{"id":11438,"date":"2019-04-01T21:00:00","date_gmt":"2019-04-01T19:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-arbeit-helga-einseles-fuer-die-humanisierung-des-strafvollzugs\/"},"modified":"2019-04-01T12:00:00","modified_gmt":"2019-04-01T10:00:00","slug":"die-arbeit-helga-einseles-fuer-die-humanisierung-des-strafvollzugs","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/6-1969\/publikation\/die-arbeit-helga-einseles-fuer-die-humanisierung-des-strafvollzugs\/","title":{"rendered":"Die Arbeit Helga Einseles f\u00fcr die Humanisierung des Strafvollzugs"},"content":{"rendered":"<p>Versuch einer kritischen W\u00fcrdigung<\/p>\n<p>Aus: vorg\u00e4nge Heft 6\/1969, S. 217-219<\/p>\n<p>Man kann <i>Helga Einseles<\/i> m\u00fchselige Praxis f\u00fcr die humanisierende Liquidierung des Strafvollzuges nicht darstellen, ohne den ganzen Menschen, und das hei\u00dft, die Entwicklung des politischen Menschen <i>Helga Einsele<\/i> zu w\u00fcrdigen. Wie nur selten ist in ihrem Bewusstsein die Anstrengung einer kritisch-resozialisierenden Arbeit mit dem inhaftierten Gesetzesbrecher verbunden mit einem politischen Sozialismus, mit dem sie sich auch dann offen und selbstlos identifizierte, wenn diese Haltung nicht auf breite Akklamation hoffen konnte.<\/p>\n<p><i>Helga Einsele<\/i>, geb. Hackmann, entstammt der bildungsb\u00fcrgerlichen Schicht, die heute kaum noch als quantitativ gewichtige abgrenzbare Gruppe auszumachen ist. Beide Elternteile, westf\u00e4lischer Abstammung, setzten eine p\u00e4dagogische Familientradition fort. Dem Vater standen sowohl eine wissenschaftliche Laufbahn als Altphilologe und Historiker wie eine schulpraktische Karriere offen. Er entschied sich f\u00fcr die Schule. Aus seiner T\u00e4tigkeit an den Franckeschen Stiftungen in Halle\/Saale wurde er durch den Kriegsdienst 1914 herausgerissen. In diesen Krieg ging er als patriotischer Konservativer. Als kritischer, linksb\u00fcrgerlich orientierter Politiker kam er zur\u00fcck. Noch vor Kriegsende \u00fcbernahm er die Leitung eines Gymnasiums in Torgau. Nach einigen Jahren wurde er zur Leitung einer &#8211; in Norddeutschland bekannten &#8211; gymnasialen Doppelanstalt nach L\u00fcneburg berufen. Politisch engagierte er sich in der damaligen linksb\u00fcrgerlichen Demokratischen Partei, in der er auch Leitungsfunktionen \u00fcbernahm.<\/p>\n<p>Die kritische, linksliberale, tolerante Atmosph\u00e4re ihres Elternhauses, in einer Zeit hochgradiger politischer Mobilisierung aller sozialen Schichten, hat sehr fr\u00fch das Denken von <i>Helga Einsele <\/i>gepr\u00e4gt. Das wurde. umso mehr gef\u00f6rdert, als die besonders konservativ-reaktion\u00e4re Haltung des B\u00fcrgertums in den norddeutschen Mittelst\u00e4dten (zwischen den Kriegen und noch heute sp\u00fcrbar) ihr schon in der Schulzeit die alternative Entscheidung zu Anpassung oder zu kritischer Opposition aufzwang. Gewisse Reformideen gegen\u00fcber den autorit\u00e4ren Zivilisationsph\u00e4nomenen der wilhelminisch-b\u00fcrgerlichen Tradition hatte <i>Helga Einsele <\/i>zun\u00e4chst in Verbindung mit der Jugendbewegung gebracht. Mit dem Gro\u00dfteil des B\u00fcrgertums vollzog jedoch die Hauptstr\u00f6mung gerade der norddeutschen Jugendbewegung die endg\u00fcltige Wendung zum irrationalen, v\u00f6lkischen Denken. In der damit notwendigen Differenzierung und Aufl\u00f6sung der Jugendbewegung wandte sich <i>Helga Einsele <\/i>mehr und mehr nach links. Nach langen inneren Konflikten (wie sie selbst sagte) trat sie als Studentin, 19j\u00e4hrig, in die SPD ein.