{"id":11396,"date":"1985-02-24T10:00:00","date_gmt":"1985-02-24T09:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/armut-im-alter\/"},"modified":"1985-02-24T12:00:00","modified_gmt":"1985-02-24T11:00:00","slug":"armut-im-alter","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/73-vorgaenge\/publikation\/armut-im-alter\/","title":{"rendered":"Armut im Alter"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 73 (Heft 1\/1985), S. 41-45<\/p>\n<p><i>\u00bbEs war einmal ein armes Kind, dem waren Vater und Mutter gestorben\u00ab.<\/i><\/p>\n<p>Diese klassische M\u00e4rchenformel fa\u00dft jene Komplexit\u00e4t von Armut in einpr\u00e4gsamer, jedem Zuh\u00f6rer beim Erz\u00e4hlen verst\u00e4ndliche Form, die zu operationalisieren und der abzuhelfen mit Hilfe etwa der Sozialgesetzgebung so schwer f\u00e4llt:<\/p>\n<p>Dem Kind mangelt es an Nahrung, Kleidung und sch\u00fctzendem Wohnraum; sein blo\u00dfes\u00a0 \u00dcberleben ist gef\u00e4hrdet. Die Waise ist zudem schutzlos, weil ohne Menschen, zu denen sie geh\u00f6rt und die ihr h\u00fclfen; sie verf\u00fcgt (noch) nicht \u00fcber jene Kr\u00e4fte und F\u00e4higkeiten, die einem anderen (erwachsenen und m\u00e4chtigeren) Menschen eher erlauben, sein Leben so zu f\u00fchren, wie es eigenen W\u00fcnschen und Bed\u00fcrfnissen entspricht. Das Kind im M\u00e4rchen ist \u00bbarm\u00ab &#151; im materiellen Sinn, und \u00bbarm dran\u00ab &#151; in einem immateriellen Sinn. Beide Komponenten von Armut h\u00e4ngen meist eng miteinander zusammen, bedingen sich teilweise &#151; aber nicht unbedingt.<\/p>\n<p>Die Armutsformel lie\u00dfe sich auch auf alte Menschen \u00fcbertragen: wenn man in Klammer statt \u00bbnoch\u00ab ein \u00bbnicht mehr\u00ab setzt. Damit w\u00e4re ein Unterschied markiert: jungen Menschen werden generell eher Chancen zugestanden, daf\u00fcr, da\u00df sich ihre Armutssituation \u00e4ndern k\u00f6nne; in aller Regel wachsen ihnen noch Kr\u00e4fte und F\u00e4higkeiten zu, ihr Lebensgef\u00fchl ist daher eher von Hoffnung auf eine Wende der Lebenssituation in Zukunft bestimmt als bei alten Menschen. Deren Leben scheint \u00bbgelaufen\u00ab, deren\u00a0 Kr\u00e4fte nehmen ab, sie bangen darum, welche F\u00e4higkeiten ihnen zuletzt \u00fcberhaupt noch bleiben werden&#8230; Armut im Alter w\u00e4re demnach etwas anderes als Armut in der Jugend &#151; selbst bei \u00e4u\u00dferlich vergleichbaren Lebenssituationen, z.B. ohne M\u00f6glichkeiten zu sinnvoller Besch\u00e4ftigung, ohne befriedigende soziale Beziehungen und ohne anderes als Einkommen aus der Sozialhilfe.<\/p>\n<p>Aber auch arme Alte erleben ihre jeweilige Lebenssituation sehr verschieden: unz\u00e4hlige\u00a0 Einfl\u00fcsse, die jeden lebenslang in einmaliger Weise pr\u00e4gen, wirken hinein in \u00e4u\u00dferlich vergleichbare Lebensumst\u00e4nde, sie bestimmen Verhalten und Einstellung zum eigenen Alter und zur eigenen Alterssituation in unterschiedlichster Weise: <i>Das Alter hat viele Gesichter. Und: Armut im Alter hat viele Wurzeln.<\/i><\/p>\n<p><i>Agathe A.