{"id":11365,"date":"1998-12-20T14:16:00","date_gmt":"1998-12-20T13:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/am-anfang-kant-am-ende-adorno\/"},"modified":"1998-12-20T12:00:00","modified_gmt":"1998-12-20T11:00:00","slug":"am-anfang-kant-am-ende-adorno","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-144\/publikation\/am-anfang-kant-am-ende-adorno\/","title":{"rendered":"Am Anfang Kant, am Ende Adorno?"},"content":{"rendered":"<p>Zum philosophisch-politischen Diskurs \u00fcber \u00d6ffentlichkeit und Privatheit<\/p>\n<p>Vorg\u00e4nge 144, S. 39-48<\/p>\n<p>Unser heutiges Denken \u00fcber die moralische und politische Bedeutung von \u00d6ffentlichkeit ist, wie so vieles andere, Produkt des s\u00e4kularen Prozesses der Durchsetzung der Moderne, die Hans Blumenberg treffend als Bedingungsverh\u00e4ltnis von S\u00e4kularisation und Selbstbehauptung beschrieben hat. Mit dem Zerfall religi\u00f6ser Welterkl\u00e4rungsmuster und Sinnstiftungen geht eine dramatische Expansion des Wissens und des Wissenwollens als entscheidender Bemeisterungsstrategie von Individuen und Gesellschaften gegen\u00fcber ihren jeweiligen Umwelten einher. Das Fehlen der g\u00f6ttlichen Apellationsinstanz zwingt in die Erforschung der \u00e4u\u00dferen und inneren Natur. Zwangsl\u00e4ufig korrespondiert diese Ausgangslage eines permanenten Bew\u00e4hrungsdrucks der Selbstbehauptung mit einer neuen Bewertung von Kommunikation, und die Verst\u00e4ndigung der aktiven Gesellschaftsmitglieder wird zum konstitutiven Bestandteil ihres Wissenserwerbs. In den Lese- und Theatergesellschaften, in den wissenschaftlichen Vereinigungen, in den zahlreichen korrespondierenden K\u00f6rperschaften pflegt man einen Diskurs unter den Gleichen der jeweiligen Kommunikationsgemeinschaft, dem Publikum, welchem traditionelles Offenbarungswissen fremd geworden ist. Der soziale Dynamis-mus l\u00e4\u00dft nur noch eine funktional gest\u00fctzte Hierarchisierung der Kommunikation zu; es gibt keinen durch traditionellen Stand privilegierten Wissensraum. Die Zugeh\u00f6rigkeit zum Publikum beweist sich in der sachlichen Kompetenz und nicht in au\u00dferhalb dieser Sachkenntnis liegenden Distinktionsmerkmalen. Man mu\u00df &#8222;verst\u00e4ndig&#8220; sein, dann geh\u00f6rt man dazu. Die gro\u00dfen politischen Theorien des Liberalismus &#8211; man denke nur an Arbeiten John St. Mills &#8211; setzen dann auch auf Erziehungsprogramme der bisher Minderbemittelten, um sie nach erfolgreicher Bildung und Ausbildung an der \u00d6ffentlichkeit teilnehmen lassen zu k\u00f6nnen. Die Egalit\u00e4t der wissensbasierten Partizipation verlangt nach einer Sph\u00e4re, in der diese Kenntnisse artikuliert werden k\u00f6nnen. Das Wissenm\u00fcssen gebiert die \u00d6ffentlichkeit als moralische Anstalt.<br \/>Damit entwickelt sich eine Neubestimmung des Begriffs von \u00d6ffentlichkeit, der als Raum staatlicher Regulierung vorher lange Zeit das politische Denken gepr\u00e4gt hatte. Die Souver\u00e4nit\u00e4t des Staates zeigte sich in seiner \u00f6ffentlichen Darstellung und die Legitimit\u00e4t seiner Herrschaft war an diese Ver\u00f6ffentlichung seiner Gewaltaus\u00fcbung gebunden. Letztere Idee ist etwa Hobbes noch so wichtig, da\u00df er ihr im &#8222;Leviathan&#8220; geh\u00f6rigen Platz einr\u00e4umt. Dem \u00f6ffentlichen Staat steht als letztes Refugium das private Gewissen gegen\u00fcber, das sich aufgrund seiner Verborgenheit zwar der Kontrolle entziehen kann, aber diese Freiheit mit politischer, \u00f6ffentlicher Wirkungslosigkeit bezahlen mu\u00df. Die Privatheit sichert sich nur vor der \u00f6ffentlichen Herrschaft, in dem sie durch den Verzicht auf Kommunikation ihre Defensivit\u00e4t betont.<\/p>\n<p>Altes Vatikanisches Sprichok.wort:<\/p>\n<p>Denke nicht,<br \/>Wenn Du denkst, dann rede nicht,<br \/>Wenn Du denkst und redest,<br \/>dann schreibe nichts auf,<br \/>Wenn Du denkst und redest<br \/>und aufschreibst, dann<br \/>wundere Dich nicht.