{"id":11201,"date":"1988-01-15T21:10:00","date_gmt":"1988-01-15T20:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/antisemitismus-und-gesellschaftstheorie\/"},"modified":"1988-01-15T12:00:00","modified_gmt":"1988-01-15T11:00:00","slug":"antisemitismus-und-gesellschaftstheorie","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/91-vorgaenge\/publikation\/antisemitismus-und-gesellschaftstheorie\/","title":{"rendered":"Antisemitismus und Gesellschaftstheorie"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 91 (Heft 1\/1988), S. 55-68<\/p>\n<p>Die raison d&#8217;etre einer emanzipatorischen Gesellschaftstheorie wird heute nirgends plastischer als am Antisemitismus. Das gemeine Alltagsbewu\u00dftsein gibt sich damit zufrieden, zu behaupten: Antisemitismus hat es gegeben, aber Antisemitismus gibt es nicht mehr. An dieser Behauptung ist nichts wahr, sie ist so alt wie die moderne b\u00fcrgerliche Gesellschaft selbst. Der Umgang mit Geschichte und Zeit kann an ihr studiert werden; denn diese Alltagsweisheit ist eine Variante des Satzes: Geschichte hat es gegeben, aber gibt es nicht mehr.<\/p>\n<p>Man sollte sich nicht durch die Begriffsgeschichte verf\u00fchren lassen, die man im Lexikon \u00bbGeschichtliche Grundbegriffe\u00ab kurz und etwas zu knapp nachlesen kanno Dort schreiben zwei ausgewiesene Historiker, Reinhard R\u00fcrup und Thomas Nipperdey: \u00bbDas Wort Antisemitismus ist nach 1945 in Deutschland zweifellos h\u00e4ufiger gebraucht worden als in den zw\u00f6lf Jahren vorher. Wissenschaft, Publizistik und P\u00e4dagogik haben den Antisemitismus als ein Schl\u00fcsselph\u00e4nomen analysiert. Dabei ist die Bedeutung des Begriffs &#8218;Antisemitismus&#8216; au\u00dferordentlich erweitert worden: er meint nicht mehr nur die antij\u00fcdische Bewegung seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert &#151; die man nun meist als &#8218;`modernen Antisemitismus&#8216; bezeichnet &#151;, sondern alle judenfeindlichen \u00c4u\u00dferungen, Str\u00f6mungen und Bewegungen in der Geschichte. Antisemitismus ist zu einem &#8218;Synonym f\u00fcr eine unfreundliche oder feindselige Haltung den Juden gegen\u00fcber&#8216; geworden. Versuche, die \u00e4ltere, nicht rassisch bestimmte Judenfeindschaft als &#8218;Antijudaismus&#8216; oder &#8218;Antimosaismus&#8216; vom modernen Antisemitismus abzusetzen, sind praktisch erfolglos geblieben: im allgemeinen Sprachgebrauch hat sich der Begriff Antisemitismus in seinem weitesten Sinne im wesentlichen durchgesetzt. Auch die Wissenschaft wird diesen Sprachgebrauch ber\u00fccksichtigen m\u00fcssen; f\u00fcr ein angemessenes historisches Verst\u00e4ndnis des Ph\u00e4nomens &#8218;Antisemitismus&#8216; kann sie jedoch auf den \u00e4lteren, engeren Begriff nicht verzichten. [1]<\/p>\n<p>Begriffsgeschichte mu\u00df sich daran orientieren, wann der Begriff auftaucht und wie er verwendet wird. Obwohl viele Originalit\u00e4tsrecht f\u00fcr sich verbuchen m\u00f6chten, stammt das Wort aus den Berliner Diskussionen des Jahres 1879, in dem als Reaktion auf die Sumpfbl\u00fcten der Gr\u00fcnderzeit eine heftige antisemitische Diskussion und Agitation einsetzte. Sachlich schien die Diskussion gerechtfertigt, weil mit dem Abschlu\u00df des deutsch-franz\u00f6sischen Krieges und der Gr\u00fcndung des Zweiten Reiches auch die Emanzipationsgesetzgebung in Deutschland abgeschlossen wurde. Die Ergebnisse dieses Prozesses wurden unter den Gebildeten im sogenannten \u00bbBerliner Antisemitismusstreit\u00ab diskutiert, den Walter Boehlich hervorragend dokumentiert hat. [2] Auff\u00e4llig in diesem Berliner Antisemitismusstreit von damals bleibt, da\u00df die antij\u00fcdischen Argumentationen sich vom vulg\u00e4ren Antisemitismus distanzieren.<\/p>\n<p>Diese antisemitische Agitation begann mit den Reden des Hofpredigers Stoecker, der am 19. September 1879 \u00bbUnsere Forderungen an das moderne Judentum\u00ab formulierte. Er wollte den Antisemitismus aus der konservativen Ecke herausholen und zum Gadget seiner christlich-sozialen, d.h. antisozialdemokratischen Arbeiterbewegung machen. Nein, dumm war dieser Stoecker nicht, denn er wu\u00dfte genau, worum es geht: \u00bbMarx und Lassalle haben das Problem nicht nach der B\u00f6rse, sondern nach der Industrie hin gesucht, die Industriellen f\u00fcr alle sozialen Mi\u00dfst\u00e4nde verantwortlich gemacht und den Ha\u00df der Arbeiter auf sie gelenkt. Unsere Bewegung korrigiert das in etwa: Wir zeigen dem Volk die Wurzeln seiner Not in der Geldmacht, dem Mammonsgeist der B\u00f6rse.\u00ab [3] Wie sehr Mitte der siebziger Jahre die Agitation in ei-ne einheitliche, antisozialistische Richtung ging, zeigt die Artikelserie von Otto Glagau aus der \u00bbGartenlaube\u00ab im Jahre 1876\/77: \u00bbDas Judentum\u00ab, schreibt Glagau, \u00bbist das angewandte, bis zum Extrem durchgef\u00fchrte Manchestertum. Es kennt nur noch den Handel, und auch davon nur den Schacher und Wucher. Es arbeitet nicht selber, sondern l\u00e4\u00dft andere f\u00fcr sich arbeiten, es handelt und spekuliert mit den Arbeits- und Geistesprodukten anderer. Sein Zentrum ist die B\u00f6rse&#8230; Als ein fremder Stamm steht es dem Deutschen Volk gegen\u00fcber und saugt ihm das Mark aus. Die soziale Frage ist wesentlich Gr\u00fcnder- und Judenfrage, alles \u00fcbrige ist Schwindel.\u00ab [4]<\/p>\n<p>Diese Zusammenh\u00e4nge hat Paul W. Massing in einer Arbeit untersucht, erschienen in der von Max Horkheimer initiierten Reihe bei Harper &#038; Brother, New York, die den ber\u00fchmten Titel trug: \u00bbStudies in Prejudice\u00ab. Paul W. Massing nannte sein Buch \u00bbRehearsal for Destruction\u00ab, das dann, zehn Jahre sp\u00e4ter, 1959 in Westdeutschland unter dem Titel \u00bbVorgeschichte des politischen Antisemitismus\u00ab mit einem Vorwort von Horkheimer und Adorno erschien. Reinhard R\u00fcrup nennt Massings Arbeit den \u00bbfunktionalistischen Interpretationsansatz, der auch in der westlichen Forschung eine wichtige Rolle spielt.