{"id":11397,"date":"1985-02-25T12:00:00","date_gmt":"1985-02-25T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/armut-in-den-usa\/"},"modified":"1985-02-25T12:00:00","modified_gmt":"1985-02-25T11:00:00","slug":"armut-in-den-usa","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/73-vorgaenge\/publikation\/armut-in-den-usa\/","title":{"rendered":"Armut in den USA"},"content":{"rendered":"<p>aus vorg\u00e4nge Nr. 73 (Heft 1\/1985), S. 15-19<\/p>\n<p><i>\u00dcber Reagans Wahlsieg, die hinter ihm stehenden Kr\u00e4fte und Stimmungen in der amerikanischen Gesellschaft, \u00fcber die Auswirkungen auf die Au\u00dfen- und Wirtschaftspolitik, ist in der Zwischenzeit viel geschrieben und kommentiert worden.<br \/>Eine weitere allgemein politische Betrachtungsweise wollen wir an dieser Stelle nicht hinzuf\u00fcgen. Wichtiger erscheint uns &#151; auch im Zusammenhang mit dem Thema \u00bbArmut\u00ab &#151; der Bericht von Margit Mayer, die sich z.Zt. in den USA aufh\u00e4lt, \u00fcber diejenigen, die die Sanierungskosten der \u00f6konomischen Krise zu bezahlen haben.<\/i><\/p>\n<p><i>Red.<\/i><\/p>\n<p>In den 70er Jahren f\u00fchrte die amerikanische\u00a0 Bundesregierung noch einen \u00bbKrieg gegen die Armut\u00ab, seit 1980 produziert sie wieder die \u00bbneue Armut\u00ab, und zwar in Massen. Seit dem Amtsantritt Pr\u00e4sident Reagans 1980 leben 6 Millionen mehr Menschen unterhalb der offiziell festgelegten Armutsgrenze (Die regierungsamtlich festgesetzte Armutsgrenze liegt derzeit bei 9800, Dollar &#8211; umgerechnet ca. 11000 DM &#8211; pro Jahr f\u00fcr eine vierk\u00f6pfige Familie), das hei\u00dft insgesamt 35,3 Millionen Menschen oder 15,2 %der Bev\u00f6lkerung. Zwar schweben die USA gegenw\u00e4rtig in einer Welle des Aufschwungs und des Patriotismus einer vielversprechenden Entwicklung entgegen, doch produziert diese Woge auch einen \u00bbAbschaum\u00ab, einen immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Kreis von Marginalisierten, die au\u00dfen vor bleiben und ab und an &#8211; als Hungernde oder Obdachlose &#151; in die Schlagzeilen der Medien geraten.<\/p>\n<p>\u00d6konomische Umstrukturierungsprozesse erfordern einerseits eine ungeheuerliche Konzentration von Kapital und Automation von Arbeit, andererseits werden Millionen Menschen in die Erwerbslosigkeit gezwungen oder in arbeitsintensive Jobs mit Minimall\u00f6hnen. Den hier ausgel\u00f6sten gesellschaftlichen Polarisierungstendenzen wurde politisch alles andere als gegengesteuert.<\/p>\n<p>Der Getto- und Wohlfahrtsbev\u00f6lkerung gegen\u00fcber wird im Gegensatz zu den 60er Jahren nicht mehr der Anschein einer Integrationsleistung erbracht (ausgegrenzt wurden sie in den USA schon immer, jedoch durch diverse Sozialprogramme seit den 60er Jahren immerhin \u00bbbefriedet\u00ab), aber auch die bislang noch \u00fcber Gewerkschaften oder hohe L\u00f6hne oder sonstige Privilegien integrierte stabile Lohnarbeiterschaft (also inklusive neue Mittelklasse) wurde in den letzten Jahren mit Zwang zu \u00bbGive- Backs\u00ab und Mobilit\u00e4t, mit K\u00fcrzungen, mit Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und mit Verlust von Arbeitspl\u00e4tzen konfrontiert und dadurch ungeheuerlich diszipliniert. Unter diesem Druck, und bei gleichzeitiger Verschiebung des Bev\u00f6lkerungs- und Wachstumszentrums in die High-Tech-\u00d6konomien des S\u00fcdwestens bzw. sich umorientierender \u00bbalter\u00ab St\u00e4dte vollzog sich eine Differenzierung und Spaltung der Klassenstruktur, die durch Reagans Steuer- und K\u00fcrzungspolitik in ihren polarisierenden Auswirkungen noch versch\u00e4rft wurde. Die Bundesregierung k\u00fcrzte Sozialprogramme, Lebensmittelprogramme und Ern\u00e4hrungsbeihilfen f\u00fcr Kinder zu einem Zeitpunkt, als Arbeitslosigkeit und Inflation immer mehr Familien unter die Armutsgrenze dr\u00fcckten.