{"id":11110,"date":"2007-06-01T11:30:00","date_gmt":"2007-06-01T09:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/ohne-druck-von-aussen-geht-nichts\/"},"modified":"2007-06-01T12:00:00","modified_gmt":"2007-06-01T10:00:00","slug":"ohne-druck-von-aussen-geht-nichts","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/178-vorgaenge\/publikation\/ohne-druck-von-aussen-geht-nichts\/","title":{"rendered":"Ohne Druck von au\u00dfen geht nichts"},"content":{"rendered":"<p>Die gesellschaftlichen Gruppen Israels und die Chancen des Friedensprozesses,<\/p>\n<p>Aus: vorg\u00e4nge Nr.178, Heft 2\/2007, S.142-148<\/p>\n<p><b>Seit dem Libanonkrieg vom Sommer 2006 ist eine gesteigerte Politikverdrossenheit in der israelischen Gesellschaft zu beobachten. Die Mehrheit reagiert eher lethargisch auf neue &#8222;Skandale&#8220; &#8211; egal, ob es sich um das sukzessive Bekanntwerden milit\u00e4rischer Pannen oder Vers\u00e4umnisse handelt oder auch das Auftauchen immer neuen Aff\u00e4ren der politischen F\u00fchrung. Gegen Staatspr\u00e4sident Mosche Katzav (dessen Amtszeit im Juli endet) wird wegen schwerer Sexualdelikte ermittelt. Gegen Premier Ehud Olmert sowie dessen Spezi und bisherigen Finanzminister Avraham Hirshson laufen Ermittlungsverfahren wegen diverser Korruptionsvorw\u00fcrfe. Dennoch geht es dem Durchschnittsisraeli besser denn je. Die \u00d6konomie floriert &#8211; trotz Krieg erreichte Israel im Jahr 2006 die Traumquote beim Wirtschaftswachstum von f\u00fcnf Prozent. Der Terror hat im Vergleich zu den Hoch-Zeiten der Al Aksa-Intifada deutlich nachgelassen. Was hinter dem Sperrwall in der Westbank passiert, interessiert die meisten Israelis wenig. <\/b><\/p>\n<p>Warum die Lage so ist, l\u00e4sst sich am besten in einem R\u00fcckblick auf die letzten zehn Jahre begreiflich machen. Es ist zugleich ein Versuch, die Dynamik der israelischen Gesellschaft zu erkl\u00e4ren. Als ich im Januar 1996 als FR-Korrespondentin nach Jerusalem kam, hatte der Friedensprozess zwischen Israelis und Pal\u00e4stinensern einiges an Tragik hinter sich: Das Attentat in der Machpela von Hebron, das von dem israelischen Rechtsextremisten Baruch Marzel ver\u00fcbt worden war; woraufhin mehrfach israelische Busse in die Luft gingen, gesprengt von Selbstmordattent\u00e4tern der Hamas, die sich in &#8222;menschliche Bomben&#8220; verwandelt hatten; schlie\u00dflich der Mord an Yitzhak Rabin, begangen von einem fanatischen j\u00fcdischen Studenten.<\/p>\n<p>Aber der Friedenprozess hatte all das \u00fcberlebt. In den Osloer Jahren war es fast schon ein gefl\u00fcgeltes Wort, wann immer neue St\u00f6rman\u00f6ver passierten: der Friedensprozess ist unumkehrbar. Dies war eine Illusion, wie sich im Jahr 2000 und danach zeigen sollte. Aber in den Osloer Jahren glaubte man trotz wachsender Skepsis noch an einen Prozess der Ann\u00e4herung und des Ausgleichs zwischen Israelis und Pal\u00e4stinensern.