{"id":11054,"date":"2008-03-01T21:30:00","date_gmt":"2008-03-01T20:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/wie-antisemitisch-waren-die-68er\/"},"modified":"2021-08-24T21:51:14","modified_gmt":"2021-08-24T19:51:14","slug":"wie-antisemitisch-waren-die-68er","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/181-vorgaenge\/publikation\/wie-antisemitisch-waren-die-68er\/","title":{"rendered":"Wie antisemitisch waren die 68er?"},"content":{"rendered":"<p>Aus: vorg\u00e4nge Nr.181, Heft 1\/2008, S.30-36<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"1-neue-forschungen-und-meinungen\">1. Neue Forschungen und Meinungen <\/span><\/h2>\n<p>Die schon seit l\u00e4ngerem vor allem durch die Forschungen von Wolfgang Kraushaar aus den Quellen belegten Vorw\u00fcrfe der judenfeindlichen Haltungen und Handlungen von Protagonisten der \u00b468er Bewegung weiten sich &#8211; nach Erscheinen von G\u00f6tz Alys Buch &#8222;Unser Kampf&#8220; &#8211; zu einer Generaldebatte \u00fcber die Stellung von &#8222;1968&#8220; in der (west)deutschen Geschichte sowie \u00fcber die &#8211; anders kann man es nicht mehr ausdr\u00fccken &#8211; Ehre all jener aus, die damals mehr oder minder aktiv waren, heute vor oder kurz nach dem Eintritt ins Rentenalter stehen und stets w\u00e4hnten, mindestens ihren Absichten nach und allen jugendlichen Torheiten zum Trotz, Wesentliches zur demokratischen Entwicklung der Bundesrepublik beigetragen zu haben.<\/p>\n<p>Eigentlich k\u00f6nnte angesichts des gro\u00dfen Zeitabstands Gelassenheit herrschen. Wenn heute ob der Arbeiten von Kraushaar, Aly oder auch Koenen, in denen ja die Geschichte der Protestbewegung in allen Ver\u00e4stelungen erforscht wurde, eine erbitterte Diskussion \u00fcber den Antisemitismus in der westdeutschen Linken gef\u00fchrt wird, wenn trotz des nur vermeintlichen Schlussstrichs von Peter Eisenmans Denkmal dererlei Fragen nach wie vor heftig er\u00f6rtert werden, liegt das daran, dass vor dem Hintergrund eines nicht nur gef\u00fchlten, sondern tats\u00e4chlichen Linksrucks der Bev\u00f6lkerung die Legitimit\u00e4t von &#8222;1968&#8220; und damit des Weges einer Generation erneut auf dem Pr\u00fcfstand steht.<\/p>\n<p>Da mit dem Vorwurf des &#8222;Antisemitismus&#8220; hierzulande notwendig die Gaskammern von Birkenau assoziiert werden, da er mithin f\u00fcr jede Person moralisch vernichtend sein muss, kann die Reaktion auf Kraushaar und Aly gar nicht anders als von Emp\u00f6rung und Wut getragen sein. Eine n\u00fcchterne Betrachtung des Antisemitismusvorwurf gegen Teile der damaligen Protestbewegung muss drei Fragen beantworten: was ist, erstens, \u00fcberhaupt &#8222;Antisemitismus&#8220;; ist es, zweitens, denkbar, dass die europ\u00e4ische &#8222;Linke&#8220;, seit ihrem Entstehen im neunzehnten Jahrhundert in weiten Teilen antisemitisch war; sollte daher, drittens, die westdeutsche neue Linke, in diesen Traditionen stehend, wesentlich antisemitisch gesonnen sein?<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"2-judenfeindschaft-und-ihre-formen\">2. Juden&shy;feind&shy;schaft und ihre Formen <\/span><\/h2>\n<p>Sofern an Staatsverbrechen neben \u00f6konomischen, territorialen und demographischen Interessen auch politische Ideologien mitbeteiligt sind, war Antisemitismus die wesentliche Ursache eines weltgeschichtlich einmaligen Verbrechens: der vom nationalsozialistischen Deutschland arbeitsteilig betriebenen Ermordung von sechs Millionen europ\u00e4ischer Juden. Darin kulminierten unterschiedlich bem\u00e4ntelte Formen von Judenfeindschaft und Judenhass, die der abendl\u00e4ndischen Kultur von Anfang an eingeschrieben waren.