<br \/>Nach Berechnungen des\u00a0 Congressional Budget Office ist der kombinierte Effekt der Reaganschen \u00c4nderungen in der Besteuerung und in der Vergabe staatlicher Beihilfen eine drastische Umverteilung: Haushalte mit einem Einkommen von weniger als 10.000 Dollar pro Jahr werden zwischen 1983 und 1984 23 Milliarden Dollar einb\u00fc\u00dfen, w\u00e4hrend Haushalte mit einem Einkommen \u00fcber 80.000 Dollar pro Jahr (also die obersten 1,4% der Bev\u00f6lkerung) 35 Milliarden Dollar dazubekommen werden. Pro Haushalt bedeutet das einen Verlust von 1 100 Dollar am unteren Ende und einen Gewinn von 24.000 Dollar am oberen Ende (1).<br \/>Die Studie The Reagan Record (2), die die Auswirkungen Reaganscher Politik analysierte, kam zu dem Ergebnis, da\u00df eine Umverteilung von 25 Milliarden Dollar (von den Schichten niedrigen Einkommens zu den Reichen) stattgefunden hat, und da\u00df die Mittelklasse mit einem h\u00f6chstens um 1% gewachsenen Einkommen praktisch stagnierte. Die Einkommensverteilung hat sich also in den kurzen Reagan-Jahren wieder dem Stand der sp\u00e4ten 40er Jahre angen\u00e4hert. Vom stattfindenden Aufschwung profitieren unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen in h\u00f6chst unterschiedlicher Weise.<br \/>Reagan gewann seine 2. Wahl mit dem Verweis, 7 Millionen neue Arbeitspl\u00e4tze geschaffen zu haben, aber noch betr\u00e4gt die offizielle Arbeitslosenrate f\u00fcr Schwarze 12,2%, f\u00fcr Hispanics 13,1%, f\u00fcr Wei\u00dfe 7%. (Und nur 29% der Erwerbslosen erhalten gegenw\u00e4rtig eine Form von Arbeitslosenunterst\u00fctzung). Aber,\u00a0 es stimmt: die Besch\u00e4ftigungszahlen insgesamt sind gestiegen. Von Januar 1981 bis September 1984 stiegen sie von 97 696 000 auf 105 239 000 (also um 7,5 Millionen oder 7,7%. Unter der Carter-Administration stiegen die Besch\u00e4ftigtenzahlen allerdings um 12,5%.) Allerdings handelt es sich bei den neu entstandenen Arbeitspl\u00e4tzen um ganz bestimmte, und sie sind nur in ganz bestimmten \u00f6konomischen Sektoren entstanden: vor allem die Finanz-, Versicherungs-, Immobilien- und Baubranchen verzeichneten Zuwachs. (Die gr\u00f6\u00dften Steigerungsraten f\u00fcr die Jahre 1979-84 werden in den \u00bbbusiness services\u00ab (mit 35,1%), der medizinischen Versorgung (mit 19,2%), Restaurant-betrieben (13,8%), Finanz-, Versicherungs-, Immobilienbereich (12,2%) angegeben (3). Im produktiven Sektor wurden lediglich in der \u00d6l- und Gasgewinnung signifikant neue Arbeitspl\u00e4tze geschaffen. Im Juli 1982 \u00fcbertraf die Besch\u00e4ftigung in den Dienstleistungsindustrien erstmals in der Geschichte der USA die in der G\u00fcterproduktion. W\u00e4hrend der ersten 4 Reagan-Jahre wurden 4,3 Millionen Arbeitspl\u00e4tze in der Dienstleistungsproduktion geschaffen (+ 6,6%), w\u00e4hrend gleichzeitig 585 000 Jobs in der G\u00fcterproduktion verloren gingen (-2,3%) (3).