{"id":11109,"date":"2007-06-01T12:00:00","date_gmt":"2007-06-01T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/europaeische-selbstkritik\/"},"modified":"2021-08-31T10:14:14","modified_gmt":"2021-08-31T08:14:14","slug":"europaeische-selbstkritik","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/178-vorgaenge\/publikation\/europaeische-selbstkritik\/","title":{"rendered":"Europ\u00e4ische Selbstkritik"},"content":{"rendered":"<p>Der Europarat legt besorgniserregende Fakten zum Zustand der Demokratie und der Menschenrechte vor,<\/p>\n<p>Aus: vorg&auml;nge Nr.178, Heft 2\/2007, S. 135-141<\/p>\n<p><b>So wichtig das menschenrechts- und grundrechtsorientierte Engagement von B&uuml;rgerrechtsorganisationen und Nichtregierungsorganisationen ist, darf nicht vergessen werden, dass ihr Ziel letztlich die Garantie, &Uuml;bernahme und Weiterentwicklung der von ihren Aktivisten propagierten humanit&auml;ren Standards durch Parlamente, Regierungen und Internationale Organisationen sein muss. Es w&auml;re deshalb praktisch und politisch unsinnig, wenn die jederzeit notwendige kritisch pr&uuml;fende Perspektive der Nichtregierungsorganisationen in eine prinzipielle Gegnerschaft und Opposition ausartete, in der das Engagement f&uuml;r die Garantie und Weiterentwicklung von Menschenrechten nur noch den Vorwand f&uuml;r eine utopisch orientierte Fundamentalopposition abg&auml;be. <\/b><\/p>\n<p>Dass die Nichtregierungsorganisationen der demokratischen Zivilgesellschaft deshalb trotz ihrer manchmal vehementen Kritik an einzelnen Zust&auml;nden oder Ma&szlig;nahmen einzelner Staaten als wichtige Partner &#8211; und nicht als Gegner &#8211; der Parlamente und Regierungen im Bereich der Menschenrechtspolitik angesehen werden m&uuml;ssen, unterstellt auch der diesj&auml;hrige Bericht der Parlamentarischen Versammlung des Europarates (PACE) &uuml;ber &#8220; The State of human rights and democracy in Europe&#8220;[1]. Deshalb ist es besorgniserregend, dass PACE in einer Entschlie&szlig;ung feststellt: &#8222;In several European countries human rights defenders are harassed and face a worsening climate of repression&#8220; (Doc. 11203, I.10, S. 8).[2]<\/p>\n<p>Dieses informative und faktenreiche 350seitige Dokument &uuml;ber die Entwicklung der Menschenrechte in den inzwischen 46 Mitgliedsstaaten des 1949 gegr&uuml;ndeten Europarates stellt trotz seines f&uuml;r internationale Regierungsorganisationen typischen diplomatischen Sprachduktus auch f&uuml;r Nichtregierungsorganisationen eine wichtige Quelle dar. Sie verdient in der praktisch politischen Arbeit eine gr&ouml;&szlig;ere Beachtung, weil mit den inzwischen mehr als 200 verabschiedeten Konventionen, Vertr&auml;gen und Charters, dem sog. <i>acquis <\/i>des Europarates, in Ausf&uuml;llung und Weiterentwicklung der 1950 verabschiedeten Europ&auml;ischen Menschenrechtskonvention das weltweit wohl ausgefeilteste und politisch wichtigste Normengef&uuml;ge entstanden ist, dem sich souver&auml;ne Nationalstaaten durch freiwilligen Beitritt unterworfen haben. Der Europarat hat seinerseits &uuml;ber die Jahre mit dem <i>European Court of Human Rights <\/i>in Stra&szlig;burg[3] und dem <i>Commissioner of Human Rights <\/i>aber nur relativ effektive Instrumente der Wahrung und Durchsetzung seiner Normen geschaffen, die im Einzelfall auch individuellen Mitgliedern gegen&uuml;ber ihren nationalen Regierungen Durchsetzungschancen versprechen, wenn der nationale Rechtsweg ausgesch&ouml;pft oder versperrt ist.