{"id":11589,"date":"2015-02-01T23:00:00","date_gmt":"2015-02-01T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/politik-mit-den-mitteln-des-strafrechts\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:52","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:52","slug":"politik-mit-den-mitteln-des-strafrechts","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/206-207\/publikation\/politik-mit-den-mitteln-des-strafrechts\/","title":{"rendered":"Politik mit den Mitteln des Strafrechts"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 206\/207 (Heft 2-3\/2014), S. 99-101<\/p>\n<p><i>Internationale Liga f&uuml;r Menschenrechte &amp; Digitalcourage (Hrsg.), Spionage ad&eacute;. Massen&uuml;berwachung und globale Datenspionage: Wir erstatten Strafanzeige gegen Bundesregierung und Geheimdienste. Verlag Art d&#8217;Ameublement, Berlin\/Bielefeld 2014, <br \/>150 Seiten, 8.- &#8364;.<br \/>ISBN 978-3-934636-14-9<\/i><\/p>\n<p>In der Auseinandersetzung um &Uuml;berwachungsfragen zeigt sich seit Jahren eine zunehmende Verrechtlichung politischer Debatten, wie auch umgekehrt eine Politisierung von Recht. Immer wieder klagen Opposition und zivilgesellschaftliche Gruppen ihre Schutzanspr&uuml;che gegen&uuml;ber staatlichen Gesetzen oder Praktiken ein. Die Verfahren gegen die Online-Durchsuchung von Computern, gegen die Vorratsspeicherung von Kommunikationsdaten oder den elektronischen Einkommensnachweis ELENA haben zweifellos dazu beigetragen, dass die damit verbundenen Datenschutz-Probleme eine st&auml;rkere &ouml;ffentliche Aufmerksamkeit erhielten. Die Gerichte sollten dar&uuml;ber befinden, wie weit die Privatsph&auml;re angesichts der zunehmenden Digitalisierung &ouml;ffentlicher Verwaltungsabl&auml;ufe zu sch&uuml;tzen sei, allen voran bei neuen Befugnissen f&uuml;r Polizei und Geheimdienste. Auch wenn sich einige Hoffnungen auf einen gerichtlich gest&auml;rkten Datenschutz nicht erf&uuml;llten[1], gab es auch b&uuml;rgerrechtliche Erfolge zu verbuchen.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund ist die gemeinsam von der Internationalen Liga f&uuml;r Menschenrechte und dem Verein Digitalcourage herausgegebene Brosch&uuml;re zu sehen. Sie dokumentiert eine gemeinsame Strafanzeige beim Generalbundesanwalt, die die beiden Herausgeber zusammen mit dem Chaos Computer Club gegen Mitglieder der deutschen Bundesregierung und leitende Mitarbeiter_innen der Geheimdienste wegen ihrer mutma&szlig;lichen Beteiligungen an den &Uuml;berwachungsma&szlig;nahmen der NSA und anderer ausl&auml;ndischer Dienste erstattet haben. F&uuml;r die Strafanzeige wurde um &ouml;ffentliche Unterst&uuml;tzung geworben, ihr schlossen sich nach Angabe der Initiatoren fast 3.000 Personen an. Mit der Massenanzeige wurde der bisherige Pfad von Massenbeschwerden verlassen, die sich meist um Rechtsschutz f&uuml;r die Betroffenen m&uuml;hten.<\/p>\n<p>Doch zum Inhalt des Bandes: Den Auftakt bildet ein Essay des Bremer Rechtsanwalts und Publizisten Rolf G&ouml;ssner, ausgewiesener Experte in Sachen Geheimdienste und selbst jahrzehntelanges &#8222;Beobachtungsobjekt&#8220; des Verfassungsschutzes. Er geht auf die Einbindung Deutschlands in die US-amerikanische Sicherheitsarchitektur, die Beteiligung deutscher Beh&ouml;rden an den &Uuml;berwachungsma&szlig;nahmen und die neue Dimension der globalen, verdachtsunabh&auml;ngigen Kontrolle des Kommunikationsverhaltens ein. Im Kern zielten diese Bem&uuml;hungen auf eine informationelle Vorherrschaft zur &#8222;Sicherung politischer, &ouml;konomischer und milit&auml;rstrategischer (Hegemonial-)Interessen&#8220; der Vereinigten Staaten in einer zunehmend von asymmetrischen Konflikten gepr&auml;gten Welt. Dagegen verweist G&ouml;ssner auf den notwendigen Schutz der informationellen Selbstbestimmung und die Integrit&auml;t von IT-Systemen, auf die moderne demokratische Gesellschaften notwendig angewiesen sind. Wenn abweichende Meinungen und Interessen sofort observiert werden, sind Meinungsfreiheit und Pluralit&auml;t in Gefahr &#8211; das mag man gern unterschreiben.<\/p>\n<p>Den Hauptteil der Brosch&uuml;re macht der mit 64&nbsp;Seiten sehr umfangreiche Schriftsatz der gemeinsamen Strafanzeige aus, die die Herausgeber_innen am 3.