\u00ab [5] Im klassifikatorischen Wissenschaftsdeutsch von heute ist v\u00f6llig untergegangen, da\u00df diese Studie Massings im Zusammenhang der Arbeiten des \u00bbInstituts f\u00fcr Sozialforschung\u00ab in Amerika zu sehen ist, dem einzigen wirklichen Versuch emanzipatorischer Gesellschaftstheorie, den Antisemitismus und die R\u00fcckwirkung von Auschwitz auf Gesellschaftsver\u00e4nderung zu begreifen. Titel, \u00dcbersetzung und Fortf\u00fchrung dieser Arbeiten sind immer weiter in Sklavensprache gehalten worden &#151;Begriffe wie Vorurteil, autorit\u00e4rer Charakter etc., die heute den wirklichen Zusammenhang der Antisemitismusstudien des Instituts verschleiern. Das bedeutende siebenteilige Kapitel \u00bbElemente des Antisemitismus\u00ab aus der \u00bbDialektik der Aufkl\u00e4rung\u00ab ist schon bei R\u00fcrup zu einem eigenwilligen, keiner Fortsetzung f\u00e4higen Interpretationsansatz gworden. Es wird gar nicht gesehen, da\u00df dies kein Produkt westlicher Forschung ist, was auf den Mangel marxistisch-leninistischer Theoreme zur\u00fcckweist, sondern der Versuch einer kritischen Gesellschaftstheorie, die aus der Tradition der Marxschen stammt, den Antisemitismus in seinen Formwandlungen zu begreifen. Die Marxismen-Leninismen in West und Ost haben angesichts und nach Auschwitz in der Analyse des Antisemitismus vollst\u00e4ndig versagt. Reinhard R\u00fcrup weist zurecht darauf hin, da\u00df der marxistisch-leninistische \u00bbBeitrag zur Entwicklung der internationalen Antisemitismusforschung bis heute erstaunlich gering ist.\u00ab [6]<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt schon zur Verk\u00fcmmerung des Denkens, das den Stalinismus nicht unbeschadet \u00fcberstanden hat, Marx und Marxismus mit \u00f6stlicher Forschung zu identifizieren. Diese Eindimensionalit\u00e4t ist im Kalten Krieg erst recht befestigt worden. Aus dieser Kalten-Kriegs-Situation ist auch nur zu verstehen, warum Horkheimer und Adorno, aber auch Marcuse, bis zu einem gewissen Grade der Sklavensprache verhaftet blieben. Der letzte gro\u00dfe Kampf, in dem die kritischen Theoretiker sich als aktive Momente und Akteure dieses Kampfes sahen, richtete sich gegen den Nationalsozialismus. Im Nachla\u00df der Schriften Max Horkheimers findet sich eine Rede vom 16. April 1943, wohl in kleinem Kreis gehalten: \u00bbSeit vielen Jahren ist es nun unsere \u00dcberzeugung, da\u00df die tagt\u00e4gliche Verteidigung gegen den Antisemitismus, gegen die L\u00fcgen und Verbrechen unserer Feinde, nur eine Seite unseres Kampfes um Selbsterhaltung sein kann. Den Krebs behandeln wir in Kliniken, wir pflegen die Kranken und versuchen, ihre Schmerzen zu lindern und ihr Leben zu verl\u00e4ngern. Aber au\u00dferhalb der Kliniken, und unabh\u00e4ngig von ihren Bem\u00fchungen, geht die unerm\u00fcdliche Forschungsarbeit weiter: eine methodische und gut organisierte Untersuchung, in der das Wissen aus den verschiedenen Sph\u00e4ren vereinigt wird. Ebenso sollte der t\u00e4gliche Kampf gegen den Antisemitismus mit einer wohlgeplanten Erforschung der zugrundeliegenden destruktiven Tendenzen einhergehen. Unser Interesse als Juden, das uns zum Engagement bei dieser Arbeit veranla\u00dft, ist gleichbedeutend mit unserer Aufgabe als K\u00e4mpfer f\u00fcr die Zukunft der Menschheit. Wie n\u00e4mlich die biologischen Untersuchungen der Natur einer Krankheit oft bessere Erkenntnisse \u00fcber andere Plagen oder gar eine tiefere Einsicht in die Natur der Krankheit als solche mit sich gebracht haben, so k\u00f6nnte sich wohl auch die unerschrockene Untersuchung des Antisemitismus als der beste Zugang zur Erkl\u00e4rung der antidernokratischen Gef\u00fchle der Massen erweisen und zu neuen Methoden, um deren emotionale und moralische Verfassung auf den Stand zu bringen, der in den Wissenschaften und in der Industrie erreicht wurde\u00ab. [7]<\/p>\n<p>Der wirkliche Zusammenhang, in dem das Antisemitismus-Kapitel der \u00bbDialektik der Aufkl\u00e4rung\u00ab steht, wird hier sichtbar. Es ist derselbe, in dem die \u00bbStudies in Prejudice\u00ab und \u00bbAuthoritarian Personality\u00ab stehen. Zun\u00e4chst einmal ist es nicht einzelnen Forscherkarrieren zuzurechnen, sondern es geht im alten Sinne um eine verbindliche Theorie &#151;ein \u00bbdie Individuen \u00fcbergreifendes Denken\u00ab, eben dasselbe, was die Marxsche Theorie intendiert zu sein, als Marxismus aber nicht mehr ist. Das Studium des Antisemitismus sollte damals den Schl\u00fcssel liefern, warum Befreiung mi\u00dfgl\u00fcckt. Wir behaupten, da\u00df das Studium des Antisemitismus das Bed\u00fcrfnis nach einer historisch greifenden kritischen Theorie der Gesamtgesellschaft schafft, weil man sonst in den Aporien der antisemitischen Fragestellungen selbst steckenbleibt. Adorno spricht dies schon in der \u00bbAuthoritarian Personality\u00ab aus: \u00bbDem Problem der `Einzigartigkeit&#8216; des j\u00fcdischen Ph\u00e4nomens und folglich des Antisemitismus kann man nur durch Rekurs auf eine Theorie nahekommen, die den Rahmen dieser Studie \u00fcberschreitet. Eine solche Theorie w\u00fcrde weder eine Vielfalt von `Faktoren&#8216; aufz\u00e4hlen, noch einen spezifischen als `den&#8216; Anla\u00df ausw\u00e4hlen, sondern eher einen geschlossenen Rahmen entwickeln, in dem alle `Elemente&#8216; konsistent miteinander verbunden sind, was auf nichts weniger als auf eine Theorie der modernen Gesellschaft als Ganzer hinauslaufen w\u00fcrde.\u00ab [8]<\/p>\n<p>Das genau sollte die \u00bbDialektik der Aufkl\u00e4rung\u00ab leisten, aber sie ist eine Sammlung philosophischer Fragmente geworden. Das Antisemitismuskapitel entspricht auch nicht dem Adornoschen Anspruch, sondern die Elemente des Antisemitismus folgen recht unvermittelt und thesenhaft aufeinander. Aber emanzipatorische Gesellschaftstheorie findet hier einen Ansatzpunkt, an dem sie sich in der Analyse bew\u00e4hren mu\u00df. Ich m\u00f6chte an dieser Stelle vor gedanklicher Bequemlichkeit warnen. Der Entstehungszeitraum der Antisemitismusstudien und der \u00bbDialektik der Aufkl\u00e4rung\u00ab wird uns aus dem Horkheimerschen Nachla\u00df noch einmal ganz deutlich. Es geht nicht allein &#151; wie Habermas sagt &#151; um die \u00bbDekomposition der b\u00fcrgerlichen Kultur&#8230; in Deutschland\u00ab [9], sondern um den Untergang einer Welt. Hinter diesen Erkenntnisstand kann man nicht willk\u00fcrlich zur\u00fcck, um eine \u00bbpositive\u00ab Theorie der Moderne zu liefern. In unserem Nachdenken \u00fcber die \u00bbDialektik der Aufkl\u00e4rung\u00ab mu\u00df aufgehoben sein, da\u00df sie als einzige emanzipatorische Theorie den m\u00f6rderischen Augenblick reflektiert. Horkheimer versucht 1943 seinen Zuh\u00f6rern in einer weiteren Rede \u00bbdas Ausma\u00df der Katastrophe in Erinnerung zu rufen\u00ab. Er zitiert Edwin C. Johnson vor dem Kongre\u00df, der am 14. Januar 1943 sagte: \u00bbIn den Herzen mu\u00df die Erkenntnis reifen und Fu\u00df fassen, da\u00df Israel nicht allein bluten darf, sondern da\u00df seine Wunden die Wunden der ganzen Menschheit sind. Die Juden in Europa werden zu 7 000 pro Tag oder zu 5 pro Minute abgeschlachtet. In den 10 Minuten, die mir f\u00fcr dieses Programm zugebilligt wurden, sind 50 Juden schmachvoll in den Tod geschickt worden.