{"id":11360,"date":"1970-01-01T17:00:00","date_gmt":"1970-01-01T16:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/aktion-saubere-leinwand-und-zensurforderungen\/"},"modified":"1970-01-01T12:00:00","modified_gmt":"1970-01-01T11:00:00","slug":"aktion-saubere-leinwand-und-zensurforderungen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/5-1965\/publikation\/aktion-saubere-leinwand-und-zensurforderungen\/","title":{"rendered":"Aktion \u201eSaubere Leinwand&#8220; und Zensurforderungen"},"content":{"rendered":"<p>Aus: vorg\u00e4nge Heft 5\/1965, S. 215 &#8211; 216<\/p>\n<p>(<i>vg<\/i>) Nachdem im vergangenen Jahr 2300 Schweinfurter B\u00fcrger aus Anla\u00df der Filme &#132;Das Schweigen&#8220; und &#132;491&#8243; mit der Aktion &#132;Saubere Leinwand&#8220; begonnen haben, sind \u00e4hnliche Aktionen mit tatkr\u00e4ftiger Unterst\u00fctzung der Kirchen, kommunaler Beh\u00f6rden und von Politikern der CDU\/CSU und der SPD in zahlreichen anderen St\u00e4dten angelaufen. In der Frage der Mittel, wie diese Aktionen einer lautstarken Minderheit den Effekt einer &#132;sauberen Leinwand&#8220; erzielen wollen, besteht unter ihnen keine Einigkeit. Die Forderungen gehen von Boykottdrohungen gegen Kinobesitzer, Pressionen gegen die FSK, Unterschriftensammlungen an den Bundespr\u00e4sidenten und an Politiker, gesetzliche Einschr\u00e4nkungen zu schaffen, bis zu klaren Forderungen nach Einf\u00fchrung einer Zensur oder der Forderung verschiedener dieser Gr\u00fcppchen, es solle die Auff\u00fchrung aller der Filme verboten werden, die von der Katholischen Filmkommission mit 4 (&#132;Abzulehnen&#8220;) eingestuft wurden (dazu geh\u00f6ren so bedeutende Filme wie &#132;Au\u00dfer Atem&#8220;, &#132;Scheidung auf italienisch&#8220;, &#132;Die Bienenk\u00f6nigin&#8220;, &#132;Mutter Johanna von den Engeln&#8220; u. a.).<\/p>\n<p>Im baden-w\u00fcrttembergischen Landtag f\u00fchrte die Welle der Proteste gegen die sogenannte &#132;Sexualisierung der \u00d6ffentlichkeit&#8220; zu einer Gro\u00dfen Anfrage des CDU -Abgeordneten <i>Otto Dullenkopf <\/i>an die Regierung mit der Aufforderung, der &#132;Bedrohung von Anstand und Sitte&#8220; entgegenzuwirken und darauf hinzuwirken, da\u00df die ihr unterstellten Ordnungsorgane &#132;die h\u00e4ufig beobachtete Zur\u00fcckhaltung gegen\u00fcber eindeutig obsz\u00f6nen und unsittlichen Tatbest\u00e4nden aufgeben&#8220;. Er war der Ansicht, die Staatsanwaltschaften und Gerichte h\u00e4tten sich offensichtlich mit der Entwicklung abgefunden und seien unsicher geworden in der Beurteilung des Anstandsgef\u00fchls &#132;der normal, billig und gerecht Denkenden in unserem Volk&#8220;. Er bedauerte, da\u00df die Abwehrbem\u00fchungen der Kirchen und anderer &#132;gesellschaftlicher Kr\u00e4fte&#8220; nicht unterst\u00fctzt w\u00fcrden. Dullenkopf fand Zustimmung bei seiner Partei und auch bei der SPD, die sich bereiterkl\u00e4rte, jeden &#132;vern\u00fcnftigen Vorschlag&#8220; zu unterst\u00fctzen. Der FDP-Abgeordnete widersprach ihm mit der Bemerkung, der Weg zum Polizeistaat werde eingeschlagen, wenn man die Grenzen zu eng ziehe. Das Begehren Dullenkopfs sei jeder Unterst\u00fctzung w\u00fcrdig, sei aber an den falschen Adressaten gerichtet. Richtig sei es, an den einzelnen und die Gesellschaft zu appellieren, nicht aber vom Staat oder Gesetzgeber eine Entscheidung zu verlangen. Der Innenminister des Landes sicherte zu, da\u00df die Landesregierung fest entschlossen sei, ihren Beitrag zum Schutz von Anstand und Sitte zu leisten, und teilte mit, da\u00df die Innenministerkonferenz einen Arbeitskreis damit beauftragt habe, festzustellen, welche gesetzlichen Ma\u00dfnahmen \u00fcber die geltenden Regelungen hinaus ergriffen werden k\u00f6nnten. In seinem Ministerium werde eine Sachverst\u00e4ndigenkommission gebildet, die sich mit den anstehenden Fragen befasse, dieser Kommission sollten auch Vertreter der Kirchen angeh\u00f6ren. Der Landtag verabschiedete schlie\u00dflich bei nur einer Stimmenthaltung einen CDU-Antrag, der bewirken soll, da\u00df die Grunds\u00e4tze der Filmselbstkontrolle so ge\u00e4ndert werden, da\u00df den L\u00e4ndern ein allgemeines Appellationsrecht gegen die Freigabe von Filmen einger\u00e4umt wird. (Diese Forderung, die die Einf\u00fchrung einer versteckten Staatszensur bedeutet, war auch schon von der Katholischen Aktion Bayerns erhoben worden.)