<\/i><\/p>\n<p>Sie ist 76 Jahre alt, wohnt allein in einer 50 qm gro\u00dfen Zweizimmerwohnung, gebaut wohl Ende der 20er Jahre f\u00fcr \u00bbAsoziale\u00ab; das Industriegebiet au\u00dferhalb des Ortes grenzt an das Grundst\u00fcck, auf dem das Wohnhaus steht, eine Hauptverkehrsstra\u00dfe f\u00fchrt unmittelbar vorbei. Die Wohnung kostet &#151; kalt &#151; 171 DM Miete; im Wohnzimmer steht ein Kohleofen, die K\u00fcche ist ohne Sp\u00fcle, die Badewanne hochbeinig und alt. Agathe\u00a0 A. kann sie allein nicht ben\u00fctzen. Eine Waschmaschine und eine Trockenmaschine stehen im Bad: angeschafft auf Sozialamtskosten, denn Frau A. ist inkontinent &#151; sie mu\u00df t\u00e4glich waschen: Bettw\u00e4sche und Leibw\u00e4sche. Die K\u00fcche ist nicht heizbar, auf dem 2flammigen Gasherd macht Agathe A. aber Wasser warm f\u00fcr den Kaffee, den sie regelm\u00e4\u00dfig morgens trinkt (wobei sie Kaffeepulver mehrmals verwendet); und sie w\u00e4rmt sonntags das \u00bbEssen auf R\u00e4dern\u00ab auf, das sonst t\u00e4glich warm und f\u00fcrs Wochenende kalt mitgeliefert wird. Die ganze Wohnung riecht stark nach Urin &#151; obwohl fast t\u00e4glich eine Altenpflegerin kommt, f\u00fcr L\u00fcften und Waschen sorgt &#151; soweit es die alte Frau nicht schon allein getan hat &#151; und obwohl der Fu\u00dfboden ebenfalls auf Antrag vom Sozialamt bezahlt, ziemlich neu ist und sich gut reinigen l\u00e4\u00dft: grau-wei\u00df melierter PVC-Boden, an manchen Stellen schon etwas vergilbt. Alle M\u00f6bel &#151; die n\u00f6tigsten nur &#151; sind organisiert von Sozialarbeiterin und Altenpflegerin: aus Nachl\u00e4ssen anderer Alter. Die Kleider, die Agathe A. tr\u00e4gt, stammen teilweise von einer verstorbenen Nachbarin. \u00bbDas pa\u00dft mir alles, ist noch gut. &#151; Da brauche ich mir nichts zu kaufen.\u00ab An der get\u00fcnchten Wand im Wohnzimmerchen h\u00e4ngen farbige Tierposter: die hat Agathe A. zusammen mit der Altenpflegerin ausgesucht: \u00bbDie k\u00f6nnen da h\u00e4ngen, das ist ganz sch\u00f6n. \u00ab Jeden Montag legt sie 4 Zehnmark-scheine in die Steropor-Beh\u00e4lter f\u00fcrs Essen: davon bekommt sie ein F\u00fcnfmarkst\u00fcck zur\u00fcck. Das Geld ist f\u00fcrs Mittagessen der kommenden Woche. Sonst kauft ihr ein Zivildienstleistender ein. Ihm schreibt sie auf, was sie m\u00f6chte; er ber\u00e4t sie. F\u00fcr Sonntag g\u00f6nnt sie sich sogar drei Br\u00f6tchen: \u00bbDie e\u00df&#8216; ich so gern.\u00ab So kommt sie \u00bbganz gut hin\u00ab, mit ihrer Rente von 412.&#151; DM; Miete und Kohlen werden ihr bezahlt; was sie sonst braucht, bekommt sie auf Antrag &#151; seit ihr dabei geholfen wird.<br \/>Das ist der Fall seit etwa einem Jahr. Damals war sie auf der Stra\u00dfe bewu\u00dftlos umgefallen, kam dann ins Krankenhaus; ihre Unterern\u00e4hrung &#151; genauer: ihre Mangelern\u00e4hrung &#151; wurde ausgeglichen, ihre geistige Leistungsf\u00e4higkeit kam wieder, nach kurzer psychiatrischer Beobachtung und Behandlung wurde sie nach Hause entlassen: unter der Voraussetzung mindestens zun\u00e4chst regel-m\u00e4\u00dfiger Betreuung durch \u00bbFachkr\u00e4fte\u00ab. Ihre \u00bbFreundin\u00ab, die Alten-pflegerin, hat viel mit ihr geredet, hat erfahren, warum sie immer in M\u00fclltonnen nach Abf\u00e4llen suchte: weil sie immer Hunger hatte und nie Geld, um sich was zu kaufen. Wie sich dann herausstellte, hatte sie ihr Enkel jahrelang und regelm\u00e4\u00dfig um fast ihre ganze Rente betrogen: statt der \u00bb20\u00ab Mark, die sie &#151; ohne genaue Vorstellungen daf\u00fcr, was sie brauche, was sie habe und was Lebensmittel kosten &#151; auf Schecks schrieb, hob er \u00bb200\u00ab DM ab, den Rest von 180 Mark zweimal monatlich f\u00fcr sich behaltend. (Inzwischen hat sie gelernt, da\u00df sie auch in Buchstaben angeben mu\u00df, was abgehoben werden soll!). Nachbarn hatten wohl bemerkt, da\u00df sie ab und zu auf der Stra\u00dfe torkelte, auch gelegentlich, da\u00df sie &#151; vor allem abends &#151; in M\u00fclltonnen w\u00fchlte, aber sich nicht \u00bbeingemischt\u00ab, da ja der Enkel kam. Und man wollte nichts mit ihr zu tun haben; man mied sie, weil sie verwahrlost aussah und stank; sie lie\u00df niemanden in ihre Wohnung, sprach jahrelang mit keinem \u00bbFremden\u00ab, mi\u00dftrauisch und scheu geworden. Ihr Leben lang war sie verachtet gewesen &#151; schon im Elternhaus, als \u00bbM\u00e4dchen\u00ab unerw\u00fcnscht; dann \u00bbin Stellung\u00ab, als Magd seit dem 14. Lebensjahr; sie heiratete sp\u00e4t: \u00bbDie Burschen im Dorf wollten eine, die was hatte.\u00ab &#151; Nach der Totgeburt einer Tochter erlitt sie einen Schock, kam in eine Nervenklinik; ihr Mann reichte die Scheidung ein. Ohne Unterhaltsbeihilfe lebte sie mehr schlecht als recht vom \u00bbLohn\u00ab f\u00fcr Putzdienste, der oft ohne Sozialabgaben bezahlt wurde; als es schwieriger mit den Arbeitsangeboten wurde, begann sie zu trinken&#8230; Inzwischen redet sie gern mit ihren Betreuern und auch mit anderen Leuten, die sie besuchen oder anspre chen; sie geht selbst Kleinig-keiten einkaufen, lernt wieder, mit Geld umzugehen und plant mit dem Kalender: Am Sonntag zieht sie sogar eine \u00bbsch\u00f6ne\u00ab Weste an; und an Weihnachten geht sie zu einer \u00bbEinladung\u00ab, die ihre Betreuer f\u00fcr Leute wie sie organisiert haben. \u00bbSo sch\u00f6n wie jetzt habe ich es noch nie in meinem Leben gehabt\u00ab, meint sie. Nie seien Leute so freundlich zu ihr gewesen, und nie habe sie so gutes Essen und eine so sch\u00f6ne Wohnung gehabt.<\/p>\n<p><i>Berta B.<\/i><\/p>\n<p>Sie ist 72 Jahre alt, wohnt allein in einer ehemaligen Werkswohnung der Fabrik, in der sie jahrelang arbeitete;\u00a0 gegen\u00fcber sind H\u00e4userzeilen der Obdachlosenunterk\u00fcnfte, wo es laut zugeht, M\u00e4nner trinken, ihre Frauen schlagen, Hauseing\u00e4nge offen stehen und verschmierte W\u00e4nde zu sehen sind. In ihrem Wohnblock wohnen \u00bbbessere\u00ab Leute: arme Rentner zumeist, ehemalige \u00bbWerksangeh\u00f6rige\u00ab\u00a0 oft, mit Einkommen knapp \u00fcber den geltenden Regels\u00e4tzen &#151; keine Sozialhilfeempf\u00e4nger also, wie sie. Ihre K\u00fcche ist blitzsauber &#151; sauber ist alles an ihr und um sie. Darauf ist sie auch stolz: \u00bbMeine Wohnung war schon immer ein Schmuckk\u00e4stchen\u00ab &#151; nur, heute ist alles so teuer, auch Scheuerpulver: \u00bbund man m\u00f6chte doch auch noch ein bi\u00dfchen Glanz auf dem Boden.\u00ab Auf dem K\u00fcchentisch liegt eine r\u00f6tliche Dralondecke, passend zu Vorh\u00e4ngen und tadellos gepl\u00e4tteten Deckchen auf Waschmaschine, K\u00fchlschrank und K\u00fcchenbord. Eine Thermoskanne mit frisch aufgebr\u00fchtem Kaffee und dunkelblaue Melittat\u00e4sschen stehen bereit: \u00bbTrinken Sie, den habe ich f\u00fcr Sie gemacht.