\u00ab [10]<\/p>\n<p>Es geht darum, ein historisches Bewu\u00dftsein von Einzigartigkeit und Wiederholbarkeit von Auschwitz zu entwickeln &#151; ein paradoxes, ein widerspr\u00fcchliches Bewu\u00dftsein, das schwer zu ertragen ist. Deswegen weichen die Menschen meist davor zur\u00fcck, weil das Falsche am t\u00e4glichen Betrieb und die Ohnmacht der Individuen sichtbar wird. Auschwitz bleibt der nervus rerum kritischer Theorie; ohne Reflexion auf Auschwitz verharmlost man alles, was Horkheimer, Adorno, L\u00f6wenthal und Marcuse gedacht haben. Daraus folgt auch, da\u00df man sich einen anderen Namen w\u00e4hlen m\u00fc\u00dfte, wenn man kritische Theorie, f\u00fcr die die Erfahrung von Auschwitz marginal sein soll, betreiben wollte. Kritische Theorie ohne \u00bbDialektik der Aufkl\u00e4rung\u00ab\u00a0l\u00e4\u00dft sich nur in eine schlechte Unendlichkeit verl\u00e4ngern. [11] Ohne dies \u00bbBewu\u00dftsein von N\u00f6ten\u00ab kann Gesellschaftstheorie nicht kritisch sein, sondern schl\u00e4gt um in Betriebsamkeit und Affirmation. Auschwitz wird zum thema probandum, ob emanzipatorische Theorie nach Auschwitz \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist. Erst wenn man so fragt, glaue ich, wird einem die zentrale Bedeutung dieser Reflexion bewu\u00dft.<\/p>\n<p>Die Vernunftkritik der \u00bbDialektik der Aufkl\u00e4rung\u00ab ist keine intellektuelle Grille von Horkheimer und Adorno, sondern die \u00e4u\u00dferste Anstrengung, dem Sinnverlust von Geschichte nicht zu erliegen. Der Zeitkern vern\u00fcnftiger Wahrheit liegt in der Aufkl\u00e4rung und ihrer versuchten Verwirklichung der Franz\u00f6sischen Revolution als nucleus; diese Zeit versucht Hegel in Gedanken zu fassen: Es ist nichts anderes als die Epoche der Emanzipation, die Heine noch 1828 bei der Besichtigung des Schlachtfelds von Marengo in die gro\u00dfartigen Worte fa\u00dft, schon mit dem Schu\u00df Ironie, der aus dem Leid mi\u00dfgl\u00fcckter Befreiung kommt: \u00bbWas aber ist die gro\u00dfe Aufgabe unserer Zeit? Es ist die Emanzipation. Nicht blo\u00df die der Irl\u00e4nder, Griechen, Frankfurter Juden, westindischer Schwarzen und dergleichen unterdr\u00fcckten V\u00f6lker, sondern es ist die Emanzipation der ganzen Welt, absonderlich Europas, das m\u00fcndig geworden ist und sich jetzt losrei\u00dft von dem eisernen G\u00e4ngelbande der Bevorrechteten, der Aristokratie. M\u00f6gen immerhin einige philosophische Renegaten der Freiheit die feinsten Kettenschl\u00fcsse schmieden, um uns zu beweisen, da\u00df Millionen Menschen geschaffen sind als Lasttiere einiger tausend priviligierter Ritter, sie werden uns den-noch nicht davon \u00fcberzeugen k\u00f6nnen, solange sie uns, wie Voltaire sagt, nicht nach-weisen, da\u00df jene mit S\u00e4tteln auf dem R\u00fccken und diese mit Sporen an den F\u00fc\u00dfen zur Welt gekommen sind.\u00ab [12]<\/p>\n<p>Heine versucht, auf die kleinlichsten Verh\u00e4ltnisse in dem gr\u00f6\u00dften Zusammenhange aufmerksam zu machen. \u00bbFrankfurter Juden\u00ab steht f\u00fcr die widerspruchsvolle Geschichte der Frankfurter Judenemanzipation im Gefolge der Franz\u00f6sischen Revolution. Die Gro\u00dfe Revolution selbst hatte die franz\u00f6sischen Juden am 13. November 1791 emanzipiert. Bis dahin waren die Juden Objekte aufgekl\u00e4rter B\u00fcrokraten gewesen. Mirabeau orientierte sich an der deutschen Diskussion, die vor allem vom preu\u00dfischen Kriegsrat Dohm, der eine \u00bbb\u00fcrgerliche Besserung\u00ab der Juden von oben anstrebte, gef\u00fchrt wurde. Aus dieser Sicht blieb die Emanzipation der Juden eine Erziehungsfrage, in der die Juden erst zu B\u00fcrgern, d.h. zu Menschen gebessert wer-den sollten, bevor sie Menschen- und B\u00fcrgerrechte erhielten. Reinhard R\u00fcrup, der beste Historiker des Emanzipationsvorganges in j\u00fcngster Zeit, schreibt: \u00bbWirkliche Fortschritte wurden in Deutschland erst unter dem Einflu\u00df Napoleons bzw. der durch ihn bewirkten Ersch\u00fctterungen und Ver\u00e4nderungen erzielt. Zur vollen Emanzipation kam es in allen von Frankreich unmittelbar oder mittelbar beherrschten Gebieten: zuerst in den zu Frankreich geschlagenen linksrheinischen Departements, dann im Gro\u00dfherzogtum Berg und im K\u00f6nigreich Westfalen\u00ab (Dekret vom 27.1.1808). [13]<\/p>\n<p>Im Jahr 1808 kam es allerdings zu einem Tiefpunkt, als Napoleon, um die antisemitische Agitation im Elsa\u00df zu beruhigen, das \u00bbD\u00e9cret Inf\u00e4me\u00ab erlie\u00df, das auf zehn Jahre die b\u00fcrgerlichen Rechte der Juden suspendierte. Napoleon beantwortete die Agrarkrise der verschuldeten Els\u00e4sser Bauern auf seine Weise, in dem er den Ha\u00df gegen j\u00fcdische Kleincreditoren auf seine M\u00fchlen lenkte. Der Schaden dieser Ma\u00dfnahme blieb immens. Die Bauern, mit deren Kraft die b\u00fcrgerliche Revolution sich \u00fcberhaupt durchsetzt, sind bekanntlich die ersten Opfer der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft; Eigentum an Grund und Boden wird kapitalisiert und diesem Proze\u00df ist die Mehrzahl der Bauern nicht gewachsen, verschuldet sich und ger\u00e4t in unausweichliche Not. Man f\u00fchlt sich betrogen, aber man durchschaut nicht den Gesamtvorgang von Kapitalisierung, hinter dem die gro\u00dfen Eigent\u00fcmer stehen, sondern man sieht nur den auf dem Land lebenden Creditor &#151; in Gebieten wie dem Elsa\u00df, sozusagen ein St\u00fcck deutsch-j\u00fcdischer Agrarverh\u00e4ltnisse in Frankreich, j\u00fcdische Creditoren. Der Wucher besteht vor allem darin, da\u00df Juden Geldwirtschaft im agrarischen Milieu repr\u00e4sentieren &#151; ein Milieu, in dem der produzierte Mehrwert au\u00dferordentlich gering ist. Den Emanzipationsfeinden in S\u00fcddeutschland gab das Decret Inf\u00e4me besten Agitationsstoff in die Hand, eben da\u00df die vorbehaltlose Gew\u00e4hrung gleicher Rechte wie 1797 nicht durchzuhalten w\u00e4re.