<\/p>\n<p>Es gab in Israel ein Friedenslager, bestehend aus vornehmlich s\u00e4kularen Linken, die in der Meretz-Partei, in Avoda oder Hadasch politisch beheimatet waren. Sie alle, von Naomi Chazan \u00fcber Jossi Beilin bis hin zu Haim Ramon hatten gute, bisweilen gar herzliche Kontakte zu pal\u00e4stinensischen, s\u00e4kularen Politikern aus der Fatah: voran Marwan Barghouti aber auch zu gel\u00e4uterten PFLP-K\u00e4mpfern wie z.B. Riad Malki oder zu Mitgliedern der ex kommunistischen People-Party, in der Mustafa Barghouti zu Hause war. Es war die Zeit, in der Schimon Peres und Yassir Arafat vor der Sozialistischen Internationale miteinander charmierten und Jossi Beilin und Mahmoud Abbas an einem Entwurf f\u00fcr dauerhaften Frieden arbeiteten &#8211; das sp\u00e4tere Beilin\/Abu Masen-Papier.<\/p>\n<p>Die Protagonisten dieser gesellschaftlichen Gruppierungen auf beiden Seiten, die damals zumindest ein Mehrheitspotenzial hinter sich wussten, kamen miteinander ausgesprochen gut aus. Die Insider zogen das Verh\u00e4ltnis auf dieser Ebene oft gar der Auseinandersetzung mit den religi\u00f6sen und\/oder nationalistisch-konservativen &#8222;Bremsern&#8220; und Kompromissgegnern in der eigenen Nation vor.<\/p>\n<p>Auch das war einer der Irrt\u00fcmer von Oslo, wie sich zunehmend zeigte.<\/p>\n<p>Im Grunde genommen offenbarte sich das bereits bei den israelischen Nationalwahlen im Mai 1996, ein halbes Jahr nach dem Attentat auf Rabin. Benjamin Netanyahu vom Likud gewann knapp gegen Schimon Peres. Das Z\u00fcnglein an der Waage spielten die russischst\u00e4mmigen W\u00e4hler. Sie sind eine s\u00e4kulare aber nicht eben progressive Klientel von Wechselw\u00e4hlern, wie sich auch bei den folgenden Wahlen zeigte. Im israelischen Kaleidoskop stellen die &#8222;Russen&#8220;, wie der Einfachheit halber s\u00e4mtliche Einwanderer aus den fr\u00fcheren GUS-Staaten genannt werden, rund zwanzig Prozent der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Den Ausschlag gaben die &#8222;Russen&#8220; auch im Sommer 1999, als Ehud Barak die Mehrheit f\u00fcr sich und die Arbeitspartei holte. Barak siegte als der hochdekorierte General, dem man sicherheitspolitisch mehr zutraute als dem durch Aff\u00e4ren ins Schlingern geratenen Netanyahu. Sp\u00e4ter, 2001, liefen die &#8222;Russen&#8220; in Scharen zu Ariel Scharon \u00fcber, dem noch st\u00e4rkeren Ex-General mit der &#8222;eisernen Faust&#8220;.<\/p>\n<p>Das soziologische Psychogramm der &#8222;Russen&#8220; ergibt ein etwas klischeehaftes Bild, das, wie k\u00f6nnte es anders sein, im Einzelfall nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt nicht zutreffen muss. Dennoch f\u00e4llt als Tendenz auf, dass autorit\u00e4re Regime und &#8222;starke&#8220; M\u00e4nner, siehe Avigdor Lieberman von Yisrael Beitenu (Israel ist unser Heim) oder der Multi-Milliard\u00e4r Arcady Gaydamek ausgesprochen popul\u00e4r sind. Gewohnt an ganz andere Gr\u00f6\u00dfenordnungen, an die weiten Areale Russlands und anderer Ex-GUS-Staaten, bringen die &#8222;Russen&#8220; eigene Einw\u00e4nde gegen die f\u00fcr einen dauerhaften Frieden n\u00f6tigen Landkompromisse vor.<\/p>\n<p>Da sie in den achtziger Jahren eingewandert waren, kannten die meisten von ihnen auch nicht die Traumata der israelischen Kriege, weder das vom Yom Kippur (1973), noch das des ersten Libanon &#8211; Krieges von 1982, jedenfalls nicht aus eigenem Erleben. Bei den &#8222;Sabras&#8220;, den im Land Geborenen (benannt nach einer heimischen Kaktus-Frucht, au\u00dfen stachelig, innen s\u00fc\u00df), speist sich die Friedenssehnsucht ja nicht zuletzt aus der Erfahrung dieser Existenz bedrohenden Kriege. Umso mehr traf der Libanon Krieg vom vergangenen Sommer die &#8222;Russen&#8220; wie ein Schock. Wenn \u00fcberhaupt, ist der Wunsch nach Auswanderung in Reaktion auf die Bedrohungslage durch die Hisbollah vor allem im russischen Sektor in Israel gewachsen.