{"id":11342,"date":"2005-12-01T11:30:00","date_gmt":"2005-12-01T10:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/tabubruch-und-rassistisches-vorurteil\/"},"modified":"2005-12-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-12-01T11:00:00","slug":"tabubruch-und-rassistisches-vorurteil","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/171-172\/publikation\/tabubruch-und-rassistisches-vorurteil\/","title":{"rendered":"&#8222;Tabubruch&#8220; und rassistisches Vorurteil"},"content":{"rendered":"<p>Zwei B\u00fccher \u00fcber Antisemitismus in der Gegenwart. In: vorg\u00e4nge Nr. 171\/172 (Heft 3-4\/2005), S. 227-229<\/p>\n<p>Sechzig Jahre nach Kriegsende und der Befreiung von Auschwitz, im ersten Halbjahr 2005, zeigten sich die politischen und kulturellen Eliten der Bundesrepublikweitgehend einig in der Sanktionierung antisemitischer Ideologeme. Deren \u00f6ffentlichkeitswirksame Artikulation blieb in jenem politisch hochsensiblen Gedenk-Zeitraum im wesentlichen auf die NPD und ihr Umfeld beschr\u00e4nkt. Aufgeschreckt durch den von der NPD provozierten ,Bomben-Holocaust`-Eklat im s\u00e4chsischen Landtag am 21. Januar 2005, verhinderten gesetzgeberische Ma\u00dfnahmen und zivilgesellschaftliche Akteure einen f\u00fcr den B. Mai angek\u00fcndigten Aufmarsch am zentralen Holocaust-Mahnmal in Berlin.<\/p>\n<p>Aus dieser situativen Einigkeit gegen die NPD und deren aggressiven Versuch der Schuldabwehr allerdings zu folgern, Antisemitismus sei in der Deutschland nur noch in der extremen Rechten, nicht aber im politischen Mainstream auffindbar, w\u00fcrde nicht nur die anhaltende Pr\u00e4senz antisemitischer Vorurteilsstrukturen, sondern auch die Ambivalenzen je nationaler politischer Kulturen in der Gegenwart verkennen. Der Berliner Politikwissenschaftler Lars Rensmann zeichnet detailliert nach, in welchen manifesten wie latenten Formen antij\u00fcdische Stereotype hierzulande seit der Wiedervereinigung auftreten &#151; u.a. auch in der Debatte zur Errichtung eines zentralen Denkmals f\u00fcr die ermordeten Judep Europas.<\/p>\n<p><i>Lars Rensmann<\/i>: Demokratie und Judenbild. Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland, VS Verlag: Wiesbaden 2004, 540 S., ISBN 3-531-14006-X; 44,90 Euro<\/p>\n<p>Aufgrund der weitgehenden Diskreditierung eines manifesten Antisemitismus in der bundesdeutschen politischen Kultur richtet Rensmann ein besonderes Augenmerk auf die zeitgen\u00f6ssischen M\u00f6glichkeitsbedingungen und Gelegenheitsstrukturen judenfeindlicher politischer Mobilisierungen. Zu diesem Zweck entfaltet der Autor im ersten Schritt einen avancierten theoretischen Rahmen, der es erm\u00f6glicht, die im Zentrum der Studie stehen-den empirischen F\u00e4lle mit der gebotenen Tiefensch\u00e4rfe zu analysieren. Rensmann r\u00fcckt dabei nicht nur die, zumeist am rechten Rand des politischen Feldes stehenden, ,Anbieter` antisemitischer Deutungen ins Blickfeld, sondern auch die Reaktionsweisen der etablierten Parteien und staatlichen Institutionen. Er bezieht die Strukturen und Dynamiken politischer Diskurse in den Medien ebenso mit ein wie die &#132;mentalit\u00e4tsgeschichtlichen Reservoirs&#148; von Antisemitismus auf Seiten der Rezipienten. Zudem vermittelt er die Attraktivit\u00e4t antij\u00fcdischer Diskursivierungen mit den Auswirkungen sozio\u00f6konomischer bzw. -kultureller Transformationsprozesse.