{"id":11347,"date":"1984-09-15T08:23:00","date_gmt":"1984-09-15T06:23:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/versuchen-die-stimmen-der-kriegstoten-zu-hoeren\/"},"modified":"1984-09-15T12:00:00","modified_gmt":"1984-09-15T10:00:00","slug":"versuchen-die-stimmen-der-kriegstoten-zu-hoeren","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/71-vorgaenge\/publikation\/versuchen-die-stimmen-der-kriegstoten-zu-hoeren\/","title":{"rendered":"&#8230;versuchen, die Stimmen der Kriegstoten zu h\u00f6ren"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 71 (Heft 5\/1984), S. 112-114<\/p>\n<p><i>Das kurze Leben des Leutnant zur See David Tinker, ein Kriegstagebuch in Briefen, Reinbek 1984 (rororo &#8211; aktuell <\/i>5442)<\/p>\n<p>Es ist merkw\u00fcrdiger, leicht schummeriger Stolz, mit dem Gemeinden gew\u00f6hnlich ihre Kriegstoten ehren, Kr\u00e4nze niederlegen, Lieder singen, Trommeln r\u00fchren; ein wehm\u00fctiger Stolz, nicht ganz ohne Trunkenheit, nicht immer von Alkohol (der kommt dann sp\u00e4ter in den Kneipen hinzu, wenn Veteranen anfangen zu bramarbasieren).<\/p>\n<p>Schon das Wort &#8222;gefallen&#8220; verbirgt eine T\u00e4uschung, es klingt, als w\u00e4ren sie alle mitten in Sturm und Kampf durch einen Kopfschu\u00df get\u00f6tet worden und auf der Stelle tot umgefallen. Sanit\u00e4ter, \u00c4rzte, Soldaten wissen es besser und doch erz\u00e4hlen sie wenig dar\u00fcber, <i>wie<\/i> die meisten gestorben sind. Irgendwo\u00a0&#8211; wo? &#8211; m\u00fcssen die Schreie und Fl\u00fcche, auch Gebete ja registriert sein; w\u00fcrde <i>das<\/i> Tonband einmal abgespielt\u00a0&#8211; es w\u00fcrde den L\u00e4rm s\u00e4mtlicher Rock-und Popfestivals \u00fcbert\u00f6nen, es w\u00e4re die einzige wahre Begleitmusik bei Gedenkfeiern; auch Wimmern w\u00e4re zu h\u00f6ren, Rufe nach M\u00e4dchen, Frau und Mutter. Da bliebe wenig, fast nichts, was Nationen f\u00fcr sich beanspruchen k\u00f6nnten, und anstatt sich den wehm\u00fctigen Kl\u00e4ngen getragener Musiken hinzugeben, w\u00fcrde manche Trauergemeinschaft sich die Ohren zuhalten und schreiend davonlaufen.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob der Leutnant zur See, David Tinker, der 25j\u00e4hrig im Falkland Krieg get\u00f6tet wurde, auf einem Kriegerdenkmal verewigt ist. Wahrscheinlich ja und warum auch nicht. Es ist eine ehrenwerte Pflicht, der Toten zu gedenken, sie sollen nicht vergessen sein. Vielleicht sollten wir nur etwas aufmerksamer sein, uns nicht unserer Wehmut hingeben, eher versuchen, die <i>Stimmen<\/i> der Toten zu h\u00f6ren. David Tinker hat seine Stimme hinterlassen, Briefe, Gedichte, Notizen. Sein Vater, der Schriftsteller Hugh Tinker hat sie gesichtet und herausgegeben. Mancher Brief, manches Gedicht ist verloren gegangen. Die Hinterlassenschaft des David Tinker ergibt ein Jugendbuch von erstaunlicher Klarheit und Eindringlichkeit. Verteidigungsminister w\u00fcrden es vielleicht eher unter die jugendgef\u00e4hrdeten Schriften einreihen wollen, aber nat\u00fcrlich d\u00fcrfen auch Heranwachsende und Erwachsene in dieses Lehrbuch \u00fcber die totale Absurdit\u00e4t eines modernen und durchaus &#8222;konventionellen&#8220; Krieges hineinschauen, das auch einen Einblick in die Folgen von Waffenexporten gibt.<\/p>\n<p>David Tinker war ein intelligenter, frischer, sensibler junger Brite; ihn &#8222;nett&#8220; zu nennen, w\u00e4re mir zu herablassend, vielleicht klingt das englische &#8222;very nice&#8220; weniger herablassend. Sympathisch offen, kritisch, ein Lyriker, in seinen Gedichten beeinflu\u00dft von dem englischen Dichter Wilfred Owen, der wenige Tage vor Ende des Ersten Weltkrieges, 25j\u00e4hrig wie David Tinker, get\u00f6tet wurde, in seinen Gedichten &#8222;die alte L\u00fcge, da\u00df es s\u00fc\u00df und ehrenvoll ist, f\u00fcrs Vaterland zu sterben&#8220;, entlarvte.