<\/p>\n<p>Die Designation der Juden zu Opfern des Volkszorns besitzt Tradition. Seit den Kreuzz\u00fcgen, also gut tausend Jahre, werden sie mit wechselnden anderen Gruppen zu Objekten von Herrschaft gemacht. Schon fr\u00fch beginnt die Durchsetzung der Waffenlosigkeit und die Verbannung in das Geldwesen, die gesetzlich erzwungen wird. Ebenfalls gesetzlich erzwungen wird die \u00e4u\u00dferliche Kennzeichnung in der Kleiderordnung, wie Hut und gelber Fleck, wie die entsprechende Wohnordnung. Aus dieser entsteht das Ghetto, eine wahrhaft europ\u00e4ische Einrichtung. Vorurteil hie\u00df, diesen \u00e4u\u00dferen Ordnungen unterworfen zu sein. In der Schilderung eines Frankfurter Patrizierkindes namens Johann Wolfgang von Goethe lebt etwas von der Vorurteilshaftigkeit dieses vorb\u00fcrgerlichen Europas weiter. In \u00bbDichtung und Wahrheit\u00ab beschreibt er die Frankfurter Judengasse abf\u00e4llig:<\/p>\n<p>\u00bbZu den ahnungsvollen Dingen, die den Knaben und auch wohl den J\u00fcngling bedr\u00e4ngten, geh\u00f6rte besonders der Zustand der Judenstadt, eigentlich die Judengasse genannt, weil sie kaum aus etwas mehr als einer einzigen Stra\u00dfe besteht, welche in fr\u00fchen Zeiten zwischen Stadtmauer und Graben wie in einen Zwinger mochte eingeklemmt worden sein. Die Enge, der Schmutz, das Gewimmel, der Akzent einer unerfreulichen Sprache, alles zusammen machte den unangenehmsten Eindruck, wenn man auch nur am Tore vorbeigehend hineinsah. Es dauerte lange, bis ich allein mich hineinwagte, und ich kehrte nicht leicht wieder dahin zur\u00fcck, wenn ich einmal den Zudringlichkeiten so vieler, etwas zu schachern unerm\u00fcdet fordernder oder anbietender Menschen entgangen war. Dabei schwebten die alten M\u00e4rchen von Grausamkeit der Juden gegen die Christenkinder, die wir in Gottfrieds &#8218;Chronik` gr\u00e4\u00dflich ab-gebildet gesehen, d\u00fcster vor dem jungen Gem\u00fct. Und ob man gleich in der neuern Zeit besser von ihnen dachte, so zeugte doch das gro\u00dfe Spott- und Schandgem\u00e4lde, welches unter dem Br\u00fcckenturm an einer Bogenwand, zu ihrem Unglimpf, noch ziemlich zu sehen war, au\u00dferordentlich gegen sie: denn es war nicht etwa durch einen Privatmutwillen, sondern aus \u00f6ffentlicher Anstalt verfertigt worden.<\/p>\n<p>Indessen blieben sie doch das auserw\u00e4hlte Volk Gottes und gingen, wie es nun mochte gekommen sein, zum Andenken der \u00e4ltesten Zeiten umher. Au\u00dferdem waren sie ja auch Menschen, t\u00e4tig, gef\u00e4llig, und selbst dem Eigensinn, womit sie an ihren Gebr\u00e4uchen hingen, konnte man seine Achtung nicht versagen. \u00dcberdies waren die M\u00e4dchen h\u00fcbsch und mochten es wohl leiden, wenn ein Christenknabe, ihnen am Sabbat auf dem Fischerfelde begegnend, sich freundlich und aufmerksam bewies. \u00c4u\u00dferst neugierig war ich daher, ihre Zeremonien kennenzulernen. Ich lie\u00df nicht ab, bis ich ihre Schule \u00f6fters besucht, einer Beschneidung, einer Hochzeit beigewohnt und von dem Lauberh\u00fcttenfest mir ein Bild gemacht hatte. \u00dcberall war ich wohl aufgenommen, gut bewirtet und zur Wiederkehr eingeladen: denn es waren Personen von Einflu\u00df, die mich entweder hinf\u00fchrten oder empfahlen.\u00ab [14]<\/p>\n<p>Wenn die Aufkl\u00e4rung schon an einer Lichtgestalt wie Goethe ihre historisch-gesellschaftlichen Grenzen erf\u00e4hrt, ahnt man, wie stark der Gedanke von Emanzipation durch die Wirklichkeit uminterpretiert wird. Das historische Material ragt hier in die Wahrnehmungsstruktur, z.B. die \u00f6ffentliche Schandzeichnung eines Ritualmords. Das Vorurteil wurde \u00bbZur \u00f6ffentlichen Beschimpfung, zum Verdru\u00df f\u00fcr die Juden\u00ab angebracht. So lautete die Bildunterschrift, die Ludwig Marcuse in seiner B\u00f6rne-Monographie \u00fcberliefert. Dieses Vorurteil, nun &#151; wiederum w\u00f6rtlich &#151;\u00bbdie Juden daselbst von dergleichen Schelmst\u00fccken desto eher abzuhalten\u00ab [15], verwandelt sich in die Festigkeit des Volksvorurteils, das vermeint immer im Recht zu sein.<br \/>Adorno hat diese Dynamik verselbst\u00e4ndigten Meinens an der Rechthaberei beobachtet: \u00bbSie beruht auf Narzi\u00dfmus, also darauf, da\u00df die Menschen bis heute dazu gehalten sind, ein Ma\u00df ihrer Liebesf\u00e4higkeit nicht etwa geliebten Anderen zuzuwenden, sondern sich selber, auf eine verdr\u00fcckte, uneingestandene und darum giftige Weise zu lieben. Was einer f\u00fcr eine Meinung hat, wird als sein Besitz zu einem Bestandst\u00fcck seiner Person, und was die Meinung entkr\u00e4ftet, wird vom Unbewu\u00dften und Vorbewu\u00dften registriert, als werde ihm selber geschadet. Rechthaberei, der Hang der Menschen, t\u00f6richte Meinungen selbst dann hartn\u00e4ckig zu verteidigen, wenn ihre Falschheit rational einsichtig geworden ist, bezeugt die Verbreitung des Sachverhalts. Der Rechthaber entwickelt, um nur ja die narzi\u00dftische Sch\u00e4digung von sich fern zu halten, die ihm durch die Preisgabe der Meinung widerf\u00e4hrt, einen Scharfsinn, der oft weit seine intellektuellen Verh\u00e4ltnisse \u00fcbersteigt.\u00ab [16]\u00a0Antisemitisches Meinen lindert die Verletzung.<\/p>\n<p>In den \u00bbJudenschlachten\u00ab, wie das Ermorden, Vertreiben und Schuldb\u00fccherverbrennen im mittelalterlichen Frankfurt genannt wurde, in diesen tapferen \u00bbJuden-schlachten\u00ab r\u00e4chten sich die Untertanen f\u00fcr den gew\u00e4hrten Schutz der Herrschaft an den Juden. Und immer wieder wiesen sie auf die Tat, die ihnen Legitimation gab; die Juden h\u00e4tten den Messias nicht nur geleugnet, sondern ans Kreuz geschlagen. Man hat dies religi\u00f6sen Judenha\u00df oder Antijudaismus genannt; aber das leuchtet nicht ein. Der Hinweis Sigmund Freuds, da\u00df es sich hier um \u00bbschlecht getaufte Christen\u00ab [17]\u00a0handelt, die gegen die H\u00e4rte der Zivilisationsgebote einen barbarischen Groll entwickeln, kann hier weiterhelfen. Der revoltehafte Charakter dieser \u00bbJudenschlachten\u00ab, der schlechte Ausnahmezustand, der den Normalzustand strenger Herrschaft befestigt, l\u00e4\u00dft sich als antisemitischer Untertanengeist fassen. Die Revolte ist Resultat unmittelbarer Herrschaft, schlecht gelungener Internalisierung von Gewalt. In der j\u00fcdischen Tradition gibt es einen Ausdruck f\u00fcr traditionelle Judenhasser: Rechoim. Von diesem Wort stammt der Begriff \u00bbRischess\u00ab, eine Verballhornung von rischuss, was hebr\u00e4isch Bosheit bedeutet. Meinung als Gewalttat, die jederzeit praktisch werden kann &#151; das geh\u00f6rt zum antisemitischen Urstoff. Feindschaft ohne Vermittlung, Ansehen ohne Anerkennung &#151; diese Erbschaft vorb\u00fcrgerlicher Zeit geht in die b\u00fcrgerliche Gesellschaft ein.