<\/p>\n<p>Mit der Aufwertung des Wissens dreht sich dieses Verh\u00e4ltnis von \u00d6ffentlichkeit und Privatheit um. Die Artikulation der Individuen, die sich ihres Verstandes zu bem\u00e4chtigen haben, f\u00fcllt den \u00f6ffentlichen Raum und setzt das politische Steuerungszentrum unter einen neuen Legitimationsdruck. Der Staat mu\u00df sich vor dem Publikum, das die Stellung des passiv Empfangenen l\u00e4ngst aufgegeben hat, rechtfertigen. Die \u00d6ffentlichkeit wird zum Korrektiv der politischen Ordnung, ja sie konstituiert diese erst. Ohne \u00d6ffentlichkeit gibt es keine Demokratie, und John Locke h\u00e4lt sie f\u00fcr einen unverzichtbaren Teil seines Systems der Gewaltenteilung, in dem die ver\u00f6ffentlichte Meinung Verfassungsrang einnimmt.<br \/>Keiner hat sich wohl um die Rhetorik dieser Umwidmung des Verh\u00e4ltnisses von \u00d6ffentlichkeit und Privatheit so verdient gemacht wie Kant. Erst der \u00f6ffentliche Gebrauch der Vernunft l\u00e4\u00dft Aufkl\u00e4rung m\u00f6glich werden. In Anlehnung an Rousseaus Idee einer &#8222;volonte generale&#8220; formuliert er als Bedingung f\u00fcr die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit von Gesetzen ihre Bindung an den \u00f6ffentlichen Willen im Sinne der gedankenexperimentell herzustellenden Zustimmung aller B\u00fcrger.<br \/>Dabei greift er auch die Doppelbedeutung der \u00d6ffentlichkeit als Raum des freien Gedankenaustausches einschlie\u00dflich der darin zu entbindenden allgemeinen Vernunft und als Subjekt universaler Emanzipation auf. Diese Kongruenz von Raum und Akteur hat Rousseau dazu gebracht, jede Distanz zwischen dem politischen Raum und dem Publikum in Form einer Repr\u00e4sentation der politischen Einzelwillen abzulehnen. Die \u00d6ffentlichkeit als Herrschaftsraum\/subjekt ertr\u00e4gt keine Delegation und verlangt nach direkter, unmittelbarer Demokratie. In der Schrift &#8222;Zum ewigen Frieden&#8220; (1795) pr\u00e4sentiert Kant zwar demgegen\u00fcber seine Vorstellung einer m\u00f6glichen Stellvertretung der Allgemeinheit, aber gleichzeitig hei\u00dft es im Begr\u00fcndungszusammenhang der Einhelligkeit von Politik mit der Moral: &#132;Alle Maximen, die der Publizit\u00e4t bed\u00fcrfen (um ihren Zweck nicht zu verfehlen), stimmen mit Recht und Politik vereinigt zusammen. Denn, wenn sie nur durch die Publizit\u00e4t ihren Zweck erreichen k\u00f6nnen, so m\u00fcssen sie dem allgemeinen Zweck des Publikums (der Gl\u00fcckseligkeit) gem\u00e4\u00df sein, womit zusammen<br \/>zu stimmen (es mit seinem Zustande zufrieden machen) die eigentliche Aufgabe der Politik ist. Wenn aber dieser Zweck nur durch die Publizit\u00e4t, d.i. durch die Entfernung allen Mi\u00dftrauens gegen die Maximen derselben, erreichbar sein soll, so m\u00fcssen diese auch mit dem Recht des Publikums in Eintracht stehen; denn in diesem allein ist die Vereinigung der Zwecke aller m\u00f6glich.&#8220; Politische Legitimit\u00e4t k\u00f6nnen nur noch solche Herrschaftsakte beanspruchen, die die Zustimmung aller Herrschaftsunterworfenen finden k\u00f6nnen. Zwar kann auf solche Verallgemeinerung zielende \u00dcberlegung auch privat vom aufgekl\u00e4rten Monarchen vorgenommen werden, ihre Ver\u00f6ffentlichung stellt aber den eigentlichen Probierstein dieser Verallgemeinerungsf\u00e4higkeit dar. Was nicht vor dem Publikum standhalten kann, gilt als ungerechtfertigt. In selbsteingestandener polemischer \u00dcberspitzung geht Kant an anderer Stelle sogar soweit, das Verh\u00e4ltnis von auf den Staat bezogener \u00d6ffentlichkeit und Privatheit auch begrifflich umzukehren: Staatliche Verwaltungsakte sind f\u00fcr ihn aufgrund ihrer Distanz zum Publikum privat, w\u00e4hrend die schon allein in ihrem R\u00e4sonnement zum Publikum vereinigten vern\u00fcnftigen Individuen \u00d6ffentlichkeit markieren.<br \/>Doch diese Umwidmung setzt sich nicht durch. Nach wie vor verweist \u00d6ffentlichkeit auf staatliches Handeln, aber dieses ist jetzt einem Publikum verpflichtet, das die Politik seiner Moral unterwirft. Ganz und gar unannehmbar sind etwa die Arkaden R\u00e4ume politischer Entscheidungsfindung, und die Geheimhaltung von Parlamentsdebatten, wie sie bis Mitte des 18. Jahrhunderts im britischen Unterhaus \u00fcblich war, verliert jede Legitimationsbasis. Der &#8222;ewige Friede&#8220;, um wieder bei Kant anzukn\u00fcpfen, tritt dann ein, wenn es wirklich ein \u00f6ffentliches Recht gibt, das seinen Namen als Ausdruck der Einheit der differenten einzelnen verdient. \u00d6ffentlichkeit tr\u00e4gt damit in sich ein Versprechen des Endes aller Gewalt.