<br \/>Nach Prognosen, die in einer Studie am Georgia Institute of Technology \u00fcber die Auswirkungen von Computertechnologie auf B\u00fcroarbeit erstellt wurden, werden auch die B\u00fcrojobs in der Versicherungsindustrie (um 39%) und im Bankwesen (um 27%) bis zum Jahr 2000 abnehmen. Bislang wurden vor allem diejenigen Arbeitspl\u00e4tze, die ein mittleres Einkommen garantierten, wegautomatisiert, w\u00e4hrend Arbeitspl\u00e4tze, die niedrige Qualifikation erfordern und Minimall\u00f6hne zahlen, expandierten. Diese Expansion (vor allem im Dienstleistungssektor) fand obendrein nicht dort, wo die Arbeitslosenraten am h\u00f6chsten sind, statt, n\u00e4mlich in den gro\u00dfen Innenst\u00e4dten, sondern h\u00e4ufig in den Vorst\u00e4dten (wo der Pool bisher nicht ins Erwerbsleben integrierter Hausfrauen entdeckt wurde: (z.B. in New York fiel 1983 zum ersten Mal die Zahl der m\u00e4nnlichen wei\u00dfen Erwerbst\u00e4tigen auf weniger als 50% (49,8%), w\u00e4hrend die seit 1980 neu geschaffenen Arbeitspl\u00e4tze zu 2\/3 mit Frauen besetzt wurden.) und dort, wo der gewerkschaftliche Organisationsgrad gering ist.<\/p>\n<p>Die Kluft im segmentierten Arbeitsmarkt wurde also zunehmend gr\u00f6\u00dfer. Schlie\u00dflich geh\u00f6ren zu der \u00bbschrumpfenden Mitte\u00ab auch jene 900000 Arbeitspl\u00e4tze, die zwischen 1978 und\u00a0 1982 wegen Betriebsschlie\u00dfungen verloren gingen, auch wenn ein ehemaliger Facharbeiter aus dem Stahlbetrieb, der heute einen Arbeitsplatz bei Mac Donalds hat, nicht mehr in der Statistik auftaucht. Das hei\u00dft, w\u00e4hrend Besch\u00e4ftigtenzahlen gestiegen und Arbeitslosenzahlen gesunken sind, hat sich der Arbeitsmarkt drastisch ver\u00e4ndert: gut zahlende \u00bbBlue collar\u00ab-Jobs wurden ersetzt durch schlecht zahlende und unsichere Jobs im Dienstleistungssektor. Alle Anzeichen deuten darauf hin, da\u00df sich diese Verschiebung noch intensivieren wird.<br \/>\u00a0Die Ergebnisse einer Studie des Center on Budget and Policy Priorities (4) zeigen, da\u00df das Einkommen schwarzer Familien von 1980 bis 1983 im Durchschnitt um 5,3% gesunken ist. Fast 36% aller Schwarzen lebten 1983 unter der Armutsgrenze &#151; das ist die h\u00f6chste schwarze Armutsgrenze seit die Volksz\u00e4hlung ihre Daten rassenspezifisch erhebt. Von 1980 bis 1983 fielen 1,3 Millionen zus\u00e4tzliche Schwarze unter die Armutsgrenze. Auf der Basis dieser Erfahrung wissen viele Schwarze, da\u00df \u00bbwenn Reagan \u00fcber traditionelle amerikanische Werte redet, der Rassismus einer der traditionellsten amerikanischen Werte ist.\u00ab (5) (Nate Clay, Herausgeber des angesehenen schwarzen Wochenmagazins Chicago Metro-News).<\/p>\n<p>Die unterschiedlichen Auswirkungen des stattfindenden \u00bbAufschwungs\u00ab (oder besser: Umstrukturierungsprozesses) lassen sich am Beispiel einer Stadt deutlich veranschaulichen. Die Stadt New York repr\u00e4sentiert quasi im Mikokosmos die Nation: Manhattan luxuriert wie der s\u00fcdliche Sunbelt (in Atlanta beispielsweise stiegen die Besch\u00e4ftigtenzahlen zwischen 1979 und 1983 um 13,1%, in Houston um 6,6%), w\u00e4hrend die anderen vier Boroughs New Yorks dem kr\u00e4nkelnden Frostbelt \u00e4hneln. (Besch\u00e4ftigungszahlen in Detroit sanken um 11,5%, in Chicago um 6,9 %, in Philadelphia um 4,9%) (6). Sowohl das st\u00e4dtische Ein-kommen als auch die Zahl der Arbeitspl\u00e4tze in New York sind gestiegen, aber die Zahl der Sozialhilfeempf\u00e4nger ist 1984 um 40000 h\u00f6her als letztes Jahr. 930000 Menschen leben in der 7-Millionen-Stadt \u00bbon welfare\u00ab. Jeder 4. New Yorker