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"21-was-ist-also-antisemitismus\">2.1. Was ist also Antise&shy;mi&shy;tis&shy;mus? <\/span><\/h2>\n<p>1. Antike, pagane Schriftsteller, z.B. der r\u00f6mische Historiker Tacitus, hielten die Juden f\u00fcr illoyal und abergl\u00e4ubisch, weil sie als Monotheisten den Kaiserkult ablehnten sowie Speise- und sexuellen Reinheitsgeboten folgten, die Angeh\u00f6rigen anderer Religionen nicht zug\u00e4nglich waren.<\/p>\n<p>2. Das Christentum, im Scho\u00df unterschiedlicher j\u00fcdischer Glaubensrichtungen in der Zeit des Zweiten Tempels entstanden, konkurrierte unter dem Verfolgungsdruck der r\u00f6mischen Kaiser zun\u00e4chst mit dem Judentum, um es dann zu beerben und ihm die historische Berechtigung abzusprechen. Unter Bezug auf die Evangelien und andere Schriften des Neuen Testaments wurden die Juden als die f\u00fcr die Kreuzigung Jesu verantwortlichen Gottesm\u00f6rder, als Kinder des Satans und als ob ihres Unglaubens die Erl\u00f6sung der Welt verhindernde Gruppe angesehen.<\/p>\n<p>3. Im fr\u00fchen christlichen Mittelalter spielte Judenfeindschaft ausweislich der \u00fcberlieferten Quellen zun\u00e4chst keine wesentliche Rolle. Erst mit der Krise der feudalen Welt im elften Jahrhundert, die sich in den ersten Kreuzz\u00fcgen entlud, wuchs den Juden die Rolle des idealen Feindbildes noch vor den Muslimen zu. Allerdings: Die religi\u00f6s gerichtete Ideologie des &#8222;Antijudaismus&#8220; lie\u00df verfolgten und bedrohten Juden noch immer die M\u00f6glichkeit offen, zum Christentum \u00fcberzutreten und sich so vor Verfolgung zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>4. Die Zeit der Renaissance und der Reformation wies in Beziehung auf die Juden gegens\u00e4tzliche Tendenzen auf: W\u00e4hrend ein Teil der Christen begann, einen Begriff von der W\u00fcrde des Menschen, jedes Menschen zu entfalten, versch\u00e4rfte das reformatorische Denken Martin Luthers die theologische Judenfeindschaft ein weiteres Mal. Indem Luther dem Gott der Hebr\u00e4ischen Bibel und damit dem Glauben des Judentums Gerechtigkeit und Gesetz, dem Christentum und dem als Christus bekannten Jesus von Nazareth jedoch Liebe und Gnade zuordnete, r\u00fcckte das Judentum an die Stelle all jener Kr\u00e4fte, die eine menschliche Emanzipation verhinderten und wurde geradezu zu deren Inbegriff.<\/p>\n<p>5. Die Zeit der Aufkl\u00e4rung zeichnete sich nicht nur durch eine scharfe Religionskritik, sondern auch durch eine von den entstehenden Naturwissenschaften inspirierte Entzauberung des Menschen aus, der nun nicht mehr als die von Gott gewollte Krone der Sch\u00f6pfung galt, sondern auch als eine zoologische Gattung neben anderen. Indem die fr\u00fchen Antisemiten des neunzehnten Jahrhunderts ihre Weltanschauung vor dem Hintergrund dieses quasi pseudowissenschaftlichen Weltbildes sowie der vorgefundenen antijudaistischen Tradition artikulierten, gaben sie schon im 19. Jahrhundert Metaphern Raum, die die Juden als auszurottendes Ungeziefer darstellten. Indem Juden nicht mehr als einem falschen Glauben anh\u00e4ngende S\u00fcnder, sondern als Angeh\u00f6rige einer sprachlich charakterisierbaren Rasse bestimmt wurden, sollte deutlich werden, dass es jetzt nicht mehr um Gesinnungen, sondern um objektive, sch\u00e4dliche biologische Einfl\u00fcsse ging, die nur durch Entfernung von Juden aus den jeweiligen Volksk\u00f6rpern behoben werden konnten.