<\/p>\n<p>Auf der Generalversammlung des Katholischen Deutschen Frauenbundes wandte sich die Frau des Bundespr\u00e4sidenten, <i>Wilhelmine L\u00fcbke<\/i>, gegen die Auff\u00fchrung &#132;sittlich zersetzender Filme&#8220; in der Bundesrepublik. Die verschiedenen Aktionen &#132;Saubere Leinwand&#8220; h\u00e4tten inzwischen die Politiker und Beh\u00f6rden zu &#132;entsprechenden Initiativen&#8220; veranla\u00dft. &#132;Es w\u00e4re ein gutes Zeichen, wenn sich der seit langem aufgestaute Zorn \u00fcber die Herabsetzung menschlicher W\u00fcrde Bahn zu brechen verm\u00f6chte in einem klaren, entschlossenen und allgemeinen Bekenntnis zur Durchsetzung der inneren Ordnung, in der destruktive Kr\u00e4fte keine Chance mehr haben&#8220;, meinte Frau L\u00fcbke.<\/p>\n<p>Den weitesten Vorsto\u00df machte inzwischen der fr\u00fchere Justizminister von Rheinland-Pfalz und CDU-MdB Prof. <i>Adolf S\u00fcsterhenn<\/i> auf einer CDU-Versammlung in Bad Kreuznach. Die Protestaktion &#132;Saubere Leinwand&#8220; m\u00fcsse unwirksam bleiben, wenn nicht der Gesetzgeber eingreife. Er wolle darum gemeinsam mit anderen CDU-Abgeordneten im Bundestag noch vor den Wahlen einen Antrag auf \u00c4nderung des Grundgesetzes einbringen. Danach soll die in Artikel 5, Absatz 3 GG garantierte Freiheit der Kunst &#132;durch die ausdr\u00fcckliche Bindung an das Sittengesetz&#8220; begrenzt werden. Bei der gegenw\u00e4rtigen Verfassungslage zeige sich in der Rechtsprechung die Tendenz, &#132;die gr\u00f6bsten Unsittlichkeiten&#8220; unbeanstandet zu lassen, &#132;wenn sie sich nur irgendwie als sogenannte Kunst pr\u00e4sentieren&#8220;. Um die Abgeordneten unter Druck zu setzen, will S\u00fcsterhenn f\u00fcr die Abstimmung \u00fcber seinen Antrag namentliche Abstimmung verlangen, damit &#132;die deutsche \u00d6ffentlichkeit genau wei\u00df, welche Abgeordneten ernsthaft bereit sind, sich f\u00fcr die Sauberkeit im deutschen Kulturleben einzusetzen&#8220;.<\/p>\n<p>Gegen eine drohende Bevormundung erwachsener Filmbesucher durch die in mehreren St\u00e4dten der Bundesrepublik gestartete Aktion &#132;Saubere Leinwand&#8220; wandte sich die <i>Spitzenorganisation der Filmwirtschaft <\/i>(SPIO) in Wiesbaden. In einer Plakataktion will die Filmwirtschaft die Angriffe der Aktion &#132;Saubere Leinwand&#8220; sachlich, aber entschieden zur\u00fcckweisen. Die Plakate sollen im Saarland und in den St\u00e4dten angeschlagen werden, in denen die Aktion &#132;Saubere Leinwand&#8220; Unterschriften sammelt. Unter dem Titel &#132;Bevormundung droht!&#8220; weisen die Plakate auf das garantierte Recht der freien Meinungs\u00e4u\u00dferung und das Zensurverbot des Grundgesetzes hin. Die Filmwirtschaft habe sich freiwillig ein Kontrollorgan geschaffen, das keine Filme zur \u00f6ffentlichen Vorf\u00fchrung zul\u00e4\u00dft, die das religi\u00f6se Empfinden verletzen, entsittlichend oder verrohend wirken oder gegen die Strafgesetze versto\u00dfen. Diese FSK, der Delegierte des Bundes, der L\u00e4nder, der Kirchen, der Landesjugendbeh\u00f6rden, des Bundesjugendrings und der Filmwirtschaft angeh\u00f6rten, werde seit f\u00fcnfzehn Jahren im In- und Ausland als vorbildlich anerkannt. Der Jugendschutz im Kino werde in der Bundesrepublik besonders streng gehandhabt. Kein anderes Land der Welt kenne so viele Altersschutzgrenzen wie die Bundesrepublik. Der erwachsene Bundesb\u00fcrger aber brauche keine Bevormundung.