{"id":11432,"date":"1970-10-18T14:12:00","date_gmt":"1970-10-18T13:12:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/bericht-ueber-einen-kongress-in-senegal\/"},"modified":"1970-10-18T12:00:00","modified_gmt":"1970-10-18T11:00:00","slug":"bericht-ueber-einen-kongress-in-senegal","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/10-1970-vorgaenge\/publikation\/bericht-ueber-einen-kongress-in-senegal\/","title":{"rendered":"Bericht \u00fcber einen Kongre\u00df in Senegal"},"content":{"rendered":"<p>Vorg\u00e4nge 10\/1970, S. 353-354<\/p>\n<p>Vom 27. Juli bis zum 4. August fand in der Universit\u00e4t von Dakar (Senegal) ein internationaler Kongre\u00df \u00fcber laizistische Erziehung statt. Veranstalter war die Internationale Liga f\u00fcr Erziehung und Volksbildung mit Sitz in Paris, deren korporatives westdeutsches Mitglied die HU ist. An dem Kongre\u00df nahmen etwa 300-350 Delegierte aus rund 40 L\u00e4ndern Europas, Afrikas und S\u00fcdamerikas teil. Aus der BRD kamen drei Teilnehmer, darunter wir beide als offizielle Repr\u00e4sentanten der Humanistischen Union.<br \/>Der Kongre\u00df verlief in einer spannungsgeladenen politischen Atmosph\u00e4re, obwohl er von den Veranstaltern und der gastgebenden senegalesischen Liga so problemlos und apolitisch wie m\u00f6glich geplant war. Die drei vorgesehenen Hauptvortr\u00e4ge mu\u00dften verlesen werden, da die Autoren nicht erschienen waren. Es war nicht schade drum, da der Inhalt der Vortr\u00e4ge kaum berichtenswert war. Bereits die Themaformulierung zweier Referate l\u00e4\u00dft das naive und ideologische Niveau ahnen. Der l\u00fctticher Professor M. Clausse handelte \u00fcber eine k\u00fcnftige universelle Zivilisation (&#8222;Vers une civilisation de l&#8217;universel&#8220;), wobei &#8211; ausgerechnet in einem Land der Dritten Welt &#8211; alle sozialen Strukturprobleme im Sinne der Konvergenzideologie ausgeklammert blieben. Das Referat des kongolesischen Schulrats F. Vuendy machte sich bereits im Titel kapitalistische Reklamespr\u00fcche zu eigen: &#8222;La Jeunesse dans un monde sans cesse plus jeune &#8211; Die Jugend in einer immer jugendlicheren Welt&#8220;. Der luxemburgische Delegierte Marius de Sterio nannte das Referat treffend in popul\u00e4rem Franz\u00f6sisch &#8222;du caca&#8220;-:Schei\u00dfe Auch der Vortrag des venezolanischen Volkshochschuldirektors \u00fcber &#8222;Erziehung und Entwicklung&#8220; kam \u00fcber Abstraktionen nicht hinaus.<br \/>Die politischen Spannungen, die fast zu einem Platzen des Kongresses gef\u00fchrt h\u00e4tten, erwuchsen nicht aus den d\u00fcrftigen Referaten, sondern daraus, da\u00df einige europ\u00e4ische Delegierte auf die Widerspr\u00fcchlichkeiten des Kon-gre\u00df hinwiesen und nicht gewillt waren, sich von den Autorit\u00e4ten der senegalesischen und auch der internationalen Liga ein-sch\u00fcchtern zu lassen.<br \/>Von Anfang bis Ende der Tagung prangte \u00fcber der Rednertrib\u00fcne der Satz des franz\u00f6sischen Philosophen Alain &#8222;L&#8217;amour de la liberte suppose une haute id\u00e9e de l&#8217;homme&#8220; (Die Freiheitssliebe setzt ein hohes Bild vom Menschen voraus). Auch Ministerpr\u00e4sident Abdou Diouf, der anstelle des verreisten Staatspr\u00e4sidenten Leopold S. Senghor erschienen war, sagte in der Er\u00f6ffnungssitzung: &#8222;Nous acceptons la contestation comme un \u00e9l\u00e9ment n\u00e9cessaire au dialogue&#8220; (Wir akzeptieren den Protest, die Demonstration als ein notwendiges Element im Dialog). Aber w\u00e4hrend Abdou Diouf dies proklamierte, war das Kongre\u00dfgeb\u00e4ude von bewaffneten Soldaten umstellt, die kurz zuvor friedliche senegalesische Studenten mit Brachialgewalt daran gehindert hatten, kritische Flugbl\u00e4tter zu verteilen. Zwar wurden die Soldaten\u00a0&#8211; nicht zuletzt wegen unseres energischen Protests\u00a0&#8211; am folgenden Tag abgezogen, dennoch fand der Kongre\u00df bis zum Schlu\u00df in Anwesenheit von Geheimpolizisten statt, von denen einige, wie wir verschiedentlich h\u00f6rten, Mitglieder der senegalesischen Liga waren.