<\/p>\n<p>Auch die Misrahim, die sephardische Klientel, zeigt immer wieder die Neigung, im Zweifelsfall die Rechtskonservativen vorzuziehen &#8211; und das nicht nur wegen ihres Hangs zu &#8222;starken Figuren&#8220;. Sephardische Likud-W\u00e4hler sind treu-loyale Anh\u00e4nger wie es sonst nur Fu\u00dfballfans sein k\u00f6nnen, sie halten zu ihrem Club, komme, was da wolle.<\/p>\n<p>Das ist nicht zu verstehen ohne den Kontext des fast revolution\u00e4ren Wechsels Mitte der siebziger Jahre, als erstmals der rechte Likud die linke Arbeitspartei abl\u00f6ste, die zuvor drei\u00dfig Jahre lang Regierungspartei gewesen und entsprechend korrumpiert war. Der Likud hatten damals ihnen, den Benachteiligten, Geh\u00f6r geschenkt, hatte ihren N\u00f6ten eine Stimme gegeben und eine politische Heimat. Etwas, was die aschkenasische Elite viel zu lange naser\u00fcmpfend verweigert hatte.<\/p>\n<p>Die Sepharden, also die Juden aus Nordafrika und anderen Nahost-Staaten, repr\u00e4sentieren um die 40 Prozent der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung. Auch sind sie l\u00e4ngst typische Israeli geworden. Viele haben einen enormen Aufstieg geschafft, ob in Universit\u00e4ten, Milit\u00e4r oder Politik. Einige prominente Beispiele: der Historiker und fr\u00fchere Au\u00dfenminister Schlomo Ben-Ami, der Ex-Generalstabschef und jetzige Transportminister Schaul Mofas, selbst der Staatspr\u00e4sident ist\/war mit Mosche Katzav ein Sepharde.<\/p>\n<p>Das sephardische Spektrum ist mithin weit weniger homogen als das der &#8222;Russen&#8220;, die wie gesagt auch nicht durch die Bank Lieberman -Fans sind. Viele Sepharden haben heute aschkenasische Ehepartner. Gemischte Familien sind ausgesprochen verbreitet. Dennoch hat sich zumindest subjektiv das Gef\u00fchl, deklassiert zu sein, unter den Misrahim gehalten. Es gibt daf\u00fcr auch objektive Gr\u00fcnde wie zum Beispiel einen vergleichsweise h\u00f6heren Prozentsatz an Arbeitslosen etc. Tats\u00e4chlich sind die Lebensverh\u00e4ltnisse des &#8222;zweiten Israel&#8220;, wie man sie in den Entwicklungsst\u00e4dten im Negev, etwa in dem von Kassem -Raketen geplagten Sederot, vorfindet, in ihrer \u00c4rmlichkeit und Vernachl\u00e4ssigung teils schockierend. Israelbesucher bekommen davon gew\u00f6hnlich wenig mit.<\/p>\n<p>Gerade weil viele Misrahim zu den unteren Schichten geh\u00f6ren, \u00e4u\u00dferlich entsprechend ihrer Herkunft wie Araber aussehen, legen sie Wert darauf, sich von den Pal\u00e4stinensern besonders abzusetzen. Unter linken Aschkenasen galt es lange Zeit als schick, Kontakte zu Pal\u00e4stinensern zu besitzen. Der durchschnittliche Misrahi blickt auf Pal\u00e4stinenser hinab &#8211; allerdings ist das Verh\u00e4ltnis eher widerspr\u00fcchlich und nicht sehr distanziert. Zum Beispiel sprechen und verstehen viele \u00e4ltere Sepharden oft noch sehr gut arabisch; man hat einen anderen Zugang zu der Kultur (etwa zur arabischen Musik &#8211; die libanesische S\u00e4ngerin Fairuz wird vielfach auch von sephardischen Israelis verehrt). Die Misrahim k\u00f6nnten mithin eine Br\u00fccke der Verst\u00e4ndigung zwischen den Kulturen im Sinne des Friedensprozesses sein. Der linke, aus Marokko stammende Dokumentarfilmer David Benschitreet hat eine Reihe interessanter Begegnungsprojekte daran gekn\u00fcpft.