<\/p>\n<p>Dieser \u00bbRischess\u00ab, dieser vorb\u00fcrgerliche Antisemitismus, wird erst in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft zentral. Der vorb\u00fcrgeriiche Antisemitismus schafft die Illusion, der Antisemitismus habe etwas mit den Juden zu tun &#151; tats\u00e4chlich hat er, insoweit sie Opfer von Gewalttat und Verfolgung sind. Sie sind eben Einsprengsel in einer manich\u00e4ischen Welt, an deren Rand sie stehen. Die Juden in der vorb\u00fcrgerlichen Gesellschaft sind marginal; sie sind Objekt von Angriff und Apologetik. Die Alter-native von Angriff und Apologetik verlassen zu haben, darin besteht ein Verdienst b\u00fcrgerlicher Aufkl\u00e4rung. Da\u00df die Aufkl\u00e4rer die Juden falsch gesehen und interpretiert haben, l\u00e4\u00dft sich aus einer Kritik der Aufkl\u00e4rung begreifen; denn die Vernunft der Aufkl\u00e4rung ist grenzenlos, sie anerkennt nicht das bestimmte geschichtliche Konkretum. Insofern werden auch die Juden oft in der aufkl\u00e4rerischen Literatur als Demonstrations- und Spottobjekt behandelt. Aber daraus ist f\u00e4lschlicherweise j\u00fcngst die \u00bbjudenfeindliche Tendenz der Aufkl\u00e4rung\u00ab gemacht worden, wie Leon Poliakov im Untertitel den f\u00fcnften Band seiner \u00bbGeschichte des Antisemitismus\u00ab nannte. [18] Diese Art der Interpretation f\u00fchrt zu einem Irrweg, n\u00e4mlich in der Aufkl\u00e4rung eine selbst\u00e4ndige antisemitische Quelle zu erblicken. Es ist der Mangel an dialektischer Aufkl\u00e4rung, einer sich selbst reflektierenden Aufkl\u00e4rung, der die h\u00e4\u00dflichen Attacken gegen die Juden in der aufkl\u00e4rerischen Literatur ausmacht. Es gibt aber kein anderes Denken, mit dem wir den \u00dcbergang von vorb\u00fcrgerlicher in b\u00fcrgerliche Gesellschaft begreifen und zugleich die Bedingungen erkennen k\u00f6nnen, warum Emanzipation sich verkehrt.<\/p>\n<p>Mit dem Formwechsel von vorb\u00fcrgerlicher zu b\u00fcrgerlicher Gesellschaft \u00e4ndert auch der Antisemitismus seine Gestalt. Die Ausweitung der Zirkulationssph\u00e4re zur gesellschaftlichen Form, in der gesellschaftlicher Verkehr stattfindet, macht die b\u00fcrgerliche Gesellschaft zur eigentlich antisemitischen Gesellschaft. Margherita von Brentano hat das sehr sch\u00f6n auf den Begriff gebracht: \u00bbDa\u00df Emanzipation und Liberalismus nicht gelangen, da\u00df sie nicht verwirklichen, was einmal die Aufkl\u00e4rung und die Revolution an Hoffnungen auf Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit aufbrechen lie\u00dfen, daf\u00fcr, und nicht f\u00fcr eine partielle Schwierigkeit im Verh\u00e4ltnis einer bestimmten Gruppe zur Gesamtgesellschaft ist der Antisemitismus ein Index. Antisemitische Gesellschaft, d.h. eine Gesellschaft, in der die zahlenm\u00e4\u00dfig gr\u00f6\u00dften Schichten des Volkes ihr unerhelltes Unbehagen, ja ihre Wut und Verzweiflung in Ha\u00df gegen eine schwache, an den Ursachen des Unbehagens durchaus unschuldige Minderheit um-setzen, entsteht im ausgepr\u00e4gten Sinne erst mit b\u00fcrgerlicher Revolution, Liberalismus und industrieller Wirtschaft.\u00ab [19] So weit, so klar: Moderner Antisemitismus ist unaufl\u00f6slich mit mi\u00dfgl\u00fcckter Emanzipation aus vorkapitalistischen Verh\u00e4ltnissen verkn\u00fcpft.<\/p>\n<p>Da\u00df die meisten Historiker blo\u00df zu einer mechanischen Unterscheidung zwischen Antijudaismus und Antisemitismus gekommen sind, sollte nicht verwundern. Immerhin liegt darin ein Fortschritt gegen\u00fcber Annahmen eines \u00bbewigen Antisemitismus\u00ab, der zur Legitimation bestimmter Praxis mehr dient als zur Erkenntnis geschichtlicher Wahrheit. Wie sehr Deutschland im Zeichen mi\u00dfgl\u00fcckter Emanzipation steht, l\u00e4\u00dft sich an den HEP-HEP-Unruhen des Jahres 1819 ablesen. Sie kombinierten die Frustration \u00fcber die sogenannten Befreiungskriege gegen Napoleon mit der \u00f6konomischen Not unmittelbar nach denselben. Zusammenrottungen des Kleinb\u00fcrgertums, von Bauern aus der Umgebung, Handlungsgehilfen und auch studentischer Jugend &#151;(mit der Ausnahme Heidelbergs) folgten &#151; angestachelt durch Agitationen von Professoren wie Fries und R\u00fchs &#151; Aufrufen zur Pl\u00fcnderung j\u00fcdischer Kraml\u00e4den. Von W\u00fcrzburg bis Frankfurt reichte die Bewegung. Es l\u00e4\u00dft sich die Entstehung des modernen Antisemitismus zu einem Zeitpunkt beobachten, als es das Wort Antisemitismus noch gar nicht gab. W\u00e4hrend man das hassenswerte Kollektivobjekt in den Juden, den Feinden zuhause, gefunden hat, stellt sich das falsche Kollektivsubjekt und seine Ideologie schon ein: die Nation. Es bedurfte aber zun\u00e4chst des vollst\u00e4ndigen Zusammenbruchs aller emanzipatorischen Hoffnungen, um die ungeheure Gewalt des schieren Nationalismus ohne Gesellschaftsver\u00e4nderung in Freiheit zu setzen. Mitten im Krieg, 1943, im \u00e4u\u00dfersten Bewu\u00dftsein des Massenmords, hat Max Horkheimer das Spezifikum deutscher Geschichte und Kultur hervorgehoben, das die gesamte Geschichte gescheiterter und verkehrter Emanzipation durchzieht: \u00bbWie die deutsche Musik und Philosophie schon aufgrund ihrer Struktur den Begriff der Grenze bedrohen und dazu neigen, die Faktizit\u00e4t zu transzendieren, so hat sich die politische Aggressivit\u00e4t Deutschlands niemals mit den nationalen Grenzen ausges\u00f6hnt, deren \u00dcberschreitung in der Phantasie das Wesen der Sehnsucht deutscher Dichtung ausmachte. Sowohl das Gr\u00f6\u00dfte als auch das Geringste deutschen Geists kreist um die Revolte gegen endliche, unab\u00e4nderliche Bedingungen.\u00ab [20] Seit 1850 l\u00f6st sich diese Revolte von m\u00f6glicher Gesellschaftsver\u00e4nderung und geht ganz in der Nation und nationalen Kultur auf: Rehearsal for Destruction beginnt, Vorprobe der Vernichtung. Vernichtet werden in den Gaskammern von Auschwitz soll eine Gesellschaft, die Z\u00fcge dessen trug, was nicht in die Logik von Geschichte pa\u00dft &#151; Z\u00fcge, wie Adorno und Horkheimer im Augenblick der Vernichtung festgehalten haben: \u00bbdes Gl\u00fcckes ohne Macht, des Lohnes ohne Arbeit, der Heimat ohne Grenzstein, der Religion ohne Mythos\u00ab. [21] Mit der Endl\u00f6sung, die die Nazis versprachen, geht auch der Antisemitismus unter, wie er einst gewesen war &#151; als falscher Protest gegen mi\u00dfgl\u00fcckte Befreiung, als Ressentiment. Was heute existiert als falsches Bewu\u00dftsein nach Auschwitz, ist anders; aber was es ist, das m\u00fcssen wir erst noch begreifen.<\/p>\n<p>Kein theoretisches Buch reflektiert aber den welthistorischen Augenblick von Auschwitz als Moment seines Entstehens &#151;\u00a0\u00e1\u00a0 jour, im Entstehungsproze\u00df &#151;, wie \u00bbDialektik der Aufkl\u00e4rung\u00ab. Es ist gerade die Entfernung von Osteuropa nach Amerika, die diese Reflexion m\u00f6glich macht. Adornos \u00bb minima moralia\u00ab bezeichnen genau, was wir meinen: 1944 notiert er den Abschnitt \u00bbWeit vom Schu\u00df\u00ab. \u00bbDer Gedanke, da\u00df nach diesem Krieg das Leben &#8217;normal&#8216; weitergehen oder gar die Kultur &#8218;wiederaufgebaut&#8216; werden k\u00f6nnte &#151; als w\u00e4re nicht der Wiederaufbau von Kultur schon allein deren Negation &#151;, ist idiotisch. Millionen Juden sind ermordet worden, und das soll ein Zwischenspiel sein und nicht die Katastrophe selbst. Worauf wartet diese Kultur eigentlich noch?