\u00ab Die K\u00fcche ist bunt tapeziert: \u00bbDas hat mein Sohn gemacht.\u00ab &#8211; \u00bbAlle M\u00f6bel, die Sie sehen, sind geschenkt: K\u00fcchentisch und St\u00fchle von mein&#8216; Bruder, auch K\u00fcchenschrank und Schlafzimmer &#151; der hat im Lotto gewonnen und sich neu eingerichtet. Waschmaschine hat mir mein Sohn gekauft &#151; da wasche ich jetzt auch f\u00fcr ihn mit.\u00ab Der Herd ist vom Sozialamt, und die Sp\u00fcle geh\u00f6rt dem Bautr\u00e4ger. Auch der alte K\u00fchlschrank ist geschenkt und die gesamte Wohnzimmereinrichtung, die das etwa 15 qm gro\u00dfe Zimmer v\u00f6llig ausf\u00fcllt: Schrankwand, Sessel und Polstercouch. \u00bbHier liege ich abends, wenn ich fernsehen will, decke mich mit einer Wolldecke zu, da\u00df ich warm bleib &#151; sonst wird die Heizung zu teuer.\u00ab In der K\u00fcche kann man nur mit dem Gasherd heizen &#151; das tat sie heute, \u00bbweil ich Besuch bekam.\u00ab Seit einiger Zeit beantragt sie Sozialhilfe, damit hat sie lange gez\u00f6gert, aus Angst, ihr Sohn m\u00fc\u00dfte dann f\u00fcr sie zahlen. Nun besteht sie auf ihren Rechten, wei\u00df auf den Pfennig genau \u00fcber jeden Posten und \u00c4nderungen bei Antragsbewilligungen Bescheid. Denn sie f\u00fchlt sich nicht als Bettlerin: \u00bbBetteln war nie meine Art. Aber: ist das richtig, da\u00df ich so wenig bekomme, da\u00df meine Schw\u00e4gerin drei Renten bekommt &#151; fast 3000 Mark &#151; und hat nie soviel gearbeitet wie ich? &#151; Ist das richtig, da\u00df wir die Erh\u00f6hungen bekommen in Prozenten &#151; wo ich so wenig habe und sie so viel?\u00ab<br \/>Mit ihren zwei kleinen Kindern ist sie allein von Polen nach Kriegs-ende nach Westdeutschland geflohen, lebte\u00a0 dann 12 Jahre in England, in der BRD lie\u00df sie sich &#151; gegen den Willen ihres Mannes &#151; scheiden; aus Stolz aber klagte sie nicht auf Unterhalt. Vielmehr wollte sie arbeiten &#151; Akkordarbeit, damit sie viel verdiene. Sie f\u00fchlte sich kr\u00e4ftig &#151; bis der erste Herzinfarkt kam. Nach dem zweiten wurde sie invalidiert &#151; mit 54. Sie putzte noch, gelegentlich, bis heute &#151; aber es geht immer schwerer von der Hand. Und die Rente wird davon nicht h\u00f6her.<\/p>\n<p><i>Cecilie C.<\/i><\/p>\n<p>Sie ist 70 geworden und wohnt in einem Altenheim, in einem kleinen Appartement mit \u00bbMinik\u00fcche\u00ab, Sanit\u00e4rzelle und Vorr\u00e4umchen. Im Wohn-Schlafraum, 16 qm gro\u00df, liegt ein Perserteppich, h\u00e4ngen Bilder in Goldrahmen, steht eine Polstergarnitur. Das Sofa wird abends ihr Bett. Mittags i\u00dft sie im Speisesaal, drei Stock-werke tiefer; abends holt sie sich aus dem Angebot, zugleich f\u00fcr den n\u00e4chsten Morgen, was ihr zusagt. &#151; Ein gro\u00dfer Fernsehapparat steht so, da\u00df sie ihn liegend sehen und bedienen kann: sie mu\u00df bzw. mu\u00dfte schon viel liegen &#151; wegen eines H\u00fcftleidens. \u00bbAls ich hier einzog, brauchte ich t\u00e4glich Hilfe und konnte kaum gehen.\u00ab Sonntags holt sie ihr Sohn zum Kaffee; aber sie f\u00fchlt sich trotzdem oft einsam: \u00bbDie vielen Leute hier, die alle schon so abgebaut sind &#151; ich kann mit ihnen nicht reden.