{"id":11056,"date":"2008-03-01T20:30:00","date_gmt":"2008-03-01T19:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-antiautoritaere-erziehung\/"},"modified":"2021-08-24T21:51:18","modified_gmt":"2021-08-24T19:51:18","slug":"die-antiautoritaere-erziehung","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/181-vorgaenge\/publikation\/die-antiautoritaere-erziehung\/","title":{"rendered":"Die antiautorit\u00e4re Erziehung"},"content":{"rendered":"<p>Eine Bilanz nach vierzig Jahren von einem Mitbegr\u00fcnder der Berliner Kinderl\u00e4den,<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr.181, Heft 1\/2008, S. 47-53<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"1-die-verbreiteten-bilanzen-der-antiautoritaeren-erziehung\">1. Die verbrei&shy;teten Bilanzen der antiau&shy;to&shy;ri&shy;t&auml;ren Erziehung <\/span><\/h2>\n<p>Die Bilanzen der antiautorit\u00e4ren Erziehung sind un\u00fcbersehbar. Sie sind aber immer noch aufregend. Sie reichen vom Erziehungswissenschaftler Wolfgang Brezinka (1973) \u00fcber den Berliner Schulrat Herbert Bath (1974) bis zum pensionierten Direktor des Edelinternats Salem am Bodensee Martin Bueb (2007). Die vielen Bilanzen k\u00f6nnen hier nicht bilanziert werden. Nur die wichtigsten Bilanzen, die zeigen, wer die Macht im Ausbildungssektor in Deutschland hatte und hat, sollen vorgestellt werden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"11-die-paedagogik-der-neuen-linken\">1.1 Die P&auml;dagogik der neuen Linken <\/span><\/h2>\n<p>Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Brezinka ordnet die antiautorit\u00e4re Erziehung in die &#8222;P\u00e4dagogik der neuen Linken&#8220; ein:<\/p>\n<p>Sie hat den Charakter, die Gesellschaftsordnung der BRD zu gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>Die antiautorit\u00e4re Erziehung umfasst drei Themenkreise:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">1. Die Kritik der kapitalistischen Autorit\u00e4t <br \/>2. Die Utopie einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft <br \/>3. Die Erziehung als Mittel, diese Utopie zu verwirklichen. <\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die antiautorit\u00e4re Erziehung interpretiert die &#8222;kapitalistische Autorit\u00e4t&#8220; als ein f\u00fcr die Erziehung freier Menschen &#8222;ung\u00fcnstiges Milieu&#8220;. (W. Brezinka: Die P\u00e4dagogik der neuen Linken. Stuttgart 1973, S. 29) Dieses Milieu l\u00e4sst den Einzelnen seine Potentiale nicht voll entfalten. Der neue Mensch kann im Kapitalismus nicht entstehen.<\/p>\n<p>Die Utopie einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft denkt an den allseitigen Menschen. Dieser allseitige Mensch ist Ziel der antiautorit\u00e4ren Erziehung. Dieser Mensch soll sich aus den Abh\u00e4ngigkeiten der kapitalistischen Gesellschaft l\u00f6sen. Er soll die bestehende Gesellschaft total negieren lernen. Er soll sich &#8222;vor dem Kapitalismus ekeln&#8220;. (S. 41) Die antiautorit\u00e4re Erziehung pflegt deshalb einen Erziehungsstil, der durch &#8222;Verzicht auf F\u00fchrung, auf Strenge, auf Strafen besteht und extreme Toleranz gegen\u00fcber dem kindlichen Fehlverhalten beinhaltet.&#8220; (S. 46) Das freie Ausleben von Sexualit\u00e4t und Aggression im Kindesalter wird Mittel der antiautorit\u00e4ren Erziehung (S. 47).