\u00ab [22]<\/p>\n<p>Der R\u00fcckfall in die Barbarei ist bereits geschehen. Das Zeitalter, aus dem noch Hegel und Marx, aber auch Horkheimer und die fr\u00fchen kritischen Theoretiker dachten, geht unter. An Zukunft kann gar nicht als gegl\u00fcckte Befreiung gedacht werden: \u00bbSolange es Zug um Zug weitergeht, ist die Katastrophe perpetuiert. Man mu\u00df nur an die Rache f\u00fcr die Ermordeten denken. Werden ebensoviele von den anderen um-gebracht, so wird das Grauen zur Einrichtung und das vorkapitalistische Schema der Blutrache, das seit undenklichen Zeiten blo\u00df noch in abgelegenen Gebirgsgegenden waltete, erweitert wieder eingef\u00fchrt, mit ganzen Nationen als subjektlosem Subjekt. Werden jedoch die Toten nicht ger\u00e4cht und Gnade ge\u00fcbt, so hat der ungestrafte Faschismus totz allem seinen Sieg weg, und nachdem er einmal zeigte, wie leicht es geht, wird es an anderen Stellen sich fortsetzen.\u00ab [23]<\/p>\n<p>Die Bruchstelle zur Praxis, allzu oft naiv beschworen, ist hier zu suchen. Was soll geschehen? Was soll mit Deutschland geschehen? Kann ein subjektloses Subjekt verantwortlich sein? Wenn ja, wie? \u00bbAuf die Frage, was man mit dem geschlagenen Deutschland anfangen soll, w\u00fc\u00dfte ich nur zweierlei zu antworten. Einmal: ich m\u00f6chte um keinen Preis, unter gar keinen Bedingungen Henker sein oder Rechtstitel f\u00fcr Henker liefern. Dann: ich m\u00f6chte keinem und gar mit der Apparatur des Gesetzes, in den Arm fallen, der sich f\u00fcr Geschehenes r\u00e4cht. Das ist eine durch und durch unbefriedigende, widerpruchsvolle und der Verallgemeinerung ebenso wie der Praxis spottende Antwort.\u00ab [24] Der ungestrafte Faschismus geh\u00f6rt zur Erbschaft dieser Zeit und deutlich bei den Feiern zum 40. Jahrestag der Befreiung ist geworden: Die Ermordung von Millionen Juden soll nur ein Zwischenspiel sein. In West und Ost triumphiert das Schema nationaler Befreiung, bei dem die ermordeten Juden zum Geburtsopfer Israels gemacht werden. So gewinnt Geschichte einen falschen Sinn, mit dem es sich aber besser leben l\u00e4\u00dft &#151; als im paradoxen Bewu\u00dftsein, das Unbegreifbare begreifen zu wollen. Emanzipation aus vorb\u00fcrgerlichen Verh\u00e4ltnissen schien m\u00f6glich, aus menschlichen Verh\u00e4ltnissen, die wir mit dem Wort Auschwitz kenn-zeichnen, nicht. Daraus gibt es nur eine Befreiung von au\u00dfen, die ein Leben schenkt &#151; danach, aber keine Befreiung im Sinne von neuem Leben. In der kritischen Theorie nach Auschwitz ist immer die Selbstreflexion auf blo\u00dfes Entronnensein erhalten geblieben, die den Opfern die Treue h\u00e4lt, ohne deren Erfahrung als die eigene zu usurpieren. Popularisierung und Ausschlachtung, signifikante Merkmale der Medienschlacht um den zum \u00bbHolocaust\u00ab entwirklichten Massenmord in den Konzentrationslagern der Nazis, finden sich in den Schriften von Horkheimer und Adorno nicht, sondern die Betonung von Distanz und Reflexion, die nur aus Distanz m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Auschwitz zersetzt die Erfahrung. Ohne die Erfahrungsm\u00f6glichkeit zerf\u00e4llt aber die F\u00e4higkeit der Subjekte, sich dem Antisemitismus zu widersetzen. Die antisemitische Gesellschaft transformiert sich, ohne den Antisemitismus zu zerst\u00f6ren. 1947 sahen sich Horkheimer und Adorno gen\u00f6tigt, an die \u00bbElemente des Antisemitismus\u00ab eine Nachschrift anzuh\u00e4ngen, die mit dem provozierenden Satz beginnt: \u00bbAber es gibt keine Antisemiten mehr.\u00ab [25] Viele Leute meinen, man brauche nur diesen Satz zu zitieren, um die komplette historische Idiotie von Horkheimer und Adorno blo\u00dfzulegen. Aber noch mehr als sonst kommt es beim Antisemitismus auf den Zusammenhang an. Die Bestimmung des Zusammenhangs ergibt erst den spezifischen Stellen-wert und damit auch Inhalt des Antisemitismus an. Das ist nicht nur funktionalistisch, wie R\u00fcrup meint, sondern dialektisch, als Funktion und Verselbst\u00e4ndigung, zugleich, die mit Auschwitz bezeichnet wird. \u00bbDie erfahrungsm\u00e4\u00dfigen &#8218;Elemente des Antisemitismus&#8217;\u00ab, hei\u00dft es in der erw\u00e4hnten Nachschrift zur \u00bbDialektik der Aufkl\u00e4rung\u00ab, \u00bbau\u00dfer Kraft gesetzt durch Erfahrungsverlust, der im Ticketdenken sich anzeigt, werden vom Ticket nochmals mobilisiert. Als bereits zersetzte schaffen sie dem Neo-Antisemiten das schlechte Gewissen und damit die Uners\u00e4ttlichkeit des B\u00f6sen.\u00ab [26]<\/p>\n<p>Die Geschichte nach 1945 ist von der Durchsetzung der \u00bbTicketmentalit\u00e4t\u00ab gekennzeichnet. Horkheimer und Adorno wollen mit diesem Ausdruck eine Ver\u00e4nderung im ideologischen Proze\u00df markieren, der mit kulturindustrieller Organisation zusammenh\u00e4ngt. Auf die Analyse des Antisemitismus angewandt bedeutet es, da\u00df der spezifische antisemitische Zusammenhang nach Auschwitz ein anderer geworden ist als vorher. Das Pseudos antisemitischer ldeologiebildung bestand schon von Beginn an darin, den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang in den Augen der Unterdr\u00fcckten so zu verzerren, als ob am Ende die Frage einer menschenw\u00fcrdigen Existenz von dem richtigen oder falschen Umgang mit den Juden abhinge. Wir haben den vorkapitalistischen Antisemitismus in Europa als integralen aber marginalen Bestandteil von Herrschaft gekennzeichnet, die Geldzirkulation und j\u00fcdische Existenz im falschen Bewu\u00dftsein der Unterdr\u00fcckten zusammenschmiedet. Mit der Durchsetzung der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft ver\u00e4ndert sich dieses Bewu\u00dftsein, weil oberfl\u00e4chlich die b\u00fcrgerliche Gesellschaft aus einem Netz von Tauschbeziehungen zu bestehen scheint. In der antisemitischen Vorstellung bedeutet das: \u00bbDie Juden sind \u00fcberall.\u00ab Der entscheidende Schritt in der modernen Geschichte wird mit der Universalisierung der Warenproduktion gemacht, alles wird nun Gegenstand sachlicher Verh\u00e4ltnisse &#151; sogar die \u00c4u\u00dferung menschlicher Subjektivit\u00e4t, die menschliche Arbeitskraft. Mit dieser Universalisierung der zirkulativen M\u00f6glichkeiten werden auch die Idiosynkrasien, die an der marginalen Zirkulation hingen, universalisiert. Der einst marginale Antisemitismus, integraler Bestandteil christlicher Kultur, verwandelt sich in eine Alltagsreligion, die durch den Mechanismus der Personalisierung in der verdinglichten Welt etwas gibt, woran man sich halten kann: Ha\u00df auf den Juden.