien da drin waren realistisch.&#8220;[6] Gudrun Ensslin schrieb: &#8222;Unterschied toter Trakt und Isolation: Auschwitz zu Buchenwald. Der Unterschied ist einfach: Buchenwald haben mehr \u00fcberlebt als Auschwitz&#8230; Wie wir drin ja, um das mal klar zu sagen, uns nur dar\u00fcber wundern k\u00f6nnen, dass wir nicht abgespritzt werden.&#8220; Andreas Baader, den kein geringerer als das Haupt des franz\u00f6sischen Existenzialismus, Jean Paul Sartre pers\u00f6nlich im Stammheimer Hochsicherheitstrakt besuchte, fasste es am knappsten: &#8222;Wir sollen vernichtet werden&#8220;, sagte er vor Gericht. Seinen Mitgefangenen schrieb er: &#8222;Ich denke, wir werden den Hungerstreik diesmal nicht abbrechen. Das hei\u00dft, es werden Typen dabei kaputtgehen.&#8220; Die phantasierten Opfer einer faschistischen Vernichtungsmaschinerie blieben sich in diesem Punkt bis zum Schluss treu. Noch in ihrem Auschwitz bewahrten sie sich die souver\u00e4ne Entscheidung \u00fcber Leben und Tod. Sie waren Opfer &#8211; und omnipotent: Baader drohte missliebigen W\u00e4rtern schon mal damit, ihre Ehefrauen t\u00f6ten zu lassen.<\/p>\n<p>Aus der Position des omnipotenten Opfers konnten sie ein letztes Mal intransigente Moralvorstellungen formulieren. Und fanden nun bei vielen ihrer Generationsangeh\u00f6rigen, die mit ihnen dasselbe Phantasma, dieselbe Opferidentifikation teilten, Aufmerksamkeit und Solidarit\u00e4t. Drei Tage vor seinem Hungertod schrieb Ensslin an Holger Meins, wie man abzutreten habe: &#8222;Ohne zu trauern. Das &#8211; das Ziel. Du bestimmst, wann Du stirbst. Freiheit oder Tod.&#8220; Die Freiheit \u00fcber den Tod &#8211; das war der existenzialistische Rest der gro\u00dfen moralischen und politischen Entscheidung von einst. Aber selbst diese Freiheit wurde vom Phantasma der Vernichtung konterkariert. In Meins\u00b4 Testament hei\u00dft es: &#8222;F\u00fcr den Fall, dass ich in der Haft vom Leben in den Tod komme, war\u00b4s Mord. Gleich, was die Schweine behaupten werden.&#8220;[7] Die &#8222;Auschwitzphantasien&#8220; waren wirklich vernichtend: sie zerst\u00f6rten selbst noch den letzten moralischen Triumph der freien Entscheidung.<\/p>\n<p>In ihrem letzten Gefecht wendeten die Gr\u00fcnder der RAF die m\u00f6rderische Kehrseite ihrer Opferidentifikation wie eine destruktive fremde Macht gegen sich selbst. &#8222;Mord gleich Selbstmord gleich Mord&#8220; riefen ihre Sympathisanten nach Ulrike Meinhofs Freitod. Ein Jahr sp\u00e4ter ging diese grausige Gleichung in der (Selbst-)Mordinszenierung von Ensslin, Baader und zwei weiteren RAF-Angeh\u00f6rigen auf. Alles war bis zur Unkenntlichkeit miteinander vermischt, Phantasie und Realit\u00e4t, T\u00e4ter und Opfer nicht mehr zu unterscheiden.<\/p>\n<p>Das ber\u00fchmteste aller RAF-Papiere, &#8222;Das Konzept Stadtguerilla&#8220; vom April 1971 beginnt mit dem Mao-Motto &#8222;Zwischen uns und dem Feind einen klaren Trennungsstrich ziehen!&#8220; und bezeichnet wohl die gr\u00f6\u00dfte Schwierigkeit der Gruppe: eben diese Trennung vorzunehmen, um eindeutig den Feind bestimmen zu k\u00f6nnen. Denn, das war der Selbstverdacht ihrer Protagonisten, diese Trennung war nicht klar.