<\/p>\n<p>Als Weltanschauung reagiert dieser moderne Antisemitismus auf die krisenhafte Entwicklung der kapitalistischen Moderne: auf Industrialisierung, Modernisierung, auf den Verlust verbindlicher Weltbilder und die Versachlichung menschlicher Beziehungen. Ihm erscheinen die Juden in einer paranoid verschw\u00f6rungstheoretischen Sicht der Dinge, wie sie etwa in den vom zaristischen Geheimdienst erstellten &#8222;Protokollen der Weisen von Zion&#8220; zum Ausdruck kommen, vor allem als geborene &#8222;Zersetzer&#8220;: Zersetzer der traditionalen Handwerks- und b\u00e4uerlichen Wirtschaft durch das Geld, Zersetzer von Religion und Sitte durch Wissenschaft und Aufkl\u00e4rung, Zersetzer des Staates durch Verrat und Illoyalit\u00e4t, Zersetzer gesellschaftlicher Autorit\u00e4t durch unbotm\u00e4\u00dfigen Journalismus sowie Zersetzer von Volk und Rasse durch Einbringen kranken Blutes. Nur eine solche Ideologie konnte das menschheitsgeschichtlich einzigartige Staatsverbrechen der Ermordung von sechs Millionen europ\u00e4ischer Juden in den Jahren 1939 &#8211; 1945 f\u00fcr wenige motivieren und bem\u00e4nteln.<\/p>\n<p>6. Damit ist das Thema &#8222;Antisemitismus&#8220; jedoch keineswegs vom Tisch &#8211; im Gegenteil. Heute hat der Antisemitismus vielfach die Form des &#8222;Antizionismus&#8220; angenommen. Der Staat Israel erscheint als der &#8222;Jude der V\u00f6lkerwelt&#8220;, von dessen Elimination man sich eine heilsame Entwicklung auf dem ganzen Globus erwartet. In Verbindung mit einer so erst im fr\u00fchen 20. Jahrhundert ausgebildeten radikalislamistischen Judenfeindschaft sind so neue, antisemitische Massenbewegungen entstanden. Es zeigt sich, dass im Raum der globalisierten Welt antisemitische Massenbewegungen und Politiker wie zuletzt im Europa der Zwischenkriegszeit existieren. Sie finden sich freilich &#8211; mit Ausnahme Frankreichs und einiger Immigrantenmilieus in den Niederlanden, Belgien und Schweden &#8211; weniger in Europa als in der islamischen Welt. In Syrien und \u00c4gypten laufen im staatlich kontrollierten Fernsehen unbeanstandet politische Soaps \u00fcber die &#8222;Protokolle der Weisen von Zion&#8220; sowie \u00fcber j\u00fcdische Ritualmorde, w\u00e4hrend terroristische Ideologen wie der von der israelischen Armee umgebrachte Hamas F\u00fchrer Rantisi zustimmend den franz\u00f6sischen Holocaustleugner Roger Garaudy und die Hamas Charta ihrerseits zustimmend aus den &#8222;Protokollen&#8220; zitieren. Was in der beschr\u00e4nkten Welt der Banlieus von Paris der Brandsatz gegen eine Synagoge ist, ist in den Krisenzonen der globalisierten Welt die &#8222;islamische&#8220; Bombe. Der radikale Islamismus gef\u00e4hrdet nicht nur &#8211; wie in Frankreich &#8211; die innenpolitische Stabilit\u00e4t, sondern auch &#8211; wie in Pakistan und im Iran mit seinen nuklearen Ambitionen &#8211; den Weltfrieden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"22-die-linke-und-der-antisemitismus\">2.2. Die Linke und der Antise&shy;mi&shy;tismus <\/span><\/h2>\n<p>War die europ\u00e4ische Linke in Teilen antisemitisch? Diese Frage ist schnell beantwortet, die Geistes- und Ideologiegeschichte l\u00e4sst keinen Zweifel: Schon der franz\u00f6sische