<\/p>\n<p>Jedenfalls flogen die Hoffnungen im Friedenslager hoch, als Ende 2005 der schnauzb\u00e4rtige Amir Peretz, der aus einer marokkanischen Einwandererfamilie stammt, die Spitze der Arbeitspartei erklomm und zum Hoffnungstr\u00e4ger gek\u00fcrt wurde. Peretz verk\u00f6rperte eine geradezu sozialrevolution\u00e4r anmutende Kombination aus k\u00e4mpferischem Gewerkschaftsf\u00fchrer, was Basisn\u00e4he garantierte, und linkem Friedensvision\u00e4r, der fr\u00fcher bei Peace Now (Schalom Achschaf)mitmarschiert war.<\/p>\n<p>Von Peretz erhoffte man den Durchbruch hin zur Entdeckung gemeinsamer Interessen zwischen den linken aschkenasischen Intellektuellen und den proletarischen Misrahim. &#8222;Fast zu sch\u00f6n um wahr zu sein&#8220;, meinte damals, im Wahlkampf 2006, Uri Avnery. Und so war es dann auch. Unter beiden Anh\u00e4ngerschaften von Peretz, unter den Edellinken wie den sozial Benachteiligten, kippten die k\u00fchnen Hoffnungen in bitterste Entt\u00e4uschung um. Ein Prozess, den der Libanon-Krieg beschleunigte.<\/p>\n<p>Misrahim und &#8222;Russen&#8220; sch\u00e4tzen sich gegenseitig eher gering, aber sie haben heute eines gemeinsam: ein ungekanntes Ausma\u00df an Politikverachtung.<\/p>\n<p>Ein weiterer gro\u00dfer Bev\u00f6lkerungsanteil, der f\u00fcr den derzeit nicht wirklich vorhandenen Friedensprozess eine bedeutende Rolle spielen k\u00f6nnte, ist die arabische Minderheit, die alteingesessenen Pal\u00e4stinenser von 1948, die einen israelischen Pass haben. Dank ihren Knesset-Abgeordneten brachte Rabin seinerzeit die knappe Mehrheit (nur eine Stimme mehr) zustande, um die Osloer Vertr\u00e4ge im Parlament durchzubringen. Der Niedergang des Friedensprozesses, genauer gesagt, der Ausbruch der bewaffneten Intifada im Herbst 2000 auf der Westbank und in Gaza, hatte unmittelbare Konsequenzen f\u00fcr die arabische Minderheit.<\/p>\n<p>Entscheidend war der &#8222;Schwarzer Oktober&#8220;, als bei unbewaffneten Demonstrationen der arabischen Minderheit 13 Teilnehmer von der israelischen Polizei erschossen wurden. Die arabischen Israelis f\u00fchlten sich isoliert, versto\u00dfen und verfolgt von der Mehrheit und ihren Staatsbeh\u00f6rden. \u00dcberwunden geglaubte Vorurteile, gepaart mit tiefem Misstrauen traten wieder zutage. Die arabischen Israelis sahen sich best\u00e4tigt, B\u00fcrger zweiter Klasse, nicht nur im sozialen, sondern auch im rechtsstaatlichen Sinn zu sein. Ein noch von Ehud Barak in Auftrag gegebener Untersuchungsausschuss erhellte zwar die Missst\u00e4nde, bewirkte aber keine nachgreifend positive Ver\u00e4nderung.<\/p>\n<p>Daran entz\u00fcndeten sich neue Debatten, sowohl \u00fcber die arabischen Israelis (die bei den Rechten schon immer im Verdacht standen, als f\u00fcnfte Kolonne der arabischen Welt im j\u00fcdischen Staat zu fungieren) als auch innerhalb des Minderheitssektors.