existiert unterhalb der vom Bund festgesetzten Armutsgrenze (7). Dem Aufschwung in bestimmten Stadtteilen entspricht die Verschlimmerung in anderen, so da\u00df die Stadt New York immer mehr zu zwei St\u00e4dten wird, eine f\u00fcr \u00bbHaves\u00ab und eine f\u00fcr \u00bbHave-nots\u00ab. Erstere sind gr\u00f6\u00dftenteils wei\u00df, letztere sind gr\u00f6\u00dftenteils nicht-wei\u00df: Die Arbeitspl\u00e4tze in der G\u00fcterproduktion haben seit 1980 um\u00a0\u00a0160 000 abgenommen. Und die (im Fiskaljahr 1984) neu geschaffenen 36 000 Arbeitspl\u00e4tze (v.a. in der Finanz-, Versicherungs- und Baubranche) gingen nicht an die schwarze und hi spanische H\u00e4lfte der st\u00e4dtischen Bev\u00f6lkerung, sondern zumeist an die (wei\u00dfen)\u00a0\u00a0Einpendler (8).<br \/>Die Effekte der so produzierten Ausgrenzung und Marginalisierung ganzer Bev\u00f6lkerungsteile tauchen vor allem in Form sporadischer Schlagzeilen in das Bewu\u00dftsein der \u00d6ffentlichkeit: \u00bbHungerkrise in den USA\u00ab oder \u00bbNeue Obdachlosigkeit eine Epidemie\u00ab. Selten wurden Zusammenh\u00e4nge hergestellt. Zum ersten Mal stellte im November 1984 eine der zahlreichen Untersuchungen \u00fcber Ausma\u00df und Ursachen der um sich greifenden Obdachlosigkeit ein Kausalverh\u00e4ltnis zwischen Armut und Obdachlosigkeit her: \u00bbHomelessness today is overwhelmingly caused by poverty, not pathology\u00ab ist das \u00fcberraschende Ergebnis der vom New York State Department of Social Services erstellten Studie Homelessness in New York State.<br \/>40 bis 50.000 obdachlose Frauen und M\u00e4nner leben derzeit in New York, 85% davon in der Stadt New York. 20200 werden im Durchschnitt pro Nacht in Obdachlosenasylen und Notunterk\u00fcnften untergebracht, die restlichen 30000 schlafen in den Stra\u00dfen, Bahnh\u00f6fen oder auf Parkb\u00e4nken. W\u00e4hrend es 1987 in der Stadt New York erst 3 Obdachlosenunterk\u00fcnfte gab, die 2000 Menschen beherbergten, ver suchte man 1983 bereits mit 18 \u00bbHeimen\u00ab dem Bedarf nachzukommen. 6 500 Menschen wurden von diesen st\u00e4dtischen Anstalten, 1000 weitere von Kirchen und Synagogen versorgt. Als Grund f\u00fcr den sprunghaft gestiegenen Bedarf machte die Studie neben dem Anstieg von Armut und Arbeitslosigkeit vor allem die drastische Verschlechterung der Wohnraumversorgung einkommensschwacher Haushalte aus, wof\u00fcr die Bundesregierung verantwortlich gemacht wird. Die Bundesregierung hat ihr soziales Wohnungsbauprogramm (Das amerikanische \u00bbPublik Housing Pro gram\u00ab entspricht eigentlich nur bedingt dem bundesrepublikanischen sozialen Wohnungsbau. Sowohl das Ausma\u00df (nur 5% des Wohnungsbestands) als auch der Zustand der \u00bbPublik Housing Projects\u00ab legen eher den Vergleich zu deutschen Obdachlosenheimen nahe) praktisch eingestellt, und das Wohngeldprogramm (Federal Section Pro gram) stark eingeschr\u00e4nkt. Mit diesem Programm wurden vordem 47.000 Haushalte im Staat New York unterst\u00fctzt, heute nur noch 8000.