Fr\u00fchsozialismus war &#8211; mit geringen Ausnahmen &#8211; antisemitisch und w\u00e4hnte in den Rothschilds sowie einem angeblichen &#8222;j\u00fcdischen Finanzfeudalismus&#8220; die Wurzel allen \u00dcbels. Viele russische Anarchisten &#8211; etwa Bakunin &#8211; waren gl\u00fchende Judenhasser und auch deutsche Fr\u00fchsozialisten wie der Komponist Richard Wagner, der junge Karl Marx und etwa sp\u00e4ter Eugen D\u00fchring schrieben S\u00e4tze, deren antij\u00fcdisches Ressentiment und Hass mit noch so vielen Interpretationsk\u00fcnsten und Kontextuierungen nicht ausgel\u00f6scht werden kann. Dass der sp\u00e4te Karl Marx, der Verfasser des &#8222;Kapitals&#8220; sp\u00e4ter die Kritik der &#8222;j\u00fcdischen&#8220; Geldwirtschaft durch eine Kritik des abstrakten Kapitalverh\u00e4ltnisses ersetzte und einer der Begr\u00fcnder der deutschen Sozialdemokratie, August Bebel, sinnvoll, aber nicht unbedingt richtig, den Antisemitismus als den &#8222;Sozialismus des dummen Kerls&#8220; bezeichnete, beweist nur, dass die real existierende Linke nicht in jedem Fall die H\u00f6he ihres m\u00f6glichen Gedankens erreicht hat. Was f\u00fcr die Geschichte der Linken im Allgemeinen gilt, gilt umso st\u00e4rker f\u00fcr die westdeutsche Nachkriegslinke.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"23-antisemitismus-in-der-westdeutschen-linken\">2.3. Antise&shy;mi&shy;tismus in der westdeut&shy;schen Linken <\/span><\/h2>\n<p>Nicht erst seit Wolfgang Kraushaars Rekonstruktion des von dem Kommunarden Dieter Kunzelmann geplanten und angeregten sowie von dem Politdesperado Albert Fichter, der noch ein Jahr zuvor in einem israelischen Kibbuz arbeitete, geplanten Bombenanschlags auf ein j\u00fcdisches Gemeindezentrum 1969 in Berlin, sondern schon seit Martin Klokes profunder Arbeit \u00fcber &#8222;Israel und die deutsche Linke&#8220; aus dem Jahr 1990 ist der Befund klar: der vermeintlich politisch korrekte Antizionismus und Antiisraelismus, der keineswegs nur von radikalen Splittern der Linken vertreten wurde, war in den meisten F\u00e4llen ein Fall von Judenhass, wenngleich das Feindbild der j\u00fcdischen Wucherer nun gegen den kollektiven Juden, den so genannten &#8222;Vorposten des US Imperialismus&#8220; ausgetauscht wurde. Dieter Kunzelmann fand in seinen (angeblichen) Briefen aus Amman nach dem missgl\u00fcckten Anschlag die passenden S\u00e4tze: &#8222;Pal\u00e4stina ist f\u00fcr die BRD und Europa das, was f\u00fcr die Amis Vietnam ist. Die Linken haben das&#8220;, so Kunzelmann im November 1969 in der Szene Postille, &#8222;noch nicht begriffen. Warum? Der Judenknax&#8230;.Dass die Politmasken vom Pal\u00e4stinakomitee die Bombenchance nicht genutzt haben, um eine Kampagne zu starten, zeigt nur ihr rein theoretisches Verh\u00e4ltnis zu politischer Arbeit und die Vorherrschaft des Judenkomplexes bei allen Fragestellungen.&#8220;<\/p>\n<p>\u00dcberwunden hatte diesen &#8222;Judenknax&#8220; der wie Kunzelmann aus dem fr\u00e4nkischen Bamberg stammende Wilfried B\u00f6se, der im Sommer 1976 bei einer Flugzeugentf\u00fchrung j\u00fcdische und nichtj\u00fcdische Passagiere selektierte. Und Ulrike Meinhof, die zun\u00e4chst fl\u00fcchtige, dann eingekerkerte Ikone eines linksradikalen Terrorismus hatte noch aus der Haft, 1972, gemeinsam mit Horst Mahler den m\u00f6rderischen Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft als &#8222;mutiges Kommando gegen zionistische Soldaten, die in M\u00fcnchen als Sportler auftraten&#8220;, gefeiert. An anderer Stelle meinte Ulrike Meinhof gar, dass der Antisemitismus in Wirklichkeit nichts anderes als Antikapitalismus sei, Ausdruck der unbewussten Sehnsucht der Menschen nach dem Kommunismus. &#8222;Auschwitz&#8220;, das hie\u00df in Meinhofs Augen, dass &#8222;sechs Millionen Juden ermordet und auf die M\u00fcllkippen Europas gekarrt wurden als das, als was man sie ausgab &#8211; als Geldjuden.