<\/p>\n<p>So pr\u00e4sentierte Avigdor Lieberman, der inzwischen in der Regierung Ehud Olmert als Minister f\u00fcr Strategische Bedrohung fungiert, im Wahlkampf 2006 die Idee, die arabische Minderheit auszugliedern. Deren Bev\u00f6lkerungszentren im Gebiet um Um el-Fahim (im S\u00fcden Galil\u00e4as) w\u00fcrde Lieberman gerne ausgrenzen und an die Westbank anschlie\u00dfen. Im Gegenzug sollen die Pal\u00e4stinenser daf\u00fcr einer Annexion j\u00fcdischer Westbank-Siedlungen durch Israel zustimmen.<\/p>\n<p>Aber auch innerhalb der arabisch israelischen Minderheit gibt es Abgrenzungstendenzen. Seit Monaten bestimmen diverse Papiere \u00fcber Perspektiven und Selbstverst\u00e4ndnis der israelischen Araber die internen Debatten. Bestritten werden sie vor allem von B\u00fcrgerrechtsorganisationen und intellektuellen Vordenkern. Bei allen Unterschieden ist ihnen eines gemeinsam: Es geht ihnen im Verh\u00e4ltnis zu den j\u00fcdischen Israelis nicht mehr &#8222;nur&#8220; um Gleichberechtigung. Die arabisch-israelischen Bewegungsaktivisten sind heute vielfach separatistisch orientiert und auf eine gezielte Provokation der j\u00fcdischen Mehrheit aus. Die einen fordern kollektive kulturelle Autonomie f\u00fcr die moslemisch &#8211; christliche Minderheit im j\u00fcdischen Staat, die anderen, voran Azmi Bischara, einen Staat aller B\u00fcrger anstelle des j\u00fcdischen. Das nationale, identit\u00e4tsstiftende Element im Forderungskatalog ist mindestens so stark wie das soziale. Die j\u00fcdischen Israelis reagieren geradezu hysterisch auf diese neue Debatte, abzulesen auch am laufenden Verfahren wegen Verdachts des Staatverrats gegen Bischara, der sich inzwischen nach Katar abgesetzt hat.<\/p>\n<p>Kenner der Materie wie Eli Rekhess von der Tel Aviver Universit\u00e4t sprechen von einer Zeitbombe, falls nicht bald eine effiziente politische Entsch\u00e4rfung dieses Sprengkraftpotenzials gelingt. Gef\u00e4hrlich f\u00fcr den j\u00fcdischen Staat ist es nicht zuletzt, weil dadurch eine Zwei-Staaten-L\u00f6sung in Frage gestellt wird. Mehr und mehr israelische Araber wie Pal\u00e4stinenser setzen bereits langfristig auf die &#8222;Ein-Staaten-L\u00f6sung&#8220;, weil die ihren eigenen Interessen besser Rechnung trage.<\/p>\n<p>Zur Skizzierung des Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnisses: Die arabischen Israelis sind mit etwa 20 Prozent Bev\u00f6lkerungsanteil fast gleich stark wie die russischsprachigen Einwanderer. In sich gliedert sich die arabisch-israelische Minderheit folgenderma\u00dfen auf: 82 Prozent Moslems, sowie je 9 Prozent Christen und Drusen. Deren Interessen sind zwar durchaus unterschiedlich .Viele Drusen aus Galil\u00e4a etwa dienen sogar in der israelischen Armee. Aber das Gef\u00fchl, nicht richtig dazu zu geh\u00f6ren, hat im gesamten arabischen Sektor in den letzten Jahren zugenommen.<\/p>\n<p>Zu den modernen &#8222;St\u00e4mmen&#8220; Israelis geh\u00f6ren weitere ethnische Gruppierungen, zum Beispiel die \u00e4thiopischen Einwanderer. Sie sind eine marginale, aber sozial schwer zu integrierende Minderheit, die wiederum in die als Juden Anerkannten und die Falushmara (konvertierte Christen) unterteilt werden.