<\/p>\n<p>Die Bilanz von Wolfgang Brezinka lautet: &#8222;Die antiautorit\u00e4re Erziehung lehnt die BRD ab und will zum Widerstand gegen die Demokratie erziehen. Sie bek\u00e4mpft das Nationalgef\u00fchl und unterminiert die Zugeh\u00f6rigkeit des Einzelnen zum deutschen Volk.&#8220; (S. 59) Die antiautorit\u00e4re Erziehung muss deshalb mit allen Mitteln bek\u00e4mpft werden. Denn: &#8222;Sie will den freiheitlich demokratischen Rechtsstaat durch einen sozialistischen Gesinnungsstaat ersetzen.&#8220; (W. Brezinka: Erziehung und Kulturrevolution. M\u00fcnchen 1974, S. 220)<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"12-die-paedagogik-der-sexuellen-revolution\">1.2 Die P&auml;dagogik der sexuellen Revolution <\/span><\/h2>\n<p>Der Berliner Schulrat Herbert Bath ordnet die antiautorit\u00e4re Erziehung in die Modestr\u00f6mung &#8222;Emanzipatorische Erziehung&#8220; der 60er Jahre ein:<\/p>\n<p>Das Wesen der antiautorit\u00e4ren Erziehung ist das Erm\u00f6glichen des &#8222;sofortigen sexuellen Paradieses&#8220;. (H. Bath: Emanzipation als Erziehungsziel. Regensburg 1974, S. 111) Da die b\u00fcrgerliche Familie die Sexualit\u00e4t unterdr\u00fcckt, will die antiautorit\u00e4re Erziehung sie durch freie Sexualit\u00e4t ersetzen. Sexuelle Freiheit besteht in der Befreiung von Herrschaft vom Erzieher. Nachdem diese Illusion gescheitert war, erkl\u00e4rt Bath, wandten sich die antiautorit\u00e4ren Erzieher dem Neo-Stalinismus zu.<\/p>\n<p>Baths Bilanz: Antiautorit\u00e4re Erziehung ist f\u00fcr Bath seit 1969 ein klarer &#8222;Angriff auf die Legitimit\u00e4t unserer Lebensordnung.&#8220; (S. 147)<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"13-die-paedagogik-des-hasses\">1.3 Die P&auml;dagogik des Hasses <\/span><\/h2>\n<p>Der P\u00e4dagoge Karl Erlinghagen meint, die Forderung nach Abbau von Autorit\u00e4t sei das Wesen der Kinderl\u00e4den:<\/p>\n<p>Autorit\u00e4t wurde von den Kinderl\u00e4den mit &#8222;einer ans Psychopathische grenzenden Aggression in Frage gestellt.&#8220; (K. Erlinghagen: Autorit\u00e4t und Antiautorit\u00e4t. Heidelberg 1973, S. 43) Die Kinderl\u00e4den entstanden aus dem Wunsch studentischer M\u00fctter, die &#8222;mit den Kinderl\u00e4den von ihren Kindern frei sein wollten, um ihre radikalen \u00dcberzeugungen in politischen Protestaktionen \u00e4u\u00dfern zu k\u00f6nnen.&#8220; (S. 47) Das Mittel der antiautorit\u00e4ren Erziehung war das &#8222;Kollektivleben&#8220; (S. 48). Hier wurden die Kinder &#8222;zu Protest und Kritik gegen\u00fcber der Erwachsenenwelt erzogen und gegen jeglichen Ordnungszwang immun gemacht.&#8220; (S. 48)<\/p>\n<p>Erlinghagens Bilanz: Die antiautorit\u00e4re Erziehung ist eine &#8222;Erziehung zu Protest, Auflehnung, Hass, Konflikt und Kampf.&#8220; (S. 52)<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"14-die-paedagogik-des-wahnsinns\">1.4 Die P&auml;dagogik des Wahnsinns <\/span><\/h2>\n<p>Der Salemer Internatsdirektor Martin Bueb fasst 2006 in seinem p\u00e4dagogischen Bestseller &#8222;Lob der Disziplin&#8220;, der Ausdruck neuer R\u00fcckschritte in der Erziehungswissenschaft ist, seine Bilanz der antiautorit\u00e4ren Erziehung folgenderma\u00dfen zusammen:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">1. &#8222;Der Begriff der antiautorit\u00e4ren Erziehung war schon deswegen absurd, weil Erziehung ohne Autorit\u00e4t keine Erziehung ist.&#8220; (S. 58f.)