{"id":11112,"date":"2007-06-01T10:30:00","date_gmt":"2007-06-01T08:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/ein-staat-mit-moeglichkeitssinn\/"},"modified":"2007-06-01T12:00:00","modified_gmt":"2007-06-01T10:00:00","slug":"ein-staat-mit-moeglichkeitssinn","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/178-vorgaenge\/publikation\/ein-staat-mit-moeglichkeitssinn\/","title":{"rendered":"Ein Staat mit M\u00f6glichkeitssinn"},"content":{"rendered":"<p>Berthold Vogel sieht den Staat vor neuen Aufgaben,<\/p>\n<p>Aus: vorg\u00e4nge Nr.178, Heft 2\/2007, S. 152-154<\/p>\n<p>Unter dem Eindruck von Globalisierung und Transnationalisierung wurden in den letzten Jahren Spekulationen \u00fcber das unmittelbar bevorstehende Ende des Staates, zumindest aber dessen weit reichenden Einflussverlust gen\u00e4hrt. Das es sich dabei eher um einen tiefgreifenden Modellwechsel im Verh\u00e4ltnis von Staat und Gesellschaft handelt, erweist die gegenw\u00e4rtig zu beobachtende Neujustierung wohlfahrtsstaatlicher Einflussnahme. Sie hat nichts mit staatlichem Interventionsverzicht oder einem generellen &#8222;R\u00fcckzug des Staates&#8220; gemein, wie ein Blick auf die aktuelle Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik beweist.<\/p>\n<p><i>Berthold Vogel <\/i>Die Staatsbed\u00fcrftigkeit der Gesellschaft; Hamburger Edition Hamburg 2007; 126 Seiten; 12 Euro.<\/p>\n<p>Das &#8222;spannungsreiche Verh\u00e4ltnis von Staat und Gesellschaft&#8220; bildet das zentrale Thema der j\u00fcngsten Publikation des Hamburger Soziologen Berthold Vogel. Im Unterschied zur lange Zeit dominanten &#8222;Staatsvergessenheit&#8220; der Soziologie, pl\u00e4diert dieser mit Nachdruck daf\u00fcr, das Soziale wieder st\u00e4rker vom Staat her zu denken und zu analysieren. Die von Vogel eingenommene Perspektive fokussiert die Auswirkungen und Folgen staatlicher Interventionen auf die Gestalt des gesellschaftlichen Ungleichheitsgef\u00fcges und analysiert, wie sich dieses im Zuge wohlfahrtsstaatlicher Transformationen wandelt.<\/p>\n<p>Ausger\u00fcstet mit der bei Ernst Forsthoff entliehenen Formel der Staatsbed\u00fcrftigkeit der Gesellschaft beleuchtet Vogel den Zusammenhang von wohlfahrtsstaatlicher Transformation, arbeitsweltlicher Dekonstruktion und deren &#8222;ungleichheitsverst\u00e4rkenden Konsequenzen&#8220;. Dazu verkn\u00fcpft er die politikwissenschaftliche Wohlfahrtsstaatsforschung mit einer Soziologie sozialer Ungleichheit. Anstelle einer rein typenbildenden Analyse &#8211; wie Vogel sie an Esping-Andersen kritisiert &#8211; \u00f6ffnet er den Blick auf die sozialen K\u00e4mpfe und Konflikte, die um staatliche Beg\u00fcnstigungen und Vorteile gef\u00fchrt werden. Aus dieser Perspektive erscheint der Wohlfahrtsstaat als &#8222;politisches Ordnungsmodell des Sozialen&#8220;, das eine formative Wirkung auf die gesellschaftliche Sozial -und Ungleichheitsstruktur entfaltet, in dem es Privilegien gew\u00e4hrt oder vorenth\u00e4lt, Aufstiegschancen bestimmter Gruppen beg\u00fcnstigt und andere benachteiligt. Als Folge des Transformationsprozesses vom &#8222;sorgenden&#8220; zum &#8222;gew\u00e4hrleistenden&#8220; Wohlfahrtsstaat konstatiert er strukturelle Verschiebungen in der deutschen Mittelstandsgesellschaft. Deren Merkmale waren eine Expansion von Bildungseinrichtungen und sozialen Sicherungssystemen. Der mit den rot-gr\u00fcnen Sozial- und Arbeitsmarktreformen begonnene Umbau des deutschen Wohlfahrtsstaatsmodells gef\u00e4hrdet nun diese einstigen Aufstiegswege und Privilegien der Mittelklassen. In Konfrontation mit sozialen Abstiegs\u00e4ngsten, Wohlfahrtseinbu\u00dfen und drohenden Statusverlusten wird die breite Mittelschicht der Verwundbarkeit ihrer sicher geglaubten gesellschaftlichen Stellung gegenw\u00e4rtig . Sie erkennt, in welchem Ausma\u00df ihre Position von den Leistungen des &#130; sorgenden Staates&#8216; abh\u00e4ngig gewesen ist.