<\/p>\n<p>Methodisch arbeitet der Europarat, dem eigene wirksame Sanktionspotentiale fehlen, in seiner Menschenrechtspolitik aber vor allem mit umfassenden L&auml;nderberichten, fortlaufendem Monitoring und der neuerdings <i>benchmarking <\/i>genannten Anreizmethode des Herausstellens positiver Beispiele nationaler Umsetzung der transnationalen Entschlie&szlig;ungen in nationale oder regionale Regierungs- und Verwaltungspraxis. Diese Methoden wurden aufgrund des so genannten Halonen &#8211; Reports 1993 zun&auml;chst f&uuml;r die Aufnahme neuer Mitglieder eingef&uuml;hrt, die infolge des Zusammenbruchs des sowjetischen Imperiums und des Entstehens vieler neuer Staaten zahlreich ihre Mitgliedschaft beantragten. Sie wurden aber bereits kurz darauf als generelles Pr&uuml;fungsverfahren auch f&uuml;r die &sbquo;alten&#8216; Mitglieder &uuml;bernommen.<\/p>\n<p>Das mit der Resolution 1115 1977 konstituierte <i>Monitoring Committee <\/i>ist mit seiner detaillierten Berichterstattung &uuml;ber die Umsetzung und Einhaltung der verabschiedeten Normen heute das f&uuml;r die Menschenrechtspolitik des Europarates entscheidende und effektivste Organ; seine Berichterstattung zu einzelnen L&auml;ndern umfasst den gr&ouml;&szlig;ten Teil des j&auml;hrlichen Berichts. Ein systematisches Monitoring wird nunmehr f&uuml;r Beitrittskandidaten, bei gegebenem Anlass auf Antrag f&uuml;r einzelne L&auml;nder und periodisch f&uuml;r alle Mitgliedsl&auml;nder vorgesehen; veranlassen einzelne Beschwerden und Menschenrechtsverletzungen, die zum Zeitpunkt der Erstellung des Berichts des <i>Monitoring Committees <\/i>nicht behoben waren dazu, dann initiiert der Europarat einen sog. <i>&#8222;post-monitoring dialogue&#8220; <\/i>zwischen dem Committee und der betreffenden nationalen Regierung. Antr&auml;ge auf Einleitung eines besonderen Verfahren liegen derzeit beispielsweise gegen Italien wegen &#8222;monopolisation of the electronic media and the possible abuse of power&#8220; und gegen Gro&szlig;britannien wegen &#8222;irragularities involving postal and absentee votes&#8220; vor (S. 121). Deutschland sieht sich im Zuge des regelm&auml;&szlig;igen Verfahrens mit einer Anfrage wegen bisher mangelnder Umsetzung der Anti-Korruptionsregeln des Europarates konfrontiert (S. 121-122).<\/p>\n<p>Auch der diesj&auml;hrige Report von PACE beklagt, dass das f&uuml;r intergouvernementale Gremien typische Konsensprinzip des <i>Committees of Ministers <\/i>als des eigentlichen Entscheidungsorgans des Europarates &#8222;may paralyse the Organisations&#8217;s human rights acquis&#8220; (Doc. 11203, I.26, S. 9). Deshalb werden aufgrund der aus dem Einstimmigkeitsprinzip resultierenden Veto-Macht einzelner betroffener Mitgliedsstaaten in den Entscheidungen des Ministerkomitees in der Regel keine Namen genannt[4]. Umso wichtiger ist deshalb das Daten und Fakten offenbarende fortlaufende Monitoring.<\/p>\n<p>Seine Ergebnisse m&uuml;ssen Menschenrechtsaktivisten ern&uuml;chtern, denn die vielf&auml;ltigen Berichte und Tabellen im diesj&auml;hrigen Bericht zeigen wiederum, dass nicht nur die Normen des <i>acquis <\/i>in vielen Mitgliedsl&auml;ndern im Einzelfall verletzt werden, was schlie&szlig;lich in jeder Rechtsordnung in gewissem Ma&szlig;e erwartet werden muss, sondern dass viele Mitgliedsstaaten trotz der durch freiwilligen Beitritt &uuml;bernommenen Verpflichtung zur vollst&auml;ndigen &Uuml;bernahme des <i>acquis <\/i>in nationales Recht, die Schaffung entsprechender Institutionen und die Gew&auml;hrleistung der Rechtsnorm in Gesetzgebung und Verwaltungspraxis, nur sehr unzureichende Grade der Anwendung der europ&auml;ischen Menschenrechtsnormen zeigen. So hat Russland, seit 1996 Mitglied des Europarates, bis heute lediglich &#8222;49 conventions out of 200 ratified&#8220; (S. 112), d.h. weniger als alle anderen post-sowjetischen Beitrittsl&auml;nder. Aber auch das Gr&uuml;ndungsmitglied T&uuml;rkei ratifizierte in dem halben Jahrhundert seitdem nur knapp die H&auml;lfte aller