\u00ab Weg kann sie auch nicht &#151; mal ins Cafe gehen oder zu den Kindern ihres zweiten Sohnes fahren: \u00bbDazu fehlt mir das Geld, jede Fahrt m\u00fc\u00dfte ich beantragen. Das mag ich nicht.\u00ab Geschenke kann sie diesen Enkeln auch nicht so machen, wie sie m\u00f6chte: \u00bbEs ist alles so teuer&#8230; ich kann denen keinen Transistor oder sowas schenken. Und das sind die gew\u00f6hnt. \u00ab Selbst Weihnachtskarten sind f\u00fcr sie ein Problem: \u00bbDa kostet eine mindestens eine Mark zwanzig, mit Goldrand. Und noch Porto dazu\u00ab (und andere als Goldrandkarten mag sie nicht schenken). Die Schwiegertochter soll Parf\u00fcm bekommen: \u00bbSo eine Geschenkpackung, damit es wenigstens ein bi\u00dfchen was hermacht.\u00ab Und f\u00fcr die Schw\u00e4gerin mu\u00df sie noch einkaufen, wenn die zu Besuch kommt: \u00bbEinen Tee kann ich meinen Leuten nicht anbieten. Die sind mindestens einen ordentlichen Cognac gewohnt.\u00ab<br \/>Frau C. hatte ihr Leben lang keine Geldsorgen, ihre Eltern hatten ein Baugesch\u00e4ft, das sp\u00e4ter ihr Mann f\u00fchr te, bis zum Konkurs. Sie war Krankenschwester, bis zur Heirat, half unentgeltlich jahrelang in einem Krankenhaus &#151; heute hat sie kaum Rente, die zudem einbehalten wird. Ihr Mann starb, hinterlie\u00df Schulden, sie wurde krank, kam ins Heim. Anfangs litt sie dort sehr unter Depressionen. Sie empfand ihre Verarmung zugleich als Deklassierung und als doppelte Abh\u00e4ngigkeit: abh\u00e4ngig war sie von Hilfe durch fremde Menschen &#151; ohne jeden Einflu\u00df auf ihre Dienstwilligkeit und Dienstf\u00e4higkeit, und abh\u00e4ngig vom Sozialamt, das ihr Sozialhilfe und Antr\u00e4ge auf Kleiderbeihilfe, auf Fahrtkostenerstattung und auf jede Beihilfe f\u00fcr \u00bbSonderw\u00fcnsche\u00ab &#151; wie eine Handtasche und dazu passende Handschuhe &#151; bewilligen mu\u00dfte oder auch nicht bewilligte. Als \u00bbKatastrophe\u00ab erlebte sie den Diebstahl ihrer Fernlenkung zum Fernsehger\u00e4t im Wert von 100 Mark &#151; mitten im Monat. Versichert war sie nicht, Geld hatte sie keines. Dabei lag sie zu der Zeit fest im Bett, hatte starke Schmerzen, von denen sie sich am besten h\u00e4tte durch Sendungen ablenken lassen k\u00f6nnen. \u00bbDamals war ich richtig verzweifelt. &#151; Jetzt geht es mir gesundheitlich besser. Aber in Geldnot bin ich oft: Man braucht so viel Allt\u00e4gliches: Fris\u00f6r, Arzneimittel, Gesichtscreme, Zeitung&#8230; Da bleibt von 116 Mark Taschengeld nichts \u00fcbrig. &#151; Am liebsten w\u00fcrde ich hier ausziehen &#151; in eine kleine Wohnung, wo t\u00e4glich eine Pflegerin f\u00fcr ein paar Stunden kommt&#8230; Aber mit 600 Mark Rente m\u00fc\u00dfte ich schlechter leben als hier. Ich bin eine Gefangene meiner Armut &#151; und eine \u00bbechte Frau\u00ab, die sich zu sehr von ihrem Mann abh\u00e4ngig hat machen lassen.