<\/p>\n<p>David Tinkers Hinterlassenschaft ist nicht weniger bitter als die Wilfred Owens. Fr\u00fch schon ist hinter der scheinbaren Munterkeit seiner Briefe die Skepsis sp\u00fcrbar, die sich zu seinem Tode hin zu Fl\u00fcchen steigert. Er hatte gerade geheiratet, mit seiner jungen Frau Christine ein altes Cottage erworben, das die beiden eigenh\u00e4ndig nach ihrem Geschmack zu renovieren und umzumodeln begannen: so richtig ein sympathisches Paar, wie man ihnen zu hunderten in allen L\u00e4ndern begegnet. Er plant, hofft, liebt, ist voller Zuversicht, kein Ansatz f\u00fcr &#8222;no future&#8220; bei ihm zu finden, aber doch &#8222;Fast-Null-Bock&#8220; f\u00fcr die Umst\u00e4nde, unter denen sein Beruf als Seeoffizier &#8222;stattfindet&#8220;.<\/p>\n<p>Ziemlich deutlich schreibt der knapp zweiundzwanzigj\u00e4hrige \u00fcber die &#8222;Fischkopf-Kommandeure&#8220; (die f\u00fcr die seem\u00e4nnische Ausbildung Zust\u00e4ndigen): &#8222;Sie sind v\u00f6llig unbrauchbar und hilflos&#8220;. Anl\u00e4\u00dflich der F\u00fchrung einer Schulklasse \u00fcber HMS &#8222;Hermes&#8220;: &#8222;Am Ende wurden sie noch vom K\u00e4ptn mit der Frage gemartert, warum sie nicht zur Navy gingen. Und wir mu\u00dften zu allem Ungl\u00fcck mit den bekannten Jubelargumenten dartun, warum die Navy so toll ist. Man hat Verantwortung, man kommt herum, ist monatelang auf See, durchl\u00e4uft eine harte Aufnahmepr\u00fcfung, die nur die besten bestehen &#8211; also: genau all das, was mich zusammenzucken l\u00e4\u00dft&#8220;.<\/p>\n<p>Dazwischen zuversichtliche Vorschl\u00e4ge zum Ausbau des erworbenen Cottage: wie die K\u00fcche aussehen, wo Treppen eingebaut werden sollen, welches Material er vorschl\u00e4gt, w\u00e4hrend sich die Skepsis gegen\u00fcber der Navy bis zum Nihilismus steigert. Das &#8222;Abenteuerliche&#8220; der &#8222;gro\u00dfen Fahrt&#8220; erweist sich als T\u00e4uschung, das Fluchen \u00fcber die Sinnlosigkeit von \u00dcbungsfahrten und \u00dcbungsfl\u00fcgen (60.000 Pfund pro Woche f\u00fcr Treibstoff, 10.000 Pfund f\u00fcr die hunderte von Fl\u00fcgen)\u00a0&#8211; endet mit dem Wunsch: &#8222;Man kann nur hoffen, da\u00df wir in Zukunft unsere Schiffe auf Grund setzen und sie dann aufgeben und sie nicht (wie es jetzt ist) perfekt in Schu\u00df halten (zu immensen Kosten), bis die schlie\u00dflich den Geist aufgeben.&#8220;<\/p>\n<p>Gibt die sinnlose Verschwendung Sinn, werden die &#8222;v\u00f6llig unbrauchbaren und hirnlosen Fischk\u00f6pfe&#8220; brauchbar, als kurz vor Abschlu\u00df der &#8222;gro\u00dfen Fahrt&#8220; der Marschbefehl in den pathetisch eingel\u00e4uteten Falklandkrieg kommt? David Tinker hatte diesen Eindruck nicht, seine Stimme widerlegt den peinlichen Pomp <i>nachher<\/i>, der gefeiert wurde als w\u00e4re so etwas wie ein &#8222;gro\u00dfer vaterl\u00e4ndischer Krieg&#8220; gewonnen werden. Ihm erscheint &#8222;die Situation absolut idiotisch. Da sind 28.000 Mann drauf und dran um ein ziemlich trostloses St\u00fcck Land mit 1800 Einwohner zu k\u00e4mpfen&#8220;. Knapp vier Wochen nach Eintreffen des Marschbefehls schreibt er: &#8222;Ich hoffe, da\u00df Maggie bald genug haben wird von ihrem Krieg und wir dann alle wieder nach Hause d\u00fcrfen und Lehrer, Pfarrer und Atombombengegner werden d\u00fcrfen&#8220;. Ich beschr\u00e4nke mich weiterhin auf Zitate:<\/p>\n<p>&#8222;Maggie Thatcher sieht sich als Churchill, der einem Hitler trotzt&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Bei der Art und Weise, wie Maggie Thatcher reagiert hat, m\u00f6chte man meinen, da\u00df die Russen schon in Bonn stehen und wir nicht um eine felsige Insel k\u00e4mpfen, die Mr. Nott urspr\u00fcnglich ab Mitte August v\u00f6llig ungesch\u00fctzt hatte bleiben lassen wollen!