\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">2. &#8222;Erziehung ohne Autorit\u00e4t war eine p\u00e4dagogische Heilslehre.&#8220; (S. 67) Alle antiautorit\u00e4ren Erziehungsmodelle &#8222;verhedderten sich im Geflecht ihrer romantischen Pr\u00e4missen und gingen ein.&#8220; (S. 68)\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">3. Die antiautorit\u00e4re Erziehung &#8222;f\u00fchrte zu neuen psychischen Verwirrungen, die junge Menschen auf neue Art liebes- und arbeitsunf\u00e4hig machten&#8230; Viele Neurosen in der damaligen Zeit entpuppten sich als Folge mangelnder klarer F\u00fchrung und Disziplin.&#8220; (S. 69)\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">4. Die einzige Heilung f\u00fcr die neurotische Jugend besteht in autorit\u00e4rer Erziehung, &#8222;der Heilung durch Disziplin.&#8220; (S. 69)\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">5. &#8222;Wir m\u00fcssen uns dazu durchringen, legitime Macht als Autorit\u00e4t anzuerkennen, die Macht Gottes, die Macht des Staates und die Macht der Erziehungsberechtigten.&#8220; (S. 60)\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u00a0<\/p>\n<\/blockquote>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"2-wissenschaftliche-forschungen-zur-antiautoritaeren-erziehung\">2. Wissen&shy;schaft&shy;liche Forschungen zur antiau&shy;to&shy;ri&shy;t&auml;ren Erziehung <\/span><\/h2>\n<p>Nach diesen ideologischen Bilanzen wird es jetzt Zeit, auf die wissenschaftliche Erforschung der antiautorit\u00e4ren Erziehung einzugehen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"21-das-konzept-der-antiautoritaeren-erziehung-nach-wera-schmidt-im-kinderlaboratorium-moskau-und-die-proletarisch-revolutionaere-wende\">2.1 Das Konzept der antiau&shy;to&shy;ri&shy;t&auml;ren Erziehung nach Wera Schmidt im Kinder&shy;la&shy;bo&shy;ra&shy;to&shy;rium Moskau und die prole&shy;ta&shy;risch-re&shy;vo&shy;lu&shy;ti&shy;o&shy;n&auml;re Wende <\/span><\/h2>\n<p>Die ersten Kinderl\u00e4den bezogen sich auf das Konzept antiautorit\u00e4rer Erziehung von Wera Schmidt aus dem Kinderlaboratorium Moskau, das von 1921 bis 1925 arbeiten konnte.<\/p>\n<p>Wera Schmidt ging bei der Kleinkinderziehung vom 3. bis 5. Lebensjahr von folgenden Grunds\u00e4tzen aus, die aus der Psychoanalyse Sigmund Freuds gewonnen worden waren:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">1. Das Kleinkind steht st\u00e4rker als der Erwachsene unter dem Einfluss des Unbewussten.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">2. Das Kleinkind steht unter der Herrschaft des Lustprinzips.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">3. Das Kind \u00e4u\u00dfert das Lustprinzip in einem reichhaltigen Sexualleben, das polymorph-<br \/>pervers genannt werden kann.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">4. Die Sexualentwicklung des Kleinkindes durchl\u00e4uft im Alter von 3-5 Jahren die Stufen des Autoerotismus bis zur Objektwahl.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">5. Im Streit zwischen Sublimierung und Verdr\u00e4ngung setzt die antiautorit\u00e4re Erziehung auf Sublimierung.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">6. Die sich entwickelnde Objektwahl erm\u00f6glicht es, dass das Kind das Lustprinzip aufgibt und sich dem Realit\u00e4tsprinzip ann\u00e4hert. Dabei spielt die Bindung an die Erziehungsperson eine entscheidende Rolle.