{"id":11350,"date":"2013-07-24T07:00:00","date_gmt":"2013-07-24T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/20-jahre-tafeln-sind-genug\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:36","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:36","slug":"20-jahre-tafeln-sind-genug","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/201-202\/publikation\/20-jahre-tafeln-sind-genug\/","title":{"rendered":"20 Jahre Tafeln sind genug"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 201\/202 (1\/2-2013), S. 130-133<\/p>\n<p>Nach Sch&auml;tzungen des Bundesverbandes Deutsche Tafel e.V. sind rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland auf die wohlt&auml;tigen Angebote der Tafeln angewiesen. Was f&uuml;r die Betroffenen ein n&uuml;tzliches Angebot sein mag, wird in der Summe zur billigen sozialpolitischen Ersatzversorgung: wohlt&auml;tige (aber nicht einklagbare) Gaben statt gesetzlich verbriefter Teilhabeanspr&uuml;che. Parallel dazu bildet sich um Tafeln, Suppenk&uuml;chen und Kleiderkammern eine zunehmende Armutsindustrie heraus.<\/p>\n<p>Diese Kehrseite der &#8222;Tafelwirtschaft&#8220; st&auml;rker ins Bewusstsein zu r&uuml;cken, hat sich das &#8222;Kritische Aktionsb&uuml;ndnis 20 Jahre Tafeln&#8220; vorgenommen. Dem B&uuml;ndnis geh&ouml;ren neben zahlreichen Einzelpersonen u.a. an: Armutsnetzwerk, Bundeserwerbslosenausschuss von Verdi, Caritas K&ouml;ln und Limburg, Deutscher Frauenrat, FIAN, Humanistische Union und das Komitee f&uuml;r Grundrechte und Demokratie. Der folgende Aufruf dokumentiert die gemeinsamen Forderungen, weitere Informationen zum B&uuml;ndnis unter <a href=\"http:\/\/www.aktionsbuendnis20.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.aktionsbuendnis20.de\/<\/a>.<\/p>\n<p>Die zwanzigj&auml;hrige Existenz von Tafeln in Deutschland und die zunehmende Verbreitung anderer existenzunterst&uuml;tzender Angebote (Kleiderkammern, Suppenk&uuml;chen, Lebensmittelausgaben usw.) sind Ausdruck einer sich verfestigenden Armut in Deutschland. Der gro&szlig;e Zulauf zu den Tafeln ist ein deutliches Zeichen einer verfehlten Sozialpolitik, die gro&szlig;e Teile unserer Gesellschaft von einer gleichberechtigten Teilhabe ausschlie&szlig;t, sie materiell kurz h&auml;lt und dar&uuml;ber hinaus &uuml;ber die SGB II- und SGB III-Gesetzgebung permanent bevormundet. Die Tafeln sind kein ad&auml;quates Mittel der Armutsbek&auml;mpfung, sondern viel mehr ein Seismograph f&uuml;r Armut in einem reichen Land sowie sozialer Ungleichheit und Ungerechtigkeit mitten unter uns.<br \/>Die Aussagen und Forderungen des Aktionsb&uuml;ndnisses sollen zu einer kritischen Auseinandersetzung mit einer sich immer weiter etablierenden &#8222;Armutswirtschaft&#8220; anregen. Sie sollen L&ouml;sungsans&auml;tze aufzeigen, die ein menschenw&uuml;rdiges Leben auf der Grundlage des Grundgesetzes erm&ouml;glichen.<br \/>Wir regen zu einer kritischen und engagierten Auseinandersetzung an: auf der jeweiligen politischen Ebene (auch jeweils vor Ort), in der medialen &ouml;ffentlichen Diskussion, in der B&uuml;rgergesellschaft, innerhalb von Tafeln und existenzunterst&uuml;tzenden Angeboten, in Verb&auml;nden der freien Wohlfahrt, den Gewerkschaften, der Lebensmittelindustrie, der Zivilgesellschaft, zwischen betroffenen und nicht betroffenen Mitb&uuml;rgerInnen.<\/p>\n<p><b>1.