{"id":11358,"date":"1972-02-28T21:30:00","date_gmt":"1972-02-28T20:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/abtreibungs-debatte-auch-in-oesterreich\/"},"modified":"1972-02-28T12:00:00","modified_gmt":"1972-02-28T11:00:00","slug":"abtreibungs-debatte-auch-in-oesterreich","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/1-2-1972\/publikation\/abtreibungs-debatte-auch-in-oesterreich\/","title":{"rendered":"Abtreibungs- Debatte auch in \u00d6sterreich"},"content":{"rendered":"<p>Aus: vorg\u00e4nge Heft 1-2\/1972, S. 40<\/p>\n<p>(vg) Auch in \u00d6sterreich wird diskutiert \u00fcber die (begrenzte) strafrechtliche Freigabe des Schwangerschaftsabbruchs. Wie die Dinge liegen, kann \u00d6sterreichs SP\u00d6- Justizminister Christian Broda lediglich einen Indikationsentwurf zur \u00c4nderung des Strafgesetzbuches vorlegen. Dieser Entwurf sieht Straflosigkeit f\u00fcr Schwangerschaftsabbruch vor, wenn nach \u00e4rtzlichen Urteil eine nicht anders abwendbare &#132;ernste Gefahr&#147; ensteht:<\/p>\n<p>a) f\u00fcr Leben oder (k\u00f6rperliche und seelische) Gesundheit der Schwangeren (medizinische Indikation),<\/p>\n<p>b) wenn die &#147;Gefahr&#147; begr\u00fcndet ist in den Umst\u00e4nden, in denen Schwangere zu leben gezwungen ist (soziale Indikation)<\/p>\n<p>c) wenn die &#132;ernste Gefahr&#147; f\u00fcr die seelische Gesundheit der Schwangeren durch Angst verursacht wird, da\u00df das erwartende Kind &#132;unheilbar siech&#147; (eugenische Indikation)oder<\/p>\n<p>d) bei Vergewaltigung gezeugt (ethische Indikation) worden ist.<\/p>\n<p>Falls aber aus diesen Gr\u00fcnden eine &#132;ernste Gefahr&#147; f\u00fcr die Frau nicht begr\u00fcndet werden kann, kann keine &#132;Abtreibung&#147; (auch f\u00fcr den Arzt) dennoch &#132;aus besonderen ber\u00fccksichtigensw\u00fcrdigen Gr\u00fcnden&#147; straffrei beliebn, wenn einer der Gr\u00fcnde die Frau in besondere schwere &#132;seelische Bedr\u00e4ngnis&#147; bringt; ein Grund, der spezielle &#132;sozial- medizinische, eugenisch- medizinische und ethisch- medizinische Konfliktsituationen&#147; f\u00fcr die werdende Mutter erzeugt.<\/p>\n<h5>Stellung&shy;nahme des Wiener Kardinals<\/h5>\n<p>Der wiener Erzbischof, Franz Kardinal K\u00f6nig, hat nat\u00fcrlich sofort, wie es seine katholische Pflicht ist, zu den Reformpl\u00e4nen der \u00f6sterreichischen Regierung Stellung genommen; und zwar in seiner Neujahrsansprache. Es f\u00e4llt jedoch- im Unterschied zu Stellungnahmen katholischer Bisch\u00f6fe in anderen L\u00e4ndern- auf, da\u00df seine Stellungnahme \u00fcberaus zur\u00fcckhaltend ist, da\u00df er ausdr\u00fccklich betont, zu strafen, zumal &#132;in Not und Verzweiflung geratene M\u00fctter&#147;, sei ausschlie\u00dflich Sache des Staates. Die wiener Kathpress gibt folgenden Bericht \u00fcber Kardinal K\u00f6nigs Ansprache:<\/p>\n<p>Das Anliegen &#132;der Diskriminierten, der Unterpriviligierten, der Vergessenen und Abgeschriebenen&#147;<\/p>\n<p>hat der Wiener Erzbischof Kardinal Franz K\u00f6nig in den Mittelpunkt seiner Neujahrsansprache gestellt. Dazu geh\u00f6ren die alten Menschen, aber auch die Kinder, die in einer kinderfeindlichen Umwelt aufwachsen, &#147;vorallem die ungewollten, ungeliebten oder k\u00f6rperlich und geistig behinderten unter