{"id":11208,"date":"1988-01-15T20:00:00","date_gmt":"1988-01-15T19:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/literarischer-maulwurf-xxxix\/"},"modified":"1988-01-15T12:00:00","modified_gmt":"1988-01-15T11:00:00","slug":"literarischer-maulwurf-xxxix","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/91-vorgaenge\/publikation\/literarischer-maulwurf-xxxix\/","title":{"rendered":"Literarischer Maulwurf XXXIX"},"content":{"rendered":"<p>Beitr\u00e4ge zur Kultur- und Kunstgeschichte<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 91 (Heft 1\/1988), S. 115-118<\/p>\n<p>Vor hundert Jahren, 1887, starb Johann Jakob Bachofen. Der Basier Altertumswissenschaftler und Jurist &#151; er lehrte r\u00f6misches Recht an der heimatlichen Universit\u00e4t, daneben war er Richter am Kriminalgericht und Stadtrat in Basel &#151; ist vor allem bekannt geworden durch sein erstmals 1861 erschienenes Werk \u00bbDas Mutterrecht\u00ab, das zwar vor zwei Jahrzehnten unter die gut vierhundert \u00bbB\u00fccher, die die Welt ver\u00e4ndern\u00ab (\u00bbPrinting and the Mind of Man\u00ab) aufgenommen, von seinen Mitb\u00fcrgern und Standesgenossen damals jedoch wenig ernstgenommen wurde. Es geh\u00f6rt zu den viel (und oft falsch) zitierten, doch tats\u00e4chlich wenig gelesenen wissenschaftlichen Standardwerken. Der Anla\u00df lohnt, sich dar\u00fcber zu informieren, was Bachofen wirklich schrieb und was von seinen Thesen blieb.<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\"><i>Uwe Wesel, <\/i>Der Mythos vom Matriarchat. \u00dcber Bachofens Mutterrecht und die Stellung von Frauen in fr\u00fchen Gesellschaften, suhrkamp taschenbuch wissenschaft stw 333, Frankfurt 1980, 168 Seiten, DM 10.&#150;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>beschreibt das in vorz\u00fcglicher Weise. Uwe Wesel beherrscht die Kunst, auch komplizierte Sachverhalte allgemein verst\u00e4ndlich darzustellen, die vielschichtige Problematik auf das Wesentliche zu reduzieren und selbst dem fachlich nicht oder wenig vorgebildeten Leser nahezubringen, ohne da\u00df ein Verlust an Substanz entsteht. So fa\u00dft er zun\u00e4chst Bachofens Theorie von einer urspr\u00fcnglichen Gynaikokratie (Frauenherrschaft), verbunden mit Het\u00e4rismus (freier Geschlechtsgemeinschaft mehrerer Frauen mit mehreren M\u00e4nnern) und gemeinsamem Besitz zusammen, referiert die Quellenlage Bachofens, stellt sie den unabh\u00e4ngig von ihm gefundenen \u00e4hnlichen Ergebnissen der Forschungen von Lewis H. Morgan (\u00bbAncient Society\u00ab) \u00fcber die Irokesen gegen\u00fcber, auf die Friedrich Engels in \u00bbDer Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates\u00ab (1884) aufbaut. Wesel \u00fcberpr\u00fcft die historischen Quellen und vergleicht die Ergebnisse mit denen der modernen ethnologischen Forschungen. Er stellt fest: Die pr\u00e4familiare Horde mit allgemeiner Promiskuit\u00e4t gab es nie, ebensowenig eine absolute Frauenherrschaft.