<\/b> 20 Jahre Tafeln in Deutschland zeigen, dass es in unserer Gesellschaft an sozialer Gerechtigkeit fehlt.<\/p>\n<p>Wir sehen kritisch dass &#8230;<br \/>&#8226;es in unserer Gesellschaft an einer gerechten Umverteilung des Wohlstands und des Reichtums mangelt und immer mehr armuts&ouml;konomische Angebote diese L&uuml;cke f&uuml;llen.<br \/>&#8226;Tafeln und &auml;hnliche existenzunterst&uuml;tzende Angebote zu einer Spaltung der Gesellschaft und damit zur Reproduktion sozialer Ungleichheit beitragen und damit B&uuml;rgerInnen &ouml;konomisch abgekoppelt und sozial ausgegrenzt werden.<\/p>\n<p>Wir fordern daher dass &#8230;<\/p>\n<p>&#8226;der zunehmenden sozialen Spaltung der Gesellschaft und dem scheinbar selbstverst&auml;ndlichen Ausbau armuts&ouml;konomischer Angebote Einhalt geboten wird.<br \/>&#8226;durch mehr Steuergerechtigkeit Wohlhabende wieder st&auml;rker an der Finanzierung der &ouml;ffentlichen Daseinsvorsorge beteiligt werden. Wachsender Reichtum darf nicht l&auml;nger mit wachsender Armut einhergehen.<br \/>&#8226;Tafeln nur als Nothilfe angeboten werden. Sie d&uuml;rfen sich nicht als Dauereinrichtung etablieren und damit institutionalisierter Bestandteil des sozialen Netzes werden.<\/p>\n<p><b>2.<\/b> 20 Jahre Tafeln in Deutschland zeigen, dass der Staat seine aktive und verantwortungsvolle Rolle in der Armutsbek&auml;mpfung zunehmend einb&uuml;&szlig;t.<\/p>\n<p>Wir sehen kritisch, dass &#8230;<\/p>\n<p>&#8226;Unternehmen vom Staat zunehmend aus ihrer Verantwortung entlassen werden, &uuml;ber Steuern und Sozialabgaben gesellschaftliche Verantwortung zu &uuml;bernehmen. Freiwillige, punktuelle und imagef&ouml;rdernde &#8222;Corporate Social Responsibility&#8220;-Ma&szlig;nahmen k&ouml;nnen den Mangel an gesetzlicher Regulierung nicht ersetzen.<br \/>&#8226;Tafeln und &auml;hnliche Angebote als L&uuml;ckenb&uuml;&szlig;er f&uuml;r mangelnde sozialstaatliche Sicherung missbraucht werden. Ehrenamtliche werden im Rahmen der sogenannten &#8222;Engagementpolitik&#8220; f&uuml;r die reine Linderung von Armutsfolgen instrumentalisiert, ohne dass diesem Engagement ausreichende Armutspr&auml;ventions- und bek&auml;mpfungsma&szlig;nahmen gegen&uuml;ber stehen.<\/p>\n<p>Wir fordern daher dass &#8230;<\/p>\n<p>&#8226;der Staat seinem Verfassungsauftrag umfassend nachkommt und die Daseinsvorsorge aller B&uuml;rger garantiert.<br \/>&#8226;Jobcenter und andere staatliche Stellen nicht mehr auf Tafeln als Einsparma&szlig;nahme verweisen und Politiker keine Schirmherrschaften bei Tafeln u. &auml;. Einrichtungen &uuml;bernehmen.<br \/>&#8226;Unternehmen gesetzlich verpflichtet werden, &uuml;ber eine gerechte Steuerpolitik, Sozialabgaben und faire L&ouml;hne gesellschaftliche Verantwortung zu &uuml;bernehmen, anstatt durch Spenden von &Uuml;bersch&uuml;ssen an Tafeln ihr Image zu verbessern und Entsorgungskosten zu sparen.<br \/>&#8226;&Uuml;berschuss- und Armutsproblematik unabh&auml;ngig voneinander behandelt und auf politischem Wege nachhaltig und urs&auml;chlich bek&auml;mpft werden. Das Tafelsystem darf nicht als vermeintliche L&ouml;sung beider Probleme propagiert werden.<\/p>\n<p><b>3.<\/b> 20 Jahre Tafeln in Deutschland zeigen, dass die Stigmatisierung und Entw&uuml;rdigung von Armutsbetroffenen mittlerweile zur gesellschaftlichen Normalit&auml;t geworden ist und als politisches Steuerungsinstrument eingesetzt wird.