<\/p>\n<p>Erst die b\u00fcrgerliche Gesellschaft wird zur antisemitischen Gesellschaft par excellence. Das Mittel der Personalisierung \u00fcbersetzt im psychischen Proze\u00df die sachlich geronnene vermittelte Realit\u00e4t zur\u00fcck in die unmittelbare Beziehungswelt von Personen, der Psychologismus des kleinen Mannes. Die Juden scheinen \u00fcberall, obwohl es nur der Wert ist, der sich an alles heftet. Diesen Proze\u00df nenne ich Alltagsreligion, der mit den Mitteln psychoanalytischer Religionskritik begriffen werden kann. Der Antisemitismus phantasiert eine faktische Wirklichkeit um in psychische Realit\u00e4t, die sich leichter ertragen l\u00e4\u00dft. Als Massenph\u00e4nomen k\u00f6nnte man ihn als \u00bbSchiefheilung\u00ab gesellschaftlichen Ungl\u00fccks begreifen, die nicht anormalisierend und asozialisierend wirkt wie die individualisierende Neurose, sondern zum integralen Bestand-teil des Alltagslebens wird. Im antisemitischen Meinen wird st\u00e4ndig legitime Gewalt in der psychischen Realit\u00e4t ausge\u00fcbt. Das waren ja nur Worte, \u00bbpers\u00f6nliche\u00ab Meinung. Hypostasierte Meinung &#151; wissen wir &#151; ersetzt die Gewalttat oder ist ein Versprechen auf sie. Die moderne antisemitische Propaganda beutet dieses Versprechen aus &#151; ein Hauch von Raub und Vergewaltigung schwingt bei jedem Satz des Redners mit. Mit der Universalisierung des Warentausches ist die gesellschaftliche Dynamik bezeichnet, die der Antisemitismus auf dem Weg vom vorkapitalistischen ins kapitalistische Europa erh\u00e4lt. Die differenzierte historisch-gesellschaftliche Darstellung l\u00e4\u00dft sich an dieser Stelle nicht weiter durchf\u00fchren. Es scheint nun aber offensichtlich zu sein, wie tief der Antisemitismus in der europ\u00e4ischen Geschichte verankert ist, die das wichtigste universale Gesellschaftsmodell hervorgebracht hat, den Kapitalismus. Um die bestimmte Gestalt des modernen Antisemitismus zu beschreiben, m\u00fc\u00dften wir eine Darstellung des Nationalismus anschlie\u00dfen. Moderner Antisemitismus und Nationalismus lassen sich nicht voneinander trennen; der Nationalismus bietet den abstrakten Warenbesitzern die Identifikationsm\u00f6glichkeit. Dieser Nationalismus in seiner besonderen deutschen Gestalt kann hier nicht im einzelnen analysiert werden; aber viele psychische Mechanismen wie etwa der der Projektion lassen sich an ihm genau studieren. Doch die Tendenz der phantasierten j\u00fcdischen Weltherrschaft lie\u00df sich schon aus der Verschwisterung von Wert und Unbewu\u00dftem ablesen.<\/p>\n<p>Das allerdings, was in Auschwitz geschah &#151; ich nenne diesen Ortsnamen, weil es keinen ad\u00e4quaten Begriff f\u00fcr das Geschehen gibt &#151;, lie\u00df sich nicht vorhersehen. Es ist auch auf dieser Stufe wichtig, Auschwitz nicht durch Einordnen und Klassifizieren zu verharmlosen. Auschwitz hat die Dimensionen des vorkapitalistischen und des modernen Antisemitismus gesprengt. Auschwitz l\u00e4\u00dft die Psychologie hinter sich, es geht um die reale Tat, die eiskalte Sachlichkeit des T\u00f6tens. Wie wir von f\u00fchrenden Nazis wissen, ist eine zentrale Aufgabe der Vernichtungsmaschinerie die Abstraktion von der Emotionalit\u00e4t, die im Sportpalast noch gefordert war. Die Allt\u00e4glichkeit des Antisemitismus, der vorkapitalistische Pogrom und der. agitatorische Ausnahmezustand bilden die Vorbedingungen von Auschwitz, sind aber nicht identisch mit dem Geschehen. Zu Auschwitz geh\u00f6rt eine Qualit\u00e4t des Individuurns, die Adorno die \u00bbK\u00e4lte des b\u00fcrgerlichen Subjekts\u00ab genannt hat. Diese Qualit\u00e4t trifft auf den Schreibtischt\u00e4ter ebenso zu wie auf den gleichg\u00fcltigen Unterst\u00fctzer, der es gar nicht genau wissen will &#151; w\u00e4hrenddessen und nacher. \u00bbEs mu\u00df doch endlich einmal Schlu\u00df sein&#8230;\u00ab &#151; sagte man in Deutschland schon ungeduldig, unmittelbar nach 1945, Stunde Null.<\/p>\n<p>Die Allt\u00e4glichkeit des Antisemitismus kehrt wieder: mit dem modernen Antisemitismus der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft hat es so angefangen, als ob jeden Tag die Stunde Null w\u00e4re. Zur herrschenden Ideologie geh\u00f6rt im Westen wie im Osten: Antisemitismus hat es gegeben, aber es gibt ihn nicht mehr. Diese Auffassung folgt aus dem Rationalismus des Warenbesitzers, aus seinem falschen Bewu\u00dftsein, seiner freundlichen Fassade &#151; die Gewalt war gestern, im finsteren Mittelalter &#151; oder was man gerade hinter sich gelassen glaubt. Diese Fassade impliziert, da\u00df der explizite Antisemitismus auch Schauspiel war: Ersatz und Versprechen. In dem gesellschaftstheoretisch klarsten Aufsatz zum Antisemitismus notierte Adorno eine Beobachtung an den faschistischen Massen: \u00bbTheatralisch sind die F\u00fchrer ebenso wie der ldentifizierungsakt der Masse, ihre angebliche Raserei und ihr Fanatismus. So wenig wie die Menschen im Innersten wirklich glauben, da\u00df die Juden Teufel sind, glauben sie ganz an den F\u00fchrer. Sie identifizieren sich nicht mit ihm, sondern agieren diese Identifizierung, schauspielern ihre eigene Begeisterung und nehmen so an der `Show&#8216; des F\u00fchrers teil.\u00ab [27]<\/p>\n<p>Aus diesem Grund scheint es uns notwendig, vom Antisemitismus als Ausnahme zur Analyse der Produktion von Antisemitismus im Alltag zur\u00fcckzukehren. Diese Produktion ist 1945 \u00fcberhaupt nicht unterbrochen, nicht einmal bewu\u00dft gemacht worden. Die Psychoanalyse kann dazu dienen, die Verankerung des Antisemitismus im Unbewu\u00dften aufzudecken. Das herrschende Bewu\u00dftsein tabuiert den Antisemitismus und reproduziert ihn zugleich. Die Lage w\u00fcrde nicht besser, wenn das Tabu aufgehoben w\u00fcrde &#151; ein Tabu, an dem die Kulturindustrie st\u00e4ndig r\u00fcttelt &#151; wie zum Beispiel im Frankfurter Fa\u00dfbinder-Skandal. Das Tabu wird auch von oben politisch gehandhabt, wie es in Deutschland st\u00e4ndig zu erleben ist. Die Arbeitsteilung des seri\u00f6sen Herrn und des ressentimentsspeienden Dieners wird stets neu einstudiert. Mit der Wiederkehr des Antisemitismus in neuer, verwandelter Gestalt st\u00f6\u00dft kritisches theoretisches Denken an die Grenze. Die ihrer Grenzen bewu\u00dfte Aufkl\u00e4rung wei\u00df, warum sie hier nicht haltmachen kann.