{"id":11081,"date":"2007-09-01T23:59:00","date_gmt":"2007-09-01T21:59:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/editorial-46\/"},"modified":"2007-09-01T12:00:00","modified_gmt":"2007-09-01T10:00:00","slug":"editorial-46","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/179-vorgaenge\/publikation\/editorial-46\/","title":{"rendered":"Editorial"},"content":{"rendered":"<p>aus Vorgange 179 (Heft 3\/2007), S. 1ff<\/p>\n<p><b>Editorial<\/b><\/p>\n<p>Sp\u00e4testens mit dem vierten Sachstandsbericht des Weltklimarates kann der Klimawandel als Faktum brutum der globalen Entwicklung angesehen werden, das allenfalls noch in Zweifel zieht, wer als Wissenschaftler eigenen Eitelkeiten oder fremden Interessen dient, als Journalist spektakul\u00e4re Schlagzeilen fertigen oder als Politiker sich den Konsequenzen nicht stellen will. Mit der Review des ehemaligen Chefvolkswirtes der Weltbank Nicholas Stern sind die Folgekosten des Treibhauseffektes zudem auf einen Nenner gebracht, mit dem in jedem Staat gerechnet wird. Auf bis zu 5,5 Billionen Dollar, ein F\u00fcnftel der materiellen Wertsch\u00f6pfung beziffert er den Schaden. Dem steht ein Prozent des globalen Bruttoinlandsproduktes gegen\u00fcber, das zu dessen Vermeidung erforderlich w\u00e4re.<\/p>\n<p>Das ist eine vergleichsweise geringe Summe, und Sterns \u00f6konomische Bilanz k\u00f6nnte den vorschnellen Eindruck erwecken, dass allein schon das \u00f6konomische Nutzenkalk\u00fcl f\u00fcr einen Sieg der Vernunft sorgen m\u00fcsste. Doch nicht umsonst spricht Stern angesichts der Klimakatastrophe vom &#8222;gr\u00f6\u00dften Marktversagen, das es je gab&#8220;. Nicht nur der Markt hat versagt, so lie\u00dfe sich erg\u00e4nzen, auch die Politik vermochte bislang keinen Weg zu benennen, der Entwicklung angemessen effektiv zu begegnen. Und die Gesellschaft, als dritter Akteur, ist hin und her gerissen zwischen Ma\u00dfhalten und Muddling through. Da-bei ist l\u00e4ngst klar, dass der Schutz des Klimas keine technische Ma\u00dfnahme ist, die dem Einzelnen lediglich einen Kostenbeitrag abverlangen w\u00fcrde, sondern eine Transformation der Gesellschaft bedeutet, hin zu einer nachhaltigen. Dieser nachhaltigen Gesellschaft ist diese Ausgabe der vorg\u00e4nge gewidmet,` in der wir uns weniger mit den Szenarien des Untergang besch\u00e4ftigen wollen, als vielmehr dem, was zu \u00e4ndern und welchen Leitlinien dabei zu folgen ist.<\/p>\n<p>Konrad Ott entwickelt das Modell eines \u00f6kologischen Ordoliberalismus, das dem Staat gegen\u00fcber der \u00d6konomie als auch gegen\u00fcber dem Konsumenten eine zentrale Steuerungsfunktion zur Durchsetzung einer starken Nachhaltigkeit zuweist.<\/p>\n<p>Holger Rogall analysiert die Grenzen klassischer Wirtschaft(-stheorie), die Probleme der Nachhaltigkeit angemessen zu erfassen, sieht zwischen beiden aber keinen Widerspruch, sondern ein Bedingungsgef\u00fcge, denn bei richtiger Steuerung entfaltet starke Nachhaltigkeit auch starke wirtschaftliche Potenziale und schafft Arbeitspl\u00e4tze.<br \/>Dass damit Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit keineswegs schon in Einklang gebracht sind, weist Stephan Elkins nach. Er zeigt die ungleichen Belastungen auf, die Umweltschutzma\u00dfnahmen f\u00fcr den Einzelnen bedeuten, je nachdem, \u00fcber welche finanziellen Ressourcen er verf\u00fcgt. In einer Gesellschaft, in der Konsum ein zentraler Faktor der Anerkennung ist, sind damit immer auch Teilhaberechte tangiert.<br \/>Felix Ekardt legt dar, dass eine Gesellschaft, die ihre Vernunftsprinzipien ernst nimmt, den Interessen k\u00fcnftiger Generationen die gleiche Achtung zu schenken hat wie den eigenen. Das bedeutet ein Einstehen-m\u00fcssen f\u00fcr die Folgen des eigenen Tuns. Da es damit in den gegenw\u00e4rtigen Demokratien nicht immer weit her ist, pl\u00e4diert Ekardt f\u00fcr eine Erg\u00e4nzung ihrer Prinzipien durch einen treuh\u00e4nderischen Sachwalter der Interessen der k\u00fcnftigen Generationen.<\/p>\n<p>Uta von Winterfeld macht sich stark f\u00fcr einen Begriff der Suffizienz, der sich nicht in einem individual-asketischen Ma\u00dfhalten ersch\u00f6pft, sondern das Konsumieren-m\u00fcssen als eine Zumutung der Moderne auffasst, gegen die sich zu wehren, die Belange der Umwelt ein guter Grund sind.<\/p>\n<p>Ein starker globaler Sachwalter des Umweltschutzes ist das Anliegen von Udo E. Simonis. Er zeichnet die bisherige Entwicklung des globalen Umweltregimes nach, pr\u00fcft die in der Debatte stehenden Alternativen und pl\u00e4diert f\u00fcr eine auf Mehrheitsentscheidung beruhende, mit Sanktionsgewalt ausgestattete &#8222;Weltorganisation f\u00fcr Umwelt und Entwicklung&#8220;.