<br \/>Bundesweit wurde die Zahl der Obdachlosen auf 250.000 bis 350.000 gesch\u00e4tzt (9). Andere Berichte (z.B. eine beim Department of Health and Human Services erstellte Studie) kommen zu realistischeren Sch\u00e4tzungen von ca. 3 Millionen wohnungslosen Menschen. Auch die f\u00fcr ihre phantasievollen Aktionen zur Obdachlosigkeit ber\u00fchmt gewordene Community for Creative Non-Violence (CCNV) 10 verlangte eine Korrektur der HUD-Daten. Ihr Anf\u00fchrer, Mitch Snyder, erreichte durch seinen 51t\u00e4gigen Fasten-Prostest im Oktober\/November 1984 zwar keine Zur\u00fccknahme der Zahlen, aber er bewirkte, da\u00df die Bundesregierung ein Modell-Shelter in Washington mit 800 Betten einrichtete&#147;. Dies Versprechen wurde 2 Tage vor der amerikanischen Pr\u00e4sidentenwahl gemacht. Es kann wohl nicht als L\u00f6sung f\u00fcr das Marginalisierungsproblem gelten; genausowenig wie die Absicht der Stadt New York, f\u00fcrderhin pro Jahr 135 Millionen Dollar f\u00fcr Notunterk\u00fcnfte auszugeben (1978 waren es erst 18 Millionen Dollar.) (12)<br \/>Was sich abzeichnet als Strategie zur Regulierung der Armut in USA ist die Privatisierung auch der Produktion von \u00bbWohlfahrt\u00ab. In\u00a0 New York hat die \u00bbPartnership for the Homeless\u00ab, eine Koalition aus 300 Kirchen und Synagogen, 12.000 Freiwillige auf die Beine gebracht. In der Stadt New York organisierten sie 1984 1500 Betten in Kirchen und Synagogen und 600.000 Mahlzeiten. Das Ausma\u00df dieser gesellschaftlichen Selbstinitiative wurde vom B\u00fcrgermeister Koch &#151; ganz im Geist der Co-Produktion &#151; vereinnahmt: \u00bbNo other city in America is doing what we (!) are doing.\u00ab (13) \u00a0Auch die L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge des demokratischen Abgeordneten Ted Weiss (aus Manhattan) zielen auf eine verst\u00e4rkte Kooperation zwischen privatem Sektor und Bundesbeh\u00f6rden (14).<\/p>\n<p>Die Rede ist hier von den privaten Organisationen, die seit dem Amtsantritt der Reagan-Administration versuchen, den R\u00fcckzug der Bundesregierung von staatlichen Ern\u00e4hrungsund anderen Programmen wettzumachen. Der Gro\u00dfteil der Bundesmittel f\u00fcr soziale Pro gramme ging bereits an sog. \u00bbDritte Parteien\u00ab, also gemeinn\u00fctzige Ogranisationen, die in stadtteilnaher oder bewohnerorientierter Form soziale Dienstleistungen erbringen. F\u00fcr die Wohlfahrtsorganisationen und Dienstleistungsgruppen machten diese Bundesmittel (aufgestockt durch einzelstaatliche und st\u00e4dtische Gelder) den gr\u00f6\u00dften Teil ihrer Ressourcen aus. Durch die Mittelk\u00fcrzungen der Bundesregierung wurden diese 124000 \u00bbnon-profits\u00ab der Nation in ihrer Arbeitsweise schwer beeintr\u00e4chtigt: die ihnen zur Verf\u00fcgung stehenden Mittel reduzierten sich um 27% (4,5 Milliarden Dollar): durch zus\u00e4tzliche wohlt\u00e4tige Spenden haben sie bisher nur ca. 1\/4 der verlorenen Bundeszusch\u00fcsse wieder eingeholt (15) . Am st\u00e4rksten betroffen sind diejenigen Dienstleistungsinstitutionen, die sich um die neuen Armen k\u00fcmmern: sie k\u00f6nnen die Verluste weder durch eigene Geb\u00fchren noch durch \u00bbfundraising\u00ab wettmachen.<\/p>\n<p>Ein Markt privater Wohlfahrt, in dem die Kirchen und Verb\u00e4nde um Spenden der Industrie und Stiftungen konkurrieren, wird das Problem schon regeln. Die unter der Reagan Administration forcierte Privatisierung und De zentralisierung sozialer Dienste (Reagan setzte zur Mobilisierung privater Wohlt\u00e4tigkeit und Selbsthilfe auch eine \u00bbTask Force on Private Sector Activities\u00ab ein) scheint keineswegs zu neuer sozialer Organisation oder Bewegung zu f\u00fchren, weder \u00fcber die individuelle Erfahrung mit der Ausgrenzung noch \u00fcber die Armenpolitik der Betroffenen. Vielmehr wirkt sie auf die Betroffenen anspruchssenkend, und sie verst\u00e4rkt die gesellschaftlichen Polarisierungs- und Segmentierungstendenzen.