Normen (S. 119) &#8211; ein Faktum, das in der &ouml;ffentlichen Diskussion &uuml;ber einen m&ouml;glichen EU-Beitritt bei seinen Bef&uuml;rwortern erstaunlich wenig Beachtung findet. Der Bericht dokumentiert dazu erschreckend viele Einzelheiten, von denen nicht alle so wenig &uuml;berraschen wie die, dass das Mitgliedsland Liechtenstein die Konvention gegen &#8222;Geldw&auml;sche&#8220; &#8222;neither signed nor ratified&#8220; hat (S. 230), oder Russland als einziges Mitgliedsland bisher die Todesstrafe nicht abgeschafft (S. 24) und neuerdings Gesetze erlassen hat, die &#8222;inevitably (lead) to an increase in control of state over NGOs, which raises justified concern&#8220; (S. 89). Die vielen Einzelheiten k&ouml;nnen hier nicht weiter ausgebreitet werden, lassen aber ein sorgf&auml;ltiges Studium geboten erscheinen, gerade was die Abschnitte zur sog. Anti-Terror-Bek&auml;mpfung (S. 55-57) zu den Menschenrechten und dem Schutz &#8222;of vulnerable persons&#8220; wie Gefangenen, Fl&uuml;chtlingen und ethnischen Minorit&auml;ten (S. 57-63) in den Mitgliedsstaaten anbelangt &#8211; um die es hier und dort sehr schlecht bestellt ist.<\/p>\n<p>&Uuml;ber die vielen empirischen Einzelheiten hinaus ist aber der diesj&auml;hrige Bericht von PACE f&uuml;r Menschen- und B&uuml;rgerrechtsaktivisten wegen seiner beiden Entschlie&szlig;ungen zum Verh&auml;ltnis von Demokratie und Menschenrechten auch konzeptionell von besonderem Interesse. Ihnen liegt unter anderem der Bericht des auch in Deutschland bekannten schweizerischen Menschenrechtsaktivisten und Propagandisten der Direkten Demokratie Andreas Gross zugrunde (Doc. 11204, S. 75-95), der als schweizerischer Abgeordneter PACE angeh&ouml;rt. Nicht zuletzt seinen pers&ouml;nlichen Erfahrungen d&uuml;rften sich einige f&uuml;r eine solche interparlamentarische Versammlung[5] von 46 Nationen erstaunlich kritische Feststellungen &uuml;ber den Zustand der Demokratie sowie einige bemerkenswert konkrete Handlungsempfehlungen der diesj&auml;hrigen PACE verdanken.<\/p>\n<p>Hinsichtlich des Zustandes der Demokratie in den Mitgliedsstaaten geht der Bericht von Gross von &#8222;the critical situation in which democracy finds itself today in all (!) member states&#8220; aus (S. 78, Hervorhebung des Autors). Auch wenn es sich um einen pers&ouml;nlich verantworteten &#8222;report&#8220; handelt ist das immerhin eine erstaunliche Feststellung in einem offiziellen Dokument von PACE. Diese kritische Lage hat danach zwei Hauptursachen und vielf&auml;ltige Erscheinungsformen.<\/p>\n<p>Erstere bezieht sich auf das Verh&auml;ltnis der B&uuml;rger und B&uuml;rgerinnen zu den politischen Institutionen und offiziellen Repr&auml;sentanten der Demokratie: &#8222;many citizens have lost their trust in their political representatives&#8230; this gap between political institutions and citizens is increasing&#8220;, als Hauptverantwortliche werden die Parteien und die Medien ausgemacht. Letztere &#8222;are tending functionally to replace political parties&#8220; (alles S. 83). In diese demokratiekritische Lagebeurteilung[6] ordnet Gross &#8211; ein &uuml;berzeugter Anh&auml;nger der europ&auml;ischen Integration gleichwohl &#8211; auch den Machtzuwachs der Institutionen der EU ein, &#8222;a supranational power centre lacking sufficient democratic legitimacy as well as a democratic politiy&#8220; (S. 93). Hinsichtlich der medienkritischen Bemerkungen muss man an die derzeit in Deutschland laufende kritische Debatte &uuml;ber politische Talkshows denken, die angeblich die Funktionen der parlamentarischen Auseinandersetzung unterlaufen und ersetzen sowie den Vorschlag des Bundestagspr&auml;sidenten, Politiker sollten f&uuml;r zwei Jahre ihre Beteiligung aussetzen.