<\/p>\n<p>Wie dringlich ein solches starkes globales Umweltregime ist, macht der Beitrag von Cord Jakobeit und Chris Methmann \u00fcber globale Erw\u00e4rmung und Migrationsprozesse deutlich. Auch wenn die wissenschaftliche Kontroverse um die Frage, ab wann von Klimaflucht gesprochen werden kann, noch nicht ausgefochten ist, steht fest, dass die durch Klimaver\u00e4nderungen verursachten oder verst\u00e4rkten Notsituationen in Zukunft immer mehr Menschen zur Migration zwingen werden.<\/p>\n<p>Matthias Machnig spricht angesichts der Umw\u00e4lzungen und Potenziale, die eine konsequente Orientierung auf Nachhaltigkeit zeitigen w\u00fcrde, von einer dritten industriellen Revolution. In ihrem Zentrum steht die Steigerung der Energie- und Materialeffizienz. Gefordert ist eine \u00f6kologische Industriepolitik.<\/p>\n<p>Wie stark diese Revolution noch in ihren Kinderschuhen steckt, macht Michael Cramer am Beispiel der europ\u00e4ischen Verkehrspolitik deutlich. Noch immer werden Riesenprojekte wie die Fehmarnbelt-Br\u00fccke verfolgt, obwohl sie durch die Entwicklung l\u00e4ngst \u00fcberholt sind. Noch immer werden Stra\u00dfen-, Flugverkehr und Binnenschifffahrt gef\u00f6rdert statt deren Umweltkosten zu internalisieren. Vom revolution\u00e4ren Dreiklang von Vermeidung, Verlagerung und Effizienz ist in Br\u00fcssel noch nicht viel zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Einen \u00e4hnlich skeptischen Blick wirft Barbara Praetorius auf die deutsche Energiepolitik. Die hat sich ergeizige Klimaziele gesteckt, doch manches bei der Einf\u00fchrung hochgelobte Mittel, wie die Emmissions-Zertifikate hat bislang zwar den Energiekonzernen Geld, der Luft aber keine gr\u00f6\u00dfere Reinheit gebracht. Anderes, wie das CO2-arme Kohlkraftwerk, ist technisch nicht ausgereift und konterkariert eher sinnvolle Investitionen, wie die in Kraft-W\u00e4rme-Kopplung. Es fehlt bislang an einem Regulierungsrahmen, der Zukunftstechniken eine angemessene Chance gibt.<\/p>\n<p>Wie sicher ist das Wissen \u00fcber den Klimawandel? Petra Pansegrau untersucht an-hand der Entwicklung der letzten zwanzig Jahre das widerspr\u00fcchliche Wechselspiel zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und seiner Perzeption in Medien und Politik.<br \/>Toleranz ist in den interkulturellen Auseinandersetzungen der letzten Jahre bisweilen zu einer rhetorischen Allzweckwaffe verkommen. In seinem Essay befreit Armin Pfahl-Traugbehr den Begriff von den mit ihm in Verbindung gebrachten kulturrelativistischen Zumutungen. Sein Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen Kulturpluralismus macht aus ihm ein sinnvolles Prinzip gesellschaftlichen Zusammenlebens.<\/p>\n<p>Wolfgang Abendroth genoss \u00fcber Jahrzehnte Reputation als ein Linker, der seine \u00dcberzeugung in Einklang mit einem starken Verfassungsbegriff formulierte. Dieses Bild hat sp\u00e4testens mit der inzwischen bekannt gewordenen Ergebenheitsadresse zum Tode Walter Ulbrichts einen Riss bekommen. Eike Hennig, der bei Abendroth promoviert hat, gibt eine zeitgeschichtliche Einordnung dieses moralisch verwerflichen Wandels Abendroths, der auch ein Wandel seines Umfeldes ist. Es ist eine linke Geschichte.<br \/>Eine Rezension des aufgekl\u00e4rten Multikulturalismus Heiner Bielefeldts von Gerd Pflaumer und des Standardwerkes &#8222;Der Klimawandel&#8220; von Stephan Rahmsdorf und Hans Joachim Schellnhuber von Udo E. Simonis runden diese Ausgabe der vorg\u00e4nge ab, zu der ich Ihnen wie immer eine anregende Lekt\u00fcre w\u00fcnsche.<\/p>\n<p>Ihr<\/p>\n<p>Dieter Rulff<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1960],"publikationen":[1222],"class_list":["post-11081","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-vorgaenge","publikationen-179-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Editorial - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/179-vorgaenge\/publikation\/editorial-46\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Editorial - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus Vorgange 179 (Heft 3\/2007), S. 1ff Editorial Sp\u00e4testens mit dem vierten Sachstandsbericht des Weltklimarates kann der Klimawandel als Faktum brutum der globalen Entwicklung angesehen werden, das allenfalls noch in Zweifel zieht, wer als Wissenschaftler eigenen Eitelkeiten oder fremden Interessen dient, als Journalist spektakul\u00e4re Schlagzeilen fertigen oder als Politiker sich den Konsequenzen nicht stellen will. 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