<br \/>Mit der Aufwertung der \u00d6ffentlichkeit zur moralischen Instanz, die in einer merkw\u00fcrdigen Doppelfigur nicht nur das Forum f\u00fcr die Auseinandersetzung zwischen Wahrheit\/Unwahrheit, Richtigkeit\/Falschheit, das Gute und das B\u00f6se wird, sondern gleichzeitig in diese Unterscheidungen auf der Seite des Wahren, Richtigen und Guten wieder eintritt, entsteht ein politischer Doppelstandard. Neben die \u00f6ffentliche Sph\u00e4re tritt ein geheimer Raum, in dem die eigentlichen Beschl\u00fcsse fallen. Parlamente bilden Aussch\u00fcsse, Kabinette K\u00fcchenkabinette, und wenn es denn gar nicht mehr anders geht, zieht man sich in Clubs zur\u00fcck. In Gro\u00dfbritannien soll ja die Auswahl der Premierminister bis in die sechziger Jahre dieses Jahrhunderts im &#8222;Carlton&#8220;, bei &#8222;Whites&#8220; oder -in der egalit\u00e4ren Variante &#8211; in Gewerkschaftszentralen erfolgt sein. Doch die Teilnahme an diesen kleinen Gruppen kann allenfalls h\u00f6here Effektivit\u00e4t beanspruchen, mu\u00df sich aber politisch-moralisch geschlagen geben. Dem Geheimnis haftet in aufgekl\u00e4rten Zeiten permanent ein gewisser Hautgout an. Alle verhalten sich zuweilen klandestin und feiern gleichzeitig das Prinzip der \u00d6ffentlichkeit. Von diesem Doppelstandard lebt die kritische Presse als Wahrerin der prinzipiellen Publizit\u00e4t nicht schlecht. Einerseits ist die ambivalente Einstellung zur \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr sie nicht akzeptabel und Grund ihrer investigativen Anstrengungen, andererseits profitiert sie vom privilegierten Wissen der Geheimnistr\u00e4ger, die ihr wichtige Informationen zutragen.<br \/>Kant hat bereits im schon zitierten &#8222;Ewigen Frieden&#8220; implizit darauf aufmerksam gemacht, da\u00df die &#8222;Zweiz\u00fcngigkeit&#8220; der Politik ihre \u00d6ffentlichkeitsbejahung als eigene Gro\u00dfz\u00fcgigkeit und &#8222;s\u00fc\u00dfes Wohltun&#8220; ausgebe, w\u00e4hrend sie doch dabei nur einer letztlich aus dem Sozialvertrag resultierenden &#8222;Pflicht&#8220; folge, &#8222;welche Hinterlist einer lichtscheuen Politik doch von der Philosophie durch die Publizit\u00e4t jener ihrer Maximen leicht vereitelt werden w\u00fcrde, wenn jene es nur wagen wollte, dem Philosophen die Publizit\u00e4t der seinigen angedeihen zu lassen.&#8220; Gegen die politische Heuchelei hilft nur die Ver\u00f6ffentlichung und Mobilisierung des Publikums, das in seinem Urteil nicht fehlgehen kann, weil sich in ihm die allgemeine Vernunft verk\u00f6rpert. Die &#8222;volonte generale&#8220; kann nicht irren. Kant verk\u00f6rpert auch den Optimismus einer permanenten Aufkl\u00e4rung, der von der Konstitution von \u00d6ffentlichkeit als moralischer Kategorie nicht zu trennen ist. Die Politik mu\u00df dem kritischen Geist den Zugang zur Publizit\u00e4t verwehren, will sie ihren Doppelstandard bewahren k\u00f6nnen. W\u00e4re die \u00d6ffentlichkeit informiert \u00fcber die Dunkelzonen des politischen Handelns, dann br\u00e4chen sich zwangsl\u00e4ufig Vernunft, Wahrheit und Moral bahn. Defizite in der rationalen Gestaltung der politischen Ordnung k\u00f6nnen in einem solchen Denken immer auf die Verhinderung von \u00d6ffentlichkeit geschoben werden. Damit tr\u00e4gt die Hoffnung auf Ver\u00f6ffentlichung aber eine Me\u00dflatte zur Bewertung des Politischen in sich, mit deren Hilfe sie flexibel ihr eigenes Scheitern auf die pervertierte \u00f6ffentliche Debatte projizieren kann. Die Forderung nach wahrer, bisher noch nicht erreichter \u00d6ffentlichkeit, immunisiert das Selbstbewu\u00dftsein der moralischen \u00dcberlegenheit vor Reflexion: Die Dunkelm\u00e4nner und Geheimnistr\u00e4ger versperren den Weg zu Vernunft, Wahrheit und Gl\u00fcck.