\u00ab<\/p>\n<p>Drei alte Frauen unter uns, nicht die \u00e4rmsten, nicht die \u00e4ltesten. Alle sind sie arm, obwohl keine von ihnen vom Verhungern bedroht ist, jede sich so kleiden kann, da\u00df ihre Gesundheit nicht gef\u00e4hrdet ist und jede ihren eigenen, heizbaren und gesicherten Wohnraum hat. Jede der Frauen ist heute abh\u00e4ngig von Sozialhilfe, obwohl jede viel in ihrem Leben gearbeitet hat, aber billigste oder unbezahlte Arbeit getan, mit Unterbrechungen und ohne ausreichende Sozialabgaben \u00a0&#8230; \u00a0Jede von ihnen ist geschieden\u00a0 bzw. verwitwet, keine ist ganz allein. Jede hat mindestens einen lebenden Sohn und Enkel, und jede Frau ist inzwischen vom \u00bbNetz der sozialen Sicherheit\u00ab gehalten; das hei\u00dft: sie hat auch noch professionelle Helfer, die sich im Rahmen der gesetzlichen M\u00f6glichkeiten (z.B. BSHG \u00a7 75 Altenhilfe) um sie k\u00fcmmern.\u00a0 Agathe A. will vom Sohn und seiner Familie nichts wissen, \u00bbdie haben mich nur ausgen\u00fctzt\u00ab; Beate B. hat st\u00e4ndigen und guten Kontakt zum Sohn &#151; er hilft ihr und sie ihm, soweit beiden das m\u00f6glich ist. Cecilie C.&#8217;s Verh\u00e4ltnis zu den Kindern ist ambivalent: zwar wird sie \u00bbpflichtgem\u00e4\u00df\u00ab sonntags abgeholt, aber sie f\u00fchlt sich bei der Schwiegertochter nie ganz wohl. Der andere Sohn und dessen Familie sind weit weg&#8230; Sie ist beinahe befreundet mit einer Pflegerin, und sie hilft auch mit im Heim; aber die freundschaftliche Beziehung mu\u00df fast geheim gehalten werden &#151; zuviel Mi\u00dfgunst gef\u00e4hrdet sie. Und: wer garantiert, da\u00df die Pflegerin nicht pl\u00f6tzlich entlassen wird &#151; wie so viele Mitarbeiter? &#151;<br \/>Jede der Frauen ist \u00bbalt\u00ab, obgleich gegen\u00fcber den vielen \u00fcber 80 Jahre Alten fast \u00bbjung\u00ab. Agathe A. war \u00bbvorgealtert\u00ab &#151; vor Erreichen ihrer gesetzlichen \u00bbAltersgrenze\u00ab. Ihr Leben schien gelaufen, ehe sie \u00bbalt\u00ab wurde. Ihre Armut im Alter ist Fortsetzung lebenslanger Armut, nunmehr, allerdings durch Zufall, verbr\u00e4mt: durch das Engagement ihrer professionellen \u00bbFreunde\u00ab. Beate B. f\u00fchlt sich erst \u00bbalt\u00ab, seit ihre Kr\u00e4fte sp\u00fcrbar nachlassen. Erst seither f\u00fchlt sie sich auch \u00bbarm\u00ab. Sie hat nie resigniert, obwohl es ihr oft schlecht ging. \u00bbOrganisieren\u00ab im doppelten Sinn, mit Witz und List, wurde ihr fast zum Sport &#151; selbst noch nach dem zweiten Herzinfarkt. Nun kann sie das immer weniger, Resignation \u00fcberf\u00e4llt sie manchmal. Trotz der Sozialhilfe, die sie erst neuerdings beansprucht, f\u00fchlt sie sich \u00e4rmer als je zuvor. Und sie betrachtet ihre Armut als Unrecht, ohne einen Ausweg zu sehen.\u00a0 Cecilie C. f\u00fchlt sich selbst schuldig an ihrer Situation, als willf\u00e4hriges \u00bbOpfer\u00ab einer Frauenrolle, die ihr Berufsaufgabe und Verzicht auf eigenes Alterseinkommen nahelegte, die sie \u00bbfraulich\u00ab-ehrenamtlich arbeiten lie\u00df und \u00bbGesch\u00e4ftliches\u00ab allein ihrem Mann \u00fcberlassen. Und zudem wurde sie \u00bbOpfer\u00ab einer Rolle als Konsumentin, deren Wertorientierung am Herzeigekonsum ohne Nachdenken \u00fcber Zusammenh\u00e4nge zwischen (unverdientem) Sozialstatus und \u00bbVerdienst\u00ab sie leben lie\u00df, als sei verf\u00fcgbares Geld selbstverst\u00e4ndlich. Nun z\u00e4hlt sie zu denen, die fr\u00fcher allenfalls ihr Mitleid erregten. Sie sch\u00e4mt sich gegen\u00fcber denen, die aus ihrer fr\u00fcheren Welt stammen, und kann sich nicht identifizieren mit denen aus ihrer \u00bbneuen\u00ab Lebenswelt. Da\u00df sie eine Art \u00bbehrenamtliche Mitarbeiterin\u00ab geworden ist, l\u00e4\u00dft sie ihre Taschengeld-Armut leichter ertragen.