{"id":11409,"date":"1975-11-16T13:20:00","date_gmt":"1975-11-16T12:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/august-bebels-die-frau-und-der-sozialismus-ein-aktueller-klassiker\/"},"modified":"1975-11-16T12:00:00","modified_gmt":"1975-11-16T11:00:00","slug":"august-bebels-die-frau-und-der-sozialismus-ein-aktueller-klassiker","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/16\/publikation\/august-bebels-die-frau-und-der-sozialismus-ein-aktueller-klassiker\/","title":{"rendered":"August Bebels \u201eDie Frau und der Sozialismus\u0094 \u0096 ein aktueller Klassiker"},"content":{"rendered":"<p>Zu Monika Seiferts kommentierter Neuausgabe<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 16 (Heft 4\/1975), S. 26-29<\/p>\n<p>Monika Seifert hat eine kommentierte Neuauflage von August Bebels Emanzipations-Bibel verfa\u00dft und herausgegeben. Sie nennt Bebels &#132;Die Frau und der Sozialismus&#148; mit Recht ein &#132;Schl\u00fcsselbuch&#148; der (neuen) Linken. (Seine Urfassung erschien 1879, seine 50. Auflage, noch von Bebel selbst besorgt, 1909). Kein anderes Buch hat den seit Ende der sechziger Jahre dieses Jahrhunderts zu verzeichnenden Aufbruch zu einer &#132;zweiten weiblichen Emanzipation&#148; in der Bundesrepublik so beeinflu\u00dft wie dieser unerschrockene Klassiker der sozialistischen Frauenbewegung. Seine Neubearbeitung und Kommentierung kommt trotzdem oder gerade deshalb einem dem kritischen Bewu\u00dftsein sich aufdr\u00e4ngenden Bed\u00fcrfnis entgegen. Zum einem: dem nach der \u00dcberpr\u00fcfung der sich in ihm niederschlagenden &#132;sozialistischen Theorie&#148; &#150; zum anderen: der Frage nach deren noch g\u00fcltigen Verbindlichkeit f\u00fcr die Strategie im gegenw\u00e4rtigen, sich zweifellos erst in seinen Anf\u00e4ngen befindenden, weiblichen &#132;Unabh\u00e4ngigkeitskampf&#148;.<br \/>Entschlossen aufgenommen haben diesen Kampf wie die Pionierinnen des ersten im 19. Jahrhundert heutzutage nur weibliche Minderheiten aus den Mittelschichten. Diesem Tatbestand mi\u00dft Monika Seifert (das sei hier bereits vorweggenommen) Bedeutung zu, indem sie ihn in ihren &#132;Nachbemerkungen&#148; zu den Kapiteln &#132;Die Ehe als Versorgungsanstalt&#148; und &#132;Die Erwerbst\u00e4tigkeit der Frau&#148; durch faktische und existentielle Situationsanalysen \u00fcber die Arbeiterinnen aufzuschl\u00fcsseln sucht, um &#132;b\u00fcrgerliche Emanzipierte&#148; zu realit\u00e4tsbezogenerem, ideologiekritischem Umdenken zu motivieren.<br \/>Der Entschlu\u00df zur Neuherausgabe und deren auf den weiblichen Emanzipationsproze\u00df der Gegenwart bezogene Kommentierung wird mit dem Hinweis begr\u00fcndet, Bebels mit der Patina der Ehrw\u00fcrdigkeit \u00fcberzogenes Werk als &#132;Kampfschrift&#148; wiederherstellen zu wollen. Er rechtfertigt, da\u00df in der Ausgabe von 1974 Kapitel, die f\u00fcr<br \/>die angezielte Wirkung weniger relevant sind, gestrichen bzw gek\u00fcrzt wurden. Sie w\u00fcrden m\u00f6glicherweise die Brisanz abschw\u00e4chen, die sich wie ein roter Faden durch das aktualisierte &#132;Schl\u00fcsselbuch&#148; zieht.<br \/>In der Einleitung meldet diese Brisanz sich scheinbar harmlos mit der Frage an: Warum Bebels popul\u00e4rstes Werk, obwohl &#132;millionenfach gelesen&#148;, so &#132;wenig bewirkte&#148;, das hei\u00dft: die Lage der Frauen im Wesentlichen nur minimal ver\u00e4nderte. Die Antworten, die als &#132;Nachbemerkungen&#148; zu den meisten Kapiteln [1] gegeben werden, zeichnen kritische Reflexionen, auf Sachstudien beruhende Schlu\u00dffolgerungen und Vorschl\u00e4ge einer Betroffenen auf. &#151; Betroffen ist Monika Seifert im Doppelsinne des Wortes als sich in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts Emanzipierende, deren Erfahrungen im pers\u00f6nlichen Bereich wie im fesselnsprengenden &#132;\u00f6ffentlichen&#148; Engagement aufgrund erarbeiteter gesellschaftskritischer Analytik Kompetenz erwarben.