<br \/>Mit der &#8222;\u00f6ffentlichen Meinung&#8220; differenziert sich semantisch ein Bereich heraus, der je nach Standpunkt der \u00d6ffentlichkeit voraus ist und quasi als Avantgarde dieser die Richtung vorgibt, oder manipulativ auf das Publikum einwirkt und dieses vom Wege der deliberativen Vernunft abbringt. \u00d6ffentliche Meinung ist Ferment, Substrat oder b\u00f6ser Geist der \u00d6ffentlichkeit. Semantik begleitet hier einen gesellschaftlichen Proze\u00df der funktionalen Differenzierung, in der auch die Vorstellung einer einheitlichen Vernunft den pluralen Interessenk\u00e4mpfen gegen\u00fcber wenigstens soweit aufgeben mu\u00df, da\u00df nur von der Durchsetzung bestimmter Partialinteressen eine solche Vereinheitlichung noch erwartet werden kann. Paradigmatisch steigt im 19. Jahrhundert die &#8222;proletarische \u00d6ffentlichkeit&#8220; zu einer solchen Teil\u00f6ffentlichkeit und Utopie einer wahren, authentischen \u00d6ffentlichkeit auf. Einen rhetorischen H\u00f6hepunkt erlebt diese Vision in Lenins &#8222;Dekret \u00fcber den Frieden&#8220;, dieser Programmschrift der Oktoberrevolution. Dort hei\u00dft es: &#8222;Die Regierung schafft die Geheimdiplomatie ab, sie erkl\u00e4rt, da\u00df sie ihrerseits fest entschlossen ist, alle Verhandlungen offen vor dem ganzen Volke zu f\u00fchren &#8230;&#8220;. Dieses Versprechen richtet sich an die revolution\u00e4re \u00d6ffentlichkeit Ru\u00dflands und verweist gleichzeitig \u00fcber sich hinaus und universalisiert das Publikum. Damit wird die letzte Zitadelle des politischen Geheimnisses, die internationale Politik, wenigstens semantisch geschliffen. Auch der zwischenstaatliche Status hobbesienne kann sich damit dem Prinzip der \u00d6ffentlichkeit nicht mehr entziehen. Bezeichnenderweise reagiert das b\u00fcrgerliche Publikum darauf in Form der &#8222;Vierzehn Punkte&#8220; Woodrow Wilsons, die zwei Monate nach Lenins Erkl\u00e4rung ver\u00f6ffentlicht werden. Danach soll in die internationale Politik &#8222;soziale Kontrolle&#8220; einziehen, die auf dem Prinzip umfassender Demokratisierung der politischen Systeme der internationalen Akteure basiert. Diese Demokratien werden aber deshalb als grunds\u00e4tzlich pazifistisch eingestellt, weil sie durch die jeweiligen \u00d6ffentlichkeiten kontrolliert werden. Wilson setzt auf die &#8222;word public opinion&#8220; als universales und binnengesellschaftliches Organisationsprinzip. Nur am Rande sei vermerkt, da\u00df dieses Vertrauen ohne gewisse institutionelle St\u00fctzungen nicht auskommt, denn unter Woodrow Wilson wird in der Administration die \u00d6ffentlichkeitsarbeit als staatliche Aufgabe entdeckt. Kritiker sprechen von Propaganda.<br \/>Die Utopie einer herzustellenden Beteiligung aller l\u00e4dt zur Parusie ein. So k\u00f6nnen Entt\u00e4uschungen \u00fcber das Versagen der \u00d6ffentlichkeit in Hoffnungen umgeformt werden, die auf eine Verallgemeinerung der Gegen- oder Modell\u00f6ffentlichkeit zielen. Wobei immer wieder der Zusammenhang von Information und Rationalit\u00e4t betont wird. K\u00f6nnte nur die Wahrheit bekannt gemacht werden, dann w\u00fcrde vieles gut. Gegen\u00f6ffentlichkeiten h\u00e4ngen dann auch besonders der bestimmten Details hinterhersp\u00fcrenden, etwas krampfhaft wirkenden Aufkl\u00e4rungsgeste an.<br \/>Solche Suche nach Wahrheit in den Tatsachen findet in der Politik ein reichliches Bet\u00e4tigungsfeld, weil in dieser die Herstellung passender Tatsachen mitunter zum Gesch\u00e4ft geh\u00f6rt. Man denke nur an die Klitterung der Geschichte der KPdSU je nach politischer Gro\u00dfwetterlage. Da ger\u00e4t Leo Trotzky zur Unperson, verschwindet einfach aus den einschl\u00e4gigen Historiographien. Fotografien, die ihn zeigen, werden retuschiert. Ein anderes Beispiel aus einem anderen politischen System: Auch nach der &#8222;Wehrmachtsausstellung&#8220; findet bis heute in Deutschland eine Debatte \u00fcber die von Wehrmachtseinheiten (und nicht von SS-Einsatzgruppen) begangenen Greueltaten an der Zivilbev\u00f6lkerung der besetzten Gebiete eher versch\u00e4mt statt. Offensichtlich ist hier, da\u00df die Konstruktion von Wirklichkeit und Wahrheit politisches Kampffeld ist. Das ruft ja gerade die \u00d6ffentlichkeit und ihre Anw\u00e4lte auf den Plan. Doch die Beispiele zeigen auch, da\u00df sich diese scheinbare, das Publikum antreibende Sicherheit der Fakten bei genauerem Nachdenken verfl\u00fcchtigt. Auch wenn alles bekannt ist, h\u00f6rt die L\u00fcge nicht auf, sich als Wahrheit zu drapieren.