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">7. Der Erfolg der antiautorit\u00e4ren Erziehung h\u00e4ngt von folgenden Faktoren ab: <\/p>\n<ul>\n<li>Herstellung einer engen Beziehung zwischen Kind und Bezugsperson. <\/li>\n<li>Integration des Kindes in eine altershomogene Gruppe.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/li>\n<li>Herstellung g\u00fcnstiger \u00e4u\u00dferer Verh\u00e4ltnisse. <\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"bodytext\">8. Die antiautorit\u00e4re Erziehung zielt auf folgende Entwicklungsziele: <\/p>\n<ul>\n<li>Anpassung an Realit\u00e4t.<\/li>\n<li>Beherrschung der Reinlichkeit.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/li>\n<li>Anbahnung der Sublimation infantiler Sexualtriebe. <\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"bodytext\">9. Die Erziehungsmittel der antiautorit\u00e4ren Erziehung hei\u00dfen:<\/p>\n<ul>\n<li>\u00a0Es gibt keine Strafen.<\/li>\n<li>Triebbeschr\u00e4nkungen m\u00fcssen kindgem\u00e4\u00df entwickelt werden.<\/li>\n<li>\u00a0Das Kind soll aus Liebe zu den Bezugspersonen auf gewisse Triebbefriedigungen verzichten. <\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"bodytext\">10. Die Erzieher m\u00fcssen im Umgang mit den Kindern ihre sexuelle Frustration \u00fcberwinden. <\/p>\n<\/blockquote>\n<p>(Wera Schmidt: Psychoanalytische Erziehung in Sowjetrussland. Leipzig 1924)<\/p>\n<p>Dieses Konzept von Wera Schmidt wurde in den ersten Kinderl\u00e4den durch gruppenanalytische Elternarbeit gest\u00fctzt. Von politischer Indoktrination, sexueller Revolution, Erziehung zum Hass und zum Wahnsinn kann bei der antiautorit\u00e4ren Erziehung der Jahre 1968-1970 gar keine Rede sein. Es wurde Sigmund Freud ebenso gelesen wie Nelly Wolfheim: &#8222;Psychoanalyse und Kindergarten&#8220; oder Siegfried Bernfeld: &#8222;Antiautorit\u00e4re Erziehung und Psychoanalyse&#8220; oder A.S. Neill: &#8222;Theorie und Praxis der antiautorit\u00e4ren Erziehung. Das Beispiel Summerhill.&#8220; Ab 1970 gab es den \u00dcbergang von der antiautorit\u00e4ren zur proletarisch-revolution\u00e4ren Erziehung, die allerdings f\u00fcr die Kinderladenpraxis keine Bedeutung gewann. Einige Kinderl\u00e4den lasen aber die einschl\u00e4gigen Schriften der Revolutionsp\u00e4dagogen der 20er Jahre: Edwin Hoernle, O.F. Kanitz, Otto R\u00fchle (L. v. Werder 1972, 1974, 2007). Eine Umsetzung dieser revolution\u00e4ren Theorie in die Kinderladenpraxis blieb aus.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"22-autoritaet-im-vorschulalter-in-der-bundesrepublik-um-1970\">2.2 Autorit&auml;t im Vorschul&shy;alter in der Bundes&shy;re&shy;pu&shy;blik um 1970 <\/span><\/h2>\n<p>Die empirische Studie von Gertrud Beck &#8222;Autorit\u00e4t im Vorschulalter&#8220; von 1973 zeigt: Vorschulkinder in der BRD &#8222;erfahren die Realit\u00e4t von Familie und Umwelt nur durch Autorit\u00e4t vermittelt.&#8220; (S. 117) Sie k\u00f6nnen Autorit\u00e4ten nicht hinterfragen. (S. 118)<\/p>\n<p>Becks Bilanz ist: Kleinkinder agieren im Vorschulalter in den staatlichen Kinderg\u00e4rten ihre Aggression ziellos aus und entwickeln damit die Basis f\u00fcr typische S\u00fcndenbock-Projektion oder f\u00fcr Apathie. Von der Gesellschaft wissen sie nichts. (S. 120)<\/p>\n<p>Zwei Studien befassen sich speziell mit der Realit\u00e4t der antiautorit\u00e4ren Erziehung in Kinderl\u00e4den in den Jahren 1973 und 75. Die Erziehungswissenschaftlerin Franziska Henningsen hat 1973 antiautorit\u00e4r und konventionell erzogene Kinder im Vergleich untersucht. Ihre Ergebnisse lauteten:<\/p>\n<p>1. Die antiautorit\u00e4r erzogenen Kinder waren origineller. Ihre triebhaften Impulse waren weniger zensiert. Sie hatten eine gute Disposition zur Ich-Entwicklung und verf\u00fcgten \u00fcber einen erh\u00f6hten Ideenreichtum.