{"id":11367,"date":"1997-06-30T08:00:00","date_gmt":"1997-06-30T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/am-liebsten-tot-umfallen\/"},"modified":"1997-06-30T12:00:00","modified_gmt":"1997-06-30T10:00:00","slug":"am-liebsten-tot-umfallen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-138\/publikation\/am-liebsten-tot-umfallen\/","title":{"rendered":"Am liebsten tot umfallen"},"content":{"rendered":"<p>Anmerkungen eines Seelsorgers<\/p>\n<p>Aus: vorg\u00e4nge Nr. 138 (Heft 2\/1997), S. 90-91<\/p>\n<p>Mit dem 90. Psalm wird auch heute noch bei christlichen Gottesdiensten &#8211; vor allem bei Trauerfeiern &#8211; regelm\u00e4\u00dfig gebetet: &#8222;Herr lehre uns bedenken, da\u00df wir sterben m\u00fcssen.&#8220;<\/p>\n<p>Christliche Gebetsformulare verbinden das Wort h\u00e4ufig mit der Bitte, jederzeit vor Gottes Gericht treten zu k\u00f6nnen. Darin spiegelt sich die Tradition, die uns schon in den vielen Darstellungen des J\u00fcngsten Gerichtes in mittelalterlichen Kirchen begegnet. Der Tod wird als Einschnitt verstanden, der das irdische Leben nicht nur beendet, sondern als abgeschlossenes nunmehr dem g\u00f6ttlichen Gericht ausliefert. Wer diese Vorstellung ernst nahm, mu\u00dfte darum bitten, sich in Ruhe auf den Tod vorbereiten zu k\u00f6nnen. Ein schneller Tod war eine Gefahr. Der mittelalterliche Christ konnte geradezu beten: &#8222;Bewahr&#8216; mich, Herr, vor schnellem Tod!&#8220;<\/p>\n<p>Wer heute \u00fcber den Tod nachdenkt, wird schnell feststellen, wie fern den meisten Menschen solche Vorstellungen sind. Ich habe als Pfarrer jedenfalls regelm\u00e4\u00dfig erlebt, da\u00df mir gesagt wurde: \u00dcber Gestorbene: &#8222;Er, sie hat wenigstens keine schmerzen gehabt&#8220;. Oder: &#8222;Er, sie hat nicht gewu\u00dft, wie ernst die Krankheit war.&#8220; Oder auch: &#8222;Die \u00c4rzte haben gegen die Schmerzen so starke Mittel gegeben, da\u00df er, sie ganz ruhig hin\u00fcberged\u00e4mmert ist.&#8220; Manchmal auch: &#8222;Er, Sie hat wohl geahnt, da\u00df es zu Ende geht, aber wir haben nie dar\u00fcber gesprochen&#8220;.<\/p>\n<p>Und \u00fcber eigene W\u00fcnsche habe ich oft geh\u00f6rt: &#8222;Am liebsten m\u00f6chte ich mal einfach tot umfallen&#8220;. Oder: &#8222;Wenn ich nur nicht lange leiden mu\u00df&#8220;. Oder: &#8222;Abends einschlafen und morgens nicht mehr aufwachen&#8220;.<\/p>\n<p>Der Tod ist etwas anderes geworden als noch vor zwei, drei Generationen. Er ist einfach das Ende unseres Lebens, bedrohlich sind dabei vor allem die Schmerzen des Sterbens, das Elend langen Leidens. Nat\u00fcrlich stelle sich auch &#8211; entmythologisiertes Gericht -die Frage nach Sinn, Niederlagen und Erfolgen eines Lebens. Ebenso gibt es die Betroffenheit und den Schmerz des Abschieds &#8211; aber auch solches Fragen und Erleben ist heute anders als fr\u00fcher.<\/p>\n<p>Was hat soviel ver\u00e4ndert? Ich denke, da\u00df geistige und gesellschaftliche Entwicklungen zusammengekommen sind. Naturwissenschaft und Aufkl\u00e4rung haben unser Weltbild ver\u00e4ndert, das Industriezeitalter unseren Alltag. In der vorindustriellen Zeit war der Familienbetrieb der Normalfall. Der Bauernhof wie der Handwerksbetrieb, das Handelshaus wie das Rittergut oder das F\u00fcrstenhaus waren Familienbetriebe, deren Kontinuit\u00e4t \u00fcber den Tod hinaus gew\u00e4hrleistet werden mu\u00dfte. Die Erinnerung an den Tod und die rechtzeitige Vorbereitung waren nicht nur f\u00fcr das Jenseits, sondern auch f\u00fcr die Weitergabe des Betriebes wichtig. Da vor allem die Erfahrung der \u00c4lteren z\u00e4hlte, \u00fcbergaben sie den Betrieb erst kurz vor dem Tod und segneten die Nachfolgenden zugleich.