&#8220; Eine verdrehte Reprise von August Bebels Einsicht oder die Apologie eines industriellen Massenmordes?<\/p>\n<p>Diese Fakten sind nicht zu bezweifeln, streitig k\u00f6nnen alleine die Verbreitung derartiger Einstellungen sowie ihre systematische Deutung sein. Repr\u00e4sentieren Kraushaars Funde lediglich die bizarre Geschichte einiger randst\u00e4ndiger Desperados, die mit ihrem Irrsinn der ganzen Linken nachhaltig schadeten? Oder hat eine Variante der Totalitarismustheorie Recht, die allen revolution\u00e4ren Welterl\u00f6sungsideologien ein letztlich hasserf\u00fclltes, immer wieder in Mord ausbrechendes Ressentiment unterstellt?<\/p>\n<p>Man kann Kraushaars Recherche entsprechend klinisch lesen: als Anfangssequenz eines Textes, als Vorspiel zu einem Drama gleichsam, in dem s\u00e4mtliche sp\u00e4teren Motive &#8211; wenn auch unbewusst und noch verh\u00fcllt &#8211; schon vorliegen, als Grundierung, die die Strahlkraft des Bildes noch lange bestimmen sollte: Vom Termin der geplanten Bombenexplosion, dem 9. November, die ja nur wiederholt h\u00e4tte, was einunddrei\u00dfig Jahre zuvor massenhaft geschehen ist, \u00fcber die offene Verbindung von Gewaltphantasie, geplantem bewaffneten Kampf und Judenhass zur Wahnidee, das eigene Bewusstsein sei von Juden besetzt (&#8222;Judenknax&#8220;); von der Herkunft einiger T\u00e4ter aus dem notorisch antisemitischen Franken bis zu Vorstufen der Planung des Anschlags auf die israelischen Olympioniken; vom Zusammenspiel des westdeutschen Verfassungsschutzes mit einer terroristischen Linken, die wiederum von der DDR unterst\u00fctzt wurde. Von einem Plan des Verfassungsschutzes also, der noch 1969 den Tod von Juden in Kauf zu nehmen bereit war.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"3-aus-der-distanz-von-vierzig-jahren\">3. Aus der Distanz von vierzig Jahren <\/span><\/h2>\n<p>Aus der Entfernung von mehr als vierzig Jahren zeichnet sich so ein den einzelnen Akteuren vermutlich unbewusster Gesamtzusammenhang ab, der das linksradikale Aufbegehren gegen die Generation nationalsozialistischer Eltern als widerspr\u00fcchlichen Identifikationsprozess mit ihnen und ihrem Judenhass offenbart. Zumal G\u00f6tz Aly hat diesem Umstand, sieht man einmal von der streckenweise geifernd \u00fcberzogenen Polemik seines Textes ab, Rechnung getragen: am Ende seines Pamphlets entfaltet er einen komplexen, sozialpsychologischen Zusammenhang, gem\u00e4\u00df dessen die Eltern der &#8222;68er&#8220;, Aly bezeichnet sie als die &#8222;33er&#8220; ihrerseits in einer Situation der K\u00e4lte und &#8222;Vaterlosigkeit&#8220; aufgewachsen seien, die es ihnen nach der Begeisterung f\u00fcr den Nationalsozialismus, nach der Verst\u00f6rung einer vom Krieg gepr\u00e4gten Adoleszenz sowie einer durch die deutsche Niederlage bewirkten Zerst\u00f6rung aller Orientierungen unm\u00f6glich gemacht habe, den eigenen Kindern Vertrauen und Orientierung zu vermitteln. Somit wurden deren Kinder &#8211; die k\u00fcnftigen &#8222;68er&#8220;, so Aly &#8211; zu einer &#8222;emotional frierenden Generation.