<\/p>\n<p>Das Studium der Rechtswissenschaft w\u00e4hlte sie &#8211; wie zwei Jahre sp\u00e4ter ihre j\u00fcngere Schwester, heute Leiterin des Hessischen Landesjugendamtes &#8211; schon damals mit der Absicht einer sp\u00e4teren sozialpolitischen T\u00e4tigkeit.<\/p>\n<p>Nach Anfangssemestern in K\u00f6nigsberg und Breslau studierte sie in Heidelberg, wohin sie die Lehrt\u00e4tigkeit <i>Gustav Radbruchs\u00a0 <\/i>zog, des letzten gro\u00dfen deutschen b\u00fcrgerlichen Rechtsphilosophen und Rechtswissenschaftlers, der sich der Sozialdemokratie und dem Sozialismus zugewandt hatte. Von ihm war sie schon literarisch durch seine &#132;Kulturlehre des Sozialismus&#8220;, seine &#132;Einf\u00fchrung in die Rechtswissenschaft&#8220; und seine &#132;Rechtsphilosophie&#8220; beeindruckt worden.<\/p>\n<p>Der junge Naturwissenschaftler Wilhelm Einsele hatte von der Columbia-Universit\u00e4t in New York einen zweij\u00e4hrigen Forschungsauftrag bekommen. Mit ihm ging sie in die USA und arbeitete dort an einer von <i>Radbruch<\/i> inaugurierten Dissertation \u00fcber Probleme des amerikanischen Strafprozesses. Wer damals, wie die Einseles, bewu\u00dft in den Stadtteil Harlem zog, den mu\u00dfte der akute Anblick der allgemeinen Krisenhaftigkeit des Kapitalismus, des Elends der Massenarbeitslosigkeit und der sozialen Diskriminierung von Negern, Italienern und Juden politisch weiter nach links treiben. Hinzu kamen die immer katastrophaleren Nachrichten aus Deutschland, wohin die Einseles erst Ende 1932 zur\u00fcckkehrten.<\/p>\n<p>Die \u00f6konomische Krise, die immer gewaltigere Treibsandbewegung des Faschismus und die l\u00e4hmende Unf\u00e4higkeit der kleinm\u00fctigen und kleinb\u00fcrgerlichen, anpassungsbeflissenen Sozialdemokratie, der Katastrophe Einhalt zu gebieten, diese Entwicklung dr\u00e4ngte damals wie heute die linken Intellektuellen zum Votum f\u00fcr eine revolution\u00e4re, sozialistische L\u00f6sung der damals akuten, den Massen bewu\u00dften, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Krise, die f\u00fcr die Massen lebensbedrohlich geworden war.<\/p>\n<p>Im engsten Umkreis f\u00fchrte der Machtantritt des grausam-methodischen Wahnsinns dazu, da\u00df der Vater trotz seines p\u00e4dagogischen Rufs entlassen und die Schwester, von gleicher linker Gesinnung, von der Universit\u00e4t relegiert wurde. Radbruch wurde entlassen und mu\u00dfte schweigen, Wilhelm Einsele, dem seine Lehrer hohe produktive wissenschaftliche Qualifikation zusprachen, konnte an der Universit\u00e4t nicht weiter arbeiten. <i>Helga Einsele<\/i>, wegen des Namenswechsels und der sp\u00e4ten R\u00fcckkehr aus den USA in Heidelberg nicht mehr allzu bekannt, konnte ihr Staatsexamen unter strenger Kontrolle der NS-Studentenschaft noch ablegen, wurde aber, da aus der voramerikanischen Zeit als Sozialdemokratin und Studentenvertreterin des Sozialistischen Studentenbundes im ASTA noch in Erinnerung, anschlie\u00dfend aus der juristischen Berufslaufbahn ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Die Einseles vergruben sich in kleinen Orten S\u00fcddeutschlands und sp\u00e4ter \u00d6sterreichs, wo es wenigstens, wenn auch schlecht bezahlte naturwissenschaftliche Forschungsarbeit gab. Nach dem Kriege als Experte in \u00d6sterreich geblieben, leitete Wilhelm Einsele bis zu seinem Tode ein hydrochemisches und -biologisches Lehr- und Forschungsinstitut, in dem er wissenschaftlichen Ruf \u00fcber Europa hinaus erlangt hatte.