<br \/>Was war im einzelnen vorgefallen?<br \/>Am Vorabend der Er\u00f6ffnungssitzung hatte die senegalesische Liga f\u00fcr die ausl\u00e4ndischen Delegationen auf einem Sportplatz der Universit\u00e4t eine folkloristische Show mit Lagerfeuer organisiert. Nach dem Programm sollten T\u00e4nze, Ges\u00e4nge, Tam-tam (Trommeln) vorgef\u00fchrt werden. Kurz vor Beginn gingen linke senegalesische Studenten durch die Zuschauerreihen und verteilten Flugbl\u00e4tter, in denen das Regime Senghor als neo-kolonialistisch, antidemokratisch und antinational angegriffen wurde. Die snegalesische Liga sei ein willf\u00e4hriges Instrument dieses Regimes, namentlich seitdem der korrupte Doudou Coulibaly ihr Vorsitzender sei. Gegen Ende der dritten Programm-Nummer liefen Studenten zum Lagerfeuer und zogen die Holzscheite auseinander. Einer von ihnen erkl\u00e4rte ihre Aktion in einer kurzen Ansprache: Das folkloristische Tam-tam sei eine Mystifikation, die die internationalen G\u00e4ste von den wahren Problemen des Senegal ablenken solle.<br \/>\u00dcber die studentischen Vorw\u00fcrfe wurde leider nicht auf dem Sportplatz \u00f6ffentlich diskutiert, weil die Repr\u00e4sentanten der internationalen Liga die ausl\u00e4ndischen G\u00e4ste sofort zum Verlassen des Platzes aufforderten. Wir wollten doch nicht in eine Schl\u00e4gerei hineingezogen werden, au\u00dferdem beobachte uns die Geheimpolizei. Einzelne italienische, englische, luxemburgische und franz\u00f6sische Delegierte und wir blieben jedoch und lie\u00dfen uns von den Studenten \u00fcber die politische Position der senegalesischen Liga informieren. Charakteristisch f\u00fcr ihre antidemokratische Politik sei, da\u00df sie &#8211; regierungsh\u00f6rig &#8211; einem Sch\u00fcler-und Lehrerstreik in den R\u00fccken gefallen sei.<br \/>Am folgenden Tag wurde der Kongre\u00df unter Soldatenschutz er\u00f6ffnet. Studentische Flugbl\u00e4tter wurden konfisziert, w\u00e4hrend die senegalesische Liga ungehindert eine &#8222;mise au point&#8220; (Richtigstellung) verteilen konnte. Darin wurden die Studenten als &#8222;miserables robots, t\u00e9l\u00e9guid\u00e9s de 1&#8217;\u00e9tranger&#8220; (elende Roboter, aus dem Ausland ferngesteuert) beschimpft und als &#8222;quelques jeunes irresponsables&#8220;, als einige verantwortungslose Jugendliche abgetan. Ihre Vorw\u00fcrfe wurden mit keinem Wort zu entkr\u00e4ften versucht.<\/p>\n<p>Nach der Er\u00f6ffnungssitzung tagte auf Antrag der italienischen Delegation der Conseil G\u00e9n\u00e9ral der internationalen Liga, in den jede nationale Delegation maximal f\u00fcnf stimmberechtigte Mitglieder entsenden konnte. Nach heftigen Diskussionen solidarisierte sich dieses Gremium &#8211; einzig gegen unsere beiden Stimmen &#8211; mit der senegalesischen Liga und billigte die Anwesenheit der Soldaten. Unser beider Antrag, den Studenten auf dem Kongre\u00df Rederecht zu gew\u00e4hren und offen \u00fcber alle Vorw\u00fcrfe zu debattieren, wurde nieder-gestimmt. Der vermittelnde Vorschlag eines luxemburgischen Delegierten, die senegalesische Liga m\u00f6ge eine Dokumentation \u00fcber ihre Position bei dem Sch\u00fcler- und Lehrer-streik vorlegen, wurde nicht befolgt. Als Scheinargument wurde uns vorgehalten, wir mischten uns in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staates ein.