<br \/>Konversionen sind selten. Tatsachen wirken als Tatsachen nur innerhalb eines Bedeutungsrahmens, der sie umgibt. Als solche bedeuten sie nichts; erst im Kontext von Sinnzuschreibungen werden sie brisant. Deshalb verpuffen sehr oft die Bem\u00fchungen investigativer Journalisten, die immer zur Tatsachenwahrheit vorsto\u00dfen wollen und dann feststellen m\u00fcssen, da\u00df diese ihre Wahrheit, da\u00df ihre Aufkl\u00e4rung nichts \u00e4ndert. So gelangte w\u00e4hrend des Golfkriegs zur Befreiung Kuwaits ein deutscher Reporter nach Bagdad. Dort entlarvte er die Behauptung, die von den USA gef\u00fchrten Streitkr\u00e4fte n\u00e4hmen sogenannte &#8222;klinische&#8220; Bombardierungen vor, unter denen die irakische Zivilbev\u00f6lkerung nicht sehr zu leiden h\u00e4tte, als Propaganda. Selbstverst\u00e4ndlich stimmte diese Behauptung nicht; wie in vielen modernen Kriegen geh\u00f6rte die Bev\u00f6lkerung auch im Irak zu den Hauptleidtragenden. Dem Reporter war es gelungen, Tatsachen festzustellen, die bisher geleugnet worden waren. Aber diese Recherche hat die Stellung der \u00d6ffentlichkeit zu diesem Krieg nicht ver\u00e4ndert. Wer der Aktion am Golf vorher kritisch gegen\u00fcberstand, hatte jetzt neues Argumentationsmaterial erhalten, wer ihn bef\u00fcrwortete, hatte das ohnehin schon getan mit dem Wissen um die vielen Opfer eines Bombardements. Tatsachen gewinnen ihre Relevanz erst, wenn sie f\u00fcr die jeweilige \u00d6ffentlichkeit etwas bedeuten. Das Konzept einer \u00d6ffentlichkeit, die aufgrund von mehr Wissen als moralisches Korrektiv konstruiert wird, erleidet hier Schiffbruch. Wahrheit kann \u00d6ffentlichkeit nicht vereinheitlichen, und doch kann \u00d6ffentlichkeit auf Wahrheit und Wahrhaftigkeit als Kern ihrer Existenz nicht verzichten. In der Wahrheit setzt sich die r\u00e4umlich und sozial zersplitterte \u00d6ffentlichkeit wieder zum Ganzen von Vernunft und Moral zusammen. Ohne eine solche Wahrheitsontologie verl\u00f6re gerade der emanzipatorische Begriff des \u00f6ffentlichen R\u00e4sonnements seine Kraft und w\u00fcrde zur regulativen Idee ohne inhaltliche F\u00fcllung. Der gedankenexperimentellen Herstellung eines Konsenses der Subjekte zum Kollektivsubjekt \u00d6ffentlichkeit w\u00e4re die Grundlage entzogen. Weil die \u00d6ffentlichkeit an Wahrheit gebunden bleibt, steht sie in kritischer Distanz zum Politischen, das eine eigene R\u00e4son ausbildet, die nicht aufgrund der Unterscheidung von Wahrheit\/Unwahrheit, Moral\/Unmoral arbeitet, sondern eher die Differenz von Klugheit\/Unklugheit operationalisiert. Wer politische Auseinandersetzungen zu Wahrheitsfragen stilisiert und damit die Legitimit\u00e4t anderer, abweichender Meinungen bestreitet, ist in der Regel verhandlungs- und kompromi\u00dfunf\u00e4hig. Wahrheit ist nicht aushandelbar; Aushandeln ist aber der Kern des Politischen.<br \/>Mit der Erfindung der \u00f6ffentlichen Meinung, die noch weiter in &#8222;ver\u00f6ffentlichte Meinung(en)&#8220; unterschieden und relativiert werden kann, bewahrt sich die Rede von der \u00d6ffentlichkeit als Lenkungsinstanz der Moderne ihre Unschuld. Allenfalls schw\u00e4cht sich die Hoffnung auf \u00d6ffentlichkeit als Sph\u00e4re der moralischen Politik ab und konvertiert bei dem einen oder anderen gar zum kulturkritischen Skeptizismus angesichts der universellen, industriellen Manipulationszusammenh\u00e4nge. Theodor W. Adorno schreibt einhundertsechsundsechzig Jahre nach Kants &#8222;Ewigem Frieden&#8220; einen Aufsatz mit dem bezeichnenden Titel &#8222;Meinung, Wahn, Gesellschaft&#8220; und konstatiert, da\u00df die Kontrolle der ver\u00f6ffentlichten Meinung durch eine Wahrheit in den westlichen L\u00e4ndern angesichts der sozialen Partikularismen unm\u00f6glich geworden ist: &#8222;Soll \u00f6ffentliche Meinung legitim jene Kontrollfunktion aus\u00fcben, welche &#8230; die Theorie einer demokratischen Gesellschaft zuschreibt, dann mu\u00df sie selber in ihrer Wahrheit kontrollierbar sein. Statt dessen ist sie kontrollierbar nur als der statistische Durchschnittswert der Meinungen aller einzelnen. In diesem Durchschnittswert m\u00fcssen notwendig die Irrationalit\u00e4ten jener Meinung, das Moment ihrer Beliebigkeit und sachlichen Unverbindlichkeit, wiederkehren; sie w\u00e4re also gerade nicht jene objektive Instanz, die sie dem eigenen Begriff nach, als Korrektiv fehlbarer politischer Einzelhandlungen, zu sein beansprucht.