\u00a0&#151; Ihre sich in emanzipatorisches Neuland vortastenden Antworten m\u00fcssen naturgem\u00e4\u00df heftigen Widerspruch bei orthodox-marxistischen Frauengruppen ausl\u00f6sen. Doch kaum weniger zornig werden jene radikalen Feministinnen reagieren, die einen ahistorischen Sexismus zur Doktrin verh\u00e4rten, mit der sie jede mitmenschliche Problematik (verifiziert durch psychoanalytische Interpretationen, die zuweilen die Grenze zu komischer Absurdit\u00e4t \u00fcberschreiten [2]) erkl\u00e4ren und die Vielschichtigkeit ahumaner gesellschaftlicher Strukturen eingleisig versimpeln. Beides kann den Wert dieser Antworten als Orientierungshilfe zur Strategie im weiblichen Emanzipationsproze\u00df der Siebziger Jahre nicht schm\u00e4lern.<br \/>Im Gegenteil. Monika Seiferts ausdr\u00fccklich auf die gegenw\u00e4rtige Situation der Frauen in den Industriestaaten bezogene Kommentierungen zu in den meisten F\u00e4llen noch immer erschreckend aktuellen Bestandaufnahmen Bebels entziehen illusionstr\u00e4chtigen Theoremen den Boden. Dessen einst sich \u00fcberschlagende Emp\u00f6rung und dankbare Zustimmung ausl\u00f6sende Forderungen werden an heute praktizierten Befunden gemessen. &#151; Sei es anhand der weiblichen Positionen in Ehe und Familie, in den Hierarchien der Arbeitswelt, im Bereich Erziehung, Bildung, Ausbildung oder auf der nahezu unverletzt archaisch gebliebenen projektionsebene m\u00e4nnlicher Vorurteile.<br \/>Doch die hier vorliegende n\u00fcchterne Ursachenforschung nach dem Warum schlie\u00dft nicht ein, da\u00df Bebels utopischen Visionen (etwa niedergelegt im Kapitel &#132;Die Frau der Zukunft&#148;) der Respekt versagt wird. In der Einleitung steht: &#132;Die Ungebrochenheit Bebels seiner Utopie gegen\u00fcber ist, was mich an dem Buch immer wieder fasziniert &#8230; Diejenigen, die Utopien abwerten, \u00fcbersehen deren Funktion. Einmal ist das Bild von der besseren Welt, vom Gl\u00fcck, das man realisieren m\u00f6chte, eine wichtige Triebfeder f\u00fcr gesellschaftsver\u00e4ndernde Praxis. Fast wichtiger&#8230;&#148; &#151; hier beginnt der oben erw\u00e4hnte rote Faden, der dann alle kritischen Anmerkungen durchzieht &#151; &#132;scheint mir heute die zweite Funktion der Utopie zu sein. Das Ziel Sozialismus ist zu unbestimmt, als da\u00df sich Organisationen und Kampfformen noch daher beurteilen lie\u00dfen. Dazu bedarf es der konkreten Vorstellung dar\u00fcber, was im Sozialismus verwirklicht werden soll&#8230;&#148; Ans\u00e4tze zu dieser nicht nur von bewu\u00dftseinswachen politischen Frauen als zwingend erachteten Konkretisierung sind in Monika Seiferts Kommentierungen zu Bebels aktuell gebliebenen Kapiteln und in ihrem Nachwort zu finden.<br \/>Es ist nicht ganz leicht, aus der Vielzahl der kritischen Anst\u00f6\u00dfe zum Weiterentwickeln der emanzipatorischen Standortbestimmung und Strategie diejenigen herauszugreifen, die als besonders beachtenswert eingesch\u00e4tzt werden m\u00fcssen. Die Auswahl wird entsprechend der gesellschaftskritischen und -politischen Perspektivistik der oder des Beurteilenden subjektiv sein. So auch die hier angebotene.