<\/p>\n<p><i>Helga Einsele <\/i>kam Ende 1947 nach Deutschland zur\u00fcck, weil sie &#8211; wie viele Deutsche damals &#8211; glaubte, am Wiederaufbau mit den ihr eigenen Gaben mitarbeiten zu m\u00fcssen. Auf Vorschlag <i>Radbruchs<\/i> bewarb sie sich um die Leitung der hessischen Frauenstrafanstalt, weil sich hier offenbar sozialreformerische mit allgemein-politischen Anliegen verbinden lie\u00dfen. 1950 fand sie in der organisatorischen Mitarbeit in einem Freundes- und F\u00f6rdererkreis f\u00fcr den Sozialistischen Studentenbund und etwas sp\u00e4ter innerhalb der Sozialdemokratischen Partei auch ein politisches Bet\u00e4tigungsfeld. 1961 allerdings wurde sie mit dem Studentenverband und dem Kreis der &#132;Sozialistischen F\u00f6rderergesellschaft&#8220; aus der SPD ausgeschlossen, nachdem bereits vorher wegen der Unterst\u00fctzung der Ostermarschbewegung ein Parteiverfahren gegen sie eingeleitet und eine Bundestagskandidatur aufgehoben worden war. Angesichts der Entwicklung der sozialistischen Studentenbewegung hat sich diese Entscheidung, sich aus der SPD ausschlie\u00dfen zu lassen, wohl eher als realpolitisch erwiesen als der Rat vieler &#132;Linker&#8220; in der SPD, sich taktisch der Unterwerfungsaufforderung zu beugen. Der seit 1958 einsetzende Aufbruch sozialistischen Bewu\u00dftseins an den Universit\u00e4ten w\u00e4re vielleicht entscheidend geschw\u00e4cht worden, h\u00e4tte man den jungen sozialistischen Studenten damals diesen moralischen Bruch zugemutet.<\/p>\n<p>Obwohl ihr sozialistischer Nonkonformismus so zu einem Bruch mit dem &#132;Establishment&#8220; f\u00fchrte und ihre Arbeitsm\u00f6glichkeiten h\u00e4tte belasten k\u00f6nnen, suchte <i>Helga Einsele <\/i>mit intensiver Anstrengung gegen\u00fcber Unzul\u00e4nglichkeiten und Hemmnissen ihrer selbstgesetzten, prim\u00e4ren Aufgabe gerecht zu werden, nicht einen besseren Strafvollzug, sondern etwas, das besser ist als Strafvollzug zu schaffen. Nach <i>Radbruch hat <\/i>&#132;das Strafrecht sein gutes Gewissen verloren&#8230;; wie sollte es sich sein gutes Gewissen auch wohl wahren k\u00f6nnen in einer klassenm\u00e4\u00dfig geschichteten Gesellschaft, in der noch das gerechteste Strafrecht immer nur ein relativ gerechtes Strafrecht sein kann, in der die Gerechtigkeit und Gleichheit des Strafrechts unentrinnbar von jener Art ist, wie sie <i>Anatole France <\/i>kennzeichnet: &#132;Das Gesetz in seiner majest\u00e4tischen Gleichheit verbietet dem Reichen wie dem Armen unter den Br\u00fccken zu schlafen, auf den Stra\u00dfen zu betteln und Brot zu stehlen&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>F\u00fcr eine rechtswissenschaftliche Tradition, die noch immer eigenartig-metaphysisch im Strafrecht mit der Kategorie der Tatvergeltung operierte, um danach die Strafzumessung mit der Rechenhaftigkeit von Warentauschbeziehungen einzurichten, war es ein unerh\u00f6rter Bruch, wenn <i>Radbruch<\/i> kritische Gef\u00e4ngniskunde betrieb: &#132;&#8230;aber vermag die Strafe, insbesondere die Freiheitsstrafe&#8230; der Erziehung, der Resozialisierung \u00fcberhaupt zu dienen? &#8230;Es bleibt der Zweifel, ob nicht Freiheitsstrafe ihrem Wesen nach f\u00fcr den Erziehungszweck ungeeignet ist. Gef\u00e4ngnisbauten, diese Zwingburgen f\u00fcr lauter pr\u00e4sumptive Ausbrecher, Beh\u00e4lter, die dem Gefangenen auf Schritt und Tritt Mi\u00dftrauen bekunden, sind Hindernisse f\u00fcr eine Erziehung, die nur