<\/p>\n<p>Aber nicht allein die abstiegsbedrohten Mittelklassen entdecken die gesellschaftliche Staatsbed\u00fcrftigkeit. Im Angesicht des folgenreichen Umbaus des deutschen Wohlfahrtsstaates kehrt der Staat als &#8222;Denkkategorie und Ordnungsvorstellung des Sozialen&#8220; in die politischen, publizistischen und auch wirtschaftlichen Debatten um dessen zuk\u00fcnftige Gestalt zur\u00fcck. So \u00fcberraschten die Diskussionen auf dem diesj\u00e4hrigen Weltwirtschaftsgipfel im schweizerischen Davos, bei denen, angesichts einer steigenden Zahl von Globalisierungs- und Modernisierungsverlierern, der Ruf nach mehr staatlicher F\u00fcrsorge und einer st\u00e4rkeren Besteuerung der finanziell Bessergestellten laut wurde.<\/p>\n<p>Die Staatsbed\u00fcrftigkeit der Gesellschaft scheint immer dann bewusst zu werden, vermutet Vogel, wenn Staat und Gesellschaft in ein problematisches Verh\u00e4ltnis zueinander treten. Gegenw\u00e4rtig besteht diese Problematik in der Br\u00fcchigkeit des einstigen Erfolgsb\u00fcndnisses aus expansiver staatlicher Sicherung und der arbeitsrechtlich gesch\u00fctzten Erwerbsgesellschaft.<\/p>\n<p>Der &#8222;gew\u00e4hrleistende Staat&#8220; mit seiner Abkehr vom Prinzip der Status- und Lebensstandardsicherung auf der einen und die Prekarisierung der Arbeitswelt auf der anderen Seite produzieren neue Unsicherheitslagen und -gef\u00fchle, die ihre Wirkm\u00e4chtigkeit bis weit in die &#8222;Zone der Integration&#8220; (Castel) hinein entfalten. Anstelle eines f\u00fcrsorgenden Engagements mit weit reichender staatlicher Absicherung fordert und f\u00f6rdert der &#8222;Gew\u00e4hrleistungsstaat&#8220; nun vermehrt private Eigeninitiative und garantiert nur noch eine einheitliche finanzielle Grundsicherung. Diese Ver\u00e4nderungen im Leistungsniveau des Staates bleiben, wie Vogel hervorhebt, f\u00fcr das &#8222;soziale Ganze&#8220; nicht folgenlos. Als zentrale Felder, auf denen diese Ver\u00e4nderungen sichtbar wer den, nennt er beispielhaft die sukzessive Umwandlung von Wohlfahrtsverb\u00e4nden in &#8222;Sozialkonzerne&#8220; sowie die voranschreitende Entgrenzung und Flexibilisierung des Arbeitsrechts.<\/p>\n<p>Um ein wissenschaftlich differenziertes Bild der Folgen dieser Entwicklungen zu zeichnen, h\u00e4lt Vogel es f\u00fcr unabdingbar, die Klasseneffekte der &#8222;Institutionenfortbildung&#8220; (Schelsky) des deutschen Wohlfahrtsstaatsmodells in den Blick zunehmen. F\u00fcr die damit verbundene &#8222;sozialstrukturelle Frage&#8220; nach den Orten gesellschaftlicher Ungleichheiten, so bem\u00e4ngelt er, ist die sozialwissenschaftliche Analyse allerdings nur unzureichend ger\u00fcstet. Seiner Einsch\u00e4tzung nach scheint das aus Frankreich stammende und auch in Deutschland kontrovers diskutierte Konzept sozialer Exklusion noch der Zeit des golden age of capitalism anzugeh\u00f6ren, in der sich eine klare Trennlinie zwischen einer Mehrheit an Gewinnern und einer Minderheit an Verlierern ziehen lie\u00df. F\u00fcr die zwischen diesen beiden Polen expandierende gesellschaftliche \u00dcbergangszone dagegen ist der Exklusionsbegriff weitgehend blind.<\/p>\n<p>Um die &#8222;Fallstricke des Exklusionsbegriffs&#8220; (Castel) zu vermeiden und &#8222;den Blick auf die sozialen Zwischenr\u00e4ume und die biographischen \u00dcbergangszonen&#8220; zu lenken, operiert Vogel stattdessen mit den Begriffen der &#8222;Verwundbarkeit&#8220; (Castel) und des &#8222;prek\u00e4ren Wohlstands&#8220; (H\u00fcbinger). Als Prozessbegriffe analysieren beide Konzepte prekarisierte Erwerbsbiographien und fokussieren damit Abstiegsszenarien, die in der Mitte der Gesellschaft ihren Ausgang nehmen, aber nicht nahtlos in soziale Ausgrenzung m\u00fcnden. Vielmehr handelt es sich bei den untersuchten Lebenslagen um einen sozialen Schwebezustand, der Stillstand ebenso wie Auf- und Abstiegsbewegungen kennt. Diese Uneindeutigkeiten versuchen die beiden Begriffe zu konzeptualisieren: Der Begriff &#8222;sozialer Verwundbarkeit&#8220; zielt auf die &#8211; im Prekarisierungsdiskurs gegenw\u00e4rtig nur unbefriedigend entfaltete &#8211; Vermittlung zwischen strukturellen Unsicherheiten auf der einen und individuellen F\u00e4higkeiten, diese Risken zu be- und verarbeiten auf der anderen Seite. Der Begriff des &#8222;prek\u00e4ren Wohlstands&#8220; dagegen, der als Kategorie seit 2002 in den Sozialbericht des Statistischen Bundesamts Eingang gefunden hat, nimmt Einkommenszonen zwischen &#8222;verfestigter Armut und gesicherten Wohlstandspositionen&#8220; in den Blick und interessiert sich folglich f\u00fcr die Prekarit\u00e4t des Wohlstandes.