&#8220;<br \/>Die &#132;Dialektik der Aufkl\u00e4rung&#8220; l\u00e4\u00dft auch den Optimismus der Publizit\u00e4t nicht ungeschoren und so wie die unaufgekl\u00e4rte Rationalit\u00e4t sich selbst zum Opfer f\u00e4llt, sich zur halbierten instrumenteilen Vernunft versehrt, ger\u00e4t auch der Begriff der \u00d6ffentlichkeit unter Druck. Der Rhetorik der nur noch scheinhaften Deliberation, die in der durchkalkulierten Welt der technischen S achzw\u00e4nge ohnehin keine Entscheidungen mehr m\u00f6g-<br \/>lich, sondern nur noch akzeptabel machen soll, weil es angeblich nichts mehr zu entscheiden gebe und alles berechnet werden k\u00f6nne, hat Adorno ja in seiner Kritik am &#132;Jargon der Eigentlichkeit&#8220; die negative Utopie der Authentizit\u00e4t durch Diskursverweigerung entgegengehalten. In der in authentischen Gesellschaft kann es danach keine authentische Repr\u00e4sentation unversehrter Individualit\u00e4t geben. Der Vorstellung einer Bindung politischer Legitimit\u00e4t an den freien Willen der einzelnen wird eine deutliche Absage erteilt, weil vom Menschen in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft nur noch in Form der &#8222;Festrede&#8220; gesprochen werden kann, in Wirklichkeit sei diese Idee einer entfalteten Individualit\u00e4t nur noch Schein. Hinter dieser Kritik steht aber eine Bejahung der Legitimationsgrundlagen. Eigentlich m\u00fc\u00dfte es so sein, aber die gesellschaftlichen, \u00f6konomisch fundierten Machtverh\u00e4ltnisse verhindern, da\u00df dieser Anspruch Wirklichkeit werden kann. Der &#8222;Mensch&#8220; ist f\u00fcr Adorno &#8222;das Wahre&#8220; und damit auch die entscheidende Instanz zur Legitimation\/Delegitimation der politischen Verh\u00e4ltnisse, aber der Kapitalismus l\u00e4\u00dft eine solches Zu-Sich kommen der Individuen nicht zu. So vegetieren sie als &#8222;verdammte Anh\u00e4ngsel&#8220; des &#8222;Unwahren&#8220;. Doch vom &#8222;Unwahren&#8220; kann nur reden, wer \u00fcber einen Begriff des &#8222;Wahren&#8220; verf\u00fcgt. \u00d6ffentlichkeit ist hier aber weder Raum noch Subjekt dieser Wahrheit. Statt dessen soll sich die Vernunft im Kunstwerk der Nichtidentit\u00e4t, im Schweigen gegen\u00fcber dem haltlosen Gerede der \u00d6ffentlichkeitsindustrie artikulieren. Trotzdem erkennt Adorno in dieser Schrumpfform von \u00d6ffentlichkeit noch einen Sinn: &#8222;Wollte man indessen &#8230; den Begriff der \u00f6ffentlichen Meinung einfach ausstreichen, auf sie ganz verzichten, so fiele damit doch wieder ein Moment weg, das noch in einer antagonistischen Gesellschaft, solange sie nicht zur totalit\u00e4ren \u00fcbergegangen ist, das Schlimmste verhindern kann.&#8220; Die Instanz von Wahrheit und Moral ist zum kleineren \u00dcbel degeneriert.<br \/>Dieses beachtliche Ma\u00df an Klugheit lassen zeitgen\u00f6ssische Positionen vermissen, in denen der Abstand zum \u00f6ffentlichen Betrieb als eigentliches Distinktionsmerkmal gilt. Der Abscheu der Schweigenden heftet sich insbesondere an eine vermeintliche doppelte Verzerrung der \u00d6ffentlichkeit. So werden zwar immer mehr Informationen zur Verf\u00fcgung gestellt, aber diese Flut \u00fcberschwemmt die Einordnungsm\u00f6glichkeiten des Publikums. Immer mehr Wissen korrespondiert mit immer weniger Sinn. Dar\u00fcber hinaus besteht dieser Informations\u00fcberflu\u00df aus Nichtigkeiten trivialer Unterhaltung. Bef\u00fcrchtete Martin Waiser in seiner j\u00fcngst anl\u00e4\u00dflich der Auszeichnung mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels gehaltenen Rede eine Diktatur der allgegenw\u00e4rtigen &#8222;Meinungssoldaten&#8220; des politisch korrekten Neusprech, so dr\u00fcckte sich in dieser Larmoyanz noch die Angst vor einer bestimmten politischen Gleichschaltung der \u00d6ffentlichkeit aus. Waiser artikulierte sich innerhalb des klassischen Bezugsrahmens eines auf vern\u00fcnftigen Diskurs eingestellten Publikums, das er vor bestimmten Manipulationen warnen m\u00f6chte. Ein solcher Kampf um \u00d6ffentlichkeit geh\u00f6rt in diese hinein und versandet doch angesichts einer Verst\u00fcmmelung der \u00f6ffentlichen Rede zum banalen Gestammel von Krethi und Plethi \u00fcber ihre gegenw\u00e4rtigen Befindlichkeiten, wie Botho Strauss vor Jahren &#8211; \u00fcbrigens in einem f\u00fcr den &#8222;Spiegel&#8220; verfa\u00dften Beitrag &#8211; feststellte. Die