<br \/>Seit jener Sitzung des Conseil g\u00e9n\u00e9ral waren wir der senegalesischen Liga ein Dorn im Auge. Am Abend tagte die Jugendkommission, in der mehrheitlich eine offene Diskussion \u00fcber die Vorw\u00fcrfe der Studenten vor dem Kongre\u00df gefordert wurde. Die Forderung wurde nicht erf\u00fcllt. Daraufhin veranstalteten die senegalesischen Studenten ihrerseits ein Teach-in, zu dem die Kongre\u00dfteilnehmer eingeladen wurden. Dieses Teach-in mit etwa zweitausend Teilnehmern war von gro\u00dfer Disziplin gekennzeichnet. Die Studenten , trugen erneut ihre Angriffe gegen das Senghor-Regime und die senegalesische Liga vor. Jedoch war die Liga nicht erschienen, so da\u00df die internationalen G\u00e4ste den Eindruck gewinnen mu\u00dften, sie k\u00f6nne sich nicht verteidigen gegen die studentischen Argumente.<br \/>Der H\u00f6hepunkt der Auseinandersetzungen war erreicht, als wir beide anl\u00e4\u00dflich der Diskussion \u00fcber das Jugendreferat von der Rednertrib\u00fcne des Kongresses aus das Verhalten der senegalesischen und internationalen Liga angriffen. Wir wiesen darauf hin, da\u00df hier nicht einmal das demokratische Minimum erf\u00fcllt werde, das die Statuten der internationalen Liga sowie die Gesch\u00e4ftsordnung des Kongresses vors\u00e4hen.<br \/>Nach unserer Intervention antwortete der Vorsitzende der senegalesischen Liga, Doudou Coulibaly, in einer leidenschaftlichen Hetztirade. Wir seien Neokolonialisten und Faschisten, die sich in die inneren Probleme ihres Landes einmischten. Gerade als Deutsche h\u00e4tten wir dazu kein Recht, h\u00e4tten wir doch selber genug Probleme\u00a0&#8211; etwa die Mauer in Berlin. Wenn uns etwas nicht passe, sollten wir das Land verlassen. Die Mehrzahl der afrikanischen Zuh\u00f6rer klaschte begeistert Bei-fall. Mehrere europ\u00e4ische Sprecher (u.a. der Chef der franz\u00f6sischen Delegation) nahmen uns in den folgenden Reden in Schutz. Wie wir sp\u00e4ter erfuhren, beantragte die senegalesische Liga an jenem Tag beim Innenministerium unsere sofortige Ausweisung, die jedoch abgelehnt wurde\u00a0&#8211; wohl aus Angst vor einem internationalen Eklat. Am n\u00e4chsten Morgen wurde uns eine deutschsprechende senegalesische Hoste\u00df geschickt. Sie sollte uns einerseits vers\u00f6hnen, andererseits aushorchen nach unseren politischen Ansichten (z.B. \u00fcber Daniel Cohn-Bendit und den Sohn Willy Brandts).<br \/>Coulibalys Rede verst\u00e4rkte bei mehreren ausl\u00e4ndischen Kongre\u00dfteilnehmern das Unbehagen an der Situation im Senegal und besonders an der senegalesischen Liga. In privaten Gespr\u00e4chen \u00e4u\u00dferten vor allem italienische Delegierte den Plan, den Ausschlu\u00df der senegalesischen Liga aus der internationalen Liga zu fordern. Da\u00df allerdings auch in der internationalen Liga nicht alles zum Besten steht, sollten wir erneut bei der letzten Versammlung des Conseil g\u00e9n\u00e9ral feststellen k\u00f6nnen. Bei den Neuwahlen f\u00fcr s\u00e4mtliche \u00c4mter hatte der bisherige Vorstand eine zehn Namen (den bisherigen Vorstand) umfassende Liste vorgeschlagen, \u00fcber die ohne jede Diskussion als Block abgestimmt werden sollte. Als wir dies kritisierten und zun\u00e4chst eine Diskussion, auch \u00fcber personelle Alternativen, sowie eine Einzelabstimmung forderten, wurden wir wieder niedergestimmt.<br \/>Die Humanistische Union mu\u00df sich \u00fcberlegen, wie sie sich weiterhin gegen\u00fcber der Internationalen Liga verhalten soll.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2032],"publikationen":[2855],"class_list":["post-11432","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-annegret-und-joachim-kahl","publikationen-10-1970-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Bericht \u00fcber einen Kongre\u00df in Senegal - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/10-1970-vorgaenge\/publikation\/bericht-ueber-einen-kongress-in-senegal\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Bericht \u00fcber einen Kongre\u00df in Senegal - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Vorg\u00e4nge 10\/1970, S. 353-354 Vom 27. 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