<\/p>\n<p>Ebenso l\u00e4sst sich eine ethnisch wenig homogene, dennoch leicht definierbare Gruppierung benennen: die j\u00fcdische Siedlerschaft in den besetzten Gebieten. Prozentual macht ihr Anteil an der Gesamtbev\u00f6lkerung rund zehn Prozent aus (einschlie\u00dflich der Siedler in Ost-Jerusalem). Aber sie w\u00e4chst, trotz Gaza-Abzug. In den Osloer Jahren hat sie sich im Westjordanland von 100 000 Mitgliedern zu Beginn der 90er Jahre bis zum Jahr 2000 verdoppelt. Heute z\u00e4hlt sie laut Peace Now etwa 250 000 Siedler in der Westbank, inklusive der j\u00fcdischen Siedlungen in Ost-Jerusalem sind es sogar 450 000. Dazu kommen rund 20 000 Golan -Siedler.<\/p>\n<p>Die Mehrzahl der Siedler ist nicht prim\u00e4r ideologisch ausgerichtet. Es gibt die Anh\u00e4nger der &#8222;Lebensqualit\u00e4t&#8220;, die in &#8222;Samaria&#8220; oder &#8222;Jud\u00e4a&#8220; reine Natur suchen oder auch nur bezahlbare, gute Wohnungen mit Vorgarten. Die politische F\u00fchrung ist allerdings rechtsnational ausgerichtet. Mafdal-Partei (Nationalreligi\u00f6se) und Yescha-Council (Siedler-Rat) bilden die politische Lobby. Seit dem Gaza-Abzug werden sie von radikalisierten, vorwiegend jugendlichen Siedlern (H\u00fcgeljugend) hart kritisiert und wegen zu &#8222;laschen Protests&#8220; in Frage gestellt. Erheblichen Einfluss haben auch die messianischen, rechtsradikalen Siedler; vorwiegend zu finden in Hebron, aber auch in Itamar oder Yitzhar, den j\u00fcdischen Kolonien im Norden des Westjordanlandes.<\/p>\n<p>Der Gaza-Abzug hat zwar gezeigt, dass das Siedler-Projekt f\u00fcr die israelische Mehrheit keineswegs eine Herzensangelegenheit ist &#8211; mehr als 7000 Gaza-Siedler wurden in wenigen Tagen ger\u00e4umt, ohne dass dies ein politisches Erdbeben ausgel\u00f6st h\u00e4tte. Der Pr\u00e4zedenzfall, dass eine Siedlungsr\u00e4umung machbar ist, wurde also geliefert. Nur, auch die Siedler haben aus der Niederlage gelernt und werden beim n\u00e4chsten Mal wom\u00f6glich ganz anders agieren, wie sich bei der R\u00e4umung des Westbank-Au\u00dfenposten Amona bereits zeigte.<\/p>\n<p>Dennoch gibt es ein beachtliches Potenzial an Siedlern, die mit finanziellen Anreizen und sonstiger Unterst\u00fctzung ins Kernland ziehen w\u00fcrde n. Nicht zuletzt, weil sie innerhalb des israelischen Mainstream bleiben wollen.<\/p>\n<p>Eine Sonderstellung kommt auch den Ultraorthodoxen im israelischen Spektrum zu. Zum ein en gibt es die bisweilen kurios anmutenden Anti-Zionisten. Weit st\u00e4rker sind aber jene Haredim (Gottesf\u00fcrchtige), die einen teils staatlich finanzierten, frommen Lebensweg gehen. Ihre Rolle in einem Friedensprozess wird von der politischen Klasse oft darauf reduziert, ihre potenziellen Einspr\u00fcche zu &#8222;neutralisieren&#8220;, in dem man ihren Klientel w\u00fcnschen, ob finanziell oder auch anders gelagert, entgegen kommt.