<\/p>\n<p>Die zweite Hauptursache f&uuml;r die kritische Lage der Demokratie in den Mitgliedsstaaten der Europaunion sieht der Bericht von Gross in &#8222;a power gap between econ omy and democracy&#8220; begr&uuml;ndet. &#8222;National democracies cannot balance global market forces any more&#8220;; dabei geht es ihm nicht nur darum, durch Intensivierung der Demokratie &#8222;to balance the market forces in the common interest&#8220; (alles S. 77), sondern &#8222;the hegemony of economics&#8220; verdanke sich &#8222;a kind of economic mentality which thinks that an economic way of tackling problems is best for all kinds of other pro blems too&#8220; (S. 83), einer Mentalit&auml;t, der man nach Gross nur durch eine Intensivierung Politischer Bildung und durch die &ouml;ffentliche Unterst&uuml;tzung, F&ouml;rderung und Finanzierung [7] von B&uuml;rgerengagement entgegenwirken k&ouml;nne (S. 93).<\/p>\n<p>Bereits bei den konkreten Handlungsvorschl&auml;gen des Berichts von Gross f&auml;llt auf, dass sie sich auf die erste Krisenursache konzentrieren. Im Einzelnen schl&auml;gt er vor &#8222;to enlarge participatory rights of all citizens&#8220; durch die Einf&uuml;hrung von Volksinitiativen und Referenda mit niedrigen Quoren auf nationaler (und innerhalb der EU auch auf transnationaler) Ebene und &#8222;to democratise the reprensentative part of democracy&#8220; durch &#8222;the right of every voter to compose a list in a way that would integrate potentially candidates of all parteies and is able to show preferences for specific candidates by giving two votes instead of only one&#8220; (alles S. 94); au&szlig;erdem regt er an, das aktive Wahlalter auf 16 Jahre zu senken (S. 93) und die Ausschlu&szlig;quote bei Wahlen zu representativgremien auf 3 Prozent zu senken, um Minderheiten angemessen zu repr&auml;sentieren (S. 87)[8].<\/p>\n<p>Insgesamt laufen die Vorschl&auml;ge von Gross auf eine st&auml;rkere direktdemokratische Erg&auml;nzung des Systems repr&auml;sentativer Demokratie und einen st&auml;rkeren Inklusionsgrad &#8211; auch durch das kommunale und regionale Wahlrecht f&uuml;r alle &sbquo;Ausl&auml;nder&#8216; aus den 46 Mitgliedstaaten an ihrem permanenten Wohnsitz[9] &#8211; hinaus. Die Diagnose, dass die Situation in Deutschland gekennzeichnet ist durch das Fehlen jeglicher direktdemokratischer M&ouml;glichkeiten auf Bundesebene und durch ein Wahlrecht, das in vielen Bundesl&auml;ndern und bei Bundestagswahlen &#8222;the power of the party bosses to choose and favour those members whose only aim is power&#8220; (S. 94) nicht zu brechen vermag, bedeutet in der Konsequenz, dass auch hier radikale Reformen sich nur gegen den Widerstand der Parteieliten durchsetzen lassen[10]. Allerdings wird dabei nicht erkennbar, wie die als zweite Problemursache herausgestellte Machtverschiebung zwischen Politik und &Ouml;konomie durch genau diese Ma&szlig;nahmen substantiell korrigiert werden k&ouml;nnte.<\/p>\n<p>Interessant ist nun zu sehen, welche Einsch&auml;tzungen und Forderungen aus dem Dokument, das noch den pers&ouml;nlich und politische gef&auml;rbten Bericht von Gross widerspiegelt, in die offizielle Entschlie&szlig;ung der Parlamentarischen Versammlung des Europarates direkt &uuml;bernommen wurden. Dabei muss man nicht nur den &sbquo;diplomatischen&#8216; Charakter solcher offiziellen Dokumente bedenken, sondern auch, welches enorme Ausma&szlig; dieses Parlament aus national rekrutierten Parlamentariern dabei konsensual zusammenf&uuml;hren und integrieren muss. Anders als in den pluralistisch zusammengesetzten nationalen Parlamenten geht es dabei ja nicht nur um das &uuml;bliche, ideologische Parteienspektrum von links bis rechts und von progressiv bis konservativ &#8211; zwei Skalen, die heute nicht mehr einfach zur Deckung zu bringen sind -, sondern es geht auch um politische Systeme mit h&ouml;chst unterschiedlichem Institutionenaufbau, politischer Kultur und deutlich abweichenden Graden der Rechtsstaatsverwirklichung.