<\/p>\n<p>In unserer Gesellschaft ist der Familienbetrieb nicht mehr der Normalfall, und eine Verpflichtung, ihn weiterzuf\u00fchren, gibt es auch nicht mehr. Die st\u00e4ndigen Ver\u00e4nderungen durch Wissenschaft und Technik werden von den J\u00fcngeren besser verstanden und bedeuten mehr als das Erfahrungswissen der Alten. Die meisten Menschen arbeiten in Gro\u00dfbetrieben und Verwaltungen. So geht man heute normalerweise lange vor dem Tod in Rente, das Sterben ist nur noch das je pers\u00f6nliche Lebensende. Die \u00e4rztliche Kunst kann dieses Ende weit hinausschieben, kann Schmerzen lindern, kann die Anzeichen des nahenden Todes \u00fcberspielen. Dementsprechend machen wir uns vor allem Gedanken \u00fcber einen sanften Tod und \u00fcber ein schmerzloses Sterben. Wie sehr das unser Denken bestimmt, zeigen die Diskussionen \u00fcber das Recht zum eigenen, freigew\u00e4hlten Tod, \u00fcber aktive und passive Sterbehilfe, \u00fcber Todesdefinition und Organentnahme, \u00fcber Patientenrechte und die Grenzen \u00e4rztlicher Kunst.<\/p>\n<p>Tod und Sterben sind heutzutage zugleich eine Frage der Versorgung der Hinterbliebenen. Ich erinnere mich noch daran, wie mir als jungem Pfarrer erstmals gesagt wurde: &#8222;Das ist wirklich traurig.&#8220; Es ging um einen Unfall, bei dem ein junger Vater t\u00f6dlich verungl\u00fcckt war und seine Frau und die beiden kleinen Kinder unversorgt waren. Nat\u00fcrlich ist jeder Tod traurig, aber &#8222;wirklich traurig&#8220; ist so ein Tod. Dementsprechend gehen die Gedanken im Blick auf Sterben und Tod schnell auf Krankenkasse, Lebensversicherung, Rente oder Pension, soweit man eben nicht nach dem eigenen Sterben fragt.<\/p>\n<p>Wo bleibt aber die W\u00fcrde des Menschen, der \u00fcber seinen Tod hinwegget\u00e4uscht wird, weil vor allem seine Schmerzen bek\u00e4mpft werden? Wo bleibt die W\u00fcrde des Menschen, der vor allem Organspender sein soll? Wie kommen wir wieder zu einem Leben, das offen und selbstbestimmt dem Tod entgegensehen kann? Es gibt Ans\u00e4tze, neu nachzudenken und entsprechende Konsequenzen zu ziehen. Es gibt \u00c4rzte, die sich Zeit und M\u00fche nehmen, Patienten \u00fcber den Ernst ihrer Krankheit aufzukl\u00e4ren. Es gibt die Sterbebegleitung der Hospizbewegung. Andererseits gibt es auch die \u00dcberforderung der Altersheime in einer Gesellschaft, in der so viele alte Menschen ohne helfende Angeh\u00f6rige leben m\u00fcssen. Je mehr ambulante Hilfen ausgebaut werden, desto sp\u00e4ter gehen die Menschen ins Altersheim, in der Regel erst, wenn es gar nicht mehr anders geht. Aus den Altersheimen werden so mehr und mehr Sterbeh\u00e4user, doch ohne, da\u00df sie daf\u00fcr eingerichtet und personell ausgestattet sind. Sie verst\u00e4rken die Angst vor dem Alter, vor langem Leiden, vor dem Sterben, das wir gleichzeitig so vielfach verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Wer stirbt noch daheim? Wer auch nur im Beisein von Angeh\u00f6rigen? Der Ort des Sterbens ist immer h\u00e4ufiger das Sterbezimmer in der Klinik oder im Pflegeheim und da liegt man meistens allein, sehr allein.<\/p>\n<p>So bleibt es dabei: Wir f\u00fcrchten nicht mehr den schnellen Tod, wir erhoffen ihn. Am liebsten m\u00f6chten wir eines m\u00f6glichst fernen Tages tot umfallen, aber bis dahin gesund bleiben. Und nur, wer h\u00e4ufig mit dem Tod zu tun hatte, w\u00fcnscht sich, wenigstens einige, vorher richtig krank zu sein, damit die Angeh\u00f6rigen nicht zu sehr \u00fcberfallen werden, sondern wenigstens etwas vorbereitet sind.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1610],"publikationen":[1045],"class_list":["post-11367","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-ulrich-finckh","publikationen-vorg-138"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Am liebsten tot umfallen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-138\/publikation\/am-liebsten-tot-umfallen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Am liebsten tot umfallen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Anmerkungen eines Seelsorgers Aus: vorg\u00e4nge Nr. 138 (Heft 2\/1997), S. 90-91 Mit dem 90. 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