in einer Atmosph\u00e4re des Vertrauens gedeihen kann&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Wer, wie <i>Helga Einsele,<\/i> in einer noch immer &#132;klassenm\u00e4\u00dfig geschichteten Gesellschaft&#8220; eine freiheitsberaubende staatliche Haftanstalt leitet, dazu in Deutschland unter dem Druck der legalen S\u00fchne-Ideologie und der Rachebed\u00fcrfnisse der Gesellschaft, wer au\u00dferdem weitgehend bar der Mittel ist, die heute selbst b\u00fcrgerlich humanisierende Einsicht oder rationales Kalk\u00fcl in liberalen kapitalistischen Industriestaaten f\u00fcr den Strafvollzug haben (Schweden, Holland), der wird gerade in j\u00fcngster Zeit mit der Frage konfrontiert, wie man als Sozialist \u00fcberhaupt eine solche Funktion wahrnehmen k\u00f6nne. Die neue linke sozialistische Bewegung der Studenten in ihrem antiautorit\u00e4ren Selbstverst\u00e4ndnis etwa sieht in den Insassen der Haftanstalten eine doppelt unterdr\u00fcckte, entrechtete Gruppe: einmal im individuellen Schicksal, das zum staatlich verordneten Freiheitsentzug f\u00fchrte, und dann wegen der Art dieses Entzuges und seiner bedr\u00fcckenden Begleitumst\u00e4nde: sie sind beidemal Opfer der Gesellschaft! Diese &#132;unterdr\u00fcckte&#8220; Gruppe soll deshalb &#8211; mangels eines anderen aktivierbaren gesellschaftlichen Subjekts der Revolution &#8211; besonders empf\u00e4nglich sein f\u00fcr eine Agitation, die sie zur antiautorit\u00e4ren Auflehnung bis hin zur offenen H\u00e4ftlingsrevolte f\u00fchren soll.<\/p>\n<p><i>Radbruch<\/i> hatte im Freiheitsentzug mittels geschlossener Anstalten dort ein legitimes Mittel gesehen, wo der Schutz der Gesellschaft vor gef\u00e4hrlichen Wiederholungst\u00e4tern nicht anders zu leisten ist. Unter dem leitenden Gesichtspunkt des Schutzes der Gesellschaft, dem <i>Radbruch<\/i> neben dem der Achtung der W\u00fcrde und damit der Freiheit des Einzelmenschen Beachtung zu schenken hatte, konnte er freiheitsentziehende Anstalten dort f\u00fcr legitim halten, wo diese von ihrer dinglichen Ausstattung und rechtspolitischen Intention her mittels p\u00e4dagogischer Eingriffe in die psychische Disposition des Inhaftierten Sozialisationsvorg\u00e4nge nachholen konnten, die unter allen sozialen Ordnungen zu leisten sind, die \u00fcberhaupt erst die humane Natur des Menschen konstituieren k\u00f6nnten, die jedoch nicht zuletzt durch die Schuld der Gesellschaft dem Inhaftierten bisher nicht m\u00f6glich gemacht waren.<\/p>\n<p>Unter solchen Gesichtspunkten schrieb <i>Radbruch<\/i>: &#132;Zwar wissen wir, wie eine moderne Strafanstalt auszusehen h\u00e4tte&#8230; Pavillonsystem, Einzelh\u00e4user f\u00fcr sorgf\u00e4ltig gesichtete Erziehungsgruppen, m\u00f6glichste Unsichtbarmachung der Freiheitsbeschr\u00e4nkung, keine Festungsmauern und keine Gitterfenster, feste H\u00e4user nach Art der heutigen Gef\u00e4ngnisse nur f\u00fcr die kleine Zahl der wirklichen Ausbrecher&#8230; Woher (jedoch) die Menschen (nehmen) zur Arbeit an den Gefangenen? Denn f\u00fcr den Strafvollzug gen\u00fcgt nicht das Pflichtbewu\u00dftsein t\u00fcchtiger Versorgungsanw\u00e4rter. Er fordert wahrhaft m\u00f6nchische Hingabe und Entsagung, fast den Verzicht auf jedes Eigenleben um des Lebens in der Gefangenengemeinschaft willen&#8230; und es geh\u00f6rt zu einem wirksamen Vollzug der Freiheitsstrafe eine Gesamtgesellschaft, die ihm Verst\u00e4ndnis entgegenbringt&#8230;&#8220; Das bis heute mangelnde Verst\u00e4ndnis der Parteien, Parlamente und Regierungen an einem p\u00e4dagogisch bestimmten Freiheitsentzug und damit an durchgreifenden Reformen und noch mehr Investitionen aber reproduziert nur das mangelnde Verst\u00e4ndnis dieser Gesamtgesellschaft, obwohl es nach den proklamierten Maximen angeblich &#132;um den Menschen geht&#8220;, der &#132;im Mittelpunkt steht&#8220;.