<\/p>\n<p>Zusammenfassend kann man feststellen, dass PACE die Kritik am Zustand der Demokratie aus Gross&#8216; Bericht weitgehend und nur geringf&uuml;gig abgeschw&auml;cht ebenso &uuml;bernommen hat, wie die wichtigsten seiner Reformvorschl&auml;ge. Weitgehend ignoriert hat das Plenum freilich die zweite Krisendiagnose von Gross: offenkundig wird in dieser europ&auml;ischen Parlamentarierversammlung mehrheitlich einer Kritik an der derzeitigen Machtverteilung zwischen Politik und &Ouml;konomie nicht zugestimmt. Dabei muss offen bleiben, weil das Dokument dazu nicht Stellung nimmt, ob es Gross` Diagnose einer &#8222;hegemony of economics&#8220; ist, oder nur deren negative Bewertung, die PACE mehrheitlich nicht zu teilen vermochte. Realistischerweise ist wohl davon auszugehen, dass sich im Ausbleiben einer eindeutigen Stellungnahme zu diesem Aspekt die &uuml;berall kontrovers bleibende Beschreibung und Beurteilung des derzeitigen Verh&auml;ltnisses von Politik und &Ouml;konomie im Rahmen der so genannten &sbquo;Globalisierungsdebatte&#8216; niedergeschlagen hat. Nur die f&uuml;r alle unkontrovers bleibende Forderung einer &#8222;gradual and complete eradication of poverty&#8220; (S. 11) spielt indirekt auf die Thematik an, l&auml;sst aber offen, welche Art des politischen Umgang mit &sbquo;Globalisierung&#8216; im Rahmen des zu gestaltenden Verh&auml;ltnisses von Politik und Wirtschaft dabei am effektivsten w&auml;re.<\/p>\n<p>Immerhin erscheint die Forderung einer &#8222;complete eradication of poverty&#8220; noch utopisch genug &#8211; nicht zuletzt in Anbetracht des heute &uuml;blichen <i>relativen <\/i>Armutsbegriffs, der diese mit dem Wohlstand wachsen und damit &sbquo;Armutsabschaffung&#8216; zu einer statistischen Unm&ouml;glichkeit werden l&auml;sst.<\/p>\n<p>Zwar spricht die offizielle Entschlie&szlig;ung von PACE nicht wie Gross von einer &#8222;critical situation&#8220; der Demokratie in den Mitgliedsl&auml;ndern, aber doch davon, dass &#8222;the rule of law is still not fully respected in several European countries&#8220;. Aufgez&auml;hlt werden an erster Stelle &#8222;human right violations, such as enforced disappearances, extrajudicial killings, secret detentions, torture and inhuman treatment, (which) still occur in Europe; &#8222;trafficking in human beings, especially women and children&#8230; is widespread in Europe&#8220; (Doc.11203, I.11, S. 8). Diese Aufz&auml;hlung leider allt&auml;glicher Menschenrechtsverletzungen &#8211; die in den L&auml;ndermonitoringberichten konkreten Situationen und L&auml;ndern zugeordnet werden &#8211; geht zurecht davon aus, dass Menschenrechte und moderne Demokratie in einem unaufl&ouml;slichen Zusammenhang stehen, dass die mangelnde Verwirklichung der Ersteren auch den Zustand der Letzteren besch&auml;digt. Dies muss man heute unbedingt politisch st&auml;rker als &uuml;blich beachten, weil &#8211; wie sich nicht nur an der Beurteilung Russlands als &#8222;electoral democracy&#8220; zeigt &#8211; in manchen &sbquo;gradualistischen&#8216; Demokratietheorien die Politikwissenschaft dazu &uuml;bergeht, die Beurteilung der Menschenrechtslage von der dann nur noch rein prozedural verstandenen Demokratie abzukoppeln. Dies ist nicht die offizielle Position des Europarates und der PACE.