<\/p>\n<p>2. Die konventionell erzogenen Kinder hatten ein schwaches Ich, einen geringen Grad an Gedankenoriginalit\u00e4t. Das st\u00e4rkere \u00dcber-Ich f\u00fchrte bei ihnen zur Beschr\u00e4nkung von Neugier und Wissensaneignung.<\/p>\n<p>Henningsens Bilanz lautete: &#8222;Von Perversit\u00e4t, entmenschter Apo-Pest und Sittenverfall konnte bei antiautorit\u00e4r erzogenen Kindern keine Rede sein.&#8220; (F. Henningsen: Kooperation und Wettbewerb. Antiautorit\u00e4r und konventionell erzogene Kinder im Vergleich. M\u00fcnchen 1973, S. 158f.)<\/p>\n<p>Eine Untersuchung des Erzieherverhaltens in Kinderl\u00e4den von der P\u00e4dagogin Ulrike Dolezal von 1975 unter dem Titel &#8222;Erzieherverhalten in Kinderl\u00e4den&#8220; (Wiesbaden 1975) kommt zu folgendem Ergebnis:<\/p>\n<p>Die Erzieher in Kinderl\u00e4den sind weniger lenkend. Positiv f\u00e4llt bei ihnen auf: &#8222;Das partnerschaftliche Verh\u00e4ltnis zwischen Erziehern und Kindern, das Ernstnehmen der kindlichen Probleme, das Mehr an Zuwendung und der vermehrte k\u00f6rperliche Kontakt sind signifikant.&#8220; (S. 194f.) Allerdings &#8222;klaffen zwischen den erzieherischen Soll-Vorstellungen und dem tats\u00e4chlichen Handeln der Erzieher noch L\u00fccken.&#8220; (S. 195)<\/p>\n<p>Diese positiven Resultate der Kinderl\u00e4den im \u00dcbergang der Kinder in die Schule lassen sich erg\u00e4nzen. Noch 1975 stellte Ilse Reichel, Senatorin f\u00fcr Familie, Jugend und Sport in Berlin fest: &#8222;Vor allem aufgeschlossene Lehrer berichten von positiven Erfahrungen mit Kindern und Eltern aus Kinderl\u00e4den.&#8220; (J. Roth: Eltern erziehen Kinder, Kinder erziehen Eltern. Frankfurt 1976, S. 145) J\u00fcrgen Roth stellt 1976 fest: &#8222;Sch\u00fcler aus den Kinderl\u00e4den der Anfangszeit z\u00e4hlen heute zu den in den Schulen stabilen Sch\u00fclern.&#8220; (J. Roth, a.a.O.)<\/p>\n<p>Antiautorit\u00e4r erzogene Kinder waren auch deshalb die besseren Sch\u00fcler, weil ihr Interesse intensiver und ihre sozialen Kontakte freier waren. Diese Resultate scheinen den autorit\u00e4ren Bilanzierern der antiautorit\u00e4ren Kinderl\u00e4den von Brezinka bis Bueb bis heute v\u00f6llig unbekannt geblieben zu sein.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"3-meine-bilanz-der-antiautoritaeren-erziehung\">3. Meine Bilanz der antiau&shy;to&shy;ri&shy;t&auml;ren Erziehung <\/span><\/h2>\n<p><b>3.1. Aspekte der Kritik <\/b><\/p>\n<p>1. Die antiautorit\u00e4re und proletarisch-revolution\u00e4re Erziehung war sp\u00e4testens seit 1973, zusammen mit der antiautorit\u00e4ren Studentenbewegung, tot. Sie wurde in etwa 100 Kinderl\u00e4den praktiziert und erreichte damit 1200 Kleinkinder, etwa 2400 Eltern und etwa 200 Erzieher. Das Experiment antiautorit\u00e4rer Erziehung blieb angesichts der konservativen Kr\u00e4fte absolut marginal. Es blieb Inselp\u00e4dagogik wie A. S. Neills Summerhill.