ihnen&#147;. In diesem Zusammenhang ber\u00fchrte der Kardinal auch die Frage der Abtreibung: &#147;F\u00fcr das Leben einzustehen, f\u00fcr das Leben der Alten und Jungen, der Gesunden und Kranken, der Geborenen und Ungeborenen, kann niemals nur eine Marotte, ein Anliegen der religi\u00f6s Gebundenen sein. Der Mensch mu\u00df f\u00fcr den Menschen stehen, ganz gleich, ob er gl\u00e4ubig ist oder nicht&#8230;Wenn diese allgemein menschliche Verpflichtung nicht mehr gesehen wird, was trennt uns dann noch von der Barbarei?&#147;<\/p>\n<p>Zur Stellung von Staat und Kirche in dieser Frage sagte K\u00f6nig: &#147;In welchem Ausma\u00df der Staat eine Handlung mit Strafe belegt, ist eine Sache. Dar\u00fcber zu befinden, obliegt der gewi\u00df nicht leichten Verantwortung der Abgeordneten. Die Kirche ist kein Instrument, um Strafversch\u00e4rfung zu propagieren. Es kann niemals ihre Sache sein, nach Gef\u00e4ngnis und Kerker zu rufen. Wohl aber mu\u00df sie Nein sagen, wenn die Grenze zwischen Leben und T\u00f6ten verwischt werden soll, wenn vom Schutz des Lebens, den wir allen zubilligen, das ungeborene Leben ausgenommen sein soll. Wir haben die Todesstrafe f\u00fcr Verbrecher als unmenschlich abgeschafft. Haben unschuldige, wehrlose, ungeborene Kinder nicht auch ein Recht auf Leben? Wogegen sich die Kirche, wogegen sich alle Menschen wehren m\u00fcssen, ist dies: den Tod zu bagatellisieren, weil er ungeborene Kinder betrifft.&#147;<\/p>\n<p>Es sei allerdings &#132;blind und herzlos&#147;, sagte der Kardinal, &#132;wenn man nicht sieht, welche Not und Verzweiflung die M\u00fctter zu diesem Schritt treibt. Es w\u00e4re ein schwerer Vorwurf f\u00fcr die Kirche, wenn man sagen k\u00f6nne, sie k\u00fcmmere sich mehr um ungeborenes als um geborenes Leben, um die Kinder im Mutterleib mehr als um die Kinder, die zu Tausenden verhungern. Das Leben ist eine Einheit. Wir k\u00f6nnen die M\u00fctter nicht anklagen, wenn wir ihnen nicht helfen, ihre Kinder unter menschenw\u00fcrdigen Umst\u00e4nden zur Welt zu bringen und sie unter menschenw\u00fcrdigen Umst\u00e4nden zu erziehen.&#147; K\u00f6nig unterstrich auch die Notwendigkeit einer &#132;verantworteten Elternschaft&#147;, die &#132;die Kenntnis der modernen medizinischen Errungenschaften voraussetzt&#147;. Leben geben wie Leben verhindern, sagt Kardinal K\u00f6nig, sei eine Verantwortung vor sich selbst, vor den Mitmenschen, vor der Gesellschaft und vor Gott. Gezeugtes Leben k\u00f6nne nie Privatsache sein.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[208],"publikationen":[1436],"class_list":["post-11358","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-vg","publikationen-1-2-1972"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Abtreibungs- Debatte auch in \u00d6sterreich - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/1-2-1972\/publikation\/abtreibungs-debatte-auch-in-oesterreich\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Abtreibungs- Debatte auch in \u00d6sterreich - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Aus: vorg\u00e4nge Heft 1-2\/1972, S. 40 (vg) Auch in \u00d6sterreich wird diskutiert \u00fcber die (begrenzte) strafrechtliche Freigabe des Schwangerschaftsabbruchs. 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