<\/p>\n<p>Das religi\u00f6se Spektrum, insbesondere national-rechte Rabbiner, brachte andererseits immer wieder ultimative, alttestamentarisch aufgeladene Einspr\u00fcche gegen Landkompromisse in &#8222;Jud\u00e4a&#8220; und &#8222;Samaria&#8220; hervor &#8211; die Bibel dient ihnen gewisserma\u00dfen als eine Art Grundbuch. Auch hatte sich der Rabin-Attent\u00e4ter Yigal Amir bei Rabbinern eine &#8222;Legitimation&#8220; verschafft und sich sp\u00e4ter auf die &#8222;pulsa denura&#8220; berufen, die Todesstrafe f\u00fcr j\u00fcdische Verr\u00e4ter. Nicht von ungef\u00e4hr traf sich denn auch im Sommer 2005, wenige Wochen vor dem Gaza-Abzug, ein ultrarechter konspirativer Zirkel, um n\u00e4chtens beim Feuerschein eine &#8222;pulsa denura&#8220; gegen den &#8222;Verr\u00e4ter&#8220; Ariel Scharon auszusprechen. Einige fromme Fanatiker glauben heute, dass das sogar gewirkt habe, da Scharon ja ein halbes Jahr sp\u00e4ter ins Koma gefallen sei.<\/p>\n<p>Viel zu wenig ausgesch\u00f6pft ist gleichwohl das Potenzial eines interreligi\u00f6sen Dia logs, um L\u00f6sungen zu erleichtern. Dabei werden so genannte &#8222;Interfaith&#8220; &#8211; Treffen l\u00e4ngst im kleinen Rahmen zwischen israelischen und pal\u00e4stinensischen Glaubensvertretern im Sinne des Friedensprozesses praktiziert. Gemeinsamkeiten sind offenbar gar nicht so schwer zu finden zwischen gl\u00e4ubigen Juden, Moslems und Christen &#8211; der Wille dazu vorausgesetzt.<\/p>\n<p>Im Grunde funktionieren selbst Schas (die sephardisch religi\u00f6se Partei) und die pal\u00e4stinensische Hamas nach \u00e4hnlichem Prinzip: man hat einen sozialen Fl\u00fcgel, unterh\u00e4lt, Kinderg\u00e4rten und Krankenpflege, auch wenn Schas selbstverst\u00e4ndlich im Gegensatz zur Hamas keinen bewaffneten Arm besitzt. Wohlgemerkt, Schas und Hamas unterhalten Schas und Hamas keinerlei Kontakt miteinander. Aber es gibt frappierende Ausnahmepers\u00f6nlichkeiten, zum Beispiel den Rabbiner Menachim Froman aus der Siedlung Tekoa s\u00fcdlich von Bethlehem, der fr\u00fcher Kontakte zu Yassir Arafat pflegte und heute noch immer zu unterschiedlichsten Pal\u00e4stinensern, inklusive den &#8222;B\u00e4rtigen&#8220;, d. h. in der Regel der Hamas nahe stehende religi\u00f6se Moslems.<\/p>\n<p>Die gesellschaftliche Dynamik bietet mithin beides: ein Potenzial, sich hinter Friedensbem\u00fchungen zu stellen, als auch, sie zu kippen. Das h\u00e4ngt ganz von der politischen F\u00fchrung ab und von dem Preis, den Frieden hat.<\/p>\n<p>Die alten Oslo &#8211; Anh\u00e4nger (Beilin etc.) sind inzwischen zwar oft verp\u00f6nt, ihr politischer Einfluss ist marginal. Aber sie weisen auf einen interessanten Punkt hin, so etwa der Chef im Peres -Peace-Center Ron Pundak, der fr\u00fcher einer der israelischen Unterh\u00e4ndler in Oslo war. Selbst in den finsteren Zeiten blieb es in etwa bei einer Mehrheit von sechzig Prozent, die f\u00fcr eine Zwei Staaten-L\u00f6sung ist. Die Frage ist nur, ob diese Mehrheit dazu steht, wenn mehr ins Bewusstsein r\u00fcckt, wie bitter der Preis sein wird: selbst eine Annexion der Siedlungsbl\u00f6cke einhergehend mit Gebietstausch bedeutet bestenfalls Erhalt von 80 Prozent der Siedlerschaft. Zehntausende m\u00fcssten ger\u00e4umt werden.<\/p>\n<p>Welche Regierung wird sich an diese Aufgabe wagen? Keine vermutlich, solange es sich vermeiden l\u00e4sst. Man braucht also Druck von au\u00dfen.