<\/p>\n<p>Aktuell und wichtig zugleich sind bereits die Berichtigungen in den &#132;Nachbemerkungen&#148; zu den ersten beiden Kapiteln. In ihnen schildert Bebel die Beziehungen zwischen den Geschlechtern in der Urzeit, wie sie sich ihm aus dem wissenschaftlichen Material, das Bachofen und Morgan gesammelt hatten, erschlossen (und das auch Friedrich Engels f\u00fcr seine Theorie \u00fcber den &#132;Ursprung der Familie, des Privatkapitals und des Staates&#148; verwendete). Mit diesem Material entwickelt Bebel den bekannten &#132;feststehenden nat\u00fcrlichen Stufenplan&#148;, nachdem am Anfang das Mutterrecht stand, in dem der Kommunismus praktiziert wurde und welcher dann das auf dem Privateigentum basierende Vaterrecht abl\u00f6ste, das den Mann zum patriachalischen Usurpator der Frau pervertierte. &#151; Bebel w\u00f6rtlich: &#132;Die Geltung des Mutterrechts bedeutete Kommunismus, Gleichheit aller, das Aufkommen des Vaterrechts bedeutete Herrschaft des Privateigentums und zugleich bedeutete es Unterdr\u00fcckung und Knechtung der Frau.&#148;<br \/>Anthropologische, ethnologische und familiensoziologische Forschungen belegen seit Jahrzehnten, da\u00df diese &#132;historische&#148; These der sozialistischen Theorie heute nicht mehr haltbar ist. F\u00fcr die Mehrzahl der Emanzipationsgruppen unserer Tage, die ihre Rebellion gegen die trotz formaler Gleichberechtigung noch immer kompakte M\u00e4nnergesellschaft auch theoretisch untermauern wollen und sich dazu (zumindest in ihren Anfangsstadien) das Studium der Klassiker der sozialistischen Frauenbewegung Bebel und Engels zur Pflicht machen, behielt sie als unumst\u00f6\u00dfliche Fixierung urspr\u00fcnglicher Faktizit\u00e4t dynamisierenden Argumentationswert (selbst in Arbeitspapieren der vergleichsweise zahmen &#132;Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen&#148;). Es ist daher verdienstvoll &#151; wenn auch f\u00fcr manche unbequem &#151; wenn Monika Seifert in ihrer Neuherausgabe der tats\u00e4chlich unabdingbaren Pflichtlekt\u00fcre f\u00fcr sich emanzipierende Frauen auf nicht mehr verwendbare Argumentationen hinweist, deren Gebrauch &#151; sowohl als Beweis- wie als Agitationsmittel &#151; es zumindest den wissenschaftlich geschulteren m\u00e4nnlichen &#132;Gegnern&#148; leichtmachen, den berechtigten Zorn der um ihre weibliche und menschliche Identit\u00e4t K\u00e4mpfenden und diese selbst abzuqualifizieren. Sie macht darauf aufmerksam, &#132;da\u00df Kulturen sich auf unendlich vielf\u00e4ltige Weise entwickelt haben&#148; und f\u00e4hrt fort: &#132;Auch f\u00fcr die Stellung der Frau in der Gesellschaft l\u00e4\u00dft sich keine planm\u00e4\u00dfige Abfolge von Stufen der Entwicklung nachweisen. So ist auch die These, da\u00df jede Kultur eine Stufe des Mutterrechts durchlaufen hat, nicht haltbar.&#148; Angesichts der wissenschaftlich erh\u00e4rteten Differenzierungen schl\u00e4gt sie dann einigerma\u00dfen behutsam vor, &#132;besser nicht vom Mutterrecht, sondern von Gesellschaften mit m\u00fctterlicher Erbfolge&#148; zu sprechen. In diesen Gesellschaften herrsche zwar immer Gemeineigentum. &#132;Andererseits&#148; g\u00e4be &#132;es aber auch Gesellschaften mit v\u00e4terlicher Erbfolge, in denen Gemeineigentum besteht&#148;.