<\/p>\n<p>Bei diesen Entwicklungen handelt es sich jedoch nicht um einen &#8222;universalen Trend&#8220; hin zu immer mehr Risiko und Unsicherheit. Vogel redet nicht einer einseitigen Verfallsperspektive das Wort, sondern verweist zu Recht darauf, dass die gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen ebenfalls aussichtsreiche, wenn auch riskante Chancen bergen. Zu den GewinnerInnen der aktuellen Entwicklungen z\u00e4hlen nicht zuletzt jene ArbeitnehmerInnen, die mit dem Leitbild des flexiblen, aktiven und eigenverantwortlichen Arbeitskraftunternehmers &#8211; wie es von G. G\u00fcnter Vo\u00df und Hans J. Pongratz untersucht wird &#8211; erfolgreich umzugehen wissen.<\/p>\n<p>Den konzeptionellen Vorschl\u00e4gen f\u00fcr eine ad\u00e4quate Erforschung der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen stellt Vogel politische Empfehlungen zur Seite. Die positiv verwendete Formel von der Staatsbed\u00fcrftigkeit der Gesellschaft dokumentiert seinen normativen Anspruch einer nach wie vor m\u00f6glichen Gestaltbarkeit des Sozialen qua politischer und rechtlicher Intervention. Der von ihm skizzierte gesellschaftliche Wandel ist nicht Ergebnis eines naturgesetzlich ablaufenden Prozesses, des &#8222;Juggernaut Wagens der Globalisierung&#8220; (Giddens), sondern &#8222;Resultat politischer und gesetzgeberischer Reformvorstellung.&#8220; Diese reformerische Kraft muss sich nach An sicht Vogels nicht allein der &#8222;Abstiegsverhinderung&#8220; der Mittelklassen, sondern auch wieder st\u00e4rker der allgemeinen &#8222;Aufstiegserm\u00f6glichung&#8220; zuwenden, um die drei zentralen Versprechen wohlfahrtsstaatlicher Gesellschaften auf sozialen Aufstieg, Fairness und soziale Sicherung faktisch einl\u00f6sen zu k\u00f6nnen. Neben einer St\u00e4rkung der Hilfebed\u00fcrftigen in den sozialen Randlagen pl\u00e4diert Vogel daher f\u00fcr die &#8222;Herstellung sozialer Durchl\u00e4ssigkeit als Vitalit\u00e4tsprinzip freier und offener Gesellschaften.&#8220;<\/p>\n<p>Auf die empirische Einl\u00f6sung von Vogels zentralen Thesen zum Zusammenhang von politischer Gestaltung und sozialem Strukturgef\u00fcge darf man gespannt sein.<\/p>\n<p>Allerdings ist sicherlich ein Schwachpunkt der vorgelegten Studie, dass die Verbindung von strukturellen Unsicherheiten und deren subjektiver Bew\u00e4ltigung, zwischen objektiver und &#8222;gef\u00fchlter&#8220; Prekarit\u00e4t, wie Vogel sie mit seinem Konzept &#8222;sozialer Verwundbarkeit&#8220; nahe legt, weitgehend unausgef\u00fchrt bleibt. Zudem h\u00e4tte man sich von einem Autor, dessen erkl\u00e4rtes Vorhaben es ist, das Soziale wieder verst\u00e4rkt vom Staat her zu denken, konkretere politische Wegmarken und Handlungsimpulse gew\u00fcnscht. Dennoch ist es ein rundum anregender und lesenswerter Beitrag.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1979],"publikationen":[1225],"class_list":["post-11112","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-philipp-ramos-lobato","publikationen-178-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ein Staat mit M\u00f6glichkeitssinn - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/178-vorgaenge\/publikation\/ein-staat-mit-moeglichkeitssinn\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Ein Staat mit M\u00f6glichkeitssinn - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Berthold Vogel sieht den Staat vor neuen Aufgaben, Aus: vorg\u00e4nge Nr.178, Heft 2\/2007, S. 152-154 Unter dem Eindruck von Globalisierung und Transnationalisierung wurden in den letzten Jahren Spekulationen \u00fcber das unmittelbar bevorstehende Ende des Staates, zumindest aber dessen weit reichenden Einflussverlust gen\u00e4hrt. 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