<\/p>\n<p>Von Bachofens Beobachtungen hatte dennoch vieles Bestand: Man wei\u00df heute, da\u00df insbesondere in J\u00e4ger-Gesellschaften die Situation der Frauen vergleichsweise gut war; erst nach dem \u00dcbergang zum Ackerbau verschlechterte sie sich vielfach, nicht jedoch ausschlie\u00dflich. Es gab und gibt auch matrilineare und matrifokale segment\u00e4re Gesellschaften (in denen also nur einlinige Verwandtschaft in der Mutterfolge anerkannt wird, die M\u00e4nner ins Dorf der Frauen ziehen und die ohne institutionalierte Herrschaftsinstrumentarien auskommen), in denen die Rolle der Frauen echt egalit\u00e4r, wenn nicht dominant ist. In patrilinearen, meist patrilokalen Gesellschaften dagegen verst\u00e4rkt sich zunehmend die Unterdr\u00fcckung der Frau, zumal das Brautpreissystem, urspr\u00fcnglich ein Ausgleich f\u00fcr den Verlust von k\u00fcnftigen Nahrungsproduzenten an den Stamm sich vielfach in ein Sachwertdenken f\u00fcr den Erwerb einer Frau wandelt. Es ist im Rahmen einer Rezension nat\u00fcrlich unm\u00f6glich,\u00a0 die Argumentation und Diskussion der gefundenen Sachverhalte in ihre Ver\u00e4stelungen zu verfolgen. Jeder, der sich f\u00fcr diese Problematik interessiert, sollte Wesels Abhandlung selbst lesen, die eine hervorragende Einf\u00fchrung m die ethnologische Forschung \u00fcber die Entstehung fr\u00fcher Gesellschaften allgemein und \u00fcber die Rolle der Frau im besonderen darstellt. Besonders hervorzuheben ist, da\u00df sie &#151; in dieser Taschenbuchreihe eine Ausnahme &#151; durch ein brauchbares Register und ein kleines ABC f\u00fcr ethnologische Fachausdr\u00fccke erg\u00e4nzt wird.<\/p>\n<p>Geschichte, auch Kulturgeschichte, st\u00f6\u00dft, verfolgt man die Buchproduktion der letzten Jahre, auf breites Interesse. Der unerkl\u00e4rbare Erfolg Umberto Ecos Roman \u00bbIm Namen der Rose\u00ab, der nach den Verkaufszahlen mittlerweile in kaum einem deutschen Haushalt mehr fehlen sollte, bildet hierf\u00fcr wohl einen eher untypischen Indikator. Dieser Titel befindet sich mittlerweile in der Sechst- oder Siebtverwertung: nach dem Hardcover folgte das Taschenbuch (bei dtv), der Film (Neue Constantin), das Filmbuch (bei Beltz\/Psychologie heute), die Funkfassung, und l\u00e4ngst ist die Sekund\u00e4rliteratur \u00fcber uns hereingebrochen. In<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\"><i>Ecos Rosenroman. Ein Kolloquium. <\/i>Hg.v. Alfred Haverkamp und Alfred Heft, Originalausgabe von dtv, Bd. 4449, M\u00fcnchen August 19879 230 Seiten DM 12,80<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>machen sich Philologen Historiker, Philosophen und Theologen \u00fcber den Romantext her und sezieren ihn kunstgerecht um nachzuweisen, da\u00df sie dem Autor auf seine Schliche kamen. Die Beitr\u00e4ge schwanken zwischen oberlehrerhafter Besserwisserei und<br \/>hilfreicher Exegese; besonders beeindruckend: J\u00f6rn Grubers Beitrag \u00bbSpiel-Arten der Intertextualit\u00e4t im &#8218;Namen der Rose&#8216;. Aus der Werkstatt eines literarischen Falschm\u00fcnzers, oder \u00dcber die Kunst aus fremden Texten neue B\u00fccher zu machen.\u00ab Der umst\u00e4ndliche Titel, der eine genaue Inhaltsbeschreibung des Beitrags darstellt, sollte nicht abschrecken: der Aufsatz ist fast so faszinierend wie sein Objekt, Ecos Roman.<\/p>\n<p>Des Autors weiterer Vermarktung dient ein weiterer Titel des gleichen Verlages:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\"><i>Umberto Eco \u00dcber Gott und die Welt.<\/i> Essays und Glossen, dtv Nr.10825, M\u00fcnchen Dezember 1987, 305 Seiten DM 12,80.