{"id":11064,"date":"2008-03-01T14:00:00","date_gmt":"2008-03-01T13:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/terroristin-oder-antifaschistische-kaempferin\/"},"modified":"2008-03-01T12:00:00","modified_gmt":"2008-03-01T11:00:00","slug":"terroristin-oder-antifaschistische-kaempferin","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/181-vorgaenge\/publikation\/terroristin-oder-antifaschistische-kaempferin\/","title":{"rendered":"Terroristin oder antifaschistische K\u00e4mpferin?"},"content":{"rendered":"<p>Zwei Biografien \u00fcber Ulrike Meinhof,<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 181, Heft 1\/2008, S.109-111<\/p>\n<p>Viel ist schon \u00fcber Ulrike Meinhof, das bekannteste Gesicht der Roten Armee Fraktion (RAF), gesagt und geschrieben worden. Generationen von Journalisten und Wissenschaftlern haben sich an der Frage abgearbeitet, wie aus einer der Symbolfiguren der Linken und dem Liebling der Hamburger Schickeria eine Terroristin werden konnte, die mit ihrem b\u00fcrgerlichen Leben radikal brach. Im Tenor der Ver\u00f6ffentlichungen war Meinhof oft eine M\u00e4rtyrerin, eine Jeanne d&#146;Arc des Widerstandes, die an den politischen Zust\u00e4nden in der Bundesrepublik verzweifelt und zugrunde gegangen ist.<\/p>\n<p><i>Wesemann, Kristin <\/i>(2007): Ulrike Meinhof. Kommunistin, Journalistin, Terroristin &#150; eine politische Biografie (Extremismus und Demokratie, Bd. 15), Baden-Baden: Nomos-Verlag, 440 Seiten, 46 Euro. <br \/><i>Ditfurth, Jutta <\/i>(2007): Ulrike Meinhof. Die Biografie. Berlin: Ullstein Verlag, 480 Seiten, 22,90 Euro.<\/p>\n<p>Das Bild von Meinhof als Opfer l\u00e4sst Kristin Wesemann in ihrer k\u00fcrzlich erschienenen Biografie \u00fcber die Kommunistin, Journalistin und Terroristin Ulrike Meinhof nicht stehen, sondern r\u00fcttelt daran gewaltig.<\/p>\n<p>Meinhof war kein Opfer des Staates. Opfer waren andere. F\u00fcr die Biografin Wesemann war Meinhof &#132;weder Moralistin noch gefallener Engel, sondern eine Kommunistin, die die westdeutsche Gesellschaft zerst\u00f6ren wollte.&#147;<\/p>\n<p>Wie ein roter Faden zieht sich durch die Arbeit von Wesemann, dass durch den fr\u00fchen Glauben an die kommunistische Ideologie Meinhof jegliches Vertrauen in die Gestaltungsm\u00f6glichkeiten einer Demokratie verloren ging. Sie radikalisierte sich immer st\u00e4rker, obwohl sich wesentliche Forderungen sp\u00e4testens mit der Kanzlerschaft Willy Brandts erf\u00fcllten.<\/p>\n<p>Wesemann widerspricht der Legende, dass Meinhof naiv in die RAF hineingeraten sei. Sie zeichnet von der Kindheit \u00fcber die Studienzeit und die journalistische Arbeit bis hin zu ihren Aktivit\u00e4ten im terroristischen Untergrund und ihrer Gefangenschaft &#150; obwohl diese im Vergleich zu den vorherigen Abschnitten sehr kurz kommen &#150; das Bild einer Frau, die sich schon in jungen Jahren radikalisierte und ihre Worte genauso bewusst gew\u00e4hlt hat wie ihre Waffen.<\/p>\n<p>Antrieb f\u00fcr Meinhof, das zeigt Wesemann f\u00fcr jeden Lebensabschnitt auf, war der Kommunismus nach sowjetischem Vorbild, in dem die Lehren aus der Vergangenheit des Nationalsozialismus gezogen worden seien. Ihre Ziehmutter, Renate Riemeck, hatte sie bereits gelehrt, dass die Bundesrepublik ein revanchistischer Staat sei, dessen Regierung den Nationalsozialismus wiederbeleben wolle, &#132;wenngleich in einem anderen Gewand&#147;. (S. 85) Riemeck, die sp\u00e4ter zu den Galionsfiguren der Deutschen Friedensunion geh\u00f6ren sollte, f\u00fchrte die junge Ulrike Meinhof auch an die Geschichte der 1956 verbotenen KPD heran und machte ihr deutlich, dass