<\/p>\n<p>Jede der Frauen wei\u00df, da\u00df ihre augenblickliche \u00bbSicherheit\u00ab gef\u00e4hrdet ist; jede wei\u00df,\u00a0da\u00df ihre nachlassenden Kr\u00e4fte im Verein mit materieller Armut bereits bestehende Abh\u00e4ngigkeiten vergr\u00f6\u00dfern werden und unzureichende Hilfen nicht mehr ausgleichen k\u00f6nnen. \u00bbLebenssattheit\u00ab am \u00bbLebensabend\u00ab, mit dem R\u00fcckblick auf ein Leben, dessen Bilanz positiv get\u00f6nt ist, scheint ihnen nicht verg\u00f6nnt. Statt Ruhe beherrscht sie Sorge &#151; am wenigsten Agathe A., die im komplexen Sinn am \u00e4rmsten ist; am meisten leidet Cecilie C., die objektiv \u00bbam besten dran\u00ab ist.<\/p>\n<p><i>Armut im Alter hat viele Gesichter:<\/i><\/p>\n<ul>\n<li>\n<div align=\"justify\">das von Agathe A., zum Beispiel: mit Augen, die rasch wechseln vom wachen, zwischen Mi\u00dftrauen und Lustigkeit schwankenden Blick zum erschreckten, scheuen; mit\u00a0 einem meist zahnlosen Mund und mit gelblich-grauem str\u00e4hnigen Haar, das sie nur gelegentlich in ein Z\u00f6pfchen flicht und am Hinterkopf aufsteckt; mit dunkelrandigen Fingern\u00e4geln, die sichtbar werden, wenn sie ihre Strickjacke zusammenh\u00e4lt, weil ein Knopf fehlt&#8230;;<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">das von Beate B. zum Beispiel: mit F\u00e4ltchen, als lache sie immer &#151; auch wenn sie ernst ist, mit kleinen roten Backen und aufblitzenden Schelm in den Augen, wenn sie erz\u00e4hlt; s\u00e4uberlich gerahmt vom wei\u00dfen Rollkragen und der selbstgedrehten Lockenfrisur&#8230;;<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">das von Cecilie C., zum Beispiel: das rund und m\u00fctterlich wirkt, ein bi\u00dfchen aufge dunsen (von ihrer Nierenkrankheit her) und bleich &#151; trotz Rouge auf den Lippen; mit mattem Blick fast immer, gelegentlich allerdings Emp\u00f6rung spiegelnd: dann wenn \u00bbjugendlich\u00ab wirkende Kraft sp\u00fcrbar wird, die dem modisch geschnittenen und get\u00f6nten Haar eher entspricht und sie sich aufrichten l\u00e4\u00dft, als ihre meist schlaffe Haltung, die dr\u00fcckender, andauernder Resignation Ausdruck verleiht&#8230;;<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">das von vielen, meist hochbetagten alten Menschen, die in Pflegeheimen leben m\u00fcssen und &#151; fast ausnahmslos &#151; deswegen Sozialhilfeempf\u00e4nger werden&#8230;<\/div>\n<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[815,818,821,667],"autoren":[441],"publikationen":[1277],"class_list":["post-11396","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-armut","tag-frauen","tag-generationen","tag-vorgaenge-artikel","autoren-hanne-narr","publikationen-73-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Armut im Alter - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/73-vorgaenge\/publikation\/armut-im-alter\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Armut im Alter - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr. 73 (Heft 1\/1985), S. 41-45 \u00bbEs war einmal ein armes Kind, dem waren Vater und Mutter gestorben\u00ab. 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