<br \/>Gewichtiger f\u00fcr die Diskussionen \u00fcber die weibliche Identit\u00e4tsfindung in der gegenw\u00e4rtigen Emanzipationsphase ist jedoch Monika Seiferts Feststellung, da\u00df die sozialistische Theorie die biologischen Bedingungen der Frau au\u00dfer Betracht l\u00e4\u00dft. Aus ihr vor allem leitet sie ihre kritischen Einw\u00e4nde gegen die Stringenz der sozialistischen Theorie ab. Mit ihr begr\u00fcndet sie die ungebrochene Vorherrschaft des Mannes in \u00e4llen Lebensbereichen &#151; in der Familie, am Arbeitsplatz und in allen Sektoren der gesellschaftlichen \u00d6ffentlichkeit. Die Aufb\u00fcrdung der Doppelrolle &#151; und sie ist es in erster Linie, die die emanzipatorische Gleichberechtigung der Frau bremst &#151; wird als Folge gerade dieser m\u00e4nnlich-ideologischen Aussparung vitaler weiblicher Gegebenheiten gedeutet. Die Doppelbelastung der erwerbst\u00e4tigen Frau unserer Tage widerlege nicht nur Bebels aus dem marxistischen Kategorien abgeleitete These, da\u00df Arbeiterinnen sich nur mit ihrer Klasse solidarisieren m\u00fc\u00dften, um ihre Unterdr\u00fcckung zu \u00fcberwinden, sondern auch Clara Zetkins von marxistisch fixierten Frauengruppen und -zirkeln der Siebziger Jahre unangefochtenes Postulat von der weiblichen Erwerbst\u00e4tigkeit als einziger &#132;unerl\u00e4\u00dflicher Bedingung f\u00fcr die wirtschaftliche Unabh\u00e4ngigkeit&#148; der Frau. Beide Strategieanweisungen wurden und werden von der t\u00e4glich zu erfahrenden strukturellen wie \u00f6konomischen Realit\u00e4t nicht &#151; oder wie in den sozialistischen Staaten nur d\u00fcrftig &#151;\u00a0 gedeckt. Beide unterschlagen nicht nur die biologischen Bedingtheiten der Frau (die\u00a0 Shulamith Firestone auf die k\u00fcnstliche Reproduzierung des Menschen hoffen l\u00e4\u00dft), sondern au\u00dferdem den schon zu Bebels Zeiten aufbrechenden Interessenkonflikt zwischen Mann und Frau gerade in der Arbeiterschaft. Dieser kennzeichnet bis in die Gegenwart &#151; trotz verbaler, geschlechtsneutrale Gerechtigkeit versprechender Pflicht\u00fcbungen und einiger bem\u00fchter Ans\u00e4tze &#151; die m\u00e4nnlich ausgerichtete Gewerkschaftspolitik, einschlie\u00dflich der in ihr praktizierten Personalpolitik, die der diesj\u00e4hrige DGB-Kongre\u00df in Hamburg, weibliche Proteste ausl\u00f6send, eklatant blo\u00dflegte. &#151; Die gleiche unverbl\u00fcmte m\u00e4nnliche Dominanz wird in der DAG und allen sonstigen einflu\u00dfnehmenden Berufsvereinigungen, sofern sie weibliche und m\u00e4nnliche Mitglieder hat, zelebriert. Vom Philologenverband bis zu den Arbeitgeberverb\u00e4nden&#8230;<br \/>Mit diesem m\u00e4nnlichen Vor-Rang &#151; der in Praxis weibliche Zweit-Rangigkeit, wenn nicht Inferiorit\u00e4t normiert &#151;, setzt sich Monika Seifert auch in ihren &#132;Nachbemerkungen&#148; zu Bebels Abschnitt \u00fcber den &#132;Kampf um die politische Gleichberechtigung&#148; auseinander. Dabei kommt sie, konfron tiert mit dem noch von sozialistischen Emanzi pationsgruppen der Gegenwart (insbesondere voj deren politischen Lehrmeistern und parteipoli tischen Kampfgef\u00e4hrten) vertretenen Glaubens. satz von der &#132;Identit\u00e4t von Klassenkampf unc Frauenbefreiung&#148;, nicht umhin, auf die simple historische Tatsache zu verweisen, da\u00df die &#132;Unterdr\u00fcckung der Frauen nicht nur die Folge de: Kapitalismus ist&#148;. Wer Texte aus weiblichen Arbeitskreisen, die emanzipatorisches Bewu\u00dftsein durch Aufkl\u00e4rung sch\u00e4rfen wollen, kennt wei\u00df, da\u00df die Verwendung der Verk\u00fcrzungsformel: &#132;Kapitalismus = Unterdr\u00fcckung der Frau&#148; als vielgebrauchte Pflicht\u00fcbung der revolution\u00e4ren Imagepflege fungiert und gegen differenzierenden Widerspruch in der Historie Versierterer z\u00e4h verteidigt wird.