ber\u00fcchtigte &#8222;Talk-Show&#8220; gilt als Symbol dieses Inhalts-, Funktions- und Strukturwandels<br \/>von Publizit\u00e4t. \u00dcber alles und jeden wird gefaselt, und in der selbstgew\u00e4hlten Distanz zu diesem Unfug entsteht ein neues soziales Distinktionsmittel. Sachverstand und Vernunft verr\u00e4t jetzt gerade derjenige, der sich dieser \u00d6ffentlichkeit entzieht. Das Private erf\u00e4hrt hier eine Aufwertung, die ihre Kraft aus der im Schweigen artikulierten Unterscheidungsf\u00e4higkeit des Sinns vom Unsinns bezieht. Das &#8222;wahre&#8220; Publikum besteht aus den einzelnen, die nicht zu ihm geh\u00f6ren wollen.<br \/>Neben diesem wei\u00dfen Rauschen der Kommunikation als solcher macht den Medienskeptikern besonders zu schaffen, da\u00df damit innerhalb des politischen Diskurses eine Neuformierung des Verh\u00e4ltnisses von Privatheit und \u00d6ffentlichkeit verbunden ist. Die moralische Instanz besch\u00e4ftigt sich heute vor allem mit dem Privatleben der einzelnen. Die \u00f6ffentliche Kontrolle der Politik konzentriert sich auf den &#8222;human touch&#8220;, wobei die individuelle Moral im Mittelpunkt steht.<br \/>Die Aff\u00e4re um Pr\u00e4sident Clinton kann f\u00fcr diesen Zusammenhang als Ausgangspunkt der Beschreibung eines Idealtyps gelten. Stand am Beginn des Wirkens von Sonderanwalt Starr noch der Versuch, politische Korruption zu untersuchen, ver\u00e4nderte sich dieses Ziel langsam zur Charakter\u00fcberpr\u00fcfung Clintons. Die Legitimationsinstanz der amerikanischen \u00d6ffentlichkeit wurde dann auch vor allem mit den Details der Lewinsky-Aff\u00e4re konfrontiert. Nichts schien f\u00fcr die Verbreitung via Internet und Fernsehen so relevant zu sein, wie die intimen Gest\u00e4ndnisse. Der Hinweis der Clinton-Gegner, es gehe nicht um Sex, sondern um Straftaten wie Meineid, Verleitung zu Falschaussagen, Behinderung der Justiz usw. klingen hohl, denn diese Vorw\u00fcrfe h\u00e4tte man auch kl\u00e4ren k\u00f6nnen, ohne die sexuellen Details dem Publikum gegen\u00fcber ausbreiten zu m\u00fcssen. Sicherlich spielt der politische Machtkampf zwischen Demokraten und Republikanern f\u00fcr die Art und Weise wie Clinton ans Licht gezogen wurde eine gewisse Rolle, entscheidender f\u00fcr die Untersuchungsf\u00fchrung und die Pr\u00e4sentation ihrer Ergebnisse ist aber ein Begriff von \u00d6ffentlichkeit, der einerseits das demokratische Pathos der Aufkl\u00e4rung weiter transportiert und andererseits gleichzeitig auf Talk-Show-Niveau abgestiegen ist.<br \/>Gegen diese unangenehme Mischung aus moralischem \u00dcberlegenheitsd\u00fcnkel und schmatzender Unterhaltungssucht w\u00e4re nun das Schweigen vielleicht gar keine schlechte Strategie, wenn nur nicht die vermeintlichen Opfer solcher Hypokrisie selbst freiwilliger Teil des Spektakels w\u00e4ren. Denn immerhin hat Clinton seinen politischen Siegeszug ins Oval Office als Charakterwahlkampf gegen Bush und Dole begonnen, und die Intimisierung der Politik geh\u00f6rte dazu. Die vehementen Kritiker des Vorgehens der Republikaner, die ganz in der aufkl\u00e4rerischen Tradition vor einer neuen Inquisition warnten, die Trennung von \u00f6ffentlichem Amt und privatem Leben betonten und f\u00fcr eine R\u00fcckkehr zur Vernunft im politischen Diskurs warben, verteidigten nicht die verfolgte Unschuld gegen Machenschaften und Verschw\u00f6rung. Denn Sex scheint doch gar nicht der Anla\u00df zur Emp\u00f6rung zu sein; in den unvermeidlichen Meinungsumfragen schneidet der Pr\u00e4sident nicht nur bei M\u00e4nnern gut ab. Das Publikum bringt also nicht moralische Emp\u00f6rung zum Ausdruck, sondern verf\u00fcgt offenbar \u00fcber keine anderen Kategorien als die von Privatheit und Intimit\u00e4t, um politisch r\u00e4sonnieren zu k\u00f6nnen. Dazu pa\u00dft, da\u00df Clinton sich in diese Thematik f\u00fcgt und als reuiger S\u00fcnder auftritt, Entschuldigungen an<br \/>Frau und Tochter \u00f6ffentlich abgibt und sich privat jede Woche zur Bu\u00dfe mit drei Pfarrern trifft, die die moralische Therapie des Patienten nat\u00fcrlich \u00f6ffentlich machen. Das geh\u00f6rt zur gewollten Dem\u00fctigung.