&#8220;, die ihr Heil &#8222;in der Simplizit\u00e4t&#8220; suchte: &#8222;im Ausstieg, im gewaltsamen Absprung, in der widerspruchsarmen ideologischen oder prinzipiell &#8222;alternativen&#8220; Selbstausrichtung&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Das, was damals und in den Jahren danach als &#8222;Antisemitismus&#8220; bezeichnet wurde, wies demnach zwei Komponenten auf: eine au\u00dferordentlich schlichte Theorie des Imperialismus sowie eine vor dem Hintergrund der eigenen Geschichte nur als projektiv zu bezeichnende Wahrnehmung der in vielen F\u00e4llen tats\u00e4chlich diskriminierenden israelischen Politik gegen\u00fcber den Pal\u00e4stinensern sowie &#8211; auch dieser Nachweis gelingt Aly &#8211; ein in der Tat erstaunliches Desinteresse an der seit Beginn der 1960er Jahre mindestens juristisch h\u00f6chst intensiv gef\u00fchrten Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Wenn \u00fcberhaupt, so lie\u00dfe sich sagen, wurde dieser Teil der Geschichte vor allem dazu verwendet, einen bitter ausgetragenen Generationenkonflikt gegen Eltern, die meist T\u00e4ter oder Mitl\u00e4ufer waren, auszufechten. Deren Opfer interessierten dabei kaum.<\/p>\n<p>Indes: ist das ein wirklich erstaunliches Ergebnis? Was anders w\u00e4re realistischerweise zu erwarten gewesen? H\u00e4tte eine Generation, die ja wie jede andere von ihren Eltern gepr\u00e4gt wurde, \u00fcberhaupt die Chance gehabt, anders zu agieren? Die Revolte war, l\u00e4sst man sich auf eine psychoanalytische Betrachtung ein, von einer tiefen Ambivalenz getragen. Der \u00f6dipale Aufstand gegen den Vater (und in diesem Fall auch gegen die M\u00fctter) erfolgte mit deren eigenen Mitteln: mit einem zwar oberfl\u00e4chlich linken, aber dennoch in vielen F\u00e4llen unerbittlichen, dichotomen Weltbild, begleitet von einem hasserf\u00fcllten Ressentiment gegen &#8222;die USA&#8220; und &#8222;den Zionismus&#8220; sowie einer vielfach unbedachten Identifikation mit jenen politischen Kr\u00e4ften, die entweder von den USA oder dem Staat Israel bek\u00e4mpft und unterdr\u00fcckt wurden oder gar als Hoffnungstr\u00e4ger f\u00fcr eine befreite Gesellschaft galten. Sp\u00e4testens bei der identifikatorischen Stellungnahme mit solchen Staaten und Bewegungen gingen denn auch Ressentiment und erfahrungsresistente Ideologie ein unaufl\u00f6sliches Amalgam ein. Das war jedoch in den Zeiten des Kalten Krieges keineswegs nur eine Angelegenheit der `68er.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"4-und-der-kalte-krieg\">4. &hellip; und der Kalte Krieg <\/span><\/h2>\n<p>In den ersten Junitagen des Jahres 1967 kam es zu einem Zerw\u00fcrfnis zwischen damals etwa 60 Jahre alten sozialistischen Intellektuellen \u00fcber die Haltung zu Israel und dem Nahen Osten. Im Juni 1967 wechselten der j\u00fcdische Linkssozialist und Professor f\u00fcr P\u00e4dagogik in Frankfurt\/Main, Berthold Simonsohn und der Marburger Politologe Wolfgang Abendroth Briefe, in denen Simonsohn Wolfgang Abendroth um eine Solidarit\u00e4tsbekundung zu Gunsten des Staates Israel bat. Abendroth lehnte dies in einem Brief, der in einer neuen, aus der Feder von Wilma Grossmann stammenden Biographie von Simonsohn enthalten ist, mit folgenden Worten ab:<\/p>\n<p>&#8222;Auch bei dem gegenw\u00e4rtigen Pr\u00e4ventivkrieg muss daher Israel keineswegs nur den Feudalherren der monarchischen arabischen Staaten, sondern vor allem der Bev\u00f6lkerung der im Wesentlichen progressiven republikanischen Milit\u00e4rdiktaturen als Vortrupp amerikanischer imperialistischer Interessen erscheinen. Deshalb ist eine Identifikation des sozialistischen Internationalismus in den kapitalistischen Staaten Europas mit der gegenw\u00e4rtigen Politik Israels bei aller Sympathie f\u00fcr die israelische Bev\u00f6lkerung v\u00f6llig unm\u00f6glich.