<\/p>\n<p>Ihre Ursprungsparole umzusetzen, gelang ihnen im Leben nicht. Und auch nicht im Tod. Tats\u00e4chlich enth\u00e4lt sie eine unm\u00f6gliche Forderung. Jedenfalls dann, wenn der vermeinte Feind im eigenen Inneren sitzt. Sp\u00e4testens seitdem sie in Haft war, spielte der Mangel an klarer Trennung f\u00fcr Ulrike Meinhof eine eminente Rolle. Es gibt Selbstbeschreibungen aus dieser Zeit, die diesen Mangel an Getrenntheit als lebenslanges Leiden verst\u00e4ndlich machen. In einem Brief an Baader und Ensslin h\u00e4lt sie fest, &#8222;was hier bei mir Sache ist&#8220;: &#8222;Meine Sozialisation zu Faschist, durch Sadismus und Religion, die mich eingeholt hat, weil ich mein Verh\u00e4ltnis dazu, d.h. zur herrschenden Klasse, mal ihr Scho\u00dfkind gewesen zu sein, nie vollst\u00e4ndig aufgel\u00f6st, restlos in mir abget\u00f6tet habe&#8230; Die Schei\u00dfe in meinem Wahn&#8230; sich zur RAF verhalten, wie ich mich zur herrschenden Klasse verhalten habe: Arschkriecher; d.h. Euch behandeln wie Bullen, das hei\u00dft einfach: Selbst l\u00e4ngst \u00b4n Bulle sein, in den psychischen Mechanismen von Herrschaft und Unterwerfung, Angst und Klammern an die Vorschrift. Eine scheinheilige Sau aus der herrschenden Klasse, das ist einfach die Selbsterkenntnis. Alles nur \u00b4als ob\u00b4 &#8230;&#8220;[8]<\/p>\n<p>Sie war nicht die Einzige, die mit diesem Selbstverdacht haderte. Kampfkollege Helmut Pohl schreibt in Versalien vom &#8222;TODFEIND IN MIR SELBST&#8220; und Holger Meins spricht von der Notwendigkeit einer &#8222;revolution in einem selbst: in einem selbst die herrschende klasse st\u00fcrzen (&#8230;) &#130;unter meiner haut beginnt das befreite gebiet, die selbst\u00e4ndige rote macht&#8216;. selbstkritisch muss man die alte klasse, soweit sie einen noch beherrscht, besitzt und besetzt h\u00e4lt, rausschmeissen, widerstand zuerst (&#8230;), dann befreiungskrieg, die besetzten gebiete zur\u00fcckerobern, seine dimension als mensch, seine ehre zb wiedergewinnen und schlie\u00dflich sieg bis zur restlosen vernichtung der klasse.&#8220;[9]<\/p>\n<p>Die Selbstbeschreibungen und -anklagen der RAF-Angeh\u00f6rigen w\u00e4hrend der Haftzeit wirken so, als geh\u00f6re ein Teil des eigenen Selbst immer &#8222;den anderen&#8220;. Als sei einer Herkunft nicht zu entgehen, die einen immer wieder zur\u00fcck ins Alte zieht. Nimmt man Holger Meins\u00b4 Rede ernst, w\u00e4re der Sieg \u00fcber den Feind letztlich mit dem eigenen Tod identisch. Er starb, 1,83 Meter gro\u00df und 39 Kilogramm schwer, an den Folgen eines Hungerstreiks. Vielen Betrachtern des ver\u00f6ffentlichten Obduktionsphotos gruselte, weil sie meinten, Bilder solch ausgemergelter K\u00f6rper schon einmal, in einem anderen historischen Kontext, gesehen zu haben.<\/p>\n<p>&#8222;Mord gleich Selbstmord gleich Mord&#8220;: In der finalen Selbstmord-Inszenierung von Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Irmgard M\u00f6ller verdichtete sich die gespenstische Wiederkehr von Auschwitz als agierter Vernichtungsphantasie der Nachgeborenen: die phantasmagorische Wiederkehr jener Gewalt, die zum negativen Ursprungsmythos der zweiten deutschen Republik wurde. Die Gr\u00fcnder der RAF richteten in Stammheim das geschichtlich verdr\u00e4ngte Potenzial an Destruktivit\u00e4t, dessen R\u00fcckkehr doch alle f\u00fcrchteten, demonstrativ, verzweifelt und eine falsche Realit\u00e4t vort\u00e4uschend gegen sich selbst. Der &#8222;Mythos&#8220;, den