&nbsp;Februar 2014 beim Generalbundesanwalt gestellt haben. Die gute Nachricht vorweg: Die juristische Begr&uuml;ndung von Strafanzeigen geh&ouml;rt sicher nicht zu der Art von Literatur, f&uuml;r die sich ein gr&ouml;&szlig;eres Publikum interessiert. Im vorliegenden Fall braucht sich jedoch niemand abschrecken zu lassen, der Text ist auch f&uuml;r Nicht-Jurist_innen gut verst&auml;ndlich und nachvollziehbar. Die Anzeige enth&auml;lt noch einmal ausf&uuml;hrliche Darstellungen zu den allgemeinen Dimensionen und Auswirkungen der digitalen Massen&uuml;berwachung sowie den politischen wie medialen Reaktionen auf die Enth&uuml;llungen Edward Snowdens.<\/p>\n<p>Es folgt die Darstellung des strittigen Sachverhalts. Dabei werden in weiten Passagen Medienberichte, Wikipedia- und Literatur-Ausz&uuml;ge referiert, in denen von den Aussp&auml;hungen durch NSA, GCHQ und der mutma&szlig;lichen Kooperation mit deutschen Stellen die Rede ist. Die Zusammenstellung ist irritierend, denn es werden verschiedenste Aktivit&auml;ten der Geheimdienste (Abh&ouml;rprogramme, Datentransfers, Infiltrationen), gemeinsame Datenbanken, kooperierende Firmen, bauliche Gegebenheiten und gemeinsam unterhaltene Objekte bunt aneinander gereiht. Zudem sind die Textausz&uuml;ge sehr umfangreich und enthalten auch viel Prosa. Nur ein Beispiel: &#8222;Der Linken-Abgeordnete Jan Korte ist mit den Antworten [der Bundesregierung] nicht zufrieden &#8230;&#8220; (S.&nbsp;90) Daf&uuml;r hat Jan Korte sicher gute Gr&uuml;nde &#8211; als Bestandteil einer Strafanzeige irritieren solche Passagen, denn f&uuml;r derartige Meinungen und Wertungen sind Strafverfolgungsbeh&ouml;rden (gl&uuml;cklicherweise) nicht zust&auml;ndig.<\/p>\n<p>Nach einer kurzen W&uuml;rdigung der grund- und menschenrechtlichen Schutzbereiche werden die strafrechtlich relevanten Tatverdachtsmerkmale gegen die einzelnen Beschuldigten er&ouml;rtert und mit den gegebenen gesetzlichen Bestimmungen zur geheimdienstlichen Zusammenarbeit abgeglichen. Diese Ausf&uuml;hrungen im Einzelnen juristisch zu bewerten, ist hier nicht m&ouml;glich. Wie sich der Generalbundesanwalt zu der Anzeige verhalten hat, ist bekannt. [2]<br \/>F&uuml;nf Pressemitteilungen der an der Strafanzeige beteiligten Organisationen und Rechtsanw&auml;lte (Schultz &amp; F&ouml;rster aus Berlin), Textausz&uuml;ge aus Medienberichten zur Strafanzeige sowie eine mehrseitige Auflistung von Medienbeitr&auml;gen (deren Mehrwert f&uuml;r den\/die Leser_in nicht ganz ersichtlich ist) runden den Band ab.<\/p>\n<p>Die Brosch&uuml;re dokumentiert ein sehr engagiertes Vorhaben, darin liegt ihr Wert. Neueinsteiger_innen und junge Menschen, die sich an den jetzt ver&ouml;ffentlichten Machenschaften von NSA und Co. politisieren, werden darin sicher manche neuen Zusammenh&auml;nge erkennen. F&uuml;r jene, die sich schon l&auml;nger mit dem Thema Geheimdienste besch&auml;ftigen oder die auf sachliche Informationen &uuml;ber den NSA-Skandal aus sind, bietet die Brosch&uuml;re dagegen wenig Neues.<\/p>\n<p><i>Sven L&uuml;ders<\/i><\/p>\n<p>[1] S. beispielhaft den Beitrag von Pl&ouml;se in diesem Heft.<\/p>\n<p>[2] &#8222;Generalbundesanwalt zu &#8218;Cyberspionage&#8216; und &#8218;Kanzlerin-Handy&#8216;, Pressemitteilung 17\/ 2014 des GBA vom 4.6.2014, abrufbar unter <a href=\"https:\/\/www.generalbundesanwalt.de\/de\/showpress.php?newsid=506&amp;themenid=16\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.generalbundesanwalt.de\/de\/showpress.php?themenid=16&amp;newsid=506<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[791,667],"autoren":[139],"publikationen":[1443],"class_list":["post-11589","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-rezension","tag-vorgaenge-artikel","autoren-sven-lueders","publikationen-206-207"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Politik mit den Mitteln des Strafrechts - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/206-207\/publikation\/politik-mit-den-mitteln-des-strafrechts\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Politik mit den Mitteln des Strafrechts - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg&auml;nge Nr. 206\/207 (Heft 2-3\/2014), S. 99-101 Internationale Liga f&uuml;r Menschenrechte &amp; Digitalcourage (Hrsg.), Spionage ad&eacute;. 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