die Kommunisten die Einzigen seien, die sich mit ihrem Leben gegen den Nationalsozialismus gestellt h\u00e4tten und wegen ihrer politischen Gesinnung nun erneut verfolgt w\u00fcrden. Der Einfluss von Riemeck, von der sich die Ziehtochter allerdings sp\u00e4ter distanzierte, war nicht unbedeutend f\u00fcr das weitere Leben von Meinhof. Meinhof engagierte sich fr\u00fch in der Antiatombewegung und lie\u00df sich in verdeckte kommunistische Aktivit\u00e4ten einspannen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Meinhof waren die Kommunisten die &#132;einzigen wahren Demokraten, Gutmenschen geradezu, zumal sie das Richtige anstrebten.&#147; (S. 129) Als Kommunistin gab sich Meinhof aber nicht offen zu erkennen, wie Wesemann an den Arbeiten Meinhofs in der von der SED finanzierten linken Zeitschrift &#132;konkret&#147; nachweist. In ihren Kolumnen prangerte Meinhof den Verbleib alter Nazis, die Notstandsgesetze oder die Armut in der Bundesrepublik an und wurde durch die Bandbreite ihrer sozialen und politischen Themen ber\u00fchmt noch bevor sie sich dem bewaffneten Kampf anschloss. Meinhof konfrontierte die Leser aber keineswegs mit jenen L\u00f6sungsvorschl\u00e4gen, die sie mit Funktion\u00e4ren in Ost-Berlin und mit Weggef\u00e4hrten schon jahrelang diskutierte und die sie aus Sicht von Wesemann verinnerlicht hatte: der Abschaffung des bundesrepublikanischen Systems und der Gr\u00fcndung eines neuen unter kommunistischen Vorzeichen.<\/p>\n<p>Im Zuge der Studentenbewegung erkannte Meinhof, wie Wesemann darlegt, dass die Masse an solch einem politischen Gebilde kein Interesse hatte, sondern eher mehr Demokratie wagen wollte. Weil sie mit ihren Worten das Volk nicht \u00fcberzeugen konnte, w\u00e4hlte Meinhof 1970 den Weg des bewaffneten Widerstandes. &#132;F\u00fcr die Demokratie&#147;, so die Biografin n\u00fcchtern, war der &#132;politische Mensch Ulrike Meinhof&#147; zu keiner Zeit zu retten gewesen. &#132;Ihr Weg ins politische Abseits der Bundesrepublik war unaufhaltbar, weil kein Wandel ausgereicht h\u00e4tte, sie zur Umkehr zu bewegen. Meinhof wollte keinen Aufbruch, wie ihn Kanzler Willy Brandt verk\u00f6rperte, sondern den reinen Kommunismus&#147;. (S. 416)<\/p>\n<p>Wesemann beschreibt Meinhof als eine \u00fcberzeugte, offensichtlich sehr spie\u00dfigorthodoxe Kommunistin, die sich zeitlebens in ihrer politischen Auseinandersetzung nur einem Ziel widmete: der sozialistischen Weltrevolution. Meinhof idealisierte die DDR als besseres Deutschland, obwohl sie genau wusste, wie unfrei die Menschen hinter Mauer und Stacheldraht lebten. Damit nimmt Wesemann Meinhof und der Gr\u00fcndungsgeneration der RAF insgesamt auch einen wichtigen Teil ihres Mythos.<\/p>\n<p>Die Biografie von Wesemann ist eine Flei\u00dfarbeit, die sich zudem fl\u00fcssig und erfrischend unvoreingenommen liest. Wesemann hat in- und ausl\u00e4ndischen Archiven gr\u00fcndlich recherchiert, Zeitzeugen befragt und die gesamte Arbeit von Meinhof als Journalistin und Publizistin kritisch unter die Lupe genommen, um Meinhofs Weg von der kommunistischen Linksextremistin zur Terroristin aufzuzeigen. Zudem f\u00f6rdert die Biografie einige Neuigkeiten zutage. So etwa, dass ihre Eltern und ihre Ziehmutter Renate Riemeck eifrige Mitl\u00e4ufer der Nazis waren. Auch was Wesemann \u00fcber Meinhofs Bild von Israel recherchiert hat, ist spannend und bislang nicht ausgewertet worden.