<br \/>Richard Sennett hat \u00e4hnliche in seiner epochalen Studie zum &#8222;Verfall und Ende des \u00f6ffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimit\u00e4t&#8220; vor Jahren untersucht. Er beschreibt die Ver\u00e4nderung der Formen und Inhalte des \u00f6ffentlichen Diskurses als Verfallsgeschichte: &#8222;Heute dominiert die Anschauung, N\u00e4he sei ein moralischer Wert an sich. Es dominiert das Bestreben, die Individualit\u00e4t im Erlebnis menschlicher W\u00e4rme und in der N\u00e4he zu anderen zu entfalten. Es dominiert ein Mythos, demzufolge sich s\u00e4mtliche Mi\u00dfst\u00e4nde der Gesellschaft auf deren Anonymit\u00e4t, Entfremdung, K\u00e4lte zur\u00fcckf\u00fchren lassen. Aus diesen drei Momenten erw\u00e4chst eine Ideologie der Intimit\u00e4t&#8230; Diese Ideologie verwandelt alle politischen Kategorien in psychologische. Sie definiert die Menschenfreundlichkeit einer Gesellschaft ohne G\u00f6tter: Menschliche W\u00e4rme ist unser Gott. Aber die Geschichte von Aufstieg und Fall der \u00f6ffentlichen Kultur stellt diese Menschenfreundlichkeit in Frage&#8220;. Traditionelle, kantsche \u00d6ffentlichkeit vertr\u00e4gt diese N\u00e4he nicht. Die Vernunft verabschiedet sich aus dem politischen Diskurs und macht Glaubw\u00fcrdigkeitsdebatten Platz. &#8222;Read it on my lips&#8220; geh\u00f6rt zur Standardformel derer, die auf diese Privatisierung des Politischen setzen. Der Leviathan menschelt.<br \/>Diese Intimisierung des Publikums steht in einem merkw\u00fcrdigen Verh\u00e4ltnis zum Auseinanderfallen dieses Publikums. Auch daf\u00fcr k\u00f6nnen die Vereinigten Staaten als Beispiel gelten. Die Segmentierung der Gesellschaft f\u00fchrt zu Einhegungen bestimmter Lebens-, insbesondere Wohnbereiche, die sich umz\u00e4unen, mit vielf\u00e4ltiger \u00dcberwachungstechnologie ausgestattet sind und von privater Polizei (eigentlich ein Widerspruch in sich) kontrolliert werden. Binnengesellschaftlich bilden sich exterritoriale Zonen, dazu geh\u00f6ren auch die staatlich aufgegebenen Slums, die ihre Exklusion nun allerdings mit Technologie und &#8222;Polizei&#8220; besonderer Art organisieren. Diese r\u00e4umliche Aufl\u00f6sung einer einheitlichen \u00d6ffentlichkeit korrespondiert mit einer entsprechenden Ideologie der Fragmentierung der B\u00fcrgergesellschaft in spezifische, geschlechtliche, ethnische, gesundheitliche usw. Gruppenidentit\u00e4ten, die sich \u00fcber Quotierungsstrategien ihren Anteil an den \u00f6konomischen und politischen Ressourcen sichern. Das Publikum gibt es nicht mehr als Selbstbild einer moralischen Kontrollinstanz gegen\u00fcber dem Staat.<br \/>R\u00e4umliche und ideologische Aufl\u00f6sung der \u00d6ffentlichkeit werden begleitet von Diskussionen \u00fcber den Anstieg der Kriminalit\u00e4t und das Einbunkern derjenigen, die au\u00dfer ihrem Leben noch anderes zu verlieren haben, dr\u00fcckt massive \u00c4ngste aus. Verf\u00fcgten 1970 gerade l % der amerikanischen Haushalte \u00fcber eine Alarmanlage, so stieg dieser Anteil bis 1998 auf 20 %. Pro Jahr werden inzwischen 80 Milliarden $ f\u00fcr private Wachmannschaften, Sicherheitstechnologien etc. ausgegeben. Das ist eine Verzehnfachung seit 1975. Eine solcherma\u00dfen im Hochsicherheitstrakt lebende Bev\u00f6lkerung kann wohl nur noch schwer einen Begriff von \u00d6ffentlichkeit pflegen, der den fremden Anderen in die Deliberation einbezieht. Die Klagen des Kommunitarismus und seine Versuche, eine neue Gemeinschaftlichkeit zu begr\u00fcnden, zielen genau in diese Richtung der Monadisierung. Erfolge bei der Rekonstruktion von \u00d6ffentlichkeit sind allerdings nicht zu vermelden. So bleibt es bei der Intimisierung und der Konstruktion von N\u00e4he, die nur in der Einhegung noch sicher erreicht werden kann. Diese N\u00e4he allerdings f\u00fchrt nicht zu neuer Verallgemeinerung einer Gef\u00fchlskultur, sondern bleibt konsequent r\u00e4umlich und ideologisch eingehegt. Das Internet ist ihr Medium. Es ist &#8211; auch das zeigen die USA &#8211; die Zukunft der \u00d6ffentlichkeit, aus deren &#132;chats&#8220; die einzelnen mit Knopfdruck aus- und einsteigen k\u00f6nnen, ohne die Risiken der Sozialit\u00e4t in Kauf nehmen zu m\u00fcssen.<br \/>Was von der \u00f6ffentlichen Meinung als Sicherung gegen Totalitarismus und Uniformierung bleiben wird, steht dahin. 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