&#8220;<\/p>\n<p>Simonsohn antwortete entt\u00e4uscht: &#8222;Niemand verlangt eine einseitige Identifikation des Internationalen Sozialismus mit der israelischen Politik, aber ich dachte, dass eine eindeutige Stellungnahme gegen Chauvinismus und Kriegshetzerei der Araber, gegen deren bedingungslose Aufr\u00fcstung durch die Sowjetunion und f\u00fcr ein Programm der Verst\u00e4ndigung mit dessen Grunds\u00e4tzen durchaus vereinbar sei. Ich bin der Meinung, dass es f\u00fcr Sozialisten auch in der Politik einen Grundtatbestand an moralischen Prinzipien gibt, die man nicht ungestraft verletzen darf.&#8220;<\/p>\n<p>Dieser Briefwechsel zeigt, dass es bei dem, was man als (in vielen, nicht allen F\u00e4llen judenfeindlichen) &#8222;Antizionismus&#8220; bezeichnen kann, nicht nur um ein Generationenph\u00e4nomen, sondern um eine weltanschauliche Differenz ging. Eine Differenz, die von einer unterschiedlichen Betrachtung der deutschen Geschichte getragen war, einer Geschichte, in der damals der Holocaust noch nicht jene Bedeutung hatte, die ihm heute auf Grund intensiver Lern- und Diskussionsprozesse zu Recht zukommt.<\/p>\n<p>Viele Angeh\u00f6rige der Protestbewegung, es stimmt ja, haben anders, nicht so &#8222;antizionistisch&#8220; gehandelt oder lebten doch wenigstens in Umst\u00e4nden, die ihnen das Ausleben destruktiver Energien und die \u00dcbernahme elterlicher Delegation unm\u00f6glich machte. Darauf stolz zu sein, w\u00e4re ebenso t\u00f6richt, wie sich im R\u00fcckblick von \u00fcber vierzig Jahren als in jeder Hinsicht politisch zurechnungsf\u00e4hige Individuen zu betrachten. Ebenso t\u00f6richt w\u00e4re es freilich, die genannten judenfeindlichen Haltungen mit leichter Hand als vernachl\u00e4ssigbare Jugends\u00fcnde abzutun. Weise w\u00e4re es stattdessen, die eigene Bedingtheit anzuerkennen und zu realisieren, dass die unmittelbare, noch von den nationalsozialistischen Eltern gepr\u00e4gten Jahre ebenso vergangen sind wie die Zeiten des Kalten Krieges, der dieser Form der Judenfeindschaft erst politischen und moralischen Sukkurs verliehen hat.<\/p>\n<p>Nicht vergangen, Gegenwart ist hingegen, dass derzeit mehr als 50 Prozent aller Deutschen glauben, dass Israel mit den Pal\u00e4stinensern im Prinzip dasselbe tut wie Nationalsozialisten mit den Juden.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1937],"publikationen":[2818],"class_list":["post-11054","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-micha-brumlik","publikationen-181-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Wie antisemitisch waren die 68er? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/181-vorgaenge\/publikation\/wie-antisemitisch-waren-die-68er\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Wie antisemitisch waren die 68er? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Aus: vorg\u00e4nge Nr.181, Heft 1\/2008, S.30-36 1. 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