<\/p>\n<p>Hinsichtlich der Demokratie geht PACE zusammen mit dem Bericht von Gross von &#8222;the increasing feeling of discontent and disaffection among citizens&#8230; especially among the young generation&#8220; aus. Die Versammlung, die sich doch offenkundig &uuml;berwiegend aus Parteivertretern zusammensetzt, &uuml;bernimmt sogar leicht abgeschw&auml;cht Gross&#8216; scharfe Parteienkritik, dass &#8222;in many countries, political parties have partly lost their capacity to be a link between citizens and the state&#8220; und folgert daraus, dass &#8222;the traditional institutions of representative democracy should open themselves to more citizen participation&#8220; (Doc. 11203, II. 41 u. 43, S.12f). Relativ zur&uuml;ckhaltend bleibt im Vergleich dazu die Medienkritik von PACE. Sie sieht offenkundig Chancen, die elektronischen Medien zur &#8222;evolution of systems of direct democracy&#8220; zu nutzen (ebd. S. 13) &#8211; was angesichts der wissenschaftlichen Diskussion &uuml;ber die Chancen und Potentiale von &sbquo;elektronischer Demokratie'[11] doch etwas unvermittelt bleibt.<\/p>\n<p>Aber &#8222;referenda and citizens initiatives&#8220; (ebd. S. 14 u. 15) werden ebenso angemahnt, wie festgestellt wird, dass &#8222;in wellestablished democracies, thresholds higher than 3% during the parliamentary elections have no justification (ebd. S.54). Ohne das von Gross explizit bestimmte Wahlalter von 16 Jahren direkt anzusprechen, wird eine generelle Senkung des Wahlalters ebenso gefordert, wie &#8222;granting the right to vote to lawfully residing non-citizens&#8220; sowie eine Frauenquote &#8222;of at least 40% in decisiontaking bodies&#8220; (alles ebd. S. 15).<\/p>\n<p>Interessant ist auch die Forderung nach einer st&auml;rkeren gesetzlichen Regulierung des Lobbyismus und schlie&szlig;lich die von Gross voll &uuml;bernommene Forderung nach einer speziellen F&ouml;rderung von &#8222;civic awareness&#8220; durch Politische Bildung und entsprechende F&ouml;rderprogramme der Unterst&uuml;tzung b&uuml;rgerschaftlichen Engagements.<\/p>\n<p>B&uuml;rgerrechtlich f&uuml;r die Demokratie Engagierte sollten &uuml;ber die notwendig allgemein bleibende Sprache solcher offiziellen Dokumente im vermeintlichen Radikalismus ihrer praktischen Arbeit nicht die Nase r&uuml;mpfen, sondern sich vor allem klar machen, dass <i>alle <\/i>im letzten Absatz angesprochenen Kritikpunkte am Zustand der Demokratie auch auf Deutschland zutreffen. Hier besteht sogar aus der Sicht des Europarates ein innerstaatlicher Handlungsbedarf im Bereich der Demokratiepolitik. Man hat bisher nicht den Eindruck gewinnen k&ouml;nnen, dass die dazu vertraglich verpflichtete Bundesregierung viel Initiative entfaltet h&auml;tte, um den Demokratiestandards des Europarates in Zukunft gerecht zu werden.<\/p>\n<p>B&uuml;rgerrechts- und Menschenrechtspolitik kann sich nur und muss sich deshalb in einer expliziten Demokratiepolitik erf&uuml;llen, die, wie es PACE feststellt, Demokratie als einen &#8222;open, never-ending process in which the freedom of all citizens to affect their own lives should be increased&#8220; (S. 12) versteht und praktiziert. Dabei muss der manchmal zu beobachtende gruppenbezogene oder themenbezogene Partikularismus des menschenrechtlichen Engagements zu Gunsten einer integrierten Demokratiebewegung &sbquo;aufgehoben&#8216; und neben den vielen berechtigten Einzelsorgen der Zustand und die Entwicklung von Demokratie selbst zum Zentrum der kritischen Beobachtung und des praktischen Engagements werden.<\/p>\n<p>Denn die Zukunft der Demokratie versteht sich auch in den so genannten etablierten Demokratien nicht von selbst. Ver&auml;nderungen finden immer und in kleinen Schritten statt, es ist nur die Frage, ob es sich dabei um eine allm&auml;hliche schleichende Erosion ihrer normativen und institutionellen Standards oder um eine durch eine kritische Demokratiebewegung bewusst jeweils herbeigef&uuml;hrte Anpassung an neue Probleme und Herausforderungen handelt.