{"id":11491,"date":"2016-01-04T12:16:00","date_gmt":"2016-01-04T11:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/recht-und-empathie\/"},"modified":"2016-01-04T12:00:00","modified_gmt":"2016-01-04T11:00:00","slug":"recht-und-empathie","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/212-vorgaenge\/publikation\/recht-und-empathie\/","title":{"rendered":"Recht und Empathie"},"content":{"rendered":"<p>In: vorg\u00e4nge 212 (4\/2015), S. 132-133<\/p>\n<p>Tatjana Ansbach: Fremd. Storkow: Edition M\u00e4rkische LebensArt, 2015, ISBN 978-3-943614-09-1, 134 Seiten, 9,50 &#128;.<\/p>\n<p>Flucht, Migration, Zuwanderung waren zweifellos die Themen des Jahres 2015. Integration &#8211; diese wichtige T\u00e4tigkeit, die in Psychiatrie und Behindertenhilfe mit Erfindung der Inklusion ins Abseits gestellt wurde, bekommt einen neuen, guten Klang. Ob das einsetzende Umdenken in Politik und Gesellschaft die behauptete historische Dimension annimmt, muss erst noch bewiesen werden.<br \/>Die vorliegende Textsammlung ist entstanden, bevor die Wir-Schaffen-Das-Bundeskanzlerin sich an die Spitze einer Bewegung setzte, die ohnehin nicht mehr aufzuhalten war. Die Geschichten wurden aufgeschrieben, bevor irgend jemand in dieser gro\u00dfen Koalition sich daf\u00fcr interessierte, wie &#132;Das&#147; denn zu schaffen w\u00e4re, wenn man wirklich etwas schaffen wollte. Geschrieben auch, bevor die Organe der Marktwirtschaft den volkswirtschaftlichen Nutzen, ja sogar die unumg\u00e4ngliche Notwendigkeit der Zuwanderung verk\u00fcndeten; und bevor das Bundesamt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge und die Bundesagentur f\u00fcr Arbeit unter einheitliche Leitung gestellt wurden &#8230;<br \/>Dieses Buch ist gerade deshalb so aktuell, weil es ein paar Tage \u00e4lter ist als die Idee, Integration zur Staatsr\u00e4son zu machen. Es legt v\u00f6llig unaufgeregt den Finger in die Wunden, an denen unser verkorkstes Asyl- und Ausl\u00e4nderrecht leidet. Es ist eine hervorragende to-do-Liste der gesetzgeberischen Aufgaben, die vor der Regierung liegen, wenn sie wirklich Geschichte schreiben will.<br \/>In 15 abgeschlossenen Texten stellt Tatjana Ansbach menschliche Schicksale vor, die &#132;das Leben geschrieben&#147; hat &#150; das Leben in Form von Krieg, B\u00fcrgerkrieg, epochaler Umw\u00e4lzung, famili\u00e4rer oder individueller Entscheidung &#150; und nicht zuletzt in Gestalt unseres stellenweise absurd-aberwitzigen deutschen Asyl- und Ausl\u00e4nderrechts. Kann man \u00fcberhaupt erz\u00e4hlen, wie sich Abschiebung anf\u00fchlt f\u00fcr den Betroffenen? Wie ein Mensch nach durchlittener Folter das &#132;Interview&#147; des Amts-Entscheiders erlebt? Was die sch\u00e4ndliche Kriegswaffe Vergewaltigung anrichtet?<br \/>Ansbach schreibt mit dem Fachwissen einer promovierten Juristin, Spezialgebiete V\u00f6lkerrecht und Menschenrechte, und mit 15-j\u00e4hriger Erfahrung als Rechtsanw\u00e4ltin f\u00fcr Ausl\u00e4nder- und Asylrecht. Vor allem aber schreibt sie mit kompromisslos humanit\u00e4rer Parteilichkeit &#150; und mit gro\u00dfem Respekt vor ihren Protagonisten. Sie nimmt die Perspektiven unterschiedlichster Menschen ein &#8211; eines russischen Deserteurs, eines slowakischen M\u00e4dchens, eines tschetschenischen