<br \/>&#132;Die Unterdr\u00fcckung der Frau&#148;, schreibt Monike Seifert deshalb zu Recht, ist &#132;seit Jahrtausender in den gesellschaftlichen Strukturen verankert. Sie hat so viele Produktionsweisen \u00fcberlebt, da\u00df nicht einzusehen ist, warum sie mit dem Kapitalismus untergehen wird. Befreiung der Frauen mu\u00df also nicht nur \u00dcberwindung des Kapitalismus, sondern auch die der autorit\u00e4r-patriarchalischen Strukturen in der Gesellschaft hei\u00dfen. Dieser Aspekt wird und wurde in allen Fraktionen der Sozialistischer Bewegung verleugnet. Das zeigt sich nicht nur in der Theorie, sondern auch im praktischen Verhalten in den auf Emanzipation zielenden Organisationen, in der m\u00e4nnliche Dominanz ungebrochen ist.&#148; Wie konsequent verkn\u00fcpft mit den autorit\u00e4r patriarchalischen Strukturen die sexuelle Verkr\u00fcppelung der Frauen zu Lustobjekten m\u00e4nnlicher Potenz-Idiosynkasien wurde, geh\u00f6rt zu den einschneidendsten Erkenntnissen und Erfahrungen der aufbegehrenden Pionierinnen der &#132;Zweiten Emanzipationsphase&#148; in den westlichen Industriestaaten.\u00a0 Sie schlagen sich in kaum noch aufz\u00e4hlbaren Protestschriften, mehr oder wenigei dickleibigen B\u00fcchern, kurz: vom Pamphlet bis zur Dissertation reichend, nieder.<br \/>In diesem Zusammenhang registriert Monika Seifert in ihren &#132;Nachbemerkungen&#148; zu Bebels Kapitel &#132;Die Frau als Geschlechtswesen&#148;, daf auch die sozialistische Theorie und Praxis die repressive (m\u00e4nnliche) Sexualmoral nicht aufhob Obwohl Bebel auch der Frau &#132;die Befriedigung der nat\u00fcrlichen Triebe&#148; &#151; ja \u00fcberhaupt deren Vorhandensein &#151; in einer f\u00fcr seine Zeitgenossen schockierenden Vorurteilslosigkeit zugestand, bewirkte die Sozialistische Bewegung doch nicht mehr als eine Liberalisierung es Sexualverhaltens ganz allgemein. Monika Seifert r\u00e4umt ein, da\u00df dies nicht nur an der imgrunde lustfeindlichen sozialistischen Theorie liegt. Sie gibt zu bedenken: D1e gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse zwingen die M\u00e4nner, &#132;. sich im Dienste der kapitalistischen Produktion zu funktionalisieren, was auf ihr Sexualverhalten zur\u00fcckschl\u00e4gt: Ihre Sexualit\u00e4t funktioniert, entbehrt aber der extrafunktionalen Beigaben. Gef\u00fchle, Z\u00e4rtlichkeit und Sinnlichkeit k\u00f6nnen sich gegen Anpassung an Maschinen und Leistungsprinzip nur schwer erhalten &#8230;&#148; Doch dieser das Verh\u00e4ltnis zwischen den Geschlechtern belastende Tatbestand sollte Sozialisten heute veranlassen, ihn zu reflektieren und ihn nicht als private Problematik abzutun, deren Diskussion vom politischen Handeln ablenke. Sie fordert dazu auf, die sozialistische Theorie mit erfahrenem Leben im pers\u00f6nlichstem Bereich aufzuf\u00fcllen und beklagt aus sensibilisierter weiblicher Sicht: &#132;da\u00df nicht eingesehen wird, da\u00df nicht bearbeitete private Probleme auf \u00f6ffentliche politische Arbeit wirken k\u00f6nnen: einmal, da\u00df man nicht gen\u00fcgend Energie frei hat, um \u00fcberhaupt politisch arbeiten zu k\u00f6nnen, oder aber unbewu\u00dft die privaten (Nicht)-Konfliktl\u00f6sungen, wie Dominanz des einen Partners \u00fcber den anderen, Verleugnen, Verdr\u00e4ngen oder Herunterspielen, auch auf \u00f6ffentliche Konflikte anwendet oder da\u00df man Erwartungen, die in privaten Beziehungen nicht erf\u00fcllt werden, an die Organisation stellt und dann z B aus Angst vor Liebesverlust einen abweichenden Standpunkt oder eine unpopul\u00e4re Idee nicht vertritt&#148;.