<\/p>\n<p>Die Arbeit von Wesemann zeichnet anders als die nahezu zeitgleich erschienene Biografie von Jutta Ditfurth aus der Distanz und nicht aus pers\u00f6nlicher Sympathie das Leben der politischen Person Ulrike Meinhof nach. Wesemann entstammt einer anderen Generation als Ditfurth und ist in Ostdeutschland aufgewachsen. Die kontr\u00e4ren Lebenswege der beiden Biografinnen haben so zwei unterschiedliche Rezeptionsvarianten zutage gef\u00f6rdert.<\/p>\n<p>Wesemanns Analyse beginnt dort, wo Ditfurths Faktensammlung endet. Ditfurths ebenfalls gl\u00e4nzend recherchiertes Buch beschreibt zuv\u00f6rderst die Privatperson Ulrike Meinhof. Es erz\u00e4hlt die Familiengeschichte der Eltern ebenso nach wie Jugend- und andere Lieben der Protagonistin. Zu fast jeder Begebenheit in Meinhofs Leben wei\u00df Ditfurth zu berichten: welchen Duft die Hauptperson besonders mochte (&#132;den von Zimt und Brat\u00e4pfeln&#147;) oder welche Gef\u00fchle sie gerade vereinnahmten (&#132;mit Herzklopfen betrat sie zum ersten Mal das Zimmer der Freundin&#147;). Ditfurths Arbeit bietet einen leichten Einstieg f\u00fcr Leser, die Ulrike Meinhof noch nicht kennen und etwas \u00fcber das Leben der sp\u00e4teren Terroristin erfahren wollen &#150; die Autorin w\u00fcrde sie freilich so nicht bezeichnen. Damit schreibt Ditfurth Alois Prinz&#146; 2003 erschienene Lebensgeschichte von Meinhof fort. Die Autorin st\u00fctzt sich &#150; im Gegensatz zu Wesemann &#150; auf die Informationen zahlreicher Zeitzeugen.<\/p>\n<p>Dass sie diese nicht als Quellen nennen m\u00f6chte, lie\u00dfe sich noch verstehen. Hilfreich w\u00e4re allerdings gewesen, zumindest die zugrunde gelegten Akten genau zu zitieren. <br \/>Der Unterschied zwischen beiden Biografien ist erheblich. Wesemann analysiert Meinhof so, wie sie selbst verstanden werden wollte: als politische Person. Ditfurth holt Meinhof zur\u00fcck ins Private und konfrontiert den Leser lediglich am Rande mit den Jahren der bundesdeutschen Geschichte, die f\u00fcr Meinhof pr\u00e4gend waren. Ditfurth reiht zudem eine Information an die n\u00e4chste. Wesemann hingegen entscheidet, was sich in der Biografie wiederfinden muss und worauf der Leser verzichten kann, ohne einen Informationsverlust f\u00fcrchten zu m\u00fcssen. Und wo Wesemann zu dem Ergebnis kommt, dass die Protagonistin sowohl von Feinden und Freunden \u00fcbersch\u00e4tzt wird, beginnt Ditfurths Faszination. Gr\u00f6\u00dfer k\u00f6nnte der Unterschied zwischen beiden Biografien nicht sein. Am deutlichsten wird er in der Diskussion um Meinhofs Tod. Wesemann schreibt: &#132;In der Nacht des 8. Mai 1976, 31 Jahre nachdem Deutschland befreit worden war, erh\u00e4ngte sie sich in ihrer Gef\u00e4ngniszelle.&#147; Ditfurth bezweifelt den Freitod ein ganzes Kapitel lang.<\/p>\n<p>Es empfiehlt sich, mit Ditfurths Buch zu beginnen, um sich hernach mithilfe von Wesemanns Biografie ein ausgeglichenes Bild von Ulrike Meinhof zu machen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1945],"publikationen":[2818],"class_list":["post-11064","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-sandra-pingel-schliemann","publikationen-181-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Terroristin oder antifaschistische K\u00e4mpferin? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/181-vorgaenge\/publikation\/terroristin-oder-antifaschistische-kaempferin\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Terroristin oder antifaschistische K\u00e4mpferin? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Zwei Biografien \u00fcber Ulrike Meinhof, aus: vorg\u00e4nge Nr. 181, Heft 1\/2008, S.109-111 Viel ist schon \u00fcber Ulrike Meinhof, das bekannteste Gesicht der Roten Armee Fraktion (RAF), gesagt und geschrieben worden. 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