<br \/>So ist es zwar richtig, da\u00df aus dieser gesellschaftlichen Peripherie wenige auf der Woge des neuen amerikanischen Patriotismus mitschwimmen (im November 1984 gaben 68%\u00a0\u00a0der erwerbslosen und 90% der schwarzen W\u00e4hler ihre Stimme nicht dem Optimismus und Aufschwung verk\u00f6rpernden Reagan, son dern an Walter Mondale). Aber sie stellen eine ausgegrenzte Minderheit dar. Und die vorherrschenden sozialen Wahrnehmungen sind offensichtlich schon von der Gesellschaftsspaltung betroffen: 68% von befragten Wei\u00dfen glaubten, da\u00df es auch den Schwarzen dank Reagan besser gehe als vorher (16).<\/p>\n<p><b>Anmerkungen<\/b>:<\/p>\n<p>1 David Moberg: \u00bbThe Poor Still Getting Poorer\u00ab,\u00a0\u00a0\u00a0in: In These Times, 22. August 1984, Seite 6<br \/>2\u00a0 John L. Palmer, Isabel V. Sawhill, Hg.: The Reagan Record, An Assessment og America&#8217;s Changing Domestric Priorities, The Urban Institute, 1984<br \/>3\u00a0 Federal Bureau of Labor Statistics, zitiert nach New York Times, 16. Oktober 1984: \u00bbJobs Increase in Number, but Trends are said to leave many behind\u00ab<br \/>4 Falling Behind: A Report on How Blacks have Fared under Reagan, Wahington D.C. 1984<br \/>5 Nate Clay, Herausgeber des angesehenen schwarzen Wochenmagazins Chicago Metro-News<br \/>6\u00a0 Vgl. New York Times, \u00bbJobs Increase._\u00ab, 16.10.1984<br \/>7 New York Times: \u00bbNew York&#8217;s Recovery Brings City of Haves and Have-nots\u00ab, 28.7.1984<br \/>8\u00a0 ebd.<br \/>9 U.S. Departement of Housing and Urban Development: A Report to the Secretary on the Homeless and Emergen-cy Shelters; Washington, D.C., Mai 1984<br \/>10 Zu CCNV vgl. Margit Mayer, Steven Katz: \u00bbDie neue Wohnungsnot: Obdachlose, in: \u00bbWiderspr\u00fcche\u00ab Heft 7, Offenbach, Juni 1983<br \/>11 New York Times: \u00bbFasting Wins Concessions for the Homeless\u00ab, 5. November 1984<br \/>12 \u00bbHomelessness as a Housing Problem: A Shelter is not a Home\u00ab, Shelterforce 8\/3, August 1984<br \/>13\u00a0New York Times: \u00bb100 Million To be Spent on Homeless\u00ab,\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0 10. Oktober 1984<br \/>14 Vgl. New York Times, 4. Oktober 1984<br \/>15\u00a0New York Times: \u00bbLet Them Eat Charity\u00ab, 1. Oktober 1984<br \/>16 Center on Budget and Policy Priorities: Falling behind, Washington, 1984<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[815,667],"autoren":[436],"publikationen":[1277],"class_list":["post-11397","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-armut","tag-vorgaenge-artikel","autoren-margit-mayer","publikationen-73-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Armut in den USA - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/73-vorgaenge\/publikation\/armut-in-den-usa\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Armut in den USA - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus vorg\u00e4nge Nr. 73 (Heft 1\/1985), S. 15-19 \u00dcber Reagans Wahlsieg, die hinter ihm stehenden Kr\u00e4fte und Stimmungen in der amerikanischen Gesellschaft, \u00fcber die Auswirkungen auf die Au\u00dfen- und Wirtschaftspolitik, ist in der Zwischenzeit viel geschrieben und kommentiert worden.Eine weitere allgemein politische Betrachtungsweise wollen wir an dieser Stelle nicht hinzuf\u00fcgen. 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