<\/p>\n<p>Immerhin, neue Dynamik ist in Nahost durch die saudische Friedensinitiative (Anerkennung Israels im Gegenzug f\u00fcr eine R\u00fcckgabe aller besetzten Gebiete) entstanden. Eine israelische Mehrheit ist daf\u00fcr, sie ernst zu nehmen und zu testen. Ein neues B\u00fcndnis aus Friedensbewegten bildet sich derzeit heraus, um f\u00fcr die saudische Friedensinitiative zu werben. Deren Bef\u00fcrworter sind auch im politischen Establishment zu finden , in Parteien, Regierung, Verteidigungs- und Au\u00dfenministerium. Aber unabh\u00e4ngig davon verdient die israelische Friedensbewegung, die zwar oft totgesagt wurde, aber anscheinend nicht tot zu kriegen ist , Aufmerksamkeit. Daher an dieser Stelle eine kleine \u00dcbersicht:<\/p>\n<p>Auf der etablierten Ebene dominiert die Genfer Friedensinitiative mit Yossi Beilin und Yassir Abed Rabbo als Partner. Ebenso fanden sich Ami Ayalon und Sari Nusseibeh f\u00fcr eine Unterschriftensammlung f\u00fcr die Grundz\u00fcge eines Friedenskonzepts.<\/p>\n<p>Daneben arbeitet eine Menge kreativer Wildwuchs: Zum Beispiel die j\u00fcdisch arabische Gruppe Taayoush; au\u00dferdem die Frauen von Machsom Watch, die an den Milit\u00e4rcheckpoints \u00dcbergriffe von Soldaten gegen Pal\u00e4stinenser notieren und regelm\u00e4\u00dfig dokumentieren. Weiter engagieren sich linke Aktivisten von New Profile, den Anarchists for Peace oder den Bil&#8217;in-Aktivisten, die seit nunmehr anderthalb Jahren jeden Freitag in dem gleichnamigen Westbank-Dorf gegen Sperrwall und Landenteignung demonstrieren. Jesch Din (Es gibt ein Recht) wiederum bem\u00fcht sich, die Milit\u00e4rgerichte in der Westbank unter \u00f6ffentliche Kontrolle zu bringen.<\/p>\n<p>Hervorzuheben sind auch die Combatants for Peace, ehemalige Kampfsoldaten, die einen Dialog mit ehemaligen Fatah-K\u00e4mpfern f\u00fchren.<\/p>\n<p>Die Liste ist bei weitem unvollst\u00e4ndig. Hier erw\u00e4hnt sind auch nur Initiativen, die seit 2000 entstanden sind. Dazu gibt es nat\u00fcrlich die &#8222;Klassiker&#8220;, angefangen von Schalom Achschaf (Frieden Jetzt), \u00fcber Jesch Gvul (Es gibt eine Grenze), Gusch Schalom von Uri Avnery, die israelischen &#8222;Physisians for Human Rights&#8220;, die Rabbiner f\u00fcr Menschenrechte und viele mehr.<\/p>\n<p>Ansprechpartner f\u00fcr eine Entspannungspolitik finden sich mithin im breiten gesellschaftlichen Spektrum. Aber wer helfen will, etwas zu bewegen, sollte die Gesamtgesellschaft, inklusive der Rechten und Religi\u00f6sen, im Auge behalten.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1978],"publikationen":[1225],"class_list":["post-11110","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-inge-guenther","publikationen-178-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ohne Druck von au\u00dfen geht nichts - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/178-vorgaenge\/publikation\/ohne-druck-von-aussen-geht-nichts\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Ohne Druck von au\u00dfen geht nichts - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die gesellschaftlichen Gruppen Israels und die Chancen des Friedensprozesses, Aus: vorg\u00e4nge Nr.178, Heft 2\/2007, S.142-148 Seit dem Libanonkrieg vom Sommer 2006 ist eine gesteigerte Politikverdrossenheit in der israelischen Gesellschaft zu beobachten. 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