<\/p>\n<p>2. Die antiautorit\u00e4re Erziehung entstand erst in der Phase politischer Resignation der Studentenbewegung von 1968. Die Organisation von selbstbestimmten Kinderkollektiven war somit eine Illusion.<\/p>\n<p>3. Die subjektive Kreativit\u00e4t und der flexible Sozialcharakter, auf den die antiautorit\u00e4re Erziehung zielte, hatte gegen den Missbrauch der Autorit\u00e4t in Deutschland vor 40 Jahren \u00fcberhaupt keine Chance.<\/p>\n<p>4. Die Kinder in den Kinderl\u00e4den sollten Verhaltensweisen der Emanzipation entwickeln, die die Eltern dieser Kinder selber noch nicht entwickeln konnten.<\/p>\n<p>5. Das Kinderkollektiv als Gegenmilieu war kaum in der Lage, zugleich Anpassung an die bestehende Gesellschaft und Widerstand gegen dieselbe zu vermitteln.<\/p>\n<p>6. Das Problem notwendiger Grenzen, Versagungen und Frustration in der Erziehung wurden in der antiautorit\u00e4ren Erziehung durchaus diskutiert, aber nicht konsequent praktiziert. (R. Dermitzel: Thesen zur antiautorit\u00e4ren Erziehung. Kursbuch 17, 1969, S. 179ff.)<\/p>\n<p>7. Die Illusion einer \u00dcber-Ich-Bildung ohne konstante Bezugspersonen wurde zu lax behandelt. Die Notwendigkeit von Anpassung an Konventionen wurde \u00f6fters \u00fcberspielt.<\/p>\n<p>8. Ein antiautorit\u00e4r erzogenes Kind wurde kreativ und sozial, aber niemals politisch. (Vgl. D. Dehm: Schulreport. Frankfurt 1970, S. 217-257)<\/p>\n<p>9. Die gro\u00dfen Ziele der proletarisch-revolution\u00e4ren Phase einiger Kinderl\u00e4den &#8222;Widerstand und revolution\u00e4res Verhalten&#8220; wurden kaum p\u00e4dagogisch in allt\u00e4gliche Spiel- und Lernszenarien der Kleinkinder transformiert.<\/p>\n<p>10. Das Konzept der antiautorit\u00e4ren Erziehung war richtig. Es scheiterte aber an den konservativen politischen und p\u00e4dagogischen Kr\u00e4ften in Deutschland.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"32-lob-der-antiautoritaeren-erziehung\">3.2 Lob der antiau&shy;to&shy;ri&shy;t&auml;ren Erziehung <\/span><\/h2>\n<p>11. Die antiautorit\u00e4re Erziehung wurde zum gro\u00dfen S\u00fcndenbock f\u00fcr die in Deutschland fehlende Modernisierung der Vorschul- und Kleinkindererziehung. Die Pisa-Studien stellen der BRD heute, 40 Jahre sp\u00e4ter, das Resultat vor Augen: Der Impuls der antiautorit\u00e4ren Erziehung, kreative Menschen wie in Finnland zu schaffen, wurde vertan.<\/p>\n<p>12. Die heutige verquere Diskussion um die Krippenpl\u00e4tze, das resignative Bild von der romantischen Kleinfamilie der CDU zeigt, die antiautorit\u00e4re Erziehung mit ihren Kinder- und Elternkollektiven war ihrer Zeit weit voraus. Diese antiautorit\u00e4re Erziehung ist in Deutschland nie angekommen. In anderen L\u00e4ndern wie Finnland, Frankreich usw. hatten dagegen die Modernisierungsimpulse der Kleinkinderziehung kompletten Erfolg. Die Schatten des Hitlerismus sind in Deutschland l\u00e4nger als der neue Streit um die 68er vermuten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>13. Die schon 1970 als Konsequenz der Kinderladen-Erfahrung geforderte &#8222;Vergesellschaftung der Vorschulerziehung&#8220; (G. Heinsohn) erscheint noch heute wie eine unerreichbare Utopie. Ihre Durchsetzung in der gro\u00dfen Bildungsreform 1970-74, unter Willi Brandt, h\u00e4tte Deutschland enorme Standortvorteile in der heutigen intellektuellen globalen Konkurrenz vermittelt.