<\/p>\n<p>Der Wechsel der Gesellschaftsformen ver\u00e4ndert den Charakter des Antisemitismus. In der vorb\u00fcrgerlichen Gesellschaft bedeutet Vorurteil ein \u00f6ffentlich vollstrecktes Urteil an eine Gruppe, die konkret nichts getan haben mu\u00df. Vor-Urteil bedeutet f\u00fcr die Juden, da\u00df sie \u00f6ffentlich gekennzeichnet werden in ihrer Kleidung, da\u00df sie nur an ganz bestimmten, eingegrenzten Orten wohnen durften und nur ganz beschr\u00e4nkte Rechte genossen. In einem hundertj\u00e4hrigen Proze\u00df wandelt sich das traditionelle antisemitische Vorurteil von 1770 bis 1870 in Europa zum modernen Vorurteil, das als Ressentiment gegen\u00fcber den Juden als einer kaum mehr sichtbaren Gruppe geltend gemacht wird. Die antisemitische Propaganda identifiziert die anonyme \u00f6konomische Ordnung mit der geheimen Macht der Juden. Sie lebt von der Enth\u00fcllung unsichtbarer Ursachen f\u00fcr sichtbare Mi\u00dfst\u00e4nde. Aus diesem Widerspruch entsteht auch das st\u00e4ndige Auf und Ab der antisemitischen Parteien, kurze Aufschw\u00fcnge werden von langen Flauten abgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Mit dem Aufkommen der nationalsozialistischen Bewegung nach dem ersten Welt-krieg ver\u00e4ndert sich der Charakter des modernen Antisemitismus noch einmal. Der Antisemitismus wird in der nationalsozialistischen Ideologie kombiniert mit Anti-Kapitalismus und Anti-Bolschewismus. Die Erfahrung von Krieg und B\u00fcrgerkrieg legitimiert in ihren Augen die Aufhebung des T\u00f6tungstabus, bis der Feind r\u00fccksichtslos ausgerottet ist. An die Stelle unmittelbarer Gewalt tritt die milit\u00e4rische Disziplin. Schon fr\u00fch spricht Hitler deshalb von einem \u00bbAntisemitismus der Vernunft\u00ab, mit dem er sich von der blo\u00dfen Propaganda der Antisemitenparteien aus dem Kaiserreich distanziert. Die Nationalsozialisten meinen es ernst.<\/p>\n<p>Auschwitz, das fabrikm\u00e4\u00dfige T\u00f6ten von wehrlosen Menschen, wird erst m\u00f6glich, wenn an die Stelle von antisemitischer Boykottpropaganda, Sportpalastagitation und pogromartiger Pl\u00fcnderung, b\u00fcrokratische Rationalit\u00e4t, technische Abl\u00e4ufe und milit\u00e4rische Disziplin treten. Das Universum der Vernichtungslager ist ohne die K\u00e4lte und Indifferenz nicht m\u00f6glich, die Charaktereigenschaften von modernen gesellschaftlichen Menschen geworden sind. Auch diese subjektive Bedingung von Auschwitz, die Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber Opfern, besteht nach Auschwitz fort. Verdeckt wird diese Gleichg\u00fcltigkeit durch die emotionalen Wellen sentimentaler Verkitschung, die vorgibt, sich in T\u00e4ter und Opfer einf\u00fchlen zu k\u00f6nnen. Das Fortexistieren des Antisemitismus nach Auschwitz dr\u00fcckt sich eher noch als in alten Naziparolen in der Gleichmacherei von T\u00e4tern und Opfern aus, die dann Identifikation mit dem Kollektiv erm\u00f6glicht, zu dem man sich geh\u00f6rig f\u00fchlt. Die Unbestimmtheit der Gef\u00fchlswelt droht in die Bestimmtheit eines neuen bornierten Bewu\u00dftseins von nationaler ldentit\u00e4t umzuschlagen. An diesem gef\u00e4hrlichen Wendepunkt im \u00f6ffentlichen Bewu\u00dftsein befinden wir uns heute, jetzt.<\/p>\n<p><i>\u00dcberarbeitete Fassung eines Vortrags, gehalten am 18. M\u00e4rz 1987 auf der internationalen &#8222;Tagung \u00bbEbraismo e antiebraismo; immagine e pregiudizio\u00ab in Florenz\/Italien<\/i><\/p>\n<p><b>Verweise<\/b><\/p>\n<p>1 nachgedruckt in: Reinhard R\u00fcrup, Emanzipation und Antisemitismus, G\u00f6ttingen 1975, S. 113f\u00a0<br \/>2 WalterBoehlich (Hg.), Der Berliner Antisemitismusstreit, Ffm 1965, vgl. dazu auch: Der Berliner Antisemitismusstreit, auch ein Historikerstreit;\u00a0in: Detlev Claussen (Hg.): Vom Judenha\u00df zum Antisemitis mus,\u00a01987, S. 130ff<br \/>3 nach: Paul W. Massing, Vorgeschichte des politischen Antisemitismus; Ffm 1959, S. 11<br \/>4 ebd., S. 10<br \/>5 R\u00fcrup, a.a.O., S. 168<br \/>6 ebd., S. 181<br \/>7 Max Horkheimer, Gesammelte Schriften, Bd. 12, Ffm 1985, S. 167<br \/>8 Theodor W. Adorno, Studien zum autorit\u00e4ren Charakter, Ffm 1976, S. 108f, vgl. : Detlev Claussen, Grenzen der Aufkl\u00e4rung. Zur gesellschaftlichen Geschichte des modernen Antisemitismus, Ffm 1987, S. 25ff<br \/>9 J\u00fcrgen Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne, Ffm 1985, S. 156<br \/>10 Horkheimer, a.a.O., S. 182<br \/>11 vgl. Detlev Claussen, Abschied von gestern &#151; Kritische Theorie heute, Bremen 1986\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 12 Heinrich Heine, Werke und Briefe, Bd. 3, Berlin und Weimar 1980, S. 259\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 13 13 R\u00fcrup, a.a.O., S. 18<br \/>14 Johann Wolfgang Goethe, Dichtung und Wahrheit, Bd. 1, Ffm 1975, S. 167f<br \/>15 Ludwig Marcuse, Ludwig B\u00f6rne, Z\u00fcrich 1977, S. 11f<br \/>16 Theodor W. Adorno, Eingriffe, Ffm 1963, S. 150<br \/>17 Sigmund Freud, Der Mann Moses und die monotheistische Religion; in: Gesammelte Werke Bd. XVI, London 1950, S. 198<br \/>18 Leon Poliakov, Geschichte des Antisemitismus, Bd. V, Worms 1983<br \/>19 Margherita von Brentano, Die Endl\u00f6sung &#151;ihre Funktion in Theorie und Praxis des Faschismus; in: H. Huss\/A. Schn\u00f6der, Antisemitismus, Ffm 1965, S. 56<br \/>20 MaxHorkhe\u00fcner, Deutschlands Erneuerung nach dem Krieg und die Funktion der Kultur; in: Gesammelte Schriften, Bd. 12, Ffm 1985, S. 187f<br \/>21 Max Horkhejmer\/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufkl\u00e4rung, Amsterdam 1947, S. 234<br \/>22 Theodor W. Adorno, Minima Moralia, Ffm 1951, S. 65<br \/>23 ebd.<br \/>24 ebd. S. 6Sf<br \/>25 Horkheimer\/ Adorno, a.a.O., S. 235<br \/>26 ebd. 5. 242<br \/>27 Theodor W. Adorno, Freudian Theory and the pattern of Fascist Propaganda (1951); dt. in: Helmut Dahmer (Hg.), Analytische Sozialpsychologie, Ffm 1980, S. 340<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1988],"publikationen":[1307],"class_list":["post-11201","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-detlev-claussen","publikationen-91-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Antisemitismus und Gesellschaftstheorie - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/91-vorgaenge\/publikation\/antisemitismus-und-gesellschaftstheorie\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Antisemitismus und Gesellschaftstheorie - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr. 91 (Heft 1\/1988), S. 55-68 Die raison d&#8217;etre einer emanzipatorischen Gesellschaftstheorie wird heute nirgends plastischer als am Antisemitismus. 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