<\/p>\n<p><i>Helga Einsele<\/i> war bereit, Radbruchs Programm realisieren zu helfen und dabei strapazierende pers\u00f6nliche Anstrengungen auf sich zu nehmen. Trotzdem wird sie zugestehen, da\u00df sie vielleicht vor der zerm\u00fcrbenden, vielfach frustrierenden und nun 20j\u00e4hrigen Belastung zur\u00fcckgeschreckt w\u00e4re, h\u00e4tte sie deren ganzes bisher erlebtes Ausma\u00df gekannt, als sie ihren Beruf w\u00e4hlte.<\/p>\n<p>Sie fand und findet noch immer vor: miserable materielle Bedingungen, alte H\u00e4user, primitive Einrichtungen, Mangel an speziell qualifiziertem Personal, starre, mehr auf Repression denn auf Edukation zielende Vorschriften, die oft nur dadurch f\u00fcr die Humanisierung durchl\u00e4ssig gemacht werden k\u00f6nnen, da\u00df sie so extensiv menschlich wie gerade noch legal interpretierbar angewendet werden. Bewu\u00dfte und regelm\u00e4\u00dfige \u00dcberschreitung aber w\u00fcrde mit b\u00fcrokratischer Zwangsl\u00e4ufigkeit zur Liquidierung ihrer Arbeit f\u00fchren. 12- bis 14st\u00fcndige Arbeite-. tage und Aufopferung der meisten Wochenenden sind f\u00fcr Helga Einsele die Konsequenz dieser M\u00e4ngel. Das ist der Einsatz f\u00fcr die fehlenden Bedingungen f\u00fcr einen humanisierbaren, p\u00e4dagogisch intendierten Freiheitsentzug, der hohen pers\u00f6nlichen Einsatz aller Mitarbeiter verlangt.<\/p>\n<p>Die Mittel? Kollegiale Teamarbeit und Vertrauenswerbung bei den Gefangenen. Das hochgradig autorit\u00e4re System des Strafvollzuges konnte nur dadurch gelockert werden, da\u00df Mitarbeiter und Gefangene &#8211; jenseits der vom Gesetz und anderen Vorschriften auferlegten Arbeitszw\u00e4nge &#8211; vor allem im pers\u00f6nlichen Kontakt der p\u00e4dagogisch gerichteten Einwirkung zusammenarbeiteten. <i>Helga Einseles <\/i>Ziel ist es heute vor allem, legalen Raum f\u00fcr weitgehende Selbstverwaltung im Rahmen des Erziehungsvollzuges zu schaffen, der sich auf humane Autonomie der Inhaftierten richtet. Dem dienen auch ihre Vortr\u00e4ge und literarischen Arbeiten, die sie nebenher absolviert.<\/p>\n<p>Mangels ausreichender psychoanalytischer, psychotherapeutischer und psychiatrischer Kr\u00e4fte richtete sie mit ihren Mitarbeitern die Vollzugspraxis darauf aus, auf die pers\u00f6nlichen Probleme der Gefangenen in intensiven Einzelgespr\u00e4chen, berufsausbildenden und musisch wie intellektuell fortbildenden Unterricht einzugehen, weitgehend \u00fcbrigens mit Hilfe ehrenamtlicher Kr\u00e4fte und auf Versuche, psychologisch-analysierende Gruppentherapie neben gruppenp\u00e4dagogischer Zusammenarbeit der Gefangenen zu entwickeln. Beides zu Zeiten, als dergleichen in deutschen Haftanstalten noch un\u00fcblich war. Die Gefangenen schlie\u00dflich lie\u00df sie mitbestimmen \u00fcber die individuellen und gruppendynamisch orientierten Programme; au\u00dferdem setzte sie die Einrichtung eines eigenen S\u00e4uglings- und Kinderheims durch, das der Sozialisation der gefangenen M\u00fctter und deren zumeist vaterlosen Kindern dient. Schlie\u00dflich betrieb sie die Weiterbetreuung der Gefangenen bei und auch noch nach der Entlassung.