<\/p>\n<p>14. Die Verteufelung der antiautorit\u00e4ren Erziehung, ohne Kenntnisse ihrer wissenschaftlichen Evaluation, durch Presse, Wissenschaft, P\u00e4dagogen und Politik, hat Deutschland enorm geschadet und niemanden gen\u00fctzt. Deutschland wurde dadurch noch mehr zur Provinz des R\u00fcckschritts, wie es Deutschland schon seit 1933 unangefochten ist.<\/p>\n<p>15. Da klingt es wirklich wie eine ma\u00dflose \u00dcbertreibung, wenn der Erziehungswissenschaftler Erich Weber 1974 feststellte: &#8222;Die antiautorit\u00e4re Erziehungsbewegung hat ein Umdenken ausgel\u00f6st und Innovationsprozesse in Gang gesetzt, die kaum mehr v\u00f6llig r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen sind.&#8220; (E. Weber: Autorit\u00e4t im Wandel. Donauw\u00f6rth 1974, S. 181)<\/p>\n<p>* Eine umfassende Schilderung der antiautorit\u00e4ren Erziehung finden Sie in dem neuen Roman von Lutz von Werder &#8222;1968. Ein Bildungsroman&#8220;, Schibri-Verlag Berlin 2008.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur <\/span><\/h2>\n<p><i>Bath, Herbert <\/i>(1974): Emanzipation als Erziehungsziel. Regensburg.<\/p>\n<p><i>Beck, Gertrud <\/i>(1973): Autorit\u00e4t im Vorschulalter. M\u00fcnchen.<\/p>\n<p><i>Brezinka, Wolfgang <\/i>(1974): Erziehung und Kulturrevolution. M\u00fcnchen.<\/p>\n<p><i>Brezinka, Wolfgang <\/i>(1973): Die P\u00e4dagogik der neuen Linken. Stuttgart.<\/p>\n<p><i>Bueb, Martin <\/i>(2006): Lob der Disziplin. Frankfurt.<\/p>\n<p><i>Dehm, Dieter <\/i>(1970): Schulreport. Frankfurt.<\/p>\n<p><i>Dermitzel, Regine<\/i> (1969): Thesen zur antiautorit\u00e4ren Erziehung. Kursbuch 17.<\/p>\n<p><i>Dolezal, Ulrike <\/i>(1975): Erzieherverhalten in Kinderl\u00e4den. Wiesbaden.<\/p>\n<p><i>Erlinghagen, Karl <\/i>(1973): Autorit\u00e4t und Antiautorit\u00e4t. Heidelberg.<\/p>\n<p><i>Henningsen, Franziska <\/i>(1973): Kooperation und Wettbewerb. Antiautorit\u00e4r und konventionell erzogene Kinder im Vergleich. M\u00fcnchen.<\/p>\n<p><i>Hoernle, Edwin<\/i>.(1973): Grundfragen proletarischer Erziehung. Frankfurt.<\/p>\n<p><i>Kanitz, Otto Felix<\/i>.(1974): Das proletarische Kind in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft. Frankfurt.<\/p>\n<p><i>Roth, J\u00fcrgen <\/i>(1976): Eltern erziehen Kinder, Kinder erziehen Eltern. Frankfurt.<\/p>\n<p><i>Schmidt, Wera. <\/i>(1924): Psychoanalytische Erziehung in Sowjetrussland. Leipzig.<\/p>\n<p><i>Weber, Erich <\/i>(1974): Autorit\u00e4t im Wandel. Donauw\u00f6rth.<\/p>\n<p><i>Werder, Lutz von <\/i>(1972): Von der antiautorit\u00e4ren zur proletarischen Erziehung. Frankfurt.<\/p>\n<p><i>Werder, Lutz von <\/i>(1974): Sozialistische Erziehung in Deutschland. 1848-1973. Frankfurt.<\/p>\n<p><i>Werder, Lutz von <\/i>(2008): 1968. Ein Bildungsroman. Berlin.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1939],"publikationen":[2818],"class_list":["post-11056","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-lutz-von-werder","publikationen-181-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die antiautorit\u00e4re Erziehung - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/181-vorgaenge\/publikation\/die-antiautoritaere-erziehung\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die antiautorit\u00e4re Erziehung - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Eine Bilanz nach vierzig Jahren von einem Mitbegr\u00fcnder der Berliner Kinderl\u00e4den, aus: vorg\u00e4nge Nr.181, Heft 1\/2008, S. 47-53 1. 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