<\/p>\n<p>Vern\u00fcnftige Argumente wurden erfreulicherweise schlie\u00dflich auf der Arbeitstagung des Arbeitskreises Aktion Jugendschutz der Arbeitsgemeinschaft der \u00f6ffentlichen und freien Wohlfahrtspflege in Bayern, die auf Burg Rothenfels\/Main stattfand, vorgebracht. Vor der Tagung sprach der evangelische Pfarrer Dr. <i>Heinz Hunger <\/i>\u00fcber die Rolle der Geschlechtlichkeit in der heutigen Gesellschaft. Er wandte sich gegen kirchliche und weltliche Institutionen und Autorit\u00e4ten, die die Sexualit\u00e4t rundweg als dubios abwerteten. Es sei unverst\u00e4ndlich, da\u00df z. B. eine Stadtverwaltung bei der Aktion &#132;Saubere Leinwand&#8220; gegen &#132;Schamlosigkeit und Sexualit\u00e4t&#8220; protestiert habe. Gegen nat\u00fcrliche Tatsachen lie\u00dfe sich schlecht protestieren, meinte Hunger. Auch fand er, da\u00df Masturbation oder voreheliche Beziehungen nicht unbedingt als schlecht zu werten seien. Der Sozialp\u00e4dagoge <i>Hans B\u00f6ttcher<\/i>, ebenfalls aus M\u00fcnster, schlug vor, an der P\u00e4dagogischen Hochschule die Lehrer mit den Fragen der Sexualp\u00e4dagogik zu befassen. Auch Eltern und Geistliche sollten \u00fcber dieses Thema in Seminaren oder Lehrg\u00e4ngen unterrichtet werden. In Diskussionsbeitr\u00e4gen wurde darauf hingewiesen, da\u00df in Schulklassen, in denen Jungen und M\u00e4dchen gemeinsam unterrichtet w\u00fcrden, fr\u00fchzeitige sexuelle Neugier kaum vorhanden sei, die Trennung der Geschlechter in der Schule aber versch\u00e4rfe die Spannungen zwischen Jungen und M\u00e4dchen. Professor <i>Erich Wasena <\/i>von der P\u00e4dagogischen Hochschule M\u00fcnchen wandte sich in seinem Vortrag \u00fcber das heutige Filmangebot gegen die Attacken, die ausschlie\u00dflich das Ziel h\u00e4tten, den Film zu kritisieren. Auch sollten sich die Proteste nicht lediglich gegen Sex-Filme, sondern auch gegen die brutalen Gangster- und Wildwestfilme richten. Zu den Absichten des Abgeordneten <i>S\u00fcsterhenn <\/i>meinte er, es sei wenig \u00fcberzeugend, im Wahljahr den &#132;Verlust an Sitte&#8220; durch die Beschr\u00e4nkung von Grundrechten ausgleichen zu wollen. Den Initiatoren der Aktion &#132;Saubere Leinwand&#8220; gab er schlie\u00dflich zu bedenken, da\u00df umstrittene Filme f\u00fcr Jugendliche unter 18 Jahren ja grunds\u00e4tzlich verboten seien. Die Jugend k\u00f6nne also garnicht ernsthaft gef\u00e4hrdet werden, wenn der Vollzug der Jugendschutzbestimmungen straff gehandhabt werde.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[851,667],"autoren":[1960],"publikationen":[1397],"class_list":["post-11360","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-publikationen-vorgaenge","tag-vorgaenge-artikel","autoren-vorgaenge","publikationen-5-1965"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Aktion \u201eSaubere Leinwand&quot; und Zensurforderungen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/5-1965\/publikation\/aktion-saubere-leinwand-und-zensurforderungen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Aktion \u201eSaubere Leinwand&quot; und Zensurforderungen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Aus: vorg\u00e4nge Heft 5\/1965, S. 215 &#8211; 216 (vg) Nachdem im vergangenen Jahr 2300 Schweinfurter B\u00fcrger aus Anla\u00df der Filme &#132;Das Schweigen&#8220; und &#132;491&#8243; mit der Aktion &#132;Saubere Leinwand&#8220; begonnen haben, sind \u00e4hnliche Aktionen mit tatkr\u00e4ftiger Unterst\u00fctzung der Kirchen, kommunaler Beh\u00f6rden und von Politikern der CDU\/CSU und der SPD in zahlreichen anderen St\u00e4dten angelaufen. 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