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Hat man sich \u00fcberwunden, trotz des albernen Umschlagbildes von Rotraut Susanne Berner, dessen vordergr\u00fcndige Adaption eines Minnes\u00e4ngerbildes mit den Z\u00fcgen Ecos nach der Manesseschen Liederhandschrift nicht das geringste mit dem Buch zu tun hat, dieses aufzuschlagen, kann man h\u00f6chst am\u00fcsante Betrachtungen Ecos zu den unterschiedlichsten Themen lesen: \u00fcber das Hereinbrechen eines neuen Mittelalters, was notwendigerweise zu Parallelen zwischen damals und heute (und ihre Unterschiede) f\u00fchrt, \u00fcber Musealisierungen unbedeutender Pers\u00f6nlichkeiten (wie US-Pr\u00e4sident LYndon B. Johnson) und bedeutenderer Geschichtsdokumente und deren Verf\u00e4lschung in den USA usw. Der Autor kommt dabei vom Hundertsten ins Tausendste. Stets plaudert Eco geist-und kenntnisreich \u00fcber Tagesthemen, in einer Weise, die durchaus die Tagesaktualit\u00e4t \u00fcberdauert, nicht ann\u00e4hernd so flach wie Luciano de Crescenzos Westentaschenphilosoph \u00bbProf. Bellavista\u00ab, respektlos und frech wie Uderzo und Goszinnys Asterix &#038; Obelix-Gesellschaft (Eco hat sich bekanntlich intensiv auch mit der Wirkung von Comic-Strips befa\u00dft). Doch merkt man den Beitr\u00e4gen ihr Alter an. Sie entstanden urspr\u00fcnglich als Zeitschriftenaufs\u00e4tze zwischen 1967 und 1983, viele tragen entsprechende Patina.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 1984 hatte der Fischer Taschenbuch Verlag mit seiner Reihe \u00bbkunstst\u00fcck\u00ab ein ehrgeiziges Projekt gestartet: je B\u00e4ndchen ein Kunstwerk im Kontext seiner geistigen und gesellschaftlichen Bez\u00fcge zu zeigen, es nicht nur ikonographisch auszuleuchten, sondern auch die geistesgeschichtlichen Zusammenh\u00e4nge aufzuzeigen.[1] Dieses Konzept konsequent durchzuhalten, ist nicht leicht, wie die Neuerscheinungen zeigen. Manche regredieren zur herk\u00f6mmlichen Monografie, andere entsprechen dem vorgegebenen Standard. Bis Redaktlonsschlu\u00df lagen aus der Produktion von 1987 vor:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\"><i>Alexander Perrig\/Lorenzo Ghiberti: Die Paradiesest\u00fcr.<\/i> Warum ein K\u00fcnstler den Rahmen sprengt, Nr. 3925 (Februar)\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><i>J\u00f6rg Traeger\/Philipp Otto Runge: Die Husenbeckschen Kinder.<\/i> Von der Reflexion des Naiven im Kunstwerk der Romantik Nr. 3942\u00a0 (Juni)\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><i>Thomas Zaunschirm\/Gustav Klimt: Margarethe Stonborough-Wattgenstein. Ein \u00f6sterreichisches Schicksal <\/i>Nr. 3931 (Juli)\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><i>Joachim Heusinger von Waldegg\/Otto Freundlich: Ascension. Anweisung zur Utopie<\/i>, Nr. 3943 (August)\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><i>Andreas Beyer\/Andrea Palladio: Teatro Olimpico. Triumpharchitektur f\u00fcr eine humanistische Gesellschaft<\/i>, Nr. 3937 (November)\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">jeweils zwischen 75 und 95 Seiten, mit Textabbildungen und mit ausklappbarer farbiger Falttafel, Frankfurt 1987, je DM 12,80, der Runge-Titel DM 14, 80.