man der RAF sp\u00e4ter andichtete, hat hier seinen Ursprung. Die Verschlingung von Tod und Mord, von T\u00e4ter und Opfer, von Realit\u00e4t und Phantasie geh\u00f6rt ebenso zur mythologischen Rede wie die phantasmatische Verschlingung der Zeiten: Was ist Gegenwart, was Vergangenheit? Unterm Gesetz der exzessiven Gewalt(phantasie) bleibt auch dies unklar, irisierend. Wer das Ph\u00e4nomen RAF verstehen will, muss sich als erstes daran machen, dieses falsche Ineinander aufzul\u00f6sen. Es geht darum zu trennen, was die Mythografie zusammen zwingt. Eben dies hei\u00dft: Analyse.<\/p>\n<p>Die immense sozialpsychologische Bedeutung der RAF f\u00fcr die Bundesrepublik liegt darin, dass mit ihr ein Kapitel der m\u00f6rderischen Geschichte, die ihrer Gr\u00fcndung vorausging, wieder aufgeschlagen wurde &#8211; und ein neues begonnen wurde. Was wir erst noch zu begreifen haben. Denn die Geschichte der RAF ist sowenig beendet wie ihre Gr\u00fcnder es von der Geschichte des Nationalsozialismus meinten. Nach wie vor gibt es auf der einen Seite einen ungeheuren Solidarisierungsdruck. Nach wie vor wird die notwendige Aufarbeitung auf der anderen Seite tabuiert. Nach wie vor dominiert im Umgang mit dem Ph\u00e4nomen allerorts die mythische die analytische Rede. Es ist zuviel darin gefangen, zuviel gewaltsamer Tod f\u00fcr unsere Fassenskraft. Was sich nur unangemessen in den Zahlen spiegelt. Zu Lebzeiten der RAF-Gr\u00fcnder gingen 47 Tote auf das Konto des &#8222;bewaffneten Kampfs&#8220;. Diese Realit\u00e4t, f\u00fcr sich grausam genug, bleibt phantasmatisch mit den un\u00fcbersehbaren Leichenhaufen verkn\u00fcpft, die der Vorg\u00e4ngerstaat der Bundesrepublik zu verantworten hat. Eine falsche Verkn\u00fcpfung? In all diesen Punkten hat die kritische, die trennende Arbeit der Analyse anzusetzen.<\/p>\n<p>[1] Zitiert nach Stefan Aust, Der Baader Meinhof Komplex, Hamburg 1997, S. 25f.<\/p>\n<p>[2] Ulrike Meinhof, Hitler in euch. In: Ulrike M. Meinhof, Deutschland, Deutschland unter anderem. Aufs\u00e4tze und Polemiken, Berlin 1995, S. 38ff.<\/p>\n<p>[3] ebd., S. 55ff.<\/p>\n<p>[4] So die Version von Stefan Aust. Ensslins Autorschaft wird inzwischen in Zweifel gezogen. Unstrittig bleiben indes die damalige Aktualit\u00e4t der &#8222;Argumentationsfigur&#8220; und der Angstaffekt.<\/p>\n<p>[5] Alle Zitate nach Stefan Aust, a.a.O., S. 78ff und S. 204.<\/p>\n<p>[6] P.B. Schut (Hg.), das info. Briefe von gefangenen aus der raf, Hamburg 1987, S. 21.<\/p>\n<p>[7] Zitiert nach Aust, S. 292 und 303.<\/p>\n<p>[8] Aust, S. 298f.<\/p>\n<p>[9] Schut, a.a.O., S. 72 und 83.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1936],"publikationen":[2818],"class_list":["post-11053","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-christian-schneider","publikationen-181-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der Feind in mir - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/181-vorgaenge\/publikation\/der-feind-in-mir\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der Feind in mir - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die Wiederkehr von Auschwitz &#8211; der Mythos der RAF, aus: vorg\u00e4nge Nr. 181, Heft 1\/2008, S. 23-29 Seinen ersten gro\u00dfen Auftritt hatte Andreas Baader 1958. 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