<br \/>Hier argumentiert, wenn man das so sagen darf, die politische Psychologin, die wei\u00df, da\u00df gesellschaftliche Repression und sexuelle nicht identisch sein m\u00fcssen und da\u00df weder die sexuelle Befreiung der Frau die Revolution einschlie\u00dft, noch die sozialistische Revolution auch die sexuelle verb\u00fcrgt. Monika Seifert k\u00e4mpft, wenn auch im Tenor behutsam und nachdenklich abw\u00e4gend, gegen zwei Fronten: gegen die klassische sozialistische Doktrin, pervertiert im &#132;Marx-Fetischismus&#148;, und gegen den radikalen Feminismus, der von der \u00dcberwindung des Sexismus, den er als brutalen Machismo anprangert, die konfliktfreie Gesellschaft erwartet.<br \/>Im Nachwort wird noch einmal der Hinweis auf den Mangel in der sozialistischen Theorie aufgenommen, den Marx selbst bedauerte, und der daf\u00fcr mitverantwortlich ist, da\u00df zwischen Theorie und Praxis jener Leerraum klafft, der die Frauenbefreiung stagnieren lie\u00df &#151;: das Fehlen einer der \u00f6konomischen gleichwertigen Analyse des subjektiven Lebens in der repressiven Gesellschaft. (Bekanntlich wurde Wilhelm Reich, der sie in den Zwanziger Jahren versuchte, verh\u00f6hnt.) Mit ihm einher ging und geht der Verzicht auf ein aus den Erfahrungen der Sozialpsychologie gespeistes Erziehungskonzept. Zumindest in der Bundesrepublik wurde ein solches erst im Zuge der anti-autorit\u00e4ren Bewegung, eine breitere \u00d6ffentlichkeit ansprechend, entwickelt.<br \/>Die Kompensation, ideologisch ausgerichtete Kinder- und Jugendgruppen zu schaffen, konnte nach Monika Seifert diese folgenschwere Aussparung nicht wettmachen, weil Kinder erst mit dem zehnten Lebensjahr (also zu sp\u00e4t) in die Gruppen, in denen sie Solidarit\u00e4t erlernen sollten, aufgenommen wurden. Ihr Pl\u00e4doyer gilt daher der &#132;Politisierung&#148; der Mutter-Kind-, der Vater-Kind-, der Eltern-Kind-Beziehung mit dem Ziel der Aufhebung der &#132;Herrschaft der Menschen \u00fcber Menschen&#148;. Nur wenn diese Art problematisierender Politisierung im Privatbereich den Kampf gegen \u00f6konomische Zw\u00e4nge in der kapitalistischen Leistungsgesellschaft begleite und unterst\u00fctze, habe Bebels Utopie, in der der Anti-Feminismus \u00fcberwunden sein werde, Aussicht auf Konkretisierung.<\/p>\n<p><i>August Bebel: Die Frau und der Sozialismus (1879). Bearbeitet und kommentiert von Monika Seifert. Fackeltr\u00e4ger-Verlag, Hannover 1974, 26 DM.<\/i><\/p>\n<p>Amerkungen:<\/p>\n<p>1 Gestrichen wurde das Kapitel &#132;Bev\u00f6lkerungsfragen und Sozialismus&#148;; gek\u00fcrzt wurden die Kapitel &#132;Staat und Gesellschaft&#148; und &#132;Die Frau in der Gegenwart&#148; und an anderen Stellen.<br \/>2 Beispielsweise Shulamith Firestones Deutung des Rassismus in den USA.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2020],"publikationen":[856],"class_list":["post-11409","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-charlotte-maack","publikationen-856"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>August Bebels \u201eDie Frau und der Sozialismus\u0094 \u0096 ein aktueller Klassiker - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/16\/publikation\/august-bebels-die-frau-und-der-sozialismus-ein-aktueller-klassiker\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"August Bebels \u201eDie Frau und der Sozialismus\u0094 \u0096 ein aktueller Klassiker - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Zu Monika Seiferts kommentierter Neuausgabe aus: vorg\u00e4nge Nr. 16 (Heft 4\/1975), S. 26-29 Monika Seifert hat eine kommentierte Neuauflage von August Bebels Emanzipations-Bibel verfa\u00dft und herausgegeben. 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