<\/p>\n<p><i>Helga Einsele<\/i> erkl\u00e4rt oft, wieviel ihr bei dieser Bem\u00fchung die innere Verbindung zu einem Vorgesetzten wie <i>Fritz Bauer <\/i>bedeutet hat, dem sie sich in den Auffassungen verbunden f\u00fchlt und der jederzeit zu einem Gespr\u00e4ch \u00fcber die Probleme einzelner Gefangener bereit sei.<\/p>\n<p>Man darf bezweifeln, ob <i>Radbruch<\/i> &#8211; weniger als <i>Fritz Bauer <\/i>&#8211; sich schon des fundamentalen Antagonismus des Erziehungsstrafvollzuges ganz klarwerden konnte, der in einer &#132;klassenm\u00e4\u00dfig geschichteten&#8220; Warentauschgesellschaft privater Eigent\u00fcmer besteht. Die Erziehung mu\u00df den Gefangenen notwendig an eine Gesellschaft anpassen, die doch im Verst\u00e4ndnis von <i>Gustav Radbruch <\/i>und <i>Helga Einsele<\/i> abzulehnen und zu ver\u00e4ndern ist. Gerade auch unter dem Einflu\u00df der Frankfurter Schule der kritischen Sozialtheorie ist sich <i>Helga Einsele <\/i>der gleichzeitigen Reproduktion von unn\u00f6tiger Herrschaft klargeworden, die heute notwendig jeden Sozialisationsproze\u00df begleitet.<\/p>\n<p>Sie hat leider nie die Zeit finden k\u00f6nnen, eine b\u00fcndige, wenn auch konfliktreich vollzugspraktikable dialektische Theorie des Erziehungsvollzugs zu entwerfen, die ihren eigenen intellektuellen Anspr\u00fcchen gen\u00fcgt, indem sie eine tendenzielle L\u00f6sung dieses Antagonismus aufzeigt. Gleichwohl reflektiert sie dieses Problem seit Jahren und besonders seit der politischen &#132;Mobilisierungsstrategie&#8220; sozialistischer Studenten, die auf die Opposition der Gefangenen als Ansatzpunkt allgemeiner politischer Revolutionierungsprozesse zielt.<\/p>\n<p><i>Helga Einseles <\/i>p\u00e4dagogisches Grundprinzip l\u00e4\u00dft sich (im Sinne der Frankfurter Schule) wohl als das der kritischen Aufkl\u00e4rung begrifflich fixieren. Die psychologische Aufhellung der Umst\u00e4nde, die die psychische Disposition der Gefangenen bedingt haben, hat darin ebenso ihre heilende und zugleich sensibilisierende Funktion wie die Perspektive einer humanen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Einer unvermittelten antiautorit\u00e4ren Auflehnungsstrategie setzt <i>Helga Einsele <\/i>jedoch ihre erfahrungstr\u00e4chtige Skepsis in bezug auf ihr humanes Ziel entgegen, eine Skepsis, die von denen geteilt wird, die als Sozialisten <i>lehrend<\/i> oder auch als politische Gefangene l\u00e4ngere Zeit unter Gefangenen <i>politisierend<\/i> zu wirken versucht haben.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2034],"publikationen":[857],"class_list":["post-11438","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-heinz-brakemeier","publikationen-6-1969"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Arbeit Helga Einseles f\u00fcr die Humanisierung des Strafvollzugs - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/6-1969\/publikation\/die-arbeit-helga-einseles-fuer-die-humanisierung-des-strafvollzugs\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Arbeit Helga Einseles f\u00fcr die Humanisierung des Strafvollzugs - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Versuch einer kritischen W\u00fcrdigung Aus: vorg\u00e4nge Heft 6\/1969, S. 217-219 Man kann Helga Einseles m\u00fchselige Praxis f\u00fcr die humanisierende Liquidierung des Strafvollzuges nicht darstellen, ohne den ganzen Menschen, und das hei\u00dft, die Entwicklung des politischen Menschen Helga Einsele zu w\u00fcrdigen. 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