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Meisterhaft ist Traegers Skizze \u00fcber Runges Bild der drei Kinder der Familie H\u00fclsenbeck, eines fr\u00fchen Beispiels von Privatheit, B\u00fcrgerlichkeit und kindgerechter Nat\u00fcrlichkeit im (Gruppen- )Portr\u00e4t. Die Unterschiede zum \u00fcblichen Repr\u00e4sentationsbild werden ebenso verdeutlicht wie die (eher unauff\u00e4llige) Pflanzensymbolik des Bildes und der Einflu\u00df von Runges Farbenlehre. Aufschlu\u00dfreiche Detailabbildungen illustrieren den informativen Text. Die pers\u00f6nliche Biografie der Dargestellten tritt in Zaunschirms Text \u00fcber Klimts Bildnis von Margarethe Stonborough-Wattgensteln &#151; einer Schwester des Philosophen &#151; stark in den Vordergrund. Die Er\u00f6rterung der Gr\u00fcnde f\u00fcr die Ablehnung des Portr\u00e4ts durch die Familie er\u00f6ffnen eher ein pers\u00f6nliches Psychogramm als eine gesellschaftlich relevante Reaktion.<\/p>\n<p>Zweifellos schwierig ist das Thema der Monografie \u00fcber Otto Freundlichs ungegenst\u00e4ndliche Skulptur \u00bbAscension\u00ab; Erl\u00e4uterungen von Freundlichs Kunstbegriff mischen sich mit der seiner sozialen Theorie und sozialistischen Ideen. Die Darstellung greift weit \u00fcber den Kommentar zur konkreten Skulptur aus und bezieht wertgehend das plastische und malerische Gesamtwerk des K\u00fcnstlers ein. Damit f\u00e4llt sie zwar etwas aus dem Rahmen der Konzeption der Reihe, was in diesem Fall jedoch besonders verzeihlich ist, weil Name und Werk Otto Freundlichs, der 1943 in einem KZ ermordet wurde, heute noch einer breiteren selbst kunstinteressierten \u00d6ffentlichkeit weitgehend unbekannt sind.<\/p>\n<p>Das B\u00e4ndchen \u00fcber Ghibertis bronzene Paradiesest\u00fcr am Baptisterium zu Florenz ist lesenswert, geht aber \u00fcber eine herk\u00f6mmliche Kunstmonografie nicht hinaus. Aufregende Erkenntnisse, die der Untertitel versspricht, sind ihr nicht zu entnehmen. Ungew\u00f6hnlicher ist die Darstellung \u00fcber Palladios Teatro Ohmpico in Vicenza: sie zeichnet ein lebendiges Bild des Lebens und der Selbstdarstellung einer humanistischen Akademie in einer Stadt, die damals l\u00e4ngst \u00bbProvinz\u00ab war, seit \u00fcber 150 Jahren der Republik Venedig einverleibt. Sie ist Beitrag zur Architektur- wie auch zur Theatergeschichte. Die Ausstattung wartet mit sonst kaum wahrnehmbaren Detaildarstellungen wie auch mit interessanten Vergleichsabbildungen auf. Da\u00df sie den Eindruck einer pers\u00f6nlichen Begegnung mit dem Raum nicht ersetzen k\u00f6nnen, ist der Nachteil jeder zweidimensionalen Wiedergabe. Mit Andreas Beyers Monografie in der Hand wird ein Besuch in Vicenza jedoch sicher lohnender sein.<\/p>\n<p><b>Verweise<\/b><\/p>\n<p>1\u00a0 siehe vorg\u00e4nge 71 (1984), S. 114 ff<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[356],"publikationen":[1307],"class_list":["post-11208","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-sieghart-ott","publikationen-91-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Literarischer Maulwurf XXXIX - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/91-vorgaenge\/publikation\/literarischer-maulwurf-xxxix\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Literarischer Maulwurf XXXIX - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Beitr\u00e4ge zur Kultur- und Kunstgeschichte aus: vorg\u00e4nge Nr. 91 (Heft 1\/1988), S. 115-118 Vor hundert Jahren, 1887, starb Johann Jakob Bachofen. 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