<\/p>\n<p>Auf dieser theoretischen Basis, in der Parteien- und Einstellungsforschung mit Politischer Psychologie und Kritischer Theorie vermittelt werden, fragt Rensmann, &#132;wie Juden\/Judenbilder in der politischen \u00d6ffentlichkeit und in politischen Kommunikationsprozessen repr\u00e4sentiert werden, welche symbolischen Ordnungen und kollektiven\/nationalen Selbstbilder dabei konstruiert und bearbeitet werden, und wie sich jene Bilder im Kontext ideologischer Begr\u00fcndungsmuster, diskursiver Opportunit\u00e4tsgrenzen und gesellschaftlicher Vorurteilsbereitschaften im politischen und kommunikativen Prozess verschieben oder transformieren&#148; (19). Neben einer Analyse antisemitischer Mobilisierungen in der extremen Rechten und der\u00a0 anteimperialistischen Linken, die gerade hinsichtlich ihrer Globalisierungs- sowie ihrer Israelkritik weitgehende \u00dcbereinstimmungen aufweisen, konzentriert sich Rensmann insbesondere auf die Rekonstruktion der gro\u00dfen \u00f6ffentlichen Konflikte: die Diskussion um die Studie von Daniel Goldhagen, die Kontroversen um Martin Wal sec, die Debatten \u00fcber das Holocaust-Mahnmal und die Zwangsarbeiter-Entsch\u00e4digung sowie die M\u00f6llemann-Aff\u00e4re im FDP-Bundestagswahlkampf 2002.<\/p>\n<p>Vorallem in der Rekonstruktion der \u00f6ffentlichen Konfliktverl\u00e4ufe vermag Rensmann herauszuarbeiten, in welchen Formen sich nach 1990 die Opportunit\u00e4tsstrukturen f\u00fcr den in Deutschland besonders relevanten ,sekund\u00e4ren` &#8211; die Erinnerung an den Holocaust abwehrenden &#8211; Antisemitismus verschoben haben. Rensmann konstatiert, die Thematisierung der NS-Vergangenheit habe einerseits zwar stetig zugenommen und die politische Verdr\u00e4ngung des Geschehenen weitgehendabgel\u00f6st, zugleich aber habe auch die Proklamation ,selbstbewusster` nationaler Identit\u00e4t und Souver\u00e4nit\u00e4t an Bedeutung gewonnen, nicht selten innerhalb vergangenheitspolitischer Diskurse. Antisemitische Mobilisierungsversuche, die in Deutschland nach 1945 immer in einem unaufl\u00f6sbaren Zusammenhang zur NS-Vergangenheit stehen, k\u00f6nnen dabei immer auch auf politisch-kulturelle Ressourcen an unbewussten Vorurteilen und autorit\u00e4r-ethnozentristischen Orientierungen zur\u00fcckgreifen, und dies &#8211; wie Einstellungsuntersuchungen zeigen &#150; in einem keineswegs geringer werdenden Ausma\u00df. Zugleich aber sto\u00dfen solche Deutungsangebote in einer Demokratie auf politische, juristische und kulturelle Grenzen. Nicht zuletzt deshalb treten Antisemitismen h\u00e4ufig in codierter Form auf oder werden als Bruch mit vermeintlichen Tabus inszeniert. &#132;Der sekund\u00e4re Antisemitismus adaptiert und reproduziert &#8211; vielfach unbewusst &#8211; mit dem Motiv, die Geschichte der NS-Verbrechen bagatellisieren oder ,normalisieren` zu wollen, in spezifischer Weise tradierte antij\u00fcdische Klischees und Projektionen (etwa von ,j\u00fcdischer Rachsucht&#8216; und ,j\u00fcdischer Geldgier&#8216;) gegen\u00fcber den Opfern und ihren Nachkommen&#148; (498), w\u00e4hrend die \u00f6ffentliche Skandalisierungsbereitschaft zugleich abnehme und die Problematisierung des Antisemitismus in der Fr\u00fchphase politisch-kultureller Auseinandersetzungen den Juden selbst \u00fcberlassen bleibe. Das schafft wiederum den Raum, Antisemitismus-Vorw\u00fcrfe als die Vergangenheit ,instrumentalisierende` Interventionen zu diskreditieren.<\/p>\n<p>Rensmanns Studie vermag vor allem durch die detaillierte und \u00fcberaus materialreiche Analyse zentraler \u00f6ffentlicher Kontroversen zum Antisemitismus zu \u00fcberzeugen, auch wenn diese &#150; da der Autor Rekonstruktion und Interpretation in der Darstellung der Debatten nur noch selten trennt \u00a0bisweilen ein wenig polemisch ausfallen m\u00f6gen. Auch die fundierte theoretische Einbettung verdient breite Beachtung, liefert sie doch zahlreiche Anschlussm\u00f6glichkeiten f\u00fcr weitere empirische Untersuchungen zum Antisemitismus, aber auch zu Rassismus und Rechtsextremismus.