<\/p>\n<p>Wir sehen kritisch, dass &#8230;<\/p>\n<p>&#8226;f&uuml;r von Armut Betroffene andere Qualit&auml;tsstandards f&uuml;r Lebensmittel gelten als f&uuml;r die Mehrheitsgesellschaft. Arme d&uuml;rfen nicht zu &#8222;M&uuml;llverwertern&#8220; degradiert werden, f&uuml;r die gerade noch gut genug ist, was andere nicht mehr essen oder konsumieren wollen.<br \/>&#8226;B&uuml;rgerInnen durch das &ouml;ffentliche Schlangestehen vor Tafel-Ausgabestellen systematisch besch&auml;mt und diskriminiert werden.<\/p>\n<p>Wir fordern daher dass &#8230;<\/p>\n<p>&#8226;selbstbestimmter Konsum auf der Basis eines ausk&ouml;mmlichen Einkommens zur Leitidee menschenw&uuml;rdiger Sozialpolitik erhoben wird.<br \/>&#8226;als Notl&ouml;sung bestehende Tafeln so organisiert sein m&uuml;ssen, dass sie direkte, pers&ouml;nliche Besch&auml;mungen und Abh&auml;ngigkeiten vermeiden. Vor allem Bed&uuml;rftigkeitspr&uuml;fungen m&uuml;ssen abgeschafft werden.<\/p>\n<p><b>4.<\/b> 20 Jahre Tafeln in Deutschland zeigen, dass mit den derzeitigen Transferleistungen (ALG II, Grundsicherung im Alter, Asylbewerberleistungsgesetz) keine sozio-kulturelle Teilhabe m&ouml;glich ist.<\/p>\n<p>Wir sehen kritisch, dass &#8230;<\/p>\n<p>&#8226;sich die Berechnung der Hartz-IV-Regels&auml;tze nicht an der Lebenswelt und den Bed&uuml;rfnissen der Betroffenen orientiert.<br \/>&#8226;die steigende Nutzung von Tafeln und &auml;hnlichen Angeboten politisch nicht als Symbol einer mangelhaften politischen Armutsbek&auml;mpfung sondern als &#8222;Erfolg&#8220; gedeutet wird.<\/p>\n<p>Wir fordern daher dass &#8230;<\/p>\n<p>&#8226;die Mindestsicherung auch die soziale, kulturelle und politische Teilhabe aller B&uuml;rger gew&auml;hrleistet. Die Berechnung des soziokulturellen Existenzminimums muss transparent erfolgen und an den Bedarfen der Menschen ausgerichtet sein. Eine Unterschreitung dieser Mindestsicherung durch Sanktionen darf nicht erfolgen.<br \/>&#8226;Strukturdaten zur Verbreitung und Nutzung von Tafeln und allen anderen existenzunterst&uuml;tzenden Einrichtungen k&uuml;nftig im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung erhoben werden.<\/p>\n<p>Unsere <b>Hauptforderung<\/b> lautet daher:<\/p>\n<p>Nur eine armutsvermeidende, existenzsichernde und bedarfsgerechte Mindestsicherung ist der Garant f&uuml;r ein selbstbestimmtes, menschenw&uuml;rdiges und besch&auml;mungsfreies Leben und damit die Voraussetzung f&uuml;r ein Deutschland unter dem Leitbild sozialer Gerechtigkeit.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[816,667],"autoren":[401],"publikationen":[1435],"class_list":["post-11350","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-sozialstaat","tag-vorgaenge-artikel","autoren-kritisches-aktionsbuendnis","publikationen-201-202"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>20 Jahre Tafeln sind genug - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/201-202\/publikation\/20-jahre-tafeln-sind-genug\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"20 Jahre Tafeln sind genug - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg&auml;nge Nr. 201\/202 (1\/2-2013), S. 130-133 Nach Sch&auml;tzungen des Bundesverbandes Deutsche Tafel e.V. sind rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland auf die wohlt&auml;tigen Angebote der Tafeln angewiesen. 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