<\/p>\n<p>[1] Parliamentary Assembly of the Council of Europe , The State of human rights and democracy in Europe, Strasbourg 18. April 2007, 353 S. ; alle Zitate im Text aus dieser Ver&ouml;ffentlichung (siehe auch weitere Informationen unter <a href=\"http:\/\/assembly.coe.int\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/assembly.coe.int<\/a>).<\/p>\n<p>[2] Der Bericht nennt insbesondere Wei&szlig;ru&szlig;land, Russland, Azerbeidjan, Georgien und die T&uuml;rkei (s. S. 40).<\/p>\n<p>[3] Nicht zu verwechseln mit dem Europ&auml;ischen Gerichtshof der EU in Luxemburg.<\/p>\n<p>[4] So wird eine dringliche Reform der Arbeitsm&ouml;glichkeiten und Ressourcen des v&ouml;llig &uuml;berlasteten Stra&szlig;burger Menschengerichtshofes dadurch aufgehalten, dass als einziges Mitgliedsland Russland bisher nicht die entsprechende Reformma&szlig;nahme (Protocol No 14) ratifiziert hat (s. S. 36).<\/p>\n<p>[5] PACE geh&ouml;ren proportional nach nationalem Parteienspektrum delegierte Mitglieder der nationalen Parlamente der Mitgliedsstaaten an; die Zahl der Delegierten richtet sich (grob) nach der Bev&ouml;lkerungszahl; PACE tritt 4 Mal im Jahr zur einw&ouml;chigen Sitzung zusammen, aber die zahlreichen Komitees und beauftragten Berichterstatter arbeiten unterst&uuml;tzt vom Sekretariat des Europarates ganzj&auml;hrig.<\/p>\n<p>[6] Es ist dabei nicht nur f&uuml;r die deutsche Politikwissenschaft bemerkenswert, dass von Gross ein analytisch-theoretisches Bewertungsschema eines deutschen Politikwissenschaftlers zugrunde gelegt wird: Theo Schiller, Prinzipien und Bewertungskriterien von Demokratie, in: D. Berg-Schlosser\/H.-J. Giegel (Hrsg.), Perspektiven der Demokratie, Frankfurt\/New York 1999, 28-56.<\/p>\n<p>[7] Siehe dazu jetzt die spezifisch die deutsche Diskussion zusammenfassenden Thesen von Christa Perabo in der interessanten Tagungsdokumentation des Hesssischen Sozialministeriums, &#8222;Ohne Moos nix los?!&#8220; Wie viel Bezahlung vertr&auml;gt das b&uuml;rgerschaftliche Engagement ?, Wiesbaden 2007.<\/p>\n<p>[8] Dazu muss man wissen, dass die Ausschlu&szlig;klauseln in den Mitgliedsstaaten des Europarates bis zu 10% (T&uuml;rkei) gehen.<\/p>\n<p>[9] Gross weist darauf hin, dass beispielsweise in der &sbquo;urdemokratischen&#8216; Schweiz 22% der dauerhaft im Land lebenden Erwachsenenbev&ouml;lkerung nicht wahlberechtigt seien (S. 94).<\/p>\n<p>[10] Siehe zur Zeit die Situation im Bundesland Hamburg, wo die mit absoluter Mehrheit regierende CDU eine durch direkte Volksgesetzgebung verfassungsgem&auml;&szlig; zustande gekommene Demokratisierung des Wahlrechts durch parlamentarische Gesetzgebung wieder zur&uuml;ckgeschraubt hat; Kern des Konflikts war die Frage, wie viel Einflu&szlig; die W&auml;hler direkt auf die Kandidatenaufstellung der Partei(eliten) haben sollten; allerdings zeigt der Konflikt auch das verfassungspolitische Spannungsverh&auml;ltnis zwischen direkter und repr&auml;sentativer Demokratie, das mit den &uuml;blichen Formeln einer blo&szlig; wechselseitigen &#8222;Erg&auml;nzung&#8220; (so auch Gross) nicht einfach verschwindet.<\/p>\n<p>[11] Siehe z.B. H. Buchstein\/H.<\/p>\n<p>Neymanns (Hg.), Online-Wahlen, Opladen 2002<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[157],"publikationen":[1225],"class_list":["post-11109","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-michael-th-greven","publikationen-178-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Europ\u00e4ische Selbstkritik - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/178-vorgaenge\/publikation\/europaeische-selbstkritik\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Europ\u00e4ische Selbstkritik - 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