<\/p>\n<p>Wenn sich, wie Rensmann herausarbeitet, die Opportunit\u00e4tsstrukturen f\u00fcr antisemitische Mobilisierungen verbessern, wirft dies immer auch die Frage nach politischen Interventionsm\u00f6glichkeiten auf, gerade in Deutschland. Wissenschaftliche Studien k\u00f6nnen zwar ,potentiell` eine politische Relevanz f\u00fcr sich beanspruchen, eingel\u00f6st wird diese aber nur selten, da auch die Rezeption solcher Arbeiten in der Regel eine rein innerwissenschaftliche Angelegenheit bleibt. Auf der anderen Seite mangelt es Problemdarstellungen, die sich an ein breiteres, nicht auf akademische Interessenlagen fokussiertes Publikum richten, h\u00e4ufig an analytischem Tiefgang. Einen vielversprechenden Mittelweg w\u00e4hlt der vom Giessener Politikwissenschaftler Samuel Salzborn herausgegebene Band<\/p>\n<p><i>Samuel Salzborn<\/i> (Hg.): Antisemitismus &#150; Geschichte und Gegenwart, Netzwerk f\u00fcr politische Bildung, Kultur und Kommunikation: Gie\u00dfen 2004, 158 S., ISBN 3-00-012714-3; 10 Euro<\/p>\n<p>Insgesamt sechs, relativ kurz gehaltene Beitr\u00e4ge widmen sich jeweils Einzelaspekten des antisemitischen Syndromkomplexes. Die spezifische St\u00e4rke der meisten dieser Aufs\u00e4tze besteht in ihrer Pr\u00e4gnanz, ihrer Fokussierung auf zentrale Aspekte des jeweils behandelten Teilph\u00e4nomens, unter Beibehaltung eines Argumentationsstils, der auch f\u00fcr solche Leserinnen und Leser nachvollziehbar bleibt, die sich nicht bereits eingehend mit der Antisemitismusforschung besch\u00e4ftigt haben. So liefert etwa Wolfgang Benz eine pr\u00e4zise Einf\u00fchrung in Struktur und Geschichte des Antisemitismus, vom seit dem Mittelalter virulenten christlichen Antijudaismus bis hin zum Post-Holocaust-Antisemitismus, Werner Bergmann stellt die Entwicklung des Antisemitismus in West- und Ostdeutschland nach 1945 dar und kommt dabei bez\u00fcglich der j\u00fcngeren Entwicklungstendenzen zu insgesamt etwas positiveren Einsch\u00e4tzungen als etwa Lars Rens-mann. Besondere Beachtung verdient der den Band abschlie\u00dfende Beitrag von Thomas Haury, der sich dem Problem des antisemitischen Antizionismus von links widmet. Der als ,Tabubruch` verkleideten Israel-Kritik und dem seit einigen Jahren selbst bei ehemaligen Spitzenpolitikern wie J\u00fcrgen M\u00f6llemann oder Norbert Bl\u00fcm anzutreffenden Gestus eines &#132;Das wird man doch wohl noch sagen d\u00fcrfen&#8230;&#148; stellt Haury eine Genealogie der in der Linken verbreiteten antizionistischen Deutungsmuster entgegen. Deren antisemitische Gestalt deutet sich schon bei der <i>Kommunistischen Internationale<\/i> der 1930er Jahre an, verwirklicht sich vollends aber erst nach 1945, im Realsozialismus und bei den westdeutschen ,Anti-Imps`. Virulent ist die Entlastung deutscher Verbrechen durch die Gleichsetzung Israels mit dem deutschen Faschismus bis heute, etwa in Periodika wie der Jungen Welt oder Gruppierungen wie <i>Linksruck.<\/i> Doch dieser Argumentationsgang ist mittlerweile auch von der extremen Rechten adaptiert worden. In deren Publikationen findet man heute nicht nur Parolen wie &#132;Internationale Solidarit\u00e4t im Kampf der Pal\u00e4stinenser gegen den Zionismus&#148;: selbst das Tragen des Pal\u00e4stinensertuchs ist dort mittlerweile<i> en vogue.<br \/><\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1997],"publikationen":[1430],"class_list":["post-11342","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-oliver-geden","publikationen-171-172"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>&quot;Tabubruch&quot; und rassistisches Vorurteil - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/171-172\/publikation\/tabubruch-und-rassistisches-vorurteil\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"&quot;Tabubruch&quot; und rassistisches Vorurteil - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Zwei B\u00fccher \u00fcber Antisemitismus in der Gegenwart. 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