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wenn Mark Thatcher jetzt mit seinem Rennwagen in S\u00fcdamerika fahren w\u00fcrde, k\u00f6nnte es gut sein, da\u00df Mrs. Thatcher die ganze Flotte hinunterschickt, um auf ihn aufzupassen&#8230; &#8220;<\/p>\n<p>&#8222;&#8230; Leben, die von Mrs. Thatcher und Mr. Nott h\u00f6chst bereitwillig geopfert werden, um die politische Unf\u00e4higkeit und Schwachk\u00f6pfigkeit der Regierung zu kaschieren&#8230; &#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Der sinnloseste Krieg, den Gro\u00dfbritanien je ausgefochten hat.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Gro\u00dfbritanien hat ihnen sogar <i>alle<\/i> unsere Karten von den Falklands verkauft, einen Monat vor der Invasion, da\u00df schlie\u00dflich keine mehr f\u00fcr unsere Truppen vorhanden waren, als wir sie brauchten. Au\u00dferdem waren wir gerade drauf und dran, ihnen die &#8222;Intrepid&#8220; zu verh\u00f6kern und ihre Piloten auf Lynx Hubschraubern auszubilden&#8230; &#8222;.<\/p>\n<p>&#8222;Es war \u00fcbrigens in Wahrheit einer von unseren Marines, der den Matrosen von der &#8222;Arrow&#8220; erscho\u00df, der am n\u00e4chsten Tag von den Zeitungen zum &#8222;verwundeten Helden&#8220; erkl\u00e4rt wurde&#8230; Er war der erste Gefallene des Krieges&#8230; &#8222;.<\/p>\n<p>Die Falklands, &#8222;deren Einwohner\u00a0wir ab Oktober die britische Staatsb\u00fcrgerschaft entziehen wollten&#8230; &#8222;.<\/p>\n<p>&#8222;Sie (Thatcher) hat sich zum kompletten Diktator gemausert, als sie den Krieg befahl, ohne das Parlament zu fragen, und sie rei\u00dft die jubelnden und geifernden Massen mit sich. Die Zeitungen sehen das ganze als eine Art Live-Landserheftchen\u00ab.<\/p>\n<p>&#8222;&#8230; und er mu\u00df das Vereinigte K\u00f6nigreich bis jetzt schon so ungef\u00e4hr eine Milliarde Pfund gekostet haben (28.5.82) (Die Schiffe stehen sich auf ungef\u00e4hr 150 Millionen Pfund, die Flugzeuge auf 10 Millionen Pfund; die Menschen kommen billiger). Am Ende wird es so sein, als h\u00e4tte man jedem Falkl\u00e4nder eine Million Pfund in die Hand gedr\u00fcckt und das Geld dann verbrannt.&#8220;<\/p>\n<p>Trinkers letzter Brief schlie\u00dft mit den Worten: &#8222;Alles Liebe einstweilen; ich werde bald wieder schreiben&#8220;. Vier Tage sp\u00e4ter wurde die Leiche von David Tinker auf 51\u00b050&#8217;51&#8220; s\u00fcdlicher und 53\u00b031&#8217;80&#8220; westlicher L\u00e4nge dem Ozean \u00fcbergeben. Eine Rakete franz\u00f6sischer Machart hatte ihn get\u00f6tet.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1999],"publikationen":[1434],"class_list":["post-11347","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-heinrich-boell","publikationen-71-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>...versuchen, die Stimmen der Kriegstoten zu h\u00f6ren - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/71-vorgaenge\/publikation\/versuchen-die-stimmen-der-kriegstoten-zu-hoeren\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"...versuchen, die Stimmen der Kriegstoten zu h\u00f6ren - 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