Familienvaters. Stets schaut sie durch die Augen der &#132;Fremden&#147; auf das befremdliche System, das wir bereithalten &#150; vorgeblich zum Schutz Verfolgter konstruiert, tats\u00e4chlich oft als undurchdringliche Mauer gegen die Menschen stehend. <br \/>&#132;Deines Bruders H\u00fcter&#147; in der Mitte des Buches ist wohl die Schl\u00fcsselgeschichte: Karl Altmann, deutscher Staatsb\u00fcrger, Christ, ist langj\u00e4hrig ehrenamtlich als Sch\u00f6ffe am Landgericht t\u00e4tig. W\u00e4hrend eines aufw\u00e4ndigen Verfahrens gegen vermeintliche Schleuser kommen ihm zunehmend Zweifel an den geltenden Gesetzen. Die Angeklagten haben einige Angeh\u00f6rige bei deren Flucht vor wiederkehrender Folter unterst\u00fctzt. Nach christlicher Ethik ist das t\u00e4tige N\u00e4chstenliebe. Nach herrschendem Recht ist es illegale Beihilfe zum Grenz\u00fcbertritt. Das Urteil f\u00e4llt gegen die Angeklagten, gegen Altmanns Minderheitsvotum. Er bringt die unterschiedlichen Ma\u00dfst\u00e4be nicht mehr in Einklang und l\u00e4sst sich folgerichtig vom Sch\u00f6ffenamt entbinden.<br \/>Tatjana Ansbach, Jahrgang 1948, hat bis zum Eintritt ins Rentenalter viele Jahre als Anw\u00e4ltin f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge und Asylsuchende gearbeitet. Die f\u00fcnfzehn Geschichten beruhen auf tats\u00e4chlichen F\u00e4llen aus ihrer Praxis. Durch die sprachliche Aufbereitung gelingt es ihr hervorragend, Widerspr\u00fcche und Unzul\u00e4nglichkeiten unseres &#132;Rechtsstaates&#147; erlebbar zu machen in ihren Auswirkungen auf die oder den Einzelnen. Dabei sind die Inhalt dramatisch genug, sie kann konsequent auf rethorische Steigerungen verzichten. Was \u00fcber das Erz\u00e4hlte hinaus zu erl\u00e4utern ist, platziert sie in kurzen Nachbemerkungen, aus denen dann gelegentlich doch ihre Beteiligung, ihre Wut hervorblitzen.<br \/>&#132;Fremd&#147; ist, jenseits des allgegenw\u00e4rtigen medialen Durcheinanders der Migrations &#8211; Berichterstattung, eine Chance auf nachhaltigen Erkenntniszuwachs. Ich w\u00fcnsche mir das Buch in den Schulunterricht &#150; Deutsch, Politik, Religion, Lebenskunde. F\u00fcr sozialpsychiatrisch Denkende enth\u00e4lt es einige wunderbare Beispiele sprachlich vermittelter Empathie. Nicht zuletzt empfehle ich PolitikerInnen und JuristInnen die Lekt\u00fcre. Die 29. Auflage der Beck-Texte &#132;Ausl\u00e4nderrecht&#147; enth\u00e4lt, verteilt \u00fcber 17 Einzelnormen auf 674 Seiten, nach wie vor die rechtlichen und tats\u00e4chlichen Probleme, die Frau Dr. Ansbach eindr\u00fccklich herausgearbeitet hat.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[791,667],"autoren":[2053],"publikationen":[1085],"class_list":["post-11491","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-rezension","tag-vorgaenge-artikel","autoren-martin-osinski","publikationen-212-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Recht und Empathie - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/